Monteverdi: "Il Ritorno d´Ulisse in Patria" - Theater an der Wien, 07.09.2012

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    • Monteverdi: "Il Ritorno d´Ulisse in Patria" - Theater an der Wien, 07.09.2012

      Nach der erfolgreichen Inszenierung von Monteverdis „L`Orfeo“ in der vergangenen Spielzeit, setzte nun das „Theater an der Wien“ seinen Monteverdi-Zyklus mit „Il Ritorno d`Ulisse in Patria“ fort. Es inszenierte wieder Claus Guth, am Dirigentenpult stand nun – nach Ivor Bolton beim „Orfeo“ – Christophe Rousset, im Graben haben die Musikerinnen und Musiker von „Les Talens lyrique“ Platz genommen.

      20 Jahre war Odysseus im Krieg, während seine Gemahlin Penelope zu Hause auf seine Rückkehr wartet. Jeder Versuch anderer Freier die Treue der Penelope zu erschüttern, scheitert. Als dann der solang Erwartete endlich nach Hause kommt, glaubt Penelope erst, dass wirklich Odysseus vor ihr steht, als dieser ein Detail aus dem ehelichen Schlafzimmer, das nur der Gatte selbst kennen kann, korrekt beschreibt.

      Claus Guth, der Regisseur mit dem glücklichen Händchen für die menschlichen Abgründe, für die psychologisch punktgenauen Ausdeutungen der Stücke, die er inszeniert, interessiert sich beim „Ulisse“ besonders für die Frage, wie der Krieg die Menschen deformiert, wie die Erfahrung des Krieges, die Soldaten auch dann noch verfolgt, wenn sie wieder zu Hause sind und was eigentlich mit einem Ehepaar passiert, das über einen so langen Zeitraum getrennt war. Ist denn der Mensch, der da plötzlich wieder zurückgekommen ist, noch der gleiche, der einstmals wegging? Hat eine Beziehung mit einer solchen Vergangenheit noch eine Zukunft?

      Ausstatter Christian Schmidt hat sehr noble, holzgetäfelte Räume auf die Drehbühne im „Theater an der Wien“ bauen lassen, neben Wohnräumen auch eine Bar, die mit ihren hohen Türen und Fenstern eine merkwürdige Eingeschlossenheit suggerieren. Bevor die Handlung einsetzt, zeigt Guth im Prolog die menschliche Zerbrechlichkeit als Spielball gespensterhaft weisser Götter. Die Zeit, die Liebe und das Schicksal treten im Zuschauerraum auf, die menschliche Zerbrechlichkeit kümmert sich vor einem weissen Vorhang auf der Bühne um einen fast nackten, verwundeten Soldaten.

      Bei Guth ist Odysseus schon wieder zu Hause angekommen. Er steht am Morgen des Tages (es ist sehenswert, wie Guth die Handlung des „Ulisse“ an einem einzigen Tag, imaginiert durch die verschiedenen Kostüme für die Tageszeiten, spielen lässt) mit einem Kaffee und im Anzug an einem Fenster, bevor Penelope den Raum betritt. Allerdings ist Odysseus gedanklich noch immer ein Gefangener seiner Kriegserfahrung. Immer wieder schieben sich in den grossbürgerlichen Raum Kriegsbilder mit Verwundeten oder Toten, immer wieder phantasiert Odysseus sich in eine Vergangenheit zurück, die seine Psyche verändert hat.

      Folgerichtig sind die Götter im Stück mit übergrossen Gespenstermasken ausgestattet, die sie als Militärs kennzeichnen. Es sind die Generäle und Offiziere, die über das Schicksal der Soldaten befinden. Sie sind an die Stelle der alten Götter getreten. Eine Wanderin zwischen den Welten der Geister und Menschen ist Minerva, jene Göttin, die Odysseus unterstützt. Sie zeigt sich im Gespensterweis und im Blau einer Luftwaffenangehörigen. Minerva verkleidet Odysseus nicht als Bettler, sondern als Soldat. So tritt er seinem Sohn Telemaco, dem Gärtner Eumete oder den Freiern, sowie Penelope gegenüber. Mit einer Waffe in der Hand – auch das ist sehr genau beobachtet, denkt man an die Traumata von Kriegsheimkehrern – schrammt Odysseus mehrfach am Selbstmord vorbei.

      Bemerkenswert, dass Claus Guth am Ende, dem Paar Penelope und Odysseus zumindest die Möglichkeit lässt, in eine positive Zukunft zu gehen. Noch einmal ziehen die Bilder der Handlung auf der Drehbühne vorbei, Rückblick auf Vergangenes, dann verbrennt Odysseus seine Soldatenuniform und zögernd tasten sich die Hände des Ehepaars aneinander heran.

      Claus Guth gelingt eine eher leise, durch viele Details überzeugende Inszenierung mit einer hervorragend abgestimmten Personenführung, düsterer, als man das beim „Ulisse“ erwarten würde, die heiteren Momente der Handlung bleiben im Hintergrund, teilweise beklemmend und mit Bildern, die bleiben.

      Christophe Rousset geht mit grosser Ruhe an das Stück heran, weniger mit ausgefeilter oder zugespitzter Rhythmik. Es entstehen wunderbar stimmungsvolle, warmgetönte Szenen, die von den „Talens lyrique“ mit gewohnter musikalischer Eloquenz gestaltet werden.

      Gesungen wird sehr unterschiedlich. Bei Delphine Galou als Penelope dauert es, bis die Mezzosopranistin mit ihrer nicht ganz ebenmässigen Stimme in den Abend findet und Bariton Garry Magee als Odysseus tut sich mit mancher Passage genauso schwer wie mit vielen der Verzierungen. Wie es besser geht, zeigt vor allem Tenor Marcel Beekman als Eumete. Die Stimme sitzt, die Verzierungen kommen mit Leichtigkeit, erwähnenswert, wie souverän der Sänger die Stimme durch die Register führt und auch vor Höhenausflügen nicht zurückschrecken muss.

      Freundlicher Beifall des Premierenpublikums, in den auch ein erleichtert wirkender Claus Guth ohne Widerspruch mit aufgenommen wurde.
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