Charpentier: "Médée" - Théatre des Champs-Elysée, Paris - 12.10.2012

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    • Charpentier: "Médée" - Théatre des Champs-Elysée, Paris - 12.10.2012

      Das Pariser „Théatre des Champs-Elysées“, ein kleineres, aber feines Theater an der noblen Avenue Montaigne, bietet seit Jahren ein abwechslungsreiches Programm zwischen Solo-Abenden, Konzerten und Opern, bei denen Werke aus dem Bereich der sogenannten „Alten Musik“ einen Schwerpunkt bilden.

      In der Saison 2012/2013, die eine Jubiläumsspielzeit ist, zeigt das „Théatre des Champs-Elysées“ u. a. eine „Medea“-Trilogie, die nun mit der „Médée“ von Marc-Antoine Charpentier eröffnet wurde und der in den kommenden Monaten ein neues Werk von Pascal Dusapin (szenisch von Sasha Waltz betreut) und die „Médée“ von Luigi Cherubini in der Fassung von 1797 (unter der Leitung von Mark Minkowski , die Regie übernimmt dann Krzysztof Warlikowski) folgen werden.

      Nun also „Médée“ von Charpentier, eine Koproduktion mit der Oper Lille, am Pult stand Emmanuelle Haim, Pierre Audi inszenierte im Bühnenbild von Jonathan Meese, für die Kostüme war Jorge Jara verantwortlich.

      Das Leben von Marc-Antoine Charpentier ist nicht vollständig dokumentiert. Er wurde etwa 1643 in Paris geboren und starb im Jahr 1704, ebenfalls in Paris. Ursprünglich wollte er Maler werden, aber bei einer Italienreise lernte er Carissimi kennen und studierte bei diesem dann Musik. Nach Frankreich zurückgekehrt , übernahm er u. a. Aufgaben als Kirchenmusiker oder auch als Musiklehrer, er komponierte für den französischen Hof und arbeitete mit Moliere zusammen.

      Lange Jahre war eigentlich nur sein „Te deum“ einer breiteren Öffentlichkeit bekannt. Vor allem der CD ist es zu verdanken, dass Charpentier auch mit anderen Werken (z. B. „David & Jonathas“ oder seiner „Orphée“-Vertonung) in Verbindung gebracht wird.

      Die „Médée“ aus dem Jahre 1694 eignet sich gut dafür, die ganze Kunst von Charpentier kennen zu lernen. Äusserst abwechslungsreich ist die Musik, Charpentier zeigt ein bemerkenswertes, farbliches Spektrum in seiner Musik, immer perfekt auf die zu gestaltende Szene abgestimmt. Manche Passage wird nur von wenigen Instrumenten oder der Continuogruppe begleitet (besonders schön die Duette oder Trios der Flöten, ergänzt durch ein Fagott), im Einzelfall kommen aber auch Percussionsinstrumente oder Blechbläser zum Einsatz.

      Die Aufführung in Paris wurde musikalisch von Emmanuelle Haim geleitet, im hochgefahrenen Graben sassen die Musikerinnen und Musiker des „Concert d´Astrée“. Und allein die musikalische Seite der Aufführung lohnte schon jede Minute der dreistündigen Aufführung. Emmanuelle Haim, die Dirigentin mit der exzentrischen Zeichengebung, ist ein temperamentvolles Energiebündel, die jede noch so kleine Nuance der Musik in Bewegung umsetzt, die fordernd ihre Musiker/innen leitet und den Sängerinnen und Sängern stets hilft, wenn es nötig wird oder werden könnte.
      Das Ergebnis ist ein in vielen Momenten berückender Abend, der die Schönheit der Musik auf hohem Niveau erfahrbar macht. Das fängt beim Zusammenklang der Singstimmen mit den Instrumenten an und hört bei delikat ausgekosteten dynamischen Setzungen, teilweise an der Grenze zur Wahrnehmbarkeit, noch längst nicht auf. Da werden die Tanzstücke mit federnder Rhythmik ausgeführt, da exekutiert der „Choeur d´Astrée“ die Musik Charpentiers mit grossem Können und mit viel Einfühlungsvermögen, da lassen sich die Solist/innen zu einer wirklichen, sängerischen Gestaltung zwischen Zärtlichkeit und Verzweiflung animieren.

      Überzeugend die Mezzosopranistin Michèle Losier in der Titelpartie. Ihre Stimme ist nicht völlig ebenmässig, aber der Nachdruck, mit der sie die verschiedenen Gefühle der Médée mit ihrer Stimme darzustellen vermag, packt ganz unmittelbar. Da gelingen die empfindsamen Passagen genauso, wie die Ausbrüche von Wut und Verzweiflung, die zum Ende des Stückes zu nehmen. Der Mezzo von Michèle Losier verfügt über eine leicht dunkle, attraktive Grundierung und kann von der Sängerin problemlos in höhere Lagen geführt werden.

      Ebenfalls von hoher Qualität die Sopranstimme von Sophie Karthäuser als Créuse, die die vielen, kleinen Verzierungen völlig souverän in den Gesangspart zu integrieren versteht und auch sie verfügt über ein breites Spektrum an Emotionen, die es ihr ermöglicht, ihre Rolle stimmdarstelleisch zu beglaubigen.

      Bei den Herren hat der bewegliche, leicht metallisch klingende Bariton Stéphane Degout (Oronte) die Nase vorn. Degout bleibt in jeder Phase präsent und die Stimme wirkt immer unangestrengt und frei.

      Anders Dahlin, der Jason, gehört zu den wenigen Sängern, die heute überhaupt in der Lage sind, eine solche, für einen Haute-Contre geschriebene Partie, zu übernehmen. Dahlin macht das hochsympathisch mit ganz leichter Tongebung, schafft auch immer wieder durch Beimischung von Kopftönen einen weitgehend bruchlosen Übergang in die hohe Lage, kann aber im Einzelfall die Schwierigkeiten, die eine solche Partie für einen Sänger bereithält, nicht völlig vergessen machen.

      Es dauert, bis Bariton Laurent Naouri (Créon)seine etwas grobkörnige Stimme in den Griff bekommt, dann aber vervollständigt er zuverlässig das Quartett der Hauptpartien.

      Profilierte Stimmen bei den kleineren Partien, die teilweise aus dem Chor heraus besetzt werden konnten.

      Was alle Mitwirkenden eint, ist eine hohes Mass an darstellerischem Einsatz. Die ganze Inszenierung steht und fällt mit der Bereitschaft, Körper und Gesicht in den Dienst des Stückes zu stellen. Es gab hier nur erstklassiges zu sehen. Vor allem die Verschränkung der Tanzszenen soll hier Erwähnung finden. Die Sängerinnen und Sänger werden in die Tanznummern eingebunden – und sie entledigen sich dieser Aufgabe mit Bravour. Auch, wie Michèle Losier sowohl kühle Unnahbarkeit, als auch Verzweiflung darstellt, ist sehenswert und Anders Dahlin bietet ein gelungenes Rollenpotrait zwischen Sunnyboy und Liebhaber.

      Die Inszenierung von Pierre Audi überfordert das Publikum nicht. Die Handlung bleibt klar nachvollziehbar. Schon der Prolog, eine zeitübliche Huldigung für den französischen König, wird als Element der eigentlichen Handlung der Oper integriert. Médée, Créon, Créuse, sie alle werden hier im Prolog schon dem Publikum vorgestellt. Viel Wert legt Audi auf die Ausgestaltung der Beziehungen der Figuren untereinander, das ist oft minutiös durchinszeniert. Es gibt das vergiftete Kleid für Créuse und auch die Zauberkraft der Médée bleibt der Figur erhalten. Die Soldaten sind lemurenhafte Gestalten, ganz in schwarz mit Kopfhauben, die später, als geisterhafte Erscheinungen sich in Gazeüberzügen winden werden, eine Todesbotin tritt vollständig in schwarz auf, Kleidung, Schleier und Gesicht, ein goldener Amor schwebt vom Schnürboden herunter, Médée zeigt sich im roten Lackmantel oder darunter in schlichtem schwarz, Créonte trägt einen goldenen Mantel, Créuse ein Silberkleid, Jason ein auberginefarbenes Hemd zum schwarzen Anzug. Es sind diese Farbelemente, die entweder die Düsternis der Szene durchbrechen oder unterstreichen.

      Die Bühnenbauten von Jonathan Meese passen gut zu dieser Produktion. Sie fügen dem Spiel eine weitere Ebene hinzu, ohne dieses zu dominieren. Ein grosser Vorhang mit Teilen eines Gesichtes schliessen die Bühne ab. Ein zweiter Vorhang lässt sich darüber schieben, so dass dann die Augen und der Mund leer bleiben. In der Mundöffnung steht Médée – eine Schrift verkündet: „Ich bin die Liebe“. Diese Motive des Vorhanges baut Meese später in das Stück erneut ein: in fensterartigen Öffnungen sind einzelne Teile des Gesichtes zu sehen: Augen, Nase, Ohren Mund. Médée löst sich also förmlich auf. Ein toller Moment in dieser Inszenierung, wenn diese Gesichtsteile plötzlich herunterkrachen. Die Bühne ist übersät mit unterschiedlich grossen Podesten, die wie Sargteile aussehen. In einem solchen Sarg verendet der König Créon, in solche Särge betten sich die Kinder der Médée zum Sterben. Die Zauberin selbst steht am Ende auf mehreren dieser Podeste, während sich eine Himmelscheibe über sie herabsenkt.

      Die relative Kargheit der Bühne (über der zeitweise ein Mondbild in blau und gelb hängt) hat eine deutlich suggestive Wirkung. Die insgesamt sich nicht an realistischen Bildern orientierende Produktion überzeugt durch das Ineinandergreifen von Spiel, Gesang und Ausstattung. Etwas Leerlauf gegen Ende fällt nicht sonderlich ins Gewicht.

      Das Publikum in Paris spendete viel Beifall für diesen sehens- und hörenswerten Abend, durchsetzt mit Ovationen für die Dirigentin und die Sängerinnen und Sänger, das Regieteam musste auch „Buhs“ hinnehmen, aber auch hier überwog die Zustimmung deutlich.
      Der Kunst ihre Freiheit