Bach, Johann Sebastian: Inventionen und Sinfonien

    Diese Seite verwendet Cookies. Durch die Nutzung unserer Seite erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies setzen. Weitere Informationen

    • Bach, Johann Sebastian: Inventionen und Sinfonien

      bwv 772–786 und bwv 787–801

      zunächst einmal bach selbst:

      "Auffrichtige Anleitung,
      Wormit denen Liebhabern des Clavires, besonders aber denen Lehrbegierigen, eine deütliche Art gezeiget wird, nicht alleine 1) mit 2 Stimmen reine spielen zu lernen, sondern auch bey weiteren Progreßen 2) mit dreyen obligaten Partien richtig und wohl zu verfahren, anbey auch zugleich gute inventiones nicht alleine zu bekommen, sondern auch selbige wohl durchzuführen, am allermeisten aber eine cantable Art im Spielen zu erlangen, und darneben einen starcken Vorschmack von der Composition zu überkommen.
      Verfertiget
      von Joh: Seb: Bach.
      Hochfürstlich Anhalt.-Cöthenischen Capellmeister
      Anno Christi 1723."


      eine konzentrierte art des unterrichts: eine anleitung zur reinheit im spiel, zur themenersichtlichen durchführung der (zwei und dreistimmigen) studien, "und darneben" ein lehrbuch der komposition: wie der entwerfer entwirft, wird aus der wahrheit des entwurfs begreiflich, ein beibringen des wesentlichen wissens anhand des werkes, wahrheitgründend. die trennung von komponist und vermittler war 1723 noch nicht vollzogen.
      es bedarf eine zeit des zusammenhängenden hin(ein)schauen-((und) hören-)s um den tiefen (und zukunftsweisenden) gehalt der inventionen und sinfonien zu erspühren. ein thema: ein stück: aneinandergedrängt, systematisch, ausschweifungsarm und reich an χαρακτήρ. ein prinzip des kombinierens, des veränderns, kaum ein zwei oder dreistimmiger einfall gleicht in seinem aufbau dem anderen.
      titelinspirierend hat möglicherweise francesco antonio bonporti gewirkt: seine invenzioni a violino solo e basso continuo, op. 10, 1713, die lange zeit fälschlich in die kritische ausgabe der bach gesellschaft (als werk johann sebastian`s) aufgenommen waren, liegen in einer abschrift bachs vor. womit nicht gesagt werden soll, dass die bachschen inventionen sich bonporti´s op. 10 zum vorbild nahmen (klangbeispiel op. 10, no. 5: "http://www.youtube.com/watch?v=f_BrTjPBFC4").

      im folgenden werde ich mir (fürs erste) zwei inventionen und eine sinfonie ansehen (alle inventionen und sinfonien zu betrachten würde eine den heutigen tag überschreitende zeitspanne in anspruch nehmen), anschließend die mir bekannten aufnahmen des werkes.



      invention nr. 9 (f-moll)

      die neunte invention ist zergliederbar in zwei jeweils sechzehntaktige abschnitte. mit einem (in vertauschten stimmen von takt fünf bis takt acht wiederholten -) viertakter beginnt der erste abschnitt: ein in den himmel, und dann wieder zu boden schauender blick (hand in hand), haupttonart exponierend. mit takt neun bis sechzehn drängt sich eine bewegung auf, die von ihrer vergangenheit befreit, als das schaffende, in ein(em) wegführen von der grundtonart ausartet. unter einer maske der kleinen verwirrung werden zu beginn des zweiten abschnitts die einführenden vier takte zitiert. die wirklichkeit des textes scheint einem fließenden gesetz unterworfen, dass in takt achtundzwanzig zur dominante in f-moll gelangt. die reprise des viertakters schließt sich an und der viertakter verliert, zu beginn und am ende des zweiten abschnitts (start und landung, dazwischen der flug, beide stimmen verknüpfend) auftretend, seine noch im ersten abschnitt gültige funktion des vorgemeinten, ist geschenk und entzug, auch noch dann, wenn seine neue funktion in der jetzigen besinnung gedacht ist. eine funktion die in ihrer hingenommenheit zu ihrer vorausgegangenen davor bewahrt wird, in ein ungenügsames treiben auszuarten. zwei letzte takte lassen, als weiterführung des viertakters, als bekräftigung und schluß, alles ereignis verklingen.


      invention nr. 14 (b-dur)

      zu anfang ein aus zwei hälften bestehender takt: eine aufsteigende und eine absteigende linie, einer notwendigkeit unterstehend: einatmen, ausatmen. ein inspiratorischer trieb schlägt wurzeln im dritten takt, ein wiederaufgreifen des ersten taktes geschieht, steigerungsgemäß, mit fehlender absteigender linie, zwei mal geschiet die aufsteigende/ die inspiration, der in einer wendung zur dominante mündet (takt vier und fünf). takt sechs, sieben und acht wiederholen die ersten drei takte mit vertauschten stimmen auf der dominante. eine modulation, die ihren einleitenden homophonen charakter bis takt elf vollzieht, wandelt sich bei takt zwölf in eine polyphone. wird gebunden (ein kleines sprichwort sagt richtig und still, [dass] das denken nichts ist, ohne den gedanken), ist nicht mehr haupt oder begleit-stimme: eine umarmung besonderer qualität. lust. die reprise, die bei takt sechzehn einsetzt, greift nicht die homophone darstellung wieder auf, behällt die polyphone narration bei: es ist, als hätten die auf den ersten gedanken folgenden gedanken, einen einfluß auf diesen ausgeübt, und dieser einfluß kann beim erneuten denken des ersten gedankens nicht mehr weggedacht werden.


      sinfonie nr. 3 (d-dur)

      zunächst fällt ein ganzschluß in takt vierzehn auf, ein abruptes abbremsen einer bis dahin bremslosen fahrt. die subdominantische reprise setzt im neunzehnten takt ein, sie wird das thema um einen sich noch heraustellenden anhang berauben. die ersten vierzehn takte lassen sich in zwei abschnitte teilen: takt eins bis acht, anschließend: motivneueinführung, h-moll modulation. zunächst jedoch zurück: fest sind die takte eins bis acht konstruiert, der exposition einer dreistimmigen fuge gleichend, polyphon. zweieinhalb takte: thema, tonikabeginn, kadenzstufendurchlaufend, zur tonika in takt dreieinsechzehntel zurückkehrend. im noch austehenden halben taktanhang übt der wagen ein kühnes und kurzes wendemanöver zur dominante aus (ungebremst, vergleibahr vielleicht mit dem bauchgefühl im moment einer zügigen fahrt über eine n-förmige brücke). die beiden ersten takte werden in einer quinttransposition erneut sichtbar, die rückkehr zur tonika im letzten halbtakt. schließlich: erwähnte gesichtsausdrucksveränderung, h-moll modulation. ein erneutes brückenfahrt-bauchgefühl wenn über dem akkord von h-moll das thema einsetzt, welches ohne eine erneute durchführung ein vordringen in einen ganzschluß in fis-moll ausübt/praktiziert. eine schier unglaubliche gewagtheit gegenüber dem geschehenen in takt zehn bis vierzehn, eine [kriminalroman gleiche] notwendigkeit des möglichkeiten ermessens (dreizehnter und vierzehnter takt), die sich, in einer auf eine fis-moll kadenz folgende durchführung, einzigartig und notwendig in einer neuen wirklichkeit entläd. eine viereinhalb takte umfassende wirklichkeit: eine eineinhalb taktige figur, deren sequenzierung [der figur] und eine eineinhalb taktige verflüssigung. schöpfung eines neuen wesens aus dem ausgehenden: evolutuion? die d-dur sinfonie geht ohne eine engführung weit über die wahrheit einer fuge hinaus, ein erstes, dass aus ihrem weisenden wort entspringt, geht in die wirklichkeit ein. die subdominantische reprise lässt im zweiten und dritten themeneinsatz den wandlungsvollziehenden oben beschriebenen takt"anhang" heraus, seine funktion des wendens wird nicht mehr länger benötigt: der dritte themeneinsatz ist in d-dur geschrieben, die sinfonie endet mit ihm.


      einspielungen:

      [Blockierte Grafik: http://ecx.images-amazon.com/images/I/61B54S5WRKL._SL500_AA300_.gif]

      wolfgang rübsam

      wolfgang rübsam entführt den hörer in eine (fast) stehende zeit, in eine zeit jenseits der alltäglich feststehenden, jenseits jener mit der wir rechnen,(und) jenseits jener der wir uns hingaben (und geben). ruhe und genau so viel gelassenheit (die zeit wird nicht zum botschafter des spotts missbraucht). stehenbleiben oder gehen? die geheimnisse der inventionen werden in der präsentierten langsamkeit respektvoll zusammengehalten, werden in ruhe geöffnet und angeschaut, ohne eile kommen die stimmen daher und verbinden sich zu einem wesen, dass (fast) schlafend, in den ramen seiner verhälltnisse ge(-)stellt, von einem ewigen zusammenhang träumt.



      [Blockierte Grafik: http://ecx.images-amazon.com/images/I/61X538T8M1L._SL500_AA300_.gif]

      andrás schiff

      scheinbar ohne den abdruck einer seele. eine andere herrlichkeit.
      anfangs dachte ich: gefühllos, war unzufrieden mit ihrer erscheinung. ich ging so weit, mir vorschläge von einem möglichen umbau zu machen, die einspielung aber anwortete mir: "es bleibt wie es ist", und offenbarte mir ihre form der gleichmäßigkeit. und dieser gleichmäßige ich-rückzug, in/mit dem sich alles abspielt, wurde immer mehr zu einer darbietung die aufgeblähte schatten vernichtete, gespenster vertreibend, tief und traumlos. jeden augenblick scheint schiff, ohne sich selbst zu sehen, die sich vermischenden stimmen als kraft der reinen musik in meinen kopf zu spielen.



      [Blockierte Grafik: http://ecx.images-amazon.com/images/I/51X1xQc7-vL._SL500_AA300_.jpg]

      dina ugorskaja

      dina ugorskaja leitet den trieb des erklingens um in ein zurückklingen in die partitur, als hätte sie geschlechtsverkehr mit ihr. zarter gleichberechtigter sex, kein pornografisches rumgeficke. dennoch: sie kann den bachschen klang beliebig benutzen, während sie der bachsche klang(körper) beliebig benutzt. als abbild dieser funktion entsteht ein kind losgelöster fixiertheit, welches eine benommenheit suggeriert, die dem betrachter die möglichkeit der hingenommenheit gibt (es ließ sich auf einem hügel portraitieren). voll freude eines eintretenden zukünftigen (am musikalischen lustspiel), spielt ugorskaja mit einer schimmernden undurchdringlichkeit säure auf den nervenbildschirm. ein rauschender bach (und tropfen auf tropfen).
      (cave: spielt nur bwv 772–786)



      [Blockierte Grafik: http://ecx.images-amazon.com/images/I/51b4pLRUygL._SL500_AA300_.jpg]

      glenn gould

      unabhängige hände im subjektiven spiel zweistimmiger sätze. nähe. als säße man neben gould, stünde vor dem klavier. und trotzdem ist es nicht das klavier welches man hört, es ist vielmehr der raum. eine nicht täglich aufkommende grundstimmung ist nötig um eine bereitschaft zu schaffen für ein eintreten in den dargebotenen raum. bin ich (einmal) nicht durch anschauung verengt, wodurch jede eigentliche erfahrung unterbunden wird, verschlägt es mir (erfüllt von der schwankenden atmosphäre des raums) das wort, denn dann hat diese interpretation nichts vom erneut-sagen des schon gesagten, sondern etwas ursprüngliches. gould spielt nach der idee einer zweiten handschrift bachs, die jeder zweistimmigen die dreistimmige gleicher tonart anheftete / anschloß. möchte gould beziehungen zwischen den stücken der gleichen tonart aufbauen? oder ist es einfach eine aberwitzige idee, ähnlich den gewählten zeitmaßen?
    • an was das wohl liegt, daß alle sechs bisher vorgestellten Einspielungen auf Pianoforte sind, vielleicht sogar im Zusammenschnitt mit Chopin (sic!) - und keine auf Cembalo oder gar Orgel...??? ?(
      (dochdoch: gibt's! Und nicht mal wenige...)
      Honoi soit &c... ;+)
      viele Grüße

      Bustopher


      Wenn ein Kopf und ein Buch zusammenstoßen und es klingt hohl, ist denn das allemal im Buche?
      Georg Christoph Lichtenberg, Sudelbücher, Heft D (399)
    • Vielen Dank für die interessante Einführung.

      ge-stell schrieb:

      titelinspirierend hat möglicherweise francesco antonio bonporti gewirkt: seine invenzioni a violino solo e basso continuo, op. 10, 1713, die lange zeit fälschlich in die kritische ausgabe der bach gesellschaft (als werk johann sebastian`s) aufgenommen waren, liegen in einer abschrift bachs vor. womit nicht gesagt werden soll, dass die bachschen inventionen sich bonporti´s op. 10 zum vorbild nahmen (klangbeispiel op. 10, no. 5: "http://www.youtube.com/watch?v=f_BrTjPBFC4").
      Statt dem erwähnten (ziemlich unrein gespielten :stumm: ) Klangbeispiel von Bonporti's op. 10, no 5 folgendes Klangbeispiel (des gleichen Werks, jedoch Violine mit Cembalo statt Violine mit Klavier) "http://www.youtube.com/watch?v=KoexwlDsTyo", bei 9:23.

      minuetto
      :wink:
    • ge-stell schrieb:

      wolfgang rübsam entführt den hörer in eine (fast) stehende zeit, in eine zeit jenseits der alltäglich feststehenden, jenseits jener mit der wir rechnen,(und) jenseits jener der wir uns hingaben (und geben). ruhe und genau so viel gelassenheit (die zeit wird nicht zum botschafter des spotts missbraucht). stehenbleiben oder gehen? die geheimnisse der inventionen werden in der präsentierten langsamkeit respektvoll zusammengehalten, werden in ruhe geöffnet und angeschaut, ohne eile kommen die stimmen daher und verbinden sich zu einem wesen, dass (fast) schlafend, in den ramen seiner verhälltnisse ge(-)stellt, von einem ewigen zusammenhang träumt.
      Das ist wirklich sehr schön beschrieben und gibt ziemlich exakt wieder, wie ich Rübsams Naxos-Orgel-Bach erlebe. Ob man so etwas mag oder nicht, steht freilich auf einem anderen Blatt.
    • Ich habe von nichts eine Ahnung; aber die Stücke sind zurzeit meine Lieblingsplatte: und zwar Gould, dann Alena Cherny (kann jemand etwas dazu sagen?). Etwas reingehört habe ich auch mal bei Youtube, wo es Chiara Massini spielt (Cembalo).
      Ich bin weltoffen, tolerant und schön.
    • kunnukun schrieb:

      Alena Cherny (kann jemand etwas dazu sagen?).
      Hier.

      Ihre Inventionen und Sinfonien habe ich im Nachgang dazu mit anderen Ohren gehört. Nichts Vordergründiges, nichts Aufgesetztes, grundehrliches authentisches Spiel - und dieser wundervolle Anschlag.

      Zu ihrer Bachliebe*:

      art-tv.ch/9485-0-Zurich-Film-Festival-2012-Appassionata.html


      kunnukun schrieb:

      Chiara Massini


      Chiara Massini hat es ebenfalls verdient, dass man für sie die Werbetrommel bemüht.

      * Ich ruf zu Dir, Herr Jesu Christ (Bach, Orgelbüchlein, BWV 639), aus Tarkowskis Solaris (Interpret ?( - Eduard Artemjev ?( )