CHRISTINÉ, Henri - Musik, die keineswegs stottert

    Diese Seite verwendet Cookies. Durch die Nutzung unserer Seite erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies setzen. Weitere Informationen

    • CHRISTINÉ, Henri - Musik, die keineswegs stottert

      Für den Fall, dass jemand mal eine originelle Sylvesteroperette sucht, möchte ich wieder einmal einen Uralt-Text ausgraben und etwas aufpolieren, der mir besonders gut in diese halbwegs tollen Tage zu passen scheint.

      Die Rede ist von dem Welschschweizer und späteren Franzosen ehrenhalber Henri Christiné (1867 - 1941), von dem wohl die wenigsten gehört haben, obwohl seine Operetten zu den unterhaltsamsten gehören, welche die Gattung hervorgebracht hat. Allerdings setzt ihr Verständnis einige Sympathie für die französische Sprache voraus, denn Christiné war als Melodiker lange nicht so begabt, wie mancher Ungar, dafür aber um so gewandter in der Adaption antiker Mythen in seine Sprache, womit er direkt bei seinem großen Vorbild Jacques Offenbach anknüpfte. Zwei seiner Werke haben sich, zumindest in Frankreich, bis heute im Repertoire gehalten, nämlich PHI-PHI und DÉDÉ. Dies sind nicht etwa, wie der Titel vermuten lässt, Glrofozoerungen des Stotterns, sondern Kosenamen berühmter Männer, von denen ich mir zunächst einmal den berühmteren, nämlich den griechischen Bildhauer Phidias vornehme, der hier liebevoll von seinen Geliebten Phi-Phi genannt wird. Wer hier an Schoßhunde denkte, liegt nicht ganz so falsch, wie man denken könte.

      .... [Blockierte Grafik: http://ecx.images-amazon.com/images/I/51SdHBqlnkL._SL500_AA280_.jpg]

      Diese hübsche Gesamtaufnahme ist leider, ebenso wie der attraktive Querschnitt mit dem Komiker Bourvil und Georges Guétary, nur im französichen Amazonas zu haben, Letzterer immerhin als Download, aber empfehlenswert sind beide Aufnahmen für jeden, der sich für spritziges französisches Repertoire interessiert.

      Diese herrlich verjuxte und sehr pikante Boulevardoperette Christinés und, nicht zu vergessenen, seiner Librettisten Fabien Solar und Albert Willemetz, die 1918 in Paris uraufgeführt wurde, hat natürlich nichts mit den thailändischen Phi-Phi - Inseln zu tun, sondern mit dem legendären Athener Bildhauer Phidias, der in diesem respektlosen Werk stets als Phi-Phi bezeichnet wird. Sie wird leider viel zu selten und außerhalb Frankreichs so gut wie gar nicht gespielt, und das liegt natürlich nicht nur an dem frechen und ganz und gar nicht staatsfrommen Libretto, sondern auch an der Sprache, deren Gags sich nur bedingt ohne Verluste übertragen lassen. Sie verfährt sie mit den Heiligtümern des Altertums in einer respektlosen Weise, gegen die Offenbachs Travestien der Antike wie ein mildes Lächeln erscheinen. Volker Klotz weist in seinem Standardwerk über die OPERETTE völlig zu Recht darauf hin, dass die Autoren außerdem noch die hehren Stilmittel der Tragödien eines Sophokles, Corneille oder Racine auf die Schippe nehmen, indem sie den antiken Chor in die Bekleidung (soweit vorhanden) einer Schar von Malermodellen stecken, die das Geschehen kommentieren.

      Zu Beginn praktizieren sie einen Verfremdungseffekt, der nicht nur an die an das Publikum gerichteten Kommentare des Puck aus dem Sommernachtstraum erinnert, sondern auch wesentliche Teile des Verfremdungseffekts vorweg nehmen, wie er später mit Brecht assoziiert wurde. Mit dem Voyeurismus des Publikums spielend, führen sie anschaulich Klage darüber, dass die vermeintlich großen Künstler die harte Arbeit ihrer Modelle ausnutzen um sich mit ihnen zu verlustieren und dann auch noch allen Ruhm einheimsen, obwohl sie doch ohne die Reize ihrer Modelle gar nichts zu bieten hätten.

      In diesem Ton geht es weiter. Phi-Phi sucht ein Modell für die Tugend, das es nach den spöttischen Bemerkungen seiner Modelle gar nicht geben kann. Schließlich findet er doch eine, die zwar nicht so unschuldig ist, wie er glaubt, sich gegen seine Annäherungsversuche aber so vehement wehrt, dass Phidias berühmte Statuen der Venus von Milo ihre Arme und die Statue der Nike ihren Kopf verlieren. Schließlich verliert sie aber doch (wieder einmal) ihre Unschuld und zwar mit Phidias. Phi-Phis Frau hat indessen einen strammen Prinzen als Modell für die Liebe gefunden, der ihr so gefällt, dass sie selbst mit ihm nackt Modell für die Skulptur Tugend und Liebe steht. So kommt es zu der in der Frage angesprochenen Schlussszene des zweiten Aktes, die mit Liebe wenig und mit Tugend überhaupt nichts mehr zu tun hat.

      Wie es im dritten Akt weitergeht, mögen die jetzt hoffentlich interessierten Leser selbst herausfinden. Hier sei nur verraten, dass der "Chor" sich am Schluss für die gezeigten Frivolitäten entschuldigt, aber auch betont, dass sich die Dinge seit der Antike so wenig geändert hätten, dass alles nicht von ungefähr so aussieht, als spielte es in der Gegenwart. Wann hatte ein KOmponist schon einmal den Mut, den Ansatz des Regietheaters gleich in sein Stück mit einzubauen?

      Zur Musik ist zu sagen, dass sie sich zu dem Niveau eines Offenbach umgekehrt verhält wie das Buch. Während dieses ziemlich weit über ihn hinaus geht, bleibt die Musik merklich hinter seinen Kompositionen zurück. Sie ist aber immer gefällig und eingängig wie die erfolgreichen Varieténummern ihrer Zeit, und eines ist auffällig: je frivoler das Stück wird, um so charmanter, ja zärtlicher wird die Musik, bis sie schließlich zu einem sehr eigenen Ton gefunden hat, der die Operette auch über ihr freches Buch hinaus zu einem Genuss macht.

      Ein wenig kann man dies in Track 9 dieser leicht greifbaren und sehr empfehlenswerten Samplers französischer Operetten mit Barbara Hendricks und Gino Quilico nachempfinden:


      Wie gesagt: man braucht eine gewisse Offenheit für diesen leichtfüßigen, spezifisch französischen Stil, wenn man dieses Werk wirklich genießen will, denn mit dem, was man in Deutschland für Operette hält, hat sie nur bedingt zu tun. Allerdngs kann man mindestens in den marschmäßigen Ensembles eine gewisse Ähnlichkeit zu den aus dem gleichen Theatermilieu heraus entstandenen Revuenummern eines Paul Lincke (en Francais, naturellement) konstatieren. Aufnahmen gibt es über die genannten hinaus meines Wissens keine, aber wer sich die Mühe machen will, wird bei einiger Affinität zu dem Repertoire mit den o.g. Importen sicher reich entschädigt werden. Ein wenig Französischkenntnis dürften allerdings nicht schaden, wenn man die Aufnahme genießen will, denn PHI-PHI ist eine jener Operetten, die sich nicht nur für ihre gesungenen Texte, sondern auch für ihre Dialoge keineswegs so zu schämen brauchen wie seinerzeit die Darsteller/innen der Entstehungszeit für die gewagten Frivolitäten, die sie vorzutragen hatten.

      Auch vor diesem Hintergrund sei das Werk allen Dramaturgen und Regisseuren ans Herz gelegt, die nicht immer nur lustige Fledermäuse oder Barone aus Varasdin offerieren wollen.

      :wink: Rideamus
      Ein Problem ist eine Chance in Arbeitskleidung