Händel: "Sale" - Opernhaus Zürich, 04.11.2012

    Diese Seite verwendet Cookies. Durch die Nutzung unserer Seite erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies setzen. Weitere Informationen

    • Händel: "Sale" - Opernhaus Zürich, 04.11.2012

      Die Oper war nie ein unveränderliches Werk, das nur in einer einzigen „gültigen“ Form aufgeführt wurde. Striche sind auch heute noch üblich, eingelegte Spitzentöne oder Verzierungen werden geradezu erwartet und wenn das Original unangenehm für den ausführenden Interpreten liegt, wird eben schon mal eine ganze Arie transponiert. Nicht jeder Orchestergraben fasst über 100 Musikerinnen und Musiker, sodass auch hier Anpassungen nötig sind und manches Orchester verfügt eben nicht über jedes notierte Instrument – der jeweilige Dirigent vor Ort ist hier zur Entscheidung herausgefordert.

      Zu Zeiten Georg-Friedrich Händels waren diese Anpassungen an die Gegebenheiten „vor Ort“ noch offensichtlicher, als das heute der Fall ist. Mancher Star der Gesangsszene reiste mit einem Bündel von Arien durch die Lande, die er gerne Singen möchte und diese wurden dann eben an passender Stelle des aufzuführenden Stückes eingefügt. Es war keine Seltenheit, dass in einer Vorstellung die Musik verschiedener Komponisten erklang.

      Georg-Friedrich Händel selbst bediente sich gerne bei seiner eigenen Musik, um diese „wieder zu verwerten“, vergass aber auch nicht, einen Blick auf Gelungenes von der Konkurrenz zu werfen oder aus vorhandener Musik gleich ganz neue Stücke zusammen zu setzen: „Pasticcio“ nannte man diese Technik und einstmals war sie allgemein geübte Praxis.

      Ein solches “ Pasticcio“ bildet die musikalische Basis für den Händel-Abend der Züricher Oper, den Christoph Marthaler, mit Unterstützung der Dramaturgen Malte Ubenauf und Werner Hintze, entworfen hat und für dessen musikalische Realisation der englische Spezialist für „Alte Musik“ Laurence Cummings verantwortlich ist. Das Bühnenbild und die Kostüme stammen von Anna Viebrock.

      Die ausgewählte Musik erstreckt sich von Oratorien wie „Israel in Egypt“ oder „Messiah“ über Opern wie „Giulio Cesare“, „Alcina“ oder „Rinaldo“ bis hin zur „Feuerwerksmusik“ – und dieses „Best off“ packt Marthaler in eine ungewöhnliche Umgebung und in eine Geschichte von heute.

      „Sale“ heisst der Abend, „Ausverkauf“ und wer dabei an Kaufhäuser denkt, liegt absolut richtig. Waren früher die Sonderverkäufe zum Sommer- oder Winterschluss Höhepunkte im Jahr, ist heute oftmals der „Ausverkauf“ ein endgültiger: die Zeit der grossen Kaufhäuser ist vorbei, die „Vollsortimenter“ verlieren zunehmend an Bedeutung, die Kaufhäuser schliessen.

      Anna Viebrock hat ein veritables Kaufhaus mit Resterampen, Rolltreppen, Verkaufstresen und Lichthof auf die Bühne gestellt, das es so oder so ähnlich tatsächlich geben könnte. Einziger Bruch zur Realität. Der auffällig gemusterte Bodenbelag, der sich in Ausstellungsstücken und in den Kostümen der Darsteller/innen wieder findet. Ein Kleid hier, ein Futterstoff da oder auch Hemd und Krawatte des diensthabenden Dirigenten weisen dieses Bodenmuster aus.

      Die Türen sind geschlossen, der Raum ist zu Beginn menschenleer. Ein letztes Mal trifft sich die Besitzerfamilie zu einem Fest, einer Art Leichenschmauss für ein Kaufhaus. Zu dieser Abschiedssymphonie passen besonders gut die melancholischen Klänge des Georg-Friedrich Händel – und davon hat er reichlich komponiert.

      Hat man sich an die ungewöhnliche Umgebung gewöhnt, entwickelt der Abend einen ganz eigenen Sog und auch, wenn man das alles bei Marthaler schon so oder so ähnlich gesehen hat, spätestens in der letzten halben Stunde erliegt man doch dem Charme des grossen Entschleunigers des Theaters, erlebt gespannt eine Traurigkeit, die nie das Lächeln im Mundwinkel vergisst.

      Bevor es soweit ist, lernt das Publikum die Familie kennen, unter denen sich nicht nur ein „Witwenimitator“ (Jürg Kienberger) oder ein unehelicher Sohn (Raphael Clamer) der Besitzerin des Kaufhauses befindet, sondern auch deren verstorbener dritter Ehemann (Marc Bodnar).

      Diese Kaufhauschefin, gespielt und gesungen von Anne Sofie von Otter, fährt zu Beginn mit der Rolltreppe in den Verkaufsraum hinunter und hält eine Rede an das Publikum. Zu hören ist indes nichts, nur die Lippen bewegen sich. Wenn dann ganz leise nach vielleicht zehn Minuten Spieldauer das erste Mal Musik erklingt, nur das Cembalo spielt, und dann die Mezzosopranistin von Otter mit wunderbar zurückgenommener Stimme zu singen beginnt, ist allein diese kurze Sequenz eine, die bleibt.

      Was dann folgt, sind vertraute Bilder von Marthaler, wo Menschen mit sich selbst und ihrer Umgebung kämpfen – die Rolltreppe wird zum manchmal unüberwindbaren Hindernis, Körper zucken zu den Klängen der Musik, etwas ratlos stehen sie manchmal alle da und schauen uns, das Publikum an, von dem sie aber doch keine Antworten erwarten und singen betörend schön Chorsätze von Händel. Herausragend, wie alle später mit ihrer Kleidung kämpfen, nie war ein Hemd oder eine Hose als grösserer Feind eines Sängers oder einer Sängerin zu sehen, wie hier und Jürg Kienberger singt mit Anne Sofie von Otter dazu das „Caro amico“ aus der Oper „Poro“.

      Neben der Familie gibt es eine fremde Figur im Stück: im schwarzen Anzug geht der „Liquidator“ (Bernhard Landau) durch den Raum, nimmt auf, was noch da ist und spendet später den Artikelresten in Form eines Geistlichen segnend Frieden. Fast ganz zum Schluss gibt es eine symbolische Beerdigung. Der Liquidator bringt ein grosses Paket Waschpulver mit und mit einer Schaufel schippt jeder ein Häufchen hinter den Verkaufstresen. Dazu singen sie alle eine sehr spezielle Version des „Lascia ch´io pianga“ aus dem „Rinaldo“. Zögernd kommen die Worte, zuerst nur das „Lascia“, immer wieder, unisono, präzise. Es dauert, bis sich die anderen Worte in gleicher Form anschliessen werden. Allein für solche Eindrücke lohnt der Abend schon.

      Nur zweimal strömen Menschen in diesen typischen Viebrock-Raum, aus dem niemand entkommen kann. Wie eine Erinnerung an die besten Zeiten des Kaufhauses, den Sonderverkäufen zum Saisonende, stürzen sie herein, reissen an sich, was sie greifen können und eilen zur Kasse. Beim zweiten Mal gibt’s schon nichts mehr, mit leeren Händen passieren die Menschen die Kassen.

      Dieses „Eingeschlossensein“ thematisiert Marthaler auch in einem Text von Edgar Allan Poe. Graham F. Valentine (ein englischer Verwandter) erzählt in seinem exaltierten Englisch die Geschichte vom „Roten Tod“, wo sich Menschen gegen eine Gefahr von aussen abschliessen, der sie dann doch nicht entgehen können. Auch in das Kaufhaus dringt der „rote Tod“ ein. Die norwegisch-amerikanische Verwandte (Tora Augestad), erscheint in der zweiten Hälfte des Stückes im flammend roten Kleid.

      Am Ende legen sie sich alle zu einem Schlaf hin, der auch ein Tod sein könnte. „Will the sun forget to streak“ aus „Solomon“ singt in ihrer ergreifenden Art Anne Sofie von Otter, während sie ihren Verwanden die Wertgegenstände abnimmt und abgeht. Der Vorhang senkt sich halb, um dann doch noch einmal hochgezogen zu werden. Unwirkliches Licht erfüllt die Bühne, die schlafenden Toten stehen auf, Köche und Kellner eilen herein, richten eine Festtafel her. Jetzt sind sie angekommen, da, in jener anderen Welt, im ewigen Kaufhaus. Noch fehlt die Chefin, aber schon bald kommt auch sie und begrüsst vor allem ihren verstorbenen, dritten Mann überschwenglich. Stumme Reden werden gehalten, die „Feuerwerksmusik“ von Händel beschliesst den Abend.

      Weniger als in anderen Stücken, die Marthaler inszeniert hat, kommen Geräusche zum Einsatz, aber es gibt sie auch hier: Klatschen der Hände, der typische Gong eines Kaufhauses oder das Klopfen auf ein Mikrophon sind zu hören. Immer wieder schön, wie die Melancholie durch das Heitere gebrochen wird und klar: darstellerisch sind alle tadellos, viele davon schon seit Jahren so etwas wie die Stammbesetzung bei Marthaler.

      Neben den genannten überzeugt vor allem Countertenor Christophe Dumaux mit seiner ausgeglichenen und sehr virilen Stimme, Malin Hartelius fügt mit ihrem Sopran ausdrucksstarke Töne bei, der Schauspieler Ueli Jäggi und die Schauspielerin Catriona Guggenbühl verkomplettieren als ausgewanderte Verwandte das Ensemble.

      Der Dirigent Laurence Cummings tritt auch als Sänger in Erscheinung. Mit veritablem Tenor trägt Cummings „Comfort ye“ aus dem „Messiah“ vor. Ansonsten sorgt Cummings mit dem Ensemble „La Scintilla“ für einen trockenen, oft glasklaren Klang, aus dem im ersten Teil die Konzertmeisterin und der Oboist herausragen. Die Eintrübungen im zweiten Teil sollen nicht überbewertet werden.

      Hübsch die Idee, die nicht stattfindenden Rezitative in die Handlung einzubauen. Immer wieder setzt das Continuo und ein Darsteller zu einem Rezitativ an, wenn es dann losgehen müsste, bricht das Ganze einfach ab.

      Eigentlich verträgt dieser oftmals sehr ruhige Abend keinen Zwischenapplaus, was einige Zuschauerinnen und Zuschauer allerdings nicht kümmerte. Dennoch war es zeitweise bemerkenswert still im Zuschauerraum.

      Wie bei Marthaler üblich verbeugte sich das Ensemble kollektiv, Ovationen gab es für Laurence Cummings, Christoph Marthaler (mit einem Schal im Muster des Bodenbelages) und sein Team wurde mit heftigen Buhs und entschiedener Zustimmung bedacht, wobei möglicherweise die Ablehnung auch persönlich konnotiert ist. Marthaler ist für manchen Züricher seit seiner Zeit als Schauspieldirektor der Stadt ein rotes Tuch.
      Der Kunst ihre Freiheit
    • Und ich den qualitativen Unterschied zwischen einer seriösen Händel-Aufführung und dem Ausverkauf in Zürich.
      Leider kann die Qualität einer Opern(?)aufführung nicht durch besonders qualitätvolle Beiträge in Internetforen gesteigert werden.
      Und zum Regietheater gilt für mich: Nur ein böses Posting ist ein gutes Posting!
      :angel:
      This play can only function if performed strictly as written and in accordance with its stage instructions, nothing added and nothing removed. (Samuel Beckett)
    • putto schrieb:

      Leider kann die Qualität einer Opern(?)aufführung nicht durch besonders qualitätvolle Beiträge in Internetforen gesteigert werden.

      (Hervorhebung durch den Zitierenden)

      Weshalb Du Dich von dieser Zielsetzung offenbar vollständig verabschiedet hast!
      "Was Ihr Theaterleute Eure Tradition nennt, das ist Eure Bequemlichkeit und Schlamperei." Gustav Mahler
    • ich muss zugeben, dass ein paar neue qualitätsvolle inszenierungen mich mehr interessieren würden, als die gesamtheit der internetforen zum thema klassische musik.
      This play can only function if performed strictly as written and in accordance with its stage instructions, nothing added and nothing removed. (Samuel Beckett)
    • Sale habe ich letzten Sonntag nun auch endlich gesehen. Alviano gibt, wie gewohnt, hier eine sehr schöne Beschreibung des Abends.

      Insgesamt habe ich den Abend sehr genossen. Allerdings bin ich froh, dass ich vorher etwas dazu gelesen hatte und dass ich auch bei der öffentlich Einführung kurz vor der Vorstellung war. Denn sonst hätte ich wohl nicht verstanden, in welchem Verhältnis die illustren Personen, die das in Auflösung begriffene Kaufhaus bevölkern, zueinander stehen. Gesprochene Dialoge gibt es nicht. Auf Übertitelung der Arientexte wurde verzichtet. Hätte ja auch nicht weitergeführt. Lediglich der Poe-Text wurde eingeblendet.

      Wie in Zürich (und sicherlich auch andernorts) üblich, wenn alte Musik HIP gespielt wird, verschwand das Orcherster nicht im Orchestergraben, sondern war nur etwas tiefer als die Bühne. Laurence Cumming dirigierte vom Cembalo aus das Orchestra La Scintilla, das Opern eigene Ensemble für alte Musik. Cumming ist Leiter der Historischen Aufführungspraxis der Royal Acedemy of Music, Kurator des Handel House, musikalischer Leiter des London Händel Festivals, etc. Sein englischer Wikipediaeintrag vermerkt ausserdem, dass er Harfe spielt. Ein Tausendsasa also, der in SALE auch eindrücklich beweist wie gut er singen kann. Das werde ich wohl lange nicht vergessen. Wie er sich plötzlich zum Publikum umdreht und unglaublich sicher und schön "Comfort ye my people" singt. Das Orchester schwieg, man hätte eine Nadel fallen hören können. Typisch Mathaler, denkt man insgeheim. Bei dem müssen sonst immer die Schauspieler singen. Und hier nun also der Dirigent. Ein unglaublicher Effekt!

      Eigentlich verträgt dieser oftmals sehr ruhige Abend keinen Zwischenapplaus, was einige Zuschauerinnen und Zuschauer allerdings nicht kümmerte. Dennoch war es zeitweise bemerkenswert still im Zuschauerraum.

      Zwischenapplaus ist in Zürich nicht unüblich. Ich mag das eigentlich ganz gerne. Aber Du hast recht, hier war er manchmal unpassend.

      Wie bei Marthaler üblich verbeugte sich das Ensemble kollektiv, Ovationen gab es für Laurence Cummings, Christoph Marthaler (mit einem Schal im Muster des Bodenbelages) und sein Team wurde mit heftigen Buhs und entschiedener Zustimmung bedacht, wobei möglicherweise die Ablehnung auch persönlich konnotiert ist. Marthaler ist für manchen Züricher seit seiner Zeit als Schauspieldirektor der Stadt ein rotes Tuch.

      Gebuht wurde in meiner Vorstellung nicht. Im Gegenteil. Nach der Oper trafen wir sowohl ein Paar, das offenbar keinen grossen Genuss am entschleunigten Bühnenklamauk gefunden hatte, als auch ein weiteres, das so wie wir sehr zufrieden mit dem Abend war. Für manche Zürcher (ohne "i" übrigens) mag Marthaler ein rotes Tuch sein, viele sind aber auch grosse Anhänger von ihm, der ja auch gebürtig aus Zürich stammt. In diesem Zusammenhang mit dem Händelprojekt ist es auch interessant zu wissen, das Marthaler zunächst Musik (Oboe und Flöte) in Zürich studiert hatte. Sein Interesse galt der alten Musik. Marthaler komponiert auch selbst.

      Hudebux