VERDI: Falstaff - Kommentierte Diskografie

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    • VERDI: Falstaff - Kommentierte Diskografie

      „Caro Monaldi,
      Was soll ich Ihnen sagen? ... Seit vierzig Jahren wünsche ich, eine komische Oper zu schreiben und seit fünfzig Jahren kenne ich ‚Le allegre comari di Windsor’; dennoch … die üblichen ‚Aber’, die es allenthalben gibt, widersetzen sich stets der Erfüllung meines Wunsches. Nun hat Boito alle diese ‚Aber’ zerstreut und mir eine lyrische Komödie gemacht, die keiner anderen gleicht.“

      Verdis Worte, die sich an den Komponisten und Musikkritiker Gino Marchese Monaldi richten, stammen aus dem Dezember 1890 und beziehen sich auf sein letztes großes Projekt: den „Falstaff“. Verdi hatte 50 Jahre zuvor mit dem Melodramma giocoso „Un giorno di regno“ ein beispielloses Fiasko erlebt und sich fortan gehütet, dem Publikum eine neue komische Oper zu anzubieten, obwohl er im folgenden halben Jahrhundert immer wieder einmal mit dem Gedanken gespielt hatte. Im Juni 1889 schlägt dann Arrigo Boito, der zuvor das Libretto zum „Otello“ geliefert hatte, „Falstaff“ als Stoff für eine komische Oper vor. Im Juli schickt Boito ein Exposé an Verdi, der sofort begeistert ist. Daraufhin konkretisieren die beiden ihre Pläne und Boito macht sich an die Ausarbeitung des Librettos, das im März des folgenden Jahres komplett vorliegt. Verdi macht sich an die Komposition, die Ende 1892 beendet ist. Am 9. Februar 1893 wird der „Falstaff“ im Mailänder Teatro alla Scala uraufgeführt, wobei weniger ein Triumph, sondern vielmehr ein Achtungserfolg erzielt wird.

      Um die Deutung des Verdischen „Weltabschiedswerkes“ soll es hier nicht zwangsläufig gehen (ich denke, dass hierfür ein eigener Thread von einem größeren Kenner der Materie eröffnet werden sollte), wenngleich ich einen Austausch in dieser Richtung natürlich weder unterbinden will noch kann. Einen Auszug aus einem schönen Text, der mich stets zum Nachdenken über „Falstaff“ anregt, möchte ich darum den interessierten Capricciosi auch nicht vorenthalten. Voilà:

      „Die Konzeption des ‚Falstaff’, […], bedeutete also ein Abrücken vom bisherigen Vorsatz, ein Urteil über das Leben und die Welt abgeben zu wollen. Hier ging es mit Abstand zu beobachten und darzustellen. Für Verdi war dies die etwas enttäuschte und bittere Weisheit des hohen Alters: die Dinge aus einer anderen Perspektive zu sehen, nachdem sich sein Leben dem Ende zuneigte. Das war gewiß das Zeichen für eine charakterliche Veränderung, aber zugleich die Erkenntnis, dass die anderswo und zu anderer Zeit zum Ausdruck gekommenen Ideale ihre eigene und auch ihre historische Bedeutung besaßen. Anders gesehen war dies auch ein mutiger Akt der Befreiung, für einen alten Menschen ein Akt der Vitalität, vollzogen mit jener Abgeklärtheit und leichten Ironie, wie sie in ‚Falstaff’ zutage treten; sie zeigen im späten Verdi einen Widerschein Manzonis, Anstand wahrend und gleichzeitig am menschlichen Schicksal Anteil nehmend. Diese veränderte Einstellung erkennt man auch daran, dass Verdi nicht mehr für ein bestimmtes Theater und ein bestimmtes Publikum, sondern, seiner freien Inspiration folgend, für sich selbst komponierte. Genaugenommen waren seine ‚Sträflingsjahre’ erst jetzt zu Ende; die Termine, das Publikum, das Theater, diese oder jene Stadt hatten Verdi ja stets unter Druck gesetzt. Erst jetzt fühlte er sich dieser Verpflichtung enthoben. Psychologisch gesehen waren es diese veränderten Lebensumstände, die die Realisierung des ‚Falstaff’ bedingten.“ (Claudio Casini: Verdis Konzeption des ‚Falstaff’. In: C. Casini: Verdi. 1985. Zitiert nach: Giuseppe Verdi: Falstaff. Texte, Materialien, Kommentare. Hrsg. v. Attila Csampai und Dietmar Holland. Reinbek bei Hamburg 1986. S. 276 f.)

      Ich selbst besitze tatsächlich nur zwei Aufnahmen, die beide zu den Klassikern der Diskographie zählen und zu denen ich auch gerne einige persönliche Eindrücke abgeben werden, falls mir niemand zuvor kommt:



      Gobbi, Schwarzkopf, Moffo, Barbieri, Merriman, Panerai, Alva - Karajan (1956)
      Evans, Ligabue, Freni, Simionato, Elias, Merrill, Kraus - Solti (1963)

      Doch da man ja bekanntlich gern am Alten klebt, so würden mich Besprechungen nicht so berühmter, selten besprochener und neuerer Aufnahmen sehr interessieren.
      Was also ist beispielsweise mit

      Berry / Maazel
      Panerai / Davis
      Pertusi / Davis
      Pons / Muti
      Terfel / Abbado
      van Dam / Solti?

      Doch soll sich bitte niemand abgeschreckt fühlen, klassische Aufnahmen zu besprechen, an denen man nicht vorbeikommt, beispielsweise

      Taddei / Karajan
      Bruson / Giulini
      Fischer-Dieskau (Kesting: „Professor Dr. h.c. Falstaff) / Bernstein
      Gobbi / Rossi
      Stabile / Sabata
      Stabile / Toscanini.

      Und was ist mit DVDs, dem Medium, das ich in diesem Bereich so gut wie nie bemühe...?

      Ich freue mich auf viele Besprechungen und einen regen Austausch!

      :wink: Agravain
    • Lieber Agravain,

      ich kann es gar nicht glauben, dass es zu einem der drei absoluten Fixsterne in meinem Opernolymp tatsächlich noch keinen Thread gibt, aber es ist wohl so. Also vielen Dank dafür, dass Du diese empfindlich große Lücke zu füllen begonnen hast. Leider erwischst Du mich gerade auf dem falschen Fuße, da ich noch mit der Auflösung meines Rätsels beschäftigt bin und lieber wieder in meine Sammlung hinein hören würde, die immerhin 17 Audio-GA und 14 auf DVD umfasst.

      Dazu gehören natürlich auch die beiden, die Du selbst besitzt, und bei denen ich Dir nur insoweit zuvorkommen möchte, als ich wiederhole, was ich an anderer Stelle schon oft gesagt habe, dass nämlich die Karajan-Aufnahme mit Tito Gobbi zu den größten Einspielungen nicht nur dieser, sondern der Oper überhaupt gehört. Das ist für eine Heervorhebung bei bei diesem Werk auch notwendig, denn hier stößt man auf das erstaunliche Phänomen, dass es, gemessen an seiner nur relativen Beliebtheit, zwar sehr viele Einspielungen gibt, aber keine einzige schlechte. Auch live bin ich von Aufführungen dieser Oper nie enttäuscht worden. Offensichtlich spornt sie alle Beteiligten, vor allem aber die Dirigenten an, darin ihr Bestes zu geben.

      Da Du die wichtigsten Audioaufnahmen schon genannt hast, zu denen allerdings noch zahlreiche Rundfunkmitschnitte u. a. von Gardiner, Muti und sogar Carlos Kleiber kommen, nenne ich nur mal die wichtigsten DVD, auf die ich bei Gelegenheit gerne eingehen will:


      Purves / Jurowski


      Maestri / Muti


      Bacquier / Solti


      Terfel / Haitink

      Dazu kommen natürlich noch die Videopendants der Aufnahmen von Bruson/Giulini und Taddei/Karajan sowie erneut diverse TV-Filme u.a. mit Raimondi/Abbado, Gobbi/Cillario oder Taddei/Serafin.

      Und das sind nur die m. E. besten von lauter guten.

      Die Diskographie sollte also einiges zu bieten haben, denn natürlich, und das ist bei dieser Ensembleoper besonders wichtig, gibt es bei diesem Meisterwerk weitaus mehr gewichtige Faktoren als nur die Besetzung der Hauptrolle und des Dirigentenpultes. Man denke nur an Regina Resniks umwerfende Mrs. Quickly bei Bernstein oder Juan Diego Florez' Fenton bei Muti.

      :wink: Rideamus


      Ein Problem ist eine Chance in Arbeitskleidung
    • Lieber Rideamus,

      vielen Dank für Deine Rückmeldung, die ja einiges verheißt. 17 GA, 14 DVDs - das lässt einem ja das Wasser in den Ohren (?) zusammenlaufen.

      Rideamus schrieb:

      Leider erwischst Du mich gerade auf dem falschen Fuße

      Da sehe ich überhaut kein Problem. Der Faden zum Werk ist ja nun da und wartet darauf, nach und nach gefüllt zu werden. Ich freue mich darauf, wenn Du mich und alle anderen zu einem für Dich passenden Zeitpunkt an Deinen Kenntnissen teilhaben lässt.

      Rideamus schrieb:

      gibt es bei diesem Meisterwerk weitaus mehr gewichtige Faktoren als nur die Besetzung der Hauptrolle und des Dirigentenpultes.

      Dir ist sicherlich klar, dass ich diese beiden Angaben lediglich der Einfachheit und Orientierung halber so gewählt habe.

      Verdi selbst war ja höchst kritisch, was die Besetzung des gesamten Ensembles für die Erstaufführung anging (vgl. den Brief an Ricordi vom 13. Juni 1892, in dem er den Abschnitt, in welchem er die Betzungsfrage bespricht, wie folgt beginnt: "Kommen wir nun zum Ernstesten.") und hat ja in einem viel späteren Brief an denselben Empfänger (27.02.1899) auch noch bemerkt: "Und merkt Euch, daß die Hauptfigur des 'Falstaff' nicht Falstaff ist, sondern Alice."

      Gespannt bin ich auf Deine Erläuterungen zu Deiner Einschätzung der hohen Qualität quasi aller Einspielungen des "Falstaff". Bei der Lektüre von Dietmar Hollands kommentierter Diskographie, die aufgrund des Datum der Publikation seines "Falstaff"-Buchs nur bis in die späten 80er Jahre reicht, kann man bisweilen ganz andere Urteile lesen. Beispielsweise zu Bernstein 1965: Nachdem das Spiel der Wiener Philharmoniker und Bernsteins Ausleuchtung des Orchestersatzes gelobt wird: "Und tatsächlich sind die Sänger, einschließlich Dietrich Fischer-Dieskau als ein 'Professor Dr. h.c. Falstaff' (Jürgen Kesting), so stark dagegen abfallend, insbesondere das Frauen-Quartett, daß man am liebsten auf sie verzichten würde." Oder zu Giulini: "der vorläufige Tiefpunkt in der Falstaff-Diskographie."

      :wink: Agravain
    • Agravain schrieb:


      Gespannt bin ich auf Deine Erläuterungen zu Deiner Einschätzung der hohen Qualität quasi aller Einspielungen des "Falstaff". Bei der Lektüre von Dietmar Hollands kommentierter Diskographie, die aufgrund des Datum der Publikation seines "Falstaff"-Buchs nur bis in die späten 80er Jahre reicht, kann man bisweilen ganz andere Urteile lesen. Beispielsweise zu Bernstein 1965: Nachdem das Spiel der Wiener Philharmoniker und Bernsteins Ausleuchtung des Orchestersatzes gelobt wird: "Und tatsächlich sind die Sänger, einschließlich Dietrich Fischer-Dieskau als ein 'Professor Dr. h.c. Falstaff' (Jürgen Kesting), so stark dagegen abfallend, insbesondere das Frauen-Quartett, daß man am liebsten auf sie verzichten würde." Oder zu Giulini: "der vorläufige Tiefpunkt in der Falstaff-Diskographie."

      :wink: Agravain
      Das ist natürlich ein umfangreiches Feld, aber die Abwertung Dietmar Hollands, den ich ansonstenn durchaus schätze (seinen rororo-Band muss ich mir noch besorgen), schlägt doch eher auf ihn selbst zurück als auf die kritisierten Aufnahmen.

      Giulini schlägt zwar überraschend gemessene Tempi an, aber allein die Sorgfalt seiner Detailarbeit und die sängerischen Leistungen lassen die Kennzeichnung "Tiefpunkt", selbst bei einer so hochkarätigen Konkurrenz wie bei den FALSTAFF - Einspielungen, schon fast als Verleumdung erscheinen. Auch das feuilletonistische (und in der Tendenz absehbare) Abkanzeln Dietrich Fischer-Dieskaus für eine seiner besten Einspielungen durch Herrn Kesting und die pauschale Verdammung des Frauenuartetts, das immerhin Sängerinnen wie Graziella Sciutti und Regina Resnik, meiner Meinung nach die eindrucksvollste Mrs. Quickly überhaupt, als katastrophal abtut, spricht dafür, dass die Meinungsfreudigkeit dieses Urteils das einzig Erfreuliche daran sein dürfte.

      Um nicht missverstanden zu werden: ich sage nicht, dass alle Einspielungen gleich gut sind. Ich habe ja auch meine Vorlieben und, wie ich meine, gute Gründe dafür. Ich stehe aber dazu, dass sie alle ein erfreulich hohes Niveau haben und ich mich nicht erinnern kann, auch nur bei einer einzigen Aufnahme den Vermerk im Hinterkopf abgespeist zu haben, dass ich die nicht mehr hören muss. So finde ich zum Beispiewl Geraint Evans, den polternden Falstaff in Deiner Solti-Aufnahme, nicht einen idealen Interpreten dieser Rolle, aber er trübt den Genuss beim Anhören dieser gelungenen Aufnahme insgesamt lange nicht genug um sie aus dem Rennen zu nehmen.

      Immerhin kann ich großes Verständnis für Hollands Privilegierung der Aufnahmen von Toscanini und Karajan I aufbringen, auch wenn Toscaninis Sängerensemble, wie üblich, fast auf keiner Position (Valdengo ausgenommen) zu meinen ersten Nominierungen gehören würde.

      Zu Unrecht gerne vergessen, weil es eine technisch nicht sehr saubere Cetra-Produktion von 1949 war, wird übrigens Mario Rossis Aufnahme mit dem jungen Giuseppe Taddei, Rosanna Carteri und Lina Pagliughi als Nanetta. Etwas später, 1956, entstand noch eine Rundfunkaufnahme mit dem Traumensemble Taddei, Cepecchi, Moffo, Stignani. Leider ist da der Amateurmitschnitt vom Ton her ziemlich unbefriedigend.

      Ansonsten werde ich gerne die Gelegenheit nutzen, imeine FALSTAFFS wenigstens teilweise vergleichend anzuhören. Diese Oper bereitet ja immer großen Genuss. Es wird halt nur, wie gesagt, etwas dauern. Aber ich bin ja hoffentlich auch nicht der einzige, der den FALSTAFF hoch schätzt, auch wenn er weiland mal in einem anderen Forum unter den beliebtesten Verdi-Opern nur einen schwachen Mittelplatz einnehmen konnte.

      :wink: Rideamus
      Ein Problem ist eine Chance in Arbeitskleidung
    • Als Nicht-Verdi-Fan gehört der Falstaff (neben dem Otello und Rigoletto) zu den wenigen Opern des Komponisten, die ich wirklich mag und das obwohl ich auch kein Freund von komischen Opern im Allgemein bin.

      Agravain schrieb:

      Doch da man ja bekanntlich gern am Alten klebt, so würden mich Besprechungen nicht so berühmter, selten besprochener und neuerer Aufnahmen sehr interessieren.
      Was also ist beispielsweise mit

      Terfel / Abbado




      Kann ich machen, denn die Abbado-Aufnahme mit Terfel in der Hauptrolle war meine erste Begegnung mit dieser Oper. Als Terfel-Enthusiastin war das auch sehr naheliegend. Und er ist für mich definitiv auch das Highlights der Aufnahme, wunderbar gesungen, klar und gut akzentiert, mit echtem Komödientalent (das Terfel ja schon immer hatte), ohne je in eine Form von Flachheit abzugleiten. Abbado überzeugt mich nicht durchgehend, manchmal schwächelt das Dirigat etwas, verliert etwas an Spannung, wogegen es an anderer Stelle sehr mitreißend und spritzig sein kann.
      Besonders gefällt mir auch Dorothea Röschmann, die die Nanetta herrlich singt.Thomas Hampson als Ford, klar hat er eine schöne Stimme und gesungen ist es definitiv tadellos, aber manches Mal fehlt mir bei ihm doch gerade bei dieser Figur etwas das Herrische, das Zerknirtschte, da wär noch etwas Luft nach oben gewesen. Adrianne Pieczonka als Alice finde ich weder herausragend, noch fällt sie ab, eine wirklich gute Leistung, ohne, dass ich jubeln würde. Schade, dass Anatoly Kotcherga in der Rolle des Pistola nur wenige Momente hat, denn ich höre ihn sehr gerne. Der Rest (ich weiß, dass das bei dieser Oper immer unfair klingt) ist wie die Pieczonka sehr gut, wenn auch keiner von all den genannten (die Röschmann mal abgesehen) an Terfels Leistung heranreicht.
      So gesehen ist es einfach Terfels Aufnahme und sie ist trotz der Kritikpunkte so lebhaft, dass man mit dieser Aufnahme durchaus nichts falsch machen kann.

      Gerade in Bezug auf Terfel würde mich deshalb ein Kommentar von Rideamus zur DVD mit ihm unter Haitink interessieren.
      "Allwissende! Urweltweise!
      Erda! Erda! Ewiges Weib!"
    • Liebe Succubus,

      vor fast genau zwei Jahren habe ich mal die Schlussfuge aus dem FALSTAFF in das Zentrum einer meiner Fragen gestellt und bei der Lösung die Oper etwas ausführlicher dargestellt. Natürlich reichte das noch lange nicht für die Eröffnung eines eigenen Threads, aber als Einstieg kann ich vielleicht noch einmal auf den Text verweisen: Tipps und Lösungen zum Adventsrätsel "Gänsehautensembles"

      Darin lobte ich schon die DVD mit Bryn Terfel als diejenige, die ich mir als Erste wieder kaufen würde, und daran hat sich nichts geändert, außer dass ich inzwischen zwischen der und der hervorragenden Aufführung von Glyndebourne unter Vladimir Jurowski (s. o.) schwanken würde.

      Ich werde mir also mal diese beiden Aufnahmen für meine ersten Vergleich vornehmen, denn sie dürften, ebenso wie Toscanini und Karajan I,im Audiosektor, meine Maßstäbe vorgeben, und bitte dafür um etwas Geduld. Die Abbado-Aufnahme bewerte ich übrigens ähnlich wie Du - vielleicht nicht ganz so streng, aber auch mir ist sie etwas zu edel, so dass Terfel die vollblütig komödiantische Entsprechung fehlt, die so einfühlsame und scheinbar entspannte Dirigenten wie der frühe Karajan oder Bernstein und herausragende Charaktersänger wie Panerai oder Capecchi oder Christa Luwig und Regina Resnik als Mrs. Quickly aufzufächern vermochten. Nanetta und Fenton haben es da in der Tat immer etwas leichter, hörbar herauszuragen, denn dafür wurden sie ja schon von dem altersmilden Verdi komponiert.

      :wink: Rideamus
      Ein Problem ist eine Chance in Arbeitskleidung
    • Rideamus schrieb:

      Ansonsten werde ich gerne die Gelegenheit nutzen, imeine FALSTAFFS wenigstens teilweise vergleichend anzuhören. Diese Oper bereitet ja immer großen Genuss. Es wird halt nur, wie gesagt, etwas dauern. Aber ich bin ja hoffentlich auch nicht der einzige, der den FALSTAFF hoch schätzt, auch wenn er weiland mal in einem anderen Forum unter den beliebtesten Verdi-Opern nur einen schwachen Mittelplatz einnehmen konnte.

      Da bin ich ab Januar 2013, also mit Beginn der Superverdiwagnerjahres, gerne dabei. Habe zwar keine 17 CD- und 14 DVD-Aufnahmen, aber wenn ich bis dahin meine Taddei/Rossi- und Stabile-Lücken schließe, wird es wohl zweistellig.

      Gruß
      MB

      :wink:
      "Ich will keine leidenschaftslose Gehirnarbeit, sondern ein durchlebtes Kunstwerk mit einer Aussage." - Karl Amadeus Hartmann, aus seinem Artikel "Von meiner Arbeit" (1962)
    • Wer suchet, der findet!
      Den Terfel-Falstaff unter Haitink gibt es bei yt anzusehen :

      "http://www.youtube.com/watch?v=bVjGgOf4zqo[/url]

      Die Inszenierung (und die Kostüme der Damen) sind schon etwas grell, finde ich.

      Den aus Glyndebourne gibt es ebenfalls :

      "http://www.youtube.com/watch?v=KlIi4b6GnvU&feature=related[/url]

      Und einen unter Davis mit Renato Bruson in der Hauptrolle :

      "http://www.youtube.com/watch?v=T4Buc8wTsbg&feature=related[/url]

      [YouTube-Links wurden deaktiviert. Copyright! Bitte künftig beachten! Danke.
      :wink:
      Gurnemanz]
      "Allwissende! Urweltweise!
      Erda! Erda! Ewiges Weib!"
    • Vielen Dank für diese Hinweise. Ja, die Inszenierung von Graham Vick ist schon sehr bunt und nicht jedermanns Geschmack. Bei meiner geplanten Besprechung hatte ich auch beabsichtigt, davor zu warnen. Warnen sollte ich auch davor, die technische Qualität der YT-Kopie mit der Brillanz der DVD gleichzusetzen. Aber für einen ersten Eindruck genügt sie sicher, zumal die Untertitel sehr gut sind.

      Gegenüber diesen beiden Inszenierungen ist der FALSTAFF mit Renato Bruson schon wesentlich konventioneller und gefälliger. Er wurde allerdings nicht von Colin Davis dirigiert. Der war damals "nur" Generalmusikdirektor der ROH. Tatsächlich handelt es sich bei dem Link um die Aufzeichnung der berühmten Giulini-Aufführung in der Covent Garden Oper, also nicht die cd aus Los Angeles, obwohl die Besetzung weitgehend identisch ist:



      Weitere komplette Audio FALSTAFFS gibt es bei YT übrigens auch noch, und zwar einen historischen unter Toscanini in Salzburg von 1937 mit Mariano Stabile hier: "http://www.youtube.com/watch?v=FMcYBUWkufM"

      und den Zürcher unter Carlos Kleiber von 1965 hier: "http://www.youtube.com/watch?v=FDXPQaxk1C8"

      Beider Tonqualität lässt natürlich erheblich zu wünschen übrig, aber der straffe Zugriff beider Dirigenten ist schon interessant zu hören, gerade im Vergleich zu dem gemesseneren Tempo Giulinis und dem fast schon entspannten Karajans, das ich hier vorziehe, weil die Komödie Raum zum Atmen braucht.

      :wink: Rideamus

      Ein Problem ist eine Chance in Arbeitskleidung
    • So langsam nähere ich mich der ausführlicheren Beschäftigung mit meinen FALSTAFF-Aufnahmen, die ich mir auch für den Beginn des nächsten Jahres vorgenommen habe, in dem ja beileibe nicht nur ein Wagner-Jubiläum zu berücksichtigen gibt.

      Natürlich konnte ich es nicht vermeiden, mir noch weitere Aufnahmen anzuhören, die es auf YouTube gibt, und dabei musste ich festellen, dass es doch mindestens eine gibt, die meine frühere Behauptung, dass alle Aufnahmen dieser Oper mindestens gut anhörebar und ansehbar sind, nicht rechtfertigt. Ich spreche von dieser hier, von deren Kauf ich nur dringen abraten kann:



      Ich nehme der Aufnahme nicht so sehr übel, dass sie das Geschehen in der Umgebung eines Golfplatzes ansiedelt, obwohl der Erkenntnisgewinn dieser "Auffrischung" sich in Grenzen hält, während der Gesamteindruck aus Bild und Ton der eines gnadenlos quälenden Anachronismus ist;

      auch dass Alice und Falstaff in Fords Fantasie ein gemeinsamen Nacktbad ausrichten, gehört eher zu den lässlichen Sünden;

      ich nehme ihr auch nicht übel, dass sie englisch gesungen wird, denn das gilt auch für James Lockharts stimmigen, wenn auch inzwischen ziemlich altmodischen Fernsehfilm von 1972 mit Geraint Evans.

      Allerdings ist es schon ziemlich schlimm, dass der bearbeitende Regisseur die Dialoge dabei gleich nach den Bedürfnissen seiner Aktualisierung verändert,

      und noch problematischer ist der Umstand, dass die unbekannten Sänger/Innen, die sich für dieses Experiment hergegeben haben, den Anforderungen ihrer Rollen nur bedingt gewachsen sind.

      Ein echter Skandal ist jedoch die Tatsache, dass Tony Britten nicht nur in den Text eingegriffen hat, sonden auch eine Neuinstrumentierung besorgte, die das Orchester wie eine mittelprächtige Kapelle zur Begleitung eines Stummfilms klingen lässt. Man höre nur mal, was für ein dumme Flötentöne Britten zur Illustrierung des Geldgeklimpers einfallen, als Ford Falstaff Geld anbietet um seine Frau zu verführen.

      Mag sein, dass die Produktion dabei ein paar Kosten gespart und Britten zusätzliche GEMA-Punkte eingebracht hat; wer die Oper kennt und womöglich liebt, was für mich unweigerlich ein und dasselbe ist, braucht schon eine gehörige Portion Neugier und Resistenz gegen die immer wieder aufkeimende Empörung um den Film bis zu Ende zu verfolgen.

      Zum Glück kann man sich hier davon überzeugen, dass ich Recht habe: "http://www.youtube.com/watch?v=7MRTlNARdVc". Schafft es jemand, sich das bis zu Ende anzutun? Wenn dem so sein sollte, dann gratuliere ich, auch wenn ich die Verschwndung der Zeit bedaure, die einer besseren Version hätte gelten können - also praktisch jeder anderen.

      :wink: Rideamus

      Ein Problem ist eine Chance in Arbeitskleidung
    • Rideamus schrieb:

      So langsam nähere ich mich der ausführlicheren Beschäftigung mit meinen FALSTAFF-Aufnahmen, die ich mir auch für den Beginn des nächsten Jahres vorgenommen habe,

      Lieber Rideamus,

      ich sehe, wir haben identische Pläne ... ich freue mich sehr darauf!

      Viele Grüße
      MB

      :wink:
      "Ich will keine leidenschaftslose Gehirnarbeit, sondern ein durchlebtes Kunstwerk mit einer Aussage." - Karl Amadeus Hartmann, aus seinem Artikel "Von meiner Arbeit" (1962)
    • Succubus schrieb:




      ...die Abbado-Aufnahme mit Terfel in der Hauptrolle war meine erste Begegnung mit dieser Oper. Als Terfel-Enthusiastin war das auch sehr naheliegend. Und er ist für mich definitiv auch das Highlights der Aufnahme, wunderbar gesungen, klar und gut akzentiert, mit echtem Komödientalent (das Terfel ja schon immer hatte), ohne je in eine Form von Flachheit abzugleiten. Abbado überzeugt mich nicht durchgehend, manchmal schwächelt das Dirigat etwas, verliert etwas an Spannung, wogegen es an anderer Stelle sehr mitreißend und spritzig sein kann.
      Besonders gefällt mir auch Dorothea Röschmann, die die Nanetta herrlich singt.Thomas Hampson als Ford, klar hat er eine schöne Stimme und gesungen ist es definitiv tadellos, aber manches Mal fehlt mir bei ihm doch gerade bei dieser Figur etwas das Herrische, das Zerknirtschte, da wär noch etwas Luft nach oben gewesen. Adrianne Pieczonka als Alice finde ich weder herausragend, noch fällt sie ab, eine wirklich gute Leistung, ohne, dass ich jubeln würde. Schade, dass Anatoly Kotcherga in der Rolle des Pistola nur wenige Momente hat, denn ich höre ihn sehr gerne. Der Rest (ich weiß, dass das bei dieser Oper immer unfair klingt) ist wie die Pieczonka sehr gut, wenn auch keiner von all den genannten (die Röschmann mal abgesehen) an Terfels Leistung heranreicht.
      So gesehen ist es einfach Terfels Aufnahme und sie ist trotz der Kritikpunkte so lebhaft, dass man mit dieser Aufnahme durchaus nichts falsch machen kann.


      Da ich diese Aufnahme zufällig im KH dabei hatte und aufmerksam durchhören konnte, möchte ich meine Besprechung vorziehen ( :wut2: jetzt schon zum zweiten Mal, da versehentlich gelöscht)

      Ich stimme Succubus Besprechung in vielem zu, aber in einem wesentlichen Punkt nicht, und deswegen möchte ich ganz neu ansetzen.

      Für mich liegt die große Qualität der Aufnahme vor allem im Dirigat Claudio Abbados, und ich habe das Gefühl, dass der von Succubus beobachtete Spannungsabfall weniger an ihm liegt als in der Tatsache, dass Verdi sich bei der Komposition sehr wohl bewusst war, dass man einer Oper nicht von Anfang bis Ende mit Hochspannung folgen kann und auch mal Erholungspausen braucht. Abbados Dirigat hat mir nämlich immer wieder vor Ohren geführt, wie modern der Orchestersatz Verdis in diesem Werk ist, mit dem er völlig neue Wege einschlug. Ausgerechnet er, dem man so lange (und nicht immer zu Unrecht) vorwarf, er behandele das Orchester nur wie eine riesige Gitarre. Hier aber erinnert mich das Orchester eher an eine quicklebendige Wildkatze, die mit zwei erschreckenden Sprüngen aus dem vermeintlichen Nichts vor ihrem "Opfer" (d. h. der Handlung und ihren singenden Protagonisten) auftaucht und es fortan keine Sekunde mehr aus den Augen lässt, sondern es immer wieder, mal kritisch es beäugend, mal beifällig seine Handlungen untermalend, mal klug die nächste Bewegung des Opfers vorausahnend, es aber auch mal weise kommentierend begleitet, und immer dann gefährlich dazwischen springt, wenn das "Opfer" versucht, in ausgeschwungene Kantilenen oder gar Arien auszuweichen um Zeit zu gewinnen.

      Das Element dieser Wildkatze ist das Ensemble, und niemand beherrscht die Kunst italienischer Opernensembles so perfekt wie Abbado, der nicht von ungefähr die vorzüglichsten Aufnahmen der besten Werke von Verdis hochgeschätztem Ahnherrn Rossini eingespielt hat, den Verdis FALSTAFF würdigend reflektiert, aber auch kompromisslos fortschreibt.

      Für mich hat Verdi mit dem FALSTAFF ein ganz eigenes Tor zur neuen Musik geöffnet, durch das ihm leider kaum jemand folgen wollte - oder konnte. Es ist natürlich ein ganz anderes, als später Strauss oder Schönberg durchschritten, denn Verdi verlässt kaum jemals den Boden der Tonalität, aber es kommt nicht von ungefähr, dass die Kritiker, die seit der Uraufführung des Werkes von seiner Orchesterbehandlung entzückt sind, diese eher mit den Errungenschaften eines Strawinsky als mit denen seiner Vorgänger oder Zeitgenossen verglichen haben. Dies einem immer wieder vor Ohren zu führen, ist Abbados großes Verdienst bei dieser Aufnahme, und allein deswegen gehört sie zu den besten dieser Oper.

      Wenn ich irgendetwas zu bemäkeln habe, dann ist es die Tonmischung, die ein dermaßen breites Spektrum an Dynamik auffächert, dass man selbst beim Hören mit Kopfhörern beständig versucht ist, mit dem Lautstärkeregler gegenzusteuern. Es gibt eine, leider nicht kommerziell verfügbare, TV-Aufzeichnung einer Aufführung des FALSTAFF in Ferrara unter Abbado von 1999 mit Ruggero Raimondi. Dort sind seine Qualitäten ähnlich (wenn auch, da live, nicht ganz so perfekt), aber die Dynamik ist normaler. Also muss man den Schwarzen Peter wohl an die Tontechniker der DG abgeben. Die weiteren Einschränkungen, die mich daran hindern, primär diese Aufnahme zu empfehlen, sind Nörgeleien auf sehr hohem Niveau, aber die Konkurrenz ist nun einmal die beste aus mehr als einem halben Jahrhundert Aufzeichnungsgeschichte. Bryn Terfel ist mindestens einer der besten Falstaffs seiner Generation, und wenn ich überhaupt etwas an seinem tadellosen Gesang und seiner enorm differenzierten Gestaltung auszusetzen habe, dann ist es das Fehlen jenes Quäntchens an Idiomatik, das ihm erfahrene Sänger der Rolle wie Giuseppe Valdengo, Tito Gobbi oder Giuseppe Taddei (in seinen älteren Aufnahmen) voraus haben, die sich der Partie längere Zeit erst beobachtend und als Interpreten der Nebenrollen zuhörend nähern mussten. Ähnlich, nur wesentlich ausgeprägter, geht es mir mit Thomas Hampsons Ford, der seine Rolle vorzüglich singt, aber nicht zu leben scheint.

      Bei den Frauen sehe ich es ähnlich wie Succubus. Mein Hauptlob gilt der Nanetta Dorothea Röschmanns, und wenn für mich wohl auch niemand mehr die hinreißende Darstellung der Rolle durch Anna Moffo in der ersten Karajan-Aufnahme übertreffen wird, so kommt sie ihr doch schon sehr nahe. Interessant ist besonders, dass sie bereits ahnen lässt, dass diese Nanetta später selbst eine vorzügliche Alice werden wird (und das meint nicht nur die Sängerin). Das ist allerdings auch ein Handicap für Adrienne Pieczonkas Alice, gegen die wenig zu sagen ist, die aber nirgendwo Verdis Mahnung ins Bewusstsein ruft, dass die eigentliche Hauptfigur des FALSTAFF die Alice ist. Zudem hört sie sich ihrer Tochter verdächtig ähnlich an, so dass man die Oper schon gut kennen oder das Libretto mitlesen muss, wenn man immer sicher sein will, wer gerade was singt. Die Rolle der Meg ist mit Stella Doufexis adäquat besetzt, wenn sie auch nicht mehr daraus macht als in ihr angelegt ist. Bezechnend ist dagegen, dass kaum jemand die Mrs. Quickly der Larissa Diadkova erwähnt. Wer wissen will, was aus dieser Rolle heruszuholen ist, der muss schon zu den Aufnahmen mit Cloe Elmo, Regina Resnik oder Christa Ludwig greifen. Mehr zu denen aber ein andermal, und auch das verdiente Lob der übrigen Männer möchte ich mit dieser Fetstellung abschließen, da die Besprechung ohnehin schon zu ausführlich geraten ist.

      :wink: Rideamus
      Ein Problem ist eine Chance in Arbeitskleidung
    • Rideamus schrieb:

      Abbados Dirigat hat mir nämlich immer wieder vor Ohren geführt, wie modern der Orchestersatz Verdis in diesem Werk ist, mit dem er völlig neue Wege einschlug. Ausgerechnet er, dem man so lange (und nicht immer zu Unrecht) vorwarf, er behandele das Orchester nur wie eine riesige Gitarre. Hier aber erinnert mich das Orchester eher an eine quicklebendige Wildkatze, die mit zwei erschreckenden Sprüngen aus dem vermeintlichen Nichts vor ihrem "Opfer" (d. h. der Handlung und ihren singenden Protagonisten) auftaucht und es fortan keine Sekunde mehr aus den Augen lässt, sondern es immer wieder, mal kritisch es beäugend, mal beifällig seine Handlungen untermalend, mal klug die nächste Bewegung des Opfers vorausahnend, es aber auch mal weise kommentierend begleitet, und immer dann gefährlich dazwischen springt, wenn das "Opfer" versucht, in ausgeschwungene Kantilenen oder gar Arien auszuweichen um Zeit zu gewinnen.

      [...]

      Für mich hat Verdi mit dem FALSTAFF ein ganz eigenes Tor zur neuen Musik geöffnet, durch das ihm leider kaum jemand folgen wollte - oder konnte. Es ist natürlich ein ganz anderes, als später Strauss oder Schönberg durchschritten, denn Verdi verlässt kaum jemals den Boden der Tonalität, aber es kommt nicht von ungefähr, dass die Kritiker, die seit der Uraufführung des Werkes von seiner Orchesterbehandlung entzückt sind, diese eher mit den Errungenschaften eines Strawinsky als mit denen seiner Vorgänger oder Zeitgenossen verglichen haben. Dies einem immer wieder vor Ohren zu führen, ist Abbados großes Verdienst bei dieser Aufnahme, und allein deswegen gehört sie zu den besten dieser Oper.


      Die Orchestrierung des Falstaff ist auch für mich eine der Großtaten der Operngeschichte überhaupt. Die "Riesengitarre" hatte Verdi ja schon längst überwunden, Aida (Nil-Akt!) und Otello sind orchestral sehr innovative Partituren (und schon in Macbeth, Rigoletto oder La traviata gibt es in der Hinsicht vieles zu bewundern). Aber Falstaff ist etwas völlig Neues: diese ungewöhnlichen Klangkombinationen, das Aussparen von Füllstimmen, der über weite Teile kammermusikalische Satz. Und das blitzschnelle Umschalten von einem Klangcharakter aud den anderen.

      Das Verhältnis des Orchesters zu den Singstimmen hast Du, wie ich finde, sehr schön beschrieben: unberechenbar, aber ohne "allwissend" zu sein wie bei Wagner. Und es "stützt" niemals bloß, "kommentiert" aber auch nicht aufdringlich. Der Falstaff-Monolog über die Ehre in I 1 ist schon ein Wunder: über weite Teile bloßes Deklamieren der Singstimme, nur ganz sparsam gesetzter Orchesteranteil - und doch von enormer Dichte und Prägnanz.

      Es gibt schon tolle Ensembles in dieser Oper, am liebsten ist mir das Gegeneinander von Männerquintett und Frauenquartett in I 2 (das oft allerdings, weil nicht präzise genug abgestimmt, wie akustische Störgeräusche klingen kann). Die fulminantesten Passagen finden sich für mich aber nicht in den größer besetzten Schlusszenen, sondern in den vorausgehenden, rein solistisch besetzten ersten Szenen der drei Akte.

      Komische Oper hat ja schon immer "ernste" Oper benutzt, aber hier finde ich es besonders zündend: schon das dürre, fast skelettierte Blechbläsergeschmetter zum Schwur des Dr. Cajus ist eine wunderbare Parodie großer pathetischer Schwurszenen. Oder wenn sich Ford in II 1 - hier an der Grenze zur Tragödie - mit dem Hornmotiv aus dem Philippsmonolog des Don Carlo konfrontiert sieht. Hinreißend auch die kleinen Verweise auf Alte Musik: z.B. das zweistimmige "Antiphon" Bardolfos und Pistolas, deren "Amen!" ironisch die Ausführungen des großen Meisters bestätigt. Oder die Koloratur, die Falstaff ausgerechnet auf dem Wort "Madrigal" in II 1 vollführt.


      Ein wenig Fortsetzung hat Falstaff in der Musikgeschichte doch schon gefunden: ganz unmittelbar in den Dialogszenen der Bohemiens in Puccinis La bohème am Anfang des ersten Aktes, etwas vergröbert vielleicht, aber immer noch sehr gut. Auch in Gianni Schicchi natürlich. Und, das scheint mir evident, im Vorspiel zur Ariadne auf Naxos von Strauss. Und auch wenn Strawinsky den mittleren Verdi mehr schätzte: die Orchestereinleitung zu III 1 könnte glatt von ihm sein.


      Viele Grüße

      Bernd
      Details are always welcome. (Vladimir Nabokov)
    • Lieber Bernd,

      vielen Dank für diese sehr konstruktive Antwort, mit der ich eigentlich nur ein Problem habe: sie scheint mir den Rahmen einer Diskografie sprengen zu wollen. Ich habe deshalb die Diskussion der musikalischen Qualitäten der Oper in einen eigenen Thread gestellt, nämlich diesen hier: VERDI: Falstaff - Eine Wildkatze namens Orchester

      Ich hoffe, dass Du damit einverstanden bist, dass sie dort fortgeführt wird, damit dieser Thread den Besprechungen der Einspielungen vorbehalten bleiben kann.

      :wink: Rideamus
      Ein Problem ist eine Chance in Arbeitskleidung
    • Wer kann etwas zu dieser Aufnahme sagen?

      Die Umbesetzungen der Hauptrollen von der Studioaufnahme sind Giulietta Simionato statt
      Fedora Barbieri (würde mir mehr gefallen....) und Anna Maria Canali statt Nan Merriman.
      Dazu kommt die Live-Atmosphäre, in der Karajan meist noch besser als in den Studios
      geworden ist.
      "Nicht immer sind an einem Misserfolg die Künstler schuld.
      Manchmal ist es auch das Publikum, das indisponiert ist."
      Leonie Rysanek (1926-1998)
    • Wieder einmal muss man konstatieren, dass eine der gelungensten Opernaufnahmen vom Markt verschwunden und teilweise nur noch zu Mondpreisen zu bekommen ist. Selbst die aber würden sich trotz leichter Einschränkungen des Gesamteindrucks lohnen, denn sie ist besonders liebevoll detailliert und wartet zudem mit der vielleicht besten Orchesterleistung auf, die man überhaupt in einer Aufnahme des FALSTAFF hören kann. Da kann man schon einmal in Kauf nehmen, dass zuweilen die Geschlossenheit des Gesamteindrucks unter Bernsteins Spontaneität leidet und man sich gelegentlich des Eindrucks erwehren muss, die Oper würde hyperventilieren.


      Falstaff - Dietrich Fischer-Dieskau
      Fenton - Juan Oncina
      Ford - Rolando Panerai
      Dr. Cajus - Gerhard Stolze
      Bardolfo - Murray Dickie
      Pistola - Erich Kunz
      Alice Ford - Ilva Ligabue
      Nannetta - Graziella Sciutti
      Meg Page - Hilde Rössl-Majdan
      Mistress Quickly - Regina Resnik

      Wiener Philharmoniker; Leonard Bernstein 1966

      Schon mit dem Einsatz von Gerhard Stolzes herrlich schrillem Dr. Cajus, gleich nach dem köstlichen Vorschlag des Orchesters zu Beginn, hört man, dass diese Aufnahme auf zwei sehr exponierten, aber soliden Füßen steht, nämlich dem hier unschlagbaren Orchester der Wiener Philharmoniker einerseits, dem Bernstein eine Fülle von Details abverlangt, die man sonst kaum jemals zu hören bekommt, obwohl sie in der Tat sämtlich in der Partitur stehen. Wer, und dafür spricht vieles, das Orchester als den eigentlichen Hauptdarsteller des FALSTAFF empfindet, kommt hier auf seine Kosten wie sonst nur selten, wofür natürlich auch die Klangregie ein dickes Lob verdient, denn es muss nicht stören, wenn der Klang des Orchesters gelegentlich stärker zur großen Oper drängt, als es Verdi selbst beabsichtigt haben dürfte.

      Wie auch bei Bernsteins kontroversem ROSENKAVALIER funkeln manche Juwelen allerdings nur deshalb, weil sie in einem ungewöhnlichen Licht erscheinen, das ihnen eigentlich nicht gebührt. So klingt der ungemein zarte Vorschlag zu dem "Buon giorno, buona donna" der Mrs. Quickly im ersten Bild des zweiten Aktes überhaupt nicht nach der eigentlich hier angelegten Parodie, sondern wie eine waschechte Liebeserklärung. Dann aber setzt sich doch wieder Verdis geniale Verarbeitung des Textes durch, und gerade dieses Bild ist dank der überwältigenden Gestaltung (und dem herrlich sonoren Ton) Regina Resniks ein Kabinettstück der Sonderklasse, das von keiner anderen Aufnahme erreicht, geschweige denn übertroffen wird. Und das nicht etwa trotz, sondern durchaus wegen der sorgfältigen Wortgestaltung Dietrich Fischer-Dieskaus.

      Gerade sein Falstaff stieß immer wieder auf Kritik (Kerstings Spott vom Dr. h.c. Falstaff wurde hier schon zitiert), die ich aber kaum nachvollziehen, geschweige denn teilen kann. Natürlich phrasiert FiDi sorgfältiger und detaillierter als alle anderen, aber man sollte nicht vergessen, dass er tatsächlich aus einer anderen Welt stammt als das übrige Personal. Wenn er auch nicht so klingt, wie man sich den Saufkumpanen von Shakespeares HENRY V vorstellt, so passt er durchaus in das Bild des italienischen Granden, der trotz der Namensgleichheit, wie ich schon weiter oben schrieb, viel näher mit dem Don Quijote als mit dem plumpen Säufer der - durchaus hochachtbaren - Spieloper Otto Nicolais verwandt ist. Ich gestehe, es ist mir immer wieder ein pures Vergnügen, FiDis sorgfältig geformten und gesungenen Dialogen zuzuhören und den Gedanken nachzuspüren, die er sich dabei gemacht haben mochte, als er sie so formte. Man höre nur seine Schlitzohrigkeit, wenn er zum Schluss sich selbst das Verdienst an dem ganzen Vergnügen zuschreibt. Da dringt durch, wie begeistert Bernstein von diesem Falstaff gewesen sein muss, und da stört es nur wenig, dass FiDis Bariton für diese Rolle überraschend hoch liegt. Seine Beweglichkeit gleicht diesen Faktor aus, wenn er denn überhaupt ein Nachteil ist.

      Ein Vorteil ist es jedenfalls gegenüber dem profunden Bass Rolando Panerais, der sich seiner Umgebung hervorragend anpasst, indem er eher die komischen Züge seines Charakters zum Glitzern bringt, also ganz anders agiert als zehn Jahre früher bei Karajan. Gesungen hat er vor allem seinen Zornmonolog allerdings bei Karajan noch kräftiger und besser, aber eine leichte Andeutung von Alterserscheinungen ist bei einem Ford ja nicht unbedingt verkehrt. Ein wenig verstärkt sie sogar die Tragödie dieses Ehemannes, der bei einem qualifizierteren Rivalen durchaus nicht zu Unrecht fürchten dürfte, ein Geweih aufgesetzt zu bekommen. Der zur angenehmen Abbwechslung einmal nicht nur als zarter Tenorino agaierende, sondern erfreulich lebhafte und männliche Juan Oncina als Fenton sowie die beiden von Murray Dickie (Bardolfo) und Erich Kunz (Pistola) mit Gusto und guter Stimme verkörperten Gauner runden den vorzüglichen Gesamteindruck der Männer tadellos und mit hörbarer Spielfreude ab.

      Eine ganz so tadellose Leistung kann ich der weiblichen Hälfte dieses vorzüglichen Ensembles leider nicht bestätigen, obwohl ich weit davon entfernt bin, Dietmar Holland in dem vernichtenden Urteil seiner FALSTAFF-Diskographie zuzustimmen, der am liebsten ganz auf das Frauenquartett verzichten würde. Schon wegen Regina Resnik, der besten Mrs Quickly neben Chloe Elmo (bei Toscanini) und Christa Ludwig (in der jüngeren Karajan-Aufnahme) würde ich das Quartett absolut nicht abschreiben wollen, und das keineswegs nur aus Gründen der Galanterie. Ilva Ligabues Alice würde ich zwar nicht bescheinigen, dass sie unübertroffen ist (Elisabeth Schwarzkopf in der älteren Karajan-Aufnahme dominiert da noch gekonnter), aber sie liefert eine sehr gute Partie, auch und gerade in den wichtigen Ensembles.

      Der Wermutstropfen wird leider ausgerechnet von der damals profiliertesten Sängerin dieser Gruppe beigesteuert. Nicht, dass Graziella Sciuttis Nanetta stimmlich völlig daneben läge, obwohl sie als Einzige einige unschöne Schärfen einbringt. Schlimmer ist, dass sie spielt, als sei sie frisch ihrer Aufnahme des DON PASQUALE unter Istvan Kertesz entsprungen. Nanetta ist aber keine raffinierte Norina, sondern ein junges, spielerisches Mädchen, allenfalls eine junge Alice (wie Dorothea Röschmann bei Abbado) und keine Figur aus dem Standardarsenal der Opera buffa. Darunter leiden die verliebten Zwischenspiele von Nanetta und Fenton, der bezeichnenderweise in seinem Solo zu Beginn des letzten Bildes am besten zur Geltung kommt, obwohl mir da insgesamt zu viel italienische Oper in den Vordergrund drängt und zu wenig davon zu ahnen ist, dass Verdi hier wohl seine eigene Vorstellung eines Sommernachtstraums zu komponieren suchte - ein Shakespeare-Stück, das er sehr schätzte, aber wohl nie ernsthaft zu komponieren erwog. Hilde Rössl-Majdans, könnte eine sehr gute Meg sein, leidet aber wie alle Sängerinnen dieser Rolle unter der undankbaren Hintansetzung gegenüber den anderen drei Frauen und verdient das ihr gebührende Lob vor allem in den starken Ensembles, für die man idealerweise natürlich auch das Bild bräuchte.

      Diese Ensembles sind natürlich die Domäne des Dirigenten, und ihretwegen kann der gar nicht gut genug sein, denn sie sind teuflisch schwer zu koordinieren, geschweige denn auch noch zu gestalten. Dabei denke ich nicht nur an die berühmte Schlussfuge, sondern an das brillante Nonett des zweiten Bildes und vor allem das Schlussensemble des vierten Bildes, an dem allenfalls zu bemängeln ist, dass Bernstein die Tempi hier dermaßen extrem gestaltet, dass der Fluss etwas leidet und später auch das Aktfinale an Geschlossenheit verliert. Das ist aber auch ein wenig Geschmackssache, wie das Timing guter Komödien, das manche mehr überzeugt als andere. Und mit einer sehr guten Komödie haben wir es ja nach wie vor zu tun. Daran ändert sich auch nichts, wenn Bernstein vor lauter Gestaltungswillen auf allen Ebenen die Schlussfuge etwas auseinander läuft. Gravierend ist es ohnehin nicht.

      Insgesamt also eine Aufnahme, die ich problemlos zu den besten zählen kann, und für manchen, der dem Effekt stärker zugetan ist als einem geschlossenen Gesamtbild, könnte es vielleicht sogar die überzeugendste sein.

      :wink: Rideamus




      Ein Problem ist eine Chance in Arbeitskleidung
    • Karajan – Salzburg, 10.08.1957

      Vitelozzo schrieb:

      Wer kann etwas zu dieser Aufnahme sagen?

      Die Umbesetzungen der Hauptrollen von der Studioaufnahme sind Giulietta Simionato statt
      Fedora Barbieri (würde mir mehr gefallen....) und Anna Maria Canali statt Nan Merriman.
      Dazu kommt die Live-Atmosphäre, in der Karajan meist noch besser als in den Studios
      geworden ist.



      Die Aufnahme habe ich gerade noch einmal quergehört. Ich habe sie in einer Ausgabe, die zusätzlich noch den Mitschnitt einer von Arturo Toscanini dirigierten Aufführung von den Salzburger Festspielen 1937 enthält, was zudem noch weitere reizvolle Vergleiche, auch zu der gleichsam kanonischen Einspielung des Italieners mit dem NBC-Orchester aus dem Jahr 1950, ermöglicht:



      Vorausschicken sollte ich, dass Karajans Studio-Einspielung aus dem Jahr 1956 für mich die wichtigste Aufnahme dieser Oper ist. Völlig zurecht ist sie, wie ich gerade gesehen habe, bereits mehrfach von Euch als eine der besten Opernaufnahmen aller Zeiten nominiert worden. Allein die große Szene am Ende des ersten Bildes des zweiten Aktes mit Tito Gobbi als Falstaff und Rolando Panerai als Ford habe ich unzählige Male gehört – für mich einer der ganz großen Momente von Oper auf Tonträgern.

      Die Liveaufnahme stammt von den Salzburger Festspielen des Folgejahres, vom 10.08.1957. Und sie enthält alles, was zu Liveaufnahmen der 1950er Jahre dazugehört: Einschränkungen und Schwankungen bei der Tonqualität (die allerdings immer noch mehr als akzeptabel ist), kleinere Ungenauigkeiten, Bühnengeräusche, vorzeitiger Applaus, gelegentliches Gelächter des Publikums…

      Ob Karajan hier live besser ist als unter Studio-Bedingungen, will ich nicht entscheiden. Die EMI-Aufnahme mit dem Philharmonia Orchestra schätze ich gerade auch wegen der geradezu klassisch-entspannten Ausgeglichenheit des Orchesterparts – eine weise Heiterkeit, die mir immer für Verdis abgeklärtes Alterswerk sehr passend erschien. Die Spielzeiten der beiden CDs meiner Ausgabe der Liveaufnahme unterscheiden sich nur geringfügig von denen der EMI-Aufnahme. (live: 54:04 und 63:59 / Studio: 55:04 und 64:38). Dennoch entsteht bei mir der Eindruck, dass Karajan mit den hellwachen Wiener Philharmonikern einen etwas energischeren, strafferen Zugriff auf die Partitur nimmt, was beispielsweise am Ende des „L’onore-Monologs“ deutlich wird oder in der letzten Szene („ruzzola, pizzica“ usw.), wenn das Orchester regelrecht explosiv dazwischengrätscht. Das Orchesterspiel der Wiener Philharmoniker ist natürlich über jeden Zweifel erhaben.

      Bei den Sängern fällt ein Schönheitsfehler der Liveaufnahme sofort in der ersten Szene auf: In der eher kleinen Rolle des Pistola ist nicht wie in der Studio-Aufnahme Nicola Zaccaria zu hören sondern der italienische Bass Mario Petri, der gegenüber Zaccaria die weitaus unattraktivere Stimme besitzt und sich auch im übrigen in nicht sonderlich eleganter Art und Weise durch die Oper bellt. Giulietta Simionato ist eine sehr gute Quickly; allenfalls um eine Nasenlänge liegt Fedora Barbieri bei der EMI vorn, die noch etwas (im besten Sinne, weil bei intakten stimmlichen Mitteln) matronenhafter klingt. Die Besetzung der Meg sollte auch nicht den Ausschlag für eine der beiden Aufnahmen geben.

      Im übrigen sind die Aufnahmen identisch besetzt, so dass sich der Vergleich in Marginalien erschöpft: Elisabeth Schwarzkopf als Alice hat die Studioaufnahme offenbar in stimmlich etwas besserer Verfassung eingefangen: wo dort im ersten Akt wunderbar geflutete Pianotöne zu hören sind („Come una stella sull’immensità“), enttäuschen die vibratoreichen Höhen der Festspielaufnahme ein wenig. Luigi Alva, der hier wie da den Fenton singt, wirkt hingegen vielleicht etwas lebendiger und charmanter in der Liveaufnahme.

      Braucht man diese Aufnahme? Als Vollständigkeitssammler sicherlich, als Hardcore-Vergleichshörer, der sich auch mit der Tagesform einzelner Sänger beschäftigen möchte, selbstverständlich auch. Man kann aber natürlich auch einfach die Aufzeichnung einer sehr guten Aufführung dieser Oper hören. Vielleicht ist ja auch das Grund genug für den Erwerb dieser Aufnahme.
    • Ich habe eine schlechte Nachricht für alle, die meinen, bereits hinreichend mit guten Aufnahmen von Verdis FALSTAFF ausgestattet zu sein. Es gibt nämlich mindestens noch eine weitere, die ich jedem Liebhaber der Oper dringend an die Ohren legen möchte. Sie erschien im Verdi-Jahr 2001 kurz vor Abbados Aufnahme und wurde wohl von dieser etwas in den Hintergrund gedrängt. Jedenfalls gibt es in den einschlägigen Foren kaum eine Erwähnung, geschweige denn eine Würdigung der Aufnahme. Die sei hiermit nachgeholt, denn sie hat eine mehr als verdient, auch wenn es sie schon kaum mehr zu bekommen ist. Hoffentlich ändert sich das im kommenden Jubiläumsjahr.

      In die Studioaufnahme floss die Erfahrung mehrerer semikonzertanter Aufführungen ein, die zunächst bei den BBC Proms, dann aber auch in Baden Baden vor begeistertem Publikum aufgeführt wurden. Meine Würdigung, das sollte ich voraus schicken, basiert auch nicht auf der cd, sondern auf einem Rundfunkmitschnitt der ersten Prom-Aufführung von 1998 mit faktisch derselben Besetzung.



      Sir John Falstaff: Jean-Philippe Lafont
      Ford: Anthony Michaels-Moore
      Alice: Hillevi Martinpelto
      Nannetta: Rebecca Evans
      Fenton: Antonello Palombi
      Dottore Cajus: Peter Bronder
      Bardolfo: Francis Egerton
      Pistola: Gabriel Monici
      Mrs Quickly: Sara Mingardo
      Meg Page: Eirian James

      Man kann wohl davon ausgehen, dass ihre Qualitäten später im Studio nicht verloren gegangen sind – im Gegenteil. Man kann nämlich schon hier sehr gut hören, wie sorgfältig Gardiner die originalen Quellen studiert hat, bevor er die erste HIP-Aufnahme dieser Oper einspielte, denn, wie schon bei seinen früheren Einspielungen des REQUIEM und der QUATTRO PEZZI SACRI setzte Gardiner ausschließlich historische Instrumente aus der Zeit Verdis oder entsprechende Nachbauten ein. Das Ergebnis ist hörenswert, wenn auch – von gelegentlichen Ausnahmen wie zu Beginn des letzten Bildes abgesehen - nicht spektakulär anders als in den vorzüglichen Einspielungen seiner Vorgänger. Allerdings legt Gardiner oft ein Tempo vor, das atemberaubend ist, meist aber tatsächlich von Verdi so vorgegeben wurde, wenn man sich einmal auf einen bestimmten Pulsschlag festlegt. So zitiert Gardiner Verdi selbst: "Miss Quickly soll ihre Erzählung im 2. Akt 'so schnell wie möglich in mezza voce singen', schreibt Verdi, 'in einem einzigen Atemzug, mit überdeutlicher, präziser Artikulation'. Für die 1. Szene im 1. Akt schrieb er vierzehn Minuten vor, die 2. Szene soll in exakt vierzehneinhalb Minuten über die Bühne gehen." Im Ergebnis ist das eine Aufnahme, welche die zahlreichen Juwelen dieser Partitur dermaßen rasant am Hörer vorüber fliegen lässt, dass man sie nur ungern als Einstieg zum Kennenlernen des Werkes empfehlen möchte. Andererseits lohnt sich hier das vielfache Hören ganz besonders.

      Das liegt auch an der Besetzung, die homogener ist als bei der großen Mehrzahl der Konkurrenten. Das ist für diese Ensembleoper sehr gut, verhindert aber auch, dass einzelne Leistungen die der Konkurrenz überragen. Zuweilen gibt es sogar deutlich bessere Alternativen. So klingt der Falstaff von Jean-Philippe Lafont gelegentlich etwas überfordert, und auch Sarah Mingardo als Mrs. Quickly fehlt die Resonanz in der Tiefe, die man sich bei dieser Rolle wünscht. Andererseits ist der Ford von Anthony Michaels Moore einer der besten, die ich kenne, denn er ist zur Abwechslung nicht einmal ein verhinderter Falstaff mit ähnlichem Organ, sondern gibt den heuchlerischen Kleinbürger mit einer Überzeugungskraft und stimmlichen Mitteln, wie man ihn selten zu hören bekommt. Auch die Alice der Hillevi Martinpelto, mit gutem Grund einer Lieblingssängerin Gardiners, kann man getrost in die oberen Ränge der Interpretinnen dieser nicht leichten Partie einordnen. Nicht vergessen möchte ich die mir bis dato nur aus Mackerras‘ Einspielungen von Werken Gilbert & Sullivans und Richard Hickox‘ TV-Film von DIDO AND AENEAS bekannte Rebecca Evans, eine hinreißende Nanetta, die allenfalls von Anna Moffo bei Karajan I noch im Liebreiz ihres Tons übertroffen wird und dieser an ausgespieltem Schalk sogar noch ein wenig voraus hat. Dafür ist die Moffo noch elfenhafter, aber die größere Bodenhaftung von Evans ist auch nicht verkehrt. Mit Antonello Palombi hat sie einen Tenorino als Partner, der leider nicht ganz durchhält, was man sich zu Beginn von ihm verspricht.

      Wie für alle seine großen Konkurrenten von Toscanini bis Abbado hat für Gardiner hat natürlich auch das Orchester einen besonders wichtigen Part. Er hat es sogar wie einen Don Alfonso, den "Puppenspieler" aus COSI FAN TUTTE, buchstäblich mitten unter die Protagonisten platziert, wie es scheint. Überhaupt behandelt er siese heraujsragende Oper wie eine legitime Nachfolgerin der Komödien von Mozart und DaPonte. Da Verdis Orchesterhandschrift etwas größer dimensioniert ist, als die Mozarts, muss man zuweilen in Kauf nehmen, dass bei dem sehr breiten dynamischen Spektrum die Sänger vom Orchester übertönt werden. Das ist aber nicht schlimmer als bei einer ganz normalen Live-Aufführung, die ich, zur Erinerung sei es gesagt, ja eigentlich bespreche, da ich die Studioaufnahme noch nicht kenne. Wenn wirklich einmal alle Mitwirkenden so perfekt koordiniert zusammenwirken, wie in den Ensemblefinales der drei Akte, meint man, ein Wunderwerk zu hören. Und genau das schrieb Verdi ja auch. Wie seine besten Kollegen zelebriert Gardiner also eine Orchesteroper, wobei die anderen den Vorteil einer etwas gleichgewichtigeren Balance zwischen Orchester und Gesang haben. Das aber ist Meckern auf extrem hohem Niveau. Als Zweit- oder Drittaufnahme für alle, welche die Oper mögen, ist die Box wegen ihrer klanglichen Alternativen jedenfalls sehr empfehlenswert.

      :wink: Rideamus
      Ein Problem ist eine Chance in Arbeitskleidung
    • Also, welche Aufnahmen sind die besten? Früher Karajan, Bernstein, Gardiner, noch welche?
      Was ist mit der Live-Aufnahme mit Maazel?

      Die Besetzung sollte ein paar Sternstunden geben. Walter Berry als Falstaff gegenüber seiner
      Ex-Frau Christa Ludwig als Mrs. Quickly. Das kann ja nur feuerspeiend sein (genauso wie die
      Frau ohne Schatten von 1974 während des Scheidungsprozesses). Pilar Lorengar als Alice,
      Heinz Zednik als Dr. Cajus und der junge Francisco Araiza sollten nicht die schlechteste
      Besetzung sein.

      Nachtrag: Wie ist denn Renata Tebaldi als Alice Ford bei Victor de Sabata?
      "Nicht immer sind an einem Misserfolg die Künstler schuld.
      Manchmal ist es auch das Publikum, das indisponiert ist."
      Leonie Rysanek (1926-1998)