Weber: Der Freischütz – Theater Bremen, 23.03.2013

    Diese Seite verwendet Cookies. Durch die Nutzung unserer Seite erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies setzen. Weitere Informationen

    • Weber: Der Freischütz – Theater Bremen, 23.03.2013

      Der deutsche Wald - Sehnsuchtslandschaft der deutschen Romantik. Er sei die Hauptfigur von Carl Maria von Webers „Romantischer Oper“, so ein traditioneller Blick auf die Oper. Sebastian Baumgarten, der das Werk jetzt in Bremen neu inszeniert hat, sucht sich seine eigene Sichtweise.

      Das wesentliche Element von Natascha von Steigers Einheitsbühnenbild ist eine seitlich aufgeschnittene Stufenpyramide. In der Frontansicht ergibt sich ein hölzerner, sich nach oben verengender tribünenartiger Aufbau, der durch Türen auf den verschiedenen Ebenen von den Darstellern betreten werden kann. Wird das Gebilde um 90 Grad gedreht, entsteht ein Innenraum, der unter anderem im ersten Bild des zweiten Akts als Stube des Erbförsters Verwendung findet. Mag man bei der Form des Bühnenbildes noch einen Nadelbaum assoziieren, hat Sebastian Baumgarten mit seiner Regie ansonsten für so viel Kahlschlag gesorgt, dass von Wäldern und Auen nicht mehr viel übrig geblieben ist. Am Ende bleibt der Zuschauer aber doch ziemlich ratlos zwischen den Stümpfen zurück.

      Die Regie verortet das Geschehen in einer zeitlich nicht genau bestimmten deutschen Vergangenheit, wobei die meisten Elemente eine Nähe zum Wilhelminischen Zeitalter andeuten. Schon bei der Ouvertüre werden in schwarz-weißen Filmsequenzen Bilder der afrikanischen Tierwelt auf den noch geschlossenen Vorhang projiziert. Weitere Videoeinblendungen werden folgen. Die gesprochenen Dialoge sind in dieser Aufführung geändert, von „Kameraden“ ist die Rede, im letzten Akt schwadroniert dann Fürst Ottokar gar von den deutschen Schutzgebieten in Süd-West-Afrika. Untermalt sind die gesprochenen Passagen von nachkomponierten Dialogmusiken, die am Keyboard eingespielt werden.

      So und so ähnlich bastelt sich Sebastian Baumgarten seinen persönlichen „Freischütz“ zusammen. Die Problematik liegt allerdings darin, dass man das, was Baumgarten mitteilen möchte, allenfalls aus den Dialogen und den Videoeinblendungen erahnen kann. Im übrigen ist das Bühnengeschehen nicht geeignet, einen Bezug zum deutschen Kolonialismus überzeugend zu beglaubigen.

      Szenisch am Interessantesten noch der erste Akt: Die Dörfler einschließlich Kilian, der es nur dem Glück verdankt, dass er Schützenkönig wird, wirken mit ihren kurzen Hosen und ihren rot geschminkten Pausbäckchen unreif und etwas dümmlich, zugleich aber in ihrer Uniformität auch bedrohlich, wenn sie Max ob seines Versagens verspotten. Der Erbförster, ein onkelhafter Typ mit Gehstock und Rauschebart, erklärt schulmeisterlich von oben herab, was es mit dem Probeschuss auf sich hat. Die „Kameraden“ antworten im Chor und schreiben mit übergroßen Bleistiften mit.

      Kaspar, mit seinem wirren Haar optisch irgendwo zwischen Joker aus Batman und Albert Einstein, ist als einziger anders, ein Außenseiter, der nicht verrät, in welchem Krieg er gedient hat und immer wieder in die englische Sprache verfällt. Er ist die diabolische Figur der Inszenierung. Spielkarten gehen unter seinen Händen in helle Flammen auf.

      Agathe und Ännchen, hier bevorzugt „Anne“ genannt, gehört nicht das Interesse der Inszenierung. Belanglos und uninteressant plätschert die erste Szene des zweiten Aktes vorüber.

      Die Wolfsschlucht ist der Keller der Pyramide, die für diese Szene hochgefahren wird. Nach der Beschwörung durch Kaspar erscheint kein einzelner Samiel, sondern viele dunkle leichenhafte Gestalten, die im Chor sprechen und dann Kaspar und wohl auch Max mit sich fortziehen. Vielleicht werden die Protagonisten von ihrer Vergangenheit eingeholt. An sich keine schlechte Idee, die szenische Umsetzung wirkt allerdings etwas unbeholfen.

      Während der anschließenden Umbauphase wird die an das deutsche Volk gerichtete Rede eingespielt, die Wilhelm II an einem der ersten Tage des Ersten Weltkriegs hielt („Noch nie ward Deutschland überwunden, wenn es einig war.“).

      Die Szene mit Agathe, Ännchen und den Brautjungfern steht dann gänzlich als Fremdkörper neben dem Geschehen. Alle tragen bienenähnliche Kostüme, möglicherweise um dann bienenfleißig den Jungfernkranz zu winden. Es folgt der Jägerchor, untermalt von historischem Filmmaterial, das beweist, wie viel Spaß frühere Generationen an gemeinschaftlichen Leibesübungen hatten. Max schießt, Kaspar war von je ein Bösewicht und am Ende klettert wie der Prophet vom Berge der Eremit vom Bühnenaufbau und verkündet die frohe Botschaft vom Ende des Probeschusses.

      Sebastian Baumgartens Regie kann im Ergebnis nicht überzeugen. Sie lässt emotional gleichgültig. Max, Agathe, Ännchen und auch Kaspar bleiben als Personen uninteressant. Soweit man aus dem Programmheft erfährt, welche Gedanken zum deutschen Wesen möglicherweise der Inszenierung zugrundegelegen haben mögen, werden diese kaum aus der dramaturgischen Anlage der Oper entwickelt, sondern – so mein Eindruck – wie von außen durch die geänderten Dialoge und die Videosequenzen implementiert. Die Inszenierung scheitert so mit ihrer dekonstruktiven Methode am eigenen intellektuellen Anspruch.

      Markus Poschner am Pult der Bremer Philharmoniker hat sich einem harten, sehr unromantischen Streicherklang verschrieben. Schon die Ouvertüre klingt rhythmisch akzentuiert und sehr bläserlastig. Manch ein interessantes Detail ist zu hören, mir persönlich war es dann aber doch etwas zuviel der Kratzbürstigkeit.

      Für den einzigen Lichtblick des Abends sorgte Heiko Börner als Max. Trotz der hörbar großen Reserven wird die Stimme noch recht schlank geführt und mit einer großen dynamischen Bandbreite eingesetzt. Von Stimmfette und Pathos klang das auf angenehme Art altmodisch und empfielt den Sänger durchaus für größere Aufgaben. Mittelmäßig bis schwach die Leistung des restlichen Ensembles. Besonders gilt das für den Kaspar von Loren Lang – eine raue, ausgesungene, aus dem Fokus geratene Stimme mit schwacher Tiefe. Patricia Andress konnte als Agathe nicht berühren; einige schöne Töne gab es zwar, es fehlte aber die innere Ruhe in der Stimme und das Legato für die langen Linien. Steffi Lehmanns Ännchen hatte immerhin Charme, aber auch eine Stimme, die selbst für das Bremer Theater recht klein dimensioniert war.

      Insgesamt ein sehr ernüchternder Abend in Bremen.
    • Zauberton schrieb:

      schwarz-weißen Filmsequenzen Bilder der afrikanischen Tierwelt

      Zauberton schrieb:

      Die gesprochenen Dialoge sind in dieser Aufführung geändert

      Zauberton schrieb:

      im letzten Akt schwadroniert dann Fürst Ottokar gar von den deutschen Schutzgebieten in Süd-West-Afrika. Untermalt sind die gesprochenen Passagen von nachkomponierten Dialogmusiken, die am Keyboard eingespielt werden.
      Und sowas wird auch noch als WEBERS Freischütz bezeichnet ... unfassbar.

      Passender wäre doch: "Ein Stück von Regisseur XY, basierend auf Motiven der Oper ´Der Freischütz`".

      Tut mir leid, dass es so eine Enttäuschung war :troest:
      Wurde denn wenigens das Vorspiel zum 3. Akt gespielt? Das wird ja auch gerne mal weggekürzt.
    • Zauberton schrieb:

      hat sich einem harten, sehr unromantischen Streicherklang verschrieben

      Wobei ich mal gelesen habe, dass die Streicher zur Entstehungszeit der Oper mit viel weniger oder gar keinem Vibrato, also ohne diese "Süßlichkeit", gespielt haben, wie wir sie im 20. Jahrhundert gehört haben. Wie meinst du "hart" und "unromantisch" genau?
    • Möglicherweise habe ich bislang zum Verständnis Wesentliches unterschlagen:

      Wir müssen davon ausgehen, dass Max direkt aus dem Krieg in Deutsch-Südwest zurückkommt. Der "schwarze Jäger", vor dem er sich ängstigt, ist tatsächlich der "schwarze Mann", die afrikanischen Ureinwohner, gegen die er dort gekämpft hat.Max hat ihn immer dabei, als schwarzgesichtige Kasperlepuppe in seinem Tornister und in seinen Erinnerungen. Die Kriegserinnerungen holen ihn dann in Gestalt des "schwarzen Heeres" in der Wolfsschlucht ein.

      Die Idee ist nicht abseitig. "Der Freischütz" spielt am Ende eines Krieges, der Traumatisierung und Leid gebracht hat. Das Problem ist: So wie Baumgarten es sich vorstellt, funktioniert es nicht. Die Regie betreibt großen Aufwand hinsichtlich des Inputs von Filmmaterial und Text in den Dialogen, um ihr Konzept auch nur ansatzweise verständlich präsentieren zu können. Die Bühnendarsteller hingegen agieren eher flach. Von Traumatisierung ist bei dem Max, der dann auf der Bühne steht, nicht viel zu sehen. Das ganze schöne dramaurgische Konzept verpufft in szenischer Beliebigkeit. Anstatt Filme zu drehen, hätte man besser an der Personenregie gearbeitet. Das gilt auch für den Auftritt des "schwarzen Heeres": Die kommen einfach aus den Katakomben und schlackern mit ihren Umhängen. Überzeugenden Theater sieht anders aus.

      Baumgarten gelingt es nicht, seinen ambitionierten dramaturgischen Überbau überzeugend szenisch umzusetzen. Das ist das Problem der Inszenierung.

      Markus Poschner lässt übrigens tatsächlich mit wenig Vibrato spielen. Auch das Bemühen um Transparenz im Orchesterklang war erkennbar.
    • Zauberton schrieb:

      Die Idee ist nicht abseitig. "Der Freischütz" spielt am Ende eines Krieges, der Traumatisierung und Leid gebracht hat.
      Das ist natürlich Geschmackssache, aber mit dem Freischütz hat das dennoch nichts mehr zu tun. Der Freischütz hat seine eigene Geschichte, seine eigenen Figuren.

      Interessant finde ich ja: wenn hier einer daherkommt und sagt, er komponiert etwas, dann wird er in der Luft zerrissen. Wenn aber ein Regisseur bzw. ein anderer Musiker meint, er müsse den Freischütz mit seiner eigenen Musik ergänzen, wird das meistens als toll und genial bezeichnet.

      Zauberton schrieb:

      Markus Poschner lässt übrigens tatsächlich mit wenig Vibrato spielen. Auch das Bemühen um Transparenz im Orchesterklang war erkennbar.
      Ich möchte meine Frage wiederholen, ob das Vorspiel zum dritten Akt gespielt wurde. Wurden die Vorschläge der Hörner als kurze oder lange Vorschläge gespielt?
    • Es ging spazieren vor dem Tor

      Zitat von Zauberton:
      Kaspar, mit seinem wirren Haar optisch irgendwo zwischen Joker aus Batman und Albert Einstein


      Gemeint ist Struwwelpeter. Max ist in der Schulklasse der Primus und Kaspar der ungezogene Lümmel, der Aussenseiter.

      .Max hat ihn immer dabei, als schwarzgesichtige Kasperlepuppe in seinem Tornister


      Eher wohl eine schwarzgesichtige Kasparpuppe, oder...?

      Zitat von merkatz:
      Passender wäre doch: "Ein Stück von Regisseur XY, basierend auf Motiven der Oper ´Der Freischütz`


      Genau, zumal es auch noch Eingriffe in die Musik gab - das so ein schändliches Tun von einem GMD mitgemacht wird, unerhört!
      Der Kunst ihre Freiheit
    • merkatz schrieb:

      Interessant finde ich ja: wenn hier einer daherkommt und sagt, er komponiert etwas, dann wird er in der Luft zerrissen. Wenn aber ein Regisseur bzw. ein anderer Musiker meint, er müsse den Freischütz mit seiner eigenen Musik ergänzen, wird das meistens als toll und genial bezeichnet.


      Das stimmt doch überhaupt nicht! Im Gegensatz zu einem Pauschalurteil wie von Dir gebracht ("mit dem Freischütz hat das dennoch nichts mehr zu tun") sind die meisten Aufführungs-Besprechungen hier doch sehr differenziert. Uns so sollte es doch sein. Nur ein kurzer Vorschlag ... (ohne Hörner)

      DiO :beatnik:
      "Wer Europa in seiner komplizierten Verschränkung von Gemeinsamkeit und Eigenart verstehen will, tut gut daran, die Oper zu studieren." - Ralph Bollmann, Walküre in Detmold
    • Diabolus in Opera schrieb:

      Im Gegensatz zu einem Pauschalurteil wie von Dir gebracht ("mit dem Freischütz hat das dennoch nichts mehr zu tun") sind die meisten Aufführungs-Besprechungen hier doch sehr differenziert. Uns so sollte es doch sein.

      Es tut mir leid, dass mein bescheidener Kommentar dazu nicht deinen hohen Ansprüchen an eine Rezension genügt, aber ich werde mich nicht darüber streiten. Ich schreibe meine eigenen Kommentare.

      Und wenn jemand Text einer Oper verändert und auch noch musikalische Eingriffe vornimmt, damit es zu den Erleuchtungen des Regisseurs passt, dann ist es imho kein Freischütz mehr.
    • merkatz schrieb:

      Alle Menschen werden als Unikat geboren, doch die meisten sterben als Kopie.

      Tja. Die meisten Opern werden als Unikat geboren, doch die meisten Besucher wünschen sich den Tod des Werkes als Kopie.

      Es wird Unmögliches verlangt: Die Überwältigung durch noch nie dagewesene künstlerische Leistungen bei gleichzeitigem völligem Verbleiben in den gewohnten Bahnen.

      Gruß
      MB

      :wink:
      Un homme d'esprit est perdu s'il ne joint pas à l'esprit l'énergie de caractère. Quand on a la lanterne de Diogène, il faut avoir son bâton. (Nicolas-Sébastien de Chamfort)
    • Mauerblümchen schrieb:

      Tja. Die meisten Opern werden als Unikat geboren, doch die meisten Besucher wünschen sich den Tod des Werkes als Kopie.

      Es wird Unmögliches verlangt: Die Überwältigung durch noch nie dagewesene künstlerische Leistungen bei gleichzeitigem völligem Verbleiben in den gewohnten Bahnen.

      Ein interessantes Thema! Jemand sollte mal einen Thread zum Regietheater aufmachen ... :D :D
    • Den Hirsch zu verfolgen durch Dickicht und Teich

      merkatz schrieb:


      Und wenn jemand Text einer Oper verändert und auch noch musikalische Eingriffe vornimmt, damit es zu den Erleuchtungen des Regisseurs passt, dann ist es imho kein Freischütz mehr.


      Nein, dann ist das ein Kasparletheater, ein Murx ist das. Und diese Tiervideos erst. Seit wann gibts denn im deutschen Wald Löwen und Zebras? Da gibts Hirsche und da liegen Rehe gepaart, selbst wilde Füchse und Wölfe, keine Ahnung, der Regisseur. Und ein bischen Wald hätte der Inszenierung auch gut getan. Schlimm!
      Der Kunst ihre Freiheit
    • Alviano schrieb:

      Nein, dann ist das ein Kasparletheater, ein Murx ist das. Und diese Tiervideos erst. Seit wann gibts denn im deutschen Wald Löwen und Zebras? Da gibts Hirsche und da liegen Rehe gepaart, selbst wilde Füchse und Wölfe, keine Ahnung, der Regisseur. Und ein bischen Wald hätte der Inszenierung auch gut getan. Schlimm!
      Menschen sind doch u.A. Spiegel ihrer Zeit. Und die Zeit ändert immer wieder alles. Kann man sich drüber ärgern, kann man aber auch als Bereicherung verstehen, oder als Anregung zur positiven Veränderung. Und wenn einem etwas so gar nicht gefällt, kann man sich immerhin noch über seinen ganz eigenen

      Alviano schrieb:

      Aber nein, wo hab ich das doch gelesen:

      Wo alle dasselbe denken, wird nicht viel gelacht.

      Na dann...
      ....lieber lachen! ;+)

      (guten?) Geschmack freuen. Das ist besser, als sich zu ärgern. ( ausgenommen über die Tatsache eines zu hohen Eintrittspreises)
      Wenn eine Vergewaltigung unvermeidlich ist - einfach stillhalten und geniessen.
      Konfuzius
    • "Der Freischütz"

      Der deutsche Wald ist nicht nur ein Sehnsuchtsraum der Romantik, wo sich rauschend Blätter regen oder sich seelische Abgründe in einer „Wolfsschlucht“ auftun, er kann auch Sinnbild für eine strenge, militärische Ordnung sein, nachdem sich vielleicht das deutsche Wesen doch stärker sehnt, als es ihm manchmal bewusst ist. Zumindest hat Elias Canetti in seinem Werk „Masse und Macht“ eine solche Lesart beschrieben.

      Sebastian Baumgarten, erfahrener Schauspiel- und seit kurzer Zeit auch Musiktheaterregisseur, hat nach Wagners „Tannhäuser“ in Bayreuth, der „Carmen“ an der „Komischen Oper“ in Berlin und dem „Trittico“ von Puccini in Hannover nun im benachbarten Bremen den „Freischütz“ inszeniert und ermöglicht einen neuen Blick auf ein allbekanntes Stück. Manchmal knirscht das Konzept etwas, aber dennoch lohnt es sich, dass man sich von Baumgarten mit auf eine Reise in Webers Hauptwerk nehmen lässt.

      Baumgarten nimmt den „schwarzen Jäger“ wörtlich, assoziiert recht frei und macht es damit einem in Sehgewohnheiten festgefahrenen Publikum nicht ganz einfach. Es gibt Anlehnungen an das Kasperletheater, einen ambivalenten Umgang mit dem „schwarzen Mann“ als Projektionsfläche für Bedrohungen und Ängste, aber auch für Sehnsucht nach dem Fremden, dem Anderen, was sich in der Wolfsschluchtszene in einer Art Vodoo-Messe amalgamiert, wo eine ganze Gruppe von schwarzen Untoten den Samieltext chorisch sprechen.

      Die Kolonialzeit wird zitiert, wesentlich dezenter gibt es Hinweise auf Nazi-Deutschland, die einzelnen Bilder sind mit Überschriften aus der katholischen Messe versehen und immer wieder bricht Baumgarten die Handlung auf, zeigt eine Schulklasse zu Beginn, wo Max und Kilian einen Luftballon mit Zwillen zerschiessen (dem einen gelingts, dem anderen nicht) – und wo Kasper als Shockheaded-Peter Zigaretten rauchend und mit viel Groove im Körper den Aussenseiter, den ungezogenen Lümmel gibt, der am Ende (klar, weil nicht umzubringen) überlebt.

      Baumgarten erzählt mit spannenden, theatralischen Mitteln und teilweise lockerer Hand diese Geschichte vom „Freischütz“, ausgefeilt in der Personenführung, frech, unterhaltsam und in den Chiffren nachvollziehbar – vielleicht ungewohnt von der Perspektive her, aber nicht völlig abwegig.

      GMD Markus Poschner unterstützt die Produktion vom Pult her, ermöglicht auch ein Innehalten des musikalischen Ablaufs am Ende, wo vielleicht doch Zweifel am Vertrauen auf göttliche Fügung aufkommen können, scheut sich nicht davor, den Eremiten die Einleitung der Kavatine von Agathe im dritten Akt von der Orgel aus begleiten zu lassen und steuert einen eher robusten Klang zu dieser Neuinszenierung bei.

      Darstellerisch sind alle Beteiligten voll bei der Sache, Bassist Loren C. Lang (Kaspar) macht damit auch etwas von seiner sängerisch nicht mehr tadellosen Leistung wett, aber auch die anderen Mitwirkenden zeigen Schwächen. Die Agathe von Patricia Andress verfügt über eine schöne Stimme, neigt aber zu einigen Ungenauigkeiten, Steffi Lehmann, das Ännchen, geht ihre Aufgabe recht routiniert an, ist aber sowohl in der Lage, Dialoge zu sprechen, als auch schauspielerisch zu punkten und der Max von Heiko Börner überzeugt damit, dass er seinen Gesangspart differenziert gestaltet und recht gut mit seinen Möglichkeiten zu haushalten weiss. Ein wenig mehr Gesangsdisziplin wäre wünschenswert, die kleinen Unarten hat der Tenor Börner nicht nötig.

      Auffallend der mit klarer Diktion singende Chor (Chorleiter Daniel Mayr hat hier eine gute Vorarbeit geleistet) und während die Sängerinnen und Sänger, sowie der Dirigent Markus Poschner sich am ungeteilten Beifalles des Premierenpublikums erfreuen durften, wurde Sebastian Baumgarten mit hörbarer Ablehnung vom Publikum empfangen, vehemente Zustimmung gab es allerdings auch.

      Ende Mai hat die nächste von Sebastian Baumgarten betreute Musiktheaterproduktion Premiere, in Zürich steht dann Mozarts „Don Giovanni“ auf dem Plan.
      Der Kunst ihre Freiheit
    • Lieber Alviano,

      es freut mich, ganz ehrlich, dass es dir gefallen hat und dass du hier noch ein paar sachliche Zeilen geschrieben hast.

      Es ist richtig: Baumgarten scheut sich nicht, den Zuschauer zu fordern, vielleicht sogar zu überfordern. Videos liegen ständig über und teils neben dem Bühnengeschehen. Ein gewisser Overload insoweit war schon im "Trittico" in Hannover problematisch, jetzt im "Freischütz" hat es micht überhaupt nicht mehr erreicht. Das ist ein Regiestil, der den Zuschauer nicht an die Hand nimmt und dann emotional mitreißt, wie zuletzt zum Beispiel Benedikt von Peter mit seinen Bremer Inszenierungen. Nein, Baumgarten hat den intellektuelleren Ansatz; er doziert – und nervt, so jedenfalls hier, mit einer, je nach Sichtweise, ambitionierten oder großspurigen Neudeutung, die mindestens ebenso sehr sich selbst inszeniert wie die Oper.

      Dabei geht es nicht darum, dass der Wald doch gefälligst bitte weiter so schön rauschen möge wie früher. Die Regie von Baumgarten spielt natürlich mit der Erwartungshaltung von Wald, Halali und fröhlichem Jagen, der sie schon während der Ouvertüre Videoeinblendungen von afrikanischem Großwild entgegensetzt. Das ist immerhin originell, so wie einiges andere auch. Aber diese Inszenierung hat den festen Boden unter den Füßen dann doch ziemlich schnell verloren. Genauso wie sich in dem Rahmen, der im zweiten Akt von der Wand fällt, in dieser Inszenierung kein Bild des Ahnherrn befindet, schafft sich Baumgarten auf der Basis von freiem Assoziieren, wie du es nennst, ein Gedankengebäude, das allenfalls noch lockeren Bezug zum "Material" hat. Weil sonst gar keiner mehr mitkommt, muss es dann durch eine Neudichtung der Dialoge gerechtfertigt werden. Die von dir beobachtete ausgefeilte Personenführung konnte ich nicht immer feststellen, allenfalls noch im ersten Bild, das recht munter geraten ist. Gerade die Szenen, die Agathe und Ännchen gewidmet sind, laufen aber doch schematisch ab. Baumgarten will sich offenbar mit den Charakteren in dieser Oper auch gar nicht näher befassen, wenn man dem Programmheft glaubt, das auf das Holzschnittartige des Marionettentheaters verweist. Dann muss er aber eben auch in Kauf nehmen, dass das Ergebnis plakativ und aufdringlich wirkt.

      Diese Regie bleibt für mich ärgerlich, aber immerhin auf eine interessante Art. Es handelt sich um eine Inszenierung, die wohl niemanden kalt lässt, die sicher auch provozieren will und genug Reibungsfläche dafür bietet. Sie wird in Erinnerung bleiben.

      Baumgartens Inszenierung von "Don Giovanni" in Zürich werde ich mir nicht ansehen. Vielleicht probiere ich es aber noch einmal mit einer anderen Arbeit dieses Regisseurs in der nächsten Saison.
    • "Der Freischütz"

      Lieber Zauberton,

      das ist völlig klar: das ist eine Inszenierung, die polarisiert - dem einen gefällts, dem anderen nicht und es lassen sich für beide Positionen gute Argumente finden. Da wagt einer was und das sehe ich genauso, wie Du: gleichgültig wird keiner aus einer Vorstellung dieses "Freischütz" hinaus gehen. Tendenziell hat mir der "Freischütz" auch besser gefallen, als das "Trittico" in Hannover, wobei es Bezüge zwischen dem "Tabarro" und dem "Freischütz" gibt - bis hin in szenische Details. Mir persönlich liegt diese Form von Theater sehr (was war ich von den Aufführungen der "Volksbühne" direkt nach der Wende begeistert), das erklärt ein wenig, warum ich diesen Abend als lohnend empfunden habe. Die Karte für den "Giovanni" hab ich schon :D . Und von von Peter gibt es dieses Jahr ja auch noch einen gewaltigen Brocken zum Jubiläumsjahr eines bekannten Komponisten direkt vor Deiner Haustür.

      :wink:
      Der Kunst ihre Freiheit
    • Alviano schrieb:

      Und von von Peter gibt es dieses Jahr ja auch noch einen gewaltigen Brocken zum Jubiläumsjahr eines bekannten Komponisten direkt vor Deiner Haustür.
      :


      Das wird leider nichts. Die Staatsoper Hannover sieht sich nicht in der Lage, von Peters künstlerisches Konzept umzusetzen.

      Die Premiere der "Meistersinger von Nürnberg" am 08.06.2013 wird deshalb von Olivier Tambosi betreut werden. Es sieht aus nach einer Übernahme vom Landestheater Linz.