Ligeti, György: Poème symphonique für 100 Metronome (1962)

    Diese Seite verwendet Cookies. Durch die Nutzung unserer Seite erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies setzen. Weitere Informationen

    Informationen zum Capriccio-Verein als Betreiber des Forums finden sich hier.
    • Ligeti, György: Poème symphonique für 100 Metronome (1962)

      Der Thread zu Cage: 4‘ 33“ hat mich dazu angeregt, mal zu hinterfragen, ob Ligetis „Poème symphonique für 100 Metronome“ damit nicht eventuell verwandt sein könnte – mehr oder weniger weitläufig.

      Auf die Gefahr hin, Überflüssiges zu schreiben (da jeder das Werk und dessen philosophischen Hintergrund sowieso kennt), der Form halber eine kurze Beschreibung:

      Komponiert 1962 für einen Dirigenten, zehn Ausführende und hundert (mechanische!) Metronome. Jeder Ausführende „spielt“ zehn Metronome.

      Zu Beginn werden die Metronome auf der Bühne aufgebaut, auf verschiedene Tempi eingestellt und maximal aufgezogen. An dieser Stelle wird eine Pause der Länge zwei bis sechs Minuten eingelegt, deren Länge der Dirigent vorgibt. Auf sein Zeichen starten dann die Ausführenden die hundert Metronome so schnell wie möglich (im Idealfall starten alle Metronome gleichzeitig) und verlassen die Bühne. Die Metronome ticken vor sich hin, jedes für sich, bis seine Feder abgelaufen ist. Üblicherweise gibt es am Ende einen einsamen „Langläufer“. Nachdem auch das letzte Metronom schweigt, betreten die Ausführenden wieder die Bühne.

      Was Ligeti dazu sagte, kann man auf Wikipedia (insbes. englisch) mühelos finden. Weniger bekannt ist seine Deutung des Werkes, die ich vor Jahren in einer TV-Dokumentation aus seinem Munde hörte, wo er sinngemäß sagte: Am Anfang ist völlige Ordnung durch das Kontinuum der hundert gleichzeitig in verschiedenen Tempi tickenden Metronome. Dann bilden sich Verdichtungen, wo mal diese mal jene Metronome gleichzeitig ticken, dies umso mehr, je weniger Metronome es nach und nach werden. Es wird immer chaotischer. Gegen Ende wird es dann wieder geordneter, bis schließlich ein Metronom alleine tickt und ganz am Ende in der Stille die vollkommene Ordnung wieder erreicht ist.

      Auch auf YouTube kann man diesen Meilenstein der Kompositionsgeschichte genießen:

      "http://www.youtube.com/watch?v=QCp7bL-AWvw"

      Auf CD ist dieses Werk in der Ligeti-Edition der Sony enthalten:



      Was hat das Werk mit 4‘ 33“ gemeinsam? Was ist anders?
      "Ich will keine leidenschaftslose Gehirnarbeit, sondern ein durchlebtes Kunstwerk mit einer Aussage." - Karl Amadeus Hartmann, aus seinem Artikel "Von meiner Arbeit" (1962)
    • Mauerblümchen schrieb:

      Was hat das Werk mit 4‘ 33“ gemeinsam? Was ist anders?
      Den wichtigsten Unterschied hast Du anhand Ligetis eigener Analyse ja schon erwähnt: Poème symphonique hat einen eindeutigen, bei jeder Aufführung prinzipiell gleichen, durch die Komposition festgelegten Formverlauf (Ordnung-Chaos-Ordnung). Ebenso festgelegt ("komponiert") ist die Dynamik, also das Decrescendo vom Beginn bis zum Schluss. Ich wäre bisher nicht auf die Idee gekommen, das Stück mit 4'33'' in Verbindung zu bringen. Wo siehst Du da Gemeinsamkeiten?

      Christian
      "Herr Professor, vor zwei Wochen schien die Welt noch in Ordnung."
      "Mir nicht."
      (Theodor W. Adorno)
    • ChKöhn schrieb:

      Wo siehst Du da Gemeinsamkeiten?

      Nun, zum Beispiel in dem provokativen Aspekt des Werkes. "Poème symphonique" ist auf der Metaebene höchst provokativ.

      "Auskomponiert" ist es auch eher nicht, eher "bedingt aleatorisch".

      Gruß
      MB

      :wink:
      "Ich will keine leidenschaftslose Gehirnarbeit, sondern ein durchlebtes Kunstwerk mit einer Aussage." - Karl Amadeus Hartmann, aus seinem Artikel "Von meiner Arbeit" (1962)
    • verwandt ist das stück poème symphonique für 100 metronome vielleicht mit dem continuum für cembalo (g. ligeti, 1968).

      obwohl das continuum genau notiert ist, ereignet sich in ihm etwas, welches von dem notierten raster abweicht, eine neu-schwingung des schlagmusters, nicht notierte (sonderbar tickende) rhythmen erklingen, denen niemand die homogenität, zu jenen im "poème symphonique" tickend-aufklingenden rhythmen bestreiten würde. fiktive geräusche.
    • Hi,

      ich habe das Poeme Symphonique vor Jahren mal live gesehen (in Dortmund). Ich finde schon, dass es Parallelen zu 4:33 hat, insofern, als dass das Publikum nicht unerheblich zur Aufführung beträgt. Bei 4:33 werden ja grad dei "Nebengeräusche" zur "Musik" erhoben. Etwas Ähnliches ist bei der Aufführung passiert. Das recht kleine Publikum brabbelte zuerst recht laut über die zischenden Metronome. Als die ersten dann ausgingen und sich der komplexe "Polyrhythmus" ausbildete, wurde es auf einmal still. Ganz am Schluss kam dann richtig Spannung auf, als alle gebannt verfolgten, welches Metronom als nächstes stoppte. Als dann eins nach einer Pause wieder anfing, ging ein Raunen durch die ganze Menge, was wegen der niedrigen Gesamtlautstärke natürlich gut zu hören war.

      das akustische drumherum des Pubklikums fand ich genau so spannend wie die Metronome. Hat sich gelohnt!
      Schöne Grüße, Helli


      Immer cool bleiben.
    • In Heidelberg wurde das Publikum mal auf andere Weise einbezogen: Man durfte eigene Metronome mitbringen, die dann mitspielten - und der Eintritt war dann kostenlos.

      :wink:
      Es grüßt Gurnemanz
      ---
      Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
      Helmut Lachenmann
    • Da wir nun ein neues Unterforum mit dem Namen "Mechanische, elektronische und konzeptionelle Musik" haben, habe ich mir erlaubt, auch diesen Thread (wie auch Gurnemanz den zu 4' 33") an den neuen Platz zu verlegen. Hierher passt er sicher besser als in die "Kammermusik".

      Gruß
      Mauerblümchen

      :MB:
      "Ich will keine leidenschaftslose Gehirnarbeit, sondern ein durchlebtes Kunstwerk mit einer Aussage." - Karl Amadeus Hartmann, aus seinem Artikel "Von meiner Arbeit" (1962)
    • motiaan schrieb:

      Hi,

      ich habe das Poeme Symphonique vor Jahren mal live gesehen (in Dortmund). Ich finde schon, dass es Parallelen zu 4:33 hat, insofern, als dass das Publikum nicht unerheblich zur Aufführung beträgt. Bei 4:33 werden ja grad dei "Nebengeräusche" zur "Musik" erhoben. Etwas Ähnliches ist bei der Aufführung passiert. Das recht kleine Publikum brabbelte zuerst recht laut über die zischenden Metronome. Als die ersten dann ausgingen und sich der komplexe "Polyrhythmus" ausbildete, wurde es auf einmal still. Ganz am Schluss kam dann richtig Spannung auf, als alle gebannt verfolgten, welches Metronom als nächstes stoppte. Als dann eins nach einer Pause wieder anfing, ging ein Raunen durch die ganze Menge, was wegen der niedrigen Gesamtlautstärke natürlich gut zu hören war.

      das akustische drumherum des Pubklikums fand ich genau so spannend wie die Metronome. Hat sich gelohnt!

      Was meinst Du, was los wäre, wenn das Publikum auch noch auf Sieg oder Platz setzen könnte, in welcher Reihenfolge die Metronome ausfallen... :D

      Ernsthaft:

      Mauerblümchen schrieb:

      Was Ligeti dazu sagte, kann man auf Wikipedia (insbes. englisch) mühelos finden. Weniger bekannt ist seine Deutung des Werkes, die ich vor Jahren in einer TV-Dokumentation aus seinem Munde hörte, wo er sinngemäß sagte: Am Anfang ist völlige Ordnung durch das Kontinuum der hundert gleichzeitig in verschiedenen Tempi tickenden Metronome. Dann bilden sich Verdichtungen, wo mal diese mal jene Metronome gleichzeitig ticken, dies umso mehr, je weniger Metronome es nach und nach werden. Es wird immer chaotischer. Gegen Ende wird es dann wieder geordneter, bis schließlich ein Metronom alleine tickt und ganz am Ende in der Stille die vollkommene Ordnung wieder erreicht ist.

      Ich würde da gerne Ligeti widersprechen. Klar, das ist der Höreindruck bei einem hundertstimmigen Werk, bei der jede Stimme im eigenen Tempo läuft - genaugenommen sind es sogar nur höchstens 39 verschiedene Tempi. Ich stelle mir da die Frage, ob sich der Höreindruck signifikant ändern würde, wenn statt 100 nur 39 Metronome "am Start" wären. Aber "chaotisch" oder "geordneter gegen Ende zu" ist da nichts. Das Ticken der Metronome ist komplett und von Anfang an streng deterministisch. Zudem sind beim Start mittels schräg gestellter Unterlage alle Metronome in Phase oder zumindest hat jedes zu allen anderen eine konstante Phasendifferenz. Der Startpunkt und die (konstanten) Tempi der Metronome sind klar definiert. Noch geordneter geht gar nicht. Es gibt zwar 14.172.387.825.924.700.000.000.000.000.000.000 verschiedene Möglichkeiten, die Metronome einzustellen (Kombination 100 mal aus 39 Elementen mit Wiederholung), was für die tatsächliche Auswahl Zufälligkeit nahelegt, aber auch das ist prinzipiell beeinflußbar. Die einzige Zufallskomponente besteht in der Praxis(!) darin, wann die Metronome ausfallen. Prinzipiell ließe sich aber auch da bei baugleichen Metronomen über die Anzahl Rasten, die beim Aufziehen übersprungen werden bzw. die Anzahl der Umdrehungen (genauer: der Winkel des Schlüssels) beim Aufziehen die Anzahl der Schläge (zumindest innerhalb eines gewissen Fehlers) voraussagen und damit zusammen mit der eingestellten Geschwindigkeit die ungefähre Laufzeit...

      Das ist ein Unterschied zu 4'33": Letzteres ist prinzipiell komplett undeterminiert. Man kann grundsätzlich nicht vorhersagen, welche Geräusche wann auftreten. Poème ist eigentlich komplett deterministisch, die (gefühlte) "Zufälligkeit" ergibt sich nur aus der schieren Fülle möglicher Kombinationen, aus dem Umstand, daß ein Systemparameter (der "Grad des Aufziehens") nicht kontrolliert wird und wir physiologisch schlicht nicht in der Lage sind, 100 akustisch nicht unterscheidbare Tonspuren getrennt zu verfolgen.

      Faszinierendes Werk jedenfalls, vor allem dann, wenn die Metronome nicht (wie meistens) nach ungefährer Gleichverteilung eingestellt sind, sondern nach Mustern.
      viele Grüße

      Bustopher


      Wenn ein Kopf und ein Buch zusammenstoßen und es klingt hohl, ist denn das allemal im Buche?
      Georg Christoph Lichtenberg, Sudelbücher, Heft D (399)