Franz Schubert: Die schöne Müllerin op. 25 D 795

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    • Succubus schrieb:

      Nun gut, ich habe keinen Vergleich, aber Schreier hat mich auf jeden Fall sehr begeistert...wäre demnach anzuraten, mir die Version mit Schiff oder so zu besorgen
      Die Aufnahme mit Olbertz kam für Schreier ziemlich früh. Er hat seine Heransgehenweise dann vertieft. Olbertz kann mit keinem der Pianisten oder Pianofortisten konkurrieren, mit denen Schreier später gesungen hat. Er ist korrekt, aber nicht mehr.
      Alles, wie immer, IMHO.
    • Julius Patzak (1942)

      Ich glaube, diese Aufnahme ist ein Wendepunkt in der Rezeptionsgeschichte der Schönen Müllerin.
      Traditionell empfand man den Zyklus als ein
      Idyll in den wahrsten, wärmsten, weichsten Farben der Seele

      (Friedrich Max Müller, Wilhelms Sohn, 1885).
      Patzak nahm den Zyklus 1942 (oder 1943) im Rahmen der von Michael Raucheisen konzipierten Lied-Edition auf. Er war bereits 44 und hatte bereits eine erfolgreiche Opernkarriere. Vor 1940 kennt man kaum Liedaufnahmen von ihm (ein von Weingartner, 6 von Pfitzner). Er hatte eine schöne Tenorstimme, die er mit Eleganz und Stil führte, aber wenig italienischen Schmelz. Sein Timbre konnte auch eine weinerliche Farbe haben, und zwar mit dem Alter zunehmend, die auch unangenehm-säuerlich werden konnte.

      Den Zyklus nimmt er sehr ernsthaft in Angriff. Das Wandern ist forsch, scharf akzentuiert. Raucheisen am Klavier ist genauso entschieden. Wohin? fängt auch so an, wird aber graduell lyrischer. Patzak flötet sehr schöne p und das Lied endet pp. Etwas Unbekanntes ist im Gange. Die Wiederholungen von "war es also gemeint" in Halt! sind immer weicher im Klang und in der letzten setzt er seinen weinerlichen Ton an (der damals noch nicht systematisch und auch nicht unangenehm war). Man fängt an, die Worte tatsächlich zu verstehen: Hattest su es tatsächlich so mit mir gemeint ?
      Schön lyrisch Danksagung an den Bach, weicher in "wie's immer mag sein". Nichts ist übertrieben, es sind nur leise Vorahnungen.

      Am Feierabend fängt eher gelassen/nachdenklich an. Differenziert die Stimme des Meisters und des Mädchens. Das letzte "merkte meinen treuen Sinn" ist accelerando, das Raucheisen am Klavier weiterträgt. In Der Neugierige zeigt Patzak seine Atemtechnik und seine Farbenpalette. Das zweite "die ganze Welt" wird von ihm und von Raucheisen hervorgehoben. Es geht tatsächlich für den Müllerknaben um die ganze Welt. In der letzten Strophe zeigt er seine Gebrechlichkeit und endet diminuendo.

      Ungeduld ist wieder sehr ernst. Hier wird nicht gespielt, sondern die Leidenschaft steigert sich. In diesem Ernst könnte man fast erste Anzeichen des Wahnsinns vernehmen.
      Guten Morgen fängt non legato an - ungewöhnlich - und wieder vernimmt man die Worte sehr stark, diesmal "verstört dich denn mein Blick so sehr". Hier ist man definitiv nicht in der Idylle, die in diesem Teil des Zyklus oft herrscht. Die Überlegungen Gerhahers wären nicht fehl am Platze. In Des Müllers Blumen hat man wieder die leicht weinerliche Note, aber diesmal ist es legato und mit Atem, Atem, Atem ... Die zweite Strophe ("und schließt sie früh die Äuglein zu ...") ist in Schattierungen von piano ... die Blumen sollen tatsächlich der Müllerin etwas im Schlaf zuflüstern. Tränenregen ist ziemlich langsam, erzählerisch, mit einer sehr deutlichen Aussprache. "Geselle, Geselle, mir nach" wird hervorgehoben. "Ade, ich geh' nach Haus" ist unbekümmert leichtfüßig.

      Mein! ist nicht euphorisch sonder eher träumerisch. Pause ist wieder ernst, fast dramatisch. "umschlungen" ... man ahnt, wen er umschlingen möchte. "Weiß nicht, wie ich's in Reime zwingen soll", leichte Hervorhebung. Im allgemeinen, außer wenn es gewollt dramatisch ist, sind diese Hinweise Patzaks sehr diskret, fast nur angedeutet, aber doch klar.
      Der Jäger ist auch ernst. Hier vermeidet Patzak die Falle der Karikatur. Er hebt nicht den Ton, er bleibt kühl-distanziert, aber endet accelerando.
      Eifersucht und Stolz ist auch nicht melodramatisch, sondern endet eher nostalgisch.

      Bei Die liebe Farbe entlädt sich die bislang verhaltene Aggressivität. Grün, alles grün, fixe Idee, Albtraum, der mich verfolgt. Und diese Liebe, die hat's mir gebracht ! Diese liebe Farbe ist am entferntesten von dem, was man sonst kennt: kein Trauermarsch, sondern eine Obsession, eine Anklage, eine Besessenheit ... die Farbe ist falsch, sonst könnte es clockwork orange sein.
      Die böse Farbe geht weiter: ich möchte fliehen, aber überall ist dieses Grün, das mich verfolgt, mich weißen Mann (und bei dem klitzekleinen Akzent auf "Schnee" versteht man, warum er im Schnee liegen möchte, der Schnee ist ja weiß), das mich erdrückt... Am Ende ist der Entschluß gefaßt. Das Ade ist theatralisch. Es gibt kein Zurück.
      Trockne Blumen wird von jemandem gesungen, der schon beschlossen hat, mit dem Leben ein Ende zu machen. Ernst, nostalgisch am Anfang, in der letzten Strophe mit der Euphorie der Verzweiflung, herausfordernd.

      Der Müller und der Bach fängt langsam, getragen an. Der Müller schaut ruhig ins Jenseits. Der Bach antwortet nicht mit dem üblichen legatissimo. Ja, "du meinst es so gut", es ist gutgemeint, aber dennoch eine Lüge, denn du weißt nicht (das weißt ist hart), wie die Liebe tut. Jetzt singe nur zu - Raucheisens Klavier singt das Nachspiel.
      Des Baches Wiegenlied ist nicht besonders sanft. Patzak ist wieder erzählerisch; der Bach spricht verschiedene Elemente und Personen an. Es ist kein statisch tröstendes Wiegenlied. Und am Ende, "wie ist er so weit" ist kein verschwindendes decrescendo, sondern ein messa di voce: der Ton schwillt an und ab. Ein Hauch Anklage ist drin.

      Patzaks Müllerin habe ich in der Raucheisen-Box. Das Remastering ist miserabel und am Anfang fragt man sich, wie man's aushalten wird. Und dann wird man gepackt.
      Es gibt eine Einzelausgabe bei Preiser

      deren Qualität besser sein könnte.
      Patzak hat die Müllerin ein zweites Mal aufgenommen, 1954 mit Walter Klien, aber es ist schon spät für ihn und Klien traue ich nicht die Kraft Raucheisens zu.

      Ich weiß, daß so eine Beschreibung einer Sezierung gleicht. Diese Aufnahme ist aber keine Anreihung von Einzelelementen. Sie packt den Zuhörer vom Anfang bis zum Ende und beide, Patzak wie Raucheisen, wissen, die Ausdrucksmöglichkeiten, die sie haben (und sie sind extrem vielfältig), wohldosiert einzusetzen. Oft ist es so, daß Patzak die Wörter in ihrer Buchstäblichkeit einfach deutlich macht. Es wirkt nicht aufgesetzt, sondern eine menschliche Tragödie passiert vor unseren Augen. Und da wird auch einem die Ausdruckskraft der Musik Schuberts bewußt.

      Sorry, wieder keine Schubertseligkeit. Aber dafür gibt es genug andere Aufnahmen. Seit dieser Aufnahme allerdings ist das Spektrum breiter geworden.
      (mit der Bitte um Entschuldigung für alle Tippfehler, es ist schon spät und ich werde wohl erst morgen Korrektur lesen können).
      Alles, wie immer, IMHO.
    • Bei Patzak stört mich gelegentlich die ganz leicht unsichere bzw. schwankende Intonation. Ansonsten auf jeden Fall eine spannende Aufnahme. Wunderlich kann ich genießen, wenn ich einfach nur die schönste Tenorstimme hören will, verbunden mit perfekter Aussprache, großartiger Phrasierung und ganz natürlicher Gestaltung. Aber z.B. klingt bei ihm das "So muss ich wieder gehen" aus "Morgengruß" eher wie eine lustige Wanderung als wie ein melancholischer Abschied, für mich ehrlich gesagt völlig daneben. Wieviel mehr Innigkeit und Trauer sind da z.B. bei Fischer-Dieskau (ich habe nur die 1971er Aufnahme mit Gerald Moore) zu hören!

      Christian
      Jeder Eindruck, den man macht, schafft Feinde. Um populär zu bleiben, muss man mittelmäßig sein.
      Oscar Wilde
    • Hier ein weiterer persönlicher Höreindruck:



      Auf seiner 1997 im Hamburger Blue-Noise Tonstudio aufgenommenen CD „An dich hab ich gedacht – Hannes Wader singt Franz Schubert“ (CD Pläne 88807) findet sich auch ein Block mit sieben Liedern aus der „Schönen Müllerin“. Wader singt mit seiner „natürlichen“ Mikrophonstimme, er tut also nicht auf Kunstliedsänger. Insofern vermittelt er schon allein aus dieser Position, ein Wanderer oder Geselle sein zu können. Begleitet wird er vom Arrangeur Ralf Illenberger auf der Gitarre und von Eberhard Weber am Bass, die beide mit größtem Respekt vor dem Original der Musik das für Wader passende Gewand geben. Wader singt „Das Wandern“, „Der Neugierige“, „Wohin?“, „Morgengruß“, „Des Müllers Blumen“, „Der Müller und der Bach“ und „Des Baches Wiegenlied“. Es ist schon eine Isolierung aus dem Gesamtkomplex des Zyklus. Trotzdem lassen sich die Lieder auch ohne die ganze Geschichte mitzudenken hier gut anhören. Waders eigene Schlichtheit, seine Unmittelbarkeit, hat schon was für sich. Ich höre die Lieder gerne so.
      Herzliche Grüße
      AlexanderK
    • Nach Schreier und Wunderlich habe ich nun auch Güra/Schultz angehört (deren Winterreise mir ja sehr gefiel) :



      Und wie bei der Winterreise kann auch hier Güras Stimme allein schon sehr begeistern, für mich liegt er in seinem Ansatz genau zwischen Schreier und Wunderlich, er hat zeitweise die leicht "angetränte" Art Wunderlichs in der Stimme, aber was die Deutlichkeit, die Schlichtheit angeht, ist er ganz bei Schreier. Güras Piano-Innerlichkeit klingt wunderbar rund, wenn mir auch an manchen Stellen seine Aspiration etwas negativ auffällt. Schultz an den Tasten illustriert und unterstreicht die im Text intendierten Stimmungen sehr gelungen. Insgesamt klingt die ganze Aufnahme mir persönlich etwas zu trauernd. Sicher, eine gewisse Melancholie muss sein, aber ein wenig mehr Beschwingtheit in so manchem Lied oder Zeile hätte mir besser gefallen, so wirkt es leider manchmal etwas träge. Das Wechselbad der Gefühle, dass der Müllerbursche meiner Meinung nach durchlebt, wird leicht eingebenet, da geht etwas an Dynamik und auch Dramatik verloren. Daher sind die verhaltenen-lyrischen Lieder eindringlicher als jene, die mehr Schnelligkeit und Energie bedürfen.

      Weiterhin bin ich außerdem, wie schon in meinem anderen Beitrag erwähnt, der Meinung, dass Peter Schreiers Stimme, die ja oft - und nicht immer zu Unrecht - als unsinnlich, knabenchorhaft empfunden wird, für den Müllerburschen in meinem Ohren perfekt klingt...erklären kann ich das allerdings nicht.

      Werde demnächst mal bei FiDi und Moore reinhören.
      "Allwissende! Urweltweise!
      Erda! Erda! Ewiges Weib!"
    • Wohl mein erstes Live-Erlebnis einer Müllerin war mit dem legendären "Wiener" Mozarttenor Anton Dermota,
      der bei seinen Liederabenden meist von seiner Frau begleitet wurde.
      (Und von ihr immer böse Blicke erntete, wenn er wieder einmal einen Texthänger hatte :hide: )
      Die CD scheint nicht lieferbar zu sein, aber Downloads sind vorhanden.



      Liebe Grüße aus Wien, wo sich heute der Winter gemeldet hat.

      pavel


    • Zuerst mal etwas Positives, Uchidas Klavierspiel ist für mich das Highlight dieser Aufnahme, sehr subtil teilweise, aber was hat man schon davon, wenn das Pendant, der Gesang, so überhaupt nicht dazu passt und gefällt. Was wirkt der Herr Bostridge doch maniriert in seinem Singen, dass es fast schon etwas Arrogantes hat. Er macht aus der natürlich wirkenden Geschichte vom unglücklichen Müllerburschen eine Art Künstlichkeit, ein Kreisen um sich selbst, als darum etwas in seinem Kern interpretieren, ich habe das Gefühl es geht ihm dabei immer um Ian Bostridge und sonst niemanden. Ein paar Phrasen gelingen ihm durchaus, aber das ist doch viel zu wenig. Das Tänzelnde, Bewegungsreiche und zugleich Verinnerlichte, Lyrische verkommt zu einer exzentrischen, aufgesetzten Weltschmerz-Attitüde eines jungen Mannes, wenn es denn überhaupt eine echte Dynamik gewinnt.
      Nach meinem Kommentar zur Bostridge-Version der Winterreise mag mein jetziges wirken als hätte ich persönlich etwas gegen Bostridge, was aber nicht stimmt, ich schätze ihn gerade im englischen Repertoire, vor allem Britten, aber bei Schuberts beiden Zyklen stößt seine Herangehensweise mich einfach ab.

      Wie ist das eigentlich, ich habe einmal gelesen, dass mancher der Ansicht ist, nicht-deutschsprachige Sänger und Pianisten, also Nicht-Muttersprachler, hätten immer viel mehr Probleme Schuberts Lieder zu erfassen und wiederzugeben? Meint ihr, dass da was dran ist?

      Oben habe ich erwähnt, ich wolle FiDi und Moore hören, stimmt aber gar nicht, FiDi wird begleitet von Schiff, eine Live-Aufnhame zu finden auf yt
      Nun ja, auf die Gefahr FiDi-Fans zu vergrätzen...im ersten Moment kam ich mir bei ihm verschaukelt vor, soll das wirklich ernst sein? Das erscheint mir wohl das komplette Gegenteil von Natürlichkeit zu sein, er kommt mir auch sehr abseits der Lieder vor, soll heißen, er ist nicht in ihnen, sondern betrachtet sie von außen und dadurch entsteht meiner Meinung nach ein Abstand, der diesem Zyklus so gar nicht bekommt (sicher soll es nicht theatralisch sein, aber auch keine Sezierstunde). Die Betonungen kamen mir seltsam vor und vielfach fehlt mir dadurch nicht nur der innere Schwung, sondern auch auch der große Bogen in den Liedern und Phrasen. Ich bin etwas enttäuscht.

      Hat jemand vielleicht Lust ein paar einzelne Lieder des Zyklus zu analysieren? Vielleicht auch in verschiedenen Interpretationen?
      "Allwissende! Urweltweise!
      Erda! Erda! Ewiges Weib!"
    • Succubus schrieb:

      Wie ist das eigentlich, ich habe einmal gelesen, dass mancher der Ansicht ist, nicht-deutschsprachige Sänger und Pianisten, also Nicht-Muttersprachler, hätten immer viel mehr Probleme Schuberts Lieder zu erfassen und wiederzugeben? Meint ihr, dass da was dran ist?
      Was Pianisten betrifft, so wurden hier bereits András Schiff, Gerald Moore, Dalton Baldwin, Jan Schultsz, Dalton Baldwin, Kristian Bezuidenhout erwähnt. Als Nicht-Muttersprachler, die Schuberts Lieder hervorragend begleitet haben, kann man Benjamin Britten, Graham Johnson, Sviatoslav Richter, Norman Shetler, Irwin Gage, Geoffrey Pearsons ... hinzufügen. Ob sie viel mehr Probleme als Mutterspracher gehabt haben, weiß ich nicht. Die Probleme, die Graham Johnson in seinen Aufsätzen erwähnt, sind eher fingertechnischer Natur und da scheint die Muttersprache keinen großen Einfluß zu haben. Ich habe mal Meisterkurse von Hans Hotter und Dalton Baldwin am Radio verfolgt. Bei Baldwin ging es nicht um Schubert, sondern um Frauenliebe und -leben, aber was er da für Feinheiten im Klaviersatz in Verbindung mit den Gedichten demonstriert hat, war sehr aufschlußreich.

      Was die Sänger betrifft, so komponiert Schubert so nah an der Sprache, daß es nicht reicht, eine gute Übersetzung zu haben, um der Komposition völlig gerecht zu werden. Andererseits zeichnen sich große Liedinterpreten in der Regel durch ihr musikalisches Auffassungsvermögen auf, so daß sie aus der Musik heraus die feinen Einzelheiten vernehmen, die ihnen wegen der Sprachbarriere nicht direkt zugänglich sind. Gérard Souzay ist ein Beispiel, aber auch Margaret Price, Marjana Lipovsek, Lucia Popp, Elly Ameling, Alexander Kipnis, Robert Holl ... sind Sänger, deren Interpretationen nicht am Text vorbeimusiziert sind, ohne daß sie an die Texte philologisch rangegangen wären. Im Falle Peter Pears' -vermutlich - und Ian Bostridges -ganz sicher- kann man davon ausgehen, daß sie sich mit den Texten gründlich auseinandergesetzt haben. Dies gilt auch für Thomas Hampson.

      Seltsamerweise ist das Resultat nicht immer in Kongruenz mit der Methode. Du bist von Bostridge nicht besonders beeindruckt, mich reißt Hampson nicht vom Hocker. Auf der anderen Seite bin ich von Kathleen Battles Schubert Lieder-CD begeistert, und das nicht nur wegen ihrer Stimme, obwohl sie nicht im Rufe steht, Dichtungsexegetin zu sein.
      Alles, wie immer, IMHO.
    • Succubus schrieb:

      Hat jemand vielleicht Lust ein paar einzelne Lieder des Zyklus zu analysieren?
      Für eine gründliche Analyse jedes einzelnen Liedes der Schönen Müllerin kommt man nicht an Schubert. Musik und Lyrik von Thrasybulos G. Georgiades vorbei. Ein unverzichtbares Buch, das leider nur second hand für knappe 900 € beim Partner angeboten wird, aber das man sicher in Bibliotheken und vermutlich online finden kann.
      Alles, wie immer, IMHO.
    • Philbert schrieb:

      mich reißt Hampson nicht vom Hocker.

      Mich auch nicht :D

      Das sich die Sänger durchaus mit dem Text beschäftigt haben, würde ich auch nie in Zweifel ziehen, auch nicht bei Bostridge, aber ich habe bei Nicht-Muttersprachlern oft das Gefühl ihnen würde einfach die natürliche Empfindung für die deutsche Sprachmelodie und-rhythmus , sowie Betonung fehlen...wie gesagt das soll keine Verallgemeinerung sein und das Thema führt eigentlich auch viel zu weit von der Müllerin weg.
      "Allwissende! Urweltweise!
      Erda! Erda! Ewiges Weib!"
    • "Kathleen Battles Schubert Lieder-CD " JA, Kunst kommt von "Können"?! Frau Battle sprach kein Deutsch, hatte aber soviel Kunst-Fertigkeit, mit Levine diese Platte zu machen. Im übrigen kann man mit dem gleichen Dirigenten ihre Deutsch-Fertigkeiten auch im Mozart-Repertoire bewundern. Eine der besten Paminen, die je auf der Bühne standen ( MET).

      So wenig sie als Mensch zu ertragen war ( I survived Battle) so grossartig waren ihre Künste.
    • palestrina schrieb:

      Hallo zusammen!

      Also , um die Aufnahme von J. Kaufmann hatte ich einen großen Bogen gemacht, aber dann habe ich ihn
      Live im Konzert hier in Frankfurt gehört .
      Und dazu kann ich nur sagen es war unbeschreiblich . Habe am Ende da gesessen und wusste garnicht
      was mit mir passiert war es liefen mir die Tränen das Gesicht herunter und ich konnte gar nicht Applaudieren
      !
      Das klingt sehr Sentimental aber ich kannte so etwas noch nicht.

      Seitdem habe ich immer bei allen anderen Aufnahmen die Stimme von J.K. im Ohr.
      Ergreifend und immer Text nahe, mit einer sehr guten Diktion im Ausdruck.

      LG palestrina


      Ganz genauso erging es mir in München. Kaufmanns Interpretation der schönen Müllerin öffnete mir erstmals Ohren und Herz für seine Stimme und für diese Ballade sowieso. Vorher dachte ich mir nur, er ist wunderschön, kann gut spielen, aber seine Stimme ist mir zu belegt. Ich kaufte mir die CD sofort, spielte sie tagelang fast ununterbrochen, rutschte dann aber tatsächlich durch diese Intensität in eine richtig heftige Depression ab und mußte sie dann für längere Zeit verbannen. Seine Winterreise ging ähnlich unter die Haut, aber durch die vielen Hustenarien des Publikums nicht mehr ganz so tief.

      :wink: Ingrid, die die Müllerin gerade wieder aufgelegt hat
    • Hampson spricht (nach meiner Erinnerung an einige Fernsehsendungen in den 1990ern) ausgezeichnet deutsch und seine deutsche Diktion ist meistens ziemlich gut (wenn auch nicht so selbstverständlich und natürlich wie bei den meisten Muttersprachlern) Zwar kenne ich seine schöne Müllerin nicht, aber meine Reaktion auf seine Lieder-Aufnahmen ist ebenfalls eher gemischt. Ich finde die Stimme allein vom timbre her auch nicht besonders schön. Inhaltlich hat er jedoch einige sehr interessante Sachen gemacht wie die Urfassung der Dichterliebe (mit vier später gestrichenen Liedern) oder die frühen Mahler-Lieder in der Berio-Orchestrierung.
      ...a man who refuses to have his own philosophy will not even have the advantages of a brute beast, and be left to his own instincts. He will only have the used-up scraps of somebody else’s philosophy; which the beasts do not have to inherit; hence their happiness. Men have always one of two things: either a complete and conscious philosophy or the unconscious acceptance of the broken bits of some incomplete and shattered and often discredited philosophy. (G. K. Chesterton)
    • Zur Müllerin von Kaufmann...da kenne ich nicht den gesamten Zyklus und werde mich deshalb auch nicht ausufernd dazu äußern, bis ich vielleicht irgendwann einmal die komplette Aufnahme gehört habe, aber bei den paar Liedern, die ich kenne fiel mir zuerst einmal, als bekannterweise Kaufmann-Skeptikerin, auf, dass er mir grundsätzlich insgesamt sehr gut gefiel, viel besser als in vielen Opernrollen, die ich so kenne. Letztlich ist der Opernsänger aber doch reichlich zu hören, vor allem in den eher dramatischen, forschen Liedern, hat Kaufmann schon, nun ich nenne es mal "Siegmund-Faktor" und das finde ich gar nicht mal so schlecht, hat definitiv seinen Reiz, aber in vielen lyrischen Passagen ist für mich wieder ein Problem erkennbar, dass er grundsätzlich hat, nämlich das er in der Höhe sehr hauchig, kloßig wird, was meiner Meinung nach den "leichten" Liedern einen gewissen Zauber nimmt.
      Was die Natürlichkeit angeht, empfinde ich Kaufmann allerdings auch sehr positiv, ich "glaube" ihm schon.

      Ich höre nun diese grad erworbene, auch wenn mir davon abgeraten wurde :D , ich mag die Aufnahme, die Passagen aus der Schiff-Version, haben mich noch nicht so gepackt :



      Ich bin einfach so verliebt in Schreiers "Mein!" und "Die böse Farbe" in dieser Version :love:

      Kann denn wirklich niemand etwas zur Gitarren-Version sagen?
      "Allwissende! Urweltweise!
      Erda! Erda! Ewiges Weib!"
    • Succubus schrieb:

      Kann denn wirklich niemand etwas zur Gitarren-Version sagen?
      Ich habe sie vor ca 25 Jahren erworben, ein paar Mal gehört und zur Kenntnis genommen. Schön gesugen ist sie, die Gitarrenbegleitung fand ich hübsch aber ich habe die LP dann ruhien lassen. Ich muß gestehn, daß ich der totale Gitarren-Laie war - und geblieben bin. Und Schreiers Aufnahme mit Hammerklavier hat sich bei mir durchgesetzt.
      Alles, wie immer, IMHO.
    • Philbert schrieb:

      Succubus schrieb:

      Kann denn wirklich niemand etwas zur Gitarren-Version sagen?
      Ich habe sie vor ca 25 Jahren erworben, ein paar Mal gehört und zur Kenntnis genommen. Schön gesugen ist sie, die Gitarrenbegleitung fand ich hübsch aber ich habe die LP dann ruhien lassen. Ich muß gestehn, daß ich der totale Gitarren-Laie war - und geblieben bin. Und Schreiers Aufnahme mit Hammerklavier hat sich bei mir durchgesetzt.


      Als Drittversion finde ich sie sehr interessant, also für Schubertliebhaber auf jeden Fall anschaffenswert. Mein Problem: die Gitarre (auch wenn sie wie in der Wader-Version verstärkt ist) kann nicht die Aussage- und Nuancierungsfähigkeit eines Klaviers ersetzen. Es ist aber nun mal kein begleiteter Gesang, es sind Klavierlieder. Und da ziehe ich auch einen Flügel vor, auf dem man den Klavierpart mit allen Farben und Schatten ausformulieren kann.

      Die Gitarrenversion hat ihre Berechtigung, weil der Zyklus auch so aufgeführt wurde oder werden konnte. Das komplizierte Gleichgewicht verschiebt sich dann mE ins Vokale. Als Alternative also interessant.

      Liebe Grüße Peter
      .
      Auch fand er aufgeregte Menschen zwar immer sehr lehrreich, aber er hatte dann die Neigung, ein bloßer Zuschauer zu sein, und es kam ihm seltsam vor, selbst mitzuspielen.
      (Hermann Bahr)
    • Nun, manchem mag es gleich sein, wie Schubert Müller interpretiert hat. Immerhin hat er sich mit seinen Texten direkt auseinandergesetzt, im Unterschied zu Gounod, der nicht Goethes Faust vertont hat. Zu wissen, was Schubert gelesen hat und was er daraus gemacht hat, kann helfen, ein paar Clichés kritisch zu betrachten.

      Der Müller als Naturbursche z.B. Eigentlich ist es eine künstliche Schöpfung, eine Rousseauistische Vision ind er Bearbeitung der Romantik. Ein Müllerjunge, der mit einer Laute (!) um den Hals durch die Gegend wandert und Lieder improvisiert ("weiß nicht, wie ich's in Reime zwingen soll") ist ziemlich an der Realität vorbei und daswußten die Berliner Salonisten auch. Ihr Liederspiel war virtuelle Realität. Inseinem Prolog drückt es sich bei Müller so aus:
      Im Freien geht die freie Handlung vor,
      In reiner Luft, weit von der Städte Tor
      […]
      Auch ist dafür die Szene reich geziert,
      Mit grünem Sammet unten tapeziert,
      Der ist mit tausend Blumen bunt gestickt,
      Und Weg und Steg darüber ausgedrückt.
      Dies angenommen, bekommt sowohl die Dichtung als auch die Musik eine besondere Tiefe. Der Müller als Persona hat eine symbolische Bedeutung. Müllers ironische Distanzierung ist auch als
      Hinweis darauf zu interpretieren, daß der „junge blonde Müllersknecht“ eine Projektionsfläche ist. Interpretatorisch gibt es dem Sänger Freiraum, zumal Schubert kunstvoll mit demVolkslied spielt und dies gleich am Anfang.
      Das Wandern
      hört sich noch wie ein Volkslied an – strophisch, mit typischen Wortwiederholungen und Jodel-Anklängen-, ist aber ein vorgetäuschtes. Im Anschluß kommt Wohin? , das den Zuhörer sofort vereinnahmt aber vom Volkslied denkbar entfernt ist. Hier zerstört Schubert die Illusion des dichtenden Wanderburschen, macht es aber sehr geschickt, da Wohin? der totale Ohrwurm ist. Wir mögen noch daran glauben, wissen aber wie die Leser von Müllers Prolog, daß sie inszeniert ist.

      Mit dem Müllerburschen als Projektionsfläche war es naheliegend, Schubert mit ihm zu identifizieren. Dazu paßte es sehr gut zum Schwammerl-Klischee: Schubert als eine Art Naturtalent, der wunderschöne Melodien produziert, ohne selber groß zu wissen warum, ein Halbgebildeter mit der Gnade der göttlichen Eingebung, der liedersingend durch unglückliche Liebschaften und weinselige Freundschaften schlafwandelt. Gipfel davon ist Marcel Pagnols Film La Belle Meunière mit Tino Rossi als Schubert/Müller.

      Graham Johnson hat dies im Booklet seiner Hyperion-Müllerin mit Ian Bostridge aus einem anderen Blickwinkel thematisiert:
      If we were to believe that this young man has committed suicide only because a girl he fancies has gone off with someone else, we should be diminishing the importance of this cycle. The composer’s agenda here is surely infinitely deeper. The work is a lament both for what Schubert has lost and what he will never attain; it is a salute to all those who fail to live up to what is expected of them, particularly in terms of the stereotypes of manliness and heroism. [...] In this respect the young miller is an anti-hero; it is a compassionate portrait of a ‘loser’ and a reminder that those who make nothing of their lives are often those who are are simultaneously enriched and damned by a poetic nature which cannot face the everyday world. [...]
      In writing Die schöne Müllerin the composer was in effect his own psychiatrist: he worked through his own problems by transferring his disappointments and grief on to the shoulders of the young miller.
      Zuviel reingedichtet? Vielleicht. Man hat verschiedentlich die Gleichzeitigkeit von Schuberts Erkrankung und Krankenhausaufenthalt und der Komposition des Zyklus thematisiert. Johnson verliert sich meiner Meinung nach zu sehr in Vermutungen über die Umstände der Erkrankung usw. Auf der anderen Seite, wenn man die Worte "verstört dich denn mein Blick so sehr" hört und denkt, zu der Zeit hatte Schubert kräftigen Hautausschlag und glatt rasierten Schädel, wird einem ziemlich unbehagen.

      Diese Passage aus Morgengruß läßt auch den Müllerburschen als einen Ausgeschlossenen interpretieren. Den ersten Hinweis darauf gibt uns Schubert in Am Feierabend. Er ist es nämlich, und nicht Müller, der Allen eine gute Nacht unterstreicht und die erste Strophe mit ihren mehrfachen ich's wiederholen läßt. Ich, der Müllerbursche, gegen alle, buchstäblich. Die Gründe für das Ausgeschlossensein werden nicht erklärt und sind im Grunde unwichtig - die zweite Feierabend-Strophe : Ach, wie ist mein Arm so schwach... ist zwischen der ersten, die am Ende wiederholt wird, und der dritten, verlangsamten: Und da sitz' ich in der großen Runde... unterbelichtet und der Fokus wird dort gerade auf die große Runde gesetzt.


      Dies macht auch die immerwährende Aktualität der Schönen Müllerin: die Geschichte wird als Parabel verstanden. Wassermühlen sind von unserem Alltag verschwunden, Wanderburschen auch, aber jeder kann sich seine Art vom Ausschluß aus der Gesellschaft ausdenken. Wie die Interpreten es deuten, steht auf einem anderen Blatt.
      Alles, wie immer, IMHO.
    • Philbert schrieb:

      Der Müller als Naturbursche z.B. Eigentlich ist es eine künstliche Schöpfung, eine Rousseauistische Vision ind er Bearbeitung der Romantik. Ein Müllerjunge, der mit einer Laute (!) um den Hals

      Ich habe den Müllerburschen nie als Naturburschen gesehen, meiner Meinung nach wäre so eine Herangehensweise des Interpreten an den Zyklus immer irgendwie fehl (aus nämlichen Grund kann ich auch mit der Version von Herman Prey überhaupt nichts anfangen). Deswegen finde ich zB das von Philbert eingestellte Zitat von Graham Johnson äußerst meiner Auffasung entsprechend, nicht wegen der Intension den Müllerbursche und Schubert gleich zu setzen (da gehe ich auch nicht unbedingt mit), aber der Auffasung, dass der Bursche eine Art Anti-Held ist, einer dieser Tüchtigen im Formalen, die aber lebensuntüchtig sind, ein Schwarmgeist und ein bisschen Weltschmerzler, mit reichem Innenleben, das sich mit der Realität oft nicht verträgt, auch ein nicht erwachsen Gewordener, einer sich an die Profanität des Lebens reibt. So finde ich auch den Satz, dass der Bursche sich keinesfalls "nur" wegen der verschmähten Liebe zur Müllerin umbringt aus meiner Sicht richtig. Wäre übrigens auch zu fragen, ob von seiten der Müllerin denn wirklich einmal Interesse bestand oder der Bursche sich nur sehr dareingesteigert hat und ihre Haltung überinterpretiert hat.

      Philbert schrieb:

      wenn man die Worte "verstört dich denn mein Blick so sehr" hört und denkt, zu der Zeit hatte Schubert kräftigen Hautausschlag und glatt rasierten Schädel, wird einem ziemlich unbehagen.

      Zerstört ja meine ganzen Vorstellungen :faint:
      "Allwissende! Urweltweise!
      Erda! Erda! Ewiges Weib!"
    • Philbert schrieb:

      Diese Passage aus Morgengruß läßt auch den Müllerburschen als einen Ausgeschlossenen interpretieren.


      Der Müllerbursche als Ausgeschlossener, letztlich auch von der Müllerstochter Verratener oder jedenfalls sich auch von ihr als verraten Sehender, das zieht sich doch weitgehend durch den ganzen Text Müllers. Auch wenn Schubert die (selbst-)ironische Dimension der Textgrundlage des "Griechen-Müllers" sehr zurücknimmt, diese Ausgeschlossenheit auch von heiler Volksliedwelt, die nicht mehr gelingen kann, das finde ich schon auch in Schuberts Musik wieder. Insofern kann ich mit Prey oder Wunderlich hier auch wenig anfangen.

      Eine sehr spezielle Interpretation der Ausgeschlossenheit, die, der die Müllerstochter liebenden Frau, die sogar über weite Stellen des Textes, wenn auch nicht alle, erstaunlich gut funktioniert, legt hingegen die Interpretation von Brigitte Fassbaender nahe, die ich insgesamt sehr gelungen finde. Auch Aribert Reimanns Klavierstimme finde ich besonders subtil, ähnlich wie von Mitsuko Uchida, zu der Bostridge leider eher den spätviktorianischen Dandy abgibt. Sicherlich, auch der kann ein Ausgeschlossener sein, wie Oscar Wilde, aber das erscheint mir dann doch als übergroße Milieuverfremdung/Kontextverschiebung, obwohl ich Bostridges Stimme eigentlich mag.



      :wink: Matthias
    • Als einer der Wenigen hier, die sich mit diesem Zyklus singend auseinander gesetzt haben, möchte ich mich bei Allen bedanken, die sich in diesem interessanten Faden mit dem Werk befassen und mir so neue, tiefere Erkenntnisse beschert haben ! Das ist zwar insofern zu spät, als ich meine Konzertaktivitäten eingestellt habe, andererseits jedoch einige hinzu gewonnenen Einsichten an meine Schüler weitergeben kann. Hier gilt mein besonderer Dank Philbert und Alexander. Die Müllerin ist . E. schwieriger zu interpretieren als die Winterreise, weil sie fast zur Hälfte aus Strophernliedern besteht, die für jeden Sänger eine zusätzliche Herausforderung darstellen . Verliert er z. B. in Nr. 20 ( 7 Strophen ) Konzentration und Innenspannung, fragt ( sich ) der Zuhörer : Oh Gott, noch eine Strophe, statt : Schade, leider schon vorüber...Hinzu kommt die Angst vor dem Auslassen oder Verwechseln, was wiederum den Pianisten vor kaum lösbare Aufgaben stellt. Wie entspannt lässt sich dagegen die Winterreise mit ihren fat gänzlich durchkomponierten Liedern interpretieren.
      Übrigens : Wer schon mal zur Nr. 1 der Müllerin ( Das Wandern ) zu wandern versucht hat, dürfte es resignierend aufgegeben haben.

      Ciao. Gioachino
      miniminiDIFIDI