STRAUSS, Richard - Capriccio. Oper Köln, 30.05.2009

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    • STRAUSS, Richard - Capriccio. Oper Köln, 30.05.2009

      (ursprüngliche Premiere am 28.08.2007 beim Gastspiel in Edinburgh).
      Besuchte Vorstellung am 19.06.2009

      Vom eisernen Vorhang schaut den Besucher ein Auge an, aus dessen Pupille menschliche Gestalten hervorzutreten scheinen. Wenn der eiserne Vorhang sich hebt und die Projektion auf den Bühnenvorhang fällt, erkennt man, daß es sich um deutsche Wehrmachtssoldaten handelt, die unter dem Arc de Triomphe hindurchmarschieren. Zu Beginn des Vorspiels hebt sich auch dieser Vorhang. In der Mitte der Bühne ein großes, leicht nach vorn geneigtes Podest aus glänzend schwarzem Material. An allen vier Seiten davon bleibt ebenfalls Platz zum Spielen. Links und rechts des Podests zwei Türme quadratischen Grundrisses, in denen sich jeweils eine Art Kabine befindet, zum Zuschauerraum hin hinter grauer Gaze durchsichtig, mit je einer Tür an den drei anderen Seiten. Diese Türme werden im Laufe der Inszenierung immer wieder mal zur Seite aus der Bühne herausgezogen und wieder hereingeschoben werden. Der Hintergrund ist zu Beginn durch einen weiteren Vorhang verdeckt.

      In der Mitte des Podests sitzt hinter einem großen Schreibtisch ein Herr (der Graf) im grauen Anzug nach der Mode der Mitte des 20. Jahrhunderts, ihm gegenüber eine vornehm gekleidete Dame (die Gräfin, seine Schwester); beide lesen Zeitung. Ein Diener (der Haushofmeister) kommt, bringt Getränke, fragt gestisch nach weiteren Wünschen. Die Dame macht den Herrn empört auf einen Zeitungsartikel aufmerksam, dann geht sie in eine der beiden Kabinen ab, wo sie während des weiteren Vorspiels die Garderobe des 18. Jahrhunderts anlegt. Der Herr empfängt nun, eifrig bedacht, daß sein Diener dies nicht mitbekommt, einen älteren Mann (später wird er den Souffleur M. Taupe spielen) in heruntergekommenem Anzug und eine junge Frau (später eine Tänzerin), beide mit einem Judenstern am Revers. Von ihnen erhält er in einer Schatulle eine Halskette sowie Geld; dafür übergibt er den beiden schwarze Dokumente (Pässe?). Schließlich übergibt er sie der Obhut eines anderen Bediensteten (später der Theaterdirektor La Roche), der mit ihnen nach hinten verschwindet. Unterdessen hat der Diener zwei schwarzgekleidete Männer mit Hut (Gestapo offenbar) am Bühnenrand auf den Herrn aufmerksam gemacht, die nun seine Unterlagen durchsuchen, diverse Schreiben und schwarze Dokumente sowie die Schmuckschatulle sicherstellen. Der Herr genehmigt sich einen Cognac und geht dann in die zweite Kabine ab, wo auch er sich ein wenig à la 18. Jh. umkleidet.

      Der Dichter Olivier und der Komponist Flamand, zunächst ebenfalls in grauen Anzügen, verwandeln sich unter ihrem Disput, ob denn nun der Dichtkunst oder der Musik der Vorrang zu gelten habe, ebenfalls, allerdings recht halbherzig, in Figuren der Oper Capriccio von Richard Strauss. Als schließlich alle passend gekleidet sind, geht auch der hintere Vorhang hoch und enthüllt das Bild einer Wendeltreppe, in die der Zuschauer von unten hineinschaut. Weit oben sieht man sieben Personen diesseits des Geländers tänzeln; sie drohen, jederzeit abzustürzen.

      Im weiteren streiten sich Graf, Gräfin, Komponist, Dichter, Theaterdirektor und die noch hinzukommende Schauspielerin Clairon über hehre Fragen der Kunst; der Graf hat ein Techtelmechtel mit der Schauspielerin, Dichter und Komponist tragen der (verwitweten) Gräfin ihre Liebe vor, diese kann sich zwischen beiden nicht entscheiden. Olivier hat ein Sonett gedichtet und trägt es vor, Flamand vertont es sogleich und singt es. Unterdessen sieht man immer mal wieder die beiden Herren in Schwarz im Hintergrund oder am Rand der Bühne, oder auch schon mal in den beiden Kabinen, wenn sie mal wieder hereingefahren werden. Flamand verehrt der Gräfin ein Schmuckstück; nach seinem Abgang erkennt sie die Schatulle, aus der er ihn genommen hatte, schleudert das Halsband entsetzt von sich und weint.

      Nach der Pause an dieser Stelle hat sich die Wendeltreppe im Hintergrund verändert; sie scheint nun in sich zusammenzustürzen, menschliche Körperteile sind in den Trümmern erkennbar. Die Verkleideten besprechen nun die geplante Geburtstagsfeier der Gräfin. Der Theaterdirektor hat hierfür eine Tänzerin und zwei Sänger der italienischen Oper mitgebracht, die nun ihre Künste zeigen dürfen. Clairon denunziert die Tänzerin bei den schwarzen Herren; sie werden sie nach der Tanzvorführung wegschaffen. Der Streit über die Durchführung der Geburtstagsfeier endet mit der Entscheidung, daß Dichter und Komponist gemeinsam eine Oper zu schaffen hätten über den Streit selber. Flamand und Olivier entledigen sich ihrer Rokoko-Monturen und verwandeln sich in zwei schwarzgekleidete Herren mit Hut. Nachdem alle abgegangen sind, findet der Haushofmeister (der übrigens immer in der Kleidung des 20. Jh. bleibt) den zwischenzeitlich eingeschlafenen Souffleur Monsieur Taupe (auch noch immer im schäbigen Anzug mit Judenstern), der nun nicht mehr weiß, wie er nach Paris zurückkommen soll, und besorgt ihm einen Wagen, wobei die Inszenierung klar macht, wohin dieser Wagen gehen wird.

      Der zurückgebliebenen Gräfin wird ausgerichtet, sie solle noch den Schluß der Oper bestimmen: erst die Musik oder erst die Dichtkunst; und sich damit auch für einen der beiden Verehrer entscheiden. Während ihres Schlußmonologs (in dem die Frage nicht entschieden wird) öffnet sie entsetzt diverse Kästchen mit Schmuck und Geld; offenbar hat ihr Bruder eine Menge mit falschen Pässen verdient. Der Theaterprospekt mit der einstürzenden Wendeltreppe geht hoch und enthüllt Rauch (den einer untergehenden Welt?) und, nachdem sich dieser verzogen hat, ein schwarzes Nichts, aus dem am Ende zwei schwarzgekleidete Herren auftauchen (es ist nicht erkennbar, ob es die Statisten sind oder Flamand und Olivier), warten ab, bis sich die Gräfin in einer der Kabinen wieder zu der vornehmen Dame des 20. Jh. umgezogen hat und in ihrer Mitte abge..., nein, sie dreht sich noch einmal um, schaut ins Publikum - Blackout, Vorhang.

      ***

      Die Rahmenhandlung, mit der Regisseur Christian von Götz und Ausstatterin Gabriele Jaenecke das Stück in die Zeit seiner Uraufführung verlegen, beschränkt sich auf einige wenige Szenen, bleibt aber immer präsent. So stellt er dem banalen und aufgeblasenen Sujet von Strauss' "Konversationsstück für Musik" ein wenig von den Umständen seiner Entstehung entgegen: Mitten im Krieg wurde Strauss' letzte Oper mit enormem finanziellen Aufwand unter der Schirmherrschaft von Goebbels am 28.10.1942 in München von Clemens Krauss, der auch als Librettist geführt wurde (unter Unterschlagung der Vorarbeiten des Juden Stefan Zweig und von Joseph Gregor), in Szene gesetzt.

      Diese Rahmenhandlung ist letztlich auch das, was diese Produktion interessant macht, aber die Regie reibt uns das nicht pausenlos unter die Nase, so daß der größte Teil der Aufführung der eigentlichen Oper gehört. Deren Plot ist doch ziemlich gewollt und paßt eher in die Untiefen einer Endlosdiskussion in einem Internet-Forum als auf eine Theaterbühne. Das wird durch die Musik nicht besser, eher im Gegenteil. Strauss bedient sich hier z. T. aus dem Fundus seiner früheren Werke, zum anderen erklingt immer wieder etwas, das wohl Musik nach Art des frühen 18. Jh. sein soll - es klingt wie schlecht nachgeäffter Couperin. Im übrigen ist der Komponist bemüht, Unmengen von Text in möglichst kurzer Zeit zu vertonen; der hierfür benutzte Parlando-Stil ist äußerst ermüdend und das Gegenteil von spannend, den Dialogen ernsthaft zu folgen schier unmöglich. Wird die Musik einmal farbiger und interessanter, donnert auch gleich das ganze Orchester los und bettet die Sänger in einen bombastischen Klangbrei. Am ehesten einnehmend noch der Schlußmonolog der Gräfin; hier recycelt der Komponisten allerdings heftig Effekte aus dem Rosenkavalier-Finale. Und: in Erinnerung an die an gleicher Stelle gehörte Salome (mit der gleichen Sängerin übrigens): wie ist die Strauss'sche Musik in diesen knapp vier Jahrzehnten zu einem Abklatsch ihrer selbst degeneriert! Ich kann mich nicht erinnern, mich jemals in einer Opernaufführung dermaßen gelangweilt zu haben. In der Pause mußten meine Frau und ich uns gegenseitig zum Bleiben ermuntern.

      Lag es an der Aufführung? Markus Stenz' Dirigat kann ich unter diesen Umständen nicht beurteilen; dem Gürzenich-Orchester unterliefen so einige Fehler in Intonation und Einsätzen, insbesondere in den solistisch-kammermusikalischen Abschnitten, nicht aber in einem Ausmaß, daß man deswegen hätte davonlaufen wollen. An den Sängern lag es nach meiner Meinung erst recht nicht. Hier wurde sich in besonderem Maße um eine klare Diktion und Verständlichkeit bemüht, mit unterschiedlichem Erfolg allerdings. Herauszuheben ist besonders Miljenko Turk als Olivier, bei dem man mittlerweile schon genau hinhören muß, um noch einen Akzent festzustellen (er ist Kroate) und dem es auch am ehesten gelang, der nur selten kantablen Musik ein paar schöne Gesangslinien abzugewinnen; und er sprach das schwülstige Sonett mit der Klasse einer Sprechtheater-Größe. Hauke Möller, der als Flamand ein bißchen mehr "singen" darf, gelingt das nicht ganz so gut; er klingt manchmal recht angestrengt, vor allem, wo er das Strauss-Orchester im tutti gegen sich hat. Gute Diktion und gelungene szenische und sängerische Darstellung auch bei Ashley Holland als Graf und Ursula Hesse von den Steinen als Clairon; um rein gesangliche Interpretation sind sie wenig bemüht. Das gilt noch mehr für den monoton-rauhen Bass von Michael Eder als La Roche, der im Monolog "Holla, ihr Streiter in Apoll" so heftig mit den Noten (und den Textmassen) zu kämpfen hat, daß ihm die Sprachverständlichkeit zunehmend abhanden kam (oder war einfach meine Aufmerksamkeit inzwischen überstrapaziert?). Camilla Nylund setzt mit dem Schlußmonolog der Gräfin den sängerischen Glanzpunkt des Abends; wie schon bei ihrer Salome kommt sie jedoch gegen das volle Orchester an die Grenzen ihrer klangschönen lyrisch-dramatischen Stimme. Anfangs etwas zögerlicher, beim Auftritt der Sänger und des Dirigenten dann starker und anhaltender Beifall.

      Es bleibt die historisch (auch: opernhistorisch) interessante Rahmenhandlung; die kann die Aufführung aber natürlich nicht tragen. "Verstandestheater, Kopfgrütze, trockenen Witz" wollte Strauss für sein Capriccio haben (Brief an Clemens Krauss vom 14.09.39). Wenn ihm das gelungen sein sollte, dann geht sein Stück allerdings an meinem Verständnis vorbei; da kommt nur "trocken" und "Grütze" an.
      Bernd

      Fluctuat nec mergitur