Debussy: Pelléas et Mélisande - Oper Frankfurt, 4.11.2012 (Premiere)

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    • Debussy: Pelléas et Mélisande - Oper Frankfurt, 4.11.2012 (Premiere)

      Die Oper Pelléas et Mélisande gewinnt ihren ganz eigenen Reiz daraus, dass auf der Bühne (fast) nichts passiert - der Zuschauer sieht und hört die wesentlichen Teile der Handlung quasi über ein Echo oder über die Schatten, die sie werfen. Als ich vor dem Besuch der Frankfurter Premiere die ersten Probenfotos sah und die ersten Ausführungen laß, die zeigten, dass der Regisseur Claus Guth aus dem Stück eine Art großbürgerliches Familiendrama machen würde, war ich skeptisch, dass das funktionieren würde: Zuviel der Erdung. Ich wurde dann aber eines besseren belehrt: Guth zeigt uns zwar eine großbürgerliche Familie mit ihren Abhängigkeitsstrukturen, Konflikten und Neurosen, deren Mitglieder alle mehr oder weniger deutliche Narben zahlreicher Verletzungen aufweisen. Aber er tut dies auf so subtile Weise, über Andeutungen, versteckte Zeichen auf der Bühne und eine raffinierte Personenführung, umgesetzt durch eine hervorragende, mit großer Intensität agierenden Darstellerriege, dass sich alles zu einer schlüssigen Produktion und einem durchgehend packenden Abend fügt.

      Die Bühne (Christian Schmidt) zeigt einen Querschnitt durch ein großbürgerliches Haus, man sieht u.a. das Speisezimmer mit dem Portrait von Golauds verstorbener Frau über dem langen Tisch, darüber das eheliche Schlafzimmer mit Dürers "Betenden Händen" über dem Bett, Yniolds Kinderzimmer und diverse Durchgangszimmer und Stiegen. Häufig werden mehrere der Räume simultan bespielt, parallele Aktionen kommentieren die "Haupthandlung", ergeben eine weitere Ebene von Andeutungen und Querbezügen. Immer wieder erscheinen Personen in den Zimmern, stehen vor geschlossenen Türen, hinter zugezogenen Vorhängen, verschwinden in nicht einsehbare Räumen. Es entsteht eine bedrückende Atmosphäre von Zwang und gegenseitiger Beobachtung, Kommunikationsunfähigkeit und Vereinzelung in einem von Tradition gelähmten Umfeld. Das ist einfach großartig gemacht.

      Für Kreativität und Fantasie ist in dieser Familie kein Platz. Pelléas kann der Enge nur in seiner Vorstellung entfliehen, er findet in Mélisande eine verwandte Seele. Die Zweierszenen zwischen den beiden sind als eine gemeinsame Fantasie inszeniert: Gemeinsam steigern sie sich über ihre Erzählung in eine poetische Scheinwelt hinein, und nehmen den Zuschauer dabei mit. Das sind Szenen von großer Intensität und Wirkung. Fulminant inszeniert, gespielt und gesungen.

      Außerhalb dieses Hauses gibt es - nichts. Im wörtlichen Sinn: Eine fast unbeleuchtete schwarze Bühnen, ein unwirklicher Raum, in dem kaum zu sehende dunkle Figuren im schwarzen Regen zu erahnen sind. Hier findet Golaud zu Anfang Mélisande, hier befragt Golaud seinen Sohn über den vermuteten Betrug, hier findet der Brudermord statt, und hierin verschwinden am Ende die Toten Pelléas und Mélisande als einsame, verlorene Seelen.

      Der Frankfurter Oper ist mit der Besetzung des Abends ein grandioser Coup gelungen. Christiane Karg ist eine ideale Mélisande, mädchenhaft und unbegreiflich, Christian Gerhaher ein verinnerlichter Pelléas, beide geben auch stimmlich Figuren aus einer anderen Welt. Die französische Diktion ist sehr gut, Karg misslingen nur gelegentlich einige Vokale, und beiden wird "je" schonmal "sche" - das "je" muss für deutsche Zungen schwer zu formen sein. Paul Gays Golaud steht den beiden kaum nach, bedrohlich ohne eindimensional brutal zu wirken. Auch die anderen Rollen sind sehr gut besetzt: Alfred Reiter ist ein autoritärer Patriarch Arkel, Hillary Summers' Stimme wirkt zwar angestrengt (überraschend für mich, da ich sie vor nicht allzu langer Zeit gehört und frischer in Erinnerung hatte), aber das herb-ältliche ist für die Rolle der verschorften Hausherrin Geneviève gar nicht mal unpassend. Der 12jährige David Jakob Schläger spielt und singt den Knaben Yniold als unglückliches, eingeschüchtertes Kind - verdienter Sonderapplaus für den jungen Darsteller.

      Das ganze wäre ein rundum gelungener Opernabend gewesen, wenn das, was aus dem Orchestergraben klang, auf der Höhe der Ereignisse gewesen wäre. Ich konnte aber mit dem Dirigat Friedemann Layers nicht viel anfangen. Das kam zunächst gar nicht in Fluss, war mal zu laut, mal zu schroff und durchgehend farblos, zu handfest und ohne Zwischentöne. Schade.

      Trotz dieser Einschränkung eine Produktion, die man sich nicht entgehen lassen sollte. Schön, dass wir Karten für eine weitere Vorstellung haben.

      Zum Abschluss viel Applaus für alle Beteiligten, besonders für die Protagonisten Karg und Gerhaher.
      Es gibt kaum etwas Subversiveres als die Oper. Ich bin demütiger Diener gegenüber diesem Material, das voller Pfeffer steckt. Also: Provokation um der Werktreue willen. (Stefan Herheim)
    • Danke, lieber Michel, für Deinen schönen Bericht! Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, vor meinem eigenen Besuch keine Besprechungen zu lesen, aber wie das Leben so spielt...

      Die Inszenierung und die Sänger scheinen einiges zu versprechen, wie erfreulich! Bleibt nur zu hoffen, daß auch das Orchester mit Layer sich noch etwas steigert. :S

      :wink:
      Es grüßt Gurnemanz
      ---
      Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
      Helmut Lachenmann
    • Wenn ich die Vorstellung auch nie sehen werde, habe ich den Bericht sehr gerne gelesen. Das mit dem großbürgerlichen Millieu scheint die auf DVD erhältliche Inszenierung aus Glydnebourne ebenfalls genutzt zu haben (siehe Pelleas-Thread).

      Eine eher allgemeine Frage habe ich aber :

      Le Merle Bleu schrieb:

      Christian Gerhaher ein verinnerlichter Pelléas

      Es ist nicht das erste Mal, dass ich von einem Bariton-Pelleas lese, aber finde es doch fragwürdig, warum das manchmal so gehandhabt wird, ist es denn nicht eigentlich eine Tenor-Rolle?
      "Allwissende! Urweltweise!
      Erda! Erda! Ewiges Weib!"
    • Succubus schrieb:

      Es ist nicht das erste Mal, dass ich von einem Bariton-Pelleas lese, aber finde es doch fragwürdig, warum das manchmal so gehandhabt wird, ist es denn nicht eigentlich eine Tenor-Rolle?
      Die Rolle liegt wohl von der Tessitur dazwischen und wird häufig mit hohem Bariton besetzt. In Frankreich sprach man früher von dem Fach "baryton-martin", benannt nach dem Sänger Jean-Blaise Martin, dessen Stimme je nach Standpunkt ein tiefer Tenor oder ein hoher Bariton war.
      Es gibt kaum etwas Subversiveres als die Oper. Ich bin demütiger Diener gegenüber diesem Material, das voller Pfeffer steckt. Also: Provokation um der Werktreue willen. (Stefan Herheim)
    • Succubus schrieb:

      Es ist nicht das erste Mal, dass ich von einem Bariton-Pelleas lese, aber finde es doch fragwürdig, warum das manchmal so gehandhabt wird, ist es denn nicht eigentlich eine Tenor-Rolle?

      Zwei bedeutende Interpreten der Rolle, von denen es auch etliche Aufnahmen gibt, Jacques Jansen und Camille Maurane, waren barytons-martin (der Name wird noch in Frankreich für einen hohen Bariton verwendet).
      Alles, wie immer, IMHO.
    • Ob ich den Pelléas lieber als Tenor oder als Bariton hören würde, kann ich nicht sagen. Aber ich habe gerade mal nachgeschlagen:

      Pierre Boulez plädiert entschieden für einen Tenor und begründet das "pedantisch": Notation im Violinschlüssel, Tonumfang tenortypisch, und "intuitiv": Kontrast zu Golaud, Entsprechung zu Mélisande, Bedeutung der Kraftreserven in der Höhe. Auf Wunsch gern genauer, evt. im Werkthread?

      Demnach hätte zumindest Boulez sich möglicherweise nicht für Christian Gerhaher entschieden...?

      :wink:
      Es grüßt Gurnemanz
      ---
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      Helmut Lachenmann
    • Hallo,

      hier gibt`s übrigens ne Kritik dazu:

      "http://www.op-online.de/nachrichten/kultur/toedliches-liebesdrama-2598858.html"
      Viele Grüße - Allegro

      "Musik ist ... ein Motor, Schönheit, Intensität, Liebe, Zauber, alles in allem: ein Elixir." Lajos Lencsés
    • Würde er ( Boulez ) Gerhaher kennen, wüsste er, dass dieser außergewöhnliche Sänger nur das singt, was er optimal beherrscht. Im Nachgang zur Premiere habe ich nirgends gelesen oder gehört, dass sich der Bariton an dieser Partie verhoben hätte - im Gegenteil ! Eine vergleichbare Rolle zwischen Bariton und Tenor ist ja der Eisenstein in der Fledermaus.
      Und auch den hat er in Frankfurt begeisternd interpretiert ! Am 25. 11. wissen wir mehr .

      Ciao. Gioachino
      miniminiDIFIDI
    • Wie es der Zufall so wollte, war ich auch in der Premiere
      von Claude Debussys „Pelléas et Mélisande“ in Frankfurt am Sonntag.
      Und ich kann die Ansichten und Beobachtungen von „Le Merle
      Bleu“ nur teilweise teilen.
      Auch ich habe im Vorfeld die Probenfotos auf der
      Internetseite der Oper gesehen und dachte mir nur, naja, wenn das mal gutgeht.
      Auf den Fotos wirkt das wie ein Puppenhaus, in der Realität wirkt es dann doch
      viel imposanter und raumgreifender, zumal die Fotos auch nicht die
      Vielseitigkeit der Inszenierung transportieren.

      Nachdem das Vorspiel bei geschlossenem Vorhang erklang,
      öffnete sich der schwarze Bühneninnenraum und zwei Gestalten, die von jeweils
      einem Scheinwerfer angeleuchtet werden, kommen langsam von hinten nach vorne.
      Es sind dies Mélisande (C.Karg) und Golaud (P.Gay). Langsam aber beständig
      rieselt der Schnee auf sie herab. Mélisande torkelt und schwankt, nervös eine
      Zigarette rauchend, zittrig, fast wie unter Drogen stehend, als ob sie jeden
      Moment zusammenbrechen würde. Die Augen schläfrig, insgesamt ausgezehrt und
      gezeichnet wirkend. Die mädchenhafte Christiane Karg spielt das dermaßen
      intensiv und eindrucksvoll, dass man sich fragt, mein Gott, was ist dieser Frau
      widerfahren, was hat sie erlebt, wieso ist sie so verletzt, ja traumatisiert.
      Dagegen wirkt Golaud hier sehr stabil, männlich, autoritär, unerschütterlich,
      selbstbewusst. Der sehr hochgewachsene Paul Gay hat dazu die ideale Statur und
      das markante Auftreten. Eigentlich spielt die Szene ja in einem Wald am Teich,
      aber man vermisst ihn hier nicht, weil die Sänger die Szene so hervorragend
      imaginieren. Melisande hat Angst vor Golaud, das wird unmissverständlich klar
      gemacht, und schon Ihre ersten Worte „ne me touchez pas, ne me touchez pas“,
      die von Christiane Karg unglaublich intensiv und schmerzerfüllt gesungen
      werden, zeigen Ihren Seelenzustand.

      Nach dem Zwischenspiel wechselt das Bühnenbild dann zum
      besagten großbürgerlichen Wohninnenraum mit vier verschiedenen Zimmern. Und
      hier spielt sich dann überwiegend das Seelen- und Beziehungsdrama ab, so wie
      Claus Guth es sieht. Jedes Orchesterzwischenspiel wird bei geschlossenem
      Vorhang gespielt. Dies ist insofern sehr klug gemacht, weil dadurch eine
      Spannung entsteht, da der Zuschauer nie genau weiß, wie es danach auf der Bühne
      weitergeht. Wie ist die Bühne gedreht? Sieht man den schwarzen Innenraum oder
      das Hausinnere (welches auch nochmal in unterschiedliche Positionen gedreht
      werden kann)? Wie sind die Personen zueinander angeordnet? Wie interagieren
      sie?

      Das Stück verliert durch diese Einteilungen seine
      Langatmigkeit und Gleichförmigkeit. Ich finde, dass diese Methode dem Stück
      sehr gut bekommt. Es wird nie langweilig, man bleibt dabei, kann sich in die
      Personen hineinversetzen, fiebert mit. Das Dirigat von Friedemann Layer ist der
      Inszenierung perfekt angepasst, d.h. er bietet einen scharfkantigen, prägnanten
      und zugespitzten Debussy, der nie in uferlose Schwelgerei kippt. Stets bleibt
      er bei allerhöchster Konzentration dem Seelendrama auf der Spur und verlangt
      dem Orchester ein Maximum an Disziplin und feingliedriger Schärfe ab (ich
      konnte Layer von meinem Platz aus gut beobachten – er war dermaßen konzentriert
      bei der Sache, dass mir allein dieser Anblick schon den allerhöchsten Respekt
      abnötigte, denn der Jüngste ist er ja auch nicht mehr). Besonders die Streicher
      waren natürlich gefordert und sie spielten ungewöhnlich gut. Ein irgendwie
      lauernder, flirrender Klang, der den Zuhörer in Atem hielt. Die latente Unruhe,
      Nervosität und Spannung des Stücks waren durchgehend zu spüren. Das Publikum
      war sehr diszipliniert, absolut ruhig, toll, so ist das leider nur selten
      (gerade bei einem so schwierigen und anstrengenden Stück).

      Wenn ich mir nun Christian Gerhahers Pelleas anhöre und
      -sehe, so muß ich leider sagen, dass ich mir irgendwie mehr erhofft hatte.
      Sicher, er hat eine wunderbare Stimme, sehr klar und einfühlsam. Und trotzdem
      hat er mich leider nicht wirklich berührt. Ich hatte die ganze Zeit über das
      Gefühl, dass er mit der Rolle irgendwie fremdelt und keinen richtigen Zugang
      gefunden hat. Auch scheint Ihm die französische Sprache nicht so sehr zu
      liegen. Er wirkte die ganz Zeit über gehemmt. Dies ist sicher auch der
      Personenführung von Claus Guth geschuldet, der wirklich jede einzelne Figur
      prägnant durchgezeichnet hat und für Pelleas einen intellektuell gehemmten und
      devoten Charakter vorgesehen hat. Dies ist eine deutliche Abgrenzung zur
      selbstbewußten Art von Golaud, zu dem er wie ein absoluter Gegenentwurf wirkt.
      Pelleas (Gerhaher) kommt wie ein verhinderter Philosoph rüber, ziemlich
      unterwürfig, von Konventionen und Traditionen gelähmt und kontrolliert.
      Eigentlich eine ziemlich armselige und traurige Erscheinung, dem jede
      Männlichkeit abgeht. Wenn er später von Golaud in Zeitlupe erschlagen wird, hat
      man das Gefühl, dass er endlich von seiner zwanghaften Existenz erlöst worden
      ist.

      Die eigentliche männliche Hauptrolle ist hier eindeutig
      Golaud, der von dem Franzosen Paul Gay wirklich absolut eindringlich und
      großartig mit mächtigem Bariton verkörpert wird. Seine Erscheinung ist teilweise
      furchteinflößend und sehr dominant. Dies scheint Melisande zugleich abzustoßen
      wie anzuziehen. Überhaupt scheinen in diesem Haus alle Männer irgendwie scharf
      auf Melisande zu sein, denn auch Arkel macht sich in einer Szene an Sie ran (er
      wird als alter Patriarch gezeichnet, autoritär und scheinbar beherrscht und
      weise).
      Melisande scheint ein interessantes Sexualleben zu haben,
      denn in einer Szene lässt Sie sich von Golaud ans Bett fesseln (mehr sieht man
      aber nicht).
      Also, ich sag es deutlich: für mich haben Christiane Karg
      und Paul Gay Christian Gerhaher eindeutig die Schau gestohlen und eigentlich
      müßte die Oper hier „Golaud et Melisande“ heißen.
      Alfred Reiter, Hillary Summers und auch der Knabensopran
      waren ausgezeichnet.

      Christiane Karg war für mich einfach der absolute Hammer, so
      eindrucksvoll hab ich Sie hier noch nie erlebt. Ihre Mimik, Gestik,
      Ausdruckskraft waren überwältigend.

      Christian Gerhaher ist halt in erster Linie ein Liedsänger
      für Schubert und Mahler. Ich denke, dass Ihm auch deutsches Opernrepertoire
      mehr liegt als französisches.

      Noch ein Wort zur Inszenierung: man könnte Claus Guth evtl.
      vorwerfen, dass er die Oper „überinszeniert“ hat. Er hat sie wirklich absolut
      durchstrukturiert, gründlichst gearbeitet, die Sänger werden perfekt geführt.
      Handwerklich gibt es hier nichts auszusetzen. Allerdings nimmt er der Oper
      dadurch doch ziemlich das mysteriös-geheimnisvolle. Aber ich will mich darüber
      nicht beschweren, weil mich das Resultat auch so überzeugt hat.
    • Gestern habe also auch ich den neuen Frankfurter Pelléas erlebt. Da ich gerade etwas müde bin, im Moment nur ein paar Anmerkungen (es gibt ja Zeugen, die gern ergänzen können... ;+) :(

      Le Merle Bleu schrieb:

      Guth zeigt uns zwar eine großbürgerliche Familie mit ihren Abhängigkeitsstrukturen, Konflikten und Neurosen, deren Mitglieder alle mehr oder weniger deutliche Narben zahlreicher Verletzungen aufweisen. Aber er tut dies auf so subtile Weise, über Andeutungen, versteckte Zeichen auf der Bühne und eine raffinierte Personenführung, umgesetzt durch eine hervorragende, mit großer Intensität agierenden Darstellerriege, dass sich alles zu einer schlüssigen Produktion und einem durchgehend packenden Abend fügt.
      Eine treffende Beschreibung. Unterstützt wurde diese Sichtweise durch ein Bühnenbild, das einen scharfen Kontrast zwischen Innen und Außen schuf: Außerhalb der großbürgerlichen Villa gab es nur einen großen schwarz-dunklen Raum, eigentlich ein Nichts an Welt. Ein geschlossenes System von Verstrickungen, aus dem sich lediglich die beiden Protagonisten in einer Art Traumszene am Ende finden, im leeren Raum - ohne sich allerdings zu vereinigen.
      Das ganze wäre ein rundum gelungener Opernabend gewesen, wenn das, was aus dem Orchestergraben klang, auf der Höhe der Ereignisse gewesen wäre. Ich konnte aber mit dem Dirigat Friedemann Layers nicht viel anfangen. Das kam zunächst gar nicht in Fluss, war mal zu laut, mal zu schroff und durchgehend farblos, zu handfest und ohne Zwischentöne. Schade.
      Das ist mir zu streng geurteilt: Zwar hätte die Partitur sicher ein Orchester mit mehr Strahlkraft, mehr Farbe ermöglicht (in manchen Zwischenspielen gab es das auch), aber die Behutsamkeit, mit der Friedemann Layer das Orchester durch das Werk führte, das Grau-in-Grau paßte durchaus zu der beklemmenden Atmosphäre des Stücks. Zumindest eine legitime Lesart, die ich so übel nicht fand. Nach der Lektüre hier hatte ich Schlimmeres befürchtet.

      inland_empire schrieb:

      Noch ein Wort zur Inszenierung: man könnte Claus Guth evtl.
      vorwerfen, dass er die Oper „überinszeniert“ hat. Er hat sie wirklich absolut
      durchstrukturiert, gründlichst gearbeitet, die Sänger werden perfekt geführt.
      Handwerklich gibt es hier nichts auszusetzen. Allerdings nimmt er der Oper
      dadurch doch ziemlich das mysteriös-geheimnisvolle. Aber ich will mich darüber
      nicht beschweren, weil mich das Resultat auch so überzeugt hat.
      Mich auch, ich stimme zu. Nur eine Wegnahme des Mysteriösen habe ich eigentlich nicht wahrgenommen: Zwar wurde gründlich entmytholgisiert und das Märchenhafte zurückgenommen, es war gleichsam in den Phantasien der Figuren präsent (etwa die Umdeutung der Turmszene, wenn Mélisande ihr Haar herabläßt), aber Claus Guth gelang es m. E., eine neue Sphäre des Geheimnisvollen über das Stück zu legen: Das ganze Szenario empfand ich als gespenstisch, realistisch und unwirklich zugleich.

      Die sängerischen und schauspielerischen Leistungen fand ich tief beeindruckend, allen voran Christiane Karg (Mélisande).

      :wink:
      Es grüßt Gurnemanz
      ---
      Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
      Helmut Lachenmann
    • Wie hat denn sonst die Aufführung gefallen? Waren so viele capriciöse Kennerinnen und Kenner um mich herum am Sonntagnachmittag...

      :wink: :wink:
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      Helmut Lachenmann
    • Zu dieser Aufführung möchte ich auch ein paar Wörter verlieren. Der Einführungsvortrag vom Dramaturg der Frankfurter Oper war sehr interessant.
      Er hat u.a auf etwas hingewiesen, was mir noch nicht so klar war. Der Name des Landes "Allemonde" kann als "die andere Welt" verstanden werden (wie allo-gen, allo-pathie etc etc). Aber, wenn man auf Französisch von "l'autre monde" spricht, meint man eigentlich "das Jenseits".
      Und in der keltischen Mythologie, die Maeterlink wohl bekannt war, sind die Türen, durch die das Jenseits mit unserer Welt in Kontakt ist, unter anderen die Brunnen. Brunnen - und sogar Brunnen ohne Grund - sind in Pelléas rekurrent.

      Das Haus in der Frankfurter Inszenierung kann man mit einem anderen Haus vergleichen: das von Amenabars Film Los otros (The others). "http://de.wikipedia.org/wiki/The_Others"
      Mélisande ist eine Frau, die ins Jenseits angelockt wird, wie eben Parsifal. Das "waste land", das Reich des Königs Amfortas, ist auch eine Abbildung des Jenseits in den keltischen Sagen. Nicht das Land, wo die Toten ihre endgültige Ruhe gefunden haben, sondern das Land der Schatten, die die Lebenden hantieren, das Land, wo Trauer und Dunkelheit herrscht, wie in Pelléas. Der Pendant zu Amfortas wäre Pelléas' kranker Vater, den man im Stück nie sieht. Die schwarzen Gestalten der Guthschen Inszenierung sind die Schatten, die das Jenseits bewohnen.

      Golaud findet Mélisande bei einem Brunnen. Mélisande ist im Schock-Zustand, einem Schock, der sie an den Rand des Jenseits geführt hat. Arkel hatte für ihn sich eine andere Frau ausgesucht aber in Mélisande findet er buchstäblich eine Beute. Pelléas ist eng mit dem Tod verwandt. Sein Vater liegt im Sterben (und stirbt und stirbt nicht, wie Amfortas), sein Freund Marcellus hat ihn an sein Sterbebett gerufen. Er ist aber in Allemonde ein Außenseiter - ein Vermittler zwischen den zwei Welten oder der "reine Tor", dank dessen die Schatten zu Ruhe kommen können ?

      Am Ende finden sich Pelléas und Mélisande, aber sie sind auch nunmehr zwei Schatten, ohne mögliche physikalische Berührung.

      Dies sind nur Fantasmereien, aus der Symbolenwelt von Pelléas geboren, aber Guths Inszenierung ist das Kunstück gelungen, gleichzeitig Bilder zu schaffen und der Phantasie freie Räume zu öffnen.

      Friedemann Layer habe ich schon als sehr einfühlsamen Debussy/Ravel Dirigenten erlebt. Zwar habe ich hier bis auf einige Momente etwas Subtilität vermißt, aber es kann durchaus eine Absicht gewesen sein. Von den Sängern haben mich Christine Karg (Mélisande) und Paul Gay (Golaud) am meisten beeindruckt, stimmlich wie darstellerisch. Deren Szenen à deux waren buchstäblich fesselnd ;-).Christian Gerhaher (Pelléas) fand ich schauspielerisch etwas weniger überzeugend, nicht so tief in seiner Rolle wie die beiden anderen. Stimmlich kommt er auch an seine Grenzen, was die Projektion betrifft. Golaud (Paul Gay) kommt gegen das volle Orchester klar an und kann noch eines draufsetzen, um Wut und Zorn auszudrücken, indem er die volle Kontrolle über sein Instrument behält, während Gerhaher ans Extreme gehen muß und dann nicht so fokussiert ist, als daß er durchs Orchester dringen könnte. Das konnte aber Christine Karg mit weniger Volumen aber einer scharfen Projektion. Für mich war's auch Golaud et Mélisande.

      Etwas vorsichtig Hillary Summers, auch in ihrer Diktion, aber es paßte sehr gut zu ihrer gouvernantenhaft dargestellten Rolle. Diese Geneviève will die Kontrolle über alle, vor allem sich selbst, behalten. Alfred Reiter hat seine Rolle aufgewertet, darstellerisch autoritär und stimmlich überzeugend - die drei Männerrollen hier klar unterschiedlich und unverwechselbar in der Stimmcharakterisierung.

      Yniold hat mich wieder an Los otros denken lassen, Unschuld in Geiselhaft sozusagen. Besser kann man sich ihn kaum ausdenken. In keiner Hinsicht ein "Nebendarsteller".
      Alles, wie immer, IMHO.
    • Ach, lieber Gurnemanz,
      seit Sonntag weißt Du ja bereits, dass mir die Inszenierung nicht gefallen hat, was auch auf meine beiden Begleiterinnen zutrifft. An der musikalischen Umsetzung gibt es nichts auszusetzen. Es lohnte sich, sporadisch die Augen zu schließen, womit ich zwei Fliegen mit einer Klappe erwischte : Ich lauschte begeistert und musste mich nicht über die szenischen Schnitzer ärgern. Daheim habe ich das komplette Programmheft studiert, weil es mich interessierte, warum Herr Guth es so und nicht anders gemacht hat. Die Lektüre bestätigte mich in meiner Skepsis. Da wird von der hohen Affinität Debussys zum Wasser, zur Natur, berichtet, von einem verfallenen Schloss und nicht von einer Behausung namens Schöner wohnen. Die Regie enthält uns Quelle und Brunnen der Blinden vor. Lässt dafür Mélisande im ersten Stock als " Blinde Kuh" übers Parkett durch imaginäres Wasser waten um sich schließlich auf den Couchtisch zu lagern, in Ermangelung der Marmorklippe. Natürlich gibt es keinen Turm und kein langes Haar, dafür immerhin Zigaretten ( auch im Wald der ersten Szene ! ) und einen schicken Bademantel. Golaud wuchtet seinen Sohn umständlich auf die Schulter, obwohl das Kind nichts anderes sieht als er. Mélisande kann Pelléas nicht per Handschlag begrüßen, weil sie die Hände voller Blätter und Blumen hat. Das jedenfalls singt sie, obwohl ihre Hände leer sind. Sie sei zu schwach, ihr Kind in den Armen zu halten, meint Arkel, der das für sie übernehmen wolle. Fehlanzeige ! Das Baby bleibt bei Geneviève. Nun kann man sagen, es handele sich um Visionen der Titelfiguren, jenseits der Realität. Nun,bei diesem Regieansatz müsste einem Verstandesmenschen wie Golaud eigentlich auffallen, dass dort, wo er Mélisande findet, gar kein Brunnen ist, folglich auch keine Krone hineingefallen sein kann. Null Natur und ein Glas Wasser auf dem Nachttisch im ersten Stock reichen für meinen Geschmack nicht aus, diese wunderbare, geheimnisvolle Parabel um Leben, Sterben, Liebe und Eifersucht optisch adäquat zu vermitteln.
      Trotzdem : Die Musik habe ich genossen, und zwar in vollen Zügen.

      Ciao. Gioachino :juhu:
      miniminiDIFIDI
    • Lieber gioachino, die Differenzen zwischen Libretto und Bühnenhandlung sind auch mir aufgefallen, und ich gebe zu, daß sie auch mich irritiert haben, allerdings im Unterschied zu Dir in einer Weise, die mir das Werk eher nähergebracht haben: Sie schaffen und verstärken für mich eher das Auseinander von Realität und Traum, z. B.: Mélisande läßt den Ring nicht in den Brunnen fallen, sondern wirft ihn aus dem Fenster. Der Brunnen selbst bleibt Phantasie.

      Lieber Philbert, Deine Anmerkungen zu Allemonde - andere Welt - Jenseits - Schatten - Brunnen finde ich sehr aufschlußreich.

      Den Film Los otros kenne ich noch nicht. Ich habe am Schluß an einen anderen Film gedacht, nach einem Drehbuch von Jean-Paul Sartre: Das Spiel ist aus (Les jeux sont faits, 1947, Regie: Jean Delannoy): Auch hier findet sich das Liebespaar in einer Schattenwelt wieder, unmöglich, sich körperlich zu berühren, der Versuch, ins Leben zurückzukehren, scheitert (vgl. "http://de.wikipedia.org/wiki/Das_Spiel_ist_aus").

      :wink:
      Es grüßt Gurnemanz
      ---
      Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
      Helmut Lachenmann
    • Je mehr ich über diese Aufführung nachdenke, desto ärgerlicher werde ich. Um seinen Regieansatz zu retten, hätte Claus Guth eigentlich die deutschen Übertitel untersagen müssen ! So aber straft der Text die Szene fast ständig Lügen. Noch ein paar Beispiele für die ärgerliche Diskrepanz : Den Jungen von 10 Jahren möchte ich sehen, der in einem Zimmer mit überschaubaren Dimensionen Ball spielt, obwohl er den Strand vor der Tür hat ! Mélisandes lange Haare, so sie ihr zugestanden werden, sind - bei entsprechendem Einsatz - subtiles erotisches Signal genug. Da bedarf es keines plakativ eindeutigen Posierens im Bademantel, was m. E. auch nicht zum Wesen dieses geheimnisvollen Geschöpfes passt. Die Halbbrüder stehen vor der Tür. Es ist stockfinster, obwohl Golaud Pelléas erklärt, es sei Mittag und die Kinder gingen ans Meer zum Baden.....Golaud verlangt von seiner Frau, sie solle ihm sein Schwert bringen. Weil das nicht ins Konzept passt, wird Pelléas halt mit einem Kandelaber erschlagen.
      Im neuesten Opernglas wird die Essener Inszenierung von Nikolaus Lehnhoff gewürdigt. Was ich da lese, ist mir deutlich sympathischer , zumal die musikalische Umsetzung der in Frankfurt vergleichbar sein dürfte.

      Ciao. Gioachino
      miniminiDIFIDI
    • gioachino schrieb:

      So aber straft der Text die Szene fast ständig Lügen.
      Ich würde es anders sagen: Text und Szene befinden sich in einem Spannungsverhältnis. Das wird in Frankfurt bis ins Letzte ausgereizt.

      Besonders berührt hat mich z. B. die Szene mit Yniold und den vorbeiziehenden Schafen. Hier sind es Kinderbücher, die der Knabe auf dem Fußboden in einer Reihe auslegt, also eine kindliche Phantasie. Wenn ich mich recht erinnere, wurde der Schäfer durch den Vater (golaud) ersetzt, der seinen Sohn zu Bett bringt, unmittelbar vor der Liebesszene und dem Mord.

      :wink:
      Es grüßt Gurnemanz
      ---
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      Helmut Lachenmann