Operntelegramm, Saison 2012/2013

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    • Operntelegramm, Saison 2012/2013

      Hallo zusammen, ich beginne mal mit diesem Thema:



      Ich hatte gestern das beste
      Opern-Live-Erlebnis meines bisher noch jungen Opernlebens:


      Fidelio in der Urfassung am KonzertTheater Bern.





      Die Besetzung:


      Leonore: Miriam Clark


      Marzelline: Camille Butcher


      Jaquino: Andries Cloete


      Florestan: Tomasz Zagorski


      Fernando: Daniel Henriks


      Pizarro: Robin Adams


      Rocco: Pavel Shmulevich





      Camille Butchers Rolle wird in
      der Urfassung arg aufgewertet. Zu Beginn war sie beim „Oh wär ich schon“ noch
      ein bisschen nervös und die Stimme dementsprechend auch unruhig. Das fing sich
      im Laufe des Abends und besonders im Piano gelangen ihr berückende Töne. Andries
      Cloete
      habe ich nun schon in einigen Produktionen des Stadttheaters erlebt
      (Conte im Barbiere, Sellem in Rake’s Progress, Orpheus in der gleichnamigen
      Operette und als Ferrando in der Così). Er ist ein begnadetet Darsteller und
      weiss auch mit seiner eher schmächtigen, kleinen Statur sehr zu überzeugen. In
      dieser Inszenierung wird das gefährliche Potential Jaquino stark hervorgehoben.
      So versucht er mehrere Male Marzelline mit Gewalt zu bekommen. Die Stimme ist
      wunderschön (eigentlich eine der schönsten Tenorstimmen, die ich je gehört
      habe), im Gegensatz zu sonst war er auch immer zu hören. Die Stimme ist eben
      nicht die grösste, mit genug Kern und Fokus ist er aber zu vernehmen.


      Mit dem Rocco stellt sich der Bass
      Pavel Shmulevich dem Berner Publikum als Ensemblemitglied vor. In einem Wort: Bravo!
      Eine sehr gut ausgebildete Stimme, sehr hell aber trotzdem voll Kern! Die
      Dialoge spricht er auf Russisch, einer der Gefangenen übersetzt immer. Während
      den Gesangsnummern kann er aber mit einem sehr guten Deutsch überzeugen.


      Robin Adams ist ebenfalls ein
      Altbekannter aus dem Ensemble (zu dem er anscheinend nicht mehr gehört, aber
      trotzdem Pizarro, Dandini und MacBeth macht). Klar ein lyrischer Bariton,
      beweist er, dass der Pizarro nicht wirklich ein Heldenbariton sein muss. Leider
      fällt er dann selten ins Schreien und ist vor allem in den tiefen Regionen
      überfordert (er transponiert sogar hier und da hinauf). Es wäre überzeugender,
      wenn er die tiefen Passagen mit Kern und Technik (was er könnte) über die Rampe
      gebracht hätte, als mit Druck. Als Darsteller war er unglaublich gut: Er
      bekommt vom Regisseur ein imaginäres Hündchen (einen Holzkloss), welches er an
      der Leine mit sich herumführt und mit welchem er auch spricht. Der Holzkloss
      soll auch die Schuld symbolisieren, welche Pizarro auf sich geladen hat.


      Die Leonore ist in dieser Fassung
      wohl noch dreimal schwerer als sonst, vor allem weil man in der Urfassung keine
      andere Wahl hat, als einen dramatischen Koloratursopran zu nehmen (Komm
      Hoffnung ist besonders im schnellen Teil voll Koloraturen). Miriam Clark
      bewältigt die Aufgabe bravourös! Beim Quartett „Mir ist so wunderbar“ sass die
      Stimme zwar noch arg hinten, das änderte sich aber ab dem „Gut, Söhnchen gut“ Terzett.
      Übrigens: „Oh namenlose Freude“ für den
      Sopran hier noch höher. Anyway,
      wirklich die Starleistung des Abends!


      Tomasz Zagorski hat zwar nicht
      den „zur Freiheit“-Part zu singen, trotzdem bleibt der Florestan schwer und er
      entledigt sich dieser Aufgabe mit mehr als mit Abstand. Die Stimme wäre immer
      noch fähig, Tamino oder Titus zu singen.


      Die Regie ist wirklich gut, ich
      kann das gar nicht wirklich selber beschreiben. Im ersten Akt (die Urfassung
      hat drei) ist Marzelline an einem Seil befestigt und wird durch dieses auch
      immer von Jaquino zu sich hin gezogen.


      Das Berner Symphonie Orchester
      sass unter der Leitung des eigenen Generaldirigenten im Orchester, übrigens
      eine Premiere. Mario Venzago hat viel auf dem Kasten, weiss das aber auch und
      ist nicht zimperlich damit das klar zu machen. So einen gewagten, frechen Aufsatz
      habe ich schon lange in keinem Programmheft mehr gelesen (so hält er die
      Bärenreiterausgabe der zweiten Fassung für „Müll“). BTW: Ich fand den Aufsatz
      und sein Dirigat genial! Zwar spielte das BSO mit vielen Patzern (hallo Horn!),
      aber sehr musikalisch.





      Zur Urfassung: Ich werde Fidelio
      nur noch in dieser Fassung hören. Mit der dritten und üblichen habe ich mich
      nie anfreunden können, wenn man die Urfassung hört merkt man auch, dass
      Beethoven in der dritten Fassung meistens einfach ein Best-Off der einzelnen
      Nummern macht und viel Interessantes rausgeschnitten hat.





      Jedenfalls war das mein bestes
      Live-Opernerlebnis seit ich Opern höre (also etwa seit 6 Jahren).


      Falls jemand in nächster Zeit in
      der CH sein sollte und nicht in teure OHZ will, so kann ich ihm diesen Fidelio
      empfehlen, der noch bis Januar läuft.




      LG
    • Il barbiere di siviglia - Münster, 08.09.2012

      Auch von mir ein kurzer Beitrag zur Saisoneröffnung: Das Theater Münster (unter neuen Intendanz nicht mehr die Städtischen Bühnen Münster) begann mit dem Barbier von Sevillia - und das ziemlich kurzweilig. Aron Stiehl inszenierte die Oper in Doktor Bartolos Schönheitsklinik und die Maske gab Plamen Hidjov ein tolles Botox-Gesicht. Seine Angestellte Rosina und er verpassten einigen Kunden neue Gliedmaßen und Körperformen - ein Gag, der sich auf Dauer etwas abnutzt. Auch die Drehbühne wird vielleicht eine Spur zu häufig genutzt, doch über das Bühnenbild von Friedrich Eggert darf man nicht meckern: Es bietet endlich mal wieder viel fürs Auge.

      Rein musikalisch ist der Abend zwar nicht überragend, aber auf jeden Fall hörenswert: Neu im Ensemble ist Mezzosopranistin Lisa Wedekind, die ihre kecke Rosina wirklich toll singt und spielt. Juan Fernando Gutiérrez spielt den Figaro auf Hochturen, beim Singen fehlt ihm etwas die stimmliche Power. Youn-Seong Shim ist ein eleganter Graf mit nicht ganz so lockeren Koloraturen. Sehr amüsant ist der Auftritt von Fritz Steinbacher als Fiorello. Das Sinfonieorchester Münster spielt sich im Laufe der Vorstellung immer warm und Fabricio Ventura entlockt ihm viele Details und einen spritzigen Klang. Insgesamt ist dieser Barbier empfehlenswert und ein toller Auftakt für die neue Saison, der neugierig macht.
      http://wotans-opernwelt.blogspot.com/
    • Liederabend Georg Zeppenfeld

      Lisa Wedekind habe ich im Frühjahr dieses Jahres hier in Paderborn in einem Liederabend gehört - sie hat auch mich da sehr überzeugt. Stimmlich war sie ausgezeichnet, außerdem hat sie gekonnt mit dem Publikum kommuniziert und gespielt.


      Ich möchte hier von einem Konzert berichten, dass ich gestern besucht habe. Eigentlich passt mein Bericht also überhaupt nicht in diesen Thread, aber da es nun keinen gibt, der Konzerten gewidmet ist und da viel gesungen wurde, kann er vielleicht doch mit Berechtigung hier seinen Platz finden.

      Der bekannte Bassist Georg Zeppenfeld gab gestern im Rahmen der Konzertreihe "Detmolder Meisterkonzerte" einen Liederabend im Konzerthaus der Detmolder Musikhochschule. Ich liebe Opern und verfolge mit Interesse die nationale Sängerszene, daher ist mir Zeppenfeld natürlich ein Begriff. In den letzten Jahren hat er ja bei den Bayreuther und Salzburger Festspielen große Erfolge gefeiert, sein Sarastro in der Salzburger "Zauberflöte" in diesem Sommer wurde auch hier im Forum durchweg mit viel Lob bedacht. Die Gelegenheit, solch einen Opernstar einmal live zu erleben, wollte ich mir nicht entgehen lassen, und so habe ich mich gestern Abend in den Zug gesetzt und bin nach Detmold gefahren.
      Das Konzerthaus der Musikhochschule ist ein moderner und großer Konzertsaal, größer als die Säle, in denen Liederabende meistens stattfinden. Daher waren nur etwa drei Viertel der Plätze besetzt. Was mich erstaunt hat bei einem Konzert, das von einer Musikhochschule veranstaltet wurde, war der hohe Altersdurchschnitt des Publikums. Ich hatte erwartet, durch die Studenten ein jüngeres Publikum um mich zu haben, als ich es sonst gewohnt bin. Dem war aber nicht so, auch im Konzerthaus der Musikhochschule sah man fast nur weiße Häupter.

      So habe ich also die Rahmenbedingungen erlebt, nun komme ich zum eigentlichen Konzert. In der ersten Hälfte sang Zeppenfeld Lieder von Franz Schubert. Er hatte neun Lieder aus dem "Schwanengesang" ausgewählt, davor sang er zur Eröffnung "Grenzen der Menschheit" auf einen Text von Gothe, danach zum Schluss der ersten Konzerthälfte "Prometheus", ebenfalls auf einen Text von Goethe. Die Gegenüberstellung dieser beiden Lieder fand ich enorm spannend, "während die demütig bekennende religiöse Hymne "Grenzen der Menschheit" den uralten heiligen Vater verehrt, ist der aufklärerischen Sturm-und-Drang-Ode des Feuerbringers Prometheus nur das eigene glühend Herz heilig" erläutert der Programmhefttext. In der Tat ist es verblüffend, das ein einziger Dichter zwei so diametral verschiedene Texte schreiben kann.
      Die zweite Konzerthälfte begann mit Richard Strauss´ "Zwei Gesänge[n]" op. 51, die mich offen gestanden gelangweilt haben. Das konnte Strauss besser und spannender! Auf diese beiden Strauss-Lieder folgten dann fünf Balladen von Carl Loewe, die bei mir wie beim Rest des Publikums besonders gut ankamen. Als Zugabe gab es dann noch zwei weitere Loewe-Balladen und - die Pointe saß - als allerletzte Zugabe, als der Applaus nicht nachlassen wollte, den Schlussmonolog aus Richard Strauss´ "Die schweigsame Frau": "Wie schön ist doch die Musik - doch wie schön erst, wenn sie vorbei ist".

      Ich saß weit vorne, in der zweiten Reihe. Das war akustisch nicht ideal, aber es war ungeheuer spannend, die beiden Musiker aus unmittelbarer Nähe beobachten zu können. Georg Zeppenfelds Stimme ist ein voller, runder Bass mit nachtschwarzer Tiefe und samtig-weichem Klang. Gerade aus der Nähe war zu merken, was für eine stimmliche Kraft in dem großen, schlanken Mann steckt, wenn er alle Schleusen öffnet, dann kann diese Stimme dröhnen mit der Urgewalt der Posaunen von Jericho. Bei den Forte-Stimmen, war das wirklich körperlich spürbar.
      Im Gegensatz zu der vollen weichen Stimme steht Zeppenfelds sehr sprachbewusstes Artikulieren. Man konnte jede Silbe des Textes verstehen, ich konnte aber auch beobachten, dass das Wort vom "Konsonantenspucken" nicht bildlich gemeint ist. Zugunsten einer deutlichen Artikulation wurden auch Wörter zerteilt, die Endsilben etwa von "un-ttttt" oder "Go-ttt" knallten einem förmlich entgegen. Durch diesen Schwerpunkt, gelangen Zeppenfeld natürlich Stücke, in denen das deklamatorische Moment schon vom Komponisten hervorgehoben ist, wie etwa "Prometheus" besonders eindrucksvoll. Zeppenfeld gestaltete da richtige Dramen allein mit der Stimme und Artikulation. Der Höhepunkt des Programms waren die Balladen von Loewe, wo man den versierten Opernsänger merkte. Das Geschichtenerzählen und -vorpielen machte Zeppenfeld sichtlich Freude, eine Freude, die sich direkt aufs Publikum übertrug. Vor allem die Pointen und komischen Elemente kostete er genüsslich aus. Da war auch seine machtvolle Stimme am rechten Platz. Wenn mit so viel Charme und so viel Stimme von "Fridericus rex" erzählt wird, vom "seltnen Beter und von "Odins Meeresritt", dann entfalten diese Miniatur-Dramen eine ungeheure Wirkung auch auf ein modernes Publikum. Eine sympathische Pointe baute Zeppenfeld, der in Detmold studiert hat, in die Vertonung von Goethes "Totentanz" ein, als er einen Moment innehielt und mit Wink aus dem Fenster erklärte "Der Türmer, der schaut zu Mitten der Nacht, hinab auf die Gräber - in Lage" (Lage ist ein Ort ganz in der Nähe von Detmold).

      Als Begleiter hatte Georg Zeppenfeld Jobst Schneiderat mitgebracht, seit über zwanzig Jahren Korrepetitor an der Sächsischen Staatsoper, dem Opernhaus, zu dessen Ensemble der Bassist seit elf Jahren gehört. Zu Beginn störte mich die eckige Artikulation von Schneiderat etwas, sein Spiel schien mir unfexibel und steif. Mit der Zeit wurde er ein wenig "warm", die Kommunikation mit dem Sänger klappte besser, alles in allem bleibt seine Leistung bei diesem Liederabend für mich aber ein Ärgernis. So eckig und holperig muss man das nicht spielen, zwischen Piani und Forte wären hin und wieder Zwischenstufen nett und so oft und so offensichtlich wie Schneiderat daneben gegriffen hat, habe ich das bisher auch nur selten erlebt. In einem der Lieder aus "Schwanengesang" landete der plötzlich in der völlig falschen Tonart und der Sänger hatte sichtlich Mühe, ihn wieder "in die Spur" zu bringen. Ich will dem Pianisten nichts unterstellen, aber ich hatte den Eindruck, es wäre nicht verkehrt gewesen, wenn er vor dem Konzert schonmal einen Blick in die Noten geworfen hätte.
      Trotz dieser Einschränkung bleibt es ein eindrucksvolles Konzerterlebnis. Es war toll, einen berühmten Opernstar einmal live zu erleben, es war ein Vergnügen, Zeppenfeld zu hören und zu sehen, wie er diese Balladen von Loewe erzählt und gestaltet und es war eine Freude, ein abwechslungsreiches und durchdachtes Liedprogramm zu verfolgen.

      So - jetzt ist das alles doch wieder länger geworden als gedacht. Kurzfassen wird in diesen Leben keine Stärke mehr von mir. Kommentare sind - wie immer - herzlich willkommen! :wink:
      Ich liebe Wagners Musik mehr als irgendeine andre. Sie ist so laut, daß man sich die ganze Zeit unterhalten kann, ohne daß andre Menschen hören, was man sagt. - Oscar Wilde
    • Don Carlos - Gelsenkirchen, 22.12.2012

      Kurze Weihnachtsgrüße aus Münster!
      Der Gelsenkirchener Don Carlos ist vor allem musikalisch sehr gelungen. Großartig ist Günter Papendells Rodrigo, das ist Verdi Gesang pur. Auch Petra Schmidt als Elisabeth ist wirklich klasse, gerade im vierten Akt. Renatus Meszar und Carola Guber sind als Philipp und Eboli starke Persönlichkeiten mit nicht ganz lupenreinem Gesang. Daniel Magdal hat seine Stärken im hohen Fortissimo, Darüber hinaus ist er etwas unausgeglichen. Rasmus Baumann dirigiert ein blendend aufgelegtes Orchester, die Inszenierung von Stephan Märki ist vor allem in der zweiten Hälfte sehr spannend. Sie ist alles andere als opulent, dafür sehr kalt und hoffnungslos.
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    • Tosca - Münster, 26.01.2013

      Gestern Abend war die zweite Aufführung der Tosca in Münster. Wie schon so oft war ich einmal mehr begeistert von unserem Sinfonieorchester, das sich von Akt zu Akt steigerte. Gerade Scarpias Tod oder der Auftakt von E lucevan le stelle gingen unter die Haut. Im ersten Akt waren nicht alle Akkorde wirklich unisono, doch insgesamt war das wirklich hervorragend gespielt.
      Geprägt wurde die Aufführung von einem Einspringer: Da Adrian Xhema erkrankt war, kam Luis Olivares Sandoval aus Bremen und ersang sich mit attraktiver, kultivierter einen großartigen Erfolg. Allison Oakes half ihm auf der Bühne so gut sie konnte und lieferte mit ihrem bis in die Spitzentöne bruchlos geführten Sopran eine hervorragende Leistung. Gregor Dalal war ein souveräner Scarpia, der aber einen rabenschwarzen Abend in der höhe hatte. Lukas Schmid war ein erstklassiger Angelotti.
      Die Inszenierung von Achim Thorwald wird alle Gegner des Regietheaters erfreuen. Er erzählt ganz brav die Geschichte, verändert nur marginal das Ende. Aber alles in allem ist die Inszenierung viel zu brav. gerade im ersten Akt kommt kaum Spannung auf. Doch insgesamt war das ein ganz großer Opernabend in Münster.
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    • Trovatore - Dortmund, 02.02.2013

      Gestern ging in Dortmund die Premiere des Trubador über die Bühne. Und für alle Gegner des Regietheaters dürfte diese Aktualisierung ein guter Beweis sein, dass modern nicht immer gut. Die Inszenierung von Katharina Thomas versucht im Heute anzukommen, wirkte aber größtenteils unbeholfen und unfreiwillig komisch. Dazu gibt es die goldene Himbeere für den peinlichsten Bühnenkampf dieses Jahres. Dem Werk angemessen war nur das letzte Bild - vor und in dem Kerker. Musikalisch war das ganz große Klasse. Das Orchester lotete das Werk belcantesc aus, die Sänger füllten ihren Part mehr als zufriedenstellend aus: Susanne Braunsteffer war eine technisch sehr sichere Leonore, Sangmin Lee ein markanter Luna. Stefano La Colla bot für den Manrico einen schönen wie auch kämpferischen Tenor, Hermine May war eine energiegeladene Azucena. Nennen muss man Wen Wei Zhang als erstklassigen Ferrando. Musikalisch also durchaus hörenswert!!!
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    • Macbeth - Landestheater Detmold, 6. Februar 2013

      Es ist Verdi-Jahr, und so gastierte gestern das Landestheater Detmold mit der Wiederaufnahme seiner knapp drei Jahre alten "Macbeth"-Produktion hier in Paderborn. Vielleicht lag es daran, dass das Stück vergleichsweise unbekannt ist, vielleicht lag es auch daran, dass es als dürster, dramatisch und ausdrucksvoll statt schön angekündigt wurde, die Halle war leider allenfalls zu einem Drittel gefüllt. Den Sängern gegenüber, die ja zumindest beim Schlussapplaus etwas vom Publikum sehen können, fand ich die in diesem Ausmaß seltene Leere durchaus als ein Bisschen peinlich.

      Die Aufführung selber war nämlich ganz großartig. Die Inszenierung des Detmolder Intendanten Kay Metzger war prägnant, spannend und anschaulich, ohne einem jetzt ein ganz anderes Stück als der Text erzählen zu wollen. Einen kleinen Ekeleffekt gab es im dritten Akt, als die Hexen Macbeth (mit Schürze und Kochmütze) das Erbrochene seiner Frau einflößen, etwas maniriert fand ich die Entscheidung, Lady Macbeth durch das Messer ihres Mannes sterben zu lassen, nicht verstanden habe ich, warum das Ehepaar Macbeth, Mäntel, Krawatten und Handschuhe in billiger Leoparden-Optik trug. Das auffälligste Element der Inszenierung waren aber die deutschen Übertitel, die nicht, wie üblich, über die Bühne projiziert wurden, sondern von einer Frau in Dienstmädchenkostüm mit Kreide an eine große Tafel an der Rückwand des Bühnenraumes geschrieben. Auch wenn man den italienischen Text nicht gut kannte, konnte man so der Handlung leicht folgen.
      Die musikalische Leitung hatte GMD Erich Wächter übernommen, den ich sehr gerne höre, schon allein, weil das Orchester meistens die besseren Abende hat, wenn der Chef am Pult steht. Auch gestern gab es an der Leistung von Orchester und Dirigent nichts zu meckern, die wechselnden Stimmungen und Klangfarben der Partitur wurden zu leidenschaftlichem Leben erweckt, die Koordination zwischen Bühne und Orchestergraben funktionierte tadellos.

      Das führt dann auch schon zu dem, was auf der Bühne passierte und dem, was in der italienischen Oper das Wesentliche ist: Den Sängern. Die Titelrolle des Macbeth sang Andreas Jören, der im Sommer seit acht Jahren als stets verlässlicher Hausbariton eine Stütze des Detmolder Ensembles ist. Ich habe Jören nie schlecht gehört, manchmal nimmt man ihn mit seiner unerschütterlichen Solidität allerdings kaum noch als Pluspunkt war. Seine Stimme ist ein schlanker, sehniger Bariton mit guter Höhe und ausgezeichnetem Legato. Daher finde ich ihn in talienischen Rollen besonders gut besetzt und als Macbeth hatte er eine Paraderolle gefunden. Sängerisch wie darstellerisch war das eine vollkommen runde Sache und ein beglückendes Opernerlebnis.
      Seine Gattin stellte Brigitte Bauma dar, deren Kundry hier zuletzt eher negative Reaktionen hervorgerufen hat. Schön ist die Stimme wirklich nicht, im Gegenteil, manchmal, bei den hohen Tönen, tut es fast schon weh, Frau Bauma zuzuhören. Aber dann gelingen ihr auch wieder runde, sehr musikalisch gestaltete Phrasen. Nun, von der Stimme von einst sind inzwischen nur noch Reste da, aber was Brigitte Bauma damit macht, das ist ein phantastisch. Wie sie sich stimmlich wie darstellerisch mit Energie und Leidenschaft und einem unglaublichen Mut zur Hässlichkeit in diese Rolle hineinwirft, das alles durchlebt und gestaltet, das ist nicht immer schön zu hören, aber ein Theaterereignis, das ich nicht so schnell vergessen werde. Wenn man so ein Theatertier ist und wenn man jedem einzelnen Zuschauer phobos und eleos, Furcht und Mitleid durch den ganzen Körper jagen kann, dann braucht man in dieser Rolle keine tadellose Belcanto-Stimme.
      Neben diesen beiden Sänger-Darstellern, für die an diesem Abend wirklich kein Lob zu hoch gegriffen war, konnte sich sonst natürlich kaum jemand profilieren. Derrik Ballard als tadellos sonorer Banquo und Alexey Kosarev als Macduff, mit einer machtvollen Stimme, die einem durch und durch geht, führten die Comprimarii an. Hyunseung You in der Rolle von Duncuns Sohn Malcolm überraschte im vierten Akt in der kurzen Szene mit Kosarev als Macduff plötzlich mit einem kraftvollen, schönen Tenor, den ich in der winzigen Rolle nicht erwartet hatte, Kisun Kim als Kammerfrau der Lady Macbeth hatte sichtlich daran zu knapsen, nicht die Primadonna des Stückes zu sein.

      Als Fazit kann ich eigentlich nur mein Lob wiederholen: Dieser "Macbeth" (übrigens mein erster) war ein packender Theaterabend, vor allem weil musikalisch alles passte und man für die beiden einzigen größeren Rollen zwei Sänger-Schauspieler aufgeboten hatte, die über sich selbst hinauswachsend und sich gegenseitig hochschaukelnd zu einer Leistung fanden, für die an diesem Abend kein Lob zu hoch gegriffen war. Warten wir jetzt mal ab, was uns die Tageszeitung morgen erzählen wird, wie es uns gefallen hat. :wink:
      Ich liebe Wagners Musik mehr als irgendeine andre. Sie ist so laut, daß man sich die ganze Zeit unterhalten kann, ohne daß andre Menschen hören, was man sagt. - Oscar Wilde
    • Eugen Onegin - Bielefeld, 04.04.2013

      Gestern Abend war ich in Bielefeld zum Eugen Onegin. Von Münster aus ist es ja irgendwie eine gefühlte Weltreise. Die Hinfahrt war sehr zäh, auf der Rückfahrt wurde ich von der Aufführung noch mitgerissen. Musikalisch war die Aufführung sicher nicht fehlerfrei, aber die Intensität der gebotenen Leistungen wischte alle kleinen Nachteile hinweg. Erstklassig ist der Lenski von Daniel Pataky, aber auch Sarah Kuffner und Levent Bakirci leisten sehr gute Arbeit. Sehr gut ist der Opernchor in seinen schwierigen Auftritt. Die erste Kapellmeisterin Elisa Gogou spornt die Philharmoniker zu einer Höchstleistung an.
      Szenisch liefert Lotte de Beer eine im Prinzip recht konventionelle Inszenierung, die aber von ihren eigenen Gedanken lebt. So schreibt Eugen Onegin der Tajana selbst einen Brief, bekommt aber kalte Füße und zerreißt ihn. Es kommt zu der bekannten Arie, wo er ihr wenig galant einen Korb gibt. Auch das Finale deutet sie um: Eine Begegnung trauen sich beide nicht zu. Das Schlussduett wird brillant umgedeutet zu einem Briefwechsel. Die Reise nach Bielefeld hat sich wirklich gelohnt.
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    • Rheingold auf dem Rhein

      Überaus positiv wurde ich gestern Abend vom Rheingold auf dem Rhein überrascht. Ein Studentenorchester mit Wagner im Bauch eines Frachtschiffes, kann das gut gehen? Es ging gut, sogar ausgesprochen gut. Sehr kurzweillig die Regie von Wim Trompert im umgebauten Frachtraum. Seine Inszenierung vereint Witz, Satire, Tiefgang, Moderne und Werktreue. nur die Pause hätte nicht sein müssen. Sängerisch scheint die Niederlande ein ordentliches Potential an Wagner-Sänger zu bieten. Bei den Frauen waren es Cécile van de Sant und Wilke te Brummelstroete als Erda und Fricka, die uneingeschränkt beeindrucken konnten. Von den Herren war mir nur Marcel Reijans als Loge bekannt, der mich aber nicht ganz zufrieden stellte. Die Krone für die Herren ersang sich Anthony Heidweiller als großartiger, intensiver und spielfreudiger Alberich.
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