VERDI: La Traviata - BSO- Juni 09- Wo ist Violetta?

    Diese Seite verwendet Cookies. Durch die Nutzung unserer Seite erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies setzen. Weitere Informationen

    • VERDI: La Traviata - BSO- Juni 09- Wo ist Violetta?

      Es sind diesmal Verdi-Tage an der BSO im Juni.
      Aida bis zum Ende des Monats noch drei mal und La traviata leider schon vorbei.
      Schwarz-weiß ist angesagt und gold und rot in der Aida.
      Auch in der Traviata.
      Es gibt einen Hauch von Rot in Form einer Kamelie am Ausschnitt der Heldin, einen Tupfer Grün, hoffentlich trinkt man nicht Absinth aus den grünen Gläsern,
      und etwas goldenen Herbst in Gestalt von vielen Blättern.
      Und natürlich schwarze Vorhänge, Fracks und Roben. Ein weißes Bett und ein weißes Nachthemd.
      Allerdings hat die Traviata dann doch etwas ganz eigenes.
      Violetta geht nämlich am Ende in die Weite der Bühne ab.
      Und ist danach für die nächste Vorstellung nicht mehr verfügbar.
      So geschehen in der ersten Serie um Weihnachten herum und jetzt wieder.
      Eigentlich sollte ja diesmal nach der ersten Vorstellung eine Violetta einspringen, die das im Dezember schon mal praktiziert hatte.
      Sie war natürlich nicht da.
      Man musste zwei neue suchen.
      Letztendlich hatte München heuer also sechs verschiedene Violettas.
      Luxus pur.
      Da Vater und Sohn Germont, der jeweilige Dirigent, der Chor und das Orchester brav auf ihrem Platz bleiben, sind diese natürlich jeweils die selben.
      Vorstellung Nummer eins:
      Violetta Valéry Angela Gheorghiu
      Sie brachte ihre eigenen Kleider mit, nicht ganz schwarz im dritten Akt, sondern kombiniert mit - dunklem ROT!, der Rest zwar weiß, aber es war ein Designernachthemd, etwas tiefer ausgeschnitten.
      Natürlich konnte es auch nicht der Gartenstuhl sein, es wurde ein Ohrensessel.
      Aber was für eine Violetta.
      Zwar nicht die größte Stimme, aber von schönem dunklen Timbre- wem sag ich das?-, anrührend und dramatisch gleichermassen zeigte sie alle Facetten ihres Könnens. Sie war die große Diva.
      Und wurde entsprechend gefeiert.
      Sie hatte die Rolle mit ihrem Partner schon gesungen, daher war es auch gestalterisch überzeugend.
      Vielleicht war eine Geste mal zu groß, eine Phrase mal zu perfekt, ein Ton mal gehudelt, der Mensch dahinter nicht immer erfahrbar.
      Vorstellung Nummer zwei:
      Violetta Valéry Myrtò Papatanasiu
      Die Extras waren wieder dem Gewohnten gewichen.
      Die Violetta kam aus Griechenland.
      Die Stimme etwas heller, die Höhe vielleicht nicht ganz so abgerundet, überzeugte sie mit der Gestaltung der Rolle. Diese Violetta hatte einiges mehr an Herzblut und zeigte dies auch
      vor allem im zweiten und vierten Akt. Da spürte man Leben, leider hörte man aber auch mal etwas mehr Vibrato.
      Das Publikum war hörbar überzeugt.
      Vorstellung Nummer drei:
      Violetta Valéry Elaine Alvarez
      Musste sich erst freisingen. Die recht schöne Mittellage der eher dunkel timbrierten Stimme harmonierte mit beiden Germonts gut. Die Rolle ist gut angelegt. Nach unten gibt es schon mal einen Brustton entfernt Marke Callas, bei der Höhe wird man leider doch des öfteren eher unruhig, wo bleibt sie denn? Die Spannung in dieser Traviata kam eindeutig von Vater und Sohn.
      Auch dies eine gute Vorstellung.
      Bleibt sozusagen das Stammpersonal.
      Alfreeedooo!
      Jonas Kaufmann. Nur kurz: Die Stimme muss man live hören. Lockeres Singen, körperbetont, immer kontrolliert. Er kann Multitasking! Schaukelt was das Zeug hält im zweiten Akt beim Singen, knöpft sich bei der Cabaletta so nebenbei mal die Ärmel zu, beim C schnappt er sich den Mantel. Außerdem hat er noch ein zusätzliches Register, das JK "Schmuseregister". Die Stimme wird im mezza voce und nach unten eher weich. Aber er kann auch zulangen. Das Publikum mochte ihn. Jede Menge Damen mit Operngläsern wenn er dran war. Diskussion eröffnet!
      Die Operngläser gabs auch beim Vater.
      Simon Keenlyside!!!!
      Ein etwas jüngerer Papa, auch stimmlich. Aber sozusagen in den besten Jahren. Schon bestimmt was sein Anliegen betrifft, aber auch mitfühlend und herzlich. Phrasierung, Stimmführung, und was es sonst so an allgemein üblichen sogenannten Sängereinschätzungs- und irgendwie Erklärungen gibt, alles passt bestens. Ein bisschen viel Druck auf der Stimme, naja, nobody is perfekt.
      Er verschwand immer gleich wieder beim Einzelvorhang, Applaus melken hat er nicht nötig.
      Das tat aber auch niemand.
      Die Dirigentin.
      Keri-Lynn Wilson- Frau Peter Gelb!
      Kann ihr Handwerk. Zügiges Dirigieren, wer jetzt beim Tempo recht hat, manchmal war es schon mal nicht ganz auszumachen, vor allem in der ersten Vorstellung. Besser geht es immer. Schöne Soli.
      Der Chor und die Nebenrollen waren prima. Auch die stummen: die Schwester und der Karten-Zauberer
      Das Haus dreimal ausverkauft.
      Bis zur nächsten Violetta.
      :pfeif:

      isarwinkler
      (heute war kein Föhn, oder?)
    • Lieber Isarwinkler,
      ich hoffe, dass du uns auch die übrigen drei Violettas nicht vorenthältst! 6 verschiedene Interpretinnenen dieser Rolle in einer Serie zu erleben ist sicher ungewöhnlich, aber auch interessant. Und sechsmal Jonas Kaufmann ist natürlich Luxus pur, und das sehen sicher nicht nur die Damen so ;) . "Multitasking" passt exakt auf ihn, ich wundere mich auch immer wieder, was er während des Singens so alles aufführt und trotzdem seine Töne trifft (Meistens zumindest ;) ), vor allem schaut er so gut wie nie zum Dirigenten (auch nicht zum Souffleur), ohne deshalb einen Einsatz zu verpassen.
      Und wie ist die Regie dieser "Traviata"?
      lg Severina :wink:
      "Das Theater ist ein Narrenhaus, aber die Oper ist die Abteilung für Unheilbare!" (Franz Schalk)
    • Severina schrieb:

      Lieber Isarwinkler,
      Und sechsmal Jonas Kaufmann ist natürlich Luxus pur, und das sehen sicher nicht nur die Damen so ;)


      Liebe Severina,

      diesen Luxus hat sich die Staatsoper auch tatsächlich nicht geleistet, aber Beczala/Lucic sind ja ebenfalls sehr gute Sänger und sicher für keine Sängerin ein Grund, die Flucht zu ergreifen ;) Es sangen im Dezember Harteros/Rost/Samuil und im Januar auch noch einmal Samuil. War leider in keiner Vorstellung da ebenfalls grippegeschädigt.

      Dir lieber Isarwinkler möchte ich allerherzlichst für Deine großartige Rezension im Dreierpack danken, die ich nur fand, als ich Deine Beiträge durchforstete (hat sich sehr gelohnt).

      Schätze mal, die erste Vorstellung mit Gheorghiu war schon ganz besonders in jeder Beziehung (z.B. auch der Umdekoration und Bekleidung), aber die Herren haben bestimmt jeden Abend zu einem Fest werden lassen. Ich war mit der mittleren Traviata auf jeden Fall sehr zufrieden. :klatsch:
      Konntest Du noch einen Platz mit Sicht ergattern?

      Gute Nacht
      :wink: Ingrid
    • @ Severina
      Weihnachten gab es wie Ingrid sagte Beczala und Lucic, was insgesamt den Luxus für die Münchner für die diesjährigen Traviatas noch erhöhte.
      Zur Inszenierung.
      Es gibt ein paar Fotos auf der BSO website.
      Insgesamt eine eher minimalistische Angelegenheit und durch das viele schwarz und weiß und dunkle Kulissen und Vorhänge eine recht düstere.
      Im ersten Akt gibt es eine Polonaise.
      Der zweite Akt spielt in einem herbstlichen Garten.
      Die Herbstblätter und ein riesiger Kronleuchter ziehen sich durch die ganze Oper. Im vierten liegt er dann auf dem Boden, die Blätter sind zusammengekehrt.
      Violettas Bett steht rechts vorn am äußersten Bühnenrand daneben ein simpler Gartenstuhl.
      Das un di felice singt Alfredo links neben einer offenen Tür, die ihn von Violetta trennt.
      In der ersten Vorstellung hat sich JK zu AG ganz eng aufs Bett gesetz, dazu ein recht freizügig dekolletiertes Nachthemd. In der zweiten und dritten wurde es dann wieder züchtiger. Violetta saß wieder auf dem Gartenstuhl. Das ganze ist schon sehr von den jeweiligen Protagonisten abhängig wie es wird. Alfredo war nicht mehr der ganz schüchterne, auch ganz schön sauer im dritten Akt.
      Vater Germont hat sozusagen als Druckmittel gleich seine Tochter mitgebracht. Er wusste was er wollte, aber auch was es bedeutet.

      @ Ingrid
      Das mit Sicht geht schon mal. Wenn die anderen sich nicht beschweren, gibts Möglichkeiten. ;)

      isarwinkler
    • isarwinkler schrieb:

      @ Severina
      Weihnachten gab es wie Ingrid sagte Beczala und Lucic, was insgesamt den Luxus für die Münchner für die diesjährigen Traviatas noch erhöhte.
      ...................Das
      ganze ist schon sehr von den jeweiligen Protagonisten abhängig wie es wird. Alfredo war nicht mehr der ganz schüchterne, auch ganz schön sauer im dritten Akt.



      isarwinkler
      Lieber Isarwinkler,
      Beczala und Lucic hatten wir vergangenen Juni, das ergab im Verein mit Stoyanova musikalisch meine tollste "Traviata" seit vielen Jahren. Schauspielerisch ziehe ich natürlich JK vor, keine Frage! :D Er hat mich übrigens in Zürich mit einer Brindisi-Interpretation verblüfft, wie ich sie noch nie erlebt habe: Normalerweise schmettern die Tenöre da ja drauf los, um gleich am Anfang ihre vokale Visitenkarte abzugeben, nicht so Kaufmann. Der mimt den Schüchternen, der von den anderen beinahe genötigt werden muss, den Trinkspruch anzustimmen, beginnt daher ganz zögerlich, unsicher und gewinnt erst im Laufe dieser ersten Strophe allmählich Selbstbewusstsein und damit den Mut, mit voller Stimme zu singen. Köstlich, wie er sich dann mit einem hörbaren Seufzer der Erleichterung auf den Sessel plumpsen ließ und stolz um sich blickte, so nach dem Motto: "Na, wie hab ich das hingekriegt?" Anerkennendes Schulterklopfen war denn auch die Folge. Ich fand es toll, dass er auf den sicheren Showeffekt dieser Nummer verzichtete, weil es ihm wichtiger war, eine bestimmte Facette im Charakter Alfredos zu zeigen. Ob man diese Sicht auf Alfredo nun teilt oder nicht, ist eine andere Sache, aber es ist jedenfalls bezeichnend für Kaufmann, dass es ihm selbst bei einer solchen Standardsituation wie dem Brindisi nicht genügt, sich einfach nur hinzustellen und schön zu singen.
      lg Severina :wink:
      "Das Theater ist ein Narrenhaus, aber die Oper ist die Abteilung für Unheilbare!" (Franz Schalk)