Wagner - Götterdämmerung - Cottbus: Starke Stühle schichtet mir dort!

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    • Wagner - Götterdämmerung - Cottbus: Starke Stühle schichtet mir dort!

      Premiere am Ostersamstag, 29. März 2013, Staatstehater Cottbus

      Nach einem Jahrzehnt (Rheingold 2003, Walküre 2008, Siegfried 2011) ist der Ring in Cottbus fertiggeschmiedet.

      Den bescheidenen Ausmaßen des Grabens im prominent dastehenden und eigentümlich orientalisch wehrhaft anmutenden - über die Fassadenfarbe lässt sich ausgiebig mit führenden Verputzern diskutieren - Jugendstilbau von Bernhard Sehring (Stadttheater Bielefeld, Stadthalle Görlitz, Theater des Westens Berlin) ist die Notlösungs-Konzeption des Regisseurs Martin Schüler zu verdanken.

      Und die bringt die unumstrittenen Hauptdarsteller des Werks im Allgemeinen und dieser Inszenierung in Besonderen auf die Bühne: Die Orchestermusiker und ihren GMD Evan Christ.
      Abgesehen von den obligatorischen Hornkieksern und gelegentlichen Unstimmigkeiten in den Posaunen (jawohl auch die sind's manchmal) brillieren sich die Damen und Herren höchstleistend auf der gesamten Bandbreite durch die Tour de Force der Partitur, ihr Chef schafft große Bögen und viele kammermusikalisch-intime Momente.
      Dies mit durchwegs straffen Tempi (der erste Aufzug knackt die 2-Stunden-Marke nicht) vermittels klaren Schlags, der dann und wann komisch-nervöse Zwischenzitterpartien ausbildet.

      Durch die Mitte der Orchesteraufstellung spannt sich ein gezackter Steg, der Vorder- und Hinterbühne verbindet, hart am Dirigenten vorbei.
      Der Transfer zwischen den Welten fordert den Wandelnden exakte Partiturkenntnis ab, um sich nicht auf die Drei vom Chef eine gebrochene Nase einzufangen.
      Hinten wird die Bühnenöffnung verkleinert und gekippt imitiert, sie umrahmt eine Sitzgarnitur, die als walkürenfelsiger und später walhallhölzerner Zwischenparkplatz fungiert für jene, die gerade nichts zu tun haben. Wie z.B. Wotan, der dort am Ende gechillt verbrennt, nachdem er - wie bereits in Kupfers Bayreuth-Blockbuster gesehen - exklusiv an Siegfrieds Meuchelsttelle erschienen ist, um seinen kaputten Speer zu verschrotten.

      Agiert wird hauptsächlich auf dem vakanten und darob abgedeckten Orchestergraben. Ist man also gelegentlich durch einen Gaze-Vorhang vom Bann des Orchesters halb entkoppelt, erlebt man eine lebendige, liebevoll detaillierte und durch die Bank schauspielerisch erfreulich umgesetzte Personenregie zwischen allen Stühlen.

      Diese, dem Bistro-Stil und möglicherweise einem lokalen Lokal entliehen, sind so ziemlich die einzigen Bühnenbild-Elemente.
      Doch sie reichen aus. Trefflich lassen sich zwischen ihnen Schicksalsfäden spannen, sie werden von orientierungslosen Rheintöchter auf der Suche nach irgendwas (dem Rhein?) umgestoßen, die Herren des Chores dürfen drauf rasten, obwohl's Hagen ihnen verbietet, anstatt, wie sonst, Bühnenbonusmeilen zu sammeln, und schließlich geben die Sitzmöbel auch einen 1a Scheiterhaufen ab, den man heutzutage hip stapelt, nicht schichtet.

      Auch die Requisiten sind überschaubar, zumeist tote Stofftiere und belebende Bierkisten, die der Chor zur Finalfete anschleppt, oder Hagens Speer, der regelmäßig in den Boden gestoßen wird und noch regelmäßiger umfällt.

      Der Träger Gary Jankoswksi gibt einen ordentlich profunden, ausdrucksvollen Hagen Marke Glatze / Springerstiefel, für den es lediglich nach oben klanglich ab und an etwas dünn wird.

      Mobbing-Opfer Gunther wird von einem komödiantisch wie stimmlich ausgezeichnet disponierten Andreas Jäpel dargestellt, eigentlich der sängerische Favorit des Abends.

      Brünnhilde Sabine Paßow singt von Anfang an sauber und voll aus, wobei der dritte Aufzug ihr allerdings dann doch anempfehlen lässt, über geeignete Sparmaßnahmen nachzudenken. Dafür spielt sie umso ausdrucksvoller, und die Dramatik ihres Auftretens wird nur kurz unterbrochen, wenn sie sich fürs Zündeln am Siegfried von zweiten Geiger zweite Reihe Feuer geben lässt.

      Durchhalteprobleme hat Siegfried Craig Bermingham nicht. Kein Wunder bei dem Werdegang: Studierter Biologe, dann Sozial- und Politikwissenschaftler, schließlich Jurist, dazu Kneipensänger in der Freizeit. Der Relativspätberufene singt einen (manchmal zu) kräftigen Helden, nicht wirklich schön von Mezzo bis Fortissimo, im Piano besser, nicht immer intonatorisch astrein, aber endlich mal zuverlässig und ohne im Vorfeld bereits die Angst des Hörers beim Waldvöglein zu schüren.
      Sein Spiel wirkt etwas hölzern, aber vielleicht ist das angewandte Werktreue.

      Waltraute, denkt man, hat's leicht und eine dankbare Rolle. Die braucht sich nicht zu schonen, bläst ihre 25 Minuten ohne Rücksicht auf Verluste raus und kann dann bis zum meist tosenden Schlussapplaus in der Kantine Met süffeln, während alle anderen irgendwann am Stock gehen.
      Marlene Lichtenberg allerdings, zweite Spitzenkraft der Aufführung, nornt sich bereits sehr erfolgreich durch die erste Szene, legt dennoch eine beeindruckende, dramatisch dunkle Sekundärwalküre hin und schlüpft dann auch noch in das Kostüm der Floßhilde.

      Die Rheintöchter sind überhaupt der Sonnenschein des Spektakels. Spielkunst und Zusammenklang sind exzellent, Cornelia Zink als Woglinde stand ebenfalls schon spannend spinnend im ersten Aufzug ihre Frau, und die Mimik von Wellgunde Debra Stanley gemahnt an die grandiose Helena Bonham-Carter.

      An Alberichs Shortstory, gesungen von einem vokal sauberen, kosmetisch schmutzigen Thomas Gazheli, ist nicht zu mäkeln, ebenso gibt schließlich Gesine Forberger in der undankbaren Gutrune-Rolle keinen Anlass zur Beschwerde. Ein runder, angenehm voller Sopran, gepaart mit Spiellust und Ausstrahlung.

      Der Chor zeigt eindrucksvoll, wie präzise man gewaltig tönen kann, auch wenn Orchester und Dirigent hinter einem sitzen (stehen sie doch zugleich hinter einem) und die Monitore in den Seitenlogen weit entfernt sind. Bei den Meistersingern an der DOB hört man das zur Zeit leider anders, obwohl der Dirigent von vorne fuchtelt.

      Alles in allem: Geht man vielleicht skeptisch hinein, um zu sehen, was ein solch relativ kleines Haus aus einem solch absolut großen Werk macht, so kommt man umso begeisterter heraus und freut sich besonders, endlich einmal alle Protagonisten auf der Bühne erlebt zu haben.

      Ich jedenfalls bin froh, dass der RWV Berlin mich freundlicherweise mitgeschleppt hat - obwohl ich da garnicht Mitglied bin.
      "...es ist fabelhaft schwer, die überflüssigen Noten unter den Tisch fallen zu lassen." - Johannes Brahms
    • Auch ich freue mich, dass man vom Blaudiamus mal wieder was in Schwarz zu lesen bekommt! :thumbup:

      DiO :beatnik:
      "Wer Europa in seiner komplizierten Verschränkung von Gemeinsamkeit und Eigenart verstehen will, tut gut daran, die Oper zu studieren." - Ralph Bollmann, Walküre in Detmold