Verdi: "Aida" - Staatstheater Wiesbaden, 29.11.2012 (Premiere: 08.09.2012)

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    • Verdi: "Aida" - Staatstheater Wiesbaden, 29.11.2012 (Premiere: 08.09.2012)

      Am Staatstheater Wiesbaden hat sich in Sachen Orchesterkultur in den letzten Jahren einiges getan. Nachdem Marc Piollet die Musikerinnen und Musiker des Hauses an der einst noblen Wilhelmstrasse auf Erfolgskurs gebracht hatte, folgte diesem nun Zsolt Hamar nach und der scheint ebenfalls ein glückliches Händchen für die Orchesterarbeit in Wiesbaden mitzubringen.

      Zum Spielzeitauftakt im September stand Hamar am Pult einer neueinstudierten „Aida“ von Giuseppe Verdi und sorgte mit ausgewogenen, mitunter auch flotten Tempi bei effektvoll gesetzten Entladungen des Orchesters und fein abgetönten Holzbläser- oder Streicherpassagen, für eine rhythmisch federnde, spannende Wiedergabe des am 24.12.1871 in Kairo uraufgeführten Werkes. Umsichtig und helfend leitet Hamar die Solisten und die Kollektive auf der Bühne, der Eindruck dieser ersten Arbeit des 1968 in Budapest geborenen Ungarn Zsolt Hamar ist durchweg positiv und macht Lust, dem Dirigenten wieder zu begegnen.

      Für die Inszenierung zeichnete Immo Karaman verantwortlich, der war u. a. Regieassistent von Konwitschny und Hilsdorf, beide haben selbst sehr unterschiedliche Inszenierungen der „Aida“ betreut, und es scheint für Karaman keine ganz leichte Aufgabe gewesen zu sein, „Aida“ neu zu inszenieren.

      Auf der einen Seite versucht Karaman die Kriegssituation des Stückes in den Vordergrund zu rücken, auf der anderen versucht er dann aber eine ironische Distanz zur Handlung zu bilden. Das funktioniert teilweise nicht wirklich reibungslos und im zweiten Teil des Abends gelingen ihm dann nurmehr recht konventionelle Arrangements.

      Die Bühne ist meistens weit offen (Ausstattung: Timo Dentler, Okarina Peter), gestrandete Schiffe versinken teilweise im Bühnenboden, eine einsame Fahne weht über die Köpfe der schon zu Beginn auf der Bühne lagernden Gefangenen hinweg, unter ihnen Aida, und Radames singt seine Geliebte mit seiner berühmten Arie direkt an.

      Dass Radames als Feldherr auserkoren wird (und zum Schwiegersohn des Staatschefs aufsteigen soll), ist Ergebnis einer Intrige, an dem auch der zwielichtige Militär Ramfis beteiligt ist, die quasi von einem göttlichen Orakel verkündete Wahl des Radames als Herrführer ist in Wahrheit von den Mächtigen arrangiert worden.

      Neben viel soldatischem Outfit gibt es noch vier Tänzerinnen im Look von amerikanischen Truppenbetreuerinnen, die – und das ist eine überzeugende, szenische Lösung – immer wieder den Rhythmus der Musik aufgreifen und in Bewegung umsetzen, modern, frech und immer etwas oberflächlich.

      Diese Tänzerinnen spielen Pferde, die den siegreichen Feldherren auf einem Wagen hereinziehen, diese zeigen auch eine Dressurnummer im Triumphbild, wo Kinder mit Gasmasken mit langen Belüftungsschläuchen wie Elefanten vorgeführt werden.

      Der dritte und vierte Akt bietet wenig überraschendes – sieht man von der im letzten Akt stark verkürzten Szene, die von einer bühnenhohen Schiffswand abgeschlossen wird, ab. Hier ist das Publikum ganz dicht an den agierenden Personen dran, was viel zum Gelingen dieses Bildes beiträgt. Aida schleicht sich in die Grabkammer, in die Radames eingesperrt wird, als Soldatin verkleidet, Amneris sitzt im Vordergrund, von ihrer Verzweiflung gepeinigt auf einem Stuhl und ganz am Schluss öffnet sich die Rückwand, blaues Licht und Rauch dringen herein, Aida und Radames verschwinden in diesem irrealen Raum.

      Immo Karaman gelingt ein unterhaltsamer Abend, der allerdings interpretatorisch und in der Personenführung einiges schuldig bleibt.

      Immerhin bietet Wiesbaden mit Eszter Sümegi eine Titelrolleninterpretin auf, die vor den Klippen der Partie nicht zurückschrecken muss, die Stimme verfügt über Durchschlagskraft und eine sichere Höhe (auch die Nilarie – besonders die heikle Schlusspassage - wird gut bewältigt) und Eszter Sümegi weiss, wie sie ihre Stimme wirkungsvoll zur Geltung bringt.

      Tenor Zurab Zurabishvili geht als Radames an die Grenzen seiner stimmlichen Möglichkeiten, zurückgenommene, sauber gebildete Töne gibt es faktisch gar nicht, der Sänger setzt auf Kraft – er hält den Abend durch und insgesamt muss man einräumen, dass man diese Partie auch schon schlechter gesungen gehört hat. Dass Zurabishvili als Darsteller ein ziemlich Ausfall war, gehört zu den weniger erfreulichen Eindrücken der Vorstellung.

      Das sieht bei Andrea Baker als Amneris ganz anders aus. Baker verfügt über eine in der Höhe wenig attraktive Stimme, die blass und heiser bei nicht immer sicherer Intonation vor sich hin schlägt – aber wie Baker sich in ihre grosse Szene im vierten Akt wirft, mit welcher Vehemenz sie ihrer Stimme die Töne abtrotzt und wie sie mit dem ganzen Körper die Gefühle der Amneris begreifbar macht, das verdient Respekt.

      Kiril Manolov, der Amonasro, verfügt über einen vorzeigbaren, sicheren Bariton, grosse Differenzierungskunst, Ausdruck, Farben, das darf man ihm nicht erwarten und schauspielerische Finessen bleiben ebenfalls bestenfalls in Andeutungen stecken.

      Ein interessanter Typ ist Dennis Wilgenhof als Ramfis. Der grossgewachsene, schlanke Sänger mit dem kahlen Schädel wirkt in seiner Uniform wirklich bedrohlich, geheimnisvoll, finster und bietet bis auf Eintrübungen in der Höhe eine sängerisch spannende Interpretation.

      Dem von Anton Tremmel vorbereiten Chor fehlt es an Homogenität, einzelne Gruppen fügen sich nicht in den Gesamtklang ein und einem ersten Tenor müsste man vielleicht mitteilen, dass er auch bei noch stärkerer Solopräsenz nicht als Radames in Frage kommen wird.

      Freundlicher Applaus im nicht sehr gut besuchten Wiesbadener Opernhaus, Ovationen vor allem für Eszter Sümegi und den Dirigenten Zsolt Hamar.
      Der Kunst ihre Freiheit