Schütz, Heinrich: Schwanengesang SWV 482-494

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    • Schütz, Heinrich: Schwanengesang SWV 482-494

      1. Entstehung

      Um das Jahr 1671 bereitete sich der greise Heinrich Schütz offenbar auf seinen baldigen Tod vor; er war bereits 86 Jahre alt und hatte sogar einige seiner Schüler überlebt. Schütz bestellte bei seinem Meisterschüler Christoph Bernhard (1627-1692) eine Begräbnismotette im Stil von Giovanni Pierluigi da Palestrina (1525-1594) und vertonte selbst in elf doppelchörigen Motetten den Psalm 119. Diese Motetten stellte er zusammen mit zwei weiteren Motetten über Psalm 100 und das Deutsche Magnificat zu einer Sammlung zusammen, die in seinem Umkreis als „Schwanengesang“ bekannt wurde. (Das Wort „Schwanengesang“ geht auf einen griechischen Mythos zurück, nach dem Schwäne vor ihrem Tod ein trauriges letztes Lied singen.) Schütz liess für diese Sammlung neun Stimmbücher schreiben (jeweils vier Stimmbücher für die beiden Chöre und ein Stimmbuch für den Basso continuo), die er zusammen mit gedrucktem Titelblatt und Inhaltsverzeichnis sowie einer kurzen Widmung seinem Landesfürsten Johann Georg II. übergab.

      2. Rezeption

      Johann Georg II. wusste mit dem Werk offensichtlich nichts anzufangen, eine Aufführung ist nicht belegt. Nachdem Schütz im Jahr 1672 gestorben war, geriet der „Schwanengesang“ zusammen mit seinen anderen Kompositionen für über 200 Jahre in Vergessenheit. Als Schütz in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts als Komponist wiederentdeckt wurde, war zwar aus zeitgenössischen Dokumenten bekannt, dass er den „Schwanengesang“ komponiert hatte, die Noten galten aber als unwiederbringlich verloren. Im Jahr 1900 wurden jedoch sechs der neun Stimmbücher im Notenarchiv einer Kirche in Guben (heute Gubin am westlichen Ufer der Lausitzer Neiße) entdeckt. 30 Jahre später tauchte das Stimmbuch des Basso continuo auf, mittlerweile waren jedoch die bereits aufgefundenen sechs Stimmbücher wieder verschollen. Erst Mitte der 1970er Jahre wurden diese Stimmbücher in der sächsischen Landesbibliothek wiederentdeckt. Aufgrund der vorhandenen Stimmen wurden die fehlenden beiden Stimmen (Sopran und Tenor des zweiten Chores) rekonstruiert. Mehr als drei Jahrhunderte nach seiner Entstehung wurde der „Schwanengesang“ nun aufgeführt – sehr wahrscheinlich zum ersten Mal überhaupt.

      3. Musik

      Als Schütz den „Schwanengesang“ komponierte, galt sein Kompositionsstil bereits als völlig veraltet. Er war seiner musikalischen Umwelt weitgehend entfremdet und hatte sicher nicht die Absicht, den Geschmack der zeitgenössischen Hörer zu treffen – er wählte im Gegenteil ganz bewusst die altmodische Forum der doppelchörigen Motette, womit er an seine „Psalmen Davids“ aus dem Jahr 1619 und die Kompositionsweise seines Lehrers Giovanni Gabrieli (1557-1612) anknüpfte. Der Eindruck des Altmodischen wird noch verstärkt durch den gregorianischen Psalmton, der jeder Motette vorangestellt ist. Auch der Doxologie (Lobpreis, "Ehre sei dem Vater...") am Ende jeder Motette ist ein gregorianischer Psalmton vorangestellt. Die Satztechnik ist ganz auf die Deutung und Verdeutlichung des biblischen Textes, auf Klangfülle und kunstvolle Polyphonie ausgerichtet. Trotz dieser Klangfülle und der Pracht der Doppelchörigkeit wirken die Motetten auf den heutigen Hörer mitunter herb, abgeklärt, überzeitlich und weltfern – gerade darin besteht aber ihr besonderer Reiz, der zum wiederholten Hören einlädt. Diese Musik übt eine Faszination aus, der man sich nur schwer entziehen kann.

      4. Text und geistlicher Hintergrund

      Dass Schütz am Ende seines langen Lebens als Text für seine letzte Komposition Psalm 119 auswählte, war sicher alles andere als ein Zufall. Mit seinen 176 Versen ist dieser Psalm nicht nur der längste der 150 Psalmen, sondern auch das längste Kapitel in der Bibel überhaupt. Der Psalm besteht aus 22 Gruppen zu je acht Versen, wobei im hebräischen Urtext innerhalb einer Gruppe der erste Buchstabe aller acht Verse gleich ist und die Anfangsbuchstaben der Gruppen nacheinander die 22 Buchstaben des hebräischen Alphabets durchlaufen. Schütz fasste jeweils zwei dieser Gruppen zu einer Motette zusammen (daher die Überschriften „Aleph und Beth“, „Gimel und Daleth“ und so weiter – sie nennen die jeweiligen Buchstaben des hebräischen Alphabets). Vom Inhalt her wurde Psalm 119 als „Güldenes ABC“, als Zusammenfassung der ganzen Bibel angesehen. Schütz, dem die besondere Bedeutung dieses Psalms sicher bekannt war, vertonte hier also im übertragenen Sinn die ganze Bibel und damit die Grundlage seines ganzen Lebens und Komponierens.

      Psalm 100 („Jauchzet dem Herren, alle Welt“) ist ein kurzer, sehr bekannter Psalm, der auch von vielen anderen Komponisten vertont wurde.

      Der Text des Deutschen Magnificat („Meine Seele erhebet den Herrn“) stammt aus dem ersten Kapitel des Lukasevangeliums (ab Vers 46) und ist ein Lobgesang Marias nach der Ankündigung der Geburt Jesu. Auch dieser Text ist oft vertont wurden, meist in Latein („Magnificat anima mea“).

      Nicht nur die Auswahl von Psalm 119, sondern auch die Abfolge von Psalm 119 und 100 mit abschliessendem Magnificat im „Schwanengesang“ ist kein Zufall. Psalm 119 ist die Preisung der göttlichen Gesetze, dem Psalm 100 als Lobgesang auf Gott und seine Schöpfung folgt. Die Sammlung schliesst mit Marias Lobgesang auf die Offenbarung Jesu Christi.

      5. Aktuell verfügbare Aufnahmen



      Collegium Vocale Gent, Concerto Palatino, Philippe Herreweghe (HMF, 2007)



      Knabenchor Hannover, Hilliard-Ensemble, London Baroque, Heinz Hennig (Virgin, 1984)



      The Song Company, Roland Peelman (Celestial, 1997)



      Berliner Solisten, Cappella Sagittariana, Dietrich Knothe (Berlin Classics, 1991)



      Tapiola Chamber Choir, Paul Hillier (Finlandia, 1991, nur Auszüge)

      Hinweis: Dieser Beitrag wurde von mir im letzten Jahr bereits an anderer Stelle veröffentlicht, fand dort aber leider nur wenig Resonanz.

    • Lieber Fugato,

      danke für die informative Einleitung.


      Fugato schrieb:

      Der Text des Deutschen Magnificat („Meine Seele erhebet den Herrn“) stammt aus dem ersten Kapitel des Lukasevangeliums (ab Vers 46) und ist ein Lobgesang Marias nach der Ankündigung der Geburt Jesu. Auch dieser Text ist oft vertont wurden, meist in Latein („Magnificat anima mea“).



      Um eines der immer wieder aufkommenden Missverständnisse gleich auszuräumen:
      Den Magnificat-Text spricht Maria nicht etwa während der Verkündigungs-Szene bzw. unmittelbar im Anschluss, sondern erst, nachdem sich nach einigen Tagen der erste Schreck gesetzt und die werdende Mutter - allerdings laut Volksmund - eine Bergtour hinter sich gebracht hat, an deren Fuße sie von ihrer alternden wie weitsichtigen (nicht auf das Alter bezogen) Cousine Elisabeth empfangen wird. Wahrscheinlich folgt ein ausgedehnter. jedoch aopkrypher Plausch über Kindeserziehung.


      audiamus


      .
      "...es ist fabelhaft schwer, die überflüssigen Noten unter den Tisch fallen zu lassen." - Johannes Brahms
    • audiamus schrieb:

      Um eines der immer wieder aufkommenden Missverständnisse gleich auszuräumen:
      Den Magnificat-Text spricht Maria nicht etwa während der Verkündigungs-Szene bzw. unmittelbar im Anschluss, sondern erst, nachdem sich nach einigen Tagen der erste Schreck gesetzt und die werdende Mutter - allerdings laut Volksmund - eine Bergtour hinter sich gebracht hat, an deren Fuße sie von ihrer alternden wie weitsichtigen (nicht auf das Alter bezogen) Cousine Elisabeth empfangen wird. Wahrscheinlich folgt ein ausgedehnter. jedoch aopkrypher Plausch über Kindeserziehung.


      audiamus


      .


      Lieber Audiamus,

      ganz Volksmund war es wohl doch nicht ;) , denn in den Versen 39/40 steht: "In diesen Tagen nun machte sich Maria auf und begab sich eilends in das Bergland, in eine Stadt Judas und sie trat in das Haus Sacharjas ein und begrüßte Elisabeth." Danach begann das Gespräch der Beiden, welches ja in vielfältigster Form vertont wurde und auch von Heinrich Schütz.

      @ Fugato
      Auch von mir vielen Dank :)

      LG Ingrid
    • audiamus schrieb:

      Fugato schrieb:

      Der Text des Deutschen Magnificat („Meine Seele erhebet den Herrn“) stammt aus dem ersten Kapitel des Lukasevangeliums (ab Vers 46) und ist ein Lobgesang Marias nach der Ankündigung der Geburt Jesu. Auch dieser Text ist oft vertont wurden, meist in Latein („Magnificat anima mea“).
      Um eines der immer wieder aufkommenden Missverständnisse gleich auszuräumen:
      Den Magnificat-Text spricht Maria nicht etwa während der Verkündigungs-Szene bzw. unmittelbar im Anschluss, sondern erst, nachdem sich nach einigen Tagen der erste Schreck gesetzt und die werdende Mutter - allerdings laut Volksmund - eine Bergtour hinter sich gebracht hat, an deren Fuße sie von ihrer alternden wie weitsichtigen (nicht auf das Alter bezogen) Cousine Elisabeth empfangen wird.
      Lieber audiamus,

      vielen Dank für diese Ergänzung. "Nach der Ankündigung der Geburt Jesu" ist natürlich eine dehnbare Formulierung. Falsch ist sie nicht, aber ungenau. Genau so, wie Du es beschrieben hast, ist es im Lukas-Evangelium überliefert (Kapitel 1, ab Vers 39). Der zeitliche Abstand zwischen Ankündigung und Besuch bei ihrer Cousine wird möglicherweise klein gewesen sein ("in diesen Tagen", Vers 39).

      :wink: Fugato

    • Das Werk war für mich beim ersten Hören (in der Herreweghe-Einspielung) ein wenig befremdend, obwohl ich (auch) ein großer Schütz-Fan bin. Schütz wurde wahrscheinlich am Ende seines Lebens überaus altmodisch: hier kehrt er zum reinsten Gabrieli-Stil zurück. 1671! Denkt nur an Cavallis, Carissimis Werke, in Deutschland wirken schon Sances, Bertali, Schmelzer, Biber!
      Der Schwanengesang muss damals so altmodisch geklungen haben, wie man es kaum denken kann.

      Liebe Grüße
      Tamás
      :wink:
      "Vor dem Essen, nach dem Essen,

      Biber hören nicht vergessen!"


      Fugato
    • Hallo Tamás!

      Tschabrendeki schrieb:

      Das Werk war für mich beim ersten Hören (in der Herreweghe-Einspielung) ein wenig befremdend, obwohl ich (auch) ein großer Schütz-Fan bin.


      mir ging es ganz genau so. :wink:
      Noch immer mag der Funke nicht so recht zu mir überspringen, obwohl das Werk ja doch beeindruckend und bedeutsam ist.
      Angeblich soll es auch Zweifel daran geben, daß das Werk wirklich von Schütz ist.

      Viele Grüße,
      Pius.
      Wir selbst müssen die Veränderung sein, die wir in der Welt zu sehen wünschen.
      (Mohandas Karamchand Gandhi)
    • Pius schrieb:

      Angeblich soll es auch Zweifel daran geben, daß das Werk wirklich von Schütz ist.
      Hallo Pius,

      darüber hab' ich noch nicht gehört. Ich kenne eigentlich keinen Anderen, der um 1670 ein so umfangreiches, bedeutendes und so altertümliches Werk in oder um Dresden hätte verfassen können. Auch passt es sehr gut in dem Spätwerk von Schütz.

      Grüße

      Tamás :wink:
      "Vor dem Essen, nach dem Essen,

      Biber hören nicht vergessen!"


      Fugato
    • Angeblich soll es auch Zweifel daran geben, daß das Werk wirklich von Schütz ist.

      Die Werkgeschichte erweist sich als überaus kompliziert und widersprüchlich und wird zusätzlich dadurch erschwert, daß ein handschriftliches Exemplar dieser Psalm-kompositionen nicht mehr existiert. Lediglich ein gedrucktes Deckblatt mit einem handschriftlichen Ausführungsvermerk von der damals schon sehr zittrigen Hand des Altmeisters aus dem Jahr 1671 ist vorhanden.

      Die Stimmbücher selbst sind sehr sauber von einem professionellem Komponisten abgeschrieben, verwenden aber sprachliche Besonderheiten, die bei Schütz an an anderer Stelle SO nirgendwo zu finden sind, wie z.b. "seelig" oder "entbrandt", was auf die "Sprachbereinigungsgesellschaften" am Ende des 17. Jarhunderts und hier explizit auf den Schütz-Schüler Konstantin Christian Dedekind (1628-1715) hinweist, von dem "ganz zufällig" bekannt ist, daß er ebenfalls den 119. Psalm in Gänze vertonte und es gibt mehr als einen Hinweis darauf, daß zumindest Teile der sammlung definitif NICHT aus Schützens Feder stammen.

      Mit grosser Gewissheit, so es denn wirklich von HS ist, entstand das Werk auch nicht erst in den lezten Jahren seines Lebens sondern setzt sich aus Psalm-Kompositionen zusammen, deren Umbau und Neusortierung Schütz etwa 60 Jahre lang beschäftigt haben dürften.
      Wer wirklich etwas über die "Klangmagie" des späten Schütz erfahren will, höre sich z.B. den "Ehre"-Chor der "Matthäus-Passion" von 1666 oder das grandiose "Magnificat von Uppsala" (SWV 668) an. In die gleiche Richtung stösst auch die "Uppsala-Passion" die wohl doch eher als das Werk des Meisters denn als eines seiner Schüler zu betrachten ist
      Die Teile des "Schwanengesangs" verweisen nicht einmal auf den durachaus "modernen" Gabrieli, sondern beziehen sich auf weitaus ältere Musik und den von Schütz geliebten Palestrina.

      Mit den Motetten des "Schwanengesangs" erging es mir ähnlich wie vielen meiner Mithörer hier: mich irritierte und befremdete diese bei Schütz sonst nirgenwo anzutreffende Vorhersagbarkeit des Dargebrachten, andereseits überzeugten mich Detaillösungen durchaus. ich gehe davon aus , daß weitere Forschungen vielleicht schon in absehbarer Zeit zu neuen Ergebnissen führen werden.

      Zweifelsfrei von HS ist das "Deutsche Magnificat", in der Quelle der Grimmaer Bibliothek mit Korrekturen und letzten Retuschen von der Hand des Meisters persönlich versehen.
      „Es muss demokratisch aussehen, aber wir müssen alle Fäden in der Hand haben"
      Walter Ulbricht, (1893-1973), Deutscher Realpolitiker
    • Die Musik von Schütz erschließt sich ganz wesentlich über den vertonten Text, der hier - wie meistens bei diesem Komponisten - aus der Bibel stammt. Wer aber kann heute noch mit diesen biblischen Texten etwas anfangen? Wer kennt sie überhaupt noch und versteht ihren Sinn? Wer kann nachvollziehen, was diese Worte Schütz und seinen Zeitgenossen bedeutet haben? Genau hier liegt aber der Schlüssel zu seiner Musik, und deswegen mag sie manchem befremdlich oder weltfern erscheinen.

      Liebe Grüße von der Stichnote
    • Lieber Stichnote,

      du hast mich missverstanden: ich verehre Schütz für seine tief religiöse Musik (die Geistliche Chormusik gehört zu meinen Favoriten), mich hat eben nur die Altertümlichkeit zu seinen früheren Werken (wie die Symphonie sacrae I-III) befremdet. Es war etwas vollkommen anderes, was ich erwartet habe.

      Liebe Grüße

      Tamás :wink:
      "Vor dem Essen, nach dem Essen,

      Biber hören nicht vergessen!"


      Fugato
    • Tschabrendeki schrieb:

      Lieber Stichnote,
      Lieber Tamás,

      ich bin weiblichen Geschlechts, was man an Bachs Wappen natürlich nicht sehen kann.
      du hast mich missverstanden: ich verehre Schütz für seine tief religiöse Musik (die Geistliche Chormusik gehört zu meinen Favoriten), mich hat eben nur die Altertümlichkeit zu seinen früheren Werken (wie die Symphonie sacrae I-III) befremdet.
      Ich bezog mich eigentlich nicht speziell auf das, was Du geschrieben hast. Mein Eindruck, daß der Text (von der Einführung abgesehen) etwas zu kurz kommt, war eher allgemeiner Natur.

      Neben vielen anderen Komponisten hat auch Bach teilweise "altertümlich" komponiert, also in einem Stil, der schon lange nicht mehr modern war. Was ist daran ungewöhnlich?

      Liebe Grüße von der Stichnote
    • Entschuldige liebe Stichnote, natürlich: da ist auch vermerkt: weiblich... :hide: (und sogar, die Note, oder? Mit den Artikeln hatte ich immer schon Schwierigkeiten... deutsch ist ja nicht meine Muttersprache.)
      Neben vielen anderen Komponisten hat auch Bach teilweise "altertümlich" komponiert, also in einem Stil, der schon lange nicht mehr modern war. Was ist daran ungewöhnlich?
      Daran wäre nichts ungewöhnlich. So die Passionen, wie die Geistliche Chormusik sind in dem "Stile antico" geschrieben, so "altertümlich", aber dieser Stil war im ganzen 17., sogar noch im 18. Jh. lebendig. Der Stil des Schwanengesanges ist also nicht in dem Sinne altertümlich, dass es damals "nicht modisch" war, sondern ist für Schütz altmodisch. Es erinnert am stärksten auf sein Op.2, also die Psalmen Davids, mit ihren gabrielischen Zweichörigkeit, aber auch die sind vielleicht schon "moderner". Seine späteren vielstimmigen Werke (zB. aus Symphoniae sacrae III) sind weit "moderner", es hat sich eine Entwicklung stattgefunden im Schaffen von Schütz, die man klar verfolgen kann. Am Ende seines Lebens scheint er aber zu seinen Wurzeln, zur Musik von Gabrieli, die er sein leben lang bewunderte, zurückgekehrt haben. Ich war darauf unvorbereitet: ich erwartete etwas im Stil der Symphoniae sacrae, und stutze als ich ein so stark an Gabrieli erinnernden Werk hörte.
      Ungewöhnlich ist da noch, dass gerade dieser Stil damals eine schnelle Entwicklung durchmachte: denk nur an Monteverdi, Carissimi oder Biber. Diese scheint Schütz hier ganz in Klammern zu setzen und kehrt zum reinsten achtstimmigen Gabrieli-Stil zurück. Wenn Bach, Lotti, Fux oder Scarlatti "altertümliche" Werke komponiert haben haben sie dennoch die moderne Musik berücksichtigt: Bach ist eigentlich nur in dem Sinne "altertümlich", dass er sich der Galanterie nicht gänzlich zuwendet, auch die kniffligsten kontrapunktischen a-cappella Werke eines Fux' können nie mit einem Palestrina verwechselt werden und das gilt noch mehr für Lotti oder Scarlatti. Der Schwanengesang kehrt aber vollkommen zu Gabrieli zurück. Könnte ruhig um 1600 entsanden sein. Das gleiche gilt ebr nicht für die Bachschen, Fuxschen, Uswschen Werke. Das ist dabei ungewöhnlich.
      Es ist ein fantastisches Werk, ich mag es überaus (habe 3 verschiedene Aufnahmen sogar), ich wollte nur sagen, ich war sehr überascht, weil ich kein so "konservatives" Werk erwartet habe.

      Liebe Grüße

      Tamás :wink:
      "Vor dem Essen, nach dem Essen,

      Biber hören nicht vergessen!"


      Fugato
    • Alle frühe Vokalmusik ist wortgezeugt: die Gesänge der Laudari ebenso wie die Psalmvertonungen eines Andrea Gabrieli. Das besondere und ihn explizit auszeichnende bei Schütz besteht darin, daß er, noch mehr als seine Vorgänger und Zeitgenossen den feinsten Bewegungen der Sprache nach- und ihnen, diese deutend, auf den Grund geht. "Übersetzen" in die Musik oder "gantz beweglich in die Musik versetzet" nennt er das selbst.
      Das zwischen seinen Werken und Kompositionen von durchaus hochbegabten Zeitgenossen, die versuchen, auf seinen Pfaden zu wandeln, Welten liegen, wird jeder bestätigen, der zum Beispiel eines der großangelegten Psalmen-Concerti des hochachtbaren und als Komponist von Orgelwerken zu recht gerühmten Samuel Scheidt mit irgendeiner gleichartigen Komposition des Sagittarius etwa aus den "Psalmen Davids" vergleicht. Wo Schütz im übertragenen Sinne "tönend beredt" wird, gelingt dem Hallenser Orglmeister lediglich ein blasses Abbild dessen, was musikalisch möglich sein könnte....
      Wer den "koservativen" Schütz in seiner höchsten Vollendung erleben will, halte sich an die Klangwunder der "Geistlichen Chormusik" und an die immer noch unterschätzten "Zwölf geistlichen Gesänge - SWV 420-43", die das letzte Werk sind , dessen Druckausgabe persönlich durch den Meister kontrolliert und überwacht wurde. Das den Zyklus abschliessende " Christe fac ut sapiam" stellt Schützens reifste Leistung im Palestrina-Stil dar und totzdem ist jeder Takt unverkennbar
      Heinrich Schütz.
      Die Motetten des "Schwanengesang" dagenen werden den von Schütz selbst vorgegbenen Kriterien an Gestaltung, Wortausdeutung und Phrasierung nicht immer gerecht und allein aus diesem Grunde halte ich die bei Kollegen wie etwa Manfred Cordes aufgeworfene Frage nach der Authentizität des Zyklus für gerechtfertigt.
      „Es muss demokratisch aussehen, aber wir müssen alle Fäden in der Hand haben"
      Walter Ulbricht, (1893-1973), Deutscher Realpolitiker
    • Tschabrendeki schrieb:

      (und sogar, die Note, oder? Mit den Artikeln hatte ich immer schon Schwierigkeiten... deutsch ist ja nicht meine Muttersprache.)
      Lieber Tamás,

      genau, es heißt die Note. Das macht überhaupt nichts, Du kannst Dich wirklich sehr gut in Deutsch ausdrücken! Kleinere Unebenheiten in der Grammatik finde ich bei jemandem, der nicht in seiner Muttersprache schreibt, immer sehr sympathisch.
      Der Stil des Schwanengesanges ist also nicht in dem Sinne altertümlich, dass es damals "nicht modisch" war, sondern ist für Schütz altmodisch. Es erinnert am stärksten auf sein Op.2, also die Psalmen Davids, mit ihren gabrielischen Zweichörigkeit, aber auch die sind vielleicht schon "moderner".
      Auf die "Psalmen Davids" wurde schon in der Einleitung hingewiesen. Ich kenne mich mit frühbarocker Musik nicht so gut aus, daß ich mir ein Urteil darüber erlauben könnte, wie "modern" dieses Werk damals tatsächlich war.
      Am Ende seines Lebens scheint er aber zu seinen Wurzeln, zur Musik von Gabrieli, die er sein leben lang bewunderte, zurückgekehrt haben. Ich war darauf unvorbereitet: ich erwartete etwas im Stil der Symphoniae sacrae, und stutze als ich ein so stark an Gabrieli erinnernden Werk hörte.
      Interessant ist in diesem Zusammenhang auch, daß er bei Bernhard eine Begräbnismotette im Stil von Palestrina (!) bestellte, also in einem noch altmodischeren Stil.
      Bach ist eigentlich nur in dem Sinne "altertümlich", dass er sich der Galanterie nicht gänzlich zuwendet
      Das zweite "Kyrie" aus der Messe h-moll klingt für mich schon sehr altmodisch, aber es ist auch unverwechselbar Bach. Ich verstehe schon, worauf Du hinauswillst.
      Der Schwanengesang kehrt aber vollkommen zu Gabrieli zurück. Könnte ruhig um 1600 entsanden sein. Das gleiche gilt ebr nicht für die Bachschen, Fuxschen, Uswschen Werke. Das ist dabei ungewöhnlich.
      Ich kenne leider zuwenig Musik von Gabrieli und seinen Zeitgenossen, um das beurteilen zu können. Meinst Du, daß der "Schwanengesang" keine Merkmale eines damals "moderneren" Stils enthält? Eine gute Erklärung wäre natürlich, daß Schütz die Motetten zu Psalm 119 schon sehr viel früher komponiert und am Ende seines Lebens nur noch überarbeitet hat. Allerdings bin ich guten Erklärungen gegenüber immer sehr skeptisch...
      Es ist ein fantastisches Werk, ich mag es überaus (habe 3 verschiedene Aufnahmen sogar)
      Das finde ich auch, mir persönlich gefällt die Herreweghe-Aufnahme sehr gut.

      Liebe Grüße von der Stichnote
    • Liebe Stichnote,

      es ist sehr interessant, wie der a-cappella-Stil sich während des Barocks weilterentwickelt hat. Es lohnt sich z.B. das a cappella-Requiem von Antonio Lotti anzuhören, oder die a cappella-Werke von Alessandro Scarlatti (letztere unter Rinaldo Alessandrini erhältlich, eine wunderschöne Aufnahme!!!) - auf der einen Seite die Diatonie, und auf der anderen ein wirklich barocker Geist sind da unverkennbar - jedoch in der Form der alten Polyphonie.

      Das finde ich auch, mir persönlich gefällt die Herreweghe-Aufnahme sehr gut.
      Ja. Mir gefällt auch die etwas ältere Aufnahme unter Dietrich Knothe sehr gut.

      Grüße

      Tamás :wink:
      "Vor dem Essen, nach dem Essen,

      Biber hören nicht vergessen!"


      Fugato
    • Aufnahme H.-C. Rademann

      Hallo,
      auch von mir noch ein herzliches Dankeschön für den Inhalt dieses Threads, besonders an Fugato für die Einführung und BBB für die hochinteressanten Information zur Authenzität.

      Fugato schrieb:





      5. Aktuell verfügbare Aufnahmen

      - Collegium Vocale Gent, Concerto Palatino, Philippe Herreweghe (HMF, 2007)

      - Knabenchor Hannover, Hilliard-Ensemble, London Baroque, Heinz Hennig (Virgin, 1984)

      - The Song Company, Roland Peelman (Celestial, 1997)

      - Berliner Solisten, Cappella Sagittariana, Dietrich Knothe (Berlin Classics, 1991)

      - Tapiola Chamber Choir, Paul Hillier (Finlandia, 1991, nur Auszüge)


      Dem möchte ich noch die (zumindest bei jpc lieferbare) Einspielung eines bekannten Ensembles der Region hinzufügen:


      - Dresdner Kammerchor, Ensemble "Alte Musik Dresden", Hans-Christoph Rademann (Raumklang 2000)

      Daneben schätze auch ich die Einspielung mit Herreweghe sehr.
      Gruß pt_concours
      W o h n z i m m e r w e t t b e w e r b:
      Petit concours à la maison... (S. Richter, 1976)
    • Die Aufnahme von Knothe war die erste. Wäre sie ohne die Arbeit von Steude erschienen? Nein, denn mindestens zwei Chorbücher fehlten und das ist u.a. der Grund, warum Cordes das Werk weder einspielt noch aufführt: kein Originalwerk.

      1985 war ein "Schütz" Jahr. Damals kam die Aufnahme von Knothe.


      Die Aufnahme von Hillier ist vollkommen unverständlich unvollständig. Ich habe sie als komplette Version, damals erschien sie so. Erataunlich, wie akzentarm dieser finnische Chor singt. Eine schöne Aufnahme.

      Peelman betrachtet das Werk wohl eher unter dem Gesichtspunkt maximaler Exotik.
    • Auszüge auf einer CD

      Pistola schrieb:

      Die Aufnahme von Hillier ist vollkommen unverständlich unvollständig. Ich habe sie als komplette Version, damals erschien sie so. Erataunlich, wie akzentarm dieser finnische Chor singt. Eine schöne Aufnahme.

      Eine Ergänzung:



      Dies ist die Erstausgabe auf 2 CDs - komplett.


      jd :wink:
      "Interpretation ist mein Gemüse."
      Hudebux
      "Derjenige, der zum ersten Mal anstatt eines Speeres ein Schimpfwort benutzte, war der Begründer der Zivilisation."
      Jean Paul