Vollmer: "Lola rennt" (UA) - Theater Regensburg, 13.03.2013 (Premiere 28.02.2013)

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    • Vollmer: "Lola rennt" (UA) - Theater Regensburg, 13.03.2013 (Premiere 28.02.2013)

      Tom Tykwers "Lola rennt" ließ Ende der 90er-Jahre den lange in der Belanglosigkeit dahindümpelnden Deutschen Film endlich wieder mal als Innovationsmotor ins internationale Rampenlicht treten. 15 Jahre nach Tykwers Sensationserfolg mit Franka Potente und Moritz Bleibtreu griff nun der Komponist Ludger Vollmer, der zuletzt auch schon Fatih Akins Film "Gegen die Wand" vertonte, im Auftrag des Theater Regensburg auf den Stoff zurück und machte daraus eine 90-minütige Oper (Libretto: Bettina Erasmy). Unter der musikalischen Leitung von Arne Willimczik und in einer Inszenierung von Schirin Khodadadian feierte das Stück nun kürzlich seine Uraufführung in der bayerischen Domstadt.

      Wer den Film kennt, der mag sich leicht die Frage stellen, warum man ausgerechnet "Lola rennt" als Stoff ausgesucht hat. Sicher, der Titel ist bekannt und somit ein potentieller Zuschauermagnet. Stil und Struktur des Films scheinen jedoch geradezu antipodisch zur Gattung Oper zu stehen: Während Tykwers Film auf stakkato-artige Schnitte, Splitscreen-Effekte, treibende Beats und eine rasante Echzeit-Szenerie setzt, spannt die Oper in aller Regel größere dramatische Bögen, in denen die Zeit gedehnt und Langsamkeit entdeckt wird. Insofern wäre es sicherlich verkehrt, von Vollmers Oper den gleichen Adrenalinkick zu erwarten. Doch wie heißt es so schön: Gegensätze ziehen sich an! Und so kann man auch nach der Aufführung feststellen, dass das Experiment durchaus gelungen ist, sowohl musikalisch, als auch szenisch.

      Bei bereits geöffnetem Vorhang kann man auf der Bühne als zentrales Motiv zwei kreis-förmige, leicht versetzte Regalkonstruktionen aus Metall erkennen, in die jeweils eine Drehtür eingelassen ist und die später bei entsprechender Beleuchtung und Bewegung eine Art Schattenmobile an die Rückwand werfen. In/über den Regalen sind Schilder angebracht, die auf die aus dem Film bekannten wichtigen Örtlichkeiten Supermarkt, Bank und Casino hinweisen. Auf der Bühne und in den Regalen befinden sich kleine Leuchtkästen mit den Namen der Protagonisten, in der Bühnenmitte hängt von oben herab eine Metallplattform, auf die die Übertitel projiziert werden. Noch während das Publikum Platz nimmt, kommen der Chor und Lola auf die Bühne. Die Oper beginnt mit einem Chor, der auf den philosophisch angehauchten Prolog des Films aufbaut: "Der Mensch - die wohl geheimnisvollste Spezies unseres Planeten, ein Mysterium offener Fragen. Wer sind wir? Woher kommen wir? Wohin gehen wir?". In der Folge wird analog zum Film die Geschichte von Lola und Manni dreimal hintereinander mit jeweils unterschiedlichem Ausgang (Lola stirbt/Manni stirbt/Happy End) erzählt, dazwischen sinniert das Paar in ruhigeren Intermezzi über Liebe, Leben und Zufall/Nicht-Zufall. Ausgangspunkt der Story: Lolas Freund Manni, ein Kleinkrimineller, hat als Courier für seinen Boss Ronnie eine Tasche mit 100.000 Mark versehentlich in der U-Bahn liegen lassen, wo sie ein Obdachloser findet und an sich nimmt. Wenn Manni in 20 Minuten seinem Boss nicht die 100.000 übergibt, ist er ein toter Mann. Manni ruft Lola an und die beiden suchen verzweifelt einen Ausweg ...

      Khodadadian nutzt die Regale nun hauptsächlich auf zwei Arten, um ein kinetisches Moment in die Szenerie zu bringen: Zum einen drehen sich die beiden Regalkreise öfters in entgegengesetzter Richtung und schaffen so eine vorbeiziehenden Hintergrund, mit dem die Akteure (inter-)agieren; zum anderen dienen sie als veritables Klettergerüst. Auf eine rennende Lola muss zunächst verzichtet werden, was etwas irritiert, zumal Vera Semieniuk in der Titelpartie einige Minuten Anlauf braucht, um die nervöse Körperspannung der Figur wirklich in den Zuschauersaal zu senden. Erst kurz vor Schluss, nachdem diverse sängerische Strapazen überstanden sind, nimmt Lola dann doch die Füße in die Hand und rennt ...
      Ein weiteres zentrales Thema des Stoffes ist die Zeit. Musikalisch immer wieder durch die bohrende Rhythmik einer tickenden Uhr unter Verwendung von Klanghölzern präsent, gelingt Khodadadian am Ende dazu auch eines der beeindruckendsten Bilder des Abends: Die Metallplattform, die zuvor als Projektionsfläche für die Übertitel fungierte, schwingt mit Lola und Manni an Bord wie ein riesiges Uhrenpendel sanft hin und her. Eine interessante Variation zum Film, die allerdings unter spannungs-dramaturigischen Gesichtspunkten nicht ganz unproblematisch ist, ist die exponierte Rolle des Obdachlosen im dritten Durchlauf, der dort eine Art "Arie" bekommt und als Figur mit eigener Stimme und Geschichte etabliert wird, während er im Film nur wenige Worte spricht und lediglich am Rande auftaucht. Im Gegensatz zur 2. Runde, in der das Geschehen manchmal etwas dahinplätschert, wissen Runde 1 und 3 zu fesseln und man darf Khodadadian eine gelungene szenische Bühnenrealisierung bescheinigen. Selbiges gilt auch für die Komposition von Ludger Vollmer, dem es gelungen ist, eine Klangsprache für "Lola rennt" zu entwickeln, die sich vom Soundtrack des Films - wenig überraschend - stark unterscheidet (es wurde auch keine elektronische Tonerzeugung verwendet, wie man vielleicht hätte vermuten können), dennoch das Pulsierende immer wieder gekonnt einfängt. Die Percussions-lastige, mit Sprechpassagen durchzogene Musik ist zwar reich an Dissonanzen und grellen Dynamikwechseln, kehrt aber auch immer wieder in harmonische Bereiche zurück, die zumindest demjenigen, der beispielsweise mit Schostakowitsch oder den Filmmusik-Kompositionen in dessen Nachfolge etwas anfangen kann, zugänglich sein sollten. Auch mit rhythmischen Mustern holt einen der Komponist öfter einmal im Tonsturm ab. Zu Beginn der 3. Runde gibt es dann sogar klassisch-tänzerische Anklänge à la Mozart, die jedoch vornehmlich auf das Orchester beschränkt bleiben und kaum in die Gesangslinien eingehen. Als teilweise etwas arg strapazierend stellt sich die Tessitura für die Rolle der Jutta (die Affäre von Lolas Vater) heraus und bei Manni hätte man sich manchmal gewünscht, dass er nicht permanent im forte singt (wobei sich hier natürlich die Frage stellt, inwieweit dies in Partitur angelegt ist, bzw. am Sänger liegt). Eine kleine Enttäuschung ist vielleicht auch Lolas berühmter Schrei, mit dem sie im Film Glas zerbersten lässt, bzw. die Roulett-Kugel anfeuert und der eindeutig in der Sopran-Lage schwirrt, hier aber bei einem Mezzo gelandet ist, dem in der Höhe der grelle Glanz fehlt, dem man vom Film im Ohr hat. Aber letztlich ist dieser Punkt nur eine Lapalie. Ob das Ganze auch bei mehrmaligem Hören bleibende Qualitäten entwickelt, vermag ich nach der ersten Begegnung jedoch noch nicht abschließend zu beurteilen, bin aber eigentlich ganz optimistisch gestimmt.

      Sängerisch wird in Regensburg Erstaunliches geboten. Besonders hervorzuheben ist der Chor, der präzise und intonationssicher mit homogenem und präsentem Klang agiert. In der Titelpartie kann Vera Semieniuk auch ohne feuerrote Haare, dafür mit schönem Mezzo überzeugen, schauspielerisch braucht sie allerdings einige Minuten Anlaufzeit, um auf Betriebstemperatur zu kommen und die Figur mit der richtigen Körperspannung auszustatten. Seymur Karimov als Manni weiß mit seinem volltönenden und tragfähigem Bariton zu glänzen, differenziert jedoch zu wenig. Das fast ständige Dauer-Forte ermüdet stellenweise etwas, auch wenn seine Figur natürlich unter Strom steht. Mario Klein als Lolas Vater steigt hervorragend mit einem kräftigen, runden Bass ein, schwächelt zwischendurch dann merkwürdigerweise etwas, findet jedoch wieder in die Spur zurück. Aurora Perry meistert die von der Tessitura her schwierige Partie der Jutta sehr ordentlich - dass einige schnelle Spitzentöne etwas dünn klingen, ist da zu verzeihen. Adam Kruzel als Obdachloser macht seine Sache ausgesprochen gut und hat auch so einige Lacher auf seiner Seite. Ein Lob verdient auch das Orchester unter der Leitung von Arne Willimczik.

      Insgesamt eine runde und interessante Sache, die mehr ist als ein bloßer Abklatsch des Films. Das Stück weiß zwar nicht durchgehend auf gleichem Niveau zu fesseln, hat aber einige starke Passagen und ich überlege ernsthaft, ob ich es mir noch ein zweites Mal anschaue. Auf jeden Fall eine Empfehlung.

      Ausschnitte aus der Produktion gibt es hier zu sehen:

      "http://www.youtube.com/watch?v=jluHYbI1x6w"
      "http://www.youtube.com/watch?v=b2fkc92Gb_g"
      "http://www.youtube.com/watch?v=4TMWf_D72Ug"

      DiO :beatnik:
      "Wer Europa in seiner komplizierten Verschränkung von Gemeinsamkeit und Eigenart verstehen will, tut gut daran, die Oper zu studieren." - Ralph Bollmann, Walküre in Detmold