Lachenmann: "Das Mädchen mit den Schwefelhölzern" - Deutsche Oper Berlin, 15.09.2012

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    • Lachenmann: "Das Mädchen mit den Schwefelhölzern" - Deutsche Oper Berlin, 15.09.2012

      Fällt der Blick auf das Geburtsjahr des Komponisten Helmut Lachenmann (1935), fragt man sich einen Moment lang unwillkürlich, ob es wirklich sein kann, dass einer der vielleicht sperrigsten und interessantesten Komponisten unserer Zeit doch schon 77 Jahre alt ist. Aber es passt schon: der Nono-Schüler Lachenmann gehörte zu jenen Komponisten, die in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts versucht haben, völlig neue Wege zu gehen. Die damals "jungen Wilden" haben die klassische Schule genauso verlassen, wie sie die formale Strenge der Serialisten weiterentwickelten – alles wurde in der Musik für grundsätzlich möglich erklärt, Grenzen dabei gezielt überschritten. Letztendlich gehörte auch die Erweiterung des Orchesters um Alltagsgegenstände oder die Ausdehnung der Spieltechniken für die bekannten Instrumente zu diesen Grenzüberschreitungen, Geräusche wurden Bestanteil der Musikstücke, die Singstimme wurde nicht nur sprechend, sondern auch lautmalerisch oder ebenfalls als Geräuschproduzent eingesetzt. Ein Komponist wie Lachenmann hat also all das hinter sich gelassen, was unter „Tradition“ subsummiert werden könnte und versucht, sich der Musik neu und unvorbelastet zu nähern.

      Verhältnismässig spät wandte sich Helmut Lachenmann der Oper zu. In den Jahren 1988 bis 1996 arbeitete er an dem Werk „Das Mädchen mit den Schweflehölzern“, das allerdings nicht als „Oper“, sondern als „Musik mit Bildern“ bezeichnet wurde, wobei gleichermassen gilt, dass die Musik selbst Bilder, Gefühle oder sogar Temperaturen beschreibt. Es ist die Musik, die vielfältige Assoziationen freisetzt, die Bilder entstehen lässt und Freiräume schafft, die ganz unterschiedliche Interpretationen oder szenische Entwürfe ermöglicht.

      Drei Texte amalgiert Lachenmann in seinem grossformatigen Werk: einmal das titelgebende Andersen-Märchen, dann einen Text der RAF-Terroristin Gudrun Ensslin und zuletzt eine Geschichte von Leonardo da Vinci. So, wie die Musik bei Lachenmann quasi aufgebrochen wird, werden auch die Texte nicht „erzählend“ präsentiert. Die Sprache wird in letzter Konsequenz in ihre einzelnen Silben, in Laute zerlegt, Konsonanten werden überbetont, Silben neu zusammengesetzt, Passagen werden solistisch vorgetragen oder chorisch gehechelt, gezischt oder geflüstert.

      Das Andersen-Märchen bildet so etwas wie den äusseren Rahmen des Stückes. In der Sylvesternacht versucht ein armes Mädchen Streichhölzer zu verkaufen, es verliert seine Schuhe, es friert, niemand kümmert sich um die Kleine. Weil ihr so kalt ist, zündet sie ein Streichholz nach dem anderen an – erscheinen ihr doch beim Entflammen der Zündhölzer tröstliche Bilder: ein Ofen, ein Kaufladen, ein Weihnachtsbaum und zuletzt die verstorbene Grossmutter, mit der das Mädchen in den Himmel zu fliegen glaubt. Am nächsten Morgen wird die Kleine erfroren in einem Strassenwinkel gefunden.

      Ein anderes Mädchen mit Streichhölzern ergänzt die Geschichte. Im Jahr 1968 brennen in Frankfurt die Kaufhäuser – mit dabei die Pfarrerstochter Gudrun Ensslin. Es ist der Beginn der „Roten Armee Fraktion“, die versuchen wird, die gesellschaftlichen Verhältnisse mit Gewalt zu verändern. „entweder du vernichtest dich selbst oder du vernichtest andere, entweder tot oder egoist“ schreibt die Ensslin 1973 in Stammheim.

      Der dritte Text im „Mädchen mit den Schwefelhölzern“ stammt von Leonardo da Vinci: ein Wanderer sitzt vor einer Höhle und kämpft einerseits mit der Furcht vor der Dunkelheit in der Höhle und andererseits mit der Neugier darauf, was die Höhle wohl verbergen könnte.

      Wenn auch das Märchen von Hans-Christian Andersen den zweistündigen Abend über immer erkennbar bleibt, kann von einer linearen Erzählung keine Rede sein. Die Musik schafft vielfältige Klangräume zwischen völliger Stille, liegenden, elektronischen Tönen und Schlagwerkgewittern, sie erzählt das Märchen, aber beschreibt auch Kälte und Vereinzelung der Menschen in einer Gesellschaft heutigen Zuschnitts. Der Chor, aufgeteilt in 4 Quartette mit jeweils vier Frauen- und Männerstimmen, zittert mit der Stimme und reibt die Hände, imaginiert mit Styroporklötzen das Anreissen der Streichhölzer, benutzt die Wangen als Schlaginstrument, erzeugt sphärische Klänge mit Gläsern, atmet hastig und stossweise, wirft Wortfragmente ein und singt dabei auch immer wieder – ja, doch – berückend.

      Das Orchester verteilt sich im ganzen Raum, hinter den Parkettreihen, auf den Rängen, auf dem komplett hochgefahrenen und in den Zuschauerraum verlängerten Orchestergraben – der ganze Raum wird Klang, das Publikum sitzt inmitten von Geräuschen und Musik, es wird selbst zum Resonanzkörper, zum Beteiligten der Aufführung. Irritierend die Endlosschleifen der elektonischen Töne, beeindruckend die ungewohnten Klänge, wenn Instrumente, wie z. B. die Blechbläser, nicht die Töne produzieren, die erwartet werden, merkwürdig berührend, wenn kleinste Melodiefragmente der Holzbläser im Raum hörbar werden.

      Wenn das Mädchen in fremde Fenster schaut, dringen winzige Klangfetzen, live und vom Tonband, herein: Radiotöne und Schlagermusik und als Zitat Stücke von z. B. Mahler, Strawinsky oder Boulez.

      Richtige Rollen gibt es im „Mädchen“ nicht, die Gesangspartie verteilt sich auf zwei Solosoprane, die – wie der Chor – stark gefordert werden, wenn es um die Klangproduktion geht. Das gewohnteste sind da noch die ins stratosphärische getriebenen Spitzentöne gegen Ende des Stückes.

      Regisseur David Hermann und sein Bühnen- und Kostümbildner Christof Hetzer haben eine Art marodes Wohnhaus auf die Bühne der Bismarckstrassenoper gewuchtet, dessen Zentrum ein Zimmer mit einem Flügel bildet, in dem sich die beiden Solosoprane aufhalten. Darüber gibt es eine balkonartige Freifläche, daneben ein Zimmer in dem ein Mann („Der Cineast“) lebt und auf dem Dachboden ist eine Werkstatt voller chemischer Geräte erkennbar. Alle diese Räume sind geschlossen, man kann aus ihnen nicht entkommen, einzig ein Schachtsystem verbindet die Stockwerke.

      Durch diese Schächte kriecht ein Mädchen, das auf einen Mann trifft, der ebenfalls in den Schächten unterwegs ist (Ahmed Soura) – sofort entsteht eine Situation voller Gewalt. Das Mädchen wird es bis in das Dachgeschoss schaffen – offensichtlich baut es dort oben Bomben.

      Rätselhafter zeigt sich „Der Cineast“(Steffen Scheumann). Er schaut sich ein Video an, in dem sich eine in einem schwarz-rot-goldenem Badeanzug auftretende Frau (Jennie Gerdes) entweder selbst tötet oder von ihm getötet wird. Diese Frau liegt zuerst in einem Regal in der Cineasten-Wohnung, bevor sie zu einem geisterhaften Leben erweckt wird.

      Die beiden Sängerinnen im Hauptzimmer des Hauses lesen in einem Buch, das gleichzeitig Partitur und Märchenbuch zu sein scheint. Ihre Körpersprache drückt einmal freundliche Zuversicht, dann wieder Verzweiflung aus, während ihre sprachlichen und sängerischen Exaltationen ihre Aktionen unterstützen. Ein „nasser Onkel“ (Benjamin Block) kommt aus dem Nichts hinzu, er hat leere Sektflaschen und Feuerwerk, sowie Konfetti mitgebracht, es ist Sylvester. So, wie er aufgetaucht ist, verschwindet er auch wieder.

      Auf dem Balkon begegnet das Mädchen aus dem Schacht, das nun in einem weissen Kleid steckt, der toten Grossmutter (Florian Bilbao). In einer langen, filmisch unterstützten Sequenz scheint das Mädchen tatsächlich zu den Sternen hinauf zu fliegen.

      Das ganze Haus stirbt nun langsam – eine grosse Ruhe entsteht. Die ungewohnt-geheimnisvollen Klänge einer alten, japanischen Mundorgel, Sho, begleiten die Szene. Die Musikerin, die dieses Instrument spielt, hat im Zimmer der beiden Mädchen rechts vorne Platz genommen, in ihrem grünen Kleid mit den langen roten Haaren, sieht sie für eine ganz kurzen Moment Gudrun Ensslin etwas ähnlich. Wenn die Grossmutter das tote Mädchen, das nicht zu den Sternen geflogen ist, in ein Grab bettet, geht die Sho-Spielerin, wieder ab.

      Ein grosser Abend an der Bismarckstrasse – vor allem die musikalische Realisation ist von einer Qualität, die für Helmut Lachenmann und seine Klangwelten stark einzunehmen versteht. Der versierte Dirigent Lothar Zagrosek, der immerhin seine dritte Realisation des „Mädchens“ vorstellen konnte (er war auch der Dirigent der Uraufführung in Hamburg am 26.01.1997, sowie der Stuttgarter Produktion aus dem Jahr 2001), leitet mit Ruhe und nie nachlassender Aufmerksamkeit die Klankkörper, das Orchester folgt mit Hingabe den mitunter sehr ungewohnten Anforderungen und der von William Spaulding vorbereitete Chor geht mit Vehemenz deutlich an die Grenzen jener Klangerzeugung, die im normalen Opernalltag von einem Chor verlangt wird.

      Grosse vokale Kunst bieten beide Sopranistinnen, Hulkar Sabirova und Yuko Kakuta, tänzerisch-artistisch gewandt zeigt sich Bini Lee als Mädchen, die auch mit den ungewohnten Sprachpassagen bestens zurecht kam.

      Mit spürbar starkem Interesse folgte ein sehr ruhiges und aufmerksames Publikum diesen Ausflug in ungewohnte Klangimaginationen, starker Beifall für alle Beteiligten, besonders auch für Dirigent Lothar Zagrosek und den Komponisten Helmut Lachenmann.
      Der Kunst ihre Freiheit
    • Heute in der SZ eine sehr angetane Besprechung der Berliner Aufführung durch Wolfgang Schreiber über fast eine halbe Seite.

      "Dass es dem Komponisten bei diesen Klängen und ihren "konkreten" Nebenerscheinungen nie um bloß interessante Klangeffekte geht, sondern um einen Begriff von musikalischer Schönheit und Wahrheit, abseits des vernutzt philharmonischen oder massenhaft medialen Gebrauchs "schöner" tonaler Musik, war hier einen Abend lang zu hören. Auch: Warum Lachenmann seine Oper "Wahrnehmungsspekatakel" genannt hat, "wo das Ohr sich mit dem Auge und allen daran gebundenen Beobachtungs-, Erinnerungs-, Assoziations-, Imaginations-, Entzifferungsformen verbindet." Hören ist das Wichtigste."
    • Mädchen mit den Schwefelhölzern

      Es ist tatsächlich vor allem auch ein echtes Hörereignis, gerade, wenn man dieses Lachenmann-Werk live erleben kann und die verschiedenen Klänge aus allen denkbaren Richtungen kommen, oftmals eben auch in absolut kleinteiligen Figuren oder in einer weit gespreizten Dynamik, die von völliger Stille bis zu enormen Entladungen des gesamten Orchesters reichen. Das Werk ist nicht leicht zu verfolgen, es stellt an das Publikum doch deutliche Anforderungen, aber es macht Spass, sich darauf einzulassen. Toll natürlich auch die Möglichkeiten, die ein solches Stück, das im Grunde genommen keine gradlinige Erzählstruktur aufweist, für die Regie eröffnet - da war David Hermann in Berlin fast etwas zu zögerlich. Gut gefallen haben mir die vielen immer auch leicht rätselhaft bleibenden Bilder schon. Eine Wiedergabe auf CD kann bei einem Werk wie dem "Mädchen mit den Schwefelhölzern" nur eine Annäherung sein, aber dennoch will ich noch kurz auf die Veröffentlichung der Stuttgarter Produktion unter der Leitung des Dirigenten Lothar Zagrosek, der auch in Berlin am Pult stand, hinweisen:

      Der Kunst ihre Freiheit
    • Ich fand das eine ganz großartige Produktion, sowohl von der musikalischen als auch von der szenischen Umsetzung her.
      Die Bilder in diesem gespenstischen Haus, die quasi parallel laufen, wirken fast unbewusst, hypnotisch - man kann nicht sagen, dass sie eine erkennbare Handlung illustrieren. Sondern eher Stimmungen von Kälte, Angst und Bedrohung. Ich habe selten so paralysiert 2 Stunden lang auf derart zeilupenhaft veränderte Motive gesehen, das entwickelt in Kombination mit der Musik einen unglaublichen Sog. Da es quasi fast keinen Text gibt (bzw. dieser meist absichtlich diffus bleibt), zieht es einen noch mehr in diese Musik hinein, die nur aus Klang besteht und einen innerlich immer mehr gefangen nimmt (im wahrsten Sinne des Wortes). Absolut beklemmend.
      Einer der eindrücklichsten und phantasievollsten "Opern"Abende der letzten Jahre für mich.
      Heike
      „Wahrscheinlich werden künftige Generationen sich erinnern, dass dieses Jahrhundert das ,Century of Recordings’ war, in dem die Menschen auf die seltsame Idee verfielen, man könne Musik in kleine Plastikteile einfrieren. Mich erinnert das an die Idee der Ägypter vom Leben nach dem Tod. Eine ungesunde Idee. Studiomusik ist eine Verirrung des 20. Jahrhunderts. Das wird verschwinden.“ (F. Rzewski, Komponist, in der FAZ vom 21.4.2012)