HAYDN: Orlando Paladino – Ritter außer Rand und Band

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    • HAYDN: Orlando Paladino – Ritter außer Rand und Band

      "Orlando Paladino" ist Haydns beste Oper, daher muss mit ihr begonnen werden. Eigentlich müsste zunächst eine Inhaltsangabe kommen. Aus Zeitgründen verweise ich hier erst mal auf den "'http://www.dradio.de/dlf/sendungen/neueplatte/529912/']Deutschlandfunk".

      Die dort genannte Aufnahme ist übrigens sehr empfehlenswert.


      Thomas Deck
    • Am 20. November 2007 sah ich die Oper zum ersten Mal live, hier der Bericht:

      Haydns "Orlando Paladino" im Theater an der Wien unter Nikolaus Harnoncourt, Concentus Musicus.

      Ich war begeistert. Da stimmte alles, auch die Inszenierung (Keith Warner, ist der immer so gut?). Regietheater im Dienst der Sache (die "Skandal-Entführung" von Bieito fand ich zu aufgemotzt, zu absichtlich-provozierend, zu weit hergeholt). Das Orchester war absolut top. Der Oboist ist übrigens in Eva Mei (Angelica) verliebt, das war klar herauszuhören. Ich kann ihn verstehen, die Frau ist genial. Juliane Banse (Eurilla): Top. Absolut attraktive Frauen mit Ausstrahlung und auch schauspielerisch außergewöhnlich gut. Gesanglich Weltklasse (Eva Mei) oder zumindest herausragend (Juliane Banse) bis sehr gut (Elisabeth von Magnus als Alcina). Die Männer kaum schwächer (top: Kurt Streit als Orlando, Markus Schäfer als Pasquale, vor allem im 2. Akt; seine "Noten-Arie": göttlich). Ein Höhepunkt jagte den anderen. Man hatte den Eindruck, Haydn sei als Opernkomponist Mozart ebenbürtig. Liegt das an Harnoncourt, ist er ein Hexer? Ich muss ihn überreden, eine weitere Oper von Haydn aufzuführen.


      Thomas Deck

      PS: Der Abend war zwar nicht ganz billig (105 Euro), aber der Platz deutlich besser und das künstlerische Niveau höher als am 3.11. in der teureren Mailänder Scala (Così fan tutte).

      PPS: Ich weiß jetzt auch, warum ein Mitarbeiter der KOB meint, Haydns "Il mondo della luna" sei nicht geeignet für eine Aufführung in der heutigen Zeit. Es hat halt nicht jeder einen Harnoncourt.

      PPPS: Harnoncourt hat mich übrigens erhört, im Dezember (2009) wird - ebenfalls im Theater an der Wien - "Il mondo della luna" aufgeführt. Da muss man hin.
    • Welches ist die beste Haydn-Oper? Man liest da so allerlei. Ich zitiere aus dem Gedächtnis, was schon mal vorgeschlagen wurde:
      Lo speziale
      Il mondo della luna
      Orlando Paladino
      Armida
      L'anima del filosofo (Orfeo ed Euridice)



      Die sind alle sehr gut. Aber Orlando Paladino ist am besten. Das lässt sich ganz einfach begründen: Ich fühle mich von dieser Oper am besten unterhalten. Das ist wie beim Wein: Vielleicht ist er konzentriert, fruchtig, komplex, dicht, mineralisch, spannend, reintönig, langanhaltend... Am Ende muss er schmecken!

      Damit wir uns richtig verstehen: An Mozarts Così, Figaro und Don Giovanni kommt der Orlando nicht ganz ran. Aber ich stelle ihn knapp über die Entführung und die Zauberflöte. Und zwischen dem Orlando und Idomeneo liegen Welten, sorry. Es ist mir echt ein Rätsel, wie ein Idomeneo (gekünstelt, langweilig) häufiger aufgeführt werden kann als ein Orlando Paladino.

      Angeblich ist Haydn kein "Dramatiker". Na und, ist Dramatik alles?

      Hier noch mal aus der Rezension des Amazon-Users klauspeterbungert:

      "Haydn nimmt die ganze Gattung von der witzigen Seite. Ein gutmütiges Monsterding belebt er mit Monstern, die er augenzwinkernd ironisiert. Das ist eine freundlich subversive Auffassung des Genres, die unabhängig vorwärtsgewandt wirkt, keineswegs etwa als Vorlauf zu Mozart samt der dort zur Entfaltung kommenden sozusagen romantischen Auffassung, nach der Oper (Musik überhaupt) wie (vorgeblich) Psychoanalyse ein Verständnis des inneren Menschen entfalte wie nichts Drittes und läuternd, heilend, lindernd in die Lebensgestaltung des Einzelnen wie der Gemeinschaft eingreife. Eine nach meinem Dafürhalten absurde Annahme, die auch Haydn, hätte man ihn gefragt, in Bezug auf seine eigene Kompetenz, schmunzelnd verneint haben dürfte."
      ...
      "Haydn komponierte die Distanz zur Gattung Oper in seine Opern mit hinein - das müßte heute eigentlich eine große Erfolgschance bieten, wo es eine ganze Kultur der Skepsis und der ironischen Distanz spätestens seit Satie in der Musik gibt. Aber offenkundig wenig unter den klassischen Opernliebhabern. Da fällt mir ohnehin eine Tendenz zum Konservativen und auch zum Sentimentalen und Euphorischen auf.
      Statt sich auf Haydns Konzeption einzulassen (der hier so wenig wie sonst mit Mozart gemein hat), liest man immer wieder Vergleiche, die nichts anderes besagen, als daß er keine Mozartopern schrieb, ein Vergleich, der ähnlich danebenschießt wie Aussagen zu Schumanns Sinfonien, die nichts anderes besagen, als daß das keine guten Beethovensinfonien sind. Die Verteilung der Spannungselemente, die Anordnung der Teile zum Ganzen gelingt dem Klassiker wie dem späteren Kollegen auf eine unabhängige, eigenständige Weise geradezu fulminant."

      Da kann ich aus ganzem Herzen zustimmen. Und über die lustlose Rezension im hochgelobten Opernführer von Ulrich Schreiber nur den Kopf schütteln.

      Übrigens ist Orlando Paladino nicht nur witzig (eine der humorvollsten Opern, die ich kenne), sondern auch musikalisch sehr schön, d.h. auf mozartschem Niveau.

      Die beiden Aufnahmen (Dorati und Harnoncourt) halte ich für gleichwertig, Ulli möge es mir verzeihen. Dorati ist evtl. wichtiger, weil dort alle Rezitative drin sind und die Sängerbesetzung besser ist. Harnoncourt macht bei den Rezitativen einige Streichungen, die den Text tw. entstellen. Dafür ist er etwas mitreißender. Was nicht heißt, dass Dorati langsam oder gar langweilig wäre. Eigentlich ist er besser, d.h. als Aufnahme würde ich Dorati vorziehen, live dagegen Harnoncourt. Ich habe ihn ja Ende 2007 in Wien gesehen, das war eine meiner besten Opernaufführungen überhaupt.


      Thomas Deck
    • Hier der Bericht zur Premiere in Gießen (14.2.09):

      Eins ist jetzt klar: Der Orlando wird wieder ins Repertoire zurückkommen. Man wird hier ähnlich gut und auf ähnlich hohem Niveau unterhalten wie z.B. bei Così fan tutte und mit Sicherheit besser als beim Idomeneo oder gar bei Mozarts Frühwerken. Es wird Zeit, dass hier endlich die Verhältnisse wieder gerade gerückt werden.

      Allerdings: Haydn verlangt gute Regisseure. Er war ja selbst auch Regisseur, und zwar ein klarer Vertreter des modernen Regietheaters. Als Regisseur passte er knallhart die Opern an die lokalen Verhältnisse an. Entsprechend schrieb er seine eigenen Opern mit einer gewissen Offenheit, davon ausgehend, dass der Regisseur das passend umsetzen wird.

      Der Orlando spielt zur Zeit Karls des Großen (Kriege gegen die Mauren), das Werk von Ludovico Ariosto (Orlando furioso) entstand Anfang des 16. Jahrhunderts, Haydns Oper Ende des 18. Jahrhunderts. Es wäre also absurd, bei einer Inszenierung des 21. Jahrhunderts wieder in die Zeit Haydns zu gehen.

      Die Regisseurin von Gießen, Julia Riegel, setzte den Schwerpunkt auf die "Befindlichkeiten" der Akteure. Und so waren Eurilla und Licone keine Schäfer, sondern betrieben eine Art Wellness-Studio, in dem die gepeinigten Seelchen von Angelica, Medoro & Co. behandelt wurden. Im Wesentlichen natürlich erfolglos, so dass es Alcina vorbehalten war, in der Art moderner Fantasy-Video-Spiele die Sache zu einem guten Abschluss zu bringen.

      Die Inszenierung strotzte nur so von witzigen Einfällen, das war Unterhaltung pur. Gleichzeitig fiel immer wieder auf, wie gut auch Haydns Musik ist. Das ist auch musikalisch seine beste Oper (gefolgt von Armida).

      Allerdings darf man die Inszenierung nicht mit Hanoncourts Arbeit in Wien oder mit der Infedeltà delusa in Aix-en-Provence auf eine Stufe stellen: Es fehlte der große Rahmen, die klare Struktur der Gesamtanlage, und einige wenige Dinge waren auch weniger gut gelöst, z.B. die "Schlacht" im 3. Akt zwischen Orlando, Rodomonte und irgendwelchen Barbaren. Überhaupt hatte der 3. Akt (obwohl mit Abstand der kürzeste) gewisse Längen.

      Insgesamt war mein Eindruck (und der des Publikums) aber sehr positiv. Überragend für mich Henrietta Hugenholtz als Alcina: Extrem gut gespielt, mit Humor, Charme und Ausstrahlung. Danach kam Simone Schwark als Eurilla. Bei den Männern würde ich Ralf Simon als Orlando an die erste Stelle setzen, mit seinem "irren Blick". Schauspielerisch war Matthias Ludwig (Rodomonte) vielleicht sogar noch besser, aber stimmlich etwas matt. Mit August Schram als Pasquale wurde ich anfangs nicht so richtig warm, aber seine "Musik-Arie" im 2. Akt hat dann alles herausgerissen.
      Angelica (Petra van der Mieden): Ja, die sang auch gut. Aber die Rolle ist extrem schwer. Eigentlich vollkommen ernst, und doch muss sie sich in das komödiantische Grundgefüge einordnen. Eva Mei hatte das in Wien auf ideale Art gelöst: Eigentlich ernst, und doch mit Humor und sehr charmant, Weltklasse. So gut war Petra van der Mieden dann doch nicht, aber immer noch gut.

      Mit dem Orchester (Carlos Spierer) war ich ebenfalls zufrieden, Haydn kam da sehr gut rüber.

      Der Hammer: Die teuerste Karte kostete 27,50 Euro. In Wien kann man da Faktor 5 ansetzen, und 5 mal so gut war Harnoncourt dann doch nicht.

      Im Mai werde ich die Oper in Berlin unter René Jacobs sehen, da bin ich mal gespannt...


      Thomas Deck
    • In Berlin (Staatsoper) sind derzeit u.a. folgende Individuen tätig:

      Lowery, Nigel (Beruf: Regisseur)
      Jacobs, René (Beruf: Dirigent)
      Freiburger Barockorchester (Beruf: Musiker)

      Am 10.5.2009 habe ich nachgesehen, was die so tun: Sie waren gerade dabei, den Orlando Paladino aufzuführen. 2. Aufführung nach der Premiere.

      Also im Ernst: Ich war begeistert. Insbesondere von Dirigent+Orchester. Endlich verstehe ich, was HIP ("historically informed performace") im Ergebnis bedeutet: Man spielt die Sache so, wie man meint, dass sie zu Haydns Zeiten gespielt wurde. Also mit gewissen Freiheiten für Sänger, Pianist (der die Rezitative begleitet) und tw. auch Orchester. Dies zusammen mit der technischen Perfektion der Freiburger Truppe machte den Abend zu einem echten Erlebnis.

      Inhaltlich wurde das Stück nicht allzu sehr verfremdet, oder sagen wir so: Es wurde leicht abstrahiert. Aber die Grundaussagen (liebeskranker Orlando, liebendes/jammerndes Paar Angelica-Medoro, raffinierte Eurilla, etc.) wurden beibehalten. Insgesamt aber mit wesentlich klarerem roten Faden als in Gießen und auch mit mehr Komplexität. Im ersten Akt nahm ich Alcina nicht als eigenständige Person, sondern eher als zweites Ich von Angelica wahr. Später relativierte sich das.

      Kritik: Gewisse Längen im 3. Akt, aus zwei Gründen:
      - Das sehr schöne Duett Angelica/Medoro wurde vom 2. in den 3. Akt verlegt.
      - Alcina bekam eine zusätzliche Arie im 3. Akt ("Ragion nell'alma siede" aus "Il mondo della luna"), eine tolle und auch passende Arie, aber das Publikum war zu diesem Zeitpunkt nicht mehr so aufnahmefähig wie eine Stunde vorher. René Jacobs begründete das damit, dass Alexandrina Pendatchanska eine Luxusbesetzung für Alcina sei und deshalb zwei statt nur einer Arie benötige.

      Ja, die Pendatchanska war klasse. Wurde aber getoppt durch:

      Marlis Petersen (Angelica): Stimmlich die Nr. 1 des Abends. Und der schwierigen Rolle der Angelica vollauf gerecht werdend. Auf einem Niveau mit Eva Mei aus der Wiener Inszenierung.

      Sunhae Im (Eurilla): Das erste Mal, dass mich eine Asiatin begeisterte. Und wie. Was für eine Spielfreude. Schauspielerisch sicher unter den top 3 von allen Opern, die ich bisher gesehen habe. Unglaublich, wenn man dann liest, dass sie eigentlich eher Barockopern und geistliche Musik singt. Stimmlich ist sie natürlich auch voll auf der Höhe.

      Diese beiden und René Jacobs bekamen den meisten Applaus des begeisterten Publikums.

      Auch Tom Randle (Orlando) und Pietro Spagnoli (Rodomonte) überzeugten vollauf, sprich: Sie zeigten ebenfalls den Unterschied zwischen Gießen und Berlin auf. Victor Torres (Pasquale) steigerte sich nach und nach bis zum Höhepunkt mit seiner berühmten "Musik-Arie".

      Insgesamt setze ich den Abend auf eine Stufe mit der Harnoncourt-Inszenierung in Wien vor 2 Jahren.

      Nach wie vor setze ich den Orlando auf eine Stufe mit "Così fan tutte". Und Musik hin oder her: Er unterhält mich mehr als Mozarts Entführung.



      Thomas Deck

      PS: Als nächstes ist Wolfenbüttel dran: "www.kultursommer.wolfenbuettel.de"
      Premiere am 29. Mai (da bin ich), weitere Aufführungen: MO, 01.06; SA, 06.06.; FR, 12.06; DO, 18.06; SO, 21.06.09
    • Inhalt + Gedanken

      Es folgt eine Gang durch die Szenen der Oper, also eine Art Inhaltsangabe, und dazu ein paar Gedanken, basierend vor allem auf dem Führer Haydn: Orlando Paladino der französischen Reihe ('www.asopera.com')L'Avant-Scène Opéra. Diese Reihe umfasst übrigens knapp 200 Bände, davon leider nur einen zu einer Haydn-Oper.

      Zu den Personen und ihren Tonarten:

      Die Oper beginnt mit B-Dur (Ouvertüre) und endet in A-Dur (Schlusschor), die Stimmung geht also etwas frei interpretiert von „Würde“, „positives Denken“ (bis an die Grenze zur Prahlerei) zu „Liebe“.

      Orlando (fränkischer Ritter, unbesiegbar, leider unsterblich in Angelica verliebt und daher dem Wahnsinn verfallen) singt in Es-Dur („heroisch“, dann ist er ein Held) und in D-Dur („festlich/ausgelassen“, dann liebt er Angelica).
      Angelica schwankt zwischen D-Dur („festlich“, sie ist ja eine Königin) und A-Dur, der Tonart der Liebe.
      Medoro (Angelicas Geliebter, Weichling) hat keine feste Tonart, das entspricht entweder seinem schwachem Charakter oder seiner Anpassungsfähigkeit.
      Alcina (Zauberin bzw. gute Fee) singt in C-Dur („majestätisch, heiter, rein“): Sie hat die Fäden in der Hand und wendet alles zum Guten.
      Rodomonte (sarazenischer Ritter, ist nur auf Kampf und Ehre aus) singt in B-Dur, wie die Ouvertüre. Er behält seinen ursprünglichen Charakter (Ritter) die ganze Zeit bei.
      Pasquale (Orlandos Knappe, Angeber, Feigling, aber sympathisch) schwankt zwischen 3 Tonarten, er ist Opportunist.
      Eurilla (junge Schäferin) singt die ganze Zeit in G-Dur („ländlich, idyllisch, fröhlich“), also passend zum Beruf.


      Die Ouvertüre (B-Dur) hat einen leicht „verrückten“, ungestümen Charakter, für mich eine Anspielung auf Orlandos Geisteszustand und eine Vorwegnahme der durchaus chaotischen Handlung der Oper. Im Mittelteil wird es ruhig, fast lieblich, das entspricht eher Angelica.

      Erster Akt. Die Introduzione beginnt mit Eurillas Bekenntnis Il lavorar l’è pur la brutta cosa, was mich jedes Mal zum Schmunzeln bringt: „Das Arbeiten ist aber auch eine hässliche Angelegenheit“. In den Dialog mit ihrem Vater Licone platzt Rodomonte herein: Alto là! Alto là! Nessun si muova: sono offeso, e son sdegnato; sfido gl’astri, e sfido il fato a volermi contrastar. („Stopp! Keiner rührt sich! Ich bin beleidigt, bin empört. Ich trotze den Sternen und fordere das Schicksal zum Kampf.“) Es folgen witzige Dialoge, erst als Terzett, dann als Rezitativ. Die Einleitung legt ein beachtliches Tempo vor, fast an Don Giovanni erinnernd, ist aber kürzer, nicht ganz so dramatisch und weniger komplex.

      Eurillas Arie Ah se dire io vi potessi l’occhiatine e i dolci amplessi in G-Dur (wir sind im Schäfer-Milieu) ist ein erster Ruhepunkt, begleitet von der lieblichen Flöte. Die Arie strahlt angenehme Rokoko-Heiterkeit aus.

      Aber bald diktiert Rodomonte wieder die Stimmung: Temerario! Senti e trema: Sono il re di Barbaria (B-Dur). Man lernt dabei auch die Offelle kennen, ein Biskuitgebäck aus der Lombardei. So wie man die Offelle in kleine Stücke bricht, so will Rodomonte seine Feinde (Monster, Riesen, was immer ihm in die Quere kommt) zerbröseln. Weiterhin erklärt Haydn auch musikalische Fachausdrücke: Was ist ein Tremolo? Das kommt von tremare (zittern), das muss man spielen, wenn es ums Zittern geht: „Senti e trema“ = „Höre und zittere“.

      Stimmungswechsel: Mit dem Auftritt Angelicas (Palpita ad ogni istante il povero mio cor) in A-Dur und Mitwirkung der Flöte gewinnt die Liebe wieder die Oberhand. Am Ende ihres darauf folgenden Rezitativs will sie ihrer Not mit Hilfe eines Zauberbuches begegnen, und in der Tat erscheint die Zauberin (oder besser: gute Fee) Alcina. Vor ihrem Auftritt kommt ein kurzes Zwischenspiel von 20 Takten in c-Moll, welches in seiner Dramatik an das Terremoto der „7 letzten Worte“ erinnert. Nach kurzem Dialog mit Angelica singt Alcina eine Art neapolitanische Bravourarie in C-Dur: Ad un guardo, a un cenno solo si sconvolge il nero abisso. Abisso heißt Abgrund, außerdem ist von einem fulmine (Blitz) die Rede, und entsprechend stürzt das Orchester mehrfach lautmalerisch „in die Tiefe“.

      Es folgen Medoros Jammerarie Parto. Ma, oh dio, non posso in f-Moll (seinerzeit in Wien mit toller Pantomime von Medoro und Angelica) und Pasquales Auftritt La mia bella m’ha detto di no quando dire doveva di sì in E-Dur. Nett hierbei der Absturz über eine große Septime auf die letzte Silbe von morirò („ich werde sterben“). Anschließend ist tatsächlich sein Leben in Gefahr: Er wird von Rodomonte in Ermangelung eines richtigen Helden wie Orlando zum Duell gefordert. Pasquale kann das mit Mühe noch abwenden, da Eurilla erscheint und Rodomonte mitteilt, dass Orlando ihn suche – damit hat Rodomonte natürlich Besseres zu tun...

      Kaum ist Pasquale mit Eurilla allein, spielt er ihr gegenüber den Helden: Ho viaggiato in Francia, in Spagna, ho girato l’Alemagna, la Sassonia e la Turchia. Das Ganze in G-Dur, Eurillas Tonart: Er schleimt sich ein. Die Arie erscheint mit der schnellen Aufzählung vieler geografischer Namen wie ein Vorläufer von Leporellos „Registerarie“. Sie ist technisch schwierig, auf eine überzeugende Live-Aufführung warte ich noch...

      Dann geht das Liebesspiel zwischen Angelica und Medoro weiter. Angelica singt Non partir, mia bella face, resta, o caro, in queste arene, in D-Dur und wieder mit Beteiligung der Flöte und am Ende voller Koloraturen.

      Endlich kommt Orlando, und zwar gleich mit langem Accompagnato Angelica, mio ben, mio sol, mia vita, ove ti celi mai? und anschließender Arie D’Angelica il nome! Ma quando, ma come, ma dove sarà?, beides natürlich in Es-Dur.

      In zwei Rezitativen hat es Pasquale erst mit Rodomonte, dann mit seinem Chef Orlando zu tun. Die beiden letzteren haben sich mal wieder knapp verfehlt. Pasquale beklagt sich bei Orlando, er habe Hunger. Orlandos Antwort: I Cavalieri si pascono di gloria e di duelli. („Die Ritter nähren sich von Ruhm und von Duellen.“)

      Dann kommt auch schon das Finale des ersten Aktes. Es geht durch die Tonarten A-Dur (Orlando), D-Dur (Angelica, die hier ihren Flirt mit der Oboe beginnt, später Pasquale und Eurilla), B-Dur (Rodomonte), H-Dur (Medoro), G-Dur (Alcina), A-Dur (Eurilla, danach die anderen ohne Orlando, dann Orlando). Rodomonte flippt mittlerweile auch aus und wird daher von Alcina in einen Käfer verwandelt. Orlando spinnt noch mehr, Alcina zaubert ihn in einen Käfig. Die immer turbulentere Handlung endet – immer noch in A-Dur – mit dem treffend zusammenfassenden Chor:
      In un mare pien di scogli al soffiar dell’aquilone senza bussola e timone vengo il porto ad afferrar. („In einem Meer voller Klippen, beim Brausen des Nordwindes, ohne Kompass und Steuer, suche ich den Hafen.“) Ein überzeugender Aktschluss.



      Der zweite Akt beginnt mit einem witzigen Rezitativ: Orlando und Rodomonte stehen kurz vor der ersehnten Rauferei: Stringi tosto quel brando („Zücke sofort dein Schwert“) – Forsennato! („Wahnsinniger!“), werden aber leider von Eurilla unterbrochen, welche Angelicas Flucht bekannt gibt: Di fuggir con Medoro in questo punto Angelica s’affretta. Orlando gerät außer sich vor Wut: Perfidissima donna!, wie kann sie es wagen, vor ihm zu flüchten. Das Duell mit Rodomonte ist jetzt zweitrangig, er lässt ihn einfach stehen und stürzt Angelica nach. Das wiederum erzürnt Rodomonte, der daher Eurilla zur Schnecke macht. Er reagiert sich mit einer Arie in e-Moll ab: Mille lampi d’accese faville vibrerà questo bellico acciaro. („Tausend Blitze feuriger Funken wird dieses kriegerische Schwert entfachen.“)

      Nach einem Dialog mit Eurilla singt Medoro eine herzzerreißende und wirklich schöne Arie in Es-Dur: Dille che un infelice, un sventurato amante, in mezzo a queste piante il misero perì. („Sag ihr, dass ein unglücklicher Liebender, dass ein Elender inmitten dieses Waldes starb.“)

      Vittoria, vittoria! – Pasquale fängt jetzt auch an zu spinnen: In seiner Kavatine prahlt er mit schmetternden Trompeten, die den „Ruhm des großen Pasquale“ besingen sollen. Die Musik wirkt kriegerisch, die Tonart c-Moll entlarvt ihn aber: c-Moll stand im 18. Jahrhundert für Liebe, Zärtlichkeit, Schmachten, Sehnen. Tatsächlich kommt Eurilla hinzu und erschreckt Pasquale aus Spaß – und da ist es auch schon aus mit seinem Heldenmut. Stattdessen entwickelt sich ein Flirt der beiden, und die Szene endet mit dem herrlichen Duett in B-Dur Quel tuo visetto amabile proprio mi fa languir, einer der Höhepunkte der Partitur. Man wird erinnert an Zerlina und Masetto, an Papagena und Papageno und sogar an Là ci darem la mano.

      Stimmungswechsel. Angelica singt ihre innige Arie Aure chete (D-Dur), die mich an die Gräfin in Figaros Hochzeit erinnert. Dabei flirtet der Oboist die ganze Zeit mit Angelica.

      Nach kurzem Auftritt von Alcina will sich Angelica in einem Accompagnato (F-Dur mit vielen Modulationen) ins Meer stürzen, da erscheint zum Glück der tot geglaubte Medoro. Die Szene endet in dem herrlichen Duett Qual contento io provo in seno in A-Dur, bei dem ein Thema des vorherigen Accompagnatos wieder aufgenommen wird. Die Schönheit der Musik erinnert an einen gewissen Bellini.

      Die beiden wollen fliehen, aber man kennt das ja: Statt zu handeln, wird erst mal gelabert, und es kommt, wie es kommen muss, sie werden von Orlando gefunden: Dal seno imbelle voglio svellerti il core. („Aus deiner verzagten Brust will ich dir das Herz herausreißen.“) Zum Glück schreitet Alcina ein: Sie befiehlt Orlando, die beiden in Ruhe zu lassen, und bekräftigt dies mit dem Herbeizaubern von wilden Monstern. Orlando kommentiert dies mit einem dramatischen Accompagnato (Es-Dur), bei dem Haydn seinen Hang zu lautmalerischer Begleitung ausleben kann. Orlandos anschließende Arie Cosa vedo! Cosa sento! ist überraschenderweise ebenfalls in dem „heroischen“ Es-Dur, obwohl er sich gerade ziemlich fürchtet. Das hat sich der irakische Informationsminister ("http://de.wikipedia.org/wiki/Muhammad_as-Sahhaf') während des letzten Irak-Krieges zum Vorbild genommen: Haltung bewahren bis zum Schluss.

      Es wird mal wieder Zeit für Eurilla und Pasquale. Pasquale wirbt jetzt ernsthaft um sie, und seine folgende „Musikarie“ in D-Dur Ecco spiano erzielt bei jeder Live-Aufführung den größten Effekt. Das ist einfach genial, wie er die verschiedenen musikalischen Elemente (Triller, Arpeggio, Staccato, Synkopen, Furioso, Andantino, Gruppetto, Kontrapunkt, etc.) beschreibt, natürlich von Haydn passend mit Musik untermalt. Ein echtes Bravourstück, bei dem das Publikum regelmäßig in Begeisterungsstürme ausbricht.

      Finale 2. Akt. Alcina hat alle in ihre Zauberhöhle beordert. Orlando soll endlich kuriert werden. Eben dieser beginnt: Nel solitario speco, ove ha ricetto Alcina, porto lo sdegno meco, la rabbia ed il furor. („In der einsamen Höhle, wo Alcina ihren Unterschlupf hat, bringe ich meine Empörung mit mir, meine Wut und meine Raserei.“) Er singt in C-Dur, Alcinas Tonart. Ihr Einfluss wirkt. Pasquale wird vorgeschickt, er soll Alcina sagen, dass Orlando mit ihr zu reden hat. Pasquale hat große Angst. Die Szene erinnert stark an das Finale von Don Giovanni, jetzt wissen wir endlich, wo Da Ponte abgekupfert hat.

      Als Alcina endlich erscheint, wechselt Orlando in „seine“ Tonart Es-Dur. Das Gespräch verläuft recht hitzig, und am Ende wird er in einen Stein verwandelt. Leporello – ich meine natürlich: Pasquale zittert wie Espenlaub und kommentiert die Szene in c-Moll.

      Mit dem Erscheinen von Angelica und Medoro (und kurz danach Eurilla) geht das Ganze in A-Dur weiter, logisch. Nach einigem Hin und Her – inzwischen ist auch Rodomonte hereingepoltert – fragt Alcina, was denn nun mit Orlando geschehen solle: Eurilla und Pasquale plädieren für „Stein“, aber die edle Angelica will keine Rache. Und Rodomonte braucht ihn als Gegner im Kampf. Die demokratische Abstimmung endet somit 3:2 (Medoro hat nichts zu melden, seine Stimme schlage ich Angelica zu), also wird Orlando wieder in einen Menschen zurückverwandelt. Er beginnt sein neues Leben in F-Dur (Dove son? Qual densa nube tutta offusca i pensier miei?) und geht dann über in f-Moll („höchster Ausdruck des Schmerzens“, laut einer Internet-Quelle). Rodomonte fordert ihn unverzüglich zum Kampf (in F-Dur). Und schon rastet Orlando wieder aus und bedroht alle. Alcina hat jetzt die Faxen dicke: Sie lockt ihn tiefer in die Höhle, Orlando folgt ihr, und die Höhle bricht hinter ihm zusammen. Alcina taucht wieder auf, so dass alle, angeführt von ihr, das Geschehen kommentieren können: I nostri plausi lieti a noi ripete l’eco e fa codesto speco d’evviva risuonar. („Unseren fröhlichen Beifall wiederholt das Echo und lässt diese Höhle von Hochrufen widerhallen.“)



      Dritter Akt. Das Orlando-Problem ist immer noch nicht gelöst. Wird es Alcina endlich gelingen, Orlando von seinem Wahnsinn zu befreien? Ja! Dank Caronte, dem Fährmann zur Unterwelt, den sie aufsucht. Dieser beginnt den Akt mit einer sehr schönen Bass-Arie im festlichen D-Dur: Ombre insepolte, di qua partite; il passo a Dite dar non si pùo. (Flapsig übersetzt: „Haut ab, ihr habt hier nichts verloren.“) Man erkennt also schon an der Tonart, dass meine Übersetzung stilistisch falsch ist: Die Arie strahlt Gelassenheit und Würde aus.

      Alcina fordert Caronte auf, ihr einen Gefallen tun: Er soll Orlandos Stirn mit dem Wasser des Vergessens besprengen. Orlando wacht auf – noch unbehandelt – und verleiht in einem Accompagnato in A-Dur und einer Arie in E-Dur (er scheint verwirrt) seiner momentanen Ratlosigkeit Ausdruck: Miei pensieri, dove siete? („Meine Gedanken, wo seid ihr?“)

      Caronte führt seinen Auftrag mit einem Accompagnato aus: L’irremeabil onda infonda nel tuo core il senno che perdesti. (Einfach übersetzt: „Dieses Wasser bringt dich wieder zur Vernunft.“) Er singt ebenfalls in E-Dur. Man kann diese von beiden gewählte Tonart als maximal entfernt zu Orlandos üblichem Es-Dur deuten: Jetzt hat er sich wirklich geändert.

      Szenenwechsel: Angelica und Medoro (sie wollten eigentlich schon seit Tagen fliehen, aber man kennt das ja) werden von Wilden überfallen. Das ist die Gelegenheit für die gerade dazukommenden Orlando und Rodomonte, ihren Heldenmut zu beweisen, endlich haben sie jemanden zum Raufen. Haydn kommentiert das mit einer witzigen „Kampfmusik“ (Combattimento) in D-Dur.

      Angelica blickt nicht ganz durch: Sie hält Medoro einmal mehr für tot und beklagt dies in einem Accompagnato und einer Arie in B-Dur: Implacabili numi! Alfin contenti una volta sarete? („Unversöhnliche Götter, seid ihr jetzt endlich zufrieden?“) – Dell’estreme sue voci dolenti odo il suon che d’intorno mi freme. („Von seinen letzten Worten höre ich den Klang, der um mich herum rauscht.“) Sie benutzt nicht mal eine ihrer beiden üblichen Tonarten A-Dur (Liebe) oder D-Dur (königlich).

      Aber Alcina klärt alles auf: Medoro lebt. Rodomonte kommt von der Schlacht zurück: Die Feinde sind alle gemetzelt, durch ihn und seinen neuen Freund Orlando. Man könnte das übrigens in einer modernen Inszenierung als Verbrüderung zwischen Europäern und Moslems deuten, fällt mir gerade ein. Als Feind vielleicht die Taliban oder so.

      Orlando versöhnt sich mit allen, und die Oper endet mit einem gelungenen Vaudeville (in A-Dur, die Liebe hat gesiegt): Jeder tritt einzeln hervor und zieht sein persönliches Fazit, dazwischen singen jeweils alle im Chor. In Live-Aufführungen sieht man dem Ensemble immer an, welchen Spaß sie mit dieser Oper hatten. Das Fazit ist einmal mehr eine Absage an die Lebensauffassung des Barock:

      Se volete esser felici, riamate ognor chi v’ama con candor senz’artifici, e contento il cor sarà. („Wenn ihr glücklich sein wollt, erwidert immer die Liebe der anderen mit Reinheit und ohne Künstelei, dann wird das Herz zufrieden sein.“)


      Thomas
    • Gerüchteweise (vgl. "http://go-ton.de/2009/05/05/orlando-paladino/") soll ja die Berliner Produktion auf DVD erscheinen - weiss jemand Näheres? Ich für meinen Teil würde ja sofort kaufen, nicht zuletzt weil Marlis Petersen mMn nach wie vor unterrepräsentiert ist, was Aufnahmen angeht...
    • thdeck schrieb:

      Rodomonte (sarazenischer Ritter, ist nur auf Kampf und Ehre aus) singt in B-dur, wie die Ouvertüre. Er behält seinen ursprünglichen Charakter (Ritter) die ganze Zeit bei.
      Das klingt, als wäre Rodomonte edel, abgeklährt, ehrwürdig und ernst.
      Rodomonte ist aber der schrulligste und wahnsinnigste Operncharakter, den ich kenne. Und vielleicht der, der mich spontan am meisten begeisterte.
      Er will nur eines: Ein Gemetzel! Sobald die Handlung in Gang kommt, sich verliebt wird oder ähnliches, kommt er und will wahllos alle Anwesenden umbringen. Dann singt er eine Arie, während dessen fliehen die Bedrohten. Und so zieht es sich durch die ganze Oper. Ein richtiger Running Gag! (Gibt es andere Opern mit Running Gags?) Das ist von einer Komik, wie ich sie in keinem anderen Bühnenwerk erlebt habe!

      (Dieser Beitrag basiert auf einem ersten flüchtigen Eindruck der Oper nach zweimaligem Hören der Harnoncourt-Aufnahme, und sollte nicht wissenschaftlich oder als Interpretation aufgefasst werden.)
    • Falstaff schrieb:

      thdeck schrieb:

      Rodomonte (sarazenischer Ritter, ist nur auf Kampf und Ehre aus) singt in B-dur, wie die Ouvertüre. Er behält seinen ursprünglichen Charakter (Ritter) die ganze Zeit bei.
      Das klingt, als wäre Rodomonte edel, abgeklährt, ehrwürdig und ernst.
      Rodomonte ist aber der schrulligste und wahnsinnigste Operncharakter, den ich kenne. Und vielleicht der, der mich spontan am meisten begeisterte.
      Er will nur eines: Ein Gemetzel! Sobald die Handlung in Gang kommt, sich verliebt wird oder ähnliches, kommt er und will wahllos alle Anwesenden umbringen. Dann singt er eine Arie, während dessen fliehen die Bedrohten. Und so zieht es sich durch die ganze Oper. Ein richtiger Running Gag! (Gibt es andere Opern mit Running Gags?) Das ist von einer Komik, wie ich sie in keinem anderen Bühnenwerk erlebt habe!

      (Dieser Beitrag basiert auf einem ersten flüchtigen Eindruck der Oper nach zweimaligem Hören der Harnoncourt-Aufnahme, und sollte nicht wissenschaftlich oder als Interpretation aufgefasst werden.)
      Sagen wir so: Rodomonte wird bei Harnoncourt als Rolle genau wie von dir geschildert angelegt. Das hat durchaus Sinn, und mir gefällt das fast am besten. Dennoch erscheint Rodomonte in jeder Inszenierung etwas anders, wenn man den Text selektiv liest. Beispiele für "Ehre, Ritterlichkeit" (ich bringe sie der Einfachheit halber gleich in deutsch):

      Erste Szene:
      "Angelica, wo ist sie? Was tut sie, was sagt sie, was denkt sie, was überlegt sie?"
      ...
      "Ich gehe, um sie zu trösten." (bei Harnoncourt gestrichen)

      Finale 1:
      "Zittert nicht, meine Tapferkeit verteidigt euch."

      12. Szene (2. Akt):
      "Wo ist Angelica? Wohin ist sie gegangen? Vergeblich wurde sie bisher von mir gesucht."

      Letzte Szene (3. Akt), d.h. sein Fazit:
      "Keinen Tiger und keinen Panther habe ich in der Berberei [das ist Rodomontes Königreich in Nordafrika] gesehen, der in der Liebe hart gewesen wäre, und der nicht wenigstens Mitleid gefühlt hätte."


      Wie gesagt: Haydns Figuren sind variabel angelegt. Der Regisseur darf entscheiden...


      Thomas Deck
    • Premiere in Wolfenbüttel

      Am Freitag, 29. Mai hatte das Stück Premiere im Innenhof von Schloss Wolfenbüttel (die Stadt ist übrigens überraschend schön). Dargeboten wurde das Ganze vom Staatstheater Braunschweig.

      Es gab Licht und Schatten. Mein Hauptkritikpunkt: Insgesamt zu eindimensional. Das kann man zwar auch wörtlich nehmen (die Bühne bestand nur aus ca. 6 Stellwänden, die eine Landschaft mit See ergaben und die von den Darstellern hin und wieder bewegt und umgestellt wurden), aber ich fand auch die Rollen und die Handlung zu einfach angelegt. Eigentlich ging es nur darum, dass diverse Paare eine komplizierte, meist einseitige Liebesbeziehung haben: "Irrungen und Wirrungen in der Liebe". Gehen wir die Rollen durch:

      Angelica (Simone Lichtenstein): Definitiv zu simpel gestrickt, da schmerzte es besonders. Sie versuchte die ganze Zeit, meist vergeblich, Medoro auf sich aufmerksam zu machen und fiel dabei ständig in Ohnmacht. Das wird der Komplexität dieser Frau nicht im entferntesten gerecht. Überdies hatte die Darstellerin keine Möglichkeit, schauspielerisch etwas zu machen. Konnte oder durfte sie nicht? Ihre Stimme war eigentlich gut.

      Rodomonte (Henryk Böhm): Auch er zu einfach. Der unnahbare Ritter, von Eurilla vergeblich begehrt.

      Orlando (Thomas Blondelle): Gefiel mir sehr gut. Klare, extrem textverständliche Stimme, ausdrucksvolle Rollengestaltung. Ok, die Rolle: Kein wilder Rabauke, kein wahnsinniger Liebhaber, sondern ein verstörter Mensch. Mit der Idee kann ich mich zwar nicht anfreunden, sie wurde aber vom Darsteller sehr gut umgesetzt. Der Mann ist gut.

      Medoro (Tobias Haaks): Seufz. Er spielte eine Art künstliche "Barockpuppe", verweichlicht, gepudert, mit Perrücke. Einfach zu lächerlich. Er sang aber gut.

      Eurilla (Rebecca Nelsen): Neben Orlando die beste des Abends, die war wirklich klasse. Stimmlich sehr gut, schauspielerisch klar die beste. Verliebt in Rodomonte und von Pasquale nur mit Mühe herumzukriegen. Geschafft hat er es mit was wohl: Natürlich mit der Musik-Arie ("Ecco spiano", auf deutsch).

      Pasquale (Malte Roesner): Schauspielerisch sehr gut, stimmlich phasenweise etwas leise, insgesamt aber im positiven Bereich, er und Eurilla gaben ein gutes Paar ab.

      Alcina (Sarah Ferede): Das war nun wirklich bedauerlich. Sie hat sich eigentlich gar nicht bewegt, die Ausstrahlung war damit gleich Null. Wenn ich da an Henrietta Hugenholtz (Alcina in Gießen) denke...

      Die Oper wurde, ähnlich wie in Gießen, auf deutsch gespielt, aber mit neuer, moderner Übersetzung. Beispiele:
      "während wir uns verdünnisieren"
      "... macht mich zur Schnecke"
      Und vieles mehr. Wirklich witzig. Leider akustisch oft nicht verständlich, schade.

      Es wurde viel gestrichen und umgestellt. Von der Idee her und als Alternative ist das durchaus akzeptabel, aber der Spannungsbogen im 3. Akt ließe sich auch anders aufrecht erhalten.

      Auch die Grundidee (Liebe) ist ok, aber das kann man deutlich komplexer anlegen.

      Die Zugnummern waren die üblichen:

      "Quel tuo visetto amabile"
      Hier mit der interessanten Lösung, dass die "ah", "eh", "ih", etc. von Pasquale keine Liebesseufzer, sondern Schmerzensschreie in der Auseinandersetzung mit Eurialla waren. Das war gut gemacht.

      "Ecco spiano" (Musikarie)
      Leider mit teilweise etwas verwaschenem Orchester.


      Insgesamt war es wie üblich ein unterhaltsamer Abend, aber Gießen gefiel mir - trotz fehlendem roten Faden - einfach besser. Wien und Berlin laufen eh außer Konkurrenz.


      Thomas Deck
    • thdeck schrieb:

      Sagen wir so: Rodomonte wird bei Harnoncourt als Rolle genau wie von dir geschildert angelegt.
      Es freut mich, dass mein Ersteindruck Hand und Fuß hat :juhuu: (damit meine ich: von jemandem, der viel mehr Ahnung hat als ich, bestätigt wird).


      thdeck schrieb:

      Dennoch erscheint Rodomonte in jeder Inszenierung etwas anders, wenn man den Text selektiv liest.
      Kennt jemand eine Aufnahme, die (in Bezug auf Rodomonte aber auch im Übrigen) eine völlig andere Lesart bietet als die Harnoncourt-Einspielung?

      thdeck schrieb:

      Wie gesagt: Haydns Figuren sind variabel angelegt. Der Regisseur darf entscheiden...

      Mein Eindruck bezieht sich ja nur auf das HÖREN der Oper. Ich finde es faszinierend, wie gegensätzlich man Opern - und insbesondere deren Charaktere - auch ohne die Mittel der Inszenierung, nur mit stimmlicher Interpretation, angehen kann.
    • Lieber Thomas,

      zuerst einmal vielen Dank für Dein unermütliches Werben. Von Mal zu Mal macht mir der Orlando Paladino mehr Spaß (ich kenne nun neben dem TV-Mitschnitt unter Jacobs einen Radiomitschnitt unter Spierer und die Einspielung unter Harnoncourt). Über Gleich- oder Ungleichwertigkeit mit der Così sollte man sich gar nicht streiten - diese Oper Haydns braucht den Vergleich nicht, sie steht gut genug für sich selbst. Vor allem von der Jacobs-Aufführung bin ich begeistert. (Den Dorati werde ich mir nachladen, ich habe gerade bei joc gesehen, dass es mit



      ein preiswertes Angebot in Sachen Dorati gibt)

      Liebe Grüße Peter
      .
      Auch fand er aufgeregte Menschen zwar immer sehr lehrreich, aber er hatte dann die Neigung, ein bloßer Zuschauer zu sein, und es kam ihm seltsam vor, selbst mitzuspielen.
      (Hermann Bahr)
    • Hallo Peter, das ist ein wirklich interessantes Angebot: 20 CDs für 40 Euro. Bisher gab's diese 8 Opern aufgeteilt in 2 Boxen zu je ca. 40 Euro. Diese sind aber ohne Libretti. Es wäre schön, wenn diese in der Komplett-Box enthalten wären, ich glaub's aber nicht...

      Jedenfalls würde mich interessieren, wie du den Unterschied zwischen Harnoncourt und Dorati siehst. Die Frage geht natürlich an alle.

      Thomas Deck
    • Hallo zusammen,

      von dieser Oper ist eine neue Aufnahme erschienen:



      Eine Produktion der Staatsoper Berlin, in der Regie von Nigel Lowery und Amir Hosseinpour. Es spielt das Freiburger Barockorchester unter René Jacobs.

      Das klingt ja alles sehr vielversprechend. Kennt die schon jemand?

      Viele Grüße,

      Melanie
      With music I know happiness (Kurtág)
    • mela schrieb:



      Eine Produktion der Staatsoper Berlin, in der Regie von Nigel Lowery und Amir Hosseinpour. Es spielt das Freiburger Barockorchester unter René Jacobs.

      Das klingt ja alles sehr vielversprechend. Kennt die schon jemand?

      Das ist die Inszenierung aus Berlin, von der ich weiter oben kurz berichtet habe, live war das sehr gut. Ich geh mal stark davon aus, dass die "Stars" der Berliner Inszenierung auch auf der CD gut rauskommen. Interessant wäre der direkte Vergleich mit der Harnoncourt-Aufnhame. Bei der CD ist es ganz nett, dass (vermutlich) die Arie Ragion nell'alma siede dabei ist, die gehört eigentlich zu Il mondo della luna, aber René Jacobs wollte unbedingt noch Alexandrina Pendatchanska (Alcina) besser zur Geltung bringen.


      Thomas

      PS: Ich sehe gerade, es ist eine DVD. Umso besser.
    • Analyse: Quel tuo visetto amabile

      Es folgt mein zweiter Versuch, eine Haydn-Arie zu beschreiben. Das Ziel, dem "klassischen Stil" näher zu kommen, verfehle ich dabei: Das Duett ist wesentlich einfacher aufgebaut. Vielleicht kann jemand mit Fachbegriffen aushelfen, wo mir diese fehlen...

      Zweiter Akt, Nr. 16: Duett Eurilla-Pasquale (B-Dur) Quel tuo visetto amabile
      2/4-Takt, Allegretto

      Quel tuo visetto amabile ........ Dein liebliches Gesichtchen
      proprio mi fa languir. .............. lässt mich wirklich schmachten.
      Sento nel petto un spasimo ... Ich fühle in meiner Brust ein Zucken,
      che non lo so ridir. ................. das ich nicht beschreiben kann.

      Ma tu furbetto sì graziosetto ..... Aber du hübsches Schlitzohr
      ben lo comprendi; .................... verstehst es gut;
      meglio l'intendi ........................ du ahnst besser [als ich],
      che voglio dir. .......................... was ich sagen will.

      Ah! - Tu sospiri! - Eh! - Tu mi miri! - Ih! - Mi vuoi bene? - Oh! - Non tardar.
      Du seufzst! - Du schaust mich an! - Hast du mich gern? - Keine Zeit verlieren.
      [Bisher alles von Eurilla gesungen, Pasquale beschränkt sich auf Ah! Eh! Ih! Oh! ]

      Pasquale:
      Il cavollo ed il padrone
      per amore in conclusione
      non si possono frenar.

      Schlussendlich lassen sich weder das Pferd noch der Herr durch Liebe zügeln.

      Eurilla:
      Per amore in conclusione
      più mi sento ad infiammar.

      Schlussendlich fühle ich mich durch Liebe immer mehr entflammen.


      Hörbeispiele:

      René Jacobs, Staatsoper Berlin (Sunhae Im - Victor Torres)
      "http://www.youtube.com/watch?v=ttASwoTXf0I"
      Start: 0:53
      Mittelteil: ab 2:00
      Presto: ab 3:33

      Dorati-Aufnahme (Elly Ameling - Domenico Trimarchi)
      "http://www.youtube.com/watch?v=hPz_ZMwFbhw"
      Start: 0:00
      Mittelteil: ab 1:08
      Presto: ab 2:41
      (Anschließend kommt eine weitere Glanznummer dieser Oper, die "Musik-Arie", die ebenfalls noch einer Analyse harrt.)


      Schubart (1784/85) verbindet die Tonart B-Dur mit den Begriffen "heitere Liebe, gutes Gewissen, Hoffnung, Hinsehnen nach einer bessern Welt". Das passt absolut zu der Flirt-Szene zwischen Eurilla und Pasquale, zu der das Duett gehört.

      Der Aufbau ist recht einfach, liedartig: Der Refrain ist 8 Takte lang, der Nachsatz 4 Takte, so dass eine Struktur A-B-A ensteht. Man ist tatsächlich an eine Art Volkslied erinnert, insbesondere denke ich an den 2. Satz der "Sinfonie mit dem Paukenschlag".

      Komplett sieht die Sache so aus:

      A (8 Takte - Orchester)
      A (8 Takte - Quel tuo visetto ... non lo so ridir.)
      B (4 Takte - Quel tuo visetto amabile proprio mi fa languir.)
      A (4 Takte - Sento nel petto un spasimo che non lo so ridir.)
      B (6 Takte - Quel tuo visetto amabile proprio mi fa languir.)
      A (3 Takte - Sento nel petto un spasimo che non lo so ridir.)

      C (9 Takte - Ma tu furbetto ... che voglio dir.)
      [Dies ist der Mittelteil, bei dem ich mir mit der Tonart nicht sicher bin, der Rest ist komplett in B-Dur.]

      Jetzt muss eine leichte Änderung kommen, hier in Form von Pasquales Einwürfen (ansonsten wird der Text nur von Eurilla gesungen):
      A (8 Takte - Ah! - Tu sospiri! - ... - Non tardar. - Ah!)
      B (4 Takte - Tu sospiri! - ... - Non tardar.)
      A (8 Takte - Quel tuo visetto amabile ... Ah! Eh! Ih! Oh! Uh!)
      B (4 Takte - Quel tuo visetto amabile proprio mi fa languir.)
      A (10 Takte - Ah! - Tu sospiri! -... - Non tardar.)

      Die letzten beiden Takte sind schon die Überleitung in das folgende Presto (ebenfalls B-Dur). Auch dieses ist 3-teilig:

      AA (8 Takte) - AA' (10 Takte) - BB (8 Takte) - AA (12 Takte) - Orchesternachspiel (9 Takte)

      In den AA-Teilen singen Pasquale und Eurilla ihren jeweiligen Text als Duett, wobei Eurilla erst mit Pasquales zweiter Zeile einstimmt. Im BB-Teil wird aus dem ersten Teil des Duetts zitiert.

      Insgesamt umfasst das Allegretto 76 und das Presto 47 Takte. Es wäre genial, wenn jemand die Grundform dieses Duetts mit dem passenden Fachausdruck benennen könnte.

      Meine Beschreibung klingt leider etwas trocken, aber dieses Stück strahlt einen unvergleichlichen Reiz aus. Auf der Bühne ist das regelmäßig eine Glanznummer, selbst in kleineren Häusern.


      Thomas
    • Hallo zusammen!

      Anscheinend wird der Orlando Paladino bald konzertant in Brüssel gegeben. R. Jacobs kehrt mit einer teils identischen Besetzung wie bei oben erwähnter Produktion zurück.

      Ich frage mich aber dann doch, wieso Jacobs beide Tenöre mit einem Bariton besetzt. Pasquale wurde ja bereits in Berlin von Victor Torres gesungen und nun besetzt er den Orlando mit St. Degout.



      Nur das mich niemand falsch versteht: Ich finde seine Entscheidungen nicht schlecht (Degout hat ja eine Stimme, die auch ins Tenorfach weisen könnte, mit Pelleas im Repertoire), mich nähme nur wunder wieso er so besetzt. Also was er sich künstlerisch dabei erhofft. Schliesslich macht Jacobs ja alles aus bestimmten Gründen, da ist selten was dem Zufall überlassen.



      Hoffentlich wird das Ganze auch übertragen. Sonst freue ich mich weiterhin an oben erwähnter DVD.

      Liebe Grüsse
    • Orlando Paladino in Drottingholm

      Komme gerade aus der Auffuehrung in Drottningholm (bei Stockholm). Das dortige Schlosstheater stammt bekanntlich aus Haydns Zeit. Sehr stimmungsvoller Rahmen, Orchester mit Orginalinstrumenten, historische Buehnentechnik: Man fuehlt sich wirklich in Haydns Zeit versetzt. Leider aber auch mit einer sehr konservativen Inszenierung, d.h. wenig Aktion auf der Buehne und keinerlei Anpassung an die kulturellen Hintergrund des heutigen Publikums.

      Die Truppe hat das aber weitestgehend durch starke Leistungen ausgeglichen, allen voran das Orchester (Leiter: Mark Tatlow). HIP auf mitreissende Art, "Haydn pur", mit Lautmalereien, Tempowechseln, freier Gestaltung an vielen Stellen. Am Anfang (Duett Eurilla-Licone, dann Rodomonte) noch etwas hölzern, dann kam aber immer mehr Spielfreude auf. Sehr starke Angelica (Kirsten Blaise), getoppt nur noch von Pasquale (Daniel Ralphsson), der u.a. die "Geografie-Arie" hervorragend gebracht hat. Seine "Musik-Arie" war natuerlich ebenfalls ein Bringer. Er bekam den meisten Beifall, gefolgt von Angelica und dem Dirigenten. Er hatte bei dieser Inszenierung in seiner Rolle die meisten Gestaltungsmöglichkeit, und die wusste er perfekt zu nutzen. Insgesamt glänzte aber das ganze Ensemble durch eine tolle Spielfreude. Das Publikum war phasenweise begeistert. Natuerlich wurde auch das Duett "Quel tuo visetto amabile" (Analyse s.o.) hervorragend gebracht.

      Hinterher dann das: Bus zurueck nach Stockholm. Der will gerade losfahren, da kommt so eine Blondine angerannt und darf auch noch mitfahren. Zufaelligerweise steht sie im Bus dann neben mir. Und wer war's: Angelica!!! D.h. die genannte Kirsten Blaise. Erkannte gleich meinen Akzent, nachdem ich sie angesprochen hatte, und redete auf deutsch weiter. Zwar mit leichtem amerikanischen Akzent, aber praktisch fehlerfrei, obwohl sie erst seit 2005 in Deutschland lebt. Unglaublich. Kuenstler halt. Sie lebte sogar zeitweise in Karlsruhe (meine Heimatregion) und spielte schon mehrfach bei den Haendel-Festspielen mit. Bevorzugt auch eher moderne Inszenierungen. Hat jedenfalls eine Top-Leistung gezeigt. Angelica ist nämlich die anspruchsvollste aller Hayden-Opern-Rollen (männlich wie weiblich). Gleich mal gugeln, was sie sonst noch singt...


      Thomas