Adorno im Wiesengrund - Doktor Faustus und Op. 111

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    • Adorno im Wiesengrund - Doktor Faustus und Op. 111

      Yorick schrieb:

      Mann scheitert beim "Dr. Faustus" auf höherer Ebene: (...)
      Er scheitert schon auf niedrigster Ebene daran, dass er einen Auftakt nicht von einem Volltakt unterscheiden kann: Seine Text-Vorschläge zum Arietta-Thema aus Beethovens op. 111 sind fast alle auf der ersten Silbe betont ("Himmelsblau", "Liebesleid", "Wiesengrund"), die Arietta beginnt aber mit einem Auftakt, also unbetont.

      Christian
      Jeder Eindruck, den man macht, schafft Feinde. Um populär zu bleiben, muss man mittelmäßig sein.
      Oscar Wilde
    • ChKöhn schrieb:

      Seine Text-Vorschläge zum Arietta-Thema aus Beethovens op. 111 sind fast alle auf der ersten Silbe betont ("Himmelsblau", "Liebesleid", "Wiesengrund"), die Arietta beginnt aber mit einem Auftakt, also unbetont.

      Hab ich auch nie kapiert. Dachte, es läge an meiner niedrigen Ebene.
      "...es ist fabelhaft schwer, die überflüssigen Noten unter den Tisch fallen zu lassen." - Johannes Brahms
    • audiamus schrieb:

      Hab ich auch nie kapiert. Dachte, es läge an meiner niedrigen Ebene.
      Mag sein, meine Ebene ist jedenfalls ebenfalls so niedrig, dass ich hier einen im Verhältnis zur Eins betonten Auftakt nicht als solchen erkennen kann. Fast schon witzig finde ich dabei, dass manche Pianisten sich offenbar durch die Lektüre von Dr. Faustus dazu anregen lassen, diese falschen Betonungen auch noch zu spielen. Übrigens hat Thomas Mann es auch mit Vorhalten nicht so: Die Motiv-Variante c-cis-d-g beschreibt er überschwänglich als die "rührendste, tröstlichste, wehmütig versöhnlichste Handlung von der Welt" und unterlegt sie gleich mit einer ganzen Kette von falsch (nämlich auf der Vorhaltsauflösung d) betonten Textvorschlägen: "Nun vergiß der Qual", "Groß war Gott in uns", "Leb' mir ewig wohl", "O Du Himmelsblau", "Grüner Wiesengrund".

      Christian
      Jeder Eindruck, den man macht, schafft Feinde. Um populär zu bleiben, muss man mittelmäßig sein.
      Oscar Wilde
    • ChKöhn schrieb:

      Die Motiv-Variante c-cis-d-g beschreibt er überschwänglich als die "rührendste, tröstlichste, wehmütig versöhnlichste Handlung von der Welt" und unterlegt sie gleich mit einer ganzen Kette von falsch (nämlich auf der Vorhaltsauflösung d) betonten Textvorschlägen: "Nun vergiß der Qual", "Groß war Gott in uns", "Leb' mir ewig wohl", "O Du Himmelsblau", "Grüner Wiesengrund".

      Noch dazu sind diese Textvorschläge von einer so erschreckenden Banalität, daß Silchers Lied-Umwandlungen von Beethovens Sonaten im Verleich geistig-inspiriert erscheinen.
      Alles, wie immer, IMHO.
    • Oder Mann hat das Stück oft seltsam betont spielen gehört und ist so auf die Textunterlegungen gekommen...
      (Ich habe das nicht mehr so präsent, aber Kretzschmar ist ja ein recht skurriler Charakter, insofern könnte die Banalität der Textunterlegungen sogar absichtlich sein.)

      Man sollte, denke ich, unterscheiden zwischen literarischem Schreiben über Musik (oder gar erfundene Musik wie die Werke Leverkühns oder des Protagonisten von Schlafes Bruder), kritischem oder einführendem Beschreiben von Musikstücken und rezensierendem Schreiben über Interpretationen. Gewiss ist das alles schwierig und die Neigung zu dubiosen Adjektiven gibt es überall. Aber auch wenn Konzertführerbeschreibungen von Stücken ebenfalls oft zwischen mehr oder minder technischem und recht frei assoziiertem metaphorischem Vokabular schwanken (oder es vermischen: "freundliches A-Dur"), so scheint mir die Hilflosigkeit bei der Beschreibung/Rezension von Interpretationen häufig noch größer zu sein.
      ...a man who refuses to have his own philosophy will not even have the advantages of a brute beast, and be left to his own instincts. He will only have the used-up scraps of somebody else’s philosophy; which the beasts do not have to inherit; hence their happiness. Men have always one of two things: either a complete and conscious philosophy or the unconscious acceptance of the broken bits of some incomplete and shattered and often discredited philosophy. (G. K. Chesterton)
    • ChKöhn schrieb:

      Fast schon witzig finde ich dabei, dass manche Pianisten sich offenbar durch die Lektüre von Dr. Faustus dazu anregen lassen, diese falschen Betonungen auch noch zu spielen.


      Sogar ziemlich viele Pianisten (ich weiß allerdings nicht, ob die alle Thomas Mann gelesen haben). Bei den meisten habe ich keine Probleme, "Wiesengrund" oder "Liebesleid" korrekt betont mitzusingen. Welcher Pianist spielt denn eigentlich ganz akkurat den Auftakt ohne Akzent?



      Bereits Arnold Schönberg hat hier massiv Kritik geübt. In der deutschen Urfassung eines dann 1949 auf Englisch erschienenen Artikels in der Zeitschrift "Music Survey" schreibt er:

      Thomas Mann unterlegt dem Anfang des Variationenthemas den Vatersnamen Adornos, den Namen "Wiesengrund". Und auch hierin passiert etwas Peinliches. Es zeigt sich, daß Leverkühn kein richtiges Gefühl für die rhythmischen Werte in einer Phrase hat und nicht zu "deklamieren" versteht. Adorno hätte ihm sagen sollen: "Ich heiße nicht

      Wiesengrund

      sondern

      Wiesengrund.


      Allerdings schiebt Schönberg den relativierenden Satz nach:

      Das ist umso erstaunlicher, als Leverkühn doch aus einer Epoche stammt, wo man das sogar noch ernster nahm als heute.


      In einem auch im Netz zugänglichen Interview ("http://www.a-e-m-gmbh.com/andremuller/interview%20mit%20friedrich%20gulda.html") hat Friedrich Gulda diesen Tatbestand übrigens zur Abrechnung mit Adorno genutzt:

      GULDA: Also wenn der Name Adorno fällt, ist das für mich ein Anlaß, das Gespräch sofort abzubrechen.

      INTERVIEWER: Zu Unrecht! Über Schönberg und die Zwölftonmusik hat er sich ähnlich wie Sie geäußert.

      GULDA: So?

      INTERVIEWER: In seiner "Philosophie der neuen Musik" spricht er vom Zwölftonsystem als einem neuen Zwang, der die Musik, die es zu befreien galt, fesselt.

      GULDA: Trotzdem bleibe ich meinem Grundsatz treu, über diesen Herrn nicht zu sprechen. Soll ich Ihnen erzählen, seit wann er für mich erledigt ist?

      INTERVIEWER: Aber bitte!

      GULDA: Herr Adorno war, wie man weiß, musikalischer Berater von Thomas Mann bei der Abfassung des Romans "Doktor Faustus", und in diesem Roman gibt es einen Musikprofessor, der seinem Publikum auf etwas schrullige Weise die Sonate Opus 111 von Beethoven beibringt.

      INTERVIEWER: Wendell Kretzschmar.

      GULDA: Genau. Eine wunderbar beschriebene Szene. Nur stimmt sie nicht. Dieser Professor unterlegt dem Hauptmotiv im zweiten Satz, der Arietta, zum besseren Verständnis verschiedene Wörter, unter anderem als Anspielung auf den wirklichen Namen des Herrn Adorno das Wort "Wiesengrund", und zwar tut er das so, daß eindeutig die erste Silbe betont ist, also "Wie-sengrund". Das heißt, er setzt an den Beginn dieser Melodie den schweren Taktteil, was leider falsch ist, und damit ist das Kapitel Adorno für mich beendet. Wenn jemand in einem so berühmten Stück der Musikliteratur nicht einmal einen schweren von einem leichten Takt unterscheiden kann, dann kann ich ihn als Musikphilosophen nicht anerkennen.

      INTERVIEWER: Sie sind aber streng.

      GULDA: Nein, denn das lernt man schon in der musikalischen Taferlklasse. Aber, sagen Sie, können wir nicht aufhören mit diesem leidigen Thema?

      INTERVIEWER: Mit welchem?

      GULDA: Na, mit dem Herrn Wiesengrund.

      INTERVIEWER: Gut, dann reden wir über Herrn Schönberg und Ihre tiefe Abneigung gegen alles, was sich mit diesem Namen verbindet.



      Die tiefe Abneigung gegen Schönberg hat Gulda anscheinend nicht daran gehindert, sich argumentativ auf dessen Spuren zu bewegen (wenn er nicht seine Erkenntnisse ohnehin direkt oder indirekt von Schönberg bezogen hat).

      Aber es tut mir leid: Gulda setzt meiner Meinung nach auf den Auftakt der Arietta deutlich einen Akzent (Studioeinspielung aus den 60ern).


      Übrigens hat Thomas Mann es auch mit Vorhalten nicht so: Die Motiv-Variante c-cis-d-g beschreibt er überschwänglich als die "rührendste, tröstlichste, wehmütig versöhnlichste Handlung von der Welt" und unterlegt sie gleich mit einer ganzen Kette von falsch (nämlich auf der Vorhaltsauflösung d) betonten Textvorschlägen: "Nun vergiß der Qual", "Groß war Gott in uns", "Leb' mir ewig wohl", "O Du Himmelsblau", "Grüner Wiesengrund".


      Das finde ich allerdings wirklich bemerkenswert. Noch bemerkenswerter ist, dass anscheinend weder Schönberg noch Gulda soweit gelesen haben - sonst hätte den beiden doch die wirklich falschen Betonungen auffallen müssen...


      Davon abgesehen, wie Kater Murr schon sagt: es ist nicht auszuschließen, dass die falschen Textunterlegungen in der auseinanderfallenden Welt des Doktor Faustus Absicht sind.


      Viele Grüße

      Bernd
      Details are always welcome. (Vladimir Nabokov)
    • Ich kenne das Stück eigentlich auch mit einem gewissen Akzent auf dem ersten Ton. Welcher Pianist spielt das deutlich als Auftakt?

      Meine Anmerkung bezog sich aber nicht darauf, dass sich aus den Textunterlegungen absichtlich eine rhythmisch falsche Betonung ergeben soll (das halte ich für extrem unwahrscheinlich), sondern nur auf die Biedermeierlichkeit der entsprechenden verbalen Phrasen, die Philbert angemerkt hatte. Das könnte eher als Charakterisierung des skurrilen Wendell Kretzschmar gedacht sein.
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    • Ertappe mich gelegentlich dabei, wie ich "O DU Himmelsblau" oder "GrüNER Wiesengrund" vor mich hinbrummel und versuche dann immer noch, dem Geheimnis auf die Spur zu kommen, das mir bislang verborgen blieb. :D
      "...es ist fabelhaft schwer, die überflüssigen Noten unter den Tisch fallen zu lassen." - Johannes Brahms
    • Kater Murr schrieb:

      dass sich aus den Textunterlegungen absichtlich eine rhythmisch falsche Betonung ergeben soll (das halte ich für extrem unwahrscheinlich)

      Skurrile Deutungen sind in Foren ja immer recht erfolgreich.
      This play can only function if performed strictly as written and in accordance with its stage instructions, nothing added and nothing removed. (Samuel Beckett)
    • Kater Murr schrieb:

      Meine Anmerkung bezog sich aber nicht darauf, dass sich aus den Textunterlegungen absichtlich eine rhythmisch falsche Betonung ergeben soll (das halte ich für extrem unwahrscheinlich), sondern nur auf die Biedermeierlichkeit der entsprechenden verbalen Phrasen, die Philbert angemerkt hatte. Das könnte eher als Charakterisierung des skurrilen Wendell Kretzschmar gedacht sein.


      Wenn schon, dann eine sehr doppelbödige "Biedermeierlichkeit". Es geht um einen Volksliedtonfall, der gewissermaßen auf die Stilebene Beethovens verpflanzt wird (und auch auf die scheinbare volksliedhafte Schlichtheit des Arietta-Themas anspielt). Wenn man sich die Textunterlegungen anschaut, dann sind sie extrem ambivalent: einerseits evozieren sie in Tonfall und Bedeutung eine schon für die Generation Leverkühns und Zeitbloms vergangene, idyllische, auch religiös gefestigte Welt - auf der anderen Seite weisen sie ausnahmslos auf den Tod voraus. Insofern sind sie nicht nur psychologisch-realistisch zur Charakterisierung Kretzschmars eingefügt, sondern im Beziehungsgefüge des Romans auch als diskrete Hinweise auf das Schicksal Leverkühns.

      Von der Entstehungsgeschichte her ist es ja tatsächlich so, dass große Teile des Kretzschmar-Vortrags von Adorno geschrieben worden sind, die Textunterlegungen ohnehin - und egal was Gulda sagt: Adorno war ausgebildeter Musiker, bei dem ich mir nicht vorstellen kann, dass ihm die "falschen" Unterlegungen einfach so passiert sind.


      Viele Grüße

      Bernd
      Details are always welcome. (Vladimir Nabokov)
    • ChKöhn schrieb:

      Yorick schrieb:

      Mann scheitert beim "Dr. Faustus" auf höherer Ebene: (...)
      Er scheitert schon auf niedrigster Ebene daran, dass er einen Auftakt nicht von einem Volltakt unterscheiden kann: Seine Text-Vorschläge zum Arietta-Thema aus Beethovens op. 111 sind fast alle auf der ersten Silbe betont ("Himmelsblau", "Liebesleid", "Wiesengrund"), die Arietta beginnt aber mit einem Auftakt, also unbetont.

      Die Kritik ist schon recht kurzsichtig. Betrachtet man die Noten, hört sich eine Aufnahme an (ich habe auf jpc den Arrau-Würfel genommen) und denkt Text mit, so wirkt das stimmig.
      Warum stört es nicht, dass nach musikalischer Betonungslogik ein "Fehler" vorliegt?
      Weil die erste Silbe der drei Textvorschläge je auf "i" lautet, also heller, als das Folgende, entsprechend dem höheren Ton bei Beethoven. Die erste Silbe ist korrekterweise ja auch betonter als die zweite, welche die schwächste ist, gegen die die dritte wieder betonter erscheint, im Einklang mit dem starken Taktteil in der Musik, wo die Betonung nun auf der wiederholten tiefen Note kommt und deshalb nicht insgesamt stärker wirkt als beim allerersten Ton, der ja trotz seiner Auftaktigkeit durch Exponiertheit in Tonhöhe und eben als erster Ton des Satzes, auf den ein schwächerer folgt, recht hervorgehoben wirkt.
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    • Naja, kommt man großspurig mit "er scheitert schon auf niedrigster Ebene", wird man sich Kurzsichtigkeit, wenn man von den musikalischen Parametern alle bis auf einen beiseitelässt, schon vorwerfen lassen müssen.
      ;+)
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    • Es fällt mir schwer, mir die erste Auftaktnote der Arietta als wirklich unbetont vorzustellen (habe gerade keinen Zugang zu Aufnahmen, dafür aber in die Noten geschaut): Auch für mich paßt "Wiesengrund" durchaus.

      Möglicherweise aufschlußreich ist ein Vergleich mit dem Beginn des 2. Satzes der 5. Symphonie: Rhythmisch ganz ähnlich wie in op. 111 beginnt es mit der gleichen Art von synkopischem Auftakt, allerdings nicht abwärts, sondern aufwärts: Da paßt nach meinem Gefühl "Wiesengrund" nicht mehr so richtig. Ebenso bei "Himmelsblau" und "Liebesleid".

      :wink:
      Es grüßt Gurnemanz
      ---
      Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
      Helmut Lachenmann
    • Übernimmt man von den Vorschlägen des Romans die Abdunkelung der Vokale und versucht, die Betonung auf die letzte Silbe hinzubekommen, schlage ich vor: "Bin so blöd". Aber jetzt bitte nicht laut mitsingen!
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    • Dass der erste Ton der höchste ist, gibt ihm in der Tat eine Art natürlicher Betonung. Der Unterschied zu einem typischen Auftakt ("Komm mal her!") wie im andante der 5. Sinfonie oder in diesem bekannten Menuett einer frühen Klaviersonate oder dem Seitenthema in Schuberts Oktett, 1. Satz ist frappierend und deswegen ist das Himmelblau auch nicht völlig abwegig. Durch das langsame Tempo fühle zumindest ich auch die Schwere der Schläge im Takt nicht so wie bei einem Walzer o..ä.
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