BIBER, Heinrich Ignaz Franz: Die Rosenkranz-Sonaten

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    • Die Freunde der Rosenkranzsonaten können wirklich nicht klagen über neue Einspielungen. Diese ist von einem russischen Geiger, der nach einer "traditionellen" Ausbildung in Moskau, sich in Amsterdam für "frühe Musik" spezialisierte. Der Preis der 5 CDs ist, selbst für Brilliant, recht niedrig. Wie kommt es zu den 5 CDs? Man bekommt alle Violinsonaten Bibers mitgeliefert und hierin liegt gewiss ein Reiz dieser Ausgabe. Der Klang der Sologeige klingt kaum nach HIP, aber das ist nicht negativ gemeint. Allerdings fehlen mir in den Rosenkranzsonaten die eher "besinnlichen" Töne, die für mich Pierot so unersetzbar machen. Auch hat Igor Ruhadzes Spiel nicht den Farbenreichtum, den man etwa bei Helene Schmitt findet. Wenn man bereits zwei oder drei Rosenkranz-Aufnahmen hat, ist diese neue gewiss kein Muss. Aber wegen der Ergänzung mit all den anderen Bibersonaten ist sie sehr interessant und empfehlenswert.
    • ich hab mir die Schnipsel von Ruhadze mal angehört.
      So löblich das Unterfangen ist, so deutlich ist leider das Motto "Masse statt Klasse" herauszuhören.
      Der Solist spielt sauber, souverän, aber ohne in irgend eine Mystik einzutauchen.
      Massiv behindert wird er von einem erschreckend stereotypen Continuo:
      Fast durchgehend spielen Cembalo und Orgel, und zwar das Cembalo nichts als simple Akkorde, die Orgel nichts als die Basslinie, ohne irgendwelche Phrasierung.
      Mag sein dass im weiteren Verlauf da noch mehr an musikalischer Teilnahme passiert. Aber für mich lässt dieser Dienst nach Vorschrift, wonach sich die Schnipsel durchgehend anhören, bereits soviel erkennen, dass ich auf keinen Fall weiterhören möchte.

      Lieber das Geld in eine der zahlreichen von uns favorisierten Rosenkranz-Aufnahmen investieren, als nur um der Vollständigkeit willen in so ein abtörnendes Set.

      Musste leider mal gesagt werden.
      Khampan
    • Khampan schrieb:

      Eine Teileinspielung von Julia Schröder und der Lautten Compagney kombiniert die Sonaten Nr. 1-3, 9, 10, 14 mit Werken von Astor Piazzolla.

      Beurteilung nach der leider nicht ganz vollständigen CD-Vorstellung im Radio:

      eine tolle Performance, die alle Beteiligten mit hörbarer Spielfreude und Lust am Experiment hinlegen. Technisch brilliant in allen Stimmen, auch super aufgenommen.

      Biber ist allemal deutlich besser gelungen als die Piazzolla-Stücke, unter anderem weil das barocke Instrumentarium nicht zu letzterem passt. Ich jedenfalls vermisse die Power, die die gelegentlichen Ausbrüche aus der Tango-Melancholie haben sollten, die aus Barockvioline, Laute (!) und Cembalo aber nicht herauszuholen sind. Auch wenn vermutlich das bestmögliche aus der Situation gemacht wird.

      Der Witz an der CD ist ohnehin die Kombination von Biber und Piazzolla. Nicht nur gehen die Stücke der beiden Komponisten beinahe nahtlos ineinander über, Biber Nr. 14 scheint sich sogar dank einer genialen Überleitung aus einem Tango herauszuschälen. Die Aria von Nr. 14, fetziges Highlight vermutlich von Bibers Gesamtschaffen, wird hier folkmäßig bis jazzig überspitzt und mit einem (improvisierten?) Piazzolla-ähnlichen Einschub versehen. Mir drängte sich der Verdacht auf, die Musiker wollten der schon verwegenen, leicht angejazzten Version aus der Einspielung von Daniel Sepec (mit Lee Santana als Impulsgeber) eine lange Nase drehen.
      Idee, Ausführung, Sogwirkung: erstklassig, in dieser Machart nicht zu überbieten.
      Musikalische Notwendigkeit: nicht vorhanden. Aber egal.

      Ich hätte mir nur gewünscht, dass zumindest die Sonate 14 irgendwie deutlich als experimentelle Version gekennzeichnet ist. Aber wolln wir mal nicht so streng sein. Die Scheibe ist ausgezeichnet gemacht, bravo an Julia Schröder und ihre Truppe. Wie schön wäre es gewesen, die ganzen Rosenkranz-Sonaten mit euch zu hören, und die Spezialversion von Nr. 14 als Zugabe.

      Keine direkte Kaufempfehlung von mir, aber absolute Hochachtung vor der Leistung.

      Für die Statistik: Stimmtonhöhe 415 Hz (Piazzolla in historischer Stimmung...?)
      Gruß,
      Khampan


    • Die Aufnahme mit Patrick Bismuth ist - jetzt recht preisgünstig - wieder erhältlich. Das Begleitensemble ist recht umfangreich und die Aufnahme gehört eher zu den virtuos extrovertierten. Wer diesen schönen, jetzt leider sehr ruhigen, Thread zu den Rosenkranzsonaten gelesen hat, weiss, dass diese Aufnahme sowohl auf Zustimmung, als auch Ablehnung gestossen ist. Mir gefällt sie, auch wenn sie nicht mein Favorit ist. Das ist noch immer die berührend schöne Aufnahme mit Alice Pierot, die Algabal in #129 so treffend beschrieben hat.
    • für Hörer mit tontechnischen Ansprüchen muss ich wieder mal meine "Warnung" vor der Bismuth-Aufmahme wiederholen. Aus tontechnischer Sicht ist es mir ein Rätsel, wie so etwas veröffentlicht werden konnte. Nun ja, wenn der Toningenieur gleichzeitig einer der Labelinhaber ist...
      Da gibt es beispielsweise in der Continuo-Orgel einzelne piano-Töne, die mit -3 dB zu Buche schlagen. Äh, hallo Tontechniker, aufwachen! Wie soll da ein Forte des Solisten dynamisch verwirklicht werden?

      Meine aktuellen Favoriten:

      Andrew Manze: Musik & Klang super; spartanisches Continuo - "nur" Orgel bzw. Cembalo (plus Cello, soweit vorgeschrieben)

      Julia Wedman: Musik super, Ausdruck und Tongebung der Solistin auf berührende Weise intensiv persönlich; Continuo teilweise etwas stereotyp; klanglich in Abhängigkeit von den Lautsprechern u.U. problematisch

      Rachel Podger: unglaubliche Schönheit von Ton und Ausdruck, phantastisches, einfallsreiches Continuo

      Lina Tur Bonet: lebendig, äußerst sympathisch (meine neueste Biber-Aufnahme, daher noch völlig verzaubert...)

      Auch empfehlenswert: Alice Pierot (tänzerischer Charakter, sagenhafter Klang; jedoch zahlreiche philologische Ungereimtheiten), Odile Edouard (Nachteil: extrem hohe, exotische Stimmung); Gunnar Letzbor.

      Abzuraten: Göbel (anti-mystisch), Bismuth (klangliches Desaster), Minasi (Hyper-Aktivismus statt Interpretation), Melkus (Wiederholungen nur nach Lust und Laune).

      Noch nicht gehört: Monica Huggett, Hélène Schmitt u.a.

      Alles nur meine persönliche Meinung.
      Gruß,
      Khampan
    • Da gerate ich schon ins Grübeln ob ich eine sechste Aufnahme der Rosenkranzsonaten brauchen kann...
      Die alte Aufnahme von Letzbor hatte ich auf die lange Bank geschoben bis sie nicht mehr erhältlich war. Wie ärgerlich...

      Diese nun sollte sich zu Manze, Holloway, Pierot, Maya Homburger und Florence Malgoire gesellen (alles auf sehr unterschiedliche Art großartige Einspielungen). Bevor sie wieder weg ist. Danke für den Tip!


      :)
      "Verzicht heißt nicht, die Dinge dieser Welt aufzugeben, sondern zu akzeptieren, daß sie dahingehen."
      (Shunryu Suzuki)
    • Die neue Einspielung hat aber offenbar mit der älteren sehr wenig gemein. Geht - so wie ich die Rez interpretiere - eher in Richtung Manze (wenn auch nicht gar so asketisch. Schon die bc-Besetzung ist bei GL2 ja verglichen mit Manze "üppig" ). Bin noch unschlüssig ob ich die kaufen werde. Ist ja auch derzeit so gar nicht meine Musikwelt...

      Adieu
      Algabal
      Keine Angst vor der Kultur - es ist nur noch ein Gramm da.
    • Algabal schrieb:

      Geht - so wie ich die Rez interpretiere - eher in Richtung Manze

      witzig, dieser Gedanke kam mir auch, als ich die Aufnahme bei Spotify laufen lassen habe. Leider konnte ich nur sporadisch genauer zuhören. Gefallen hat es auf jeden Fall, hervorzuheben wäre auch ein super schöner Klang, nicht so dumpf wie die frühere Aufnahme.
      Nr. 14 kam mir für meinen Geschmack etwas zu verjazzt vor, wie es gerade in Mode ist.
      Falsch machen tut man mit einem Kauf sicherlich nichts.
      Und ja, lieber Garcia, eine sechste Aufnahme braucht man ganz klar :)
      Khampan
    • Ich höre eben mal wieder die "Billigausggabe" (also für 8,99,das ist konkurrenzlos)



      Und ich muß wieder sagen daß ich diese Aufnahme sehr sehr liebe.

      Das mag vor allem mit der Aufnahmetechnik und dem Ort zu tun haben - - - toll die Violine bedienen tun sie ja alle :)

      Wenn ich diese Holloway höre dann sitze ich in einer kleinen Kapelle mit wunderbarer Akustik. Im Morgennebel. Das erste Tageslicht fällt durch gelbe und rote Fenster und erzeugt einen fahlen Schein. Atmosphärisch ist diese Aufnahme ohne Vergleich. Das Sprirituelle dieser Musik wird etwas intensiver beleuchtet als das Virtuose (ich mags so), aber die Virtuosität kommt nicht zu kurz. Sie steht eben hier im Dienst der Sache.

      Wer keinen Biber hat fange hier an. Und wer 16 Bibers hat aber nicht diese ergänze dies für kleines Geld aber mit großer Wirkung...

      Eine wunderbare traumschöne Aufnahme dieser wundervollen Musik :fee:



      :)
      "Verzicht heißt nicht, die Dinge dieser Welt aufzugeben, sondern zu akzeptieren, daß sie dahingehen."
      (Shunryu Suzuki)
    • Ich habe die Holloway-Aufnahme schon lange nicht mehr gehört, da sich die Damen (Pierot, H. Schmitt, Podger) immer vorgedrängelt haben. Und jetzt bin ich überrascht, wie wundervoll diese Aufnahme ist. Wie konnte ich sie fast vergessen! Danke, dass du mich an sie erinnert hast. Und du hast Recht, Garcia, jeder Biberfreund muss sie haben!
    • Da wurde ich auch neugierig auf Holloway, und habe in die Tube geguckt, und wurde fündig.

      Biber-Passacaglia - Holloway
      "https://www.youtube.com/watch?v=0i1oJAtllTk"

      Bei dieser Gelegenheit auch:

      Biber-Passacaglia - Podger
      ²youtube.com/watch?v=qRa-H9fMJC8²

      :wink:

      amamusica
      Ein Blümchen an einem wilden Wegrain, die Schale einer kleinen Muschel am Strand, die Feder eines Vogels -
      all das verkündet dir, daß der Schöpfer ein Künstler ist. (Tertullian)

      ...und immer wieder schaffen es die Menschen auch, Künstler zu sein.
      Nicht zuletzt mit so mancher Musik. Die muß gar nicht immer "große Kunst" sein, um das Herz zu berühren...