MARTIN, Frank: Messe für Doppelchor

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    • MARTIN, Frank: Messe für Doppelchor

      Eines der klangschönsten und zumindest unter Chorsängern und Dirigenten außerordentlich beliebte geistliche Chorwerke des 20. Jahrhunderts ist der breiten Öffentlichkeit erstaunlicherweise verhältnismäßig unbekannt. Dies mag vor allem an der erstaunlichen Geschichte dieses Werkes liegen welche im Folgenden erzählt werden soll.

      Frank Martin: Messe für Doppelchor


      Entstehungsgeschichte

      Im Jahre 1922 schrieb der 32jährige Martin die ersten Teile der Messe, nämlich das Kyrie, Gloria, Credo, Sanctus und Benedictus. Nach eine Pause von vier Jahren fügte er das Agnus Dei hinzu und kompletierte damit die Messe zu der heute bekannten Form. Damit gilt die Messe für Doppelchor als eines der frühesten Werke Martins. Nach der Vervollständigung der Messe landete sie in die berühmte Schublade - um dort unglaubliche 40 Jahre :faint: von der Öffentlichkeit verborgen vor sich hin schlummerte. 40 Jahre, in denen weder zu einer Verlegung der Noten noch zu einer Aufführung kam. Erst 1962 entdeckte der Kantor Franz W. Brunnert aus Hamburg vermutlich durch einen Zufall die Ankündigung der Messe in einem alten Verlagskatalog. Sogleich bat er Martin um die Zusendung der Noten "zu Studienzwecken". Durch diesen kleinen Trick kam es am 2. November 1963 in Hamburg mit der Bugenhagen-Kantorei unter Letung von Franz W. Brunnert zur Uraufführung dieses Werkes. Aufgrund der außerordentlichen Schönheit und emotionalen Wirkung der Musik wurde die Messe für Doppelchor sehr schnell bekannt

      Mittlerweile ist die Messe (zumindest für jene welche das Werk kennen) eines der beliebtesten und wohl auch klangschönsten geistlichen Chorwerke für Chor a capella des 20. Jh. überhaupt.

      Angesprochen auf die Gründe für diese lange Zeit zwischen Entstehung und Uraufführung gab Martin an, dass er die Messe aus einer tiefen Religiösität heraus geschrieben habe, welche er als eine eher private Sache empfand. Berühmt geworden ist das Zitat, diese Messe sei "eine Sache zwischen Gott und ihm".

      Frank Martin schrieb:

      Ich kannte zu dieser Zeit wirklich nicht einen Chorleiter, der sich für dieses Werk hätte interessieren können. [...] ich hatte auch gar nicht den Wunsch nach einer Aufführung, denn ich befürchtete, dass die Messe einzig unter ästhetischen Gesichtspunkten beurteilt werden könnte«.

      Erwähnenswert ist, das Martin nur sehr wenig für a capella Chor geschrieben hat. Neben der Messe für Doppelchor sind hier lediglich die 1950 entstandenen Songs of Ariel zu nennen, welche sich ebenfalls einer großen Bekanntehit und Beliebtheit erfreuen. Angesichts der kompositorischen Kunstfertigkeit dieser Chorwerke ist dieser Umstand regelrecht bedauerlich. Welche großartige Chormusik hätte noch aus der Feder Martins enspringen können..



      Werkbeschreibung

      Die Messe besteht wie bereits oben erwähnt aus den für eine lateinische Messe üblichen Teilen: Kyrie, Gloria, Credo, Sanctus, Benedictus und Agnus Dei.

      Wie ebenfalls bereits erwähnt handelt es sich um ein Werk für unbegleiteten Chor, welcher genau genommen in zwei eigenständige Chöre aufgeteilt ist. Die Art, wie beide Chöre eingesetzt werden, verändert sich jedoch im Verlauf der einzelnen Messteile. Während der ersten Teile (Kyrie, Gloria und Credo) aggieren beide Chöre eher als ein einheitlicher 8-stimmiger Chor, welcher sich zusätzlich stellenweise bis zu 16 Stimmen aufteilt. In den hinteren Messteilen übernehmen die Chöre zunehmend getrennte Funktionen. Im Agnus Dei nimmt diese Entwicklung ihren Höhepunkt: Hier schreitet der Chor II in monotonem Rhythmus und bildet ein athmosphärisches harmonisches Bett. Dieser wiederum psalmodiert mit verglichen mit Chor II großer rhythmischer Freiheit in "harmonielosen Oktavschichtungen". Während der Part des Chores II wie ein Glockenläuten wirkt, übernimmt der Chor I die Melodie.

      Martin verwendet in seiner Messe für Doppelchor viele pentatonische und kirchentonale Elemente. Eine echte Zuordnung in Moll oder Dur fällt häufig schwer bzw. ist gar nicht möglich. Auch gregorianische Einflüsse kann man heraushören. Melodien werden häufig einstimmig (mit Oktavverdopplung) geführt und von den anderen Stimmen mit weit schwingenden, häufig auch liegenden Klängen begleitet. Mit alle diesen Elementen wirkt die Musik manchmal etwas "archaisch", aber auch eigentümlich schlicht und doch zugleich prächtig und strahlend. Romantischer Überschwang ist dem Werk fremd, und doch geht sie dem Zuhörer unmittelbar und tief zu Herzen. Wichtig zu betonen scheint mir der Umstand, das es für diese Wirkung kein "geschultes Zuhörer-Ohr" benötigt wird. Auch ohne sich mit klassicher Musik der Moderne je intensiv befasst zu haben ist die Wirkung der Musik enorm und intensiv.

      Ebenfalls bemerkenswert ist die textnahe Gestaltung der Musik. Beispielhaft sei hier eine Passage aus dem Credo genannt: Bei "Deum de Deo, lumen de lumine" ("Gott von Gott, Licht vom Licht") führt Martin den Chor von einem piano in ein forte, zudem aus einer tiefen Lage in eine strahlende Höhe. Das göttliche Licht erstrahlt und erhellt die Finsterniss. Und wie das Licht strahlt, so herrlich strahlt und brilliert der Chor an dieser Stelle.. Es sind diese kleinen Stellen, welche der Musik eine derart intensive emotionale Nähe und religiöse Aussage verleihen.

      Noch einige Worte zum Anspruch für den ausführenden Chor: Von diesem wird wirklich alles abverlangt. Zunächst stellen die zahlreichen komplexen Harmoniewechsel sehr hohe Anforderungen an die intonatorischen Fähigkeiten des Ensembles. Zudem werden kräftige Randstimmen benötigt: tiefe Bässe für zahlreiche profunde Bassstellen, und vor allem klare und hohe Sopranstimmen, welche ohne Vibrato und gekünseltes Pathos eben jene helle Strahlkraft erzeugen können, nach welche die Messe an vielen Stellen verlangt. Die weit ausladenden und sehr langen Phrasen erfordern zudem einen langen chorischen Atem und die Fähigkeit, derart lange Linien ohne Klanglöcher bewältigen zu können. Zahllose Taktwechsel (von denen der Zuhörer übrigens quasi nichts bemerkt weil die Musik mit dem Text organisch fließt und dadurch keine rhythmischen Brüche entstehen) sind ebenfalls für die Ausführenden (Chor wie Dirigenten) anspruchsvoll und kosten gerade in der Zeit der Einstudierung reichlich Nerven.



      Einspielungen

      Als ein sehr bekanntes Werk der geistlichen Chormusik gibt es eine Vielzahl von Einspielungen, die ich nicht sämtlichst besprechen bzw. erwähnen kann. Denoch blitzen aus dieser Masse einige Einspielungen hervor, sei es durch ungewöhnliche Interpretation oder vor allem durch eine exzellente Ausführung durch den Chor. In einem späteren Posting werde ich auf eine Auswahl von Einspielungen eingehen.



      Fazit

      Die Messe für Doppelchor von Frank Martin ist eine der schönsten Mess-Vertonungen des 20Jh. Durch ihre komplexen, aber nie abstoßend wirkenden Klänge ist sie nur außerordentlich bekannt und beliebt und wird von vielen Chören weltweit aufgeführt. Jedem Liebhaber von Chormusik, aber auch den Freuden geistlicher Musik sei eine Beschäftigung mit diesem Werk unbedingt anempfohlen. :juhu: Diese Empfehlung gilt uneingeschränkt jenen gegenüber, welche Vorbehalte gegenüber der Musik des 20. Jh. haben. Die Musik ist zwar der romantischen Tonkunst weitgehend entstiegen, dennoch bereitet sie mit ihren harmonischen Effekten ein unmittelbares und sehr tief gehendes Hörvergnügen, ohne sich im Vorfeld mit moderner Tonsprache beschäftigt haben zu müssen.

      Welche Hörerfahrungen konntet ihr bereits mit diesem Werk machen? Welche Einspielungen kennt ihr?

      Liebe Grüße vom Chorknaben. :wink:


      __________________
      Quellen:
      http://www.br-online.de/kultur-szene/...
      Wikipedia
    • Lieber Chorknabe,

      auf Deine wunderschöne Einführung hin habe ich mir schon vor einiger Zeit diese (von Dir anderenorts warm empfohlene) Aufnahme zugelegt:


      The Choir of Westminster Cathedral, Ltg.: James O'Donnell
      Hyperion, aufg. 1997

      Heute morgen nun kam ich endlich einmal dazu, die Messe in Ruhe durchzuhören, und das gleich zweimal. Ich bin wirklich beeindruckt, auch von der Interpretation, allerdings kenne ich keine Alternativeinspielungen. Mir scheint, daß es sich hier um ein echtes Bekenntniswerk mit tiefem spirituellen Anspruch handelt (bei geistlicher Musik keineswegs selbstverständlich, da gibt es ja nicht eben wenige Auftragswerke, die erledigt werden wollten, unabhängig von der religiösen Einstellung der Komponisten). Wie der Komponist beispielsweise das Gloria und Sanctus erst ganz leise einführt - wie leichte, körperlose Wesen scheinen mir die Melodien erst allmählich den (sakralen) Raum zu füllen, mit wunderbar aufschwellenden Steigerungsbögen, die mir in ihrer klanglichen Feinheit französisch inspiriert scheinen.

      Eine schöne Stelle auch Et resurrexit im Credo, nicht lärmend hereinrechend wie sonst oft, sondern auch hier leicht, duftig, und dann mit schönem Steigerungsbogen.

      So weit erste Eindrücke: wirklich eine eindrückliche und überzeugende Komposition! Man kann die Musik allerdings nicht nebenher hören, so meine Erfahrung. Das allerdings spricht eher für sie.

      Danke!
      Es grüßt Gurnemanz
      ---
      Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
      Helmut Lachenmann
    • Hallo,

      schon dass es feedback in diesem Werk-Thread gibt :thumbsup:

      Gurnemanz schrieb:


      auf Deine wunderschöne Einführung hin habe ich mir schon vor einiger Zeit diese (von Dir anderenorts warm empfohlene) Aufnahme zugelegt:

      The Choir of Westminster Cathedral, Ltg.: James O'Donnell
      Hyperion, aufg. 1997


      die zahlreichen Einspielungen wollte ich hier demnächst einmal vorstellen, vielleicht komme ich ja mal dazu.

      Kurz zu der Einspielung für welche Du Dich entschieden hast. Sie ist unbedingt zu empfehlen und zeichnet sich, im Vergleich zu anderen Einspielungen, durch eine sehr gefühlvolle um nicht zu sagen spirituelle Interpretation aus. Insofern ist sie ideal dazu geeignet, abseits des Intellektuellen (Werkgestaltung, Werkaufbau, Stimmführung etc..) den spirituellen Charackter des Werks kennenzulernen. Hier kann man akkustisch regelrecht erleben, wie sehr Martin das Schaffen dieser Komposition offensichtlich ein inneres Bedürfniss war. :yes: Aber , wie schon gesagt, demnächst mehr dazu. ;+)

      Liebe Grüße, der Thomas. :wink:
    • Hallo,

      nun endlich möchte ich diesen Thread wie versprochen vortführen und einige Einspielungen der Messe für Doppelchor von Frank Martin vorstellen.

      RIAS-Kammerchor

      In gemäßigten, der Musik sehr zugute kommenden Tempi navigiert Daniel Reuss den RIAS-Kammerchor durch die Teile der Messe. Dabei zeigt der Chor sein ganes Repertoir an chorischen Fähigkeiten: Ausgewogenheit der Stimmen, schöne Klangfarbem, Homogenität und Präzision. Der Klang ist insgesamt typisch ür einen Rundfunk-Chor: sehr reif und vornehm abgedunkelt im Timbre, was gerade bei den Männerstimmen auffällt. Ich halte diese Einspielung für eine der besten (wenngleich auh nicht DIE beste), die es gibt.

      Dale Warland Singers




      Neben Chormusikhighlights wie dem Miserere von Allegri oder dem Agnus Dei von Samuel Barber ist auf dieser CD auch die Messe für Doppelchor zu finden. Die Dale Warland Singers, ein leider 2004 aufgelöster semiprofessioneller Chor aus Minnesota (USA) aggiert mit großer Weichheit und herausragender Homogenität. Spannend sind hier ebenfalls die Tempi. Während das Benedictus in einem extrem langsamen Tempo angesetzt ist (hier wählen die meisten Chöre eher zügigere Tempi), ist das Agnus Dei nach nur 3:13 Minuten zu Ende (zum Vergleich: der Phoenix Bach Choir benötigt hier über 6 Minuten! 8o). Trotzdem erscheint es nicht gehetzt, obgleich das schnelle Tempo die Musik nicht ganz so frei schwingen lässt und die aneinander gereihten Harmoniewechsel etwas an ihrer überwältigenden Wirkung einbüßen. Für meinen Geschmack eine gute Aufnahme, der jedoch insgesamt die Emotioanle Wirkung leider etwas abgeht.


      Westminster Cathedral Choir

      Diese CD wurde 1998 mit dem Grammophone Award in der Kategorie "Best of Category (Choral)" ausgezeichnet. Dies liegt vor allem an der hervorragenden Leistung des Westminster Cathedral Choir, welcher alle Klippen des Werkes exzellent meistert. Es ist beeindruckend, wie homogen und präzise ein Knabenchor aggieren kann! Herausragend an dieser Aufnahme ist jedoch, mit welcher Intensität der Chor die in musikalische Farbene gegossenen Inhalt des Werks an das Publikum vermittelt. Mystik, göttliche Herrlichkeit, mantraartige Gebete - all das kommt beim Zuhörer ganz unmittelbar an und dringt tief in die Seele vor. Hier scheinen mir die Grundgedanken Martins beim Komponieren dieser Messe am intensivsten umgesetzt. Die Aufnahme ist für mich daher neben der von The Sixteen die beeindruckenste. Eine ganz dicke Empfehlung! :juhu:


      The Sixteen

      Dies ist für mich die beste Einspielung der Messe. Sie kann zwar von ihrer Intensität mit der vomWestminster Cathedral Choir mithalten, ist jedoch aus (chor)technischer Sicht die überzeugenste. Sehr zugute kommt dem Werk die englische Stimmbildung und Chorklang. Viel metallischer Klang und schnurgerade Stimmführung bei den hohen Stimmen, satte profunde Bässe. The Sixteen unter Harry Chrisopher legen die Messe in sehr getragenen Tempi an, was die Musik beeindruckend langsam und weit schwingen lässt. Insbeosndere das Agnus Dei ist verglichen mit anderen (mir bekannten) Aufnahmen sehr lamngsam musiziert. Gerade hier entfalten sich die glockenschlagartigen aneinandergereihten Akkorde des Chores II besonders intensiv. Es spricht sehr für diesen Chor, dass er diese langsamen Tempi derart souverän präsentieren kann, ohne das Klanglöcher entstehen oder Müdigkeitserscheinungen auftreten. Homogenität und Präzision sind zudem auf allerhöchstem Niveau. Für mich DIE Referenzeispielung! :juhu:


      Chorus Sine Nomine


      Diese Einspielung des österreichischen Chores Chorus Sine Nomine ist auf hohem Niveau und durchweg souverän vorgetragen, reicht jedoch nicht an jene Leistungen eines RIAS-Kammerchores oder The Sixteen heran. Dabei gilt es zu beachten, das Chorus Sine Nomine ein semi-professionelles Ensemble ist. Der Chor gefällt durch eine hohe Homogenität, auch seien die Randstimmen, von welchen Martin in der Messe ausführlichen Gebrauch macht, lobend erwähnt. Mit dem Kauf dieser Einspielung kann man auf jeden Fall nichts falsch machen.


      Phoenix Bach Choir & Kansas City Chorale unter Charles Bruffy


      Der Chor zeichnet sich durch eine beeindruckende Klangfülle, durch welche die Messe sehr profitiert. Extrem sind die Tempi - nämlich extrem langsam. Dies gilt gleichermaßen für alle Messteile, und so benötigt der Chor 30:10 Minuten für das gesamte Werk. Zum Vergleich: Westminster Cathedral Chor (25:20); RIAS-Kammerchor (26:50) Dale Warland Singers (24:20), The Sixteen (25:20). Nach anfänglichem Widerstand gefielen mir diese Tempi jedoch immer besser. Manche Stellen verlieren etwas an "Pfeffer" und rhythmischer Schärfe, andere Stellen gewinnen jedoch umsomehr an innerer Ruhe, und genau das passt unheinlich gut zum Werk. Ein großes Lob sei dem Chor beschieden, welcher die herausragende Fähiglkeit aufweist, selbst diese extrem langsamen Tempi die Messe mit Leben zu erfüllen, die Musik nie "stehen zu lassen" und mit scheinbar endlosem Atem ausgestattet die langen Phrasen bis zum allerletzten Ton zu entwickeln. Gerade wegen dieser Tempi ist diese Einspielung interessant und sehr zu empfehlen!


      Robert Shaw Festival Singers unter Robotert Shaw


      Die Robert Shaw Festival Singers unter Robotert Shaw agieren als vom Höreindruck her sehr großes Ensemble mit ausgesprochen getragenen Tempi. Insbesondere der letzte Teil der Messe, das Agnus Dei, ist extrem langsam gestaltet. Der in Viertelnoten schreitende Chor II bereitet nicht (wie in sämtlichen anderen mir bekannten Aufnahmen) mittels intensiven legatos ein harmonisches Klangbett, vielmehr wird jede Viertelnote portato-artig angeschlagen. Die Wirkung ist sehr eindringlich, manchmal sogar regelrecht düster. Es ist spannend zu erleben, welche interpretatorischen Ansätze man den einzelnen Messteilen zumuten kann, und wie doch alle, so unterschiedlich sie auch sein mögen, ihre ganz eigene Wirkung erzielen. Diese Aufnahme zeigt durch ihre extremen Tempi diese Eigenschaft wundervoll auf. Der Chor aggiert allgemein auf hohem Niveau. Die große Masse an Sängern geht manchmal zu Lasten der Präzision und Durchsichtigkeit der Strukturen, dafür gewinnen die Klänge an Mächtigkeit, "Kraftstellen" werden souveräner gemeistert. Die Stimmführung und Stimmfarben sind typisch amerikanisch und von einem teilweise recht starken vibrato geprägt (durch die Masse der Sänger wirkt dies jedoch weit weniger störend als man annehmen möchte). Dennoch fehlt es für meine Ohren zu häufig an einer Klanglichen Geschlossenheit, wie sie bspw. The Sixteen oder der Phoenix bach Choir aufweisen, daher kann diese Einspielung nicht ganz mit den von mir favorisierten mithalten.


      Netherlands Chamber Choir unter Tonu Kaljuste


      Der Netherlands Chamber Choir sollte selbst weniger chor-fanatischen Musikliebhabern ein Begriff sein, handelt es sich doch hier um eines DER professionellen Spitzenensembles seiner Art in Europa. Ausgesprochen intonationssicher und mit hoher wenn auch nicht immer perfekter Präzision (bspw. im Sanctus) führt Tonu Kaljuste den Chor durch das Werk. Die Interpretation wirkt rund und stimmig und offenbart keine Schwächen. Manchmal jedoch hätte ich mir etwas mehr Mut zu extremeren Tempi gewünscht. Ausnahme bildet im Glorie die Stelle "Domiene Deus, Agnus Dei, Filius Partis", bei der das selbst im Vergleich mit anderen Aufnahmen sehr langsame Tempo dem Text eine große Eindrücklichkeit verleiht um dann nach und acceleriert zu werden. So schön habe ich diese Stelle noch nicht gehört! Weiterhin fallen mir die sehr reifen Männerstimmen positiv auf, die den Unterstimmen mit Klangtepppichfunktion (diese Effekte treten in der Messe sehr häufig auf) etwas mehr Gewicht aber auch Transparenz verleiht. Da Martin den Bässen sehr oft tiefe Töne spendiert, gewinnen die Klänge auch etwas an Weite und Mächtigkeit, was viele Stellen wunderschön aufblühen lässt. Die Frauenstimmen sind (für meinen geschmack) in den extrem exponierten Stellen manchmal eine Spur zu scharf geführt. Das ist aber eher eine Nuance als ein echter Störfaktor. Allgemein wirkt der Chorklang sehr geschlossen und ausbalanciert. Insgesamt eine wirklich sehr gute Einspielung, die man selbst unter anspruchsvollsten Erwartungen gerne und unbedingt empfehlen kann. :juhu: Den Status "Referenzeinspielung" erreicht die CD aus meiner sicht jedoch nicht jedoch nicht.


      Einige Einspielungen stehen noch in einem CD-Regal und sollen in einem späteren Beitrag ebenfalls hier besprochen werden.

      Mich würde interessieren, welche Einspielung ihr besitzt und warum ihr der einen oder anderen den Vorzug gebt?

      Liebe Grüße vom Chorknaben. :wink:
    • Lieber Chorknabe

      Bisher kenne ich dieses Werk noch gar nicht, nach Deinem leidenschaftlichen Plädoyer wird sich das aber sicher bald ändern :wink: . Im Moment neige ich dazu, die Aufnahme des RIAS-Kammerchors zu kaufen - und zwar, weil ich immer gerne zu Interpreten greife, mit denen ich schon gute Erfahrungen gemacht habe - und sowohl der Chor als auch sein Leiter gehören dazu. Außerdem gibt's als Zugabe die sehr schönen "Cinq Rechants" von Messiaen. Nach Deinen Ausführungen würde ich mit dieser Wahl ja anscheinend nichts falsch machen.

      Die Aufnahmen von Bruffy und Shaw könnte ich nur mit geschlossenen Augen kaufen, damit ich die furchtbaren Cover nicht sehen muß :shake:

      Liebe Grüße
      Michel
      Es gibt kaum etwas Subversiveres als die Oper. Ich bin demütiger Diener gegenüber diesem Material, das voller Pfeffer steckt. Also: Provokation um der Werktreue willen. (Stefan Herheim)
    • Le Merle Bleu schrieb:

      Bisher kenne ich dieses Werk noch gar nicht, nach Deinem leidenschaftlichen Plädoyer wird sich das aber sicher bald ändern :wink: . Im Moment neige ich dazu, die Aufnahme des RIAS-Kammerchors zu kaufen - und zwar, weil ich immer gerne zu Interpreten greife, mit denen ich schon gute Erfahrungen gemacht habe - und sowohl der Chor als auch sein Leiter gehören dazu. Außerdem gibt's als Zugabe die sehr schönen "Cinq Rechants" von Messiaen. Nach Deinen Ausführungen würde ich mit dieser Wahl ja anscheinend nichts falsch machen.


      Wie schon geschrieben ist das ein sehr gute und unbedingt empfehlenswerte Einspielung. Gleichwohl: es gibts bessere Aufnahmen :P Vielleicht können ja meine CD-Vorstellungen dazu beitragen, Dir den einen oder anderen Chor näher zu bringen.

      Die Aufnahmen von Bruffy und Shaw könnte ich nur mit geschlossenen Augen kaufen, damit ich die furchtbaren Cover nicht sehen muß :shake:


      Was ist an dem Cover von Bruffy so schlimm ?( Ich finds im Gegenteil recht gelungen weil eher assoziativ denn informativ angelegt. Mir missfallen eher Cover im Stil des Netherlands Chamber Choir: solche Interpreten-Abbilder sprechen mich überhaupt nicht an..

      Liebe Grüße vom Chorknaben. :wink:
    • Chorknabe schrieb:

      Was ist an dem Cover von Bruffy so schlimm ?( Ich finds im Gegenteil recht gelungen weil eher assoziativ denn informativ angelegt. Mir missfallen eher Cover im Stil des Netherlands Chamber Choir: solche Interpreten-Abbilder sprechen mich überhaupt nicht an..
      Das Cover der Niederländer ist in der Tat an Spießigkeit und Einfallslosigkeit nicht zu überbieten. Bei Bruffy ist das Foto ganz OK, bloß im Zusammenhang mit der Überschrift "Eternal Rest" gehen bei mir alle Esoterik-Warnglocken an.

      Und vielleicht wird's beim nächsten Kauf ja auch The Sixteen. Mal abwarten und reinhören.

      Schöne Grüße
      Michel
      Es gibt kaum etwas Subversiveres als die Oper. Ich bin demütiger Diener gegenüber diesem Material, das voller Pfeffer steckt. Also: Provokation um der Werktreue willen. (Stefan Herheim)
    • ich kenne nur die Einspielung m. d. RIAS - Chor . . .

      diesbzgl. nun doch mal der Hinweis, dass besagte CD (hat inzw. ein anderes Cover als das in Beitr.5 gepostete) noch die beiden einzigen Messiaen - Kompositionen für a capella Chor enthält: die (knapp 20min., 12stimmigen) Cinq Rechants v. 1948 und die frühe (nur knapp 5min.) Motette O Sacrum Convivium - letzteres das mich tief bewegendste kurze a capella Stück des ganzen letzten Jhs. :!: :!:
      Fleiß ist gefährlich (Henning Venske "Inventur") Majo ist ätzend (Gus van Sant "Paranoid Park") Hollywood ist ein Witz (Aki Kaurismäki)