Mussorgski: "Boris Godunow" - Bayerische Staatsoper München, 13.02.2013

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    • Mussorgski: "Boris Godunow" - Bayerische Staatsoper München, 13.02.2013

      Wie ein Journalist zum Mörder wird – dies kann man z. B. in der Neuinszenierung der Mussorgsky-Oper „Boris Godunow“ erleben, die am Aschermittwoch an der Bayerischen Staatsoper in München Premiere hatte.

      Man entschied sich an der Isar für die mittlerweile nicht mehr ganz so selten auf den Bühnen anzutreffende „Urfassung“ des Werkes, was neben einer „originalen“ Instrumentierung vor allem eine Straffung der Handlung bedeutet – so fehlt beispielsweise der sog. „Polenakt“ und die damit verbundene Liebesgeschichte zwischen Marina und Grigorij komplett -, die stärker als in den bekannten Bearbeitungen die Figur des Boris in den Mittelpunkt rückt.

      Der „Ur-Boris“ ist ein Werk in sieben Bildern und erlaubt eine knapp 2 ½-stündige, pausenlose Aufführung, der das Münchener Premierenpublikum mit grosser Ruhe folgte.

      Die musikalische Realisation lag in der Verantwortung von Kent Nagano, die Szene betreute Calixto Bieito (Regie) und Rebbecca Ringst (Bühne), sowie Ingo Krügler (Kostüme).

      Bühnenbestimmend ist ein bunkerartiger, schwarzer Klotz, eine moderne Trutzburg gegen jeden Versuch der Aussenwelt, dort einzudringen, dessen Inneres die luxuriösen Wohn- und Arbeitsräume des Boris beherbergen, die durch einen raffinierten Klappmechanismus ausgefahren werden können. Ganz oben, auch weit weg vom Volk, gibt es einen Balkon für einsame Auftritte des Boris und der Klotz lässt sich drehen, sodass immer andere Räume die Handlungsorte illustrieren.

      Es sieht nicht gut aus, in dem Land, das uns der Regisseur Calixto Bieito präsentiert. Die Spaltung der Gesellschaft ist weit fort geschritten. Das Volk zeigt sich als verarmt, hungernd und enttäuscht von den politisch Verantwortlichen und ist verführbar für Heilsbringer unterschiedlicher Couleur. Bei einer Demonstration, es ist in München das erste Bild, das an diesem Abend zu sehen ist, halten die Menschen Transparente mit Bildern von z. B. Sarkozy, G. W. Bush, Putin oder Berlusconi hoch. Auf der anderen Seite gibt es die politische Klasse, der es ganz offensichtlich finanziell gut geht, die aber in Intrigen, in einem jeder gegen jeden, gefangen ist. Zwischen diesen beiden Gruppen eine paramilitärisch hochgerüstete Polizei, die mit brutaler Gewalt die öffentliche Ordnung aufrecht zu halten versucht.

      Effektvoll verkündet Staatssekretär Shuiskij die Wahl des neuen Staastoperhauptes aus dem Zuschauerraum heraus, die Menschen jubeln fähnchenschwingend in diese Richtung, während der grüblerische, in sich gekehrte Boris auf der Freifläche über dem Bunker im Dunkeln auftaucht.

      Dieses Gegeneinander vom Volk und den politischen Führern zeigt Bieito nicht nur im Kollektiv, sondern auch wie in einer Vergrösserung an einzelnen Individuen.

      Da ist Pimen, der Oppositionelle, der brisante Papiere bei sich trägt, die der Journalist Grigorij abfotografiert und da sind die Obdachlosen Varlaam und Missail mit der Wirtin, die ihren Hausstand auf einem Wagen mit sich führt und deren Tochter hart an einem sexuellen Missbrauch durch Missail vorbeischrammt, wofür nicht etwa der Mann, sondern das Kind brutal mit einem Gürtel geschlagen wird.

      Drastisch bringt der von Entdeckung bedrohte Journalist Grigorij einen Polzisten um, ebenso drastisch knallt die Wirtin dessen Kollegen nieder.

      Der völlige Gegensatz zum Elend der einfachen Leute dann die goldglänzenden Räume des Boris. Während Fjodor unbeschwert mit einer aufblasbaren Weltkugel wie weiland Charles Spencer Chaplin spielt, hat das Upperclassgirl Ksenija im weissen Pelzjäckchen wohl ein Alkoholproblem. Boris bemüht sich, ein vorzeigbarer Familienvater zu sein, die politischen Wirren, auch das Zweifeln an den eigenen Möglichkeiten, beschäftigen ihn allerdings zu stark, um jeder ihm zugedachten Rolle gerecht zu werden.

      Brutalität bestimmt auch unter den Anzugträgern den Alltag, Staatssekretär Shuiskij dürfte schon lange vor der körperlichen Attacke durch Boris die Zeit nach dem aktuellen, politischen Führer geplant haben.

      Das Volk versucht derweil die Trutzburg zu erobern, Molotowcocktails fliegen gegen die Wände, Schaden richten diese allerdings kaum an.

      Der schon schwer angegriffene Boris sieht in dem von Kindern misshandelten Narren ein Spiegelbild seiner selbst, mit der Papiermütze des Narren auf dem Kopf, steht Boris entsetzt an die Wand des schwarzen Klotzes gedrückt, erschossen wird aber von einem jungen Mädchen in diesem Bild auf Anstiftung durch Shuiskij hin der Narr.

      Die zerstrittene, politische Kaste hat wohl den Tod von Boris beschlossen. Der ist allerdings mittlerweile so kaputt, dass ihn der Herztod ereilt. Seine Familie wird, ohne das jemand eingreift, durch den Journalisten Grigorij ermordet.

      Bieitos erstaunlich disziplinierte Inszenierung schafft es, dass man seiner Erzählung der Geschichte gespannt folgt. Es gibt am Anfang etwas langatmige Arrangements, die aber im Gesamtgefüge des Abends zu bestehen vermögen. Grosser Pluspunkt dieser Regiearbeit ist die Personenführung, ganz besonders im Falle der Zeichnung der Titelfigur, hier wird der Verfall des Boris stark in den Vordergrund gerückt.

      Und München verfügt mit Alexander Tsymbalyuk als Boris über einen noch jugendlich wirkenden, ausgezeichneten Darsteller für diese Rolle, der die Entwicklung des Boris nachhaltig zu beglaubigen versteht. Dazu kommt, das Tsymbalyuk auch sängerisch mit seinem ausgeglichenen, perfekt abgetönten und ausdrucksstarken Bass sehr für seine Leistung einnimmt.

      Gut gesungen wird auch in den übrigen Partien. So steht mit Anatolij Kotcherga ein erfahrener Sänger als Pimen zur Verfügung, der darstellerisch etwas gebremst wirkt. Vladimir Matorin steuert als Vaarlam einen volltönenden Bass bei und Sergeij Skorokhodov zeigt einen klangvollen Tenor als Grigorij.

      Überzeugend Gerhard Siegel als Shuiskij, der Sänger mit dem interessanten Rollenprofil zwischen Stolzing, Tristan, Mime, Klaus Narr und Aegisth., souverän Bariton Markus Eiche als Shtshelkalov und darstellerisch deutlich aufgewertet der Mitjucha des jungen Sängers Tareq Nazmi, von dem man gerne mehr hören würde.

      Erwähnenswert noch die Sänger Ulrich Reß als Missail und Kevin Connors als Narr, sowie die Sängerinnen Yulia Sokolik als Ksenija und Eri Nakamura als Fjodor, sowie als eindrückliche Wirtin Okka von der Damerau.

      Chorleiter Sören Eckhoff kann mit der Leistung seines vielfältig geforderten Chores sehr zufrieden sein und die Qualität des Orchesters verdient ein dickes Lob.

      Kent Nagano leitet diesen Abend mit starkem, persönlichen Einsatz. Das Klangbild ist transparent und klar, angeschärft und präsent auch in den Nebenstimmen, wunderbar in den herausgestellten Details, manchmal fast nüchtern kommentierend, nie schwerfällig und dick – bräuchte der „Ur-Boris“ einen Fürsprecher, Kent Nagano wäre dafür die erste Wahl.

      Das Münchener Publikum feierte diesen sehens- und hörenswerten Abend begeistert. Besonders der Titelrolleninterpret durfte sich über starken Zuspruch freuen, aber auch die anderen Sängerinnen und Sänger wurden vielfach mit Ovationen bedacht, über die sich auch der Chor, das Orchester und besonders Kent Nagano freuen durften.

      Dass auch das Regieteam um Calixto Bieito nur starken Beifall und keinerlei Missfallensbekundungen entgegen nehmen konnte, ist nicht immer eine Selbstverständlichkeit. Die Annerkennung seiner Regiearbeit durch das Münchener Publikum sei ihm von Herzen gegönnt.
      Der Kunst ihre Freiheit
    • Lieber Alviano,

      ganz herzlichen Dank, dass Du Dir wieder so große Mühe mit der Rezension dieses bemerkenswerten Abends gemacht hast. Es war wohl doch ein Fehler erst einmal abzuwarten wie die Reaktionen sein werden, um dann erst eine Karte zu besorgen. Jetzt habe ich nur noch einen Hörerplatz bekommen, aber auch darauf freue ich mich, denn musikalisch hat mich die Übertragung schon total in ihren Bann gezogen. Die Solisten waren eigentlich alle großartig und sicher ihrer Rolle angepasst, aber auch Chöre und Orchester brachten diese düstere und brutale Welt und Atmosphare voll rüber. Selten hat mich eine Oper, noch dazu für mich ganz fremd, von Anfang bis Ende so in ihren Bann gezogen, was ich echt nicht erwartete.

      :wink: Ingrid
    • Lieber Alviano,

      vielen Dank für Deinen Bericht, der (wie immer) ein wesentlich lebendigeres und zutreffenderes Bild der Inszenierung vermittelt als das meiste, was man sonst so zu lesen bekommt. Den Vogel schießt die dutzendfach abgedruckte dpa-Meldung ab, die mit der Überschrift "Boris Godunow in der aktuellen Finanzkrise" den Eindruck einer eindimensionalen, aufs tagespolitische beschränkten Aktualisierung erweckt - was Blödsinn ist. Der Verfasser der Meldung hat das wohl aus einem Gespräch mit Bieito abgeschrieben, das man im Blog der Bayerischen Staatsoper nachlesen kann - auf der Bühne ist davon nichts zu sehen. Bieito geht es viel allgemeiner um das Verhältnis zwischen Herrschern und Beherrschten, und um Mechanismen der Macht.

      Und dieses Konzept geht auf. Auch wenn ich den Anfang etwas zäh fand: Die Gewalt der Polizeitruppe gegen die Menschen im Prolog dreht sich unmotiviert in einer Schleife und lies bei mir nach kurzer Zeit ein wenig Langeweile aufkommen, und auch die Szene Pimen-Grigorij gerät etwas statisch. Was aber auch daran liegen mag, dass Anatolij Kotcherga zwar sängerisch überzeugen kann, aber nicht unbedingt der größte Darsteller vor dem Herren ist.

      Danach aber kriegt Bieito die Kurve und der Abend entwickelte sich zu einer konzentrierten und intensiven Aufführung, die den leicht zähen Beginn schnell vergessen ließ. Im Zentrum steht Alexander Tsymbalyuk als Boris, ein ganz famoser Darsteller, der bis zur völligen körperlichen Verausgabung in seiner Rolle aufging und auch sängerisch ein eindringliches Portrait der Titelfigur zeichnete. Der Name des Sängers war mir völlig unbekannt - eine große Entdeckung!

      Die Wahl der Urfassung verstärkt deutlich die Konzentration auf die Person des Zaren. Und so sehr ich den hier fehlenden Polenakt musikalisch eigentlich mag: Stringenter und spannender ist die Urfassung vielleicht schon.

      Zu Nagano, zu Chor und Orchester und zu den übrigen Sängern hat Alviano schon alles gesagt. Eine wirklich zu empfehlende Produktion, und sicher die beste Premiere seit langem an der Bayerischen Staatsoper.

      :merli: Michel
      Es gibt kaum etwas Subversiveres als die Oper. Ich bin demütiger Diener gegenüber diesem Material, das voller Pfeffer steckt. Also: Provokation um der Werktreue willen. (Stefan Herheim)
    • Andernforums erklärte eine kaiserliche Majestät ja anläßlich dieser Aufführung:"Eine solche Produktion würde ich schon deswegen nicht besuchen, weil sich dort immer mehr Gestalten herumzutreiben scheinen, die man früher dem Dienstpersonal zurechnete.". Meinte er nun im Publikum oder auf der Bühne? Und warum exkludierte er sich da automatisch...?
      Ein Mann, der kleine Kinder und Hunde haßt, kann kein so schlechter Mensch sein. (W. C. Fields)
    • Le Merle Bleu schrieb:

      vielen Dank für Deinen Bericht, der (wie immer) ein wesentlich lebendigeres und zutreffenderes Bild der Inszenierung vermittelt als das meiste, was man sonst so zu lesen bekommt. Den Vogel schießt die dutzendfach abgedruckte dpa-Meldung ab, die mit der Überschrift "Boris Godunow in der aktuellen Finanzkrise" den Eindruck einer eindimensionalen, aufs tagespolitische beschränkten Aktualisierung erweckt - was Blödsinn ist.
      Um die schreibende Zunft etwas in Schutz zu nehmen, sei auf die tolle Kritik des "Boris" in der Print-SZ (ich meine von Wolfgang Schreiber) heute verwiesen. Ich habe sie vor lauter Begeisterung direkt im Zug liegenlassen, aber die war wirklich fantastisch geschrieben und hat auf engstem Raum einen schönen Überblick gegeben. Hoffentlich taucht die auch bald online auf.. In jedem Fall war der Rezensent restlos begeistert, lobte besonders den Solisten und Nagano und fand Bieitos "milde" Inszenierung nur logisch, da doch die "nihilistische" Weltsicht Mussorgskys genau der Bieitos entspreche. Da müsse der vermeintliche Skandalregisseur keinen großen Skandal mehr verursachen, er sei sich mit der Musik einig. Auch die Urfassung wurde ausdrücklich gelobt, die später hinzugefügte Liebesgeschichte sei eh bemüht, usw. usf..

      Dagegen finde ich Maurós Text online deutlich weniger schön:
      "http://www.sueddeutsche.de/muenchen/boris-godunow-an-der-staatsoper-skandalregisseur-inszeniert-erstaunlich-brav-1.1600147"
    • Die gestrige 2. Vorstellung wurde übrigens gefilmt - die Aufzeichnung wird es bei MEZZO und Arte-Live-Web zu sehen geben, und eine Veröffentlichung auf Bluray/DVD ist ebenfalls geplant.
      Es gibt kaum etwas Subversiveres als die Oper. Ich bin demütiger Diener gegenüber diesem Material, das voller Pfeffer steckt. Also: Provokation um der Werktreue willen. (Stefan Herheim)
    • Vorstellung am 2.3.13

      Der Verfall der Münchner Gesellschaft schreitet fort :D: Vor der letzten, wiederum ausverkauften Vorstellung der Premierenserie wurde man vor dem Nationaltheater von zahlreichen Kartensuchenden regelrecht bedrängt.

      Wie schon oben beschrieben: Bieitos Inszenierung brauchte eine gewisse Zeit, immerhin bis zur vierten Szene, um richtig in Fahrt zu kommen. Dann aber sah ich eine der stärksten Inszenierungen, die ich in letzter Zeit erlebt habe: Höhepunkt war das ungeheuer intensive Kammerspiel der fünften Szene in der ausgedehnten Zarenwohnung. Wenn Boris seiner alkoholisiert-depressiven Tochter, die er gerade noch fortgeschickt hatte, seine Verzweiflung beichtet und dabei zunehmend die Kontrolle über sich verliert. Wie die Konfrontation zwischen dem Zaren und Schuiskij, zwischen physischer und psychischer Gewalt, durchkomponiert ist. Wie selbst eine Nebenfigur wie die Amme ein eigenes Minidrama aufführt. Insgesamt zeigt Bieito, wenn er immer wieder mit Korrespondenzen spielt, dass er alles andere als ein Effektregisseur ist: die Tochter der Schankwirtin, die den Gottesnarren quält und erschießt, so wie ihre Mutter den Polizisten erschossen hat. Der Zarewitsch , hier ebenfalls ein Mädchen, der mit dem Globus wie mit einem Kreisel spielt, wenn Schuiskij vom Kreisel in der Hand des ermordeten Zarewitsch erzählt. Der Zar, der sich in der Schlusszene unter dem Tisch verkriecht, so wie sich die Tochter der Schankwirtin unter dem Marketenderinnenwagen ihrer Mutter versteckt hatte.

      Nagano nimmt die rauhen Klänge der Urfassung nicht zum Vorwand, besonders die Härten der Musik herauszuknallen: Die Spannweite reicht von zartesten Klängen bis hin zu den genau dynamisierten Ausbrüchen (die Schreie des Volks nach Brot in der Szene vor der Basilius-Kathedrale). Und die Ballade Warlaams war nicht "unflexibel" begleitet, wie die FAZ-Rezensentin zu hören vermeinte, sondern im Gegenteil bei den einzelnen Strophen genau zwischen maschinengewehrartigem Rattern und chromatischem Schleichen differenziert. Nicht nur hier ist mir wieder aufgefallen, wie stark Bieito eine eigene Geräuschregie entwickelt: Warlaam präfiguriert vor der Ballade mit einem brutalem Jauchzer die pfeifenden Figuren der Holzbläser, und während der Ballade rhythmisieren die Schläge, mit denen die Wirtin ihre Tochter traktiert, die Musik zusätzlich. Auch bei der Krönungsszene erhält das ohrenbetäubende Glockengeläut einen Kontrapunkt durch die Geräusche, mit denen die Soldaten mit ihren Schlagstöcken die Eisengitter bearbeiten.

      Wunderbares Orchesterspiel, von der wilden Virtuosität bei der Warlaam-Ballade über die bruitistischen Klänge bis zum Verlöschen der Musik beim quälend langsamen Tod des Zaren. Fantastischer Chor, wie schon länger nicht mehr in München. Und die Qualität der Sängerinnen und Sänger war durchgehend hervorragend, ohne eine einzige schwächere Leistung. Ich hebe nur noch einmal Tsymbalyuk in der Titelrolle hervor: nicht nur ein glänzender Darsteller, sondern auch bei größter stimmlicher Expansion ein begnadeter Belcantist, ohne alle veristischen Mätzchen, an die man sich bei dieser Rolle so gewöhnt hat.


      Le Merle Bleu schrieb:

      Die Wahl der Urfassung verstärkt deutlich die Konzentration auf die Person des Zaren. Und so sehr ich den hier fehlenden Polenakt musikalisch eigentlich mag: Stringenter und spannender ist die Urfassung vielleicht schon.


      So faszinierend konzentriert ich die Urfassung von 1869 finde, so gespalten bin ich doch bei der Fassungsfrage: Ich vermisse weniger den Polenakt als das abschließende "Revolutionsbild" in seiner entfesselten Brutalität. Die Verschiebung des Akzents von der Titelfigur auf die Kollektive bzw. das Kollektiv ist in gewisser Weise schon eine Radikalisierung.

      Auch sonst unterscheidet sich die Musik der 1869er-Fassung vielfach von der 1874er: etwa in der Wahnsinnsszene des Zaren, die in der späteren Fassung mit dem Glockenspiel noch ausgedehnter und beeindruckender ist.


      Viele Grüße

      Bernd
      Details are always welcome. (Vladimir Nabokov)
    • Bei Arte Live Web kann man sich die Münchner Produktion jetzt vollständig anschauen und anhören:

      "http://liveweb.arte.tv/de/video/Boris_Godunow_in_der_Bayerischen_Staatsoper/"


      Viele Grüße

      Bernd
      Details are always welcome. (Vladimir Nabokov)
    • Nur noch eine Woche bei Arte Live Web zu sehen:

      "http://liveweb.arte.tv/de/video/BorisGodunow_BayerischeStaatsoper__CalixtoBieito_KentNagano/"

      Hab's gerade angeschaut, absolut packende Inszenierung, mehr dazu ein ander mal ...

      DiO :beatnik:
      "Wer Europa in seiner komplizierten Verschränkung von Gemeinsamkeit und Eigenart verstehen will, tut gut daran, die Oper zu studieren." - Ralph Bollmann, Walküre in Detmold
    • Ingrid schrieb:

      Diabolus in Opera schrieb:

      Nur noch eine Woche bei Arte Live Web zu sehen:


      Man muss sich offensichtlich anmelden, um etwas sehen zu können und ist das kostenpflichtig?

      :wink: Ingrid


      Weder noch. Keine Anmeldung und es kostet auch nichts. Wie kommtst Du darauf?

      DiO :beatnik:
      "Wer Europa in seiner komplizierten Verschränkung von Gemeinsamkeit und Eigenart verstehen will, tut gut daran, die Oper zu studieren." - Ralph Bollmann, Walküre in Detmold
    • Lieber DIO,


      es tat sich zwar das Fenster von Arte Live Web auf, aber eben mit einem Anmeldeformular, was mich etwas verunsicherte. Erst spät am Abend versuchte ich es erneut und da war es dann plötzlich kein Problem mehr, diese Inszenierung anzusehen....hätte ich nicht so einen schwachen Laptop, der immer bei Filmen nach spätestens einer halben Stunde zusammenbricht und ich ewige Zeiten brauche, um ihn wieder in Gang zu setzen.

      In weiser Voraussicht habe ich mir dann nur Häppchen rausgesucht und vorallem den Schluss (den ich dann aber auch nicht mehr ganz sehen durfte), da ich ja im Opernhaus auf der li. Seite stand, die den Scheinwerfer voll abbekam (was auf den Aufnahmen sehr gut wirkte) und da ist man einfach so schmerzhaft geblendet, dass man den Zusammenbruch und Tod von Boris und seiner Familie nur noch akustisch verfolgen kann. Dass seine Familie umgebracht wurde, sah ich jetzt ja auch nicht und ist vielleicht gut so. Tsymbalyuk ist, neben seiner so unglaublich ausdrucksstarken und variablen Stimme, auch ein begnadeter Schauspieler, gerade in dieser Szene.

      Kann es evtl. sein, dass Bieito einen großen Teil des Publikums bewußt quählte, damit sie die Leiden des Boris besser nachvollziehen können? War nur so ein Gedanke, obwohl man ja jetzt immer häufiger vom Einsatz dieser Blendmittel hört (DG in Zürich, auch beim Trovatore in München) oder sieht und sie deshalb vielleicht tatsächlich nicht nur ohne Rücksicht auf Verluste eingesetzt werden?

      Herzliche Grüße

      Ingrid
    • Liebe Ingrid,

      eigenartig, nachdem ich Deinen Post gelesen hatte bin ich am Abend beim Anschauen einer anderen Oper auf Arte Live Web auch zum ersten Mal dieser Merkwürdigkeit mit dem Anmeldeforumlar begegnet, als ich aus dem Vollbild in den Kleinbild-Modus umgeschaltet habe. Zum Glück konnte ich die Einblendung einfach wegklicken und es lief ganz normal weiter.

      Zum Boris: Ja, Tsymbalyuk war auch schauspielerisch grandios, das war ein richtiger Psycho-Thriller! Es ist schon erstaunlich welche Darstellungskünste manche Opernsänger besitzen während andere mehr oder weniger "singende Kleiderständer" sind. :D

      Natürlich kann es sein, dass (gerade) Bieito die Scheinwerfer dementsprechend eingesetzt hat. Wenn Du aber einen günstigen Platz irgendwo an der Seite hattest, dann war es vielleicht auch keine Absicht, das sind oft auch "Kollateralschäden". Da ich nur die Übertragung gesehen habe, kann ich dazu aber nicht wirklich was sagen.

      DiO :beatnik:
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    • Lieber Dio,

      es bekam auch die Königsloge und andere teure Plätze die volle Bestrahlung ab und deshalb denke ich mir fast, es könnte Absicht gewesen sein. Da war nur die re. Seite (egal welche Preisklasse) etwas besser dran, da sie nur kurze Zeit in den "Genuss" kamen, als sich die Bühne endlich etwas drehte.

      Ich werde mir jetzt einfach noch einmal den Schluss reinziehen, denn diese Szenen sind, durch Tsymbalyuk, wirklich grandios.

      Noch ein schönes Wochenende

      wünscht Ingrid
    • Kurz vor der Wiederaufnahme des Münchner Boris, jetzt mit Kirill Petrenko am Pult, kommt die DVD der Premierenserie heraus:



      Kann auch über die konkrete Produktion hinaus einen gewissen Repertoirewert für sich beanspruchen, weil die 1869er-Fassung auf (Bild-)/Tonträgern sonst kaum vertreten ist.


      Viele Grüße

      Bernd
      Details are always welcome. (Vladimir Nabokov)
    • Hallo zusammen,

      gut zwei Jahre nach meinem ersten Besuch dieser Inszenierung (damals mit Kent Nagano am Pult und Anatoli Kotscherga in der Titelrolle) habe ich am Samstag das Staatsoperndebüt von Vasily Petrenko und die Rückkehr von Alexander Tsymbaluk in die Titelrolle genutzt, um noch einmal Mussorgskys berühmteste Oper zu erleben. Der direkte Vergleich zwischen Kotscherga und Tsymbaluk geht sehr eindeutig zugunsten des jüngeren Sängers aus: alles, was hier an Lobendem über seine sängerschauspielerische Leistung geschrieben ist, kann ich hundertprozentig bestätigen. Tsymbaluk ist ein bewegender, weil vielschichtiger Boris, er wurde auch am Samstag mit Beifallswellen überschüttet.

      Recht gespannt war ich auf Vasily Petrenko, den ich zum ersten Mal live erlebt habe. Seine Lesart ist wesentlich direkter, vieles der von Nagano geforderten Transparenz des Klanges (sowohl beim Chor als auch beim Orchester) klang kräftiger-erdiger, vermutlich darf man sagen, russischer. Es gab nur wenige Wackler zwischen Bühne und Orchester, am ausgeprägtesten beim Tenor Maxim Paster in der Rolle des Schuiskij. Grundsätzlich war ich sehr angetan vom recht zügigen Dirigat Petrenkos, der sehr viel trockener und anpackender an das Stück herangeht als Nagano. Ich kann den Besuch der weiteren Vorstellungen (heute und am kommenden Freitag) in dieser Vorstellungsserie also nur nahelegen. Erfreulicherweise sind für Januar/Februar 2017 weitere Aufführungen geplant, dann soll Marko Letonja sein Staatsoperndebüt am Pult geben, leider ohne Tsymbaluk in der Titelrolle.

      Gruß Benno