Händel: Welche Opern „muss“ man haben?

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    • Händel: Welche Opern „muss“ man haben?

      Was tut man, wenn man beschlossen hat, „endlich“ auch mal die Aufnahme eine Händel-Oper zu kaufen: Man verschafft sich einen Überblick, in der Hoffnung, hinterher so klar zu sehen, dass sich ein Werk herauskristallisiert, bei dem man „nichts falsch“ macht.

      Erst mal ein bisschen Statistik:

      Die vermutlich umfangreichste Opernführer-Reihe im deutschsprachigen Raum (Pahlen: Opern der Welt) umfasst immerhin 45 Bände, aber von Händel ist nichts dabei.

      Noch größer (und besser) ist 'http://www.asopera.fr']L‘Avant-Scène Opéra' auf französisch, diese Reihe umfasst satte 211 Titel, davon 9 von Händel:
      Agrippina (1709, Venedig)
      Rinaldo (1711, London)
      Giulio Cesare (1724, London)
      Orlando (1733, London)
      Ariodante (1735, London)
      Alcina (1735, London)
      Semele (Oratorium, 1744, London)
      Hercules (Oratorium, 1745, London)
      Belshazzar (Oratorium, 1745, London)

      Darunter also 6 Opern.

      Wikipedia-Artikel gibt es zu über 40 Händel-Opern, das ist schon wieder zu viel des Guten.

      Capriccio ist übersichtlicher:
      Alcina
      Ariodante
      Giulio Cesare
      Orlando

      Operabase sagt, was aufgeführt wird. Es ist sozusagen das Sprachrohr der Intendanten. Und da werden von 2011 bis 2013 satte 20 verschiedene Händel-Opern gelistet. Den Schwerpunkt bilden aber eindeutig die oben unter „L‘Avant-Scène Opéra“ genannten: Agrippina (8), Alcina (8), Ariodante (7), Giulio Cesare (16), Orlando (8), Rinaldo (11), dazu noch Serse (10). Die Zahlen in Klammern beziehen sich auf die szenischen Aufführungen (d.h. konzertante sind nicht gezählt).

      Werfen wir noch einen unsystematischen Blick auf Amazon. Da laufen vor allem:
      Giulio Cesare (mehrfach)
      Ariodante
      Alcina
      Orlando
      Rinaldo

      Die Sache scheint also auf Giulio Cesare hinauszulaufen. Darüber hinaus könnte die Liste von „L‘Avant-Scène Opéra“ ganz brauchbar zu sein.

      Bei Alcina, Orlando und Rinaldo wäre ein Haydn-Vergleich möglich (Orlando Paladino bzw. Armida)...

      Ich bin allerdings ein blutiger Händel-Laie. Interessant wäre nun die Einschätzung der Händel-Kenner.


      Thomas
    • Weites Feld...ein sehr weites Feld...

      Ich habe es auch noch nicht ausführlich abgrasen können, aber einige Sachen kann ich schon nennen.



      Zum Ersten
      es gibt eine komplette Diskographie aller Einspielungen sämtlicher Händel-Opern, diese hier:

      "http://www.operadis-opera-discography.org.uk/CLORHAND.HTM"

      dort ist alles aufgelistet, was jemals irgendwo in der Welt veräußert worden ist.



      Zum Zweiten
      es gibt ja schon einige Threads bei uns zu:

      Acis and Galatea (1718)
      Giulio Cesare in Egitto (1724)
      Orlando (1733)
      Alcina (1735)
      Ariodante (1735)

      Händel und die Oper Seria

      Allerdings ist das noch ausbaufähig.



      Zum Dritten
      Ich denke, ein guter Start wäre mit Giulio Cesare schon gemacht - da würde ich zu Jacobs 1991 tendieren:



      Oder Minkowski von 2003:




      Als Weiteres empfehle ich Acis and Galatea, speziell die Einspielung von Eric Milnes:





      Ich finde, man kann sich bei Händel durchaus ins kalte Wasser werfen - wenn einem zwei oder drei seiner Opern nicht ansprechen, ist eh Hopfen und Malz verloren... ;(

      Allerdings: es sollten Einspielungen in der Originalsprache sein - mit z.B. Rudels 1967er Julius Caesar (in Englisch) tut man sich keinen Gefallen... :thumbdown:


      jd ;+)
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    • Giuilo Cesare in Egitto ist sicher nicht der schlechteste Einstieg. Barockopern sind (meistens) lang und für die meisten Hörer etwas gewöhnungsbedürftig, obendrein gibt es (aus guten Gründen) die Sänger nicht mehr, die eine ihrer Hauptattraktionen darstellten. Etwas kürzer und mit mindestens drei "Superhits" (Cara sposa, Lascia ch'io pianga und Or la tromba) wäre Rinaldo, Händels Londoner Debüt, ebenfalls eine gute Option.

      Außer den schon fett gedruckten gehören Rodelinda und Tamerlano noch zu den bekannteren und regelmäßig produzierten Händel-Opern. Zunehmend werden ja auch Oratorien szenisch gegeben. Allerdings sind Hercules und Semele tatsächlich weit eher englische Opern (sie wurden als "musical drama" o.ä.) bezeichnet als Oratorien.
      ...a man who refuses to have his own philosophy will not even have the advantages of a brute beast, and be left to his own instincts. He will only have the used-up scraps of somebody else’s philosophy; which the beasts do not have to inherit; hence their happiness. Men have always one of two things: either a complete and conscious philosophy or the unconscious acceptance of the broken bits of some incomplete and shattered and often discredited philosophy. (G. K. Chesterton)
    • Vielleicht kann man sich initial auch daran orientieren, welche Einspielungen herausragend sind. Obwohl ich Tristan lieber mag als Tannhäuser, würde ich einen drittklassig besetzten Tristan vermutlich todlangweilig finden. Da kann der Tristan so musikwissenschaftlich bedeutend sein, wie er will: An einem hervorragend besetzten Tannhäuser hätte ich wohl mehr Vergnügen.

      Darum schlage ich neben dem bereits genannten "Giulio Cesare" unter Jacobs noch den vom murrenden Kater genannten Rinaldo vor, und zwar in der leider teuren Einspielung mt Cecilia Bartoli, David Daniels, Gerald Finley, Luba Organosova, Bernarda Fink und der Academy of Ancient Music unter Christopher Hogwood:



      Wenn man das nicht mag, wäre es zu überlegen, seine sauer verdienten Euronen vielleicht in andere Themengebiete zu investieren.

      Gruß
      MB

      :wink:
      Un homme d'esprit est perdu s'il ne joint pas à l'esprit l'énergie de caractère. Quand on a la lanterne de Diogène, il faut avoir son bâton. (Nicolas-Sébastien de Chamfort)
    • Mauerblümchen schrieb:


      Wenn man das nicht mag, wäre es zu überlegen, seine sauer verdienten Euronen vielleicht in andere Themengebiete zu investieren.

      Gruß
      MB

      :wink:
      Ich würde dem zustmmen, aber trotzdem noch einen anderen Ansatz vorschlagen, denn ich habe dasselbe Problem mit den schier endlosen Ariensequenzen (so schön sie auch immer sein mögen) bei Händel, die mir regelmäßig den Ausstieg vor dem Ende nahe legen, weil ich einfach nicht mehr aufnahmefähig bin, obwohl viele Aufnahmen durchaus fähig gestaltet sind.

      Deswegen ist es meine Erfahrung, dass eine gute Inszenierung auf DVD enorm hilft, diese "Eintönigkeit" zu überbrücken. Vor diesem HIntergrund habe ich drei Empfehlungen von zwei Opern. Da ist natürlich der naheliegende GIULIO CESARE, und zwar die schon zu Recht empfohlene Inszenierung David MacVicars von Glyndebourne 2005



      und die von Laurent pelly und der Dirigentin Emmanuelle Haim mit einer furiosen Natalie Dessay, die allein hiermit schon großen Nachruhm begründet oder gefestigt hätte:



      Meine allererste Empfehlung gilt allerdings William Christies Zürcher SEMELE mit Cecilia Bartoli in der enorm unterhaltsamen Regie Robert Carsens, die zudem mit zwei Scheiben noch berückend preiswert ist:



      Das ist zwar nominell keine Oper, aber da wird inzwischen mit Recht kaum unterschieden, und in dieser vergnüglichen Inszenierung merkt man das ohnehin nicht.

      :wink: Rideamus
      Ein Problem ist eine Chance in Arbeitskleidung
    • Einige weitere Tipps

      Hallo zusammen,

      Da ich hier vielleicht einfach etwas mehr Opern gehört habe als in anderen Bereichen, wage ich hier einmal einige zusätzliche Empfehlungen zu den bei Ecclitico genannten Klassikern des Händel‘schen Opernrepertoires:

      Wenn man Agrippina, Alcina, Ariodante, Giulio Cesare, Orlando, Rinaldo, Serse zum ersten Herantasten heranzieht, macht man sicher nichts falsch. Vielleicht sollte man sich im Klaren sein, dass zum Annähern auch bei einer Barockoper ‚gestattet‘ ist, sie als „Konzerte“ für sehr gute Sänger anzuschauen und sich z.B. nur an einen Akt oder nur einzelne Arien einer Opernfigur heranzuwagen. Zum anderen sind die Stücke sehr unterschiedlich: Giulio Cesare ist eine sehr heroische Oper mit einem gleichbleibend hohen ‚staatstragenden‘ Ton, Orlando hat neben der ‚Wahnsinns-Figur‘ der Titelrolle tatsächlich bukolische Personen (z.B. Dalinda). Je nachdem, was man in der Musik sucht, lohnt es sich also, unterschiedliche Opern anzusteuern ….

      Serse hat mit der Dienerfigur Elviro eine sehr komische Figur, auch der Titelheld wird hier viel weniger als tragische Figur geschildert als der Giulio Cesare.

      Als intensive Schnupperangebote einfach mal den gesamten 2.Akt des Ariodante oder des Orlando oder den 3. Akt des Giulio Cesare zu hören, ist sicher sehr lohnend, hier bekommt man einen Eindruck, wie unterschiedliche Charaktere und Ariensituationen geboten werden.

      Wenn ich noch Tipps zu weiteren Opern abgeben darf, dann würde ich an erster Stelle Tamerlano und Rodelinda nennen, die mit Sicherheit zur ersten Garde an Opern gehören. Tamerlano hat mit seiner unvergleichlichen Dramatik im 3. Akt nichts, aber auch gar nichts mehr mit sonstiger Barockoper zu tun, hier benötigt man aber einen wirklich herausragenden Tenor. Rodelinda ist ein ausgefallenes Stück, weil die Oper bis in die Mitte des 3. Aktes ausschließlich in Moll gehalten ist, eine viel intimere und persönlichere Musik enthält als Giulio Cesare.

      Opern mit sehr schöner Musik, aber ohne ausgefallenere Spezialitäten sind (in zeitlicher Reihenfolge) z.B. Radamisto (ziemlich düsteres Stück), Floridante, Ottone, Riccardo Primo, Tolomeo, Partenope (ziemlich komisch!), Arianna in Creta, Atalanta (wiederum eher komisch), Giustino, Deidamia. Die von mir nicht genannten restlichen Stücke habe ich mittlerweile auch fast alle – zumeist live in Göttingen – gehört, sie sind alle nicht uninteressant, haben aber deutlich weniger Anhaltspunkte für den modernen Zuhörer. Dieses Jahr Pfingsten schließe ich mit dem Siroe eine weitere Kenntnislücke, ich bin sehr gespannt.

      Ich hoffe, das hilft schon einmal weiter ….

      Gruß Benno
    • Hallo,

      zu empfehlen wäre noch folgende Einspielung:



      Eine komisch-tragisch, satirisch angelegte Oper, welche trotz 3 Akten relativ kurz ist (2 CD). Sie gehört zwar nicht zu den sonderlich erfolgreichen Opern Händels, aber die Einspielung unter R. Jacobs ist sehr gut.

      Bis dann.
    • Als grosser Händelopern -Fan empfehle ich für Einsteiger Giulio Cesare, Alcina und Orlando. Allein um der Eingängikeit und Ohrwurmqualitât der Musik willen und der guten Aufnahmen die es davon inzwischen gibt.
      Wie schon gesagt wurde, sind die Opern in der Regel sehr lang und man muss sich darauf einstellen, dass es über 3 Stunden eine da Capo Arie nach der Anderen gibt. Wer per se keine Barockmusik leiden kann hat da schlechte Karten. Der grosse Vorteil beim Giulio Cesare sind die Anreihung von Ohrschmeichlern und Ohrwürmern- bei soviel Schönheit und genialen Melodien hat Langeweile wenig Platz es sei denn es wird schlecht gesungen- das ist dann genauso unerträglich wie beim Belcanto. Händel steht und fällt mit den Stimmen, denn er hat für Stimmen komponiert. Und es gibt heute gottseidank viele gute adäquate Besetzungen, die eine Händel-Oper zum Vergnügen machen. Und seit geraumer Zeit gibt es auch interessante und koherente Inszenierungen. Ich sitze hier ja an einer Händel Quelle mit Emmanuelle Haïm als eine der derzeit führenden Spezialistinnen und Rideamus hat oben bereits den Giulio Cesare von Pelly und McVivar Vorgestellt sdie ich auch sofort zum Einstieg empfehlen würde. Von der Alcina gibt es eine wunderschône CD mit SusanGraham, Renée Fleming und Natalie Dessay- Belcantisten kommen hier voll auf ihre Kosten.


      Mir hat auch die gegen den Strich gebürstete Theodora von Peter Sellars aus Glyndebourne mit Dawn Upshaw in der Titelrolle sehr gut gefallen, wobei Theodora schon eher etwas für Händelliebhaber ist, die Ohrwürmer sind da etwas rarer gesât und die Thematik ist schwierig.


      Für mich ist Händel jedenfalls einer meiner liebsten opernkomponisten udn ausser bei einer sterbenslangweiligen Inszenierung des Tamerlano mit viel zu viel quakenden sehr mittelmâssigen Counterstimmen hab ich mich bei Händel noch nie gelangweilt. Sein Reichtum an Melodien ist unglaublich und er war nicht nur Melodiker sondern hatte auch ein gutes dramatisches Gespûr fûr den notwendigen Wechsel an elgischen und virtuosen Stücken. Seine Popularitât war kein Zufall- der Mann verstand seine Kunst ganz und gar. :fee:
      Jede Krankheit ist ein musikalisches Problem und die Heilung eine musikalische Auflösung (Novalis)
    • hüstel:
      Admeto gäb's auch noch. In der Insenierung in Halle sehr amüsant, obwohl der Stoff an sich (=> Alceste) eher düster wäre...

      viele Grüße

      Bustopher


      Wenn ein Kopf und ein Buch zusammenstoßen und es klingt hohl, ist denn das allemal im Buche?
      Georg Christoph Lichtenberg, Sudelbücher, Heft D (399)
    • Händel: Welche Opern „muss“ man haben?
      Was tut man, wenn man beschlossen hat, „endlich“ auch mal die Aufnahme eine Händel-Oper zu kaufen: Man verschafft sich einen Überblick, in der Hoffnung, hinterher so klar zu sehen, dass sich ein Werk herauskristallisiert, bei dem man „nichts falsch“ macht.

      Hallo Ecclitico,

      ich hatte in dieser Woche ja schon ein paar Ideen aus der Erfahrungen eines seit bald dreißig Jahren regelmäßigen Händel-Hörers einfließen lassen.

      Ich will das hier noch etwas vertiefen: Bei Händel gibt es so viel unterschiedliche Operntypen wie bei Mozart oder Haydn: nicht alles will staatstragend sei, er kann ganz unironische und sehr ironische Opern. Man müsste für eine gute Beratung sicher wissen, worauf Du bei Opern sonst so stehst: Erotik spielt bei einer Barockoper sicher eine weniger wichtige Rolle als in Così fan tutte, dennoch gibt es extrem erotisch aufgeladene Stücke (wenn Du an die richtigen Interpreten gelangst. Ich kann mich Fairy Queen in Ihrem Beitrag nur anschließen, mit den von Ihr genannten drei Opern machst Du sicher nichts falsch, aber Dir fehlt die (für mich) wichtigste Händeloper: Tamerlano. Und hier hilft eigentlich nur die nun mehr bald dreißig Jahre alte Aufnahme von J.E. Gardiner weiter, die neu nur noch als Teil dieser Box zu kaufen ist:



      Ich habe oben schon einmal geschrieben: es gibt unterschiedliche Herangehensweisen an die Opern: einen Akt hören, einmal alle Arien einer Rolle hören. Zum Einsteigen hier: 3. Akt oder alle Arien (und Szenen!!) des Bajazet hören. Und dann weißt Du schon, ob Du etwas falsch gemacht hast oder nicht ... (Ich bin sicher nein!!)

      LG Benno
    • Zunächst mal vielen Dank für die Empfehlungen. Ich werde jetzt - ihr ahnt es - Giulio Cesare bestellen, dann sieht man weiter. Die Oper hat bekanntlich ihren eigenen Thread.

      Hier ging es (und geht es immer noch) um eine prinzipielle Übersicht bei Händel, das wird wohl viele interessieren. Die meisten haben wahrscheinlich, wenn überhaupt, nur eine oder zwei Händel-Opern im Regal stehen.

      Interessant ist in der Tat auch die Charakterisierung hinsichtlich heroisch, ironisch, humorvoll, dramatisch, etc. Es gibt ja gewisse (Vor?)Urteile bzgl. der barocken Opera Seria ("langweilig", "aufgeblasen", "künstlich"), und die dürfen ruhig etwas relativiert werden. Man muss nur aufpassen, dass man dem Mozart-Liebhaber keine falschen Hoffnungen macht...

      Bei der Gelegenheit: Gibt es eine Händel-Oper, die man irgendwie mit Mozarts Idomeneo vergleichen kann? Eher wohl nicht, oder?
      Oder mit Lucio Silla? Da wird ja ziemlich viel gelabert und dazwischen teilweise ewig lang gesungen. Ist das bei Händel auch so?


      Thomas
    • Ecclitico schrieb:

      Gibt es eine Händel-Oper, die man irgendwie mit Mozarts Idomeneo vergleichen kann?
      Eher Tamerlano.

      Ecclitico schrieb:

      Oder mit Lucio Silla? Da wird ja ziemlich viel gelabert und dazwischen teilweise ewig lang gesungen. Ist das bei Händel auch so?

      Nicht richtig. Die Gesangeinlagen bei Händel können lang sein, langatmig wie in Lucio Silla sind sie nicht. Einer Händel-Oper am nächsten wäre Mitridate, re di Ponto. Mit dem Vorteil daß bei Händel die rezitativi secchi nie überbordend sind. Die Londoner hätten sowieso nichts kapiert :)
      Alles, wie immer, IMHO.
    • Ecclitico schrieb:

      Ich werde jetzt - ihr ahnt es - Giulio Cesare bestellen, dann sieht man weiter.

      Auch da bleibt die Qual der Wahl. Jene Neuaufnahme wurde im aktuellen FonoForum 2/2013 sehr gelobt:



      Gruß
      MB

      :wink:
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    • Die Aufnahme mit Alan Curtis ist einfach sensationell!!!!!
      Solch eine GIULIO CESARE habe ich noch nicht gehört, trotz der vielen anderen.
      Allem voran die Saengerriege einfach zum Niederknien!

      LG palestrina
      „ Die einzige Instanz, die ich für mich gelten lasse, ist das Urteil meiner Ohren. "
      Oolong
    • Ecclitico schrieb:

      Zunächst mal vielen Dank für die Empfehlungen. Ich werde jetzt - ihr ahnt es - Giulio Cesare bestellen, dann sieht man weiter. Die Oper hat bekanntlich ihren eigenen Thread.

      Ecclitico schrieb:

      Hier ging es (und geht es immer noch) um eine prinzipielle Übersicht bei Händel, das wird wohl viele interessieren. Die meisten haben wahrscheinlich, wenn überhaupt, nur eine oder zwei Händel-Opern im Regal stehen.

      Ecclitico schrieb:

      Interessant ist in der Tat auch die Charakterisierung hinsichtlich heroisch, ironisch, humorvoll, dramatisch, etc. Es gibt ja gewisse (Vor?)Urteile bzgl. der barocken Opera Seria ("langweilig", "aufgeblasen", "künstlich"), und die dürfen ruhig etwas relativiert werden. Man muss nur aufpassen, dass man dem Mozart-Liebhaber keine falschen Hoffnungen macht...

      Ecclitico schrieb:

      Bei der Gelegenheit: Gibt es eine Händel-Oper, die man irgendwie mit Mozarts Idomeneo vergleichen kann? Eher wohl nicht, oder?
      Oder mit Lucio Silla? Da wird ja ziemlich viel gelabert und dazwischen teilweise ewig lang gesungen. Ist das bei Händel auch so?



      Hallo Thomas,

      zum Idomeneo: es gibt ein Stück Musiktheater von Handel, das den identischen Grundkonflikt (Vater muss aufgrund eines unheilvollen Schwurs das eigene Kind töten) wie der Idomeneo hat: das ist das Oratorium Jephtha, das letzte große Stück, das er (mehr oder minder) vollständig neu geschrieben hat. Die Ähnlichkeiten mit dem Idomeneo sind aber relativ schnell zu Ende: auch wenn die beiden Stücke nur ziemlich genau dreißig Jahre trennen, ist ihnen eigentlich nur der relativ große Anteil für Chor gemein.

      Ich finde, dass Idomeneo die musikalisch überzeugendste Oper Mozarts ist, aber in der Präsentation des inneren Konflikts der Titelrolle ist der altersweise Handel dem jungen Mozart in meinen Ohren dennoch voraus. Die Art, wie am Ende des 2. Akts und am Anfang des dritten 3.Akts Jephtha in zwei sehr bewegenden Accompagnati und einer Arie gegen die Anerkennung der eigenen Schuld ankämpft und dann um Vergebung bittend einlenkt, hat dann in einer Oper eigentlich auch nichts zu suchen. Und die Schlusschöre könnten kaum unterschiedlicher sein: Handel lässt die Allgemeinheit die sehr schwere Entscheidung des Protagonisten nachvollziehen, Mozart schildert in großartiger Musik nur die (viel oberflächlicheren) Emotionen Angst und Erschrecken, die das als Strafe für die vorläufige Nicht-Einlösung des Schwurs gesendete Ungeheuer auf Kreta verbreitet.

      Den Mozartt'schen Lucio Silla habe ich lange (15 Jahre??) nicht mehr gehört, ich habe ein eher idyllisches Stück in Erinnerung. Wenn es derartiges sein soll, gibt es sehr idyllische Passagen im zweiten Akt des Orlando und in der Partenope.

      Ich hoffe, das hilft ein wenig?

      Gruß Benno
    • Hallo Ecclitico!

      Es gibt von Händel ebenfalls einen SILLA HMV 10
      Dort stammt das Libretto von Giacomo Rossi , nach Plutarchs , Bioi paralleloi (Parallele Lebensbeschreibungen ).

      Es gibt nur eine GA :
      SOMM 2OOO SOMMCD 227-8
      The London Handel Orchestra ,Denys Darlow

      LG palestrina
      „ Die einzige Instanz, die ich für mich gelten lasse, ist das Urteil meiner Ohren. "
      Oolong
    • Ich glaube, dass die Vorurteile gegenüber der Opera seria größtenteils solche sind. Spätere Opern sind ebenso "künstlich". Das einzige, was stimmt, ist dass sie meistens sehr lange sind und fast nur aus Arien bestehen; einige Duette und ggf. ein kurzer "Chor" (der auch nur von den Solisten gesungen wird) sind zwar meist auch enthalten, aber viel weniger als Arien. Und auch die zu recht angeführten ausgedehnten accompagnato-Szenen Händels (Orlando, Tamerlano u.a.), die weit von schematischer dacapo-Form entfernt sind, sind Ausnahmen. bei Das kann beim bloßen Hören dann vielleicht etwas eintönig werden. Dazu kommt eben noch, dass man wirklich gute Sänger benötigt (bei den meisten mir bekannten Aufnahmen sind einige ziemlich Ausfälle dabei, die entweder technisch überfordert sind oder unpersönlich/ausdruckslos). Diese Gattung war ganz auf die Sänger ausgerichtet und von deren Qualität, Ausdrucks- und Charakterisierungskraft hängt fast alles ab.

      Wem die Opern zu lang sind, für den wären beide Acis & Galathea-Vertonungen eine Option. Die sind nut gut halb so lang wie typische Opern, die englische ist eines der volkstümlichsten und eingängigsten Stücke Händels und die italienische "Serenata" im Grunde wie eine Kurzoper.
      ...a man who refuses to have his own philosophy will not even have the advantages of a brute beast, and be left to his own instincts. He will only have the used-up scraps of somebody else’s philosophy; which the beasts do not have to inherit; hence their happiness. Men have always one of two things: either a complete and conscious philosophy or the unconscious acceptance of the broken bits of some incomplete and shattered and often discredited philosophy. (G. K. Chesterton)
    • Inzwischen hab ich in "Giulio Cesare" reingehört.

      Das ist schon arg gekünstelt, aus Sicht der nachfolgenden Zeit. Das war dann einfach "out". Ich verstehe sogar, warum Haydn, Mozart & Co. weniger Moll verwendet haben. Man assoziierte das wohl mit künstlichem Pathos.

      Das soll jetzt keine Kritik aus heutiger Zeit sein. Ich habe bereits jetzt eine gewisse Ahnung, dass "Giulio Cesare" große Kunst ist. Jacobs-Aufnahme übrigens. Aber es ist auf alle Fälle ganz anders als Haydn oder Mozart. Selbst die weltlichen (und auch geistlichen) Bach-Kantaten wirken lockerer...


      Thomas
    • Ecclitico schrieb:

      Ich habe bereits jetzt eine gewisse Ahnung, dass "Giulio Cesare" große Kunst ist.

      Ecclitico schrieb:

      Aber es ist auf alle Fälle ganz anders als Haydn oder Mozart.

      Da würde ich nicht widersprechen wollen!

      Ecclitico schrieb:

      Das ist schon arg gekünstelt, aus Sicht der nachfolgenden Zeit.

      Das finde ich sehr interessant! ... welche nachfolgende Zeit genau? Eher Schubert oder eher Brahms? Und: Ist es gekünstelt oder ist es Kunst oder ist es künstlich? Sind auch wir nachfolgende Zeit?

      Gruß
      MB

      :wink:
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