Weill: "Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny" - Theater am Goetheplatz, Bremen 07.10.2012

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    • Weill: "Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny" - Theater am Goetheplatz, Bremen 07.10.2012

      Das „Theater Bremen“ wurde in letzter Zeit in der überregionalen Öffentlichkeit eher mit negativen Meldungen wahrgenommen. Mangelende Unterstützung nicht nur in finanzieller Hinsicht durch die Stadtregierung und das Missmanagement von Theaterverantwortlichen führten das Theater in Bremen langsam in den Ruin. Nun wurde ein Neuanfang mit verändertem Personal versucht und nachdem vor wenigen Tagen das Schauspiel erfolgreich in die neue Saison 2012/2013 gestartet ist, folgte nun die Oper mit einem echtem Paukenschlag – „Stunde Null“ ist das Motto, alles auf Anfang und der ist mit einer Inszenierung von „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“ von Kurt Weill/Bert Brecht durch den nun „leitenden Regisseur“ der Bremer Oper, Benedikt von Peter, von GMD Markus Poschner und den Bühnen- und Kostümbildnerinnen Katrin Wittig und Geraldine Arnold gut gelungen.

      Benedikt von Peter hat schon mit seiner Produktion von Luigi Nonos „Intolleranza“ in Hannover die üblichen räumlichen Verhältnisse im Theater aufgehoben und die Zuschauer/innen zu handelnden Personen der Aufführung gemacht. Diesen Ansatz verfolgt von Peter nun in Bremen konsequent weiter. „Mahagonny“ ist Bremen und hier speziell das Bremer Theater. Das Publikum ist genauso Teil dieses „Mahagonny“, wie alle Mitwirkenden und das Haus. Und so wird auch das ganze Haus bespielt. Überall gibt es Beamer, die die Bilder übertragen, die gerade an Orten aufgenommen werden, wo der einzelne Zuschauer nicht ist, überall ist Tontechnik installiert, um die Klänge zu übertragen. Vor dem Eingang locken illuminierte Schilder mit dem Wort „Open“ die Zuschauer/innen über einen roten Teppich ins Haus, drinnen empfängt den Gast in verdunkelten Gängen schummeriges Licht, das alte Lampen spenden. Der Zuschauerraum ist im Parkett weitgehend unbestuhlt, das Orchester sitzt auf der Bühne.

      Zur Grundidee seiner Konzeption sagt von Peter: „(Mahagonny) spricht über das System, in dem wir leben, fragt danach, wie wir leben wollen und welche Werte jenseits einer ökonomischen Fixiertheit wirklich zählen (…) Es hat uns gereizt, mit dem Publikum diese fiktive Stadt Mahagonny zu gründen, deren Niedergang nachzuvollziehen und dabei über ein WIR nachzudenken.“ Diese Einbeziehung des Publikums funktioniert recht gut. Zu Beginn des Stückes tauchen buntgekleidete Menschen in den Gängen des Theaters auf, die uns, die „Neuen“ in Mahgonny bestaunen und begrüssen und auch zum Mittanzen animieren, während die Begbick und ihre zwei „Mitarbeiter“ über die Leinwände flimmern. Jim und seine Kollegen fahren im Taxi vor, Jenny und ihre Mädchen agieren auf der Bühne vor dem Orchester. Das Publikum kann sich in der ersten halben Stunde der pausenlosen und deutlich gekürzten Vorstellung frei im Haus bewegen und selbst entscheiden, wo und wie es der Aufführung folgen will. Mit Einsetzen des Hurricans werden dann alle in den Zuschauerraum gedrängt, es kann auf Klappstühlen oder auf dem Boden Platz genommen werden, im ersten Rang gibt es auch „normale“ Sitzplätze. Es entsteht so eine Situation von Eingeschlossenheit. Noch einmal von Peter: „(Wir haben) es also plötzlich mit einer In-Vitro-Situation zu tun, in der die letzten Menschen in dieser Stadt überleben.“ Jim Mahonney entwirft hier, so von Peter, einen anderen Gesellschaftsentwurf für die Nachsturmzeit. Nicht mehr das materialistische soll im Vordergrund stehen, sondern das ideelle. So richtig funktioniert das aber nicht, die Leute nutzen ihre vermeintliche Freiheit dazu, sich selbst zu beschädigen. Fressen, Saufen, Lieben, das kennen wir heute auch noch, Boxen hat sicher seinen exotischen Reiz verloren. Also folgt die Selbstauslöschung, bevor dann vielleicht die Chance auf einen Neuanfang besteht. Stunde Null – alles auf Anfang.

      Für diese Situation hat von Peter eine wirklich überzeugende, szenische Umsetzung gefunden: die Menschen, die vom Leben in eine andere Sphäre überwechseln, ziehen sich bis auf die einheitlich weisse Unterwäsche aus und schreiten langsam über die Bühne ab. Vorher betätigen sie einen grossen Zähler mit roten Digitalzahlen, der jeden „Abgang“ registriert. Am Ende zeigt der Zähler „Null“. Kinder betreten den Raum, in den Händen leere Transparente. Die Kinder drücken den Erwachsenen Eddings in die Hand, einmal mehr zeigen sich die Erwachsenen ratllos, was sie denn für die kommenden Generationen fordern sollen.

      Ansonsten ist dieser zweite Teil von „Mahagonny“ ein grosses Spektakel. Der gesamte Raum wird bespielt, über Leitern wird der Rang bestiegen, die Chöre kommen von oben und ganz oben. Immer ist das Publikum dicht dran, immer kann über Leinwände mitverfolgt werden, was vielleicht gerade nicht zu sehen ist. Es darf mitgespielt werden und – wer mag – darf auch schon mal mitsingen.

      Die Leistung der singenden Darsteller kann gar nicht hoch genug gelobt werden. Es ist schlichtweg nicht planbar, wie sich das Publikum verhalten wird, wer gerade wo im Weg steht und ob man irgend etwas hört, was bei den Einsätzen hilft. Dazu darf man vor den Leuten keine Scheu haben – es gibt keine schützende Distanz des Orchestergrabens und die Kollegen sind mitunter ziemlich weit weg. Alle Mitwirkenden spielen mit einer bemerkenswerten und bewundernswerten Intensität und tragen diesen Abend so bedingungslos mit, dass es eine Freude ist, Opernsänger/innen so agieren zu sehen.

      Unterstützt werden die Solist/innen vom Chor – auch er wird in jeder Hinsicht stark gefordert und von einem „Chor der Werktätigen“, der eine Vielzahl darstellerischer Aufgaben übernehmen und der am Ende die Parolen, die auf Transparenten stehen sollten, in Schleefscher Manier in den Raum brüllen wird.

      Die musikalische Realisation muss sich hier dem Aufführungskonzept vollständig unterordnen. Für den Zusammenhalt sorgen viele Kodirigenten, die die Sänger/innen und den Chor an die Orte begleiten, wo sie gerade eingesetzt werden, GMD Poschner wird über unzählige Monitore an jeden Punkt des Hauses übertragen, das klappt alles leidlich. Was weniger gut funktioniert: es gibt keine wirkliche Klangbalance, die mikrophonierten Sängerinnen dominieren das Orchester mitunter vollständig, der Klang über die Lautsprecher bilden das Orchester auch nicht annähernd zuverlässig ab, selbst im Theaterraum verschwindet das Orchester manchmal komplett in einem klanglichen Nirwana. Es wäre unter solchen Umständen unfair, über die musikalische Seite detailliert zu berichten. Immerhin würde der Autor dieser Zeilen der Mezzosopranistin Nadja Steffanoff (Begbick), sowie der Sopranistin Marysol Schalit (Jenny) gerne einmal wieder begegnen. Die anderen Sänger/innen verdienen alle, erwähnt zu werden. Das Bremer Urgestein Karsten Küsters (Dreieinigkeitsmoses) genauso, wie Michael Zabanoff (Jim), Luis Olivares Sandoval (Fatty), Christian-Andreas Engelhardt (Jakob Schmidt), Loren C. Lang (Billy)und Christoph Heinrich (Joe).

      Das war ein von der Idee her ganz toller Abend, bei dem ich gerne dabei war und von dessen Stimmung ich mich gerne Anstecken liess. Was lebendiges Theater sein kann, was Theater leisten kann, das hat Bremen geradezu vorbildlich gezeigt. Inszenatorisch mag allerdings Barrie Kosky in Essen und Calixto Bieito in Gent/Graz die Nase etwas weiter vorne haben.

      Das Publikum tobte und feierte alles, was sich auf der Bühne zeigte, lautstark und mit Nachdruck. Wenn die Saison in Bremen so weiter geht, wie es dieser Auftaktabend verspricht, muss einem um Zukunft der Bühne an der Weser keine Bange sein. Es besteht die Chance, an die Zeiten eines Kurt Hübners, Hans Neuenfels oder Johann Kresniks anzuknüpfen.
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    • Weill: "Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny" - Theater am Goetheplatz, Bremen 07.10.2012

      In Kürze: die Neuproduktion von "Mahagonny" war in der Tat ein - sicherlich als solcher beabsichtigter - Paukenschlag und ist aufgrund des ungewohnten, mutigen und letztlich überzeugenden Konzepts unbedingt sehenswert. Nachdem im Vorfeld bekannt geworden war, was Benedikt von Peter in etwa geplant hatte, nämlich Mahagonny als einen "Gesellschaftsversuch in actu" mit einem "Schulterschluss zwischen den Darstellern und den Zuschauern" (von Peter), durfte man gespannt sein auf die Umsetzung.

      Das Konzept kann anfangs noch nicht vollends überzeugen: "Willkommen in Mahagonny", raunen einem beim Betreten des Theaters leicht verschwörerisch die rotbemäntelten Damen vom Abendpersonal zu. Sie ernten verständnislose Blicke. Alles ist abgedunkelt, rot beleuchtet, sieht aber eigentlich doch wie immer aus, nur dass man nicht weiß, wann und wo es losgeht, und wo man sich hinsetzen soll, weil ja fast keine Sitzplätze zugeteilt wurden. Im Foyer des ersten Rangs marschieren dann irgendwann Begbick, Fatty und Dreieinigkeitsmoses auf. Die Musik dazu kommt aus Lautsprechern, das Orchester spielt – ja, wo eigentlich? : dort wo sonst die Bühne ist; aber hier ist ja das ganze Theater die Bühne. Die Sänger singen mikrofonverstärkt, insgesamt ist alles erstaunlich gut koordiniert, aber es klingt irgendwie grell, laut, räumlich unbestimmt und elektronisch – nicht unbedingt das, was ich in einem Opernhaus hören möchte. Auch mit dem von-Peterschen-Animiertheater muss ich erst einmal warm werden. Anfangs überwiegen noch die Albernheiten: Zuschauer werden zum Tänzchen aufgefordert, man schaut es sich an oder hopst mit, überwiegend wohl eher belustigt und abwartend. Der Preis für Sekt wird von 7,00 € auf 5,00 € und dann auf 1,50 € reduziert. Während der Aufführung wird munter weiterverkauft. Prost!

      Wirklich Fahrt nimmt die Inszenierung auf mit dem Aufziehen des Hurrikans. Das Publikum wird dann "evakuiert" ins unbestuhlte Parkett, plötzlich muss es ganz schnell gehen, manch ein Zuschauer rafft noch hastig seine billig erworbenen Piccolo-Sektfläschchen zusammen, graue Decken wie aus Bundeswehr-Altbeständen werden verteilt. Einige Klappstühle werden ausgegeben, die meisten werden aber aufgefordert, sich auf den Fußboden zu setzen. Und jetzt ist es bei mir soweit: jetzt nimmt das Konzept gefangen. Zusammengedrängt wie in einer Turnhalle, auf einer Decke kauernd, nimmt man Anteil an der Sorge um die Zerstörung der Netzestadt. Und man darf, wenn man möchte, tatsächlich das tun, was man während einer Opernvorstellung sonst nicht darf: mitsingen zum Beispiel. Ab hier gibt es keinen Durchhänger, überall ist etwas los, man weiß überhaupt nicht, wo man gerade hinsehen soll, denn man ist mittendrin. Der Boxkampf von Joe und Dreieinigkeitsmoses findet statt in der Mitte des Parketts, so dass das Publikum darum wie um einen Boxring gruppiert ist, so nah, dass man versucht ist, für Joe das Handtuch zu werfen. Es ist aber nicht nur die räumliche Nähe, die fasziniert, sondern auch dass in dieser Oper, die das schrankenlose Leben zum Thema hat, die üblichen Schranken und Beschränktheiten des Theaters so konsequent aufgelöst werden.

      Positiv wirklich die Ensembleleistung des Bremer Theaters. Alle sind engagiert bei der Sache; viele Mitarbeiter des Bremer Theaters durften mitmachen im "Werktätigenchor", der das Geschehen sprechend kommentiert und dem Publikum hilft, sich in Mahagonny zurechtzufinden. Wer öfter im Bremer Theater zu Gast ist, hat vielleicht den einen oder anderen Werktätigen schon abseits der Bühne gesehen. Ich meine jedenfalls, dass auch Menschen darunter waren, die sonst in den Pausen für den Getränkeverkauf und -ausschank zuständig sind.

      140 pausenlose Minuten sind schnell vergangen und damit eine bemerkenswert unkonventionelle Musiktheatervorstellung. Ich persönlich habe wenig musikalisches Interesse an "Mahagonny", so dass mich das durch Elektrotechnik geschaffene, diffuse Klangbild nicht allzu sehr gestört hat. Zu betonen ist: am Ende des Premierenabends war fast ungeteilte Begeisterung. Auch ich werde den Abend lange in Erinnerung behalten und das Bremer Theater in dieser Saison und in der Zukunft auf dem eingeschlagenen Weg gerne weiter begleiten.