Humperdinck: "Hänsel und Gretel" - Komische Oper Berlin, 24.03.2013 (Bericht von der Generalprobe am 21.03.)

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    • Humperdinck: "Hänsel und Gretel" - Komische Oper Berlin, 24.03.2013 (Bericht von der Generalprobe am 21.03.)

      Engelbert Humperdincks Märchenoper „Hänsel und Gretel“ erfreut sich nach wie vor unter kleinen wie großen Opernfreunden großer Beliebtheit. Meine Erfahrungen mit
      diesem Stück sind nicht allzu umfassend. Einmal gesehen, 1972 an der Deutschen Oper Berlin. Für mich war „Hänsel und Gretel“, jetzt an der Komischen Oper zu
      sehen, quasi ein ganz neues Stück.

      Musikalisch ist der Zugang leicht, zumal, wenn die Musik so klangschön, transparent und süffig aufbereitet wird, wie dies dem Orchester unter Kristiina Poska gelingt.
      Das ist der größte Aktivposten der ganzen Produktion; Poska gibt der Partitur, was sie braucht, nimmt die eingestreuten Kinderlieder nicht zu leicht und das
      immer wieder aufscheinende Wagner-Pathos nicht zu schwer. Poska ist überhaupt im spektakulären Neuanfang an der Komischen Oper eine der wichtigsten
      Hoffnungsträgerinnen, steht sie doch für kapellmeisterliche Sorgfalt und Kontinuität ebenso wie für an- und aufregende Interpretation des Altbewährten.
      Was ihr im Repertoire (Traviata, Bohème) bewegend gelang, funktioniert auch hier.

      Diese wunderbare orchestrale Basis ist enorm wichtig für das Gelingen der ganzen Produktion, da die Ambivalenzen und Widersprüche, die der Regisseur und Ausstatter Reinhard
      von der Thannen
      in diesem so harmlos anmutenden Werk aufspürt, andernfalls nicht so klar zur Geltung kommen würden. Von der Thadden ist seit vielen Jahren
      bevorzugter Ausstatter von Regie-Altmeister Neuenfels, und das ist zu merken: Bisweilen wirkt das Ganze wie eine Art „Neuenfels light version“, sowohl in der
      Wahl der Mittel als auch in der Kernaussage der Inszenierung..

      Worum geht es dabei? Genau betrachtet, haben Humperdinck und seine Textdichterin Adelheid Wette die doch recht krasse, brutale Struktur des zugrundeliegenden
      Grimm-Märchens in spätromantisch-verklärender Weise weichgespült. Wenn von der Thadden nun hier eine Entwicklungsgeschichte zweier Menschen an der Schwelle
      zum Erwachsensein sieht, konfontiert er die romantische Musik Humperdincks mit der ziemlich schonungslosen „Realität“ des Märchens, in dem von Engeln oder der
      Hilfe Gottes usw. gar nicht die Rede ist. Hänsel und Gretel müssen ihren Weg selbst finden, Hindernisse aus dem Weg räumen und lernen. Autoritäten zu
      misstrauen. Diese erscheinen nun hier – da ist von der Thadden ganz Neuenfels – als alberne Popanze, die Eltern ebenso wie die im schillernden Varité-Kostüm
      einherstolzierende Hexe.

      Erst recht gilt das nun für die Engel. Dreh- und Angelpunkt für Humperdincks romantisch-religiöse Umdeutung ist der Abendsegen, verortet in der Mitte des Stückes, ein breites
      symphonisches Zwischenspiel illustriert, wie Hänsel und Gretel – allein, verirrt und hungrig im Wald, sich eine Schar von Engeln herbeiträumen, die sie beschützen – und prompt schlafen sie „so gut wie noch nie“, wie es später im Text heißt. Der Widerspruch: Obwohl es doch Engel – so von der Thannen – eigentlich gar nicht gibt und Hänsel und Gretel im Kampf mit der Hexe auf sich allein gestellt sind, gibt die Phantasie den Kindern Kraft, ihren Weg zu gehen. Szene und Musik tragen diesen Widerspruch aus: Zu der von Kristiina Poska mit soviel romantischer Kraft ausgebreiteten Musik stellt der Regisseur ein paar hübsche Jungs in lächerlichen Engelskostümen auf die Bühne, die gänzlich
      asynchron zur Musik herumhüpfen und dem Publikum am Ende ihren mit einem roten Herz beklebten Hintern herausstrecken. Ätsch – Engel gibt’s nicht. Vor allem
      dieser alberne Knalleffekt zum Ende der Szene dürfte einigen im Publikum herbe aufstoßen, aber der heilsam-subversive Ansatz der Inszenierung ergibt letztlich, dass die beiden Titelrollen enorm aufgewertet werden. Der Regisseur bewundert die Leistung, sich in der schwierigen Zeit des Erwachsenwerdens auf eigene Füße zu stellen.

      Hänsel und Gretel – ein bisschen sind das eben Du und ich, und so sehen sie auch aus. Ein reinweißes, unauffällig heutiges Kostüm – Hemd, Jacke, Hose und als einzige „kindliche“
      Beigabe zwei Pappmasken mit Hasenohren, die immer dann aufgesetzt werden, wenn die Kinder ihren Weg zurück in die Kindheit suchen – etwa zu Beginn des
      Abendsegens. Für das Drumherum gibt’s aufwendigere Kostüme: Die Mutter erscheint als viktorianische Matrone, der Vater als platte Wilhelm-Busch-Karikatur. Sein Auftritt mit der Fülle an überraschend erworbenen „Konsumgütern“ vollzieht sich durch eine große Einkaufstüte, die kaum verfremdet, die Insignien eines großen skandinavischen Textilhauses trägt. Solche albernen Gags (auch hier lässt Neuenfels grüßen), verzeiht man dem Regisseur, weil er in der Führung der beiden Hauptfiguren einleuchtende und
      spannende Konstellationen schafft. Beziehungsreicher schon, dass sich Hänsel und Gretel, hungrig wie sie sind, in einem „Besteckwald“ aus Messer-, gabel-
      und Löffelbäumen wiederfinden (Sponsor der Produktion ist u.a. WMF!). Sieht man dem Ausstatter von der Thannen noch nach, dass er einige orchestrale Passagen
      mit comic-artigen Videoprojektionen versieht – derlei hat man eigentlich in der neuen Zauberflöte genug gesehen – und registriert man wohlwollend, dass er im übrigen
      den visuellen Overkill (häufiger Fehler inszenierender Bühnenbildner) vermeidet, so bleibt als Fazit eine anregende, in ihren Ambivalenzen sympathische Regiearbeit, die die Vorlage unter Rückgriff auf das Märchen ernster nimmt, als die Autoren der Oper es wohl selbst taten. Bleibt die Frage, ob derlei sich auch Kindern erschließt; ich denke aber, dass auch diejenigen Freude an dieser Arbeit haben, die diesen Grundgedanken nicht nachspüren wollen.

      Die Sänger? MaureenMcKay (Gretel) und Theresa Kronthaler (Hänsel) kommt es spürbar entgegen, dass sie nur ganz vereinzelt „Kinder“ spielen müssen, sondern meistens als
      neugierige, verwirrte und auch aufsässige Teenager agieren können, und das tun sie dann auch überzeugend und weitgehend unverkrampft. Ihr Gesang ist bisweilen
      von exquisiter Süße: Man würde sie gern gelegentlich als Sophie und Octavian hören. Hänsel überzeugt mich noch mehr, weil Theresa Kronthaler natürlicher
      agiert und textverständlicher singt.

      Die Eltern sind mit Christiane Oertel (Gertrud) und Tom Erik Lie (Peter) besetzt, zwei verdienten Mitglieder des Ensembles. Sie kommen nicht so gut zur Geltung:
      Darstellerisch auf bloße Karikaturen festgelegt, scheint die Gertrud der Mezzosopranistin Oertel nicht so zu liegen, was sie hier und da durch unkontrollierte Lautstärke auszugleichen versucht. Lie hingegen fehlt als hohem Bariton ein bisschen das Volumen. Beide sind nicht optimal eingesetzt. Glänzend dagegen das Varieté-Schlachtross, das
      Ursula Hesse von den Steinen
      auf die Bühne wuchtet: Sie wäre die perfekte Knusperhexe, wenn man ein bisschen mehr Text verstünde. Übrigens überlebt
      Rosina Leckermaul den Sturz in den Ofen in dieser Inszenierung. Will sagen: So einfach verschwinden die Hexen dieser Welt nicht, und die mit dem sehr präsenten Kinderchor angemessen bunt-fröhlich umgesetzte Erlösung ist eben nicht das Ende, sondern erst der Anfang der Geschichte. So ähneln Hänsel und Gretel auch hier wieder Pamina und Tamino in der Zauberflöte von Hans Neuenfels, die damals ein bisschen aus dem Stück stolperten, als hätte dieses gar nicht stattgefunden: Beide Paare sind bereichert vor allem um die Erkenntnis, dass es nötig ist, sich von den vermeintlichen und tatsächlichen Autoritäten zu lösen, um den eigenen Weg zu gehen. Aber dazu brauchen sie – da unterscheidet
      sich von der Thannen von Neuenfels – eben auch die Engel, wenigstens in ihrer Phantasie.

      Alles in allem eine schöne Sache – soviel „Inhalt“ hätte ich diesem so harmlos anmutenden Märchenspiel nicht zugetraut.
    • Ein ambivalenter Premierenabend - letztendlich scheitert von der Thannen nicht nur am Stück, sondern auch an der Umsetzung seiner eigenen Ideen - das allerdings auf hohem Niveau. Musikalisch kann ich mit dem Dirigat nicht so richtig viel anfangen, da fehlt mir eine vorwärtsdrängende Frische und etwas weniger breites Ausschwingen mancher Passage. Sängerisch fand ich Ursula Hesse von den Steinen unterirdisch - viel Getue, wenig Gesang. Den "Freischütz" in Bremen am Vorabend fand ich deutlich stärker - Bremen goes Volksbühne - etwas Schleef, etwas Castorf, ein wenig Konwitschny - nicht nur gut überlegt, auch super umgesetzt - hat nicht jedem gefallen, dürfte aber sein Publikum finden.
      Der Kunst ihre Freiheit
    • Na, da sind wir wohl doch ein bisschen auseinander mit der Beurteilung: Was das Orchester betrifft, kann es sein, dass mir schlichtweg die Vergleichsmöglichkeiten fehlen; gerade "Frische" hat mir überhaupt nicht gefehlt. Könnte natürlich auch daran liegen, dass Kristiina Poska zwischen Generalprobe und Premiere noch schnell zwei Zauberflöten an einem Tag dirigiert hat (22.03.). Das Haus stopft derzeit jede denkbare Spielplanlücke mit Aufführungen dieser Produktion, die an der Kasse gnadenlos erfolgreich ist.

      Zur Regie nur zusammengefasst, dass man wohl diese sehr kühle Plastik-Ästhetik von der Thannens mögen muss, um dem Ganzen etwas abzugewinnen. Ich finde allerdings, dass er durch die bewusste Sichtbarmachung von Ambivalenzen und Widersprüchen (Abendsegen) dem Stück mehr gibt, als es durch den vielleicht von einigen beklagten Verlust an "romantischer" Stimmung verliert - wenn auch, wie immer bei sowas, nicht jeder Gag zündet und nicht jede Rechnung aufgeht. Von Scheitern würde ich deshalb nicht sprechen.

      Die ersten Kritiken sind im Netz zu finden; deren Beurteilung geht schon jetzt weit auseinander. Schön, dass es wieder mal was zu debattieren gibt...
    • Reinhard von der Thannen

      Das Beste an dem Abend war noch die Ausstattung, die war auf gewohnt gekonntem Niveau - wenn denn da nur noch jemand gefunden worden wäre, der sowas wie eine überzeugende Regie hinbekommen hätte. Vieles blieb da entweder in Ansätzen stecken - oder wurde gleich zur puren Verlegenheitslösung - und das gilt nicht nur für die nicht bewältigte Hexenszene. Übrigens waren ja nun einige Regisseure im Publikum anwesend, von denen man gerne mal einen "Hänsel" gesehen hätte.

      Der Bühnenbildner Christoph Ernst hatte vor Jahren für eine ganz kurze Zeit auch mal Opernregie gemacht - seine "Hänsel"-Inszenierung für Darmstadt ist mir heute noch in guter Erinnerung. Bei von der Thannen überwiegen die Fragezeichen.
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