Porpora: "Polifemo" - Rokokotheater Schwetzingen, DE 07.12.2012

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    • Porpora: "Polifemo" - Rokokotheater Schwetzingen, DE 07.12.2012

      Nicola Antonio Porpora (1686 in Neapel geboren und nach einem bewegten Leben auch dort im Jahr 1768 gestorben) gehört zu jenen Komponisten, die zu ihrer Zeit berühmt waren, die aber heute nur noch einem kleinen Kreis von Musikfreunden bekannt sind. Möglicherweise ist dem einen oder der anderen der Name des auch als Gesangslehrer tätigen Porpora schon einmal im Zusammenhang mit Farinelli begegnet, den Porpora unterrichtet und gefördert hat oder man hat den Namen Porporas in Händels Lebensgeschichte entdeckt, dessen Konkurrent in London der neapolitanische Komponist ab 1733 war.

      Die beiden Komponisten, Händel, der vom Königshaus unterstützt wurde und Porpora, ein Günstling des Adels, kämpften mit ihren Werken (und mit spektakulären Bestzungen ihrer Stücke) um das Publikum, Porpora im „Haymarket Theatre“ und Händel in „Covent Garden“, bis beide finanziell ruiniert waren. Porpora kehrte 1737 zuerst nach Italien zurück, bevor er später noch in Dresden und Wien tätig wurde. Anfang der 60er Jahre des 18. Jahrhunderts kehrte Porpora endgültig nach Neapel zurück, wo er vermutlich einsam 1768 verstarb.

      Zu den Werken des Nicola Antonio Porpora, der viel Gespür für die menschliche Singstimme hatte und oftmals hochvirtuose Arien komponierte, gehören mehr als 50 Opern, von denen nun im Rahmen des „Winters in Schwetzingen“ als Deutsche Erstaufführung der 1735 in London entstandene „Polifemo“ als Produktion des Theaters Heidelberg gezeigt wurde.

      Der Librettist Paolo Antonio Rolli fügt hier die zwei bekanntesten Geschichten um den einäugigen Riesen der griechischen Mythologie zu einer Story zusammen: jene mit Acis und Galatea und die von Odysseus und Polyphem. Noch dazu montierte Rolli auch die Geschichte von Odysseus und Kalypso und packte das gesamte Personal in das Reich des Riesen.

      Der erste Handlungsstrang verläuft, wie bekannt: der Schäfer Acis liebt die Nymphe Galatea, die allerdings auch vom Riesen Polyphem begehrt wird. Im zweiten kommt Odysseus auf seiner Irrfahrt im Reich Polyphems an und die Göttin Kalypso würde Odysseus gerne für sich gewinnen. Acis warnt Odysseus vor dem Zyklopen, dem aber gelingt es, Odysseus gefangen zu nehmen und Kalypso nutzt die Gunst der Stunde: sie verspricht dem Odysseus die Freiheit, wenn er denn bei ihr, Kalypso, bliebe. Zwischenzeitlich hat der eifersüchtige Polyphem den Nebenbuhler Acis mit einem Felsbrocken erschlagen. Kalypso besorgt den Likör, mit dem Odysseus den Riesen betrunken macht. Galatea blendet Polyphem, aber ihre Trauer um den geliebten Schäfer Acis ist damit nicht beendet. Schliesslich hat Jupiter selbst ein Einsehen und erhebt Acis in den Kreis der Unsterblichen. Die Paare finden zueinander.

      Für die Inszenierung in Schwetzingen war ursprünglich die erfahrene Regisseurin Karoline Gruber vorgesehen, die die Produktion krankheitsbedingt nicht betreuen konnte. An ihrer Stelle zeichnete nun die Regie-Assistentin des Heidelberger Theaters, Clara Kalus, für die szenische Realisation verantwortlich. Unterstützt wurde sie dabei vom Ausstatter Sebastian Hannak.

      Letzterer schuf einen für die kleine Bühne des Rokokotheaters Schwetzingen praktikablen Bühnenraum, der durch verschiebbare Wände und sich öffnende Türen vielfältige, räumliche Möglichkeiten der sich verändernden Szene bot. Die Kostüme bewegen sich in einem modernen Märchenschick, ganz in schwarz mit einer Federkrone der Polifemo, in weiss der Schäfer Aci und Galatea zeigt sich in einem türkisfarbenen Kleid.

      Die Regisseurin Kalus erzählt die Geschichte recht linear, eher ruhig, als aufgeregt und bleibt über weite Strecken in konventionellen Arrangements stecken. Das Überstrapazieren von kleinen Wattewölkchen als szenischem Element, auf dem auch gesessen und geschwebt werden kann, was der Nymphe Galatea, nicht aber dem Menschen Acis, gelingt, sorgt zumindest am Ende für Erheiterung im Publikum, wenn Acis, in seiner Unsterblichkeit vergoldet, die Wölkchen krachend auf dem Erdboden zerschellen lässt.

      Die Personenführung, die tatsächlich sinnhafte Interaktionen eher vermeidet, fällt vor allem dann als unzureichend auf, wenn die Regisseurin zwingender zu inszenieren versteht. Gut gelingt ihr, den Polifemo in seiner Zuneigung zu Galatea als fühlendes Wesen zu zeigen. Die verhältnismässig kleine Rolle des Polifemo ist immer irgendwie präsent, seine Qual und daraus folgend seine Handlungen, sind durchweg nachvollziehbar, sodass am grausamen Ende das Mitleid mit der Figur möglich ist.

      Auch die Einführung der stummen Penelope, der Gattin des Odysseus, hätte mehr Potential gehabt, als Kalus ihr in zwei Szenen zugesteht. Einmal erleben wir Odysseus beim Abschied von seiner Frau, dann noch einmal, als die Geschichte mit Kalypso für Odysseus so langsam ernst wird.

      Am Ende lässt Kalus ihr Personal aus der Handlung heraustreten. Ganz im Bühnenhintergrund blicken sie auf ein verkleinertes Portal des Rokokotheaters, während sie die Schlusstakte des „Dramma per musica“ von Porpora singen.

      Dass der Abend taugt, das Stück Porporas kennen- und seine Musik schätzen zu lernen, soll positiv angemerkt werden.

      Für die Sängerinnen und Sänger des Abends stellen sich zahlreiche Herausforderungen und es ist schön, dass Heidelberg hier die Begegnung mit jungen Stimmen ermöglicht hat, denen zuzuhören, trotz einiger Probleme, Spass gemacht hat.

      Gleich zwei Countertenöre werden benötigt, die an Virtuosität, an Geläufigkeit und an tragfähigen Spitzentönen einiges zu bewältigen haben (bei der Uraufführung hiessen die Sänger dieser Rollen Farinelli und Senesino). Terry Wey als Aci zeigt das ganze Spektrum seiner hellen, beweglichen Stimme mit bemerkenswerter Souveränität und man zittert ein wenig mit ihm, wenn sein Counter in einer grossen Bravourarie an Grenzen gerät. Stark, wie Wey dann am Ende die Sprünge in die tieferen Register bewältigt, das bekommt nicht jeder Sänger so hin. Darstellerisch ist Wey mit seiner jungenhaften Ausstrahlung ein grosser Pluspunkt, wenn es um szenische Glaubwürdigkeit der dargestellten Figur geht.

      Quasi erwachsener wirkt der dunkler timbrierte Countertenor Jakob Huppmann als Ulisse. Auch er wird bis an die Grenzen gefordert und gehört sicher zu den Sängern seines Faches, denen man gerne einmal wieder begegnen möchte.

      Bei den Damen glänzt Rinnath Moriah (Sopran) mit gesanglicher Eloquenz als Galatea, während Tijana Grujic als Calipso einen schlanken, etwas zurückhaltenden Mezzosopran beisteuert. Verkomplettiert wird das Ensemble mit dem hellstimmigen Bariton Haris Andrianos als Polifemo und der Sopranistin Irina Simmers als Nerea, einer Dienerin der Calipso.

      Am Pult des Philharmonischen Orchesters Heidelberg stand Wolfgang Katschner von der „Lautten Compagney“. Katschner setzt auf einen eher zupackenden, dichten Klang, überzeugt aber bei den zurückgenommeneren, lyrischeren Passagen stärker, als im Tutti. Spieltechnisch machen es sich die Violinen z. B. mit kleineren Verzierungen schwer, der Spielfreude des auch mit Hörnern und Trompeten aufwartenden Orchesters, tut die nicht ganz der historisch informierten Praxis folgende Ausführung indes keinen Abbruch.

      Manche Arie an diesem Abend geriet lang, dennoch sind die drei Aufführungsstunden schnell vorüber gegangen und es ist schön, einmal live ein Werk des Nicola Antonio Porpora kennen gelernt zu haben.

      Das Publikum dankte den Mitwirkenden mit starkem Applaus, in den neben den Solist/innen auch der musikalische Leiter des Abends und das Regieteam eingeschlossen wurden.
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