Schubert: Der Erlkönig - "Ein sichtbares Bild"

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    • Gurnemanz schrieb:

      Ich möchte an diese Anmerkung erinnern, bereits ein paar Jahre alt:

      Philbert schrieb:

      Was Erlkönig betrifft, so ist die Ambivalenz Teil der Faszination des Liedes. Die Stimme des Erlkönigs könnte eine innere Stimme des Knaben sein z.B. Man könnte es sich sogar als eine Deliriumsszene vorstellen, wo alles nur im Kopfe des vor Kälte sterbenden Kindes spielt. Oder in der verschreckten Phantasie des Vaters. Oder ... Den Vortragenden (Sänger / Sängerin und Klavierspieler) obliegt es, die Szene in ihrer ganzen Vieldeutigkeit zu vermitteln.
      Die Deutung als "Deliriumsszene (...) im Kopfe des vor Kälte sterbenden Kindes" finde ich keineswegs harmloser als die aktuellen Deutungsversuche.

      :wink:
      Er hat den Knaben wohl in dem Arm,
      Er fasst ihn sicher, er hält ihn warm.


      das sehe ich nicht den geringsten Deutungsspielraum in der Richtung.

      ok, auch das Warmhalten könnte Deliriumsphantasie sein ...

      bekanntlich könnten wir alle auch Gehirne im Tank sein ...
      ---
      Es wäre lächerlich anzunehmen, daß das, was alle, die die Sache kennen, daran sehen, von dem Künstler allein nicht gesehen worden wäre.
      (J. Chr. Lobe, Fliegende Blätter für Musik, 1855, Bd. 1, S. 24).


      Wenn du größer wirst, verkehre mehr mit Partituren als mit Virtuosen.
      (Schumann, Musikalische Haus- und Lebensregeln).
    • Liebe Capricciosi!

      Ich bin auch der Meinung, dass sexueller Missbrauch im Hintergrund des "Erlkönig" steht, sogar wenn Goethe und sein zeitgenössisches Publikum das möglicherweise noch gar nicht richtig erkennen oder einschätzen konnten. Der Satz "Ich liebe dich, mich reizt deine schöne Gestalt, und bist du nicht willig, so brauch ich Gewalt!" lässt m.E. an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig. Alle anderen Deutungen haben das Problem, dass sie diese Aussage erst einmal wegerklären müssen. Das ist ja kein Satz, den ein Kind in seiner Fantasie einfach so mal erfindet; die Wahrscheinlichkeit, dass der Knabe damit lediglich wiederholt, was er selbst einmal gehört hat, ist sehr hoch.

      Allerdings meine ich, dass bei Goethe der Täter unklar bleibt; es könnte der Vater selbst sein, es könnte aber auch sonst jemand sein und der Knabe durchlebt lediglich im Delirium und getriggert durch das Festgehaltenwerden in den Armen des Vaters das Trauma von neuem. Ungläubigkeit, Verharmlosung und Grauen sind im 18. Jh. ebenso wie im 20. Jh. durchaus auch mögliche Reaktionen von Nicht-Tätern. Schubert kann hier durch die Musik noch pointierter charakterisieren. Die Klavierbegleitung habe ich allerdings bisher immer als Herzrasen des Knaben gehört. Das Stück ist ja eine auskomponierte Panikattacke.

      Liebe Grüße,
      Areios
      "Wenn [...] mehrere abweichende Forschungsmeinungen angegeben werden, müssen Sie Stellung nehmen, warum Sie A und nicht B folgen („Reichlich spekulativ die Behauptung von Mumpitz, Dinosaurier im alten Rom, S. 11, dass der Brand Roms 64 n. Chr. durch den hyperventilierenden Hausdrachen des Kaisers ausgelöst worden sei. Dieser war – wie der Grabstein AE 2024,234 zeigt – schon im Jahr zuvor verschieden.“)."
      Andreas Hartmann, Tutorium Quercopolitanum, S. 163.
    • Warum sollte man unter den Aussagen im Fieber-Delirium die Kulmination (Und bist du nicht willig, so brauch ich Gewalt) "realistisch", also als Erinnerung an sexuellen Kindesmissbrauch (durch wen auch immer) interpretieren, die anderen (Erlkönigs Töchter usw.) aber alle im Rahmen des Deliriums?

      Ich will diese Deutung nicht zurückweisen, aber sie ist nicht eindeutig und alternativlos.

      Es gäbe ja auch noch eine Deutung als wirklich übernatürliche Spukballade. Das Kind hat Visionen eines Geisterreichs, will dem Erlkönig aber nicht auf seine Verführungen hin folgen, was dann den Tod zur Folge hat.
      ...a man who refuses to have his own philosophy will not even have the advantages of a brute beast, and be left to his own instincts. He will only have the used-up scraps of somebody else’s philosophy; which the beasts do not have to inherit; hence their happiness. Men have always one of two things: either a complete and conscious philosophy or the unconscious acceptance of the broken bits of some incomplete and shattered and often discredited philosophy. (G. K. Chesterton)
    • Areios schrieb:

      Allerdings meine ich, dass bei Goethe der Täter unklar bleibt; es könnte der Vater selbst sein, es könnte aber auch sonst jemand sein und der Knabe durchlebt lediglich im Delirium und getriggert durch das Festgehaltenwerden in den Armen des Vaters das Trauma von neuem. Ungläubigkeit, Verharmlosung und Grauen sind im 18. Jh. ebenso wie im 20. Jh. durchaus auch mögliche Reaktionen von Nicht-Tätern.
      Das ist ein sehr kluger Einwand! Allerdings denke ich, dass bei Schubert der Täter der Vater ist, siehe die harmonische Ähnlichkeit zwischen "Er fasst ihn sicher, er hält ihn warm" und "Erlkönig hat mir ein Leids getan".

      Areios schrieb:

      Die Klavierbegleitung habe ich allerdings bisher immer als Herzrasen des Knaben gehört.
      Ja, das ist natürlich auch möglich!

      Kater Murr schrieb:

      Warum sollte man unter den Aussagen im Fieber-Delirium die Kulmination (Und bist du nicht willig, so brauch ich Gewalt) "realistisch", also als Erinnerung an sexuellen Kindesmissbrauch (durch wen auch immer) interpretieren, die anderen (Erlkönigs Töchter usw.) aber alle im Rahmen des Deliriums?
      Hm. Ich finde den Satz "Und bist Du nicht willig, so brauch ich Gewalt" gefolgt von sinngemäß "Er fasst mich an und tut mir etwas an" so eindringlich, dass ich denke, dass er in der Realität stattgefunden hat (damals war man da ja nicht so zimperlich, es gibt ja auch andere Texte von Goethe in diese Richtung). Außerdem schließe ich ja nicht aus, dass die anderen Aussagen ebenfalls von jemand anderem einmal dem Knaben gesagt wurden.
      Aber das kann ich natürlich alles nicht beweisen, reine Spekulation.

      Kater Murr schrieb:

      Es gäbe ja auch noch eine Deutung als wirklich übernatürliche Spukballade. Das Kind hat Visionen eines Geisterreichs, will dem Erlkönig aber nicht auf seine Verführungen hin folgen, was dann den Tod zur Folge hat.
      Hm. Naja, dem kann ich nicht viel abgewinnen, ehrlich gesagt. Welche Rolle hat der Vater dabei? Der wäre dann eigentlich nur eine Randfigur, und so ist er ja nicht konzipiert, denke ich.


      Insgesamt: Danke für Eure bisherigen Denkanstöße dazu. Sehr spannend!
    • Man war vielleicht nicht zimperlich, was 14jährige Mädchen betrifft. Bei Päderastie war man durchaus zimperlich, das war wie Homosexualität zwischen Erwachsenen normalerweise kein Kavaliersdelikt, sondern konnte mindestens Karrieren ruinieren, wenn nicht mehr.

      Als Spukballade nimmt man das Gedicht schlicht und einfach beim Wort und verzichtet erstmal auf "Tiefeninterpretation". Der Vater ist noch hilfloser als der Sohn, da ihm ja die Erscheinungen nicht begegnen bzw. er sie wegrationalisiert. Die nächste Deutung ist dann "naturalistisch" als Fieberwahn.
      Als nächstes kann man dann hypothetisch Missbrauch hineinbringen. Dass da aber der Vater der Schuldige sein sollte, erfordert m.E. schon einige Verrenkungen. Der Vater als Täter müsste das Kind nicht so locken, wie es der Erlkönig tut. Und es "graust" ihm vor seinem eigenen Fehlverhalten? Hat er gar eine gespaltene Persönlichkeit, einmal als fürsorglicher Vater, einmal als "Erlkönig"? Gibt es gar einen Mißbrauchsring (Erlkönigs Töchter)? Die letzten beiden Ideen habe ich mir gerade spontan aus den Fingern gesogen. Ich bin u.a. deshalb bei solchen Sachen skeptisch, weil man die dutzendweise sehr leicht "findet", wenn man sich einmal in solch einen Deutungsmodus begeben hat.
      ...a man who refuses to have his own philosophy will not even have the advantages of a brute beast, and be left to his own instincts. He will only have the used-up scraps of somebody else’s philosophy; which the beasts do not have to inherit; hence their happiness. Men have always one of two things: either a complete and conscious philosophy or the unconscious acceptance of the broken bits of some incomplete and shattered and often discredited philosophy. (G. K. Chesterton)
    • Ist es nicht eher andersrum? Der Tod wird als lüsternes Monster beschrieben, das wie ein Triebtäter auf junge Körper scharf ist? Nicht vergessen: damals war die Kindersterblichkeit unfassbar hoch und der Tod von Kindern eine der alltäglichsten Dinge, die nichtdestoweniger für die Menschen erschütternd waren. Die Dämonisierung des Tods scheint da logisch.
      Im Zweifelsfall immer Haydn.
    • Sadko schrieb:

      Hm. Naja, dem kann ich nicht viel abgewinnen, ehrlich gesagt. Welche Rolle hat der Vater dabei? Der wäre dann eigentlich nur eine Randfigur, und so ist er ja nicht konzipiert, denke ich.
      Der Vater ist keineswegs die Randfigur sondern sozusagen der Rezipient. Das Gedicht beschreibt auf bestürzende Weise, wie du machtlos, trotz aller Bemühungen, zusehen musst, wie dein Kind stirbt. Gemordet von einer bösartigen Macht, gegen die alle Maßnahmen, die der Mensch so setzen kann, wirkungslos sind. Reinster Horror sozusagen. Alltäglicher Horror im 19. Jahrhundert.
      Im Zweifelsfall immer Haydn.
    • Felix Meritis schrieb:

      Ist es nicht eher andersrum? Der Tod wird als lüsternes Monster beschrieben, das wie ein Triebtäter auf junge Körper scharf ist? Nicht vergessen: damals war die Kindersterblichkeit unfassbar hoch und der Tod von Kindern eine der alltäglichsten Dinge, die nichtdestoweniger für die Menschen erschütternd waren. Die Dämonisierung des Tods scheint da logisch.
      Ja, diese Deutung ist m.E. sehr sinnvoll und befriedigend, weil sie die sexuelle Gewalt, die im Gedicht liegt, anerkennt und mit dem ja auch sonst häufig belegten literarisch-kulturellen Topos des Todes als letztem und ewigen Liebhaber verbindet.

      Liebe Grüße,
      Areios
      "Wenn [...] mehrere abweichende Forschungsmeinungen angegeben werden, müssen Sie Stellung nehmen, warum Sie A und nicht B folgen („Reichlich spekulativ die Behauptung von Mumpitz, Dinosaurier im alten Rom, S. 11, dass der Brand Roms 64 n. Chr. durch den hyperventilierenden Hausdrachen des Kaisers ausgelöst worden sei. Dieser war – wie der Grabstein AE 2024,234 zeigt – schon im Jahr zuvor verschieden.“)."
      Andreas Hartmann, Tutorium Quercopolitanum, S. 163.
    • Areios schrieb:

      Ja, diese Deutung ist m.E. sehr sinnvoll und befriedigend [...].
      Nach erneuter Lektüre des Gedichts schließe ich mich hier an. Der Tod als grausames, lüsternes Monster: Das dürfte sehr nah an den Alltagserfahrungen der damaligen Zeit liegen.

      Neuere Deutungen, die das Sexuelle ins Zentrum rücken, finde ich dagegen weniger überzeugend.

      :wink:
      Es grüßt Gurnemanz
      ---
      Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
      Helmut Lachenmann
    • Sadko schrieb:

      Die beiden Passagen "Er fasst ihn sicher, er hält ihn warm" und "Erlkönig hat mir ein Leids getan" klingen einander sehr ähnlich (sehr ungewöhnlich in diesem Lied - die Harmonien sind ähnlich, dafür siehe auf Youtube eine harmonische Analyse). Daraus leite ich ab, dass der Vater und der Erlkönig ein- und dieselbe Person sind. Das sichere Anfassen, das Warmhalten des Kindes bedeutet das Leid. Daran kann man eigentlich gar nicht zweifeln. (Musikalische Querverweise enthüllen ja bekanntlich oft tiefere Zusammenhänge.)
      es ist sicher bemerkenswert, daß sich im Erlkönig so wenig Stellen finden, die als Kadenzierungen nach g-Moll anzusprechen werden. Vorspiel, die beiden genannten, sowie der Schluß.

      insofern kann man natürlich sagen, beide o.g.Stellen klängen "ähnlich". Aber beide sind doch ansonsten von völlifg entgegengesetzter Machart: die 1. hat sicheren Akkordaufbau, klare und einfache Harmoniefortschreitungen, die zweite ist durchsetzt mit Chromatik, namentlich in der Gesangsstimme f - ges - f - fis -g, dazu fz-Akzente.

      Man möchte meinen, Schubert habe gerade hier den Vater und den Erlkönig als die Antipoden kennzeichnen wollen, was sie m.E. ja ganz einfach auch sind natürlich das wiederum hier in der Perspektive des Kindes).
      ---
      Es wäre lächerlich anzunehmen, daß das, was alle, die die Sache kennen, daran sehen, von dem Künstler allein nicht gesehen worden wäre.
      (J. Chr. Lobe, Fliegende Blätter für Musik, 1855, Bd. 1, S. 24).


      Wenn du größer wirst, verkehre mehr mit Partituren als mit Virtuosen.
      (Schumann, Musikalische Haus- und Lebensregeln).
    • Gurnemanz schrieb:

      Neuere Deutungen, die das Sexuelle ins Zentrum rücken, finde ich dagegen weniger überzeugend.
      verstehe ich nicht. da hat man mal unzweideutig Sexualität thematisiert, wie bei Röslein rot, und dann ist es das auch nicht.
      ---
      Es wäre lächerlich anzunehmen, daß das, was alle, die die Sache kennen, daran sehen, von dem Künstler allein nicht gesehen worden wäre.
      (J. Chr. Lobe, Fliegende Blätter für Musik, 1855, Bd. 1, S. 24).


      Wenn du größer wirst, verkehre mehr mit Partituren als mit Virtuosen.
      (Schumann, Musikalische Haus- und Lebensregeln).
    • Felix Meritis schrieb:

      Ist es nicht eher andersrum? Der Tod wird als lüsternes Monster beschrieben, das wie ein Triebtäter auf junge Körper scharf ist? Nicht vergessen: damals war die Kindersterblichkeit unfassbar hoch und der Tod von Kindern eine der alltäglichsten Dinge, die nichtdestoweniger für die Menschen erschütternd waren. Die Dämonisierung des Tods scheint da logisch.

      Das halte ich auch für eine plausible Deutung, würde allerdings den Erlkönig nicht eindeutig als dämonisiert erachten. Er hat in all diesem Schrecken mit seinen jagenden Oktaven musikalisch auch einen gewissen lyrischen Platz inne (mischt sich hier etwas romantische Todessehnsucht ein?). Der pädosexuelle Unterton ist somit auch Symbol für eine gewisse (wenn auch pervertierte) Attraktivität des Todes als Erlöser - sozusagen eine Ambivalenz von viel Schrecken und etwas Eros.

      LG :wink:
      "Was Ihr Theaterleute Eure Tradition nennt, das ist Eure Bequemlichkeit und Schlamperei." Gustav Mahler
    • Symbol schrieb:

      Das halte ich auch für eine plausible Deutung, würde allerdings den Erlkönig nicht eindeutig als dämonisiert erachten. Er hat in all diesem Schrecken mit seinen jagenden Oktaven musikalisch auch einen gewissen lyrischen Platz inne
      Ja, wenn er zu Jugendlichen spricht, dann hat er vielleicht einen gewissen sirenenhaften Touch (bei einem Kind wie in diesem Gedicht, ist das für mich allerdings nur Gewalt). Dem Verfasser des Werthers kann man solche Gedankengänge sicherlich zumuten. Allerdings: auch die Sirenen sind Monster. Das Mörderische mit dem Verführerischen zu kombinieren, ist ja ein altes Sujet.
      Im Zweifelsfall immer Haydn.
    • zabki schrieb:

      Gurnemanz schrieb:

      Neuere Deutungen, die das Sexuelle ins Zentrum rücken, finde ich dagegen weniger überzeugend.
      verstehe ich nicht. da hat man mal unzweideutig Sexualität thematisiert, wie bei Röslein rot, und dann ist es das auch nicht.
      Mit Deutungen, die das Sexuelle ins Zentrum rücken, meine ich solche, die auf versteckte Homosexualität des Vaters, auf sexuellen Mißbrauch durch ihn hinarbeiten - als wäre das das der Kern des Gedichts. Auch das mit den erwachenden Pubertätsängsten (im Wikipedia-Artikel zum Erlkönig werden diese Deutungsversuche erwähnt). Das alles finde ich wenig überzeugend, auch wenn dergleichen da irgendwie mitschwingen mag - jedenfalls scheint mir, daß da heutige psychologische Konzepte dem über 200 Jahre alten Gedicht aufgestülpt werden.

      Plausibler finde ich, wenn man im Gedicht so etwas wie Kritik an der Aufklärung entdecken möchte: Der Vater, der alles, was nicht ins rationale Konzept paßt, ausschließen will, damit aber böse scheitert (ebenfalls im erwähnten Wikipedia-Artikel angesprochen). Diese Deutung würde immerhin besser zu Goethe passen. In den Wahlverwandtschaften ist das z. B. ein wichtiges Thema.

      :wink:
      Es grüßt Gurnemanz
      ---
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      Helmut Lachenmann
    • Symbol schrieb:

      . Der pädosexuelle Unterton ist somit auch Symbol für eine gewisse (wenn auch pervertierte) Attraktivität des Todes als Erlöser - sozusagen eine Ambivalenz von viel Schrecken und etwas Eros.

      Felix Meritis schrieb:

      Ja, wenn er zu Jugendlichen spricht, dann hat er vielleicht einen gewissen sirenenhaften Touch (bei einem Kind wie in diesem Gedicht, ist das für mich allerdings nur Gewalt)
      Die Verknüpfung von Tod und Eros ist ja in der Kunst nicht total strange :D . Tod, Sex (eben nicht bloß eindimensional-genital), Drogen, Buli-Stadion-Rausch und was sonst noch rumwest, kommt gleichsam als Versprechen, Lockung rüber, sich zu verpissen aus bloßen Subjektseinmüssen. Und ja, beim Erlkönig durchaus ambivalent ... im Helena-Akt von Faust II wird das aber zurückgewiesen, möglicherweise auch in deutlicher Distanz zur Romantik.
      „Ein Komponist, der weiß, was er will, will doch nur was er weiß...“ Helmut Lachenmann
    • Der Tod als Verführer und Vergewaltiger ist allerdings kein ganz übliches Bild. (Diese Assoziation fehlt zB weitgehend bei "Der Tod und das Mädchen") Ich meine allerdings auch, dass man das nicht zu eng verstehen sollte. Natürlich ist die Szene eines Verführungsversuch, der dann in einer Mißhandlung endet, nicht lebensfremd. M.E. würde ich da aber keinen interfamiliären Kindesmissbrauch vermuten, das ist viel zu konkret.

      Die fatale Verführung durch magische/jenseitige etc. Wesen ist ja nichts Neues, sondern im Gegenteil seit der Antike bekannt. Dort die Sirenen, später Meerjungfrauen, Wiedergänger (wie in Bürgers "Lenore") was weiß ich.
      Daher würde ich die Ballade erstmal in diesen Kontext einordnen. Natürlich schwingen da bestimmte gewaltsame Aspekte der irdischen Erotik mit, die auf diese Fabelwesen projiziert und entsprechend zugespitzt (typischerweise mit fatalem Ende) werden. Ich würde das aber nicht so eng deuten, dass es da um einen konkreten Kindesmissbrauch geht.
      ...a man who refuses to have his own philosophy will not even have the advantages of a brute beast, and be left to his own instincts. He will only have the used-up scraps of somebody else’s philosophy; which the beasts do not have to inherit; hence their happiness. Men have always one of two things: either a complete and conscious philosophy or the unconscious acceptance of the broken bits of some incomplete and shattered and often discredited philosophy. (G. K. Chesterton)
    • So, nachdem ich jetzt in den letzten Tagen noch nachgedacht habe und Eure zahlreichen Anmerkungen und Informationen - danke! - gelesen habe, bleibe ich trotzdem bei meiner Meinung, denn sie ergibt für mich einfach am meisten Sinn. Man kann schon zahlreiche andere Interpreationen finden, aber wie hier

      Kater Murr schrieb:

      Der Tod als Verführer und Vergewaltiger ist allerdings kein ganz übliches Bild.
      richtig angemerkt, passt das doch nicht so richtig.

      Ich mutmaße: Wer die sexuelle Thematik dieses Gedichts negiert, sperrt sich innerlich gegen die Vorstellung, dass in berühmten Gedichten eben Sexualität thematisiert wird. Wie man darauf kommt, dass das alles eine moderne Interpretation ist, die dem Gedicht übergestülpt ist, weiß ich nicht. Es stimmt leider, dass es heutzutage in der Literaturwissenschaft dumme Leute gibt, die den Kontext des Werkes überhaupt nicht berücksichtigen und generell irgendwas daherfaseln, aber das ist hier ja nicht der Fall, denn wie beurteilt man sonst Goethes/Schuberts Heidenröslein oder Schuberts Ständchen aus dem Schwanengesang etc etc.
      Antike, Mittelalter und Neuzeit sind nicht kastriert.

      Kater Murr schrieb:

      Und es "graust" ihm (dem Vater, Anm.) vor seinem eigenen Fehlverhalten? Hat er gar eine gespaltene Persönlichkeit, einmal als fürsorglicher Vater, einmal als "Erlkönig"?
      Ja, wieso nicht? Es soll ja auch ganz normale Leute (keine Kinderschänder), die in bestimmten Situation manches attraktiv finden und in anderen wieder nicht. (also jetzt sehr umschreibend ausgedrückt). Und wenn man sein Kind missbraucht, kann ich mir schon vorstellen, dass man das wegrationalisieren möchte.

      Felix Meritis schrieb:

      Der Tod wird als lüsternes Monster beschrieben, das wie ein Triebtäter auf junge Körper scharf ist? Nicht vergessen: damals war die Kindersterblichkeit unfassbar hoch und der Tod von Kindern eine der alltäglichsten Dinge, die nichtdestoweniger für die Menschen erschütternd waren. Die Dämonisierung des Tods scheint da logisch.
      Hm. Das verstehe ich und kann dem auch (ganz) wenig abgewinnen, bin aber trotzdem anderer Ansicht (siehe oben).

      Felix Meritis schrieb:

      Der Vater ist keineswegs die Randfigur sondern sozusagen der Rezipient. Das Gedicht beschreibt auf bestürzende Weise, wie du machtlos, trotz aller Bemühungen, zusehen musst, wie dein Kind stirbt. Gemordet von einer bösartigen Macht, gegen die alle Maßnahmen, die der Mensch so setzen kann, wirkungslos sind. Reinster Horror sozusagen. Alltäglicher Horror im 19. Jahrhundert.
      Ja, aber ich habe gemeint, dass der Vater die Randfigur ist der Handlung zwischen Kind+Erlkönig.
      Alltäglich auch heute noch in einigen Weltgegenden, leider

      zabki schrieb:

      Man möchte meinen, Schubert habe gerade hier den Vater und den Erlkönig als die Antipoden kennzeichnen wollen, was sie m.E. ja ganz einfach auch sind natürlich das wiederum hier in der Perspektive des Kindes
      Hm, danke für die wichtigen Informationen! Ja, das sehe ich ein.

      Gurnemanz schrieb:

      Mit Deutungen, die das Sexuelle ins Zentrum rücken, meine ich solche, die auf versteckte Homosexualität des Vaters, auf sexuellen Mißbrauch durch ihn hinarbeiten - als wäre das das der Kern des Gedichts. Auch das mit den erwachenden Pubertätsängsten (im Wikipedia-Artikel zum Erlkönig werden diese Deutungsversuche erwähnt). Das alles finde ich wenig überzeugend, auch wenn dergleichen da irgendwie mitschwingen mag - jedenfalls scheint mir, daß da heutige psychologische Konzepte dem über 200 Jahre alten Gedicht aufgestülpt werden.
      Von einer Homosexualität des Vaters habe ich nie geschrieben, denn Pädophilie ist natürlich nicht gleichzusetzen mit Homosexualität. Ansonsten siehe oben.

      Gurnemanz schrieb:

      Plausibler finde ich, wenn man im Gedicht so etwas wie Kritik an der Aufklärung entdecken möchte: Der Vater, der alles, was nicht ins rationale Konzept paßt, ausschließen will, damit aber böse scheitert (ebenfalls im erwähnten Wikipedia-Artikel angesprochen). Diese Deutung würde immerhin besser zu Goethe passen. In den Wahlverwandtschaften ist das z. B. ein wichtiges Thema.
      Das ist für mich nicht so ganz nachvollziehbar. Ich finde, Kritik an der Aufklärung spielt bestenfalls eine untergeordnete Rolle (genauso wie meiner Meinung nach politische Deutungen der Winterreise nur eine kleine Rolle spielen - aber das kann man sicher diskutieren und ist wieder ein anderes Thema). Besser zu Goethe passen würde das allerdings nicht, denn Goethe war ja wirklich nicht zimperlich, und ich traue ihm ohneweiters zu, die Thematik sexuellen Missbrauchs in dieses Gedicht verpackt zu haben (möglicherweise ohne dass er sich dessen zu 100% bewusst war...).

      Goethe hat sehr viel geschrieben und sich sicher nicht zu jedem seiner Werke ganz lange und komplexe Gedanken gemacht. Völlig verständlich. Aber erstens passiert auch viel unbewusst, und zweitens hat Schubert dem Erlkönig nicht grundlos die Opuszahl 1 verliehen, er hat sich damit offenbar stark beschäftigt.

      Dennoch: Danke für die Mühe der Antworten!