Sind Interpreten Sklaven?

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    • zabki schrieb:

      Ansonsten würde ich sagen, der Interpret soll tatsächlich nicht (direkt) das Werk den Hörern nahebringen, sondern er soll versuchen, sich selbst dem Werk zu nähern, und an diesem Versuch können dann Hörer teilhaben und so sich ebenfalls dem Werk nähern.

      Es gibt in der Tat einen Unterschied zwischen "Künstler", "Interpret" und "Pädagoge". Und es gibt Überlappungen.

      Es bleibt aber dabei: Ein Künstler erschafft Neues. Und er hat keine Verpflichtung, weder als Interpret noch als Pädagoge.

      Wenn sich der Musiker aber als Interpret versteht, hat er natürlich eine Pflicht. Eigentlich ist er sogar Sklave. Im Englischen wird das noch klarer: Der "interpreter" ist der Übersetzer, der Dolmetscher. Er muss den Sinn des Originaltextes erfassen und möglichst genau übersetzen.

      Der real existierende Musiker ist in der Regel eine Mischung aus Interpret und Künstler. Er interpretiert (und sei es nur für sich selbst) das Werk und schafft daraus etwas Neues, nämlich die Aufführung desselben.

      Übrigens haben viele große Maler auch so gearbeitet: Sie gingen in die Museen und kopierten (d.h. interpretierten) die großen Meister, danach schufen sie eigene Werke. Die Spuren der vorangegangen "Interpretation" sind in den späteren eigenen Werken oft noch erkennbar.

      Der Pädagoge geht noch einen Schritt weiter: Er interpretiert nicht nur, sondern er erklärt auch.


      Thomas

      PS: Vor 7 Jahren habe ich geschrieben: "Fazit: Der Interpret darf alles. Wir müssen aber nicht alles gut finden. Was wir weniger gut finden, sollten wir ignorieren."
      Das war falsch. Es muss heißen: "Der Künstler darf alles..." Der Interpret darf gar nichts.
      Lateinisch: interpres = Ausleger, Erklärer, Deuter, Übersetzer, Vermittler
      Wobei hier "erklären" nicht im pädagogischen Sinn zu verstehen ist. Der "Erklärer" sagt einfach, wie es gemeint ist. Der Pädagoge erklärt zusätzlich noch, wie es geht.
    • Ecclitico schrieb:

      Der Pädagoge geht noch einen Schritt weiter: Er interpretiert nicht nur, sondern er erklärt auch.
      He who can, does.
      He who cannot, teaches.
      He who cannot teach, teaches teaching.

      Gruß
      MB

      :wink:
      Un homme d'esprit est perdu s'il ne joint pas à l'esprit l'énergie de caractère. Quand on a la lanterne de Diogène, il faut avoir son bâton. (Nicolas-Sébastien de Chamfort)
    • Ecclitico schrieb:

      Es bleibt aber dabei: Ein Künstler erschafft Neues. Und er hat keine Verpflichtung, weder als Interpret noch als Pädagoge.

      Wenn sich der Musiker aber als Interpret versteht, hat er natürlich eine Pflicht. Eigentlich ist er sogar Sklave. [...]

      Der real existierende Musiker ist in der Regel eine Mischung aus Interpret und Künstler. Er interpretiert (und sei es nur für sich selbst) das Werk und schafft daraus etwas Neues, nämlich die Aufführung desselben.
      [...]
      Der Pädagoge geht noch einen Schritt weiter: Er interpretiert nicht nur, sondern er erklärt auch.
      [...]
      PS: Vor 7 Jahren habe ich geschrieben: "Fazit: Der Interpret darf alles. Wir müssen aber nicht alles gut finden. Was wir weniger gut finden, sollten wir ignorieren."
      Das war falsch. Es muss heißen: "Der Künstler darf alles..." Der Interpret darf gar nichts.
      Lateinisch: interpres = Ausleger, Erklärer, Deuter, Übersetzer, Vermittler
      Wobei hier "erklären" nicht im pädagogischen Sinn zu verstehen ist. Der "Erklärer" sagt einfach, wie es gemeint ist. Der Pädagoge erklärt zusätzlich noch, wie es geht.


      es wird also beim "realen Musiker" verschiedene Mischungen geben, im Extrem den durch-und-durch-Künstler, der entsprechend alles darf, am andern Ende der Skala den fast reinen Interpreten, dem man genaustens auf die Finger guckt. Und die Standortbestimmung auf dieser Skala dann nach Selbstdefinition und/oder Einschätzung durch die Musikkritik?

      Der Pädagoge wird im Unterricht mit dieser Skala konfrontiert sein. Er wird also demjenigen Schüler, den er als zum Interpretendasein stark inklinierend einschätzt, z.B. sagen: "hier in Takt 71 bitte das crescendo nicht unterschlagen", hingegen er seinem Kunstgenie zeigendem Eleven z.B. sagt, "also an der Stelle, wo du offenbar Takt 71 besonders anklingen läßt, stelle ich mir vor, es würde mich vielleicht mehr überzeugen, wenn du da ein crescendo machen würdest. Da wäre ja sogar ein Anregung dazu in T. 71 zu finden".
      ---
      Es wäre lächerlich anzunehmen, daß das, was alle, die die Sache kennen, daran sehen, von dem Künstler allein nicht gesehen worden wäre.
      (J. Chr. Lobe, Fliegende Blätter für Musik, 1855, Bd. 1, S. 24).


      Wenn du größer wirst, verkehre mehr mit Partituren als mit Virtuosen.
      (Schumann, Musikalische Haus- und Lebensregeln).
    • Musiker sind in weiten Teilen "Sklaven". Und zwar "Sklaven der Komponisten", "Sklaven der Arrangeure", "Sklaven der musikalischen Leiter" und auch "Sklaven der Kollegen". Der "Freiraum" ist durch die zu spielenden Noten und damit verbunden Notierungen vorgegeben, die Umsetzung als Bindeglied zum ausführenden Musiker ist der Dirigent oder Bandleader. Das hat mit Interpret oder Künstler erst mal überhaupt nichts zu tun.

      Kommen wir zu den "Freiheiten" des Musikers, wenn wir bei den von mir erwähnten Beispielen bleiben wollen zunächst einmal. Künstlerisch tätig wird er dann, wenn er ein Solo gestalten darf, so weit es "frei im Vortrag" ist - und der Dirigent/Bandleader damit einverstanden ist, wie er das umsetzt. Das betrifft die Bigband sowohl das Sinfonie-Orchester oder die Blaskapelle in Hinterupfingen ebenso.

      Bei eigenen Projekten, oder bei den freien Solo-Stellen im Jazz (dem Chorus oder den Chorussen in dem Fall) kann er sich dann künstlerisch voll entfalten und austoben, um es mal salopp zu schreiben.

      Übrigens sind alle Tutti-Spieler nichts Anderes als "Sklaven" der Orchester. Es ist ihr Job, und das kann manchen Musiker erfüllen, aber auch auf Dauer anöden und langweilen.

      Als Dozent, Musiklehrer, Pädagoge hat man einen völlig anderen Auftrag. Man bereitet seine Schüler auf das vor, was sie eines Tages erwarten könnte : Reine Orchesterarbeit, Förderung von begabten Schülern mit solistischen Beiträgen, Erlernen der dazu nötigen Techniken (z.B. Atemtechnik, Zungentechnik, etc). Nicht jeder "Künstler" ist auch ein guter Pädagoge. Nicht jeder Pädagoge ist ein guter Lehrer, hin und wieder nicht mal ein guter Musiker.
      Viele Grüße sendet Maurice

      Musik bedeutet, jemandem seine Geschichte zu erzählen und ist etwas ganz Persönliches. Daher ist es auch so schwierig, sie zu reproduzieren. Niemand kann ihr am Ende näher stehen als derjenige, der/die sie komponiert hat. Alle, die nach dem Komponisten kommen, können sie nur noch in verfälschter Form darbieten, denn sie erzählen am Ende wiederum ihre eigene Geschichte der Geschichte. (ist von mir)
    • Maurice schrieb:

      Musiker sind in weiten Teilen "Sklaven". Und zwar "Sklaven der Komponisten", "Sklaven der Arrangeure", "Sklaven der musikalischen Leiter" und auch "Sklaven der Kollegen". Der "Freiraum" ist durch die zu spielenden Noten und damit verbunden Notierungen vorgegeben, die Umsetzung als Bindeglied zum ausführenden Musiker ist der Dirigent oder Bandleader. Das hat mit Interpret oder Künstler erst mal überhaupt nichts zu tun.
      ja, wenn man direkt an den Orchestermusiker im Job denkt, ist das nochmal eine andere Perspektive. Die Theorie dürfte sich darauf zurückziehen, daß der Dirigent der "eigentiche" Künstler ist.

      Aber das bringt mich auf die Frage - was ist das eigentlich, wenn ein Geiger seine Stimme zu Hause übt? schafft er dann auch ein "neues Kunstwerk"?
      ---
      Es wäre lächerlich anzunehmen, daß das, was alle, die die Sache kennen, daran sehen, von dem Künstler allein nicht gesehen worden wäre.
      (J. Chr. Lobe, Fliegende Blätter für Musik, 1855, Bd. 1, S. 24).


      Wenn du größer wirst, verkehre mehr mit Partituren als mit Virtuosen.
      (Schumann, Musikalische Haus- und Lebensregeln).
    • Es wäre vermutlich interessant, zu hinterfragen, an welche Musiker "man" denkt, wenn man den Titel liest. Vermutlich an den Solisten oder Dirigenten. Die sind noch vergleichsweise frei beim Interpretrieren. Nur, wie groß ist der Anteil dieser freien Musiker am Gesamtanteil? Denkt man die Hausmusiker mit, dürfte die interpretatorische Freiheit in vielen Fällen zudem rein technisch begrenzt sein; ähnlich dürfte der Dirigent sich manches Mal ein besseres Orchester oderr einen besseren Chor wünschen.

      Beim Selbstentscheider über die Interpretation (Solist) finde ich die Assoziation eines Sklaven abenteuerlich. Aus Sicht eines Improvisationsmusiker ist es natürlich verpönt, Noten vor Augen zu haben. Aber das Akzeptieren der Rahmenbedingungen der klassischen Musik vorausgesetzt, ist ein Solist nichts weniger als ein Sklave. In den Noten steht zwar viel, oft auch mehr, als man zunächst meint, aber insgesamt doch sehr, sehr wenig. Der Künstler hat unermesslich große Freiheiten, auch wenn er das Notierte beachtet. Man vergleiche mit dem Schauspieler. Würde jemand sagen, ein Schauspieler wäre ein Sklave ohne künstlerische Freiheit, weil er den Text beachten muss? Scheint mir ein Kategorienfehler zu sein. Weder ein Schauspieler noch ein klassicher Solist sind im Normalfall originär schaffende Künstler (Glenn Gould und seine Beethoven-Kadenz ist eine bekannte Ausnahme), sondern ausführende Künstler. Daran ändert es nichts, dass sie bei der Aufführung selbst ein Kunstwerk erschaffen. Sie bleiben Ausführende. Aber Sklaven? Nie im Leben.

      Kontrollüberlegung: Wie groß ist die künstlerische Freiheit eines Triangelspielers in einer Musikaufführung in der Schule? Ihr ahnt, von wem ich schreibe? Nun ja, der falsche Einsatz wurde allerorten als Fehler wahrgenommen. Nix da mit künstlerischer Freiheit.
    • Knulp schrieb:

      Kontrollüberlegung: Wie groß ist die künstlerische Freiheit eines Triangelspielers in einer Musikaufführung in der Schule? Ihr ahnt, von wem ich schreibe? Nun ja, der falsche Einsatz wurde allerorten als Fehler wahrgenommen. Nix da mit künstlerischer Freiheit.

      Wie gesagt: Ein Musiker ist zu x Prozent Künstler und zu 100-x Prozent Interpret ("Sklave").

      Beim Triangelspieler dürfte x<10 sein, beim Solo-Pianisten >90.

      Wobei es beim Pianisten fast schon philosophisch wird: Er macht sich abhängig vom Notentext, aber die Abhängigkeit ist freiwillig. Er legt den Grad der Abhängigkeit selbst fest. "Freiheit ist die Einsicht in die Notwendigkeit".

      Allerdings muss auch der Pianist dem Veranstalter mitteilen, was er spielen wird. Zu 100% frei ist er also nicht. Bob Dylan scheint aber ziemlich nah an die 100% zu kommen. Meinen Onkel (Dylan-Fan) frustriert das sehr...


      Thomas
    • Knulp schrieb:

      Aus Sicht eines Improvisationsmusiker ist es natürlich verpönt, Noten vor Augen zu haben.
      Das hast Du aber als Solist in der Bigband genau so. Auf der einen Seite spielst Du nach Noten, auf der anderen Seite hast Du dann, sagen wir mal, 16 Takte "Freiheit", die wiederum auf ein gewisses Harmonie-Schema eingeschränkt wird - also doch wieder ein Sklave, aber ein "freier" Sklave..... ;(
      Viele Grüße sendet Maurice

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    • Maurice schrieb:

      Auf der einen Seite spielst Du nach Noten, auf der anderen Seite hast Du dann, sagen wir mal, 16 Takte "Freiheit", die wiederum auf ein gewisses Harmonie-Schema eingeschränkt wird - also doch wieder ein Sklave, aber ein "freier" Sklave.....
      es ist ein mal sagen "dialektisches Verhältnis": die "Freiheit" dieser 16 Takte über gegebene Changes ist um so größer, je mehr man gelernt hat, mit den Regeln zu arbeiten - bis es klingt wie freier Ausdruck und trotzdem passt... ist diese Freiheit (mit ca Adorno) jetzt Illusion? oder fängt sie erst da an, wo man mit der "natürlichen" (?) Schwerkraft der Akkorde tanzen lernt?
      Die englischen Stimmen ermuntern die Sinnen
      daß Alles für Freuden erwacht
    • philmus schrieb:

      ist diese Freiheit (mit ca Adorno) jetzt Illusion? oder fängt sie erst da an, wo man mit der "natürlichen" (?) Schwerkraft der Akkorde tanzen lernt?
      Es ist eine "trügerische Freiheit", die z.B. einen Archie Shepp niemals als "Freiheit" vorkommen würde, aber einem Swing-Musiker wie etwa Benny Goodman die für in bestmögliche Freiheit bieten würde, die er sich wünschen könnte.

      Mich würden z.B. die 16 Takte auch einengen, weil ich vorher nie weiß, ob ich vielleicht nicht doch lieber 32 Takte für mein Solo nutzen würde. Für einen "Anfänger" wären es die vermutlich die schwierigsten, aber auch freihesten 16 Takte seines Lebens. Er hätte vermutlich Probleme, sie sinnvoll auszunutzen, während Shepp sich wie im Hochsicherheitstrakt vorkommen würde.

      "Frei" waren z.B. Eric Dolphy und Charles Mingus, als sie 1964 zusammen spielten. Und doch herrschte eine Einigkeit, was die Ideen und auch das Zusammenspiel angeht.
      Viele Grüße sendet Maurice

      Musik bedeutet, jemandem seine Geschichte zu erzählen und ist etwas ganz Persönliches. Daher ist es auch so schwierig, sie zu reproduzieren. Niemand kann ihr am Ende näher stehen als derjenige, der/die sie komponiert hat. Alle, die nach dem Komponisten kommen, können sie nur noch in verfälschter Form darbieten, denn sie erzählen am Ende wiederum ihre eigene Geschichte der Geschichte. (ist von mir)
    • Maurice schrieb:

      Mich würden z.B. die 16 Takte auch einengen, weil ich vorher nie weiß, ob ich vielleicht nicht doch lieber 32 Takte für mein Solo nutzen würde.
      die Problematik ist mir vertraut... auch umgekehrt: es gibt Momente, wo nach 16 Takten gefühlt alles gesagt ist, obwohl man mehr Raum hätte... und dann die Gefahr besteht, ins "Gedudel" zu verfallen...
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    • philmus schrieb:

      auch umgekehrt: es gibt Momente, wo nach 16 Takten gefühlt alles gesagt ist, obwohl man mehr Raum hätte... und dann die Gefahr besteht, ins "Gedudel" zu verfallen...
      Genau so ist es.....
      Viele Grüße sendet Maurice

      Musik bedeutet, jemandem seine Geschichte zu erzählen und ist etwas ganz Persönliches. Daher ist es auch so schwierig, sie zu reproduzieren. Niemand kann ihr am Ende näher stehen als derjenige, der/die sie komponiert hat. Alle, die nach dem Komponisten kommen, können sie nur noch in verfälschter Form darbieten, denn sie erzählen am Ende wiederum ihre eigene Geschichte der Geschichte. (ist von mir)
    • Maurice schrieb:

      "Frei" waren z.B. Eric Dolphy und Charles Mingus, als sie 1964 zusammen spielten. Und doch herrschte eine Einigkeit, was die Ideen und auch das Zusammenspiel angeht.
      weil sie eben doch auch frei genug waren (auch von übertriebener Egozentrik), MITeinander zu spielen.

      Knulp schrieb:

      Aus Sicht eines Improvisationsmusiker ist es natürlich verpönt, Noten vor Augen zu haben.
      die können doch als Inspiration auch ganz nett sein...

      Wie frei man sich fühlt, ist auch eine Entscheidung: wenn ich mich auf ein klassisches Stück einlasse, bin ich frei FÜR Bach oder Glasunow oder wen auch immer. Frei VON der Aufgabe, mir selbst was ausdenken zu müssen...

      Es gibt ja genug Solisten (vor allem mit eher klassischer Ausbildung), die die Freiheit eines Solos lieber nutzen, sich etwas auszudenken und ihr Solo festzulegen und dann perfekt zu üben - wie in der Kadenz im Solokonzert, wo ja eher selten improvisirt wird heutzutage. Ich will darüber nicht rechten, die Anforderungen an klassische Solisten sind eh jenseits von Gut und Böse - aber ein bißchen schade finde ich das schon, daß die eigentlich für virtuose Freiheit vorgesehene Stelle garnicht wirklich genutzt wird..
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    • Knulp schrieb:

      Aus Sicht eines Improvisationsmusiker ist es natürlich verpönt, Noten vor Augen zu haben.
      Wie kommst Du auf diesen Satz bitte sehr? Was ist ein "Improvisationsmusiker" überhaupt ? Solche Kollegen sind mir noch nicht begegnet. Solltest Du Musiker meinen, die AUCH im Stück improvisieren dürfen/können, so haben sie in der Regel ein Harmonie-Schema vorliegen, Noten eher selten (Ausnahme : Man hat das Original-Solo notiert als Anhaltspunkt. Z.B.: "In the Mood" die Soli werden sehr oft nachgepspielt, oder auch "Take the A-Train" das legendäre Trompetensolo von Ray Nance, das nahezu jeder Solist auf der Trompete zumindest auszugsweise zitiert).
      Viele Grüße sendet Maurice

      Musik bedeutet, jemandem seine Geschichte zu erzählen und ist etwas ganz Persönliches. Daher ist es auch so schwierig, sie zu reproduzieren. Niemand kann ihr am Ende näher stehen als derjenige, der/die sie komponiert hat. Alle, die nach dem Komponisten kommen, können sie nur noch in verfälschter Form darbieten, denn sie erzählen am Ende wiederum ihre eigene Geschichte der Geschichte. (ist von mir)
    • Wieso fragst du so komisch, wenn du mir im nächsten Satz Recht gibst und ausführst, dass Jazz-Musiker in der Regel gerade nicht Noten abspielen, sondern sich typischerweise an Harmonien orientieren bzw. an leedsheets?

      Den Begriff Improvisationsmusiker habe ich bewusst gewählt, um niemandem auf die Füße zu treten - dein Fuß scheint ziemlich groß zu sein - und deutlich zu machen, dass es um einen Musiker geht, der nicht nach Noten spielt, sondern improvisiert, wobei klar sein dürfte, dass Improvisationen meist nicht frei sind, sondern sich ebenfalls anlehnen (an Standards, Harmoniefolgen etc.). Das mag ein Jazzer in bestimmten Situationen sein, ein Organist oder sonst ein Virtuose. Mir egal. Es ist jedenfalls nicht das Mitglied eines klassischen Orchesters.
    • Knulp schrieb:

      Wieso fragst du so komisch, wenn du mir im nächsten Satz Recht gibst und ausführst, dass Jazz-Musiker in der Regel gerade nicht Noten abspielen, sondern sich typischerweise an Harmonien orientieren bzw. an leedsheets?
      Ich habe nicht "komisch" gefragt, sondern wollte von Dir den begriff "Improvisationsmusiker" erklärt bekommen. Das Weitere war meine Annahme, dass Du eventuell das gemeint hattest, was ich dann ausgeführt hatte. Nicht mehr und nicht weniger.


      Knulp schrieb:

      Den Begriff Improvisationsmusiker habe ich bewusst gewählt, um niemandem auf die Füße zu treten - dein Fuß scheint ziemlich groß zu sein
      Den Schuh musst doch DU Dir anziehen nicht ich mir. Du hast MIR damit nicht auf die Füße getreten, spielst aber gerade die "beleidigte Leberwurst". Sorry, verstehe ich ncht wirklich.


      Knulp schrieb:

      Den Begriff Improvisationsmusiker habe ich bewusst gewählt, um niemandem auf die Füße zu treten

      Knulp schrieb:

      und deutlich zu machen, dass es um einen Musiker geht, der nicht nach Noten spielt, sondern improvisiert, wobei klar sein dürfte, dass Improvisationen meist nicht frei sind, sondern sich ebenfalls anlehnen (an Standards, Harmoniefolgen etc.). Das mag ein Jazzer in bestimmten Situationen sein, ein Organist oder sonst ein Virtuose. Mir egal. Es ist jedenfalls nicht das Mitglied eines klassischen Orchesters.
      Siehst Du, genau DAS war letzten Endes meine Frage gewesen.

      Man kann den Begriff auch völlig anders auslegen. Schließlich gibt es in der sehr modernen Musik durchaus Musiker, die ganz ohne Vorgaben, oder nur sehr vagen Vorgaben, spontan Musik machen, teilweise alleine, aber auch mit Kollegen. Das geht dann schon in die experimentelle Musik über. Auch DAS wäre bei Deinem ersten Posting denkbar gewesen.

      Ich wollte Dir also überhaupt nicht krumm von der Seite kommen, absolut nicht.
      Viele Grüße sendet Maurice

      Musik bedeutet, jemandem seine Geschichte zu erzählen und ist etwas ganz Persönliches. Daher ist es auch so schwierig, sie zu reproduzieren. Niemand kann ihr am Ende näher stehen als derjenige, der/die sie komponiert hat. Alle, die nach dem Komponisten kommen, können sie nur noch in verfälschter Form darbieten, denn sie erzählen am Ende wiederum ihre eigene Geschichte der Geschichte. (ist von mir)
    • Gurnemanz schrieb:

      Dieser zog sich den Ärger des Komponisten zu, weil er eigenmächtig im Notentext nicht enthaltene Verzierungen einfügte. Er rechtfertigte sich damit, daß Interpreten keine Sklaven des Komponisten seien, doch dieser entgegnete barsch: "Interpreten sind Sklaven!"
      Was sind Sklaven und was ist Freiheit?

      Freiheit ist, wenn man tun und lassen kann, was man will. - Vielleicht gibt dies die alltagsgängige Verwendung des Begriffs wieder. Aber was kann ich wollen? Kann ich im Lotto gewinnen "wollen"?

      "Wille", sagen die Philosophen bei Tante Wiki, "Wille" ist die Umsetzung von Vorstellungen in die Realität durch Handlungen. Also kann ich nicht im Lotto gewinnen "wollen". Ich kann das nur wünschen. Zwar kann ich einen Tippschein kaufen, aber damit nicht den Gewinn erzwingen. (Es sei denn, ich gäbe knapp 140 Mio Tippscheine ab - was einerseits außerhalb meiner finanziellen Möglichkeiten liegt, andererseits den zu erwartenden Gewinn mit Sicherheit ins Negative verkehrt, da nur 50 % der Einnahmen wieder als Gewinn ausgeschüttet werden.)

      Bob Dylan wurde genannt, der angeblich im Konzert das gemacht haben soll, was er wollte. Hm. War er frei? Er war frei, überhaupt nicht zum Konzert zu kommen. Er war frei, die Erwartungen seines Publikums völlig zu unterlaufen und bspw. ein Medley aus Bachs Lautenwerken und "Hänschen klein" zum Besten zu geben. Hätte er machen können. Hat er aber nicht. Selbst, wenn er in der tagesaktuellen Auswahl der Vortragsstücke "frei" war, so hielt er sich doch eng an das durch die vorhersagbaren Erwartungen gesetzte Fenster der Möglichkeiten. - Sonst hätte er eventuell nach einigen Auftritten nicht mehr die Freiheit gehabt, Konzerte zu geben (weil sich kein Veranstalter mehr dafür gefunden hätte).

      Ein (solistisch agierender) Konzertpianist wurde genannt. Der hat erst einmal die Freiheit, Konzerte zu geben oder auch nicht (und es stattdessen vielleicht mal als Taxifahrer zu versuchen). Dann hat er die Freiheit, die Werke auszusuchen, die er spielen will. Wobei er sich auch da vielleicht einschränken lässt - wenn man nicht Glenn Gould heißt, dann zieht ein Programm aus Byrd, Gibbons, Sweelinck, spätem Beethoven, Schönberg und Webern vielleicht nicht ganz so viele Zuhörer an wie ein Programm aus Bach, einer Beethoven-Sonate mit Beinamen, Chopin und Prokofjew.

      Und der Pianist hat natürlich die Freiheit, die Sonate in seiner persönlichen Fassung zu spielen ("Interpretation"). Wobei sein Erfolg mittelfristig gefährdet wäre, wenn er sehr stark vom gefühlten "Standard" abwiche, ohne damit eine völlig neue, der konventionellen mindestens vergleichbare Hörerfahrung zu bieten.

      Wie stellt Ihr Euch denn "Freiheit" vor? Einer kommt auf die Bühne und macht, was er will? Auch der Jazzmusiker ist gebunden - an seine Changes, daran, dass seine mitmusizierenden Kollegen ihn vielleicht auch beim nächsten Mal wieder einladen, ...

      Furtwängler wollte eigentlich viel lieber Komponist sein. Hat sich die Freiheit dazu aber nur bedingt genommen, weil es sich für ihn vom Brotberuf des Dirigenten besser leben ließ.

      Bach konnte nicht Astronaut werden, auch, wenn er noch so gewollt hätte. Beethoven konnte nicht Mutter werden. Wir können (vermutlich) keine Klimawandelstopper werden, jedenfalls nicht im Hauptberuf. Oder jedenfalls keine erfolgreichen, eher so etwas wie Marketingfritzen in Sachen Klimawandelstopp.

      Was ist Freiheit? Und wer kann es sich leisten, frei zu leben?

      Gruß
      MB

      :wink:
      Un homme d'esprit est perdu s'il ne joint pas à l'esprit l'énergie de caractère. Quand on a la lanterne de Diogène, il faut avoir son bâton. (Nicolas-Sébastien de Chamfort)