Schumann : Liederkreis nach Gedichten von Joseph von Eichendorff op. 39

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    • Schumann : Liederkreis nach Gedichten von Joseph von Eichendorff op. 39

      Aus gegebenem Anlass ist mir aufgefallen, dass zu diesem Zyklus (wie auch zu "Frauenliebe und -leben" oder den anderen Schumannliedern außer der "Dichterliebe") kein Faden existiert.
      Er stammt wie die meisten Lieder Schumanns aus seinem sog. "Liederjahr" 1840.

      Die Lieder sind folgende :

      In der Fremde
      Intermezzo
      Waldesgespräch
      Die Stille
      Mondnacht
      Schöne Fremde
      Auf einer Burg
      In der Fremde
      Wehmut
      Zwielicht
      Im Walde
      Frühlingsnacht


      Allzuviel kann ich dazu jetzt noch nicht sagen, hoffe aber das sich das ändert und ich die Liederfreunde im Forum mobilisieren kann (ebenso für das weitere Liederschaffen Schumanns).
      "Allwissende! Urweltweise!
      Erda! Erda! Ewiges Weib!"
    • Was ist das Eigentümliche des Zyklus‘? Die starken romantischen Bilder von Rosen, Bächlein, Wolken, Wäldern, Wipfeln, Schlössern, Rittern, Hexen, Sternen und Mondesschimmer? Sind es die Stimmungen von Verschwiegenheit, Geheimnis, Stille, Einsamkeit, Dämmerung, Nacht, Liebesglück und Hochzeit? Vielleicht keines von beiden, sondern – eine Abstraktionsebene höher - die Unmittelbarkeit, die Ungebrochenheit dieser Bilder. Es gibt dahinter kein „eigentlich ist alles anders“, es gibt keine Andeutung von Ironie. Es gibt aber eine Gleichzeitigkeit von Wirklichkeit und Unwirklichkeit, die einander nicht negieren, sondern einander gelten lassen, und die Ahnung davon, dass dieser Widerspruch transzendiert wird in der Sehnsucht nach einer anderen Welt.

      So meine ich, derjenige Interpret wäre auf falschem Wege, der sich in der Ausformung von Details verlöre oder die Lieder gar von der intellektuellen Seite her anginge. Es kommt viel mehr darauf an, jedes Lied unter dem ihm eigenen Stimmungsbogen als Einheit darzustellen, und die spezifische Farbe und Emotion möglichst suggestiv vor dem geistigen Auge des Hörers zu imaginieren. Die Aufgabe heißt, den Grundton des Liedes von Anfang an zu treffen und im Laufe der Miniatur nur noch in angemessener Weise abzuschattieren.

      Wie in der Dichterliebe op. 48 finden wir auch in op. 39 verschlüsselte Botschaften an Clara, etwa die Klavierbassnoten E-H-E (Ehe) in der „Mondnacht“ und im „Zwielicht“ bei der Textstelle „Hast ein Reh du lieb vor andern, lass es nicht alleine grasen“.
      Die Fähigkeit, geistige Transferleistungen in kurzer Zeit zu vollbringen, führt nicht immer zu tragfähigen Resultaten. So ist "ich kuk" bspw. keine korrekt gebildete Vergangenheitsform.
    • Dame Margaret Price, Graham Johnson, 11./12. Oktober 1991



      Dame Margaret Price scheint der Kraft der Bilder nicht ganz zu trauen. Sie müht sich hörbar, alles deutlicher zu sagen und präziser auszudrücken, als es eventuell gemeint war. Ihr Vortrag leidet unter einer überdeutlichen Artikulation der Konsonanten (z. B. Nr. 2: „das sieht so friSCH und fröhliCH“ – herausgemeißelte Differenzierung zwischen „sch“ und „ch“ – trotz aller Korrektheit wirkt es penibel und aufdringlich). Obwohl sie den liedspezifischen Grundton stets sehr gut trifft – vom hervorragenden Pianisten Graham Johnson bestens unterstützt - , verhindert dieses exakte Herausarbeiten der Wortkonturen oft das Aufkommen der helldunklen Atmosphäre, derer diese Lieder bedürfen, um ihren Zauber zu entfalten. Auch in Nr. 8 „In der Fremde“ übersingt sie kräftig zupackend die Vortragsbezeichnungen „Zart, heimlich“ sowie das vorgeschriebene Piano.

      Ansonsten ist das alles handwerklich perfekt gesungen, und die Sängerin weiß wohl um die unendlichen Schattierungsmöglichkeiten, um die aberdutzend Abstufungen zwischen Hell und Dunkel, und setzt diese sehr wohl in sinnvoller Weise ein. Fast unnötig zu erwähnen, dass sie völlig akzentfrei singt. Sie ist häufig auf der zügigen Seite der Tempi („Mondnacht“ in 3:54), ohne, dass es je geeilt klänge. Es ist vor allem die stellenweise überscharfe Artikulation der Konsonanten, die dem Sichverlieren in den Moment entgegen steht – schade.
      Die Fähigkeit, geistige Transferleistungen in kurzer Zeit zu vollbringen, führt nicht immer zu tragfähigen Resultaten. So ist "ich kuk" bspw. keine korrekt gebildete Vergangenheitsform.
    • Peter Schreier, Norman Shetler, (P) 1975



      Nach den ersten Takten von Nr. 1 „In der Fremde“ mit Peter Schreier in einer frühen Aufnahme, die um 1975 mit dem Pianisten Norman Shetler entstanden ist, habe ich bemerkt, was der Aufnahme von Dame Margaret Price noch fehlt: Die innere Ruhe. Peter Schreier nimmt sofort gefangen durch seine Gelassenheit, durch das Geschehenlassen, durch das absichtslose Durchwandern der Miniaturen. Ich finde es verblüffend, wie dieses scheinbare Nicht-Gestalten mich viel mehr in das Lied hineinzieht als die Differenzierungsbemühungen der vorigen Aufnahme. Geradezu magisch. Peter Schreier wirkt auf mich in dem Maße natürlich, in dem ich das Singen von Dame Margaret Price künstlich empfand. Gerade das ist vielleicht die Kunst der Darstellung von op. 39, dass man die Kunst nicht als solche wahrnimmt, sondern für Natur hält. Das würde gerade zu Eichendorff sehr gut passen. Erstaunlich finde ich auch, wie gut Schreier und Shetler für jedes Lied einen Spannungsbogen finden: Ich komme gleich hinein, es gibt vielleicht Steigerungen, Zuspitzungen, aber jedes Lied kommt auch wieder nach Hause, ist ein abgeschlossenes Ganzes. - Unaufdringlich, doch klar verständlich der Text.

      Nicht jeder mag Schreier helles, obertonreiches Timbre – ich komme sehr gut damit zurecht. In Porträts des Sängers ist immer wieder zu lesen, dass seine Stimme über vergleichsweise wenig Farben verfüge. Diese Feststellung kann auch die hier vorliegende Einspielung nicht entkräften. Dennoch: Wort, Musik und Interpretation sind hier hörbare Einheit. Wer dem Sänger, der vielen vor allem als Evangelist der Passionen J. S. Bachs im Ohr sein mag, die Fähigkeit zur Leidenschaft abzusprechen versucht ist, höre die „Frühlingsnacht“, mit der er den Zyklus krönend beschließt. Ich habe op. 39 in der Wiedergabe von Peter Schreier und Norman Shetler sehr genossen.
      Die Fähigkeit, geistige Transferleistungen in kurzer Zeit zu vollbringen, führt nicht immer zu tragfähigen Resultaten. So ist "ich kuk" bspw. keine korrekt gebildete Vergangenheitsform.
    • Josef Protschka, Helmut Deutsch, Mai 1987



      Sehr elegisch hebt der Zyklus bei Josef Protschka und Helmut Deutsch an – fast zweieinhalb Minuten für Nr. 1 „In der Fremde“ ist rekordverdächtig. Diese Tendenz setzt sich in den folgenden Liedern fort, etwa in der „Mondnacht“ mit 4:49, in „Auf einer Burg“ mit 3:33, in „Zwielicht“ mit 4:04. Man sollte etwas mehr Zeit für diese Version mitbringen.

      Das ist natürlich noch keine Aussage über die künstlerische Qualität. Auf der handwerklichen Seite ist großes Können zu bestaunen, angefangen bei der hervorragenden (aber unaufdringlichen) Textverständlichkeit, über die Atemkontrolle, die dynamische Spannweite, die Fähigkeit, die Stimme frei schwingen zu lassen – auch in höherer Lage - , der Ausgleich der Register usw. usw., es ist alles „da“. Und doch: Was Schreier/Shetler gelang, nämlich vom ersten Takt an die Grundstimmung des Liedes in den Raum zu stellen und den Hörer hineinzunehmen in das Bild aus Wort und Ton, das geschieht hier in meiner Wahrnehmung nur in Ansätzen. Es bleibt ein Vortrag, es bleibt eine Distanz zwischen Lied, Interpret und Hörer, die nicht überwunden wird. So ziehen sich Lieder wie Nr. 7 „Auf einer Burg“ oder Nr. 9 „Wehmut“ doch ziemlich lange hin. Protschka und Deutsch scheitern daran, die Zeit, die sie sich nehmen, in Ruhe und Atmosphäre zu verwandeln. Es ist alles „richtig gemacht“, aber ich erinnere mich beim Hören an Mahlers Worte: „Das Wesentliche steht hinter den Noten“. Erst im letzten Lied „Frühlingsnacht“, in dem sie wirklich Leidenschaft zum Hörer transportieren, höre ich, was den beiden Interpreten möglich gewesen wäre – zu spät.
      Die Fähigkeit, geistige Transferleistungen in kurzer Zeit zu vollbringen, führt nicht immer zu tragfähigen Resultaten. So ist "ich kuk" bspw. keine korrekt gebildete Vergangenheitsform.
    • Werner Güra, Jan Schultsz, Oktober 2001



      Werner Güra vermag mich alleine schon durch sein Timbre zu fesseln. Hell, leicht, völlig frei in der Höhe, mit perfektem Vokalausgleich - das klingt alles so, als wäre Singen das Einfachste von der Welt. Zusammen mit dem von Jan Schultsz gespielten historischen Klavier, über das das Beiheft leider nur „Bechstein piano“ sagt, entsteht ein ganz eigener Klang für diesen Zyklus. Nicht so perkussiv und obertönig wie manchmal bei Prégardien/Staier, irgendwo zwischen diesen und dem üblichen Steinway-Klang. Sehr apart.

      Groß ist die Differenzierungskunst des Sängers, zu bestaunen etwa (aber nicht nur) in Nr. 3 „Waldesgespräch“. Er stellt sie aber nicht plakativ zur Schau. Wenn es „fröhlich“ im Text heißt (Nr. 2 „Intermezzo“), nimmt er das nicht gleich zum Anlass, wie ein schlechter Schauspieler den Textinhalt durch vokalen Gestus einfach zu verdoppeln.

      Die Ruhe und Magie der Schreier/Shetler-Einspielung geht ihnen leider ab. Es fehlt manchmal am entspannten Nachgeben, am Weniger-Tun, am Einfach-Geschehen-Lassen. In der „Mondnacht“ spannen die Flügel der Seele nicht weit aus, dieses Lied wird recht gleichmäßig-glatt vorgetragen. Dieses Lied ist mit am wenigsten gelungen. Sie evozieren durchaus bei manchen Liedern eine angemessene Atmosphäre, es ist weit mehr als nur „richtig gemacht“ wie bei Protschka/Deutsch. Aber das Hineinziehen in die Bilder, das Güra und Schultsz am ehesten in den schnelleren Liedern wie Nr. 6 „Schöne Fremde“ oder Nr. 8 „In der Fremde“ gelingt, ereignet sich bei den ruhigeren Liedern nur in Ansätzen. Das große Plus der Aufnahme ist die herrliche Stimme Güras und der Zusammenklang mit dem Bechstein.
      Die Fähigkeit, geistige Transferleistungen in kurzer Zeit zu vollbringen, führt nicht immer zu tragfähigen Resultaten. So ist "ich kuk" bspw. keine korrekt gebildete Vergangenheitsform.
    • Dietrich Fischer-Dieskau, Gerald Moore, März 1954

      Wie so oft, so ist auch bei diesem Zyklus die diskographische Hinterlassenschaft Dietrich Fischer-Dieskaus vielfältig. Die älteste mir vorliegende Aufnahme von Schumanns op. 39 mit Dietrich Fischer-Dieskau wurde im März 1954 zusammen mit Gerald Moore für die EMI in der Abbey Road eingespielt und ist z. B. in dieser Box enthalten:



      Sehr zurückhaltend beginnt der Zyklus, geradezu keusch die ersten beiden Lieder. In Nr. 3 „Waldesgespräch“ höre ich eine breite Palette von Stimmfarben. Auffällig ist im ganzen Zyklus der elastische Umgang mit dem Tempo, auch da, wo der Komponist kein Verlangsamen, kein Beschleunigen vorgeschrieben hat – die beiden Interpreten nehmen sich diesbezüglich alle Freiheiten. In Nr. 4 „Die Stille“ lässt der Sänger in der Zeile „kein Mensch es sonst wissen sollt‘ “ das Schluss-t weg – so steht es zwar nicht bei Schumann, aber bei Eichendorff. Fischer-Dieskau hat es gelesen. So auch in allen folgenden Aufnahmen.

      Im Unterschied zu Schreier/Shetler schaffen Fischer-Dieskau/Moore die Stimmungen nicht aus der Magie eines gelungenen Anfangs, sondern durch viele kleine Differenzierungen. Die Stimmungen entstehen durch kleinste Betonungen, Farbveränderungen, Artikulationsvarianten; weniger durch eine einzelne für sich alleine, als vielmehr durch deren Summe. So bleiben auch eher langsam genommene Lieder wie Nr. 7 „Auf einer Burg“ unter einem Spannungsbogen, der trägt. Diese Interpretation lebt nicht vom Zauber, sondern von der Vielfalt der kleinen und kleinsten Veränderungen von Farben, Tempi, Zartheiten. Ich finde es sehr spannend, zuzuhören, es könnte ewig (zumindest sehr lange) so weitergehen ohne langweilig zu sein, aber es bleibt eine Distanz zwischen den Interpreten und dem Stück. Während bei Schreier/Shetler die Lieder von innen leuchten und durch deren Mund bzw. deren Finger zum Sprechen gebracht werden, zeigen Fischer-Dieskau/Moore die Schönheiten und Details von außen. Schreier/Shetler exponieren die Stimmung eines Liedes in wenigen Tönen und müssen dann eigentlich nichts mehr tun, um das Lied interessant darzustellen, weil die wesentlichen Parameter perfekt umrissen sind. Fischer-Dieskau/Moore beginnen unspezifischer und kommen erst im Laufe eines Liedes durch Detailarbeit zum Kern der Sache.

      Die ganze Distanz zeigt exemplarisch ein Vergleich des letzten Liedes „Frühlingsnacht“: Gebremste Emotion bei Fischer-Dieskau/Moore. Bei Schreier/Shetler hingegen ist die Vortragsbezeichnung „leidenschaftlich“ vom ersten Ton an spürbar, das jubiliert und vibriert bis zur Emphase des abschließenden „Sie ist dein!“. Bei der einen Aufnahme spricht der Dichter, bei der anderen der Studienrat.
      Die Fähigkeit, geistige Transferleistungen in kurzer Zeit zu vollbringen, führt nicht immer zu tragfähigen Resultaten. So ist "ich kuk" bspw. keine korrekt gebildete Vergangenheitsform.
    • Dietrich Fischer-Dieskau, Günther Weißenborn, Oktober 1955



      Die nächste Aufnahme stammt aus dem Monat Oktober 1955 mit dem Pianisten Günther Weißenborn. Das erste Lied ist um einen entscheidenden Tick schneller und vor allem atmosphärischer – die Einsamkeit des lyrischen Ichs wird greifbar. Die Interpretation kann insgesamt so beschrieben werden, dass die filigrane Mikrodifferenzierung des Jahres 1954 einer großflächigeren und doch stimmigeren Darstellung gewichen ist. Die Lieder bleiben in sich jeweils homogener, insbesondere, weil die zahlreichen Rubati im Vergleich zu 1954 reduziert wurden. Das begünstigt die Einheit des Liedes, und Sänger und Pianist machen den emotionalen Rahmen des Liedes schneller erfassbar. Trotzdem erlaubt sich Fischer-Dieskau hier intensiveren Ausdruck als in der älteren Aufnahme, durchschreitet einen größeren Radius seiner stimmlichen Mittel. Die Stimme klingt meist heller timbriert als in der älteren Aufnahme. Die Distanz zwischen Werk und Interpret ist aber nicht restlos beseitigt.

      Die „Mondnacht“ ist mit 3:33 einer der schnellsten. - Im letzten Lied fehlt wieder die Leidenschaft. Fischer-Dieskau behält alles unter Kontrolle, lässt nicht los, gibt die Emotionen nicht frei, wenngleich es durchaus leidenschaftlicher als in 1954 klingt.
      Die Fähigkeit, geistige Transferleistungen in kurzer Zeit zu vollbringen, führt nicht immer zu tragfähigen Resultaten. So ist "ich kuk" bspw. keine korrekt gebildete Vergangenheitsform.
    • Dietrich Fischer-Dieskau, Gerald Moore, Salzburg live 29. Juli 1959



      Einen großen Schritt weiter in der von 1954 nach 1955 eingeschlagenen Richtung geht die Wiedergabe des Zyklus‘, die am 29. Juli 1959 bei einem Liederabend im Rahmen der Salzburger Festspiele mitgeschnitten wurde. Dietrich Fischer-Dieskau und Gerald Moore imaginieren in wenigen Momenten den Grundton, die bestimmende Farbe eines jeden Liedes. An den entscheidenden Stellen scheint es, als ob sich die Interpreten zurücknehmen und das Lied alleine wirken lassen. Es klingt entspannter und gelassener als Mitte der 50er Jahre. Hier werden Räume geöffnet, in denen die „Seele ihre Flügel weit ausspannen“ kann. Dass dies gerade unter den Bedingungen einer Live-Aufnahme geschieht, hätte ich nicht vermutet.

      Die kleinen Temporückungen aus dem Jahre 1954 sind wieder da, aber um wieviel organischer wirkt dies alles, wie wenig „gemacht“! Doch der Zauber dieser Aufnahme liegt vielleicht vor allem in der Liebkosung einzelner Phrasen, die von Fischer-Dieskau mit einer selbst für ihn seltenen Zartheit in den Raum gestellt werden. Es ist nicht mehr das Entdecken und Darstellen der Details, die er gefunden hatte und - wie ein Mineraloge seine Gesteinssammlung - stolz präsentierte. Ich höre nunmehr eine fast erotische Resonanz zwischen Werk und Interpret, es vibriert und pulst, mehr innerlich gefühlt als äußerlich wahrnehmbar. Eine Sternstunde des Liedgesangs.
      Die Fähigkeit, geistige Transferleistungen in kurzer Zeit zu vollbringen, führt nicht immer zu tragfähigen Resultaten. So ist "ich kuk" bspw. keine korrekt gebildete Vergangenheitsform.
    • Dietrich Fischer-Dieskau, Christoph Eschenbach, (P) 1977



      Rund achtzehn Jahre nach dem oben genannten Live-Mitschnitt ging Dietrich Fischer-Dieskau als 52jähriger noch einmal ins Schallplattenstudio, um Schumanns op. 39 aufzunehmen. Auf den ersten Blick hat sich wenig geändert: Die Tempi sind meist bis auf wenige Sekunden dieselben wie damals in Salzburg, der Grundton jedes Liedes wird von Anfang an getroffen, die Einheit der Lieder wird herausgestellt, vieles scheint von derselben Zartheit getragen wie im Jahre 1959. Ich habe auch diese Einspielung sehr gerne gehört.

      Einige wenige Einschränkungen möchte ich machten, sie sind gering. Hohe Passagen (Nr. 3, in der Rede der Hexe: „Es ist schon spät, es ist schon kalt“) stehen dem Sänger vielleicht nicht mehr ganz so anstrengungsfrei zur Verfügung. Das „große Glück“ am Ende von Nr. 6 ist mehr postuliert als visionär geschaut. Die Portamenti in Nr. 7 „Auf einer Burg“ sind für meinen Geschmack grenzwertig. Doch dies alles ist eher marginal. Was ich schmerzlicher vermisse, ist das Glück des Augenblicks, das die Aufnahme von 1959 trägt.
      Die Fähigkeit, geistige Transferleistungen in kurzer Zeit zu vollbringen, führt nicht immer zu tragfähigen Resultaten. So ist "ich kuk" bspw. keine korrekt gebildete Vergangenheitsform.

    • Mitsuko Shirai / Hartmut Höll (1985/86)
      Das Wort "magisch", das MB in Verbindung mit Schreier brachte, möchte ich hier wiederverwenden. Mitsuko Shirai ist hier total suverän, weiß zu gestalten, ohne in die Preziosität zu fallen. Als Beispiel die Mondnacht, wo sie ätherische Höhe mit mezza voce einsetzt, ein kontrolliertes crescendo in "weit ihre Flügel aus" ausführt ... dies alles, ohne den großen Bogen von der Sicht zu verlieren. Da, wo sie exaltierter singt, wie in Schöne Fremde, wird sie nicht härter - was ihr später gelegentlich passiert ist - , sondern behält einen lyrischen Unterton. Wunderschönes Farbenspiel, das mit Schumanns Klangsprache seht gut hamoniert. Shirai scheint hier ihre Stimme wie ein Luxusinstrument zu führen, das feinfühlig auf jeden Impuls reagiert.
      Hartmut Höll ist ein kongenialer Partner, der die Atmosphäre beschwören kann.
      Die Kehrseite der Medaille ist, daß man hier wenig Spontaneität hört. Es ist Kunstlied, das mit allen Mitteln der Kunst dargestellt wird. Eichendorff, Schumann, Shirai und Höll entführen buchstäblich in eine Kunstwelt. Magisch im Sinne von "zauberhaft" aber auch von "irreal".
      Alles, wie immer, IMHO.
    • Wow, da kommt ja schon einiges zusammen (warum wurde das Thema nicht längst aufgemacht?).
      Ich danke für die zahlreichen Höreindrücke und bin selbst gespannt auf mein eigenes Erlebnis mit Terfel und Martineau.
      "Allwissende! Urweltweise!
      Erda! Erda! Ewiges Weib!"
    • Olaf Bär/Geoffrey Parsons (1985)

      Eine der ersten Liedaufnahmen Olaf Bärs, als der 28jährige am Anfang seiner internationalen Karriere stand. Er bringt sein schönes Timbre mit - und die Liedbegleitkunst Geoffrey Parsons', der hier impressionistische Miniaturen zaubert. Im Vergleich zu Shirai ist Bär hier der Erzähler. Es sind nicht nur atmosphärische Bilder hier, sondern teilweise werden kleine Geschichten erzählt. Ein dynamischerer Vortrag, wo Betrachtung und Handlung sich abwechseln. Bär schafft es, trotz erzählerischen Tons - für "hüte dich, sei wach und munter!" in Zwielicht setzt er ein quasi parlando ein - die Einheit der einzelnen Lieder und auch des Zyklus nicht zu gefährden. Schön, wie er sehr differenziert deklamatorische Akzente setzt, ohne der Versuchung zu erliegen, jedes einzelne Wort deklamatorisch deuten zu wollen. Der Freudenausbruch in Frühlingsnacht ist voll jugendhafter Energie, Schumanns und Bärs.
      Alles, wie immer, IMHO.
    • Mauerblümchen schrieb:

      In Nr. 4 „Die Stille“ lässt der Sänger in der Zeile „kein Mensch es sonst wissen sollt‘ “ das Schluss-t weg – so steht es zwar nicht bei Schumann, aber bei Eichendorff. Fischer-Dieskau hat es gelesen.

      Nicht nur Fischer-Dieskau scheint es gelesen zu haben, denn in allen Aufnahmen, die ich habe, wird kein Mensch es sonst wissen soll ohne Schluß-t gesungen.
      Alles, wie immer, IMHO.
    • Kate Royal - Graham Johnson (2007)

      Keine schlechte Idee, den Zyklus durch einen Sopran singen zu lassen. Allerdings ist Miss Royal alles andere als überzeugend.
      In der Höhe -z.B. in Waldesgespräch- sind ihre Töne gespannt und die Deutlichkeit läßt nach. Sonst ist ihre Aussprache weitgehend fehlerfrei, die Deklamation aber nicht. Kate Royal scheint kursiv zu singen, ohne vorher die Gedichte in ihrer Gesamtheit erfaßt zu haben. Teilweise hört es sich eher opernhaft als kunstliedhaft an. Schöne Elemente sind dabei (die Farbgebung in "Und die schöne Braut, sie weinet" zB), aber sie bleiben isoliert.
      Gemessen an der Anzahl erstklassiger Aufnahmen dieses Liederkreises ist diese eher zweiträngig.
      Alles, wie immer, IMHO.
    • Liebe Succubus zu diesem Liederkreis gab es vor einigen Jahren einen SEHR ausgiebigen Thread; in dem jedes einzelne Lied detailliert vorgestellt und diskutiert wurde und natürlich viele verschiedene Interpretationen zur Sprache kamen. Wir hatten sogar zwei Ranking-Listen mit dem Lieblingslied und der Lieblingsinterpretation. Ich weiss nciht mehr wo der Thread abgeblieben ist, ich gehöre ja nicht zu den Jâgern und Sammlern und in solchen Fällen fällt mir dann sofort auf, wie schmerzlich Rideamus fehlt. Der wüsste das ganz gewiss Alles noch, aber vielleicht kann Peter Brixius oder ein Anderer von der alten Garde helfen?
      Für mich ist dieser Zyklus der Gipfel der romantischen Lied-Seligkeit und überhaupt der Inbegriff deutscher Romantik. Schumann und Eichendorff ergänzen sich so was von ideal und kongenial, dass jemand der nicht weiss was deutsche Romantik ist eigentlcih nur diesen Zyklus braucht, um sofort zu verstehen um was es sich handelt. Wald, Sehnsucht, Heimat, Fremde, Wehmut, Lied, Märchen, Loreley und Rhein- also ich persönlich heile mich in allen Heimwehattacken mit opus 39! Lieblingsinterpretationen hab ich natürlich auch u.A Bryn Terfel dessen Leidenschaft und Sinnlichkeit sehr ansteckend ist und wider Erwarten zur hohen Liedkunst wird. aber das nur en passant, ich werde sicher noch mehr dazu sagen, der Zyklus gehôrt zu dem, von dem ich die meisten Aufnahmen habe und ausserdem Noten und eigene bescheidene Singerfahrung, die aber sehr dabei hilft, das Ganze von innen zu verstehen. :fee:
      Jede Krankheit ist ein musikalisches Problem und die Heilung eine musikalische Auflösung (Novalis)
    • Quasimodo schrieb:

      FairyQueen schrieb:

      zu diesem Liederkreis gab es vor einigen Jahren einen SEHR ausgiebigen Thread; in dem jedes einzelne Lied detailliert vorgestellt und diskutiert wurd

      Verwechselst Du das nicht mit der Dichterliebe? An einen Thread zu den Eichendorff-Liedern kann ich mich nicht erinnern; vielleicht war das in einer anderen Forenwelt.


      Lieber Bernd,

      so ist es, das war ein Thread bei Tamino. Da die Beiträge aber weitgehend von späteren Capriccii geschrieben war, könnte man ihn durchaus hier restaurieren

      Liebe Grüße Peter
      .
      Auch fand er aufgeregte Menschen zwar immer sehr lehrreich, aber er hatte dann die Neigung, ein bloßer Zuschauer zu sein, und es kam ihm seltsam vor, selbst mitzuspielen.
      (Hermann Bahr)
    • Philbert schrieb:


      Mitsuko Shirai / Hartmut Höll (1985/86)
      Das Wort "magisch", das MB in Verbindung mit Schreier brachte, möchte ich hier wiederverwenden. Mitsuko Shirai ist hier total suverän, weiß zu gestalten, ohne in die Preziosität zu fallen. Als Beispiel die Mondnacht, wo sie ätherische Höhe mit mezza voce einsetzt, ein kontrolliertes crescendo in "wir ihre Flügel aus" ausführt ... dies alles, ohne den großen Bogen von der Sicht zu verlieren. Da, wo sie exaltierter singt, wie in Schöne Fremde, wird sie nicht härter - was ihr später gelegentlich passiert ist - , sondern behält einen lyrischen Unterton. Wunderschönes Farbenspiel, das mit Schumanns Klangsprache seht gut hamoniert. Shirai scheint hier ihre Stimme wie ein Luxusinstrument zu führen, das feinfühlig auf jeden Impuls reagiert.
      Hartmut Höll ist ein kongenialer Partner, der die Atmosphäre beschwören kann.
      Die Kehrseite der Medaille ist, daß man hier wenig Spontaneität hört. Es ist Kunstlied, das mit allen Mitteln der Kunst dargestellt wird. Eichendorff, Schumann, Shirai und Höll entführen buchstäblich in eine Kunstwelt. Magisch im Sinne von "zauberhaft" aber auch von "irreal".

      vielen Dank für den Hinweis! Eher zufällig besitze ich diese Aufnahme (in eigenartiger Kopplung (Duette op.34, Spanisches Liederspiel und 5 der Kerner-Lieder) aus einer preiswerten Club? "Classic Edition". Die ist wirklich sehr gut, beinahe das erste Mal, dass ich bewusst eine Fassung mit Frauenstimme gehört habe. Meine Kennenlern-Aufnahmen waren Schreier und dann die 1950er EMI-Aufnahme FiDis.
      Ich habe noch einige Lieder mit Christa Ludwig auf einem Sampler, weiß aber nicht, ob es das Werk komplett mit dieser Sängerin gibt. Hätte ich nicht erwartet, da ich einige andere (vermutlich deutlich spätere) Einspielungen mit Frau Shirai nicht nach meinem Geschmack (zu viel vibrato, zu forciert) fand.
      ...a man who refuses to have his own philosophy will not even have the advantages of a brute beast, and be left to his own instincts. He will only have the used-up scraps of somebody else’s philosophy; which the beasts do not have to inherit; hence their happiness. Men have always one of two things: either a complete and conscious philosophy or the unconscious acceptance of the broken bits of some incomplete and shattered and often discredited philosophy. (G. K. Chesterton)
    • Ich habe meinen damaligen Einführungsbeitrag auf meiner Festplatte wiedergefunden(und noch etliche andere mehr)

      Robert
      Schumann: Liederkreis op 39


      «Der Eichendorff-Zyklus ist meine romantischste Musik und enthält viel von Dir ,geliebte Clara“ schreibt Robert Schumann an seine Frau.

      Es ist gleichzeitig der Erste seiner drei berühmt gewordenen Liedzyklen, die er im überreichen „Liederjahr“ 1840 komponierte. Neben dem Liederkreis opus 39 nach Eichendorff entstehenop 42“Frauenliebe und –leben" nach Texten von Chamisso und der Heine-Zyklus op 48 „Dichterliebe“(der aber erst vier Jahre später publiziert wurde).
      Dass Schumann ausgerechnet im Jahr seiner so hart erkämpften und lang und schmerzlich ersehntenHochzeit mit seiner Geliebten, Frau und Muse Clara Wieck seine berümtesten Liedwerke schreibt, ist gewiss kein Zufall. Die 12 Lieder des Zyklus nach Gedichten von Joseph von Eichendorff sind anders als in op42 und 48 nicht in eine Art erzählende Handlung eingebunden. Sie sind als Gedichte in Eichendorffs Werk verstreut, also nicht als „Zyklus“ von ihm gedacht.Dennoch besteht zwischen ihnen eine ganz enge thematische und vor allen Dingen
      „stimmungsmässige“ Verbindung. Ich paraphrasiere nun (in eigener Übersetzung) einen Artikel aus „ "Guide de la Melodie et du Lied“ Fayard, der das m.E. hervorragend zum Ausdruck bringt:
      Dieser fast spürbare Gleichklang zwischen Eichendorff und Schumann spiegelt die ideale Begegnung zweier ähnlicherGefühlswelten, die eine Einzige zu sein scheinen, so sehr klingen sie im selben Akkord. Beide sind Klassiker der Form, aber Priesterder Natur und der Seele. Dichter und Komponist zeigen sich hier alsDeutsche bis zum innersten Grund ihres Seins und beschwören mit gleicher Sprache und gleichem Gefühl die Inbegriffe der Romantik herauf:
      Heimat, Fremde, Wald, Nacht, Bächlein, Vöglein, Traum, Seele, Sehnsucht,Lied

      Nochmehr als in den späteren Waldszenen haben wir hier das, was in der Oper der „Freischütz“ ist, im Lied vor uns.
      Fern der Heimat, wo die Ihren lange gestorben sind, an einem Frühlingsabend im rauschenden Wald am Rhein, geben sich ein Dichter und einKomponist ihren Träumen hin In ihnen steigen die inneren Stimmen auf, Erinnerungen an die Vergangenheit und alte Legenden. Das letzte Abendrot verglüht., die Nacht steigt hinab und der Mond erscheint.Fûr einige Augenblicke wird die träumerische Sternenstille durch Hörnerklang unterbrochen: die Echos einer Hochzeiit.. Die ganze Natur erbebt .

      Die Reihenfolge der Lieder:
      1. In der Fremde
      2. Intermezzo
      3. Waldesgespräch
      4. Die Stille
      5.Mondnacht
      6. Schöne Fremde
      7. Auf einer Burg
      8. In der Fremde
      9. Wehmut
      10. Zwielicht
      11. Im Walde
      12. Frühlingsnacht

      Die Wirksamkeit dieses Liedzyklus habe ich als Deutsche im Ausland ganz besonders erfahren. Wie kaum ein anderes Werk beschwört derLiederkreis op39 das Beste dessen, was ich als "deutsche Heimat" empfinde herauf und wird auch von Ausländern ganz intensiv in diesemSinne nachempfunden. Frei von "Kitsch, spiegelt er die unverstellte und reine Romantik wieder und ist für mich eines der allergrössten Kunstwerke der gesamten Vokalliteratur.
      :fee:
      Jede Krankheit ist ein musikalisches Problem und die Heilung eine musikalische Auflösung (Novalis)