Sind Interpreten Sklaven?

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    • „Hinge aber doch wohl davon ab, wie lange der Komponist schon tot ist.“
      Steht doch da: „gemeinfrei“... ;)
      viele Grüße

      Bustopher


      Wenn ein Kopf und ein Buch zusammenstoßen und es klingt hohl, ist denn das allemal im Buche?
      Georg Christoph Lichtenberg, Sudelbücher, Heft D (399)
    • Wolfram schrieb:

      Symbol schrieb:

      Er steht zu dem Komponisten in keinem bezahlten "Dienstverhältnis",
      Kann man nicht einem Menschen, einer Idee, einer Sache dienen, ohne dass man eine materielle Gegenleistung erwartet?

      Man kann sich um eine Sache bemühen, sich für eine Sache engagieren etc., aber ihr "dienen"?

      Wie "diene" ich denn z. B. dem Wohltemperierten Klavier? Indem ich es spiele? Indem ich es besonders gut spiele? Und woran merkt man, dass dem Stück gedient worden ist?

      Wolfram schrieb:

      Symbol schrieb:

      der Komponist und seine Erben haben keine Ansprüche des geistigen Eigentums mehr, die sie geltend machen könnten,
      Hinge aber doch wohl davon ab, wie lange der Komponist schon tot ist.

      Wie von bustopher erwähnt, habe ich mich auf die Aufführung gemeinfreier Kompositionen bezogen. Bei noch bestehendem Urheberrechtsschutz ist die Situation komplizierter, da der Interpret dann in der Tat nicht ganz frei ist, künstlerische Entscheidungen autonom zu treffen.

      LG :wink:
      "Was Ihr Theaterleute Eure Tradition nennt, das ist Eure Bequemlichkeit und Schlamperei." Gustav Mahler
    • Symbol schrieb:

      Man kann sich um eine Sache bemühen, sich für eine Sache engagieren etc., aber ihr "dienen"?
      Klar, wenn man in der Bemühung um die Sache erfolgreich war, dann hat man der Sache gedient. Nur der gute Wille allein zählt nicht.
      :D
      This play can only function if performed strictly as written and in accordance with its stage instructions, nothing added and nothing removed. (Samuel Beckett)
    • putto schrieb:

      Symbol schrieb:

      Man kann sich um eine Sache bemühen, sich für eine Sache engagieren etc., aber ihr "dienen"?
      Klar, wenn man in der Bemühung um die Sache erfolgreich war, dann hat man der Sache gedient. Nur der gute Wille allein zählt nicht.
      :D
      na ja, das betrifft jetzt eher die Frage, wessen es bedarf, um einer Sache dienlich zu sein...
      Der Begriff ist vielleicht was altertümlich - wird aber fröhlich benutzt, z.B. in der Rede von z.B. "songdienlichem" Gitarrenspiel..

      Ich verstehe das mit dem "Dienen", gerne auch: "dem Werk Dienen" so, daß, wer so spricht, sich als besonders frei von eigenen Ambitionen (leider vielleicht auch: eigenen Ideen) darstellen will. An dieser Stelle fand ich ja immer ChrKöhn sehr erfrischend in seinem Beharren darauf, daß man nicht nicht interpretieren kann.
      Die englischen Stimmen ermuntern die Sinnen
      daß Alles für Freuden erwacht
    • philmus schrieb:

      Ich verstehe das mit dem "Dienen", gerne auch: "dem Werk Dienen" so, daß, wer so spricht, sich als besonders frei von eigenen Ambitionen (leider vielleicht auch: eigenen Ideen) darstellen will.

      Ich verstehe den Begriff so, dass er gleichsam auf eine kunstreligiöse Haltung hinweist. Dem heiligen Werk ist durch den irdischen Interpreten zu dienen...

      LG :wink:
      "Was Ihr Theaterleute Eure Tradition nennt, das ist Eure Bequemlichkeit und Schlamperei." Gustav Mahler
    • Zum Thema "Dienst am Werk" von mir nur soviel dazu: Als Rezipient erwarte ich nicht von Interpreten, daß sie ihre Kunst als einen solchen Dienst verstehen sollen: sie sind für mich auch keine "Sklaven", damit kann ich wenig anfangen.

      Dagegen lese ich immer wieder mal, daß Künstler sich selbst als Diener und ihre Kunst als Dienst verstehen. Ein Beispiel: der von mir geschätzte Geiger Christian Tetzlaff. Aus einem Interview im Hamburger Abendblatt (15.6.19):

      https://www.abendblatt.de/podcast/erstklassisch/article226175687/Christian-Tetzlaff-Ich-habe-eine-Fingerversicherung.html schrieb:

      Anfang Juli spielen Sie alle sechs Solo-Sonaten und -Partiten von Bach an einem Abend in der Elbphilharmonie, mehr als zwei Stunden. Ist das noch ein Konzert – oder schon ein Gottesdienst?

      Christian Tetzlaff: Das ist ein Gottesdienst.

      Steht aber Konzert drauf.

      Christian Tetzlaff: „Gottesdienst“ engt die Sache natürlich ein. Wenn wir sagen, es ist kein Konzert, sondern ein Seelendienst, dann sind wir etwas kitschiger, aber dem Ganzen auch etwas näher. Dieser Zyklus ist das Unglaublichste, was wir haben. Das ist immer etwas, was mich, Bach und das Pu­blikum extrem zusammenschweißt.
      Die von meinem Vorredner erwähnte kunstreligiöse Haltung ist hier deutlich erkennbar.

      Mir soll es recht sein, wenn Tetzlaff sich so sieht, auch das ist Teil seiner künstlerischen Freiheit, die ich ihm gern zugestehe. Als Besucher dieses Konzerts hätte ich selbst mich allerdings nicht als Teilnehmer an einem "Gottesdienst" oder "Seelendienst" empfunden, sondern als schlichter Konzertbesucher, der hofft, ein schönes Konzert zu erleben.

      Daß Musiker selbst sich als Diener am Werk sehen, dürfte gar nicht einmal so selten oder ungewöhnlich sein.

      :wink:
      Es grüßt Gurnemanz
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      Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
      Helmut Lachenmann
    • den dick aufgetragenen kunstreligiösen touch mag ich auch nicht (wiewohl sich Spuren eines solchen bei einem kritischen Geist wie Adorno finden).

      Es steckt aber m.E. ein bewahrenswerter Kern Wahrheit darin, der allmählich im Laufe des 19. Jh. erkannt wurde.

      Die langsam angewachsene Empfindlichkeit gegenüber Veränderungen am Notentext wären ein Beispiel für das "dienende" Verhältnis des Interpreten zum Kunstwerk.
      ---
      Es wäre lächerlich anzunehmen, daß das, was alle, die die Sache kennen, daran sehen, von dem Künstler allein nicht gesehen worden wäre.
      (J. Chr. Lobe, Fliegende Blätter für Musik, 1855, Bd. 1, S. 24).


      Wenn du größer wirst, verkehre mehr mit Partituren als mit Virtuosen.
      (Schumann, Musikalische Haus- und Lebensregeln).