Schostakowitschs Vokalwerke

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    • Schostakowitschs Vokalwerke

      Quasi als Schwesternthread zu "Schostakowitschs Opern" dachte ich mir, mache ich auch diesen auf, der die durchaus zahlreichen, wenn auch weniger bekannten Stücke für Singstimmen bzw. Chor, die NICHT vom Klavier begleitet werden (die Kunstlieder Schostis ergeben evtl. noch einen dritten Faden im dazugehörigen Unterforum) behandeln soll.

      Auflistung der Werke (nach Wiki) :

      Verschiedene Vokalwerke

      Zehn russische Volkslieder für Solostimmen, Chor und Klavier o. op. (1951)
      Antiformalistisches Rajok für Soli, gemischten Chor und Klavier o. op. (1948–57)
      Sieben Romanzen nach Worten von A. Blok für Sopran, Violine, Violoncello und Klavier op. 127 (1967)

      Werke für Singstimme und Orchester

      Sechs Romanzen nach Texten japanischer Dichter op. 21 (1928/31)
      Drei Romanzen nach Puschkin o.op. (Orchesterfassung der Romanzen op. 46)
      Sechs Romanzen nach Versen englischer Dichter op. 62a (Orchesterfassung der Romanzen op. 62; 1942/3)
      Acht englische und amerikanische Volkslieder o. op. (1944)
      Aus der jüdischen Volkspoesie op. 79a (Orchesterfassung des Zyklus op. 79; 1948/63)
      Sechs Romanzen für Bass und Orchester (Orchesterfassung der Romanzen op. 62; 1942/71)
      14. Sinfonie op. 135 für Sopran, Bass, Streichorchester und Schlagzeug (nach Gedichten von García Lorca, Apollinaire, Küchelbecker und Rilke) (1969)
      Sechs Romanzen nach Worten von Marina Zwetajewa op. 143a (Orchesterfassung der Romanzen op. 143; 1973/4)
      Suite nach Worten von Michelangelo op. 145a (Orchesterfassung der Suite op. 145; 1974)

      Werke für Chor und Orchester

      Zwei Fabeln nach Krylow für Alt, Altchor und Orchester op. 4 (1921/2)
      2. Sinfonie H-Dur op. 14 „An den Oktober“ für gemischten Chor und Orchester (1927)
      3. Sinfonie Es-Dur op. 20 „Zum 1. Mai“ für gemischten Chor und Orchester (1929)
      Poem an die Heimat für Soli, Chor und Orchester op. 74 (1947)
      Das Lied von den Wäldern. Oratorium op. 81 (1949)
      Über unserer Heimat strahlt die Sonne. Kantate op. 90 (1952)
      13. Sinfonie b-Moll op. 113 [„Babi Jar“] (nach Gedichten von Jewgeni Jewtuschenko) für Bass, Männerchor und Orchester (1962)
      Die Hinrichtung des Stefan Rasin. Poem op. 119 (1964)

      Werke für Chor a cappella

      Zehn Poeme nach Worten revolutionärer Dichter vom Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts op. 88 (1951)
      Zwei Bearbeitungen russischer Volkslieder op. 104 (1957)
      Die Treue. Acht Balladen nach Versen von Jewgeni Dolmatowski op. 136 (1970)

      Ich kenne bei weitem nicht alle der aufgelisteten Werke, besonders am Herzen liegen mir persönlich :
      - Die Hinrichtung des Stepan Rasin, op. 119

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      diese verhinderte kleine Oper - obwohl es ist ja eigentlich sowas wie die perfekte Kürzestform einer Oper. Ein Vergleich mit Boris Godunow ist zumindest existent, ich habe mich oft daran erinnert gefühlt. Vor allem sehr eingängig, spricht den Hörer unmittelbar an. Die oftmalige Doppelbödigkeit, die Schosti oft bietet, kommt meiner Meinung nach hier nicht vor, aber das gereicht dem Werk nicht zum Nachteil.

      - Suite nach Worten von Michelangelo, op. 145a



      Ich kam ja zu diesen Schostakowitsch-Lieder mehr durch die Textvorlage von Michelangelo, da er einer der von mir am meisten bewundersten bildenden Künstler ist. Seine Gedichte werden ja in zahlreichen Werken über ihn immer wieder zitiert bzw. es gibt sie sogar seperat aufgelegt. Michelangelo, dessen Wesen doch scheinbar eher Düster-Grübelnd war (durchaus mit Hang zum Derben) hat dies in seine Gedichten (mehr als in seinen Bildern und Skulpturen) sehr einfließen lassen, als würde er hier "freie Hand" damit haben, vielleicht auch eine Art Katalysator, aber das soll jetzt kein Exkurs werden. Was mich am meisten erstaunt hat, als ich Schostakowitschs Vertonungen hörte, war, dass Michelangelos Pessimismus, der eher ein etwas misanthropischer war, und Schostakowitsch Pessimismus, den ich wohl eher tiefe Melancholie nennen würde und der als solches immer Mitleiden suggerierte, so gut "zusammenpassen", dass es so homogen klingt. Es macht, finde ich, Michelangelos Worte so gesehen "weicher".

      Wer kennt Vokalwerke von Schostakowitsch? Welche mögt ihr? Und zu allem anderen, was das betrifft, ist dies nun eine Möglichkeit sich zu äußern.
      "Allwissende! Urweltweise!
      Erda! Erda! Ewiges Weib!"
    • Hallo Succubus,

      die Michelangelo-Suite mag ich auch sehr gern. Sehr empfehlenswert ist auch



      mit den Künstlern der Uraufführung (Op. 145). Die Bass-Stimme und das Russisch sind toll. Meine erste CD dazu (Op. 145a) war die von dir genannte Aufnahme. Erst dadurch bin ich zu den Gedichten Michelangelos gekommen, die sehr lohnenswert sind. Es gibt Aussagen, dass Sch. sein Op. 145 als seine 16. Sinfonie betrachtet hat.

      Ähnlich hoch stehen in meiner Wertschätzung der Blok-Zykel und die 14. Sinfonie.



      Zur 14. Sinfonie gibt es natürlich massenhaft gute Aufnahmen. Persönlich mag ich sehr die mit Fischer-Dieskau/Varady/Haitink, da ich die Rilke-Texte sehr beeindruckend finde:



      Meine letzte Entdeckung (erst neulich) ist



      Diese Live-Aufnahme ist zwar relativ zahm, hat aber schöne Stimmen.

      Zu den eher größeren (Chor-) Werken gehören auch die 13. Sinfonie und die Hinrichtung des Stepan Razin. Die 13. gibt es oft mit dem Bass Sergei Alexashkin, der m. E. perfekt zu dem Stück passt. Hier finde ich insgesamt die Aufnahme in der Barschai-Box mit dem WDR am besten gelungen (wenn im ersten Satz nach dem orchestralen Ausbruch und dem gedämpften Männerchor der Bass wieder einsetzt, bekomme ich eine Gänsehaut); die mit Jansons/BR und Fedoseyev/Moskau minimal weniger perfekt.

      maticus
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    • Ulrica schrieb:

      Was ist, bitte ein "Altchor"? Seniorentreffen?

      :wink: :wink:


      So steht es auch auf der Schostakowitsch-Website - gemein ist offensichtlich ein Frauenchor, bei dem nur die Altstimme besetzt ist.

      Liebe Grüße Peter
      .
      Auch fand er aufgeregte Menschen zwar immer sehr lehrreich, aber er hatte dann die Neigung, ein bloßer Zuschauer zu sein, und es kam ihm seltsam vor, selbst mitzuspielen.
      (Hermann Bahr)
    • Das Lied von den Wäldern, Über unsere Heimat strahlt die Sonne und Zehn Poeme nach Worten revolutionärer Dichter
      in einer hervorragenden Interpretation noch aus Sowjetzeiten





      wunderschön! :juhu:

      Sinfonien Nr. 2 und 3
      in der Interpretation von G. Roschdestwensky



      Roschdestwensky liefert eine kraftvolle, energische und äußerst detailreiche Interpretation dieser Sinfonien ab. Dabei gelingt es ihm, die gemeinhin als eher schwach geltenden Chorteile dieser Sinfonien so wiederzugeben, dass sie mit den orchestralen Teilen auf einer Ebene stehen. Meines Erachtens dürfte diese Einspielung eine der besten dieser Sinfoniren sein.

      Viele Grüße
      Spartacus
      Für Monika
    • Die Hinrichtung des Stepan Rasin

      Eben gehört... :juhu:



      Die Aufnahme mit Jurowski (siehe Succubus' Eröffnungsbeitrag) fand ich ja bisher nicht schlecht, aber diese neue Aufnahme verschafft mir an manchen Stellen Gänsehaut. Das Orchester klingt wuchtig und dunkel, ungeschönte Dissonanzen. Auch die Gesangsleistungen sind groß.

      maticus
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    • Noch ein Nachtrag. Ich habe in den letzten Wochen nicht besonders viel Musik gehört, und wenn, dann Mozart Sinfonien und Klavierkonzerte sowie einige Sinfonien von Weinberg (z. B. die vokale Achte). Hat mir alles gut gefallen.

      Als ich aber vor ein paar Tagen die im vorigen Thread genannte Aufnahme von Stenkas Hinrichtung hörte (die von Jurowski hörte ich früher öfter, liegt aber Jahre zurück), wurde mir mal wieder klar, was für ein sauguter Komponist Schostakowitsch war. Das Werk ist einfach extrem mitreißend mit seinen Rhythmen und Klangfarben, und wie gesagt, hier in einer m. E. sehr schönen Aufnahme. Außerdem finde ich auch ganz schön die Finnische Suite (mal losgelöst vom politischen Background).

      maticus
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    • Ich mag diese Aufnahme der 14. Sinfonie sehr gerne. Das hat sicherlich auch mit den historischen Umständen zu tun, denn es handelt sich dabei um die erste Aufführung des Werkes außerhalb Russlands. Sie fand am 14.6.1970 im Rahmen des Aldeburgh Festivals statt mit den Solisten der Uraufführung Galina Wischnewskaja und Mark Reschetin unter der Leitung von Benjamin Britten.


      Außer dieser Aufnahme habe ich noch die unter Kirill Kondrashin mit Yevgenia Tsekowalnik und Yevgeni Nesterenko und die unter Mariss Jansons mit Larissa Gogolewskaja und Sergei Aleksashkin. Aber keine dieser Aufnahmen kommt für mich an die unter Britten heran, die für mich etwas besonderes hat. Ich weiß nicht, ob hier auch das Wissen um die besonderen Umstände der Aufführung eine Rolle spielt, aber auf mich wirkt sie einfach besonders lebendig und intensiv.
    • Leider scheint es die Britten-Aufnahme der 14. Sinfonie nicht mehr im Handel zu geben. Falls doch, für Hinweise wäre ich dankbar. (Aber 220 Euro für eine gebrauchte zahle ich nicht.)

      maticus
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    • Ich fürchte, die Britten-Aufnahme bekommst du nur, wenn du irgendwo noch ein Restexemplar findest oder wenn sie irgendjemand günstig gebraucht anbietet. Ich hatte das Glück, sie vor wenigen Jahren für 10 Euro bei Saturn zu finden. Die gesamte Serie "Britten, the performer" bekommt man leider nicht mehr im Handel, obwohl es sich um hochinteressante Aufnahmen handelt. Eigentlich hätte man sie zum Jubiläum noch einmal neu auflegen können.
    • Die Michelangelo-Suite mag ich sehr. Umso ärgerlicher, dass ich pünktlich zum Konzert in der Elbphilharmonie am letzten Donnerstag krank wurde, so dass ich meine Karte weitergeben musste. Erfreulicherweise wurde das Konzert live im Radio übertragen, so dass ich es nicht ganz verpasst habe, sondern hören und aufzeichnen konnte (es ist auf der Seite von NDR Kultur noch anzuhören).

      Goerne gefällt mir ausgzeichnet, und zwar ausdrücklich auch in der Beherrschung des Russischen (was ein Russe anders bewerten mag). Die Erklärung: Goerne wurde Ende der 60er in Wismar geboren und hatte demzufolge in der DDR lange Russisch-Unterricht - zu unserem Glück. Mir liegen einige Aufnahmen vor (Jurowski/Kotcherga, Abdrazakov/Noseda, Nesterenko/M.Shostakovich sowie für op. 145 Kuznetsov/Servov und Shirley-Quirk/Ashkenazy). In diesem Feld bewegt Goerne sich unter dem Dirigat von Alain Altinoglu, der mir unbekannt ist und in meinen Ohren sehr gut begleitet, auf der verinnerlichten, zurückhaltend-gefühlvollen Seite. Insbesondere Nesterenko, der Uraufführungssänge, singt direkter, härter, manchmal brachialer. Goerne stellt dem eine lyrische, oft weiche und klanglich stärker abschattierte Gestaltung gegenüber, die mir sehr gut gefällt. Im Interview nach dem Konzert (ebenfalls noch anhörbar) informiert Goerne u. a. darüber, dass eine Aufnahme der Suite von ihm erscheinen wird. Ich freue mich darauf und werde sie erwerben.

      Wer sich die Michelangelo-Suite anhören möchte, sollte unbedingt begleitend die Gedichte lesen. Wie stets, gewinnt das Anhören dadurch sehr. Die Lieder sind teilweise recht bedeutungsoffen und lassen gehörigen Interpretationsspielraum. Schostakowitsch komponierte sie kurz vor seinem Tod, als er bereits krank war. So gesehen ist das Hören dieses Werks dem Anhören der bereits von der Krankheit gezeichneten letzten Aufnahmen von Jaqueline du Pre ähnlich: In entsprechender Stimmung hört man den Tod mit. Unter Goerne ist es bei aller Bitterkeit ein versöhnlicher Tod.

      Edit, hier ein link zu der NDR Kultur-Seite sowie einer zum öffentlichen Booklet mit den Texten nebst Übersetzungen:
      ndr.de/ndrkultur/Alain-Altinog…e-Teil-1,audio578326.html
      cso.org/globalassets/pdfsshare…hoenberg_shostakovich.pdf
    • Knulp schrieb:

      Wer sich die Michelangelo-Suite anhören möchte, sollte unbedingt begleitend die Gedichte lesen. Wie stets, gewinnt das Anhören dadurch sehr. Die Lieder sind teilweise recht bedeutungsoffen und lassen gehörigen Interpretationsspielraum. Schostakowitsch komponierte sie kurz vor seinem Tod, als er bereits krank war. So gesehen ist das Hören dieses Werks dem Anhören der bereits von der Krankheit gezeichneten letzten Aufnahmen von Jaqueline du Pre ähnlich: In entsprechender Stimmung hört man den Tod mit.
      Mich haben die Texte von Michelangelo damals (und immer noch) unglaublich beeindruckt. Kaum einer weiss, dass er auch wunderbare Gedichte geschrieben hat.

      Ich war vor nun schon einem Dutzend Jahren von einer Sekunde auf die andere damit konfrontiert, meine Lebensgefährtin beerdigen zu müssen. Die Mitgestaltung der Trauerfeier hatte mir in den Stunden des Schocks noch einen gewissen Halt und Sinn gegeben. Da meine Lebensgefährtin auch ein Schostakowitsch-Fan war, kam mir schnell der Gedanke an diese Suite. Mit der uns beiden aus Antikriegsdemos bekannten Pfarerrin sprach ich über meine Musikvorschläge. Beide Stücke, "Tod" (Nr. 10) und "Unsterblichkeit" (Nr. 11), standen dabei natürlich ganz oben. Beide Texte mag ich, der aus Nr. 11 ist natürlich sehr tröstlich (und Teile davon verwendete ich auch in der Anzeige), und ich habe auch, als Atheist, ein Faible für die (wie ich finde) Ironie der Musik zum Schluss, die Schostakowitsch schon als Kind geschrieben hatte. Das hätte auch meiner Freundin gefallen. Aber ich kam dann mit der Pfarrerin überein, dass rein musikalisch die Nr. 10 besser trägt. Als guten Gedanken (wenn man das so sagen kann) empfand ich auch, dass meine Freundin wohl die einzige gewesen ist/wäre, die unter den Anwesenden die russischen Texte tatsächlich verstanden hätte; sie sprach perfekt russisch. (Die Texte wurden aber auch auf deutsch vorgelesen.) Weitere Musik war Widor (Finale 5. Orgelsinfonie), Satie, Schostakowitsch Blok-Suite Op. 127 (3. "Wir waren zusammen"), Walzer Nr. 2. Passend hätte ich auch die 14. Sinfonie ("Der Tod des Dichters" und "Schlußstück" nach Texten von Rilke) empfunden.

      Seit dieser Zeit hat das Spätwerk, und insbesondere auch das späte Vokalwerk, von Schostakowitsch für mich eine extreme, intime Bedeutung bekommen. Diese todesnahe Musik war lange Zeit mehr Trost als alles andere...

      maticus

      Für Gordana
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