Allegri, Gregorio: Miserere mei, Deus - for your eyes only

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    • Allegri, Gregorio: Miserere mei, Deus - for your eyes only

      Gestern hatte ich meinen Allegri-Tag :) Wie es dazu kam? Die Geschichte ist ein wenig länger, aber ich kürze ab, versprochen :)

      Bei Youtube war ich diese Woche auf eine Reihe von Aufnahmen der University of Utah Singers gestoßen, darunter auch eine Aufnahme des Miserere, die bei einem Konzert in Israel im Mai 2010 entstand:

      "http://www.youtube.com/watch?v=Xu67Q10arls"

      Einziger Schönheitsfehler: Das Vokalquartett ist nur aus der Distanz zu hören, was der Schönheit der Aufnahme aber keinerlei Abbruch tut. Wie das bei Youtube eben so ist, werden in einer Menüleiste, ähnliche oder verwandte Stücke angezeigt, Durch einige dieser Aufnahmen habe ich mich gestern durchgehört, genauer gesagt drei, die mir alle drei sehr gut gefielen:

      1. The Sixteen unter Harry Christophers: "http://www.youtube.com/watch?v=mh6s71MicgY"
      2. The Tallis Scholars unter Peter Philipps: "http://www.youtube.com/watch?v=xpzdB0G3TJU"
      3. The Choir of Claire College, Cambridge, Timothy Brown: "http://www.youtube.com/watch?v=IA88AS6Wy_4"

      Die Aufnahme der Tallis Scholars ist eine Live-Aufnahme, die 1994 in Santa Maria Maggiore anlässlich des Palaestrina-Jahres entstand:



      Bisher ist diese Einspieliung meine Lieblingsaufnahme des Stückes gewesen. Gestern hat sie ernsthafte Konkurrenz bekommen, durch die dritte oben erwähnte Aufnahme. Ich kann nur empfehlen, sich einmal alle drei Versionen im Vergkleich anzuhören. Ein "besser" oder "schlechter" gibt es hier ohnehin nicht. Auf hohem Niveau sind sie alle drei. Besonders hat es mir bei der Aufnahme des Clair-College-Chores der Sopran des Vokalquartetts angetan - das berühmte "C" wird so schön gesungen - einfach zum Niederknien, aber hört Euch das einmal selbst an.

      Es gibt wenige Kompositionen, um die sich eine ähnliche Anzahl von Legenden ranken, wie um Gregorio Allegris Vertonung des 51. Psalms. Es handelt sich bei diesem Psalm um einen der sieben Bußpsalmen. Seinen liturgischen Ort hat der Psalm in der heiligen Woche, also der Karwoche vor Ostern. Den Namen Allegris kennt man, wenn überhaupt, in den meisten Fällen überhaupt nur noch des Misereres wegen. Es dürfte nicht falsch sein, zu vermuten, das viele Hörer - wenn sie vom "Miserere" sprechen, das Allegris meinen, obwohl Allegris Komposition defitnitiv nicht die einzige Vertonung dieses Psalms ist :)

      Stellt sich die Frage, wo die Ursache für diesen außerordentlichen Popularitätsgrad liegt?

      Einige Hintergrundinformationen zum Komponisten und zur Komposition:

      Georgio Allegri lebte von 1582 - bis 1652. Von 1629 bis zu seinem Tod war Allegri Mitglied der päpstlichen Kapelle. Sein Werk umfasst eine ganze Reihe wertvoller Kompositionen. Davon im Gedächtnis der Allgemeinheit verblieben ist im wesentlichen das Miserere. Entstanden ist das Miserere vermutlich in den 1630er Jahren. Es handelt sich um einen relativ schlichten Fauxbordon-Satz für neun Stimmen, die sich auf einen fünfstimmigen und einen vierstimmigen Chor verteilen. Das Vokalquartett steht bei Aufführungen in der Regel an einem anderen Ort in der Kirche als der fünfstimmige Chor. Zurück zur Frage: Was machten den Reiz des Stückes aus? Ist es dieser schlichte Satz, oder liegt die Faszination dieser Musik auf einem anderen Feld?

      Eine Reihe weiterer Fragen böten sich an, zum Beispiel die Frage, ob das, was heute in den meistern Fällen heute bei Auffühungen gesungen wird, noch viel mit Allegris ursprünglicher Komposition zu tun hat? Oder: Wie kam es zu dem berühmten "C"? Aber es wäre ja langweilig alles Pulver jetzt schon zu verschießen :)

      Wer sich einen Überblick verschaffen möchte, sei auf folgenden Link verwiesen:

      "http://ancientgroove.co.uk/essays/allegri.html"

      :wink: :wink:

      Christian
      Rem tene- verba sequentur - Beherrsche die Sache, die Worte werden folgen

      Cato der Ältere
    • Die "klassische" Aufnahme von Allegris "Miserere" dürfte die Aufnahme der Tallis-Scholars sein, wobei es von diesem Ensemble mehr als eine Aufnahme des Stückes gibt:



      Gekoppelt ist diese Einspielung mit Palaestrinas Missa Papae Marcelli.


      Aus dem vergangenen Jahr stammt diese Aufnahme von Andrew Carwood und The Cardinall´s Musick



      Letztere habe ich längere Zeit nicht mehr gehört, aber was nicht ist, kann ja noch werden ;+)

      :wink: :wink:

      Chritian
      Rem tene- verba sequentur - Beherrsche die Sache, die Worte werden folgen

      Cato der Ältere
    • Ich habe das "Miserere" auf dieser hier, auch gekoppelt mit der "Missa Papae Marcelli" (anscheinend die klassische Kombination):



      Auch sehr schön, mit Knabensoprani und Countertenören.

      Liebe Grüße,
      Areios
      "Wenn [...] mehrere abweichende Forschungsmeinungen angegeben werden, müssen Sie Stellung nehmen, warum Sie A und nicht B folgen („Reichlich spekulativ die Behauptung von Mumpitz, Dinosaurier im alten Rom, S. 11, dass der Brand Roms 64 n. Chr. durch den hyperventilierenden Hausdrachen des Kaisers ausgelöst worden sei. Dieser war – wie der Grabstein AE 2024,234 zeigt – schon im Jahr zuvor verschieden.“)."
      Andreas Hartmann, Tutorium Quercopolitanum, S. 163.
    • Caesar73 schrieb:

      Stellt sich die Frage, wo die Ursache für diesen außerordentlichen Popularitätsgrad liegt?


      Vermutlich zunächst mal darin, daß dieses Werk, das zumindest Ende des 18. Jhs. unter Verschluß der päpstlichen Kapelle lag, vom jungen Mozart nach zweimaligem Hören nach dem Gehör niedergeschrieben wurde.

      Leopold Mozart am 14. April 1770 aus Rom an seine Frau:
      [...]
      du wirst vielleicht oft von dem berühmten Miserere in Rom gehört haben, welches so hoch geachtet ist, daß den Musicis der Capellen unter der excomunication verbotten ist eine stime davon aus der Capelle weg zu tragen, zu Copieren, oder iemanden zu geben. Allein, wir haben es schon. der wolfg: hat es schon aufgeschrieben, und wir würden es in diesem Briefe
      nach Salzb: geschickt haben, wen unsere Gegenwarth, es zu machen, nicht nothwendig wäre; allein die Art der production muß mehr dabeÿ thun, als die Composition selbst, folglich werden wir es mit uns nach hause bringen, und weil es eine der Geheimnisse von Rom ist, so wollen wir es nicht in andere Hände lassen, ut non incurremus mediate vel imediate in Censuram Ecclesiæ.
      [...]

      diese Tat machte natürlich bereits im frühen 19. Jh. im Rahmen der Mozart-Rezeption neugierig - und was lange kanonisiert ist, ist auch populär und reißerische Storys sind dabei immer hilfreich...

      Ein weiterer Grund liegt mit einiger Sicherheit in der epochalen Wiederaufführung an der Münchener Hofkirche St. Michael durch Kaspar Ett (einem der wichtigsten Protagonisten der wiederbelebung alter Musik im 19. Jh.) am Karfreitag 1816. Der Erfolg dieser Aufführung war so groß, daß dieses Werk auf Wunsch des Hofes in den folgenden Jahren zum Standardrepertoir für die Karfreitagsliturgie avencierte und natürlich auch (besonders im Rahmen der in Kirchenmusikreform der folgenden Jahrzehnte und des Cäcilianismus) an anderen Orten aufgeführt wurde. De facto war es eines der Vorbilder für "gute" Kirchenmusik im 19.Jh. Da stellt sich natürlich die Frage, wie Ett an das Aufführungsmaterial kam, wenn es doch nach L. Mozart unter Geheimhaltung der päpstlichen Kapelle stand. Das Mozart-Skript wird Ett doch nicht verwendet haben (s.o.)...? Angeblich fand er es im Bestand der Münchener Hofkapelle, die ja bekanntlich im 16. und 17. Jh. starke Verbindungen nach Italien im Allgemeinen und nach Rom im Besonderen pflegte. Es war wohl nicht immer geheim...
      viele Grüße

      Bustopher


      Wenn ein Kopf und ein Buch zusammenstoßen und es klingt hohl, ist denn das allemal im Buche?
      Georg Christoph Lichtenberg, Sudelbücher, Heft D (399)
    • Wenn wikipedia da nicht fabuliert

      Der vierzehnjährige Wolfgang Amadeus Mozart soll das Stück 1770 bei einem Romaufenthalt zum Mittwochsgottesdienst gehört haben und später aus dem Gedächtnis korrekt aufgeschrieben haben. Zwei Tage später ging er zum Karfreitagsgottesdienst, um kleinere Korrekturen vornehmen zu können. Später traf er auf seinen Reisen den englischen Historiker Charles Burney, der das Stück übernahm und nach London brachte, wo es 1771 veröffentlicht wurde. Nach der Publikation wurde der Bann aufgehoben.


      war das Miserere nach 1771 zugänglich.

      Liebe Grüße Peter
      .
      Auch fand er aufgeregte Menschen zwar immer sehr lehrreich, aber er hatte dann die Neigung, ein bloßer Zuschauer zu sein, und es kam ihm seltsam vor, selbst mitzuspielen.
      (Hermann Bahr)
    • palestrina schrieb:

      Finde es sehr schön das man meine Musik nicht ganz vergessen hat !!!!!

      LIEBSTE GRÜßE
      palestrina

      wieso? heißt Du mit Nachnamen Allegri??? Pierluigi Allegri da Palestrina? Dachte immer, daß der Allegri mit Vornamen Gregorio heißt? Bist doch eh' der Musterschüler der Kirchenmusik! :stern:
      viele Grüße

      Bustopher


      Wenn ein Kopf und ein Buch zusammenstoßen und es klingt hohl, ist denn das allemal im Buche?
      Georg Christoph Lichtenberg, Sudelbücher, Heft D (399)


    • Eine Neuentdeckung für mich, die ich dem lieben Dirgenten verdanke. Erlesene, kostbare a - capella - Musik, die auf der einen Seite ernst, fromm und heilig ist, auf der anderen Seite bisweilen nahezu kecke, überschwengliche Sopran-Verzierungen enthält, bei denen völlig unvermittelt die Vokallinie für kurze Momente in tollsten Kapriolen und jauchzenden Bögen ausbricht, bevor es "brav" und andächtig weitergeht.

      Tolle Musik!
      „Orchester haben keinen eigenen Klang,den macht der Dirigent"
      Herbert von Karajan


      „nicht zehn Prozent meiner Musikleute verstehen so viel von Musik wie diese beiden Buben“.
      Karajan nach einem Gespräch mit den Beatles George Harrison und Ringo Starr.
    • Lieber Boris, das ist echte Spärenmusik. :angel: Eines meiner Lieblingsstücke für Ensemblegesang Angeblich hat Mozart dieses ehedem gehiemgehaltene Stück in Rom gehört und dann aus dem Kopf aufgeschrieben. Ich habe die Noten und kam schon in den höchsten Genuss, dieses Stück mitzusingen. Die Sequenzen wiederholen sich mit wechselndem Text und das was du jauchzende Kapriolen nennst, sind für mich Engelstimmen, die aus de profundis zum paradisum einladen. Die passende Musik zu Dante finde ich. Der 1. Sopran (der geht bis zum c3 also nicht unmöglich für Normalsterbliche die noch ihren Körper besitzen) ist die Inkarnation von Beatrice. Falls du das mal singen kannst,, greife sofort zu, es ist ein unvergessliches Erlebnis. :fee:
      Jede Krankheit ist ein musikalisches Problem und die Heilung eine musikalische Auflösung (Novalis)
    • Die Wege der Tube sind unergründlich. Jedenfalls landete ich über die Automatik hier
      "https://www.youtube.com/watch?v=H3v9unphfi0"
      und war sofort vollauf begeistert.
      Dass dies das berühmte, von Mozart gehörte und wiedergegebene Stück war, habe ich erst jetzt hier im Thread entdeckt.
      Im Link gesungen vom "Tenebrae Choir".

      :wink:

      amamusica
      Ein Blümchen an einem wilden Wegrain, die Schale einer kleinen Muschel am Strand, die Feder eines Vogels -
      all das verkündet dir, daß der Schöpfer ein Künstler ist. (Tertullian)

      ...und immer wieder schaffen es die Menschen auch, Künstler zu sein.
      Nicht zuletzt mit so mancher Musik. Die muß gar nicht immer "große Kunst" sein, um das Herz zu berühren...