Mozart: Die Zauberflöte - Komische Oper Berlin - 25.11.2012

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    • Mozart: Die Zauberflöte - Komische Oper Berlin - 25.11.2012

      Mozart hoch zwei in Berlin: Einen Tag nach Hans Neuenfels' Version des Frühwerks "la finta giardinera" (Dank an Alviano für den informativen Bericht) bringt Barrie Kosky an der Komischen Oper seine neue Zauberflöte heraus - in einer wahrhaft "verblüffenden Umsetzung" (Werbetext des Hauses).

      Kosky hat sich mit der britischen Truppe "1927", bestehend im wesentlichen aus der Schauspielerin und Regisseurin Susanne Andrade und dem Zeichner Paul Barritt zusammengetan. Diese sind bekannt und geliebt für ihre sehr speziellen Shows, die sich aus dem Spiel realer Schauspieler und animierten Projektionen zusammensetzen. Wenn das gut läuft, ergibt sich ein ganz eigenes Kunstwerk irgendwo zwischen Kino und Theater - mit Elementen des Stummfilms, der Comics usw. Die Zauberflöte ist ihre erste Opernarbeit.

      Die Bühne besteht aus nichts als einer senkrechten weißen Projektionswand, die wenige Meter hinter der Rampe steht und ein paar Lücken hat: Drei im oberen Bereich, jeweils mit einem winzigen Podest, auf dem die Darsteller stehen, sitzen und "spielen" sowie einer Tür unten in der Mitte. Die Wand wird gefüllt mit quietschebunten, enorm phantasie- und assoziationsreichen bewegten Bildern. Die mittendrin stehenden Solisten werden dann ganz zwanglos und enorm präzise Teil dieser Bilder: Von Julia Novikova (Königin der Nacht) schaut nur der Kopf hervor, der Bestandteil einer riesigen beweglichen Spinnen-Projektion ist, aus welcher sie ihre Koloraturen in den Saal schleudert. Auch Sarastro (Christoph Fischesser singt mit balsamischen Basstönen auch den Sprecher) verlässt sein Podest nie und sitzt mal auf einem Elefanten, mal zwischen allerlei technischen Apparaturen und Räderwerken ("Klugheit und Arbeit und Künste...."). Tamino landet flugs mitten im Bauch der Riesenschlange, Papageno reitet auf einem fliegenden Dumbo-Elefanten, Pamina scheint sich von einem gefährlich aufragenden Felsmassiv in die Tiefe stürzen zu wollen, um kurz darauf mit den drei Knaben mit Schmetterlingsflügeln zu ihrem Liebsten zu eilen...und so weiter, alles wunderschön anzusehen, abwechslungsreich, auch gelegentlich wirklich herzerwärmend - aber eben zweidimensonal.

      Zweidimensional bleiben dann auch die Sänger und ihre Figuren, der Konfliktstoff, das zwischenmenschliche oder gar politische Drama, das die Zauberflöte eben auch ist, bleibt weitgehend außen vor. Die Sänger sind darstellerisch kaum gefordert, und was ein Sänger wie Peter Sonn (Tamino. gesanglich untadelig) an "szenischer Gestaltung" anbietet, habe ich ehrlich gesagt, in solch negativer Konsequenz an diesem Haus noch nie erlebt. Mehr zu sehen gibts von Papageno (brilliant: Dominik Köninger), der sich in Outfit und Gestik an Buster Keaton orientiert und damit gut fährt. Andrade/Barritt haben ihm eine entzückende animierte Katze beigegeben, und das dieses gezeichnete Tier mehr Empathie und Mitgefühl auf sich zieht als jede reale Figur, hinterlässt bei mir das Gefühl, dass die Balance irgendwo nicht stimmt. Monostatos (Stephan Boving) kommt als Nosferatu daher, kann die monströse Erscheinung aber mit schmaler Stimme kaum beglaubigen. Schließlich Maureen McKay: Eigentlich hat sie alles, was eine Pamina braucht, nämlich eine bewegliche, aber hinreichend kräftige Sopranstimme mit exquisiter Süße in den Piani und eine sichere Präsenz im Spiel, sofern das in dieser Umgebung zu beurteilen ist. Was fehlt, ist ein Schuss individuelles Profil, etwas Unverwechselbares, alles bleibt sehr qualitätvoll, aber ein bisschen beliebig.

      Die Dialoge werden nicht gesprochen: Die notwendigsten Passagen werden als Übertitel projiziert und nach Art des Stummfilms von den Darstellern szenisch beglaubigt. Dazu erklingt - ganz stummfilmgerecht - Mozart-Musik vom Hammerklavier (Klavierfantasien KV 396 und 397). Der Chor sorgt für klangmächtige Einsprengsel, obwohl teilweise sehr unglücklich platziert und darstellerisch diesmal nicht gefordert. Das Orchester hat seinen Mozart technisch wie stilistisch im kleinen Finger, und Henrik Nanasi, dem neuen GMD, gelingt eine schwung- und seelenvolle, in den tempi sehr ausgeglichene, "runde" Wiedergabe. Auch da fehlten mir ein paar kräftige Akzente, aber zur Szene passte das gut.

      Das Premierenpublikum hat diese "verblüffende Umsetzung" sichtlich und hörbar genossen, auch zwischendurch mit Beifall nicht gegeizt und am Ende alle Beteiligten lang und herzlich gefeiert. Da will ich denn auch kein Spielverderber sein: Es gibt sicherlich viele Arten, die Zauberflöte zu lesen, zu interpretieren und auf die Bühne zu stellen, und das hier war nun wirklich, zumindest formal, etwas ganz Neues und schon deshalb aufregend. Zumal man den Machern den Respekt für die hochvirtuose, ungemein präzise und phantasievolle Umsetzung nicht versagen kann, auch wenn mich so ein zweidimensionaler Mozart nicht völlig überzeugt.
    • Lieber Pedrillo,
      ich habe die Generalprobe gesehen.
      Zunächst finde ich das Konzept (Stummfilmflair der 20er Jahre, Schrift statt Rezitative, dazu Hammerklavier) eine tolle Idee. Rein technisch war das auch faszinierend umgesetzt.

      Aber letztendlich hat es mich genau wie dich ganz und gar nicht überzeugt. ich habe mich wie im Kinderkino mit Musikuntermalung gefühlt - auch deshalb, weil diese Film -Animationen im Detail mitunter so platt und banal waren, dass ich darüber nicht mal mehr lachen kann (so nach dem Strickmuster: Wenn einer von Rätseln singt, kannn man drauf warten, dass er Fragezeichen aussprüht; wer verliebt ist, verliert natürlich Herzchen). Eben, dass die zwar süße, aber natürlich ebenso banale schwarze Katze bei jedem Auftauchen so wie ein running gag begrüßt wird, nervt irgendwann. Und was gab es hinter diesen großen bunten Bildern? Nicht viel. Staunen ob visuell origineller Projektionen reicht mir nicht. Ich möchte einen gewissen Sinn darin finden. Bei dieser Inszenierung bin ich mir nicht mal sicher, ob werkunkundige Zuschauer das überhaupt verstanden haben können. Ich fand es einfach eine hyperaktive Aneinanderreihung von Spielideen und stelle mir vor, wie lustvoll die sich da kreativ ausgetobt haben bei der relativ direkten Bebilderung des Librettos. Dahinter steht ja die Frage: Genügt eine gemeinsame, quasi nur optische Klammer für eine Inszenierung?

      Wenn man z.B. die Königin der Nacht als morbide Spidermann-Spinnenfrau darstellt, dann frage ich mich ja, was das soll. Man kann psychoanalytische Assoziationen haben, oder allgemein gruselfilmische, oder rein insektenartige oder solche zu Spiderman oder oder..... Was soll das also, außer dass irgendwann jemand zwischen ihren langen Beinen umherspaziert? Dann gab es Aufklärungsschlagworte, Filmklassiker-Reminiszenzen, Dali-Augen, Lincoln-Double, Revue-Tanzgruppen, Schlangen und Elefanten, Messerwerfer, Weihnachtsglöckchen .... ich könnte das endlos aufzählen, aber es ergibt nicht wirklich was in der Summe - außer "to much". Es erzeugte bei mir auch eine grässliche Dissonanz: einerseits die Stummfilm-Ära-Assoziationen in sw, mit eher langen Schnitten, dann die an Computerspiele erinnernden, schnell geschnittenen, bunten Sequenzen. Und das alles ohne für mich erkennbares System, jedenfalls habe ich keine Botschaft hinter dieser Überfrachtung für mich entdeckt. Es war eine Aneinanderreihung von einzelnen unterhaltsamen bewegten Bildern. Man KANN das ja als harmlose Märchenoper machen (auch wenn das eher nicht meine bevorzugte Lesart ist), aber dann darf man es auch nicht mit so vielen fetten Symbolen durchziehen. Meine ich. Das übersättigt nämlich schnell und gründlich und wird dann zuerst langweilig und dann irgendwann auch ärgerlich.

      Zu den Sängern hast du im Prinzip schon alles gesagt, vor allem Dominik Köninger fand ich super. Julia Novikova lispelt leider furchtbar, naja. Nanasi hat mich auch diesmal nicht vom Hocker gerissen, das Hammerklavier fand ich allerdings genial.
      Heike
      „Wahrscheinlich werden künftige Generationen sich erinnern, dass dieses Jahrhundert das ,Century of Recordings’ war, in dem die Menschen auf die seltsame Idee verfielen, man könne Musik in kleine Plastikteile einfrieren. Mich erinnert das an die Idee der Ägypter vom Leben nach dem Tod. Eine ungesunde Idee. Studiomusik ist eine Verirrung des 20. Jahrhunderts. Das wird verschwinden.“ (F. Rzewski, Komponist, in der FAZ vom 21.4.2012)
    • Hallo,

      die Inszenierung liest sich ja wirklich witzig. Ob mir das allerdings gefallen würde, weiß ich nicht. Ein paar Bildchen dazu hab ich aber gerade gefunden:

      "http://www.komische-oper-berlin.de/spielplan/zauberfloete/#
      Viele Grüße - Allegro

      Musik ist, die in den Noten versteckten Töne frei werden zu lassen (nach Philmus)
    • @pedrillo
      Ich bin dir übrigens ausgesprochen dankbar für deine eher verhaltene Kritik.
      Ich war nämlich umgeben von zufriedenen und meist begeisterten Besuchern und habe schon an meinem Verstand gezweifelt, dass mir dieses aufwendige Spektakel nicht annähernd so gut gefallen hat wie den meisten.
      Heike
      „Wahrscheinlich werden künftige Generationen sich erinnern, dass dieses Jahrhundert das ,Century of Recordings’ war, in dem die Menschen auf die seltsame Idee verfielen, man könne Musik in kleine Plastikteile einfrieren. Mich erinnert das an die Idee der Ägypter vom Leben nach dem Tod. Eine ungesunde Idee. Studiomusik ist eine Verirrung des 20. Jahrhunderts. Das wird verschwinden.“ (F. Rzewski, Komponist, in der FAZ vom 21.4.2012)
    • Heike schrieb:

      Ich war nämlich umgeben von zufriedenen und meist begeisterten Besuchern und habe schon an meinem Verstand gezweifelt, dass mir dieses aufwendige Spektakel nicht annähernd so gut gefallen hat wie den meisten.
      Man sollte sich niemals von anderen einreden oder aufdrängen lassen, was "gut" oder "schlecht" ist. Schon gar nicht von einem Opernpublikum, wo ein Großteil die Partitur nicht kennt, und sich eh fast jede Oper dort einmal anschaut - und das wars dann.

      Wenn es dir nicht gefallen hat, dass ist das völlig in Ordnung!
    • schon gar nicht von einem Opernpublikum, wo ein Großteil die Partitur nicht kennt

      Ähm, ich kenne die Partitur auch nicht, ich kenne genau gesagt überhaupt keine Opernpartitur (ich habe nämlich nur diverse Klaviernoten zu Hause).

      Nun gut ich hab schon etlche Zauberflöten gesehen, aber ich finde es doch relativ irritierend, wenn die Mehrheitsmeinung so völliig neben meiner ist. Es kann ja auch sein, dass ich der Geisterfahrer bin, der aber felsenfest meint, alle andren sind auf der falschen Spur .....
      Allerdings bin ich inzwischen Gottseidank auch selbstbewusst genug, um trotzdem zu sagen, dass ich es doof fand ;)
      Heike
      „Wahrscheinlich werden künftige Generationen sich erinnern, dass dieses Jahrhundert das ,Century of Recordings’ war, in dem die Menschen auf die seltsame Idee verfielen, man könne Musik in kleine Plastikteile einfrieren. Mich erinnert das an die Idee der Ägypter vom Leben nach dem Tod. Eine ungesunde Idee. Studiomusik ist eine Verirrung des 20. Jahrhunderts. Das wird verschwinden.“ (F. Rzewski, Komponist, in der FAZ vom 21.4.2012)
    • Heike schrieb:

      Nun gut ich hab schon etlche Zauberflöten gesehen, aber ich finde es doch relativ irritierend, wenn die Mehrheitsmeinung so völliig neben meiner ist.
      Da gibts ja diesen bekannten Spruch: "Fresst Schei*e, Millionen Fliegen können nicht irren!"

      Heike schrieb:

      Es kann ja auch sein, dass ich der Geisterfahrer bin, der aber felsenfest meint, alle andren sind auf der falschen Spur .....
      Ich glaube, dass es da kein richtig oder falsch gibt.

      Wenn es dir nicht gefallen hat, dann ist das DEINE Meinung, und die steht dir auch zu. Immerhin hast du ja Eintritt dafür gezahlt und warst hinterher nicht zufrieden mit dem, was geboten wurde.

      Heike schrieb:

      Allerdings bin ich inzwischen Gottseidank auch selbstbewusst genug, um trotzdem zu sagen, dass ich es doof fand ;)
      l-l
    • Oh, so eine Flöte

      Lieber pedrillo,

      vielen Dank für Deine Eindrücke der Premiere in der Behrenstrasse - mir war zwei Mal Mozart an einem Wochenende zuviel (zumal weder "Zauberflöte", noch die "finta" zu meinen Lieblingswerken des Komponisten aus Österreich gehören) und ich habe mich dann für die Inszenierung des von mir sehr geschätzten Hans Neuenfels entschieden. Der übrigens vor nicht all zu langer Zeit die letzte "Zauberflöte" an der "Komischen Oper" betreut hatte. Allerdings ist die "Zauberflöte" ähnlich wie die "Bohème" oder die "Traviata" ein Stück, das immer wieder in relativ kurzen Abständen neu inszeniert wird.

      :wink:
      Der Kunst ihre Freiheit
    • Oh, du arme Zauberfloete !

      Was stellt man nicht alles an um diese Oper Kindgerecht rüber zu bringen.
      Habe ebenfalls viele Flöten gesehen und sie waren es zu 90%.

      Denn man geht doch mit seinen Kindern in diese Oper.
      Der Rest bleibt auf der Strecke. Sehe ich falsch??????

      LG palestrina
      „ Die einzige Instanz, die ich für mich gelten lasse, ist das Urteil meiner Ohren. "
      Oolong
    • also ich habe sie natürlich nicht gesehen, Berlin ist ja weit weg.

      Aber was das Video zeigt fände ich sehr hübsch ich denke eine phantasievolle Märchenoper darf auch sehr fantasievoll gemacht werden. Mir jedenfalls könnte sie gut gefallen, (mir hat ja auch Bergmanns Zauberflöten-Film gefallen) besser jedenfalls als irgendeine verquaste pseudo-psychologistische Interpretattion mit fürchterlichem ernst.
      Ich denke Mozart und Schikaneder hätten ihren Spass daran.

      Heute war übrigens im Radio eine Kritik, die sehr positiv ausgefallen ist, während die Kritik der Gärtnerin .. sehr negativ ausgefallen ist.
      Ohne Musik wäre das Leben ein Irrtum (Nietzsche)
      In der Tat spuckte ... der teuflische Blechtrichter nun alsbald jene Mischung von Bronchialschleim und zerkautem Gummi aus, welchen die Besitzer von Grammophonen und Abonnenten von Radios übereingekommen sind Musik zu nennen (H Hesse)
      ----------------------------
      Im übrigen bin ich der Meinung, dass immer Sommerzeit sein sollte (gerade im Winter)
    • Erzherzog schrieb:

      Mir jedenfalls könnte sie gut gefallen, (mir hat ja auch Bergmanns Zauberflöten-Film gefallen) besser jedenfalls als irgendeine verquaste pseudo-psychologistische Interpretattion mit fürchterlichem ernst.

      Also, der Vergleich mit dem Bergman-Film ist letztendlich entlarvend für diese Produktion, so problematisch es ist, Film und Bühne zu vergleichen: Denn dort ist genau das zu finden, was bei Kosky uns Co. fehlt, nämlich eine Verbindung von phantasievoller Märchenhandlung mit einer psychologischen Durchleuchtung der zwischenmenschlichen Konflikte - da ist der ganze "fürchterliche Ernst" drin - wie auch etwa in Harry Kupfers Zauberflöte von 1986. Kritisiert wird ja nicht die gelungene, ja geradezu überwältigend präzise und einfallsreiche Ausführung als solche, sondern der Versuch, die Zauberflöte auf ein zweidimensionales Stummfilmformat "einzudampfen" - so sehen das auch manche Kritiker - verglichen etwa mit Frederick Hanssen (Tagesspiegel) drücken wir uns hier sehr vorsichtig aus. Es ist keine schlechte Aufführung - sie sollte nur nicht zum Modell werden.

      Allerdings bin ich ganz sicher, dass das Ganze vielen Leuten sehr gefallen wird - warum auch nicht, die Zauberflöte wirds überleben...
    • verglichen etwa mit Frederick Hanssen (Tagesspiegel) drücken wir uns hier sehr vorsichtig aus.

      Ich habe mal gegoogelt, die Berliner Kritiken sind äußerst polarisierend.. Während Peter Uehling (Berliner Zeitung) das nicht aufgehende zweidimensionale Konzept sehr treffend + sehr kritisch beschreibt und meint: "meistens hat sich Mozart hinten anzustellen", war Kai Luehrs- Kaiser (Kulturradio) wohl begeistert von der "absolut sehenswerten, ja phantastischen Produktion". Das spricht ja meiner Meinung nach für die Inszenierung, wenn darüber diskutiert werden kann.

      Ich glaube, man kann das auch nicht besonders gut aus Videoausschnitten beurteilen, denn man sieht dort weder die Gefangenheiten im Raum und Konzept, noch die platten Details in der Menge, noch die Übersättigung, die vielleicht bald eintritt.
      Heike
      „Wahrscheinlich werden künftige Generationen sich erinnern, dass dieses Jahrhundert das ,Century of Recordings’ war, in dem die Menschen auf die seltsame Idee verfielen, man könne Musik in kleine Plastikteile einfrieren. Mich erinnert das an die Idee der Ägypter vom Leben nach dem Tod. Eine ungesunde Idee. Studiomusik ist eine Verirrung des 20. Jahrhunderts. Das wird verschwinden.“ (F. Rzewski, Komponist, in der FAZ vom 21.4.2012)
    • Vorstellung am 31.12.

      Ich wurde gezwungen ;+) die Silvestervorstellung dieser Produktion zu deutlich erhöhten Preisen zu besuchen. Dafür gab's Essen und Trinken umsonst, was in der Pause zu einer selten gesehenen Schlacht am Buffet (auch hier wurde ich zur Teilnahme gezwungen :D) und im zweiten Akt zu anscheinend alkoholbedingt gesteigerter Ausgelassenheit im Publikum führte.

      Aber ich muss sagen: Schon lange nicht mehr hat mir eine Zauberflötenregie - und ich habe deren einige gesehen - so gut gefallen wie diese. Die Defizite liegen auf der Hand und sind hier alle angesprochen worden. Aber die Überwältigung des Theaters durch Film bzw. Video gelang hier so brillant, dass z.B. La fura dels baus als konkurrierende Vertreter eines Bilder- und Spektakeltheaters vor Neid erblassen müssten (deren Zauberflöte bei der Ruhrtriennale 2003 war dann auch ein ziemlicher Reinfall).

      Die Projektionen sind eine virtuose Collage verschiedenster Bildwelten, von der Anspielung auf enzyklopädische Illustrationen der Aufklärung in Sarastros Welt bis zu Comic- und Pop-Art-Zitaten für die Papageno-Sphäre. Eine heterogene, aber jederzeit frappierende Mischung, die - Gott sei Dank! - kein geschlossenes Konzept vermittelte. Das war Schikaneders und zumindest teilweise auch Mozarts würdig. Kaum "Psychologie", klar. Bildertheater! Wunderbar!

      Wenn Uehling, wie oben von Heike referiert, meint, dass Mozart sich meistens "hinten anzustellen" habe, dann lag das m.E. vor allem an den unzureichenden musikalischen Leistungen. Nach einer vielversprechenden Ouvertüre mit originellen Akzenten (dynamische Abstufungen bei den drei Akkorden z.B.) boten Henrik Nánási und das Orchester einen zu routinierten Mozart. Es sangen teils andere Protagonisten als in der Premiere: Adrian Strooper mit heiserem Timbre und mäßiger Intonation den Tamino, Alexey Antonov stimmlich neutral und ohne die notwendige Tiefe den Sarastro. Julia Novikova bewältigte die Königinnenpartie mit Anstand, aber ohne Verve. Nur der solide Dominik Köninger (Papageno) und die mit ihrer g-moll-Arie den gesanglichen Höhepunkt setzende Maureen McKay als Pamina überzeugten. Schade. Aber trotzdem: Schön war's. Das konnten auch die mitternächtlichen Feuerwerker in Wedding nicht toppen.


      Viele Grüße

      Bernd
      Details are always welcome. (Vladimir Nabokov)
    • Ich habe nochmal "nachgelegt" und die Vorstellung am 25.01. gesehen: Die Bedenken gegen das Konzept bleiben bestehen. Immerhin: Der Wechsel am Dirigentenpult beweist, dass sich nicht - wie von einigen Kritikern vermutet - die musikalische Leitung nach den feststehenden Animationen richten muss, sondern diese vielmehr sich in jeder Aufführung an den musikalischen Ablauf anpassen müssen - das geschieht nach Angaben des Hauses durch 800 einzelne Einstellungen während der Vorstellung - 800 kleine Filme sozusagen. Kristiina Poska nämlich, seit 2012 Kapellmeisterin des Hauses, legt, verglichen mit Nanasi, geradezu extreme Tempi vor, die ganzen Papageno-Nummern kommen viel flotter, andere Stellen, wie Paminas Arie, werden mit größerer Ruhe ausmusiziert. Zwar kommt es vereinzelt zu Koordinationsproblemen mit den Sängern: Im 2.Finale kommen die Sänger im Allegro des Terzetts Tamino/Geharnischte ("Welch Glück, wenn wir uns wiedersehen...") dem Orchester nicht recht hinterher. Aber der Gewinn ist größer: Dieser sehr vitale, ausdruckskräftige Mozart setzt auf das Überraschungsmoment und wirkt - verglichen mit der eher starren Szene - geradezu entlarvend lebendig.

      Ein Gewinn für Mozart auch, dass Brigitte Geller jetzt Pamina singt. Gesanglich souverän wie immer, wärmer und "runder" in der Stimmfarbe als die Premierenbesetzung, versucht sie, in Gesang und Darstellung mehr Emotionalität einzubringen und auch szenisch jeden Freiraum zu nutzen, der sich zwischen den bewegten Bildern bietet. Bedauerlich, dass die Partner darauf mit geradezu stoischem Gleichmut reagieren, besonders krass im Terzett Nr. 19. Und was den Gesang angeht, muss ich das leider voll und ganz unterschreiben:

      Zwielicht schrieb:

      Es sangen teils andere Protagonisten als in der Premiere: Adrian Strooper mit heiserem Timbre und mäßiger Intonation den Tamino, Alexey Antonov stimmlich neutral und ohne die notwendige Tiefe den Sarastro. Julia Novikova bewältigte die Königinnenpartie mit Anstand, aber ohne Verve.

      Unzureichend vor allem der Tamino: Man hört ihm in jeder Note an, was das Opernsingen für eine anstrengende Angelegenheit ist.

      Fazit: Insgesamt ein Mozart mit plus und minus, aber musikalisch durchweg spannend. Die spektakulären Bilder können, da immer gleich, nicht mithalten, obwohl die Koordination auch unter Poska absolut perfekt funktionierte.
    • Die Besprechungen hier hatten mich so neugierig gemacht, daß ich plante, mir die KOB-Zauberflöte ebenfalls zu Gemüte zu führen, hatte auch schon 2 gute Karten für den 25.5. erworben - mit Glück, denn die Vorstellungen in diesem Jahr sind anscheinend alle so gut wie ausverkauft.

      Da es mit dem geplanten Berlin-Besuch nun doch nicht klappt, gebe ich die Karten gern weiter; hier findet sich Näheres: Biete: Zauberflöte an der KOB (25.05.2013), 2 Karten

      :wink:
      Es grüßt Gurnemanz
      ---
      Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
      Helmut Lachenmann
      Künstler und Schwein gelten erst nach dem Tode etwas.
      Max Reger
    • Die Produktion wird übrigens von der Deutschen Oper am Rhein übernommen und ab Dezember diesen Jahres in Duisburg gespielt:

      "http://www.rheinoper.de/de_DE/events/repertoire/945444/opera"


      Viele Grüße

      Bernd
      Details are always welcome. (Vladimir Nabokov)
    • Ja, und dann läuft sie dort (Dezember - Juni) teilweise parallel zur Berliner Produktion, deren Wiederaufnahme für Februar - Mai 2014 vorgesehen ist. Anders als bei "konventionellen" Produktionen ist das vermutlich ohne großen Aufwand möglich, weil man das Animationsmaterial beliebig oft vervielfältigen kann. Die Perspektive - mal sehen, in welchen Winkeln der Welt diese Produktion dann noch auftaucht - finde ich leicht beängstigend: Wird es dann diese Zauberflöte an zehn, zwanzig Häusern gleichzeitig geben? Diese enorm wirtschaftliche Verwertung dürfte dann auch zur Nachahmung animieren...
    • Naja, zunächst mal ist das nicht mehr als eine ganz normale Koproduktion zwischen zwei Opernhäusern - nicht die erste, denn auch der von Herheim für die KOB inszenierte Xerxes ist ja von der Rheinoper übernommen worden.

      Manche Robert-Carsen-Inszenierungen laufen an drei bis vier Opernhäusern parallel...


      Viele Grüße

      Bernd
      Details are always welcome. (Vladimir Nabokov)
    • pedrillo schrieb:

      Diese enorm wirtschaftliche Verwertung dürfte dann auch zur Nachahmung animieren...
      Zu diesem Phänomen allgemein haben wir übrigens auch dieses: Opern auf Reisen...?!?

      :wink:
      Es grüßt Gurnemanz
      ---
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      Helmut Lachenmann
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      Max Reger