"Multiplicidad y relación" - Konzert des Ensembles TEMA mit Werken von Kim, Schönberg, Rihm, Przybylski und Codera-Puzo - Karlsruhe, 13.4.13 - DISKUSSION

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    • "Multiplicidad y relación" - Konzert des Ensembles TEMA mit Werken von Kim, Schönberg, Rihm, Przybylski und Codera-Puzo - Karlsruhe, 13.4.13 - DISKUSSION

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      Liebe Capricciosi,

      unübersehbar wird seit letzter Woche auf der Portalseite unseres Forums ein Konzert angekündigt, das aus den Mitteln des Capriccio-Trägervereins gefördert wird. Dieser Thread soll vor und nach dem 13. April dem Gespräch über das Konzert dienen. Eine Besonderheit ist die Teilnahme der Musiker vom Ensemble TEMA an dieser Diskussion: Fragen nach der "richtigen" Interpretation, nach der Komponistenintention, nach der Rolle der zeitgenössischen Musik usw. werden hier also auch aus der Perspektive der ausführenden Interpreten beleuchtet.


      Zunächst noch einmal die Ankündigung des Konzerts mit Termin, Ort, Programm und anderen wichtigen Informationen:

      Die Capriccio Gesellschaft zur Förderung von klassischer Musik und Kultur e.V. betreibt aus Vereinsmitteln nicht nur das Capriccio-Kulturforum, sondern fördert satzungsgemäß auch kulturelle Veranstaltungen.

      Wir möchten an dieser Stelle auf ein durch den Verein gefördertes Projekt hinweisen: Am Samstag, 13.4.2013 findet um 19 Uhr im Albert-Schweitzer-Saal (Gemeindesaal der Christuskirche) in Karlsruhe ein Konzert im Rahmen der Capriccio Kulturförderung statt.

      Das Karlsruher Ensemble TEMA spielt das folgende Programm unter dem Motto „Multiplicidad y relación“, bei dem Werke von Wolfgang Rihm und von drei seiner Schüler sowie von Arnold Schönberg zur Aufführung gelangen:

      Heera Kim: Minuscape (2010) für Flöte, Klarinette, Saxophon, Violine, Violoncello, Schlagzeug und Klavier
      Arnold Schönberg: Phantasy (1949) für Violine und Klavier
      Wolfgang Rihm: Über die Linie VI (2004) für Altflöte, Violine und Violoncello
      Dariusz Przybylski: 5 pièces en concert op. 37b (2007) für Altsaxophon, Violoncello und Klavier
      Luis Codera-Puzo: Multiplicidad y relación (2012, Uraufführung) für Altflöte, Bassklarinette, Violine, Violoncello, Schlagzeug und Klavier

      Registrierte Capriccio-Mitglieder haben die Möglichkeit,
      1. das Konzert in Karlsruhe kostenlos zu besuchen (der Albert-Schweitzer-Saal befindet sich gegenüber der Christuskirche in der Reinhold-Frank-Str. 48a, 76133 Karlsruhe, unmittelbar bei der S-Bahn-Station Mühlburger Tor);
      2. das Konzert anschließend per Download im Forum zu erleben;
      3. vor und nach dem Konzert mit einigen Mitgliedern des Ensemble TEMA, die sich bei Capriccio registriert haben, über die Musik und ihre Interpretation online zu diskutieren.

      Wir sind sehr gespannt auf unsere Kooperation mit dem Ensemble TEMA, die bald in einem weiteren Konzert fortgesetzt werden soll. Über eine rege Beteiligung möglichst vieler Capricciosi - auch solcher, die sich bisher wenig oder gar nicht mit zeitgenössischer Musik beschäftigt haben - würden wir uns im Sinne der Projektidee sehr freuen.



      Viele Grüße

      Bernd
      Details are always welcome. (Vladimir Nabokov)
    • Vor dem Konzert

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      Schon jetzt gibt es eine Reihe von Fragen, über die man - durchaus kontrovers - diskutieren könnte:

      Programmatische Konzeption: Ist das Lehrer-Schüler-Paradigma heute immer noch oder vielleicht gerade heute so zentral, dass es sich als Leitlinie der Konzeption eines Konzerts anbietet? Ist das Lehrer-Schüler-Verhältnis im vorliegenden Fall ein deutlich erkennbares? Ein unproblematisches? Ein durch Absetzung und Opposition gekennzeichnetes? Warum Schönbergs Spätwerk in diesem zeitgenössischen Kontext? Worin besteht seine "relación" zum Rest des Programms?


      Programmabfolge: Warum diese Reihenfolge der Stücke? Es ist weder eine chronologische noch eine, die von der Instrumentalbesetzung vorgegeben ist. Gibt es eine Dramaturgie mit der Uraufführung am Ende? Oder ist gerade die Vermeidung einer konventionellen Dramaturgie beabsichtigt?


      Erarbeitung der Werke und Proben: Werden die Werke vor den Proben aus der Partitur analysiert? Oder gehen Analyse und Lernen des Instrumentalparts Hand in Hand? Wie oft wird geprobt? Wie stark mischen sich die lebenden Komponisten, insb. bei der Uraufführung, in die Interpretation ihrer Werke ein? Und gibt man ihrem Willen nach? Oder werden vielmehr die Instrumentalparts umgeschrieben, wenn sie sich als extrem schwierig oder gar undurchführbar erweisen?


      Werke: Bisher "kenne" ich nur Schönbergs Fantasie. Und hätte sie auch nicht wiedererkannt, als ich sie gerade mal wieder gehört habe. Aber andere kennen und wissen vielleicht mehr...


      Viele Grüße

      Bernd
      Details are always welcome. (Vladimir Nabokov)
    • Lieber Zweilicht deine Fragen gehen schon von einem Grundverständnis und etwas fortgeschrittener Hörgewohnheit in zeitgenösssicher Musik aus.
      Ich würde als neugieriger Einsteiger erstmal viel simplere Fragen stellen: zum Motto, zur Benennung der Stücke (was soll z.B. Linie VI bedeuten? und zur Besetzung : warum diese Instrumente? haben die Schüler sich da am Lehrer orientiert? die Altflöte ist ja nun kein sehr häufig zu findendes Konzertinstrument.

      Ausserdem wollte ich anmerken, dass ich dieses Projekt sehr interessant und lobenswert finde und hoffe, etwas davon hören zu kônnen, auch ohne nach Karlsruhe zu kommen. Die zeitgenösssiche Musik hat es wahrlich nicht leicht und in einem Klassikforum nur tote Komponisten zu unterstützen geht m.E. an der Sache vorbei.
      Viel Erfolg den Ausführenden und Organisatoren
      :fee:
      Jede Krankheit ist ein musikalisches Problem und die Heilung eine musikalische Auflösung (Novalis)
    • FairyQueen schrieb:

      viel simplere Fragen


      Och, warum simpel? Ich finde sie sehr berechtigt und wichtig.


      FairyQueen schrieb:

      zur Benennung der Stücke (was soll z.B. Linie VI bedeuten?


      Ich hab keine Ahnung, rate aber einfach mal ins Blaue: "VI" steht für das Prinzip der Serie (es gibt also mindestens sechs Stücke mit diesem Titel), und "über die Linie" bezieht sich u.a. auf die Tonhöhe und die oberste Linie des Notensystems im jeweiligen Schlüssel... :S


      FairyQueen schrieb:

      haben die Schüler sich da am Lehrer orientiert? die Altflöte ist ja nun kein sehr häufig zu findendes Konzertinstrument.


      Das könnte in der Tat eine bewusste Bezugnahme sein. Überhaupt ziemlich viel "Alt-" bei den Instrumenten, wenn man an das Altsaxophon denkt.


      Viele Grüße

      Bernd
      Details are always welcome. (Vladimir Nabokov)
    • Über die Linie kann auch verstanden werden als:

      1) Grenzüberschreitung
      2) Linie im Sinne von Melos. s. Ernst Kurth: Melodie nicht als Aneinanderreihung von Einzeltönen sondern als Linienzug. Das Bild veranschaulicht die Kräftewirkung zwischen den Tönen.
    • Zwielicht schrieb:

      Warum diese Reihenfolge der Stücke? Es ist weder eine chronologische noch eine, die von der Instrumentalbesetzung vorgegeben ist.
      Darüber könnte man ja spekulieren; so etwas wie eine Logik (in Form eines tektonischen Aufbaus) glaube ich da schon zu erkennen.

      Die beiden Werke am Anfang (Kim) und am Ende (Codera-Puzo) korrespondieren durch die im wesentlichen gleiche Besetzung, mit Abweichungen lediglich bei Flöte und Klarinette, evt. auch im Schlagzeug.

      Ähnliches auch bei Nr. 2 (Schönberg) und Nr. 4 (Przybylski), jeweils Klavier plus.

      Und im "Zentrum" der Karlsruher Meister selbst; hier schweigt das Klavier.

      Auch ich "kenne" lediglich Schönbergs Phantasy und Werke von Rihm, habe seinen Dionysos (kürzlich in Heidelberg erlebt. Über die Linie VI ist mir unbekannt, ebenso sind es die übrigen drei Komponisten. Warum sie sich gerade für diese originelle Besetzung entschieden haben, würde auch mich interessieren.

      Ich habe vor, am 13.4. dabeizusein.

      :wink:
      Es grüßt Gurnemanz
      ---
      Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
      Helmut Lachenmann
    • ralphb schrieb:

      Über die Linie
      Blättern in Rihms Werkverzeichnis findet mittlerweile 7 Werke mit dem Titel "Über die Linie", für ganz unterschiedliche Besetzung. Da war zunächst "Über die Linie" für Cello solo (1999), noch ohne die Ziffer 1 - also vermutlich nicht als erster Teil einer Werkreihe geplant. Im gleichen Jahr "Über die Linie II" für Klarinette und Orchester, dann 2001 “Über die Linie” III für kleinen Chor, Violoncello und zwei Pauken, 2002 ein Bratschenkonzert "Über die Linie IV", sowie “Über die Linie” V für Altposaune und zwei Orchestergruppen, 2004 "Über die Linie VI" für Altflöte, Violine und Violoncello (was in diesem Konzert gespielt werden wird), 2006 schließlich "Über die Linie VI" für Violine solo.

      Was haben denn diese Werke gemeinsam?

      Gurnemanz schrieb:

      Warum sie sich gerade für diese originelle Besetzung entschieden haben, würde auch mich interessieren.
      Nun ja: Das Ensemble TEMA besteht aus Flöte, Klarinette, Saxophon, Violine, Violoncello, Klavier und Schlagzeug. Da stellt sich (besonders bei der Uraufführung) die Frage, was zuerst da war: Die Wahl der Instrumente oder die Wahl der Interpreten.
      Es gibt kaum etwas Subversiveres als die Oper. Ich bin demütiger Diener gegenüber diesem Material, das voller Pfeffer steckt. Also: Provokation um der Werktreue willen. (Stefan Herheim)
    • Le Merle Bleu schrieb:

      Das Ensemble TEMA besteht aus Flöte, Klarinette, Saxophon, Violine, Violoncello, Klavier und Schlagzeug.
      Danke, da hätte ich natürlich auch selbst drauf kommen können. Jetzt bin ich dem Link oben gefolgt und habe die Kurzbiographien der Musiker durchgesehen. Es scheint sich ja um ein hochqualifiziertes Ensemble zu handeln. Bin gespannt auf das Konzert.

      :wink:
      Es grüßt Gurnemanz
      ---
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      Helmut Lachenmann
    • Liebe Capricciosi,

      ich bin die Flötistin (und auch Gründerin) des Ensemble TEMA. Ich freue mich sehr, dass die Diskussion schon tobt! Es geht verdammt schnell und da müssen wir gucken, dass wir Musiker dran bleiben ~~
      So, wo kann ich anfangen?
      Ich glaube, ich überlasse mal die Fragen zu Werkanalysen usw. dem Komponisten unter uns, der auch unser Geiger ist, Alwyn Tomas Westbrooke. Als ehemaliger Student von u.a. Wolfgang Rihm kann er viieel besser als ich darüber reden/schreiben. Er ist auch bei den Proben, "der Mann, der alles weiss"! ;)

      Zur Besetzung: Wie geschrieben bin ich die Gründerin des Ensembles, zusammen mit der Komponistin Heera Kim. Die Zusammenstellung der Instrumente folgte 2 Hauptkriterien: 1. Wir wollten Kammermusik spielen. Das heisst, hauptsächlich ohne Dirigent. Bei der neuen Musik hört es bei max. (je nach Werke natürlich) 8 auf. Bei der Anzahl an Instrumenten, wie kombiniert man, so dass man so viele Werke wie möglich mit verschiedenen Besetzungen spielen kann? Klavier und Schlagzeug sind eigentlich bei der neuen Musik unabdingbar (finde ich), Streicher müssen sein und zwar ein hohes und ein tiefes Instrument. Die Überlegung, ein Streichquartett zu haben hat die Sorgen um die Finanzierung der Projekte nicht überlebt. (Je mehr Musiker, desto schwieriger ist es, leider, die Projekte auf die Beine zu stellen!). Bei den Blasinstrumente ist es so, dass die 3 die wir haben diejenigen sind, die durch "Nebeninstrumente" (also eben Bassklarinette, Piccolo- oder Altflöte usw.) viele viele Möglichkeiten der Vielfalt innerhalb der gleichen Besetzung bieten. Ich spiele z.B. Piccolo, Grosse Flöte (die "normale"), Altflöte und Bassflöte. Kontrabassflöte spiele ich auch, aber das Instrument ist zu selten!
      2. Es war uns sehr wichtig, Musiker zu finden, die sehr gut sind, mit neuer Musik erfahrung haben und jede Menge Idealismus in die Sache mitbringen. Anfangs wussten wir ja gar nicht, wie wir ankommen werden, ob die Stadt sich für uns interessiert... Wir wussten, wir werden lange für umsonst schweren Sachen üben und proben müssen und vielleicht kommt es ja nie dazu, dass wir jemals in unseren Kosten kommen.

      Neulich haben wir unsere Klarinettistin gewechselt: Carelys hat jetzt 3 Kinder und kommt aus Stuttgart. Es war nicht mehr mit dem vielen Üben und Proben zu vereinbaren. Unser neuen Klarinettist heisst Evgeni Orkin, ist übringens auch Komponist und kommt aus Mannheim.
      Mit dem Schlagzeug hatten wir auch Problemen. Unser ursrünglicher japanischer Schlagzeuger Keita musste überraschend ein paar Monaten nach der Gründung zurück nach Japan. Danach spielten wir eine Zeit lang ohne Schlagzeug... Tja! Mit Schlagzeug ist es eben so, dass man unheimlich viele Instrumente braucht und irgendwo mieten muss, transportieren muss... Es kostet eben. Wir spielen unsere Projekte mit Schlagzeug mit wechselden Musikern, je nach verlangten Instrumenten. Dieses Mal spielt der Katalane und Freund von Luis Codera-Puzo Feliu Ribera.

      Noch eine Bemerkung zur Häufigkeit der Verwendung von "Alt-" Instrumente und ähnlichen:
      Bei der Klarinette ist es klar: Bassklarinette wird schon seit langem im Orchester verwendet, sogar die kleine Es-Klarinette. Beim Saxophon ist es so, dass man als Kind in der Regel mit Altsaxophon beginnt und irgendwann die anderen (Sopran-, Tenor- und Baritonsaxophon) probiert... und sich in ein verliebt. Oder auch nicht! Bei der Flöte: Piccolo ist ja seit ewig dabei. Die Altflöte wird schon in Ravels "Daphnis und Chloë" und Stravinskys "Sacre du printemps" verwendet. Bei letzterem ist sie sogar DIE solo-Flöte! Sie klingt eine Quarte tiefer, ist in G gestimmt. Ihr Klang ist rauschiger und sehr obertonreich. Die tiefe Lage klingt voll und breit, die hohe gezwungen und eng, was den Komponisten durchaus gefällt... Die Altflöte wird in der neuen Musik viel angesetzt. Man ist ja auf der Suche nach neuen Klängen, neuen Möglichkeiten.


      Fragen über die Besetzung beantwortet? :)
    • Liebe Eve,

      vielen Dank für Deine Erläuterungen! Es ist sehr interessant etwas über die Hintergründe zu erfahren, wie sich Euer Ensemble zusammensetzt und welche Schwierigkeiten damit verbunden sind, ambitionierte Konzertprojekte mit zeitgenössischer Musik zu planen und zu organisieren.

      Ihr seid ein Karlsruher Ensemble. Karlsruhe ist die Heimatstadt Wolfgang Rihms, der dort sehr verwurzelt zu sein scheint. Einige Eurer Mitglieder sind seine Schüler (gewesen). Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit mit einem der bekanntesten lebenden Komponisten? Was bedeutet Rihm für Euch?

      Und: Vor welchem Hintergrund wurde das Schönberg-Stück (heißt es nun „Phantasy“ oder „Fantasie“?) ins Programm aufgenommen? Ich nehme an, Rihm hat sich als junger Komponist intensiv mit Schönberg auseinandergesetzt – aber vielleicht gibt es weitere Bezüge?

      Cheers,

      Lavine :wink:
      "You gotta grab'em by Debussy" (DJ Trump)
    • Danke für diese interessanten Erklârungen, liebe Eve. (Bist du frz. oder wallonischer Abstammung?) Ich kann mir gut vorstellen, wieviel Idealismus und Durchhaltevermögen ein solches Ensemble-Projekt erfordert. Für mich sind die Fragen zur Besetzung beantwortet;, nur noch ene kleine Nach-Hut: Habt ihr euch mit der Besetzung auch an eurem Lehrer orientiert oder hat das damit gar ncihts zu tun?

      Was das Schüler-Lehrer- Verhältnis angeht, finde ich das ebenfalls ein sehr interessantes Thema, vor allen Dingen wenn der Lehrer noch lebt und aktiv ist. In vielen orientalischen Traditionen ist eine Beziehung zwischen Meister und Schûler ja sehr eng und schliesst sogar das Leben und Aufwachsen(bei jungen Schûlern) im Umfeld des Lehrers mit ein. Eine Lehre, die von einer Person auf eine andere übertragen wird, und nicht nur gesät sondern regelrecht eingepflanzt wird. Das ist im Westen anders. Ich habe persönlich immer serh spezielle Bindungen zu meinen Gesangslehrerinnen gehabt, weil ich das Lernen von einer so intimen Sache wie Singen nicht als reine Technikvermittlung betrachten kann. Wie das bei Kompostitionsschülern ist, weiss ich nicht, und das würde mich interessieren. Viel Erfolg und liebe Grüsse aus Frankreich
      :fee:
      Jede Krankheit ist ein musikalisches Problem und die Heilung eine musikalische Auflösung (Novalis)
    • Zwielicht schrieb:

      Erarbeitung der Werke und Proben: Werden die Werke vor den Proben aus der Partitur analysiert? Oder gehen Analyse und Lernen des Instrumentalparts Hand in Hand? Wie oft wird geprobt? Wie stark mischen sich die lebenden Komponisten, insb. bei der Uraufführung, in die Interpretation ihrer Werke ein? Und gibt man ihrem Willen nach?

      Liebe Capricciosi,

      gerade eben hatten wir die erste Probe mit Dariusz Przybylski´s Trio. Das Stück ist für uns neu und wir planen mit vier oder fünf weitere ca. dreistündige Proben. Dazu muss jeder von uns natürlich für sich zuhause Zeit nehmen und die teilweise sehr unangenehm liegenden Passagen üben. Das Stück wurde ursprünglich für ein Klaviertrio (mit Violine statt Saxophon) geschrieben - aus für uns noch unbekannten Grund hat der Komponist es umgeschrieben. Viele Stellen sind in der Saxophonpartei uns noch unklar: soll man die streichtechniken z.B. Pizzicati mit Slapzunge imitieren, sul Ponticello und Doppelgriffe als multiphonique nachmachen etc. Dazu kommunizieren wir über einige klangliche, artikulatorische und sogar die Tonhöhe betreffenden Details mit Herrn Przybylski. Wir geben auf jeden Fall seinem Willen nach und alles im Partitur wird beim Proben analysiert!

      Viele Grüße,
      Paula (Violoncello)
    • paula schrieb:

      Das Stück wurde ursprünglich für ein Klaviertrio (mit Violine statt Saxophon) geschrieben - aus für uns noch unbekannten Grund hat der Komponist es umgeschrieben. Viele Stellen sind in der Saxophonpartei uns noch unklar: soll man die streichtechniken z.B. Pizzicati mit Slapzunge imitieren, sul Ponticello und Doppelgriffe als multiphonique nachmachen etc
      Versteh ich das richtig, dass der Komponist keine spezifischen Spielanweisungen für das Saxophon notiert hat? Vergleicht Ihr die neue Fassung mit der Klaviertrio-Fassung, oder sind gar Spielanweisungen für Violine in die Saxophon-Fassung übernommen worden?
      Es gibt kaum etwas Subversiveres als die Oper. Ich bin demütiger Diener gegenüber diesem Material, das voller Pfeffer steckt. Also: Provokation um der Werktreue willen. (Stefan Herheim)
    • Le Merle Bleu schrieb:

      Versteh ich das richtig, dass der Komponist keine spezifischen Spielanweisungen für das Saxophon notiert hat?
      Hier gibt es ein Werkverzeichnis des Komponisten: "http://www.dariuszprzybylski.eu/index.php?id=78". Demnach hat es vor 5 Jahren in Polen bereits eine Aufführung mit Altsaxophon gegeben. Allerdings kann man aus der Quelle nicht ersehen, ob der Komponist Anweisungen für Saxophon vorgegeben hat oder ob die Musiker sich das selbständig erarbeiten mußten.

      :wink:
      Es grüßt Gurnemanz
      ---
      Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
      Helmut Lachenmann
    • Saxophon-Fassung ist schon richtig umgeschrieben und muss nicht von Geigenstimme transponiert/selbständig erarbeitet werden. Einige Spieltechniken sind aber von der alten Fassung übernommen worden: z.B. künstliche Quartenflageoletgriffe, die für einen Saxophonisten wie Doppelgriffe zuerst aussehen können. Dazu haben wir an einer Stelle uns entschieden die Cellostimme mit der - ursprünglich für Violine geschriebenen Flageolets - nach oben zu oktavieren um eine Unisono in der gleichen Oktave zu vermeiden. Alle Unklarheiten werden aber mit Herrn Przybylski geklärt!
    • Général Lavine schrieb:

      Ihr seid ein Karlsruher Ensemble. Karlsruhe ist die Heimatstadt Wolfgang Rihms, der dort sehr verwurzelt zu sein scheint. Einige Eurer Mitglieder sind seine Schüler (gewesen). Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit mit einem der bekanntesten lebenden Komponisten? Was bedeutet Rihm für Euch?

      FairyQueen schrieb:

      Habt ihr euch mit der Besetzung auch an eurem Lehrer orientiert oder hat das damit gar ncihts zu tun?

      Die Frage über Wolfgang Rihm kommt immer wieder und ist auch absolut berechtigt.
      Rihm ist der meistgespielte lebende deutsche Komponist. Er hat einen beeindruckenden Werk-Katalog (und ist lange nicht fertig!), unterrichtet bei uns an der Hochschule und als Gast in der ganzen Welt, hat unzählige Schüler ausgebildet... Ohne Rihm in Karlsruhe wären wir wahrscheinlich auch nicht da. Dank Rihm nimmt die Stadt die neue Musik ernst und es ist ihr wichtig, Karlsruhe langfristig in der Szene zu positionieren. Das alles stimmt, aber es stimmt auch, dass Herr Rihm uns nicht braucht. er wird überall und von ganz grossen gespielt... Seine Schüler aber brauchen uns durchaus. Seit dem Anfang ist es unser Anliegen (und eigentlich die Existenzberechtigung des Ensembles) die ehemaligen Studenten von Rihm in Karlsruhe zu spielen. Es ist so: Diese Leute studieren hier, werden während des Studiums hier viel gespielt ( es gibt an der HfM verschiedene Veranstaltungen, wo Studenten-Stücke uraufgeführt und gespielt werden). Dann schliessen sie ihr Studium ab und sind weg. Nur wenige werden in Karlsruhe ab und zu mal weitergespielt. Meine Idee war, die Komponisten, die so lange hier aktiv waren, hier lebendig zu halten. Wir spielen also fast bei jedem Konzert Werke von ehemaligen Studenten von Rihm. Und zwar nicht nur Uraufführungen. Das ist nämlich auch ein Problem: Nach der UA werden die Werke (oft) in die Schublade gesteckt und vergessen. Wir spielen Werke aus dem Katalog!

      Die Besetzung bezieht sich nicht auf Werke von Rihm. Es gibt kein Stück von ihm für diese Besetzung (Schade eigentlich!)
    • EveCambreling schrieb:

      Beim Saxophon ist es so, dass man als Kind in der Regel mit Altsaxophon beginnt und irgendwann die anderen (Sopran-, Tenor- und Baritonsaxophon) probiert... und sich in ein verliebt. Oder auch nicht!
      Das führt jetzt zwar ein wenig weg vom eigentlichen Thema, aber trotzdem: Ich glaube, in der klassischen Musik sind mir Tenor- und Baritonsaxophon noch nie und das Sopransaxophon nur einmal begegnet (außer im Saxophonquartett). Die einzige Ausnahme in meinem Plattenschrank ist (wenn ich nichts übersehe) Berios Sequenza VII für Sopransaxophon, und das ist eine Bearbeitung der ursprünglichen Fassung für Oboe.

      Ansonsten scheint das Repertoire doch (auch in der neuen Musik) recht überschaubar zu sein, und "das" Saxophon im klassischen Repertoire ist immer noch das Altsaxophon. Anders im Jazz, wo das Tenorsaxophon mindestens ebenso häufig auftaucht.

      Woran das wohl liegt?
      Es gibt kaum etwas Subversiveres als die Oper. Ich bin demütiger Diener gegenüber diesem Material, das voller Pfeffer steckt. Also: Provokation um der Werktreue willen. (Stefan Herheim)
    • Le Merle Bleu schrieb:

      Ich glaube, in der klassischen Musik sind mir Tenor- und Baritonsaxophon noch nie und das Sopransaxophon nur einmal begegnet (außer im Saxophonquartett). Die einzige Ausnahme in meinem Plattenschrank ist (wenn ich nichts übersehe) Berios Sequenza VII für Sopransaxophon, und das ist eine Bearbeitung der ursprünglichen Fassung für Oboe.

      Was? Kennst du nicht das wunderschönes Tenorsaxophon-Solo in Prokofiev's Romeo und Julia ??? (Grins...) Klingt oft eben ganz vulgär... Oder in Ravels Bolero? In Gershwins "an american in Paris" gibt es sogar ein Sortiment mit Alt-Tenor und BarytonSaxophone!
      Spass bei Seite: Der klassische Saxophonist, der neben dem Unterrichten noch spielen will, sollte wirklich Saxophonquartett spielen... Und eben Neue Musik! Sonst ist tote Hose!

      Aber spätestens jetzt sollte unser Christoph eingreifen ;)