Tschaikowski: Eugen Onegin - Staatstheater Mainz, 23.03.2013

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    • Tschaikowski: Eugen Onegin - Staatstheater Mainz, 23.03.2013

      Die fabelhafte Welt der Tatjana



      In Mainz darf man Tschaikowskijs Oper
      Eugen Onegin erleben. Ein musikalisch gelungener Abend, der wohl
      keinen der Besucher unberührt ließ. Dies ist sicher der
      Hauptverdienst der Sänger, die stimmlich und darstellerisch alle
      Wünsche erfüllten.


      Über die Inszenierung kann man vor
      allem sagen, sie störte nicht immer und bot im Verlauf des Abends
      sogar ein paar interessante Ansätze.

      So wie im Stück von Puschkin nicht
      über die Kindheitstraumata des beziehungsunfähigen Onegin gemutmaßt
      wird, möchte man auch nicht über die psychologische Bedeutung von
      Autoscootern und Kirmesfahrgeschäften beim Regisseur Erath nachgrübeln. Das Bild vom Leben als Zugreise überzeugt ebenfalls nicht, kann
      man doch aussteigen und mit dem nächsten Zug zurückfahren, was im
      Leben nicht gelingen kann. Diese Bildwelten wählte der Regisseur auf
      der Bühne, um seinen Onegin zu erleuchten.

      Es sei alt verdienten Regisseuren
      nachgesehen, wenn sie sich selbst zitieren oder eine Regieidee
      mehrfach verwenden, weil sie sie für unwiderstehlich halten. Einem jungen Regisseur wünscht man aber doch mehr Interesse an
      dem für ihn neuen Werk. In der Hamburger Traviata stellte Erath den Tod Violettas vorweg dar, in Mainz den Todesschuss auf Lenskij als
      Knalleffekt an den Anfang. Dann wird in Hamburg in Autoscootern
      gelitten und in Mainz werden Bahnsitzbänke zu einer Art Autoscooter
      umfunktioniert. Man fährt aufeinander zu, aneinander vorbei. Und
      weil die Bühnentechnik eigentlich nie und nirgendwo richtig
      funktioniert, ruckelt und zuckelt es auf der Bühne hin und her.
      Sänger strampeln fröhlich mit ihren Beinen, um den fahrenden Bänken
      den nötigen Drive zu geben. Fehlt zur Gaudi nur noch eine sonore
      Stimme die auffordert: „Steigen Sie ein, Fahren Sie mit“. Echt Klamotte dann auch die Darstellung der Zugfahrt, wo der Chor die
      Bahnabteile stürmt und man rhythmisch wippend eine Zugfahrt
      imitieren möchte, während im Hintergrund eine gefilmte Landschaft
      vorbeirauscht.


      Da hätte man aus der Mottenkiste
      noch die zu kurbelnde gemalte Landschaft herauskramen können. Aber man muss sich für die nächste
      Inszenierung ja noch Optionen freihalten.


      Störend hier auch die Personenführung
      für Olga, die wie eine überzogen mimende 5-jährige mit den
      Schminksachen der Mamma spielt. Sie ist angepasst und lebensfroh,
      das Gegenteil von Tatjana. Eine junge Frau, die gerne
      den Erwartungen ihres Umfeldes entspricht. Oder wollte der Regisseur
      damit ihre Lebenseinstellung als infantil darstellen?

      Ende des ersten Aktes rückt dann ein
      Fotomatenhäuschen ins Zentrum des Bühnengeschehens. Das
      Jungmädchenzimmer der Tatjana, worin Sie leidet und worauf sie zu
      schlafen pflegt. Output dieses Traumraumes ist eine Fotoreihe mit den
      vier Protagonisten. Olga mit Lenskij sowie Tatjana mit Eugen.
      Scherzend und gutgelaunt demonstrieren sie der Linse ihre Einheit und
      Freundschaft. Das Wunschbild der schwärmerischen Tatjana, wie sie
      sich die Zukunft erträumt. Vielleicht auch ein Zitat des
      Werkes der tödlichen Doris, Material für die Nachkriegszeit?
      Automatenbilder gesammelt und rekonstruiert. Im Folgenden wird das
      Fotoblatt zerrissen und verschwindet, Symbol für die verlorene
      Freundschaft und der Entromantisierung von Tatjanas Lebensplanung.
      Eine schöne Idee, die sogar im Folgenden das Ende des Stückes
      logisch hätte begleiten können. Beim Versuch von
      Onegin mit Tatjana wieder zusammenzukommen, hätte die Projektion
      eines mehr oder weniger schlecht von ihm geklebten Fototeils von ihm und Tatjana das Zitat
      passend vervollständigt.


      Auch wenn dem Regisseur keine
      überzeugende Gesamtleistung gelingt, kann man ihm aber doch zugute
      halten, dass er einem Platz gelassen hat, sich mit Text und Musik
      sein eigenes Bild von der Geschichte um Liebessehnsucht,
      Lebenswirklichkeit und der Entscheidungsfreiheit jedes Menschen zu
      machen. Und das was Tschaikowskijs Musik hier zu bieten hat, ist
      wunderbar. Die beiden Hauptdarsteller singen mit einer Leidenschaft,
      die berührt. Tatjana Charalgina und Heikki Kilpeläinen zeigen
      einmal mehr, dass solche Rollen neben der hohen Sangeskunst auch der
      menschlichen Erfahrung bedürfen, um den Zuschauer emotional in den
      Bann zu ziehen. Tatjana Charalgina ist ohne große Gesten das
      anrührend schmachtende und verzweifelte Mädchen und Heikki
      Kilpeläinen gibt zuerst den desinteressierten, emotionslosen Herrn
      Onegin, der so zur perfekten Projektionsfläche für die Phantasien
      von Tatjana taugt und überzeugt am Ende als hoffnungsloser Egoist.
      Sanja Anastasia und Thorsten Büttner liefern ebenfalls beste
      künstlerische Leistungen. Und abgerundet von den makellos
      dargebotenen kleineren Partien erlebten die Zuschauer einen Abend,
      der begeisterte. So traf man auf der Premierenfeier Menschen mit
      einem Lächeln, die von einem faszinierenden Opernabend schwärmten.
      An dieser Stelle sei all denen, die in der Oper ihrem ansonsten
      geheim gepflegten Voyeurismus und ihren Gewaltphantasien ungestört
      in der Öffentlichkeit frönen wollen, gesagt, seid so nett und gönnt
      den nicht so gepolten Zuschauern einmal einen schönen Opernabend mit Gänsehautfeeling.


      PS.: Ein großes Dankeschön an den
      Redakteur des Programmheftes, der mich – und vermutlich nicht nur
      mich - mit dem Abdruck des Kafka Briefes sehr erfreut hat.