Blind gehört / Wie gut kann man Interpreten "blind" erkennen?

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    • Blind gehört / Wie gut kann man Interpreten "blind" erkennen?

      In einem anderen Thread schrieb ich unlängst:

      Mit Interpreten werden oft quasi automatisch immer wieder bestimmte Klischees verbunden: Celibidache ist immer "weihevoll" und vor allem "langsam", Boulez ist immer "kühl", "transparent" und "analytisch" (was das auch immer sein mag), Thielemann ist (in der negativen Lesart) immer "pathetisch", natürlich auch "langsam" und produziert "Klangbrei". Wenn man wenigstens den relativ geringen Informationsgehalt dieser Vokabeln ernstnehmen könnte... Aber oft ist das alles einfach falsch, bei einem "Blindhören" würde man die größten Überraschungen erleben.


      Einerseits kann in diesem Thread über eigene Erfahrungen mit dem "Blindhören" und dem Erkennen oder Nicht-Erkennen bestimmter Interpreten oder Interpretationsweisen gesprochen werden.

      Andererseits habe ich mich daran erinnert, dass die inzwischen eingegangene Zeitschrift "Partituren" mal damit angefangen hat, Interpreten diverse Interpretationen "blindhören" zu lassen. Es sollten dann die Interpretation kurz charakterisiert und die jeweiligen Interpreten erraten werden. Offenbar haben andere Zeitschriften wie "Rondo" oder "Concerti" dieses Spiel fortgeführt - es existieren inzwischen zahlreiche Folgen dieser Reihe. Die sind nicht alle gleich interessant: manche Interpreten reden dann doch nur über sich selbst oder die Auswahl der Stücke ist selten dämlich. Aber obwohl fast immer nur aufgrund von angespielten Stücken geurteilt wird, nie anhand ganzer Interpretationen: man findet hier sehr aufschlussreiche, fundierte Charakterisierungen von Interpretationen und sehr unterschiedliche Erfolge beim Erraten der Interpreten. Interessanter als vieles, was man in den einschlägigen Medien von sog. Profi-Rezensenten lesen kann. Hier eine (nicht vollständige) Liste mit diversen Folgen der Reihe "Blind gehört". Bietet auch einigen Diskussionsstoff, finde ich.


      Pianisten
      Lars Vogt: "http://www.concerti.de/de/400/blind-gehoert-lars-vogt-das-hat-den-noetigen-irrsinn.html"
      Michael Korstick: "http://www.kultiversum.de/Musik-Partituren/BLIND-GEHOERT-Die-Hoerprobe.html"
      Rudolf Buchbinder: "http://www.concerti.de/de/1313/blind-gehoert-rudolf-buchbinder-wenn-er-glueck-hat-wird-er-nur-nach-sibirien-geschickt.html"
      Andreas Staier I: "http://www.kultiversum.de/Musik-Partituren/BLIND-GEHOERT-Die-Hoerprobe-8.html"
      Andreas Staier II: "http://www.concerti.de/de/389/blind-gehoert-andreas-staier-bach-ist-keine-aufwaermuebung.html"
      Matthias Kirschnereit: "http://www.concerti.de/de/548/blind-gehoert-matthias-kirschnereit-manchmal-moechte-ich-archaeologe-sein.html"
      Gitti Pirner: "http://www.kultiversum.de/Musik-Partituren/BLIND-GEHOERT-Die-Hoerprobe-10.html"
      Sebastian Knauer: "http://www.concerti.de/de/335/blind-gehoert-sebastian-knauer-gott-sei-dank-das-erkenne-ich-das-ist-mozart.html"
      Martin Helmchen: "http://www.concerti.de/de/331/blind-gehoert-martin-helmchen-die-balance-zu-finden-ist-sehr-schwer.html"
      Hardy Rittner: "http://www.concerti.de/de/340/bg-rittner-brahms-mit-bierbauch-gibts-auf-alten-fluegeln-nicht.html"
      Alexandre Tharaud: "http://www.concerti.de/de/1423/blind-gehoert-alexandre-tharaud-sie-spielt-wie-eine-hexe.html"


      Streicher
      Reinhard Goebel: "http://www.concerti.de/de/689/blind-gehoert-reinhard-goebel-wem-nutzt-dieser-kaprizioese-unsinn.html"
      Carolin Widmann: "http://www.kultiversum.de/Musik-Partituren/Interview-Blind-gehoert.html"
      Isabelle Faust: "http://www.concerti.de/de/419/blind-gehoert-isabelle-faust-gefaehrlich-wird-es-wenn-man-sich-zu-gut-kennt..html"
      Vadim Repin: "http://www.kultiversum.de/Musik-Partituren/Die-Hoerprobe-Vadim-Repin.html"
      Nils Mönkemeyer: "http://www.concerti.de/de/414/blind-gehoert-nils-moenkemeyer-mir-ist-das-nicht-haesslich-genug.html"
      David Geringas: "http://www.concerti.de/de/262/blind-gehoert-david-geringas-die-schallplatte-ist-eine-verkehrte-welt.html"
      Alban Gerhardt: "http://www.concerti.de/de/321/blind-gehoert-alban-gerhardt-zu-wissen-was-man-gerade-macht-ist-schwierig.html"
      Daniel Müller-Schott: "http://www.concerti.de/index.php?seid=1253"


      (Mitglieder von) Kammermusikensembles
      Walter Levin (LaSalle-Quartett): "http://www.kultiversum.de/Musik-Partituren/Interview-Blind-gehoert-3.html"
      ATOS Trio: "http://www.concerti.de/de/1277/blind-gehoert-atos-trio-da-kann-man-sich-nur-die-kugel-geben.html"
      Artemis-Quartett: "http://www.concerti.de/de/997/blind-gehoert-artemis-quartett-da-laesst-jemand-fuenfe-gerade-sein.html"
      Fauré-Quartett: "http://www.concerti.de/de/185/blind-gehoert-faur-quartett-das-hoert-sich-ein-bisschen-ungeplant-an.html"


      Bläser
      Albrecht Mayer: "http://www.concerti.de/de/415/blind-gehoert-albrecht-mayer-das-ist-eine-vollkommen-sinnlose-komposition.html"
      Dorothee Oberlinger: "http://www.concerti.de/de/443/blind-gehoert-dorothee-oberlinger-das-ist-wie-ein-blick-ins-17.-jahrhundert.html"
      Emmanuel Pahud: "http://www.concerti.de/de/77/blind-gehoert-emmanuel-pahud-das-ist-die-signatur-eines-grossen-meisters.html"


      Sänger
      Anna Prohaska: "http://www.concerti.de/de/1371/blind-gehoert-anna-prohaska-das-klingt-wie-guter-rotwein.html"
      Christine Schäfer: "http://www.concerti.de/de/606/blind-gehoert-christine-schaefer-als-saengerin-brauche-ich-freiheit.html"
      Philippe Jaroussky: "http://www.kultiversum.de/Musik-Partituren/Philippe-Jaroussky-Blind-gehoert.html"
      Ian Bostridge: "http://www.concerti.de/de/1045/blind-gehoert-ian-bostridge-in-der-musik-suche-ich-das-dringliche.html"


      Dirigenten
      Jeffrey Tate: "http://www.concerti.de/de/1429/blind-gehoert-jeffrey-tate-dirigieren-ist-wie-toepfern.html"
      Peter Ruzicka: "http://www.concerti.de/de/222/blind-gehoert-peter-ruzicka-stille-ist-auch-musik.html"


      Viele Grüße

      Bernd
      Details are always welcome. (Vladimir Nabokov)
    • Daß man beim Blindhören die größten Überraschungen erleben kann, glaube ich gern. Normalerweise aber mache ich es wie vermutlich die meisten: Ich lege eine CD ein, wobei mir vorher klar ist, wer was spielt. Nur beim Radiohören ist es gelegentlich anders: So geriet ich vor einiger Zeit beim Autofahren in eine Aufnahme von Beethovens zweiter Symphonie. Sie gefiel mir überhaupt nicht, ich fand es langweilig heruntergespielt. Am Ende erfuhr ich, daß da Sir Roger Norrington mit dem RSO Stuttgart zugangegewesen war. Nun schätze ich allerdings sehr, wie Norrington mit den Stuttgartern Beethoven angeht! Allerdings ist unklar, warum ich beim Hören im Auto das anders empfunden hatte: War es eine weniger gelungene Aufführung Norringtons? Waren die Bedingungen im Auto ungünstig, wegen der Fahrgeräusche? War ich nicht aufmerksam genug, gerade nicht empfänglich? Oder ist es mein Vorurteil: Wenn ich bewußt Beethoven mit Norrington einlege, erwarte ich dann einfach große Kunst und höre die dann auch?

      Danke für die vielen Links, lieber Bernd! Werde ich mir gelegentlich gern mal näher anschauen.

      :wink:
      Es grüßt Gurnemanz
      ---
      Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
      Helmut Lachenmann
    • Zwielicht schrieb:

      Einerseits kann in diesem Thread über eigene Erfahrungen mit dem "Blindhören" und dem Erkennen oder Nicht-Erkennen bestimmter Interpreten oder Interpretationsweisen gesprochen werden.

      Als erklärter Originalinstrument-Fetischist war ich vor ein paar Jahren einigermaßen irritiert, als ich nach dem Blindhören lernen musste, bei Vivaldis Jahreszeiten die Darmsaitenfraktion mit den kurzen Hälsen und ihren Antipoden durcheinandergebracht zu haben. Außerdem war mir blind Pinnocks Version zu harsch/gekünstelt während sie mir vorher bewusst zu weich/glatt gewesen war.

      Fazit: Seither hat der Preis bei meiner Anschaffungspolitik höhere Priorität.
      This play can only function if performed strictly as written and in accordance with its stage instructions, nothing added and nothing removed. (Samuel Beckett)
    • Mir ist beim Nicht-Blindhören schon ein- und dieselbe Einspielung je nach Tagesform zu langsam oder zu schnell vorgekommen... Zum echten Blindhören habe ich leider kaum je Gelegenheit. Andererseits höre ich auch nicht-blind Unterschiede, wenn ich drauf achte :D

      Es ist jedenfalls schon erstaunlich, dass zB Repin Menuhin in einer histor. Aufnahme sofort erkannt hat, Oistrakh dagegen nicht.
      Und das muntere Austeilen von Goebel (Haydn nicht erkannt, vermutlich weil der Fey das so übertrieben wild spielen lässt, dass man an einen Sturm&Drang-Kleinmeister denkt, der das Aufpeppen nötiger hat) und Levin ist schon ganz lustig. Wenn auch bei letzterem die Metronomangaben eine Obsession zu sein scheinen. Leider kenne ich keine Mitschnitte des LaSalle Quartetts von mittlerem Beethoven, für die späten Quartette gibt es ja keine Angaben. Und während dort das LaSalle sicher vorbildlich ist, was die Deutlichkeit von Mittel- und Nebenstimmen betrifft, so ist es bei Ausdruck und Dynamik m.E. eher "neutral".
      ...a man who refuses to have his own philosophy will not even have the advantages of a brute beast, and be left to his own instincts. He will only have the used-up scraps of somebody else’s philosophy; which the beasts do not have to inherit; hence their happiness. Men have always one of two things: either a complete and conscious philosophy or the unconscious acceptance of the broken bits of some incomplete and shattered and often discredited philosophy. (G. K. Chesterton)
    • Eine feine Sammlung, mit der ich mich noch öfter beschäftigen möchte! Dank an Bernd!

      Was mich daran besonders reizt, ist einerseits, dass man den interviewten Künstler und seine "theoretische" Auffassung des jeweiligen Werks auf ganz besondere Weise kennenlernen kann, soz. im "Rückspiegel" - was wiederum einlädt, den Interviewten selbst anzuhören ...

      Andererseits interessiert mich auch ein Vergleich mit der eigenen Beurteilung der jeweiligen Aufnahme.
      So z.B. bei Liszt's h-moll Sonate mit Boris Berezovsky,
      beurteilt von Lars Vogt im "blind-date" "http://www.concerti.de/de/400/blind-gehoert-lars-vogt-das-hat-den-noetigen-irrsinn.html" :L: Link deaktiviert. Bitte beachten: hier


      LG Berenice
      Liebe Grüße,
      Berenice

      Colors are like music using a short cut to our senses to awake our emotions.
    • Das wäre doch schön, wenn wir das forenintern auch mal veranstalten. Jemand wirft eine mp3 von irgendetwas in die runde und die meute rät und bewertet drauf los. Mit moralkodex natürlich, daß man während der laufenden runde nicht vergleichshören darf
      Ins Gebüsch verliert sich sein Pfad, hinter ihm schlagen die Sträuche zusammen.
    • "Blindfold"-Tests sind unter Jazzern seit Jahrzehnten üblich. "xy blindfolded" ist eine Rubrik, die im "down beat" seit Ewigkeiten erscheint. Interessant, dass jetzt auch die Klassik-Fans diese Spielwiese für sich entdecken.
      Das überwältigendste Phänomen des Lebens ist das Licht. Es schenkt uns das Leben selbst, den Atem, die Liebe. Wie kann man Menschen, die nie den Kuss der Sonne gespürt haben, das Licht erklären? Ich würde ihnen Musik von Rameau vorspielen. Rameaus Musik strahlt ein überreiches apollinisches Licht aus. Seine Musik trifft unsere Herzen so direkt wie ein Sonnenstrahl.
      (Teodor Currentzis)
    • audiamus schrieb:

      ThomasBernhard schrieb:

      Jemand wirft eine mp3 von irgendetwas in die runde

      Wenn Du Dich drum kümmerst, dass wir die Rechte an den mp3s kriegen - gerne.

      Gäbe es nicht eine Möglichkeit, das im Nicht-Öffentlichen Bereich zu machen? Die Idee an sich finde ich nämlich super!

      Die von Zwielicht oben verlinkten Artikel habe ich inzwischen fast alle gelesen und bedanke mich herzlich für den Hinweis. Ein paar der Artikel fand ich wirklich spannend zu lesen! Unangenehm fand ich die Musiker, die mehr über sich selber als über die Aufnahmen geredet haben. Interessant finde ich aber, wie unterschiedlich Profi-Musiker an solche Aufnahmen herangehen.
      Ich liebe Wagners Musik mehr als irgendeine andre. Sie ist so laut, daß man sich die ganze Zeit unterhalten kann, ohne daß andre Menschen hören, was man sagt. - Oscar Wilde
    • Cherubino schrieb:

      Gäbe es nicht eine Möglichkeit, das im Nicht-Öffentlichen Bereich zu machen? Die Idee an sich finde ich nämlich super!

      Die Idee ist sehr hübsch und würde Spaß machen. Aber leider ist das illegal, und auch im Internen macht das keinen Unterschied (Big GEMA is everywhere).
      Ich kann mich an eine Aktion in Tamino erinnern (glaube, es war ein Advents-Kalender), da war es irgendwem gelungen, Hörschnipsel von NAXOS für umme einstellen zu dürfen. War wohl aber ein riesen Act.
      "...es ist fabelhaft schwer, die überflüssigen Noten unter den Tisch fallen zu lassen." - Johannes Brahms
    • audiamus schrieb:

      Die Idee ist sehr hübsch und würde Spaß machen. Aber leider ist das illegal, und auch im Internen macht das keinen Unterschied (Big GEMA is everywhere).
      Ich kann mich an eine Aktion in Tamino erinnern (glaube, es war ein Advents-Kalender), da war es irgendwem gelungen, Hörschnipsel von NAXOS für umme einstellen zu dürfen. War wohl aber ein riesen Act.
      Vielleicht statt dessen beim Jahrestreffen im Oktober?

      Christian
      Jeder Eindruck, den man macht, schafft Feinde. Um populär zu bleiben, muss man mittelmäßig sein.
      Oscar Wilde
    • ChKöhn schrieb:

      Vielleicht statt dessen beim Jahrestreffen im Oktober?


      Fände ich sehr reizvoll. Wir bräuchten nur einen Raum mit entsprechenden Abspielgeräten, Leute, die den Vorspieler machen und die Aufnahmen auswählen, sowie eine Stückauswahl, die die verschiedenen Fraktionen unter den Musikhörern (Epochen, Gattungen) halbwegs gleichermaßen zufriedenstellt. Können wir ja im Würzburg-Thread erörtern und ggf. organisieren.


      Viele Grüße

      Bernd
      Details are always welcome. (Vladimir Nabokov)
    • Wie gut kann man Interpreten "blind" erkennen?

      Man kennt diese Geschichten beim Wein: Blindverkostung, und angeblich gibt es Leute, die den Wein blind erkennen.

      Ja, solche Leute gibt es. Aber sie sind extrem selten. Und sie treffen auch nur Jahrgang, Rebsorte und Gebiet, selten auch mal den Erzeuger. Ausnahme: Die Verkostung ist von vornherein eingeschränkt. Z.B. Rieslinge von der Mittelmosel, Jahrgang 2001-2005, dann sind auch genauere Treffer möglich.

      Warum ist das so: Man kann nur etwas wiedererkennen, wenn man es vorher schon mal "erfahren" (gesehen, gehört, getrunken, etc.) hat. Beim Wein kommt noch dazu, dass er sich im Lauf der Zeit ändert (ein 2001er schmeckt heute anders als vor 5 Jahren) und dass sogar Flaschen des gleichen Weins unterschiedlich schmecken können.

      Da hat man es mit der Musik etwas leichter. Zwar hat Brendel 2002 sicher anders gespielt als 1992, aber die jeweiligen Aufnahmen haben sich über die Zeit nicht geändert. Meine Frage ist nun, ob es Leute gibt, die Brendel 1992 von Brendel 2002 unterscheiden können. Oder Brendel von Buchbinder.

      Dabei drängt sich die Frage auf, inwieweit es da Unterschiede hinsichtlich der Instrumente und Gattungen gibt. Sänger lassen sich wohl leichter identifizieren als Orchester. Und wie sieht es mit Dirigenten aus?

      Hat schon mal jemand so einen Test durchgeführt?


      Thomas

      PS: Anlass meiner Frage: Ich habe inzwischen meine Klassikaufnahmen (vom Radio aufgenommen) digitalisiert. Leider kenne ich nur das jeweilige Werk. Zu den Interpreten habe ich null Info. Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass jemand die Interpreten erkennt? Bei den beiden Opernaufnahmen (Walküre und Rosenkavalier) bin ich zuversichtlich. Aber beim Rest?
    • Yukon schrieb:


      http://www.capriccio-kulturforum.de/musik-erfahren/p232952-blind-gehoert/#post232952


      Wobei es mir wirklich nur um das Erkennen an sich geht. Also nicht: Wie gut oder sinnvoll ist die Interpretation, welches ist die künstlerische Aussage, etc.

      Man hört 20 Sekunden - an einer möglichst passenden Stelle - und erkennt den Interpreten. Oder ist das dann endgültig zu schwer?


      Thomas
    • Es gibt doch Sendungen im Rundfunk mit Interpreten/Musikwissenschaftlern/Musikjournalisten etc., wo es zwar primär um Beurteilung, aber dann auch ums "Erraten" geht. Manche können das erstaunlich gut (ich glaube nicht, daß die "gestellt" sind).
      ---
      Es wäre lächerlich anzunehmen, daß das, was alle, die die Sache kennen, daran sehen, von dem Künstler allein nicht gesehen worden wäre.
      (J. Chr. Lobe, Fliegende Blätter für Musik, 1855, Bd. 1, S. 24).


      Wenn du größer wirst, verkehre mehr mit Partituren als mit Virtuosen.
      (Schumann, Musikalische Haus- und Lebensregeln).
    • Wenn man genau diese Aufnahme kennt, ist das möglich. Um 1990 hat mal ein junger Mann bei "Wetten, dass..." aus ca. 20 Aufnahmen des Beethoven-Konzerts die Geiger bei einem Ausschnitt von einer knappen Minute oder so korrekt identifiziert. Aber der hatte sich natürlich gründlich auf genau diese Interpretationen vorbereitet.

      Sänger erkennt man normalerweise auch ziemlich gut, wenn man die zu erkennende Aufnahme noch nie gehört hat.
      Ich vermute mal, dass viele erfahrene Hörer und Musiker auch den Ton/Stil von Geigern und Cellisten recht zuverlässig erkennen; bei Pianisten ist es jenseits von extremen Fällen wie Gould vermutlich schwieriger, aber sicher auch nicht unmöglich.
      ...a man who refuses to have his own philosophy will not even have the advantages of a brute beast, and be left to his own instincts. He will only have the used-up scraps of somebody else’s philosophy; which the beasts do not have to inherit; hence their happiness. Men have always one of two things: either a complete and conscious philosophy or the unconscious acceptance of the broken bits of some incomplete and shattered and often discredited philosophy. (G. K. Chesterton)
    • Ja, doch .... es ist durchaus möglich und auch eine grundsätzlich sinnvolle und alte Fähigkeit. Allerdings ist es nötig, dies zu üben und frisch zu halten. Ich nehme an, daß die Fähigkeit, Interpreten zu erkennen, deutlich beeinflußt wird durch das Hörerlebnis und seine potentielle Bedeutung für den Hörer (interessant .... emotionale Beeinflussung des Hörers wäre da wohl ebenso zu berücksichtigen wie die intellektuelle Herausforderung - ich glaube, da werde ich mich literaturmäßig doch noch einmal mit auseinandersetzen). Persönlichkeiten wie z.B. Gould und Horowitz haben einen sehr individuellen Klang angestrebt und sind leichter zu erkennen - schwierig wird es mit professionellen Nachahmern, da wird man schon sehr in die Tiefe gegangen sein müssen.

      Viel schwerer ist für den Hörer zu definieren, woran er die Unterschiede denn überhaupt festmacht. Fairerweise müßte man in der heutigen Zeit sogar noch verlangen, daß die Interpreten mit Aufnahmen unterschiedlicher Labels ins Rennen geschickt werden. Beispielsweise kann man eine DGG- oder eine RCA- Aufnahme der 70-er recht gut von einer Phillips-Aufnahme unterscheiden - letztere waren tontechnisch recht voluminös und bassbetont ausgerichtet. Daher könnte man dies vorsortierend einsetzen, um beispielsweise Arrau von Kempff oder Gilels zu unterscheiden .....

      Aber wie Tempi, Accelerandi und rubati genommen werden, die Anschlagskultur, der Einsatz der Pedale, die Bereitschaft, in einer Interpretation zur Ruhe zu kommen oder Spannungsbögen weiterzuziehen, die Fähigkeit auf seinem Instrument zu singen ...... so Vieles, was das menschliche Hirn verarbeitet, ohne jede Einzelheit zu katalogisieren ....
      all das zu erkennen kann trainiert werden und am Ende wird der Hörer komplexe Klangmuster unterscheiden können.
    • Guten Abend,

      ich möchte zu diesem Thema aus einem anderen Forum einen Beitrag posten, der schon ein paar Jahre (Mai 2009) alt ist:

      Ich wollte über ein kleines Experiment zwischen Holger und mir berichten. Angefangen hat es mit dieser Mail von mir:

      Zitat:
      Hallo Holger,

      wenn ich mich nicht sehr irre, vergleichst du momentan die Sonate No.3 in h - moll von Chopin. Nun, ich habe da noch eine Aufnahme, von der ich vermute, dass du sie nicht kennst und das bringt mich zu einer Frage: hättest du Lust auf ein kleine Experiment ? Die Bedingungen sind ganz einfach: Du bekommst von mir die Aufnahme als CD und schilderst mir dann deine Eindrücke. Vielleicht gibst du auch einen Tipp ab, um welchen Interpreten es sich handelt. Mich würde auch deine Meinung zur Klangqualität interessieren. Ich verrate nur, dass es sich um eine Live-Aufnahme handelt. Nach deiner Bewertung verrate ich dir, um welche Aufnahme und welchen Künstler es sich handelt.

      Interessiert ?


      Nun, Holger war interessiert, wies mich nur darauf hin, dass er momentan an einem Interpretationsvergleich der 2. Sonate in b-moll "arbeite". Ich habe ihm dann die CD per Schneckenpost geschickt. Sie war in einem neutralen Slim-Case und enthielt ausser einer nichtssagenden Aufschrift keinerlei weitere Hinweise auf die Aufnahme oder den Interpreten. Ehrlich gesagt rechnete ich nicht damit, dass er den Pianisten erkennen würde, wußte ich doch, dass er erst eine oder zwei CDs von ihm gehört hatte und er nicht unbedingt zu seinem - Holgers - Lieblingspianisten gehörte. Trotzdem war ich nicht schlecht erstaunt, als ich wenig später folgende Antwort von ihm erhielt:

      Zitat:
      "Hallo Bernd!

      Du bist mir ja ein Schlingel! Mich alten Hasen aufs Kreuz legen wollen!
      Nachdem die ersten Eindrücke etwas in mir >gearbeitet< hatten, dämmerte es
      mir! Ich hatte die Studioaufnahme von Hamelin nicht in so genauer
      Erinnerung, die b-moll-Sonate ausführlicher studiert als die in h-moll. Ich
      kenne natürlich Hamelins Stil auch nicht so gut wie Michelangeli, Rubinstein
      oder Horowitz, weil ich einfach zu wenig von ihm gehört habe. Etwas war mir
      aber im Kopf geblieben. Er hat diese Virtuosenmarotte, Figuren (z.B.
      Triolen) zu verschleifen (fällt z.T. unangenehm auf bei seiner Aufnahme der
      Scriabin-Sonaten) oder solchen Bewegungen, die nach unten gehen,
      zusätzlichen Drive zu geben. Das fiel mir gleich bei der eröffnenden 16tel
      Figur zu Beginn des Allegro maestoso auf: Da wird nach unten auf das >fis<
      hin >Gas< gegeben, das gibt dann so einen >Absturzeffekt<. Das macht er in
      diesem Konzertmitschnitt noch extremer als in der etwas abgeklärteren
      Studioaufnahme! Dann diese unverwechselbare klobige Art, wie er die
      Fortissimo-Akkorde spielt Takt 3,4. Sehr bombastisch! Dann die wenig
      differenziert gespielte Überleitung zum Seitenthema – das wiederum ist
      eigentlich sehr schön gestaltet! Besonders die Konzertaufnahme klingt doch
      sehr >gelisztet<. Musikalität hat er, nur ist das einfach kein stilechter
      Chopin. Bei Chopin darf man nicht vergessen, dass ihn Bach musikalisch sehr
      geprägt hat – man braucht da eine gewisse Strenge und Schlichtheit. Den
      ersten Satz mit Hamelin kann man durchaus hören. Da habe ich mit Wilhelm
      Kempff übrigens dasselbe Problem. Kempffs Musikalität ist immer entwaffnend,
      auch er spielt mir den Satz jedoch zu sehr nach Liszt, zu rhapsodisch frei,
      allerdings organischer als Hamelin und ohne virtuose Mätzchen. Beim Scherzo
      stimmen die beiden Hamelin-Aufnahmen nahezu überein. Hamelin spielt einfach
      kein >leggiero< (Chopins Spielanweisung!), keine spielerische Leichtigkeit,
      wie es sich für ein klassisches Scherzo gehört, sondern forciert. Die
      rhythmische Phrasierung in der linken Hand ist unverwechselbar Hamelin, viel
      zu aufdringlich!

      Dann das Largo: Die Konzertaufnahme nimmt die Figuren etwas
      tänzerisch-rhythmischer, in der Studioaufnahme ist das ein bischen
      zurückgenommen, ein wenig indifferenter, die Betonung fällt auf die Melodik.
      Warum Hamelin hier scheitert, macht der Notentext klar! Chopin notiert
      nämlich nicht Bögen über die einzelnen kürzeren Phrasen, sondern einen
      großen Bogen über 8 Takte – was einer klassischen achttaktigen Periode
      entspricht. Das Problem für den Interpreten ist, sich nicht gleichsam von
      Motiv zu Motiv zu hangeln, sondern diesen großen Bogen hörbar zu machen! Das
      bekommt Hamelin einfach nicht hin – und dadurch tritt die Musik auf der
      Stelle. Kempff, der ein großer Schubert-Interpret ist, hat Sinn für
      fließendes Melos. Bei ihm ist der große Bogen wunderbar ausgespielt, aber
      ein bisschen auf Kosten der einzelnen Phrasen. Die Melodie >trägt< im
      Unterschied zu Hamelin, wirkt aber ein bisschen zu stromlinienförmig glatt.

      Das Finale bei Hamelin finde ich einfach schrecklich! Das ist Theaterdonner
      und Bombast – klingt nicht wirklich nach Chopin, sondern eher nach Richard
      Wagner! Ich konnte nicht anders, mir zum Schluß die Studioaufnahme von Emil
      Gilels einzulegen als Maßstab. Gilels spielt einfach akribisch textgenau.
      Was er da im 1. Satz in der Überleitung zum Seitenthema alles
      herausarbeitet – die Zwischenstimmen sind vorbildlich deutlich und Chopins
      Akzente und Bögen werden lebendig! Das Scherzo ist nicht minder technisch
      stupend gespielt als bei Hamelin (Kempff kommt da deutlich an seine Grenzen,
      kompensiert das aber mit einer unglaublichen Anschlagskultur!), aber eben
      >leggiero<. Im Largo gelingt Gilels die Synthese: Die Einzelphrasierungen
      werden bis in den letzten Winkel ausgelotet und trotzdem bleibt der große
      Bogen erhalten. Interessant sind die wuchtigen Eröffnungsakkorde zu Beginn
      des Largos und des Finales. Gilels spielt auf einem Bechstein-Flügel, der
      natürlich weitaus bassmächtiger ist als der unten herum viel schlankere
      Steinway, den Hamelin zur Verfügung hat. Gilels wuchtet die Akkorde zu
      Beginn des Largo wirklich Fortissimo, wie es da steht. Zu Beginn des Finales
      (Presto, ma non tanto) steht aber nicht Fortissimo, sondern nur Forte! Daran
      hält sich Gilels sehr genau. Dadurch wirkt der Auftakt eben nicht
      übertrieben bombastisch wie bei Hamelin, wo der Flügel im Fortissimo fast
      schon brüllt in der Manier eines löwenmähnigen Virtuosen. Was Gilels zudem
      alles an Strukturen in der anrollenden Bewegung herausarbeitet, das fällt
      bei Hamelin völlig unter den Tisch! Sehr aufschlussreich ist auch die
      Passage ab Takt 54, wo in der rechten Hand diese schnellen Laufpassagen
      beginnen. Da steht Forte: Hamelin spielt diese Läufe irrwitzig schnell,
      verschleift sie zu einer fast schon impressionistischen Klangfläche.
      Faktisch spielt er sie nicht Forte, sondern Piano. Die Folge davon ist, dass
      dann die Akkorde in der linken Hand im Forte gedonnert ungemein klobig
      wirken. Gilels dagegen spielt die Läufe distinkt und eben Forte. In Takt 76
      steht dann >leggiero< als Spielanweisung für die Sechzehntelläufe der
      rechten Hand. Dann erst spielt auch Gilels die Läufe gleichmäßig hauchzart,
      was einen wunderbaren Kontrasteffekt gibt, den sich Hamelin von vornherein
      kaputt macht, weil er sie von Anfang an >leggiero< spielt. Auch Wilhelm
      Kempff ist mir hier zu >wagnerianisch< - die alte deutsche Schule eben!
      Furtwängler! Da wird künstlich am Schluß eine dynamisch-dramatische
      Steigerung auf einen Höhepunkt hin inszeniert, was in diesem übertriebenen
      Ausmaß einfach zu theatralisch wirkt! "


      In der Tat handelte es sich um die Audio-Spur einer DVD eines Konzertes des kanadischen Pianisten Marc-André Hamelin im Juni 2007 bei den Ruhr-Festspielen in Essen. Das Konzert gibt es auf keiner CD.



      Es ist also nicht nur möglich einen bereits gut bekannten Interperten von einer ebenfalls bekannten Aufnahme wieder zu erkennen. Anscheinend kann man sogar an Hand einer völlig unbekannten Aufnahme die "Handschrift" eines Interpeten - hier eines Pianisten - erkennen.

      Viele Grüße

      Bernd