Kurt Weill (1900 - 1950)

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    • Kurt Weill (1900 - 1950)

      Tach,

      also ich finde ja, Kurt Weill hat unbedingt einen Thread auch in einem Klassik-Forum verdient.

      da ich zu faul bin, die Lebensdaten abzuschreiben und Wikipedia das diesmal recht ordentlich gemacht hat, hier der obligatorische Link

      "http://de.wikipedia.org/wiki/Kurt_Weill"

      Und noch ein Link, zur Website des Kurt Weill Zentrums:

      "http://www.kurt-weill.de/"

      Meine Lieblingswerke sind - natürlich- "Die Dreigroschenoper" und "Die sieben Todsünden".

      Erste Aufnahmeempfehlungen:









      Eine ganz hervorragende Aufnahme mit modernen Interpretationen ist der Soundtrack zu dem Film "September Songs":



      Alternativ hierzu höe ich immer wieder gerne:



      Und ? Was sind eure Lieblingsaufnahmen ?

      Viele Grüße

      Bernd

      P.S: Jüngst über amazonien habe ich mir noch die Biographie von Ronald Sanders besorgt:

      "http://www.amazon.de/gp/product/3463007916/ref=wms_ohs_product_img?ie=UTF8&psc=1"

      Ich habe sie aber noch nicht gelesen.
    • Ich besitze von den Gezeigten nur die Dreigroschenoper und habe vor vielen Jahren mal die "September Songs" gehört/überspielt. Ich habe nochmal in ein paar der Aufnahmen reingehört und muss leider sagen, dass das für mich eher eine Negativ-Liste von zu vermeidenden Aufnahmen ist... :hide:
      Klar, September Songs und wohl auch Lost in the Stars sind ja eh Pop-Coverversionen. Aber die Ofenröhreninterpretationen von Faithfull sind ebenfalls eine groteske Verzerrung in meinen Ohren.
      Die Dreigroschenoper ist akzeptabel, obwohl für mich insgesamt eher eine Enttäuschung (nach wohl zu hohen Erwartungen), da weder Quietsch-Nina Hagen noch Mister Manierismus Max Raabe dem entsprechen, was ich da gerne hören würde. Auch die Aufnahme unter Mauceri ist problematisch, hier stehen Opernsänger wie Dernesch und Kollo neben Milva...

      Zwar habe ich natürlich nicht alles gehört, aber für mich gibt es tatsächlich kaum akzeptable Weill-Aufnahmen. Ein Problem ist, dass die "späte" Lenya mit ihrem Geröhre eine unglückliche Tradition begründet hat. Der für mich authentische Weill-Stil findet sich hauptsächlich auf den historischen Aufnahmen von ca. 1930, hauptsächlich eine Kurzfassung der Dreigroschenoper. Das ist ein sehr nüchterner, sachlicher Stil gegenüber den knarzenden rollenden Rs und dem Diseusenton der 1950er.
      Gut ist außerdem noch die 7 Todsünden + Songs mit Gisela Mey und ich finde die Aufnahme von Otters nicht so schlecht, obwohl die manchmal etwas zu distanziert ist bzw. zwischen Distanz, Opernhaftigkeit und leicht knarzendem "Brecht/Weill"-Ton oszilliert.
      Bei Mahagonny ist vermutlich trotz allem die Aufnahme mit Lenya aus den 1950ern die beste Option. Die Capriccio-Aufnahme unter Latham-König ist vollständiger, opernhafter und nicht schlecht, aber insgesamt etwas blutarm. (Ich habe beide lange nicht mehr gehört, aber sie wurden auch noch nicht aus dem Regal verbannt wie manch anderes...)

      Enttäuschend fand ich auch die CD(s?) mit Teresa Stratas. Die Diktion in den deutschsprachigen Liedern ist inakzeptabel, die paar französischen interessierten mich nicht genug, um die CD zu behalten.

      Die Doppel-CD mit Violinkonzert und etlichen Vokalwerken mit der London Sinfonietta ist klanglich und instrumental spitze, vokal auch wieder problematisch, insgesamt würde ich die aber wohl empfehlen.

      Ich habe es mehr oder minder aufgegeben und mein Interesse ist auch deutlich erlahmt. Von den amerikanischen Musicals hatte ich mir mal eine Aufnahme des Firebrand of Florence (Benvenuto-Cellini-Stoff) angeschafft. Fand ich musikalisch flach und inhaltlich pseudowitzig (die Aufnahme unter Davis ist aber anscheinend auch bearbeitet; es gibt eine Art Erzähler, der zwischen Szenen überleitet)..
      Da mir einige von den häufiger auf Recitals zu findenden Songs (Speak low, My ship u.a.) recht gut gefallen, würde ich evtl. noch mal einen Versuch mit einem anderen der Musicals wagen, aber viel Auswahl gibt es hier auch nicht... Insgesamt habe ich inzwischen die Befürchtung, dass diese Stücke wohl nur auf der Bühne so richtig funktionieren und sich bei den Song-Recital halt leider der Diseusenstil weitgehend durchgesetzt hat.

      ...a man who refuses to have his own philosophy will not even have the advantages of a brute beast, and be left to his own instincts. He will only have the used-up scraps of somebody else’s philosophy; which the beasts do not have to inherit; hence their happiness. Men have always one of two things: either a complete and conscious philosophy or the unconscious acceptance of the broken bits of some incomplete and shattered and often discredited philosophy. (G. K. Chesterton)
    • Max Raabe / die Hagen...

      ....och ich weiß nicht - - -
      Man müsste halt den Palast-Orchester-Raabe wegblenden können (klappt bei mir gut, da ich diesen nur sehr selten gehört und niemals, d.h. lediglich auf Fotos, gesehen habe).
      Ohne diese Assoziation wirkt er als sehr-unterkühlt-gemeingefährlicher M.Messer m.E. ganz gut; ich denke da übr. oft an Gustav Gründgens in "M"!
      Und Nina? Die längst sämtlicher Illusionen beraubte Ex-Schwärmerin nehm ich ihr (auf CD zumindest) durchaus ab .... Aber KLAR die hohen Töne :huh: :huh:
      hab mal irgendwo gehört, dass Meister Lehar höchstselbst der jungen Zarah Leander (also noch in Schweden) erlaubt haben soll, die "Witwe" einige Töne tiefer zu singen....
      Dergleichen wird mit den Brecht-und-Weill-Erben aber vermutl. nicht zu machen sein...............
      PS Die Doppel-CD mit "London Sinfonietta" (für mich ohnehin das Kammerorchester, zumindest bzgl. Musik des letzten Jahrhunderts!) begeistert mich derart, dass es mir schlichtweg nicht mehr gelingt, mich über das (stimmt schon: Mitunter arg) "englische Deutsch" zu ärgern...
      Alexa: Was ist ein gerechter Lohn? - Das weiß ich leider nicht!
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      Hollywood ist ein Witz - nicht hassenswert...
      Aki Kaurismäki
    • weil ich's bisher in deutschen Medien nicht gefunden habe, halt der Artikel in der NY Times:

      nytimes.com/2017/11/06/arts/mu…ent=1&pgtype=sectionfront

      Ein Lied, an das sich Lotte Lenya erinnern konnte, hat sich gefunden in .... (Überraschung!) Berlin!

      Gruß Benno
      Überzeugung ist der Glaube, in irgend einem Puncte der Erkenntniss im Besitze der unbedingten Wahrheit zu sein. Dieser Glaube setzt also voraus, dass es unbedingte Wahrheiten gebe; ebenfalls, dass jene vollkommenen Methoden gefunden seien, um zu ihnen zu gelangen; endlich, dass jeder, der Überzeugungen habe, sich dieser vollkommenen Methoden bediene. Alle drei Aufstellungen beweisen sofort, dass der Mensch der Überzeugungen nicht der Mensch des wissenschaftlichen Denkens ist (Nietzsche)
    • David Bowie:

      "Alabama Song" (Brecht/ Weill):

      https://www.youtube.com/watch?v=Zc_9EpooJ2o

      Und eine knuffige Live-Version aus 2002:

      https://www.youtube.com/watch?v=eer3xugTyYo

      (der Flirt mit Gail Ann Dorsey ist pure Ironie, da sie ... vom anderen Ufer ist ... nur zur Info; Ironie spielte bei ihm eh stets eine große Rolle)


      "The Drowned Girl" (Brecht/ Weill):

      https://www.youtube.com/watch?v=M2BULDi00xM
      "Zweierlei eignet sich als Zuflucht vor den Widrigkeiten des Lebens: Musik und Katzen." (Albert Schweitzer)
    • Habe gerade die erste CD der Gruber/Raabe/etc. Aufnahme gehört und die fliegt aus dem Regal. Zu viele der Sänger sind kaum erträglich und niemand wirklich gut. Der orchestrale Part mag der beste von allen Aufnahmen sein, aber das hilft nix. Dann hörte ich die Mauceri/Lemper etc. (1988) bis zur Seeräuberjenny und die ist auch nicht befriedigend. Orchester etwas softer, aber o.k. und der Mix aus Opernsängern und anderen funktioniert sogar besser als erwartet und es stört mich niemand so sehr wie die kreischende Hagen und der nölende Raabe, aber richtig gut ist auch niemand.
      Sind denn die Auszüge von 1930 die einzig erträgliche Phonofassung? Das Stück funktioniert einfach nicht in diesen "Hörspielfassungen" mit Erzähler und unpassenden Sängern. Die Gruber-Aufnahme war echt eine verpasste Chance, wenn man da eine bessere Besetzung statt die unpassenden "Stars" gefunden hätte, hätte das was werden können.
      ...a man who refuses to have his own philosophy will not even have the advantages of a brute beast, and be left to his own instincts. He will only have the used-up scraps of somebody else’s philosophy; which the beasts do not have to inherit; hence their happiness. Men have always one of two things: either a complete and conscious philosophy or the unconscious acceptance of the broken bits of some incomplete and shattered and often discredited philosophy. (G. K. Chesterton)
    • Kater Murr schrieb:

      Sind denn die Auszüge von 1930 die einzig erträgliche Phonofassung?
      Kennst du die Aufnahme aus Wien 1955? Unter der Leitung von F. Charles Adler und mit dem Orchester der Wiener Staatsoper singen da unter anderem Kurt Preger und Liane Augustin als "Liebespaar", Alfred Jerger und Rosette Anday als Pollys Eltern und Helge Rosvaenge gibt am Anfang die Moritat von Mackie Messer - alles erstaunlich un-klassisch un-opernhaft.
      Ich liebe Wagners Musik mehr als irgendeine andre. Sie ist so laut, daß man sich die ganze Zeit unterhalten kann, ohne daß andre Menschen hören, was man sagt. - Oscar Wilde
    • Nein, die hätte ich schon aufgrund der Papierform als "zu opernhaft" ausgeschieden. Ich habe auf CD tatsächlich nur drei, wenn man die von 1930, die nicht komplett ist, mitzählt. U.a., weil zum Erscheinungsdatum sowohl Mauceri/Lemper/Kollo etc. als auch Gruber als vergleichsweise gelungen galten. Die 1950er mit Lenya habe ich vermutlich mal gehört und ich besitze ihre beiden CBS-Anthologien aus dieser Zeit, aber der Stil ist mir eben auch zu diseusenhaft.

      Danke für den Hinweis, Adler ist mindestens zum Teil auf youtube, höre ich gleich mal rein.
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    • Ich finde gerade das passende Bildchen nicht, aber Ute Lemper hat eine ganz tolle CD mit Weill-Songs eingespielt, die m.E. sogar die A.S Otter-Aufnahme toppt, weil sie etwas idiomatischer ist - auch bez. der Begleit-Combo.
      Ich habe eiserne Prinzipien. Wenn sie Ihnen nicht gefallen, habe ich auch noch andere.
    • Persönlich habe ich immer die frühe Produktion der Milva, die sie zusammen mit Giorgio Strehler in Mailand gemacht hat, wohl so Mitte der 70iger Jahre. Es geht zunächst v.a. um Brecht, aber die meisten hier sind eben vom Weill komponiert.

      Für mich ist das schon fast ein Zeitdokument aus der Ära des sehr links geprägten Mailand und so erklingen hier die Songs auch. Eher also politische Propaganda mit entsprechendem Verve und Verkündigungsgestus vorgetragen und dem entsprechenden Pathos, was mich aber hier nie gestört hat.



      :wink: Wolfram
    • Die genannte Wiener Aufnahme ist auf youtube zu finden. Ich war zwar eher positiv überrascht, aber Geld ausgeben würde ich dafür auch nicht wollen (zumal für 1955 Tonqualität youtube ganz gut ausreicht). Etwas zu opernhaft, teils auch etwas breite Tempi und die Sänger der Peachums überzeugen mich eher weniger, immerhin die Besetzung ziemlich homogen, die Textverständlichkeit meistens sehr gut, auch wenn einige Akzente oder Austriazismen? ein wenig auffallen.
      Dass es einzelne gute Anthologien (v.a. Gisela May) gibt, ist unbestritten.

      Das Auffallende an den Dokumenten von ~1930 ist eben die Abwesenheit des pathetischen Propagandagestus. Das ist durchweg sehr trocken, teils beinahe unterkühlt, auch kein zu deutliches ironisches Augenzwinkern wie etwa bei Max Raabe. Letzterer hat eine Anthologie "Charming Weil" mit größtenteils englischen "Musical-Songs", die finde ich erheblich passender gesungen als seinen Mackie (wobei ich die Anthologie länger nicht gehört habe).

      Einige der besten Weill-Darbietungen habe ich vor etwa 20 Jahren auf einem oder zwei Konzerten mit Hedwig Fassbender gehört; evtl. ein bißchen zu pathetisch, aber nicht zu opernhaft und zumindest live sehr überzeugend. Leider hat die anscheinend nie Aufnahmen davon gemacht.
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    • Alberich schrieb:

      Ich finde gerade das passende Bildchen nicht, aber Ute Lemper hat eine ganz tolle CD mit Weill-Songs eingespielt, die m.E. sogar die A.S Otter-Aufnahme toppt, weil sie etwas idiomatischer ist - auch bez. der Begleit-Combo.
      Ihre Stimme passt zu den meisten Sachen wirklich sehr gut, finde ich. Sie singt tatsächlich, ohne dass es falsch opern- oder musicalartig wirkt.

      Beim Ensemble bin ich mir nicht sicher, ob das die Originalpartituren sind. Das klingt (auch wenn es wenig Überschneidungen gibt) beim Album mit der London Sinfonietta (das instrumental für mich ideal ist) schon wesentlich zugespitzer und schärfer. Beim RIAS Kammersensemble (mit Lemper) wirkt das auf mich (wie so oft) zu dezent und eingeebnet...
    • Lemper ist jedenfalls die passendste (um nicht zu sagen, die einzig wirklich passende) Besetzung in der Mauceri DGO. Anthologien gibt es mindestens zwei Folgen in diversen Ausgaben und Kopplungen (die Berlin Cabaret ist Weill-frei)

      ASIN: B0000041VG
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    • Eigentlich eine interessante Diskussion hier. Allerdings habe ich Weill wie auch Gershwin immer als Komponisten gesehen, deren Vokalkompositionen auf so unendlich vielfältige Weise interpretiert werden können. Und das man, jetzt bezogen auf Weill, noch nicht einmal 'viel Stimme' haben muss. Von Jazz, Rock und Chanson, über Diseusen, Schauspielern, mit oder ohne politischem Anspruch und Propaganda hin zu Opernsängerinnen und -sängern - immer passt es irgendwie, immer fügen sie dieser Musik einen anderen Aspekt hinzu.

      Was für Möglichkeiten bietet also Weill!

      :wink: Wolfram
    • Apropos Vielfältigkeit und ob man es mag oder auch nicht, aber auch das ist Weill. 'Lady in the Dark' zusammen mit Ira Gershwin und Gertrude Lawrence singt 'My Ship'.

      youtube.com/watch?v=boTITRVVlVk

      Es gibt auch noch 'ne Version mit Doris Day, aber das wäre vielleicht zu viel. :ironie1:
      Aber alles ist Weill. Ich bevorzuge ja auch mit wenigen Ausnahmen (im vokalen) Bereich die Zusammenarbeit mit Brecht, aber andererseits bin ich dankbar, dass Weill diese unglaubliche Bandbreite hat.

      Übrigens ist für mich eine der großartigsten Aufnahmen eines Weill-Songs, das, was Liza Minnelli bei ihrem Comeback daraus gemacht hat.

      youtube.com/watch?v=7Q5UWy2Q6HI

      Sie kombinierten den letzten unvollendeten Song Weills mit dem letzten, ebenfalls fragmentarischen von Gershwin und 'durchglühte' beide mit einer unglaublichen Intensität. Aber natürlich ist das nicht der in Deutschland gewohnte von Brecht beeinflusste Weill (wohl gemerkt, ich rede immer nur über seine Vokalkompositionen), sondern der sich dem amerikanischen Mainstream auch angepasste. Aber ist er deshalb schlechter? Was kann man nicht alles aus ihm herausholen!

      :wink: Wolfram
    • Ich habe grundsätzlich nichts gegen alle Arten von "Covern". Was sich bei einigen Songs, die Standards geworden sind, ohnehin kaum vermeiden lässt. Die Musicals kenne ich zu wenig bzw. immer nur einzelne Songs daraus. (Nur Lady in the Dark und Firebrand of Florence hatte ich mal auf CD, hat mich in toto nicht genügend interessiert.)
      Was mich dagegen stört, ist zum einen, dass Weill zu sehr als "Songschreiber" wahrgenommen wird. Das ist bei den für mich zentralen deutschsprachigen Werken um 1930 (DGO, Mahagonny, Silbersee usw.) eben nur ein Aspekt. Zum anderen natürlich die beinahe noch einseitigere "Brecht/Weill"-Wahrnehmung mit dem zuerst genannten Texter. Das ist eben auch eine Verzerrung. Und schließlich die relative Dominanz bestimmter Gesangsstile, die mit der Sachlichkeit der Dokumente aus dem Umkreis der Uraufführungen wenig zu tun haben
      Man stelle sich vor, wir sprächen von "Müller/Schubert" und Interpretationen wie Hannes Waders (oder Stings Dowland) wären das Übliche. So ähnlich ist es bei Weill. D.h. mich stört nicht der einzelne Wader, sondern dass bei Weill die "Waders", "Stings" etc. zu dominieren scheinen.
      ...a man who refuses to have his own philosophy will not even have the advantages of a brute beast, and be left to his own instincts. He will only have the used-up scraps of somebody else’s philosophy; which the beasts do not have to inherit; hence their happiness. Men have always one of two things: either a complete and conscious philosophy or the unconscious acceptance of the broken bits of some incomplete and shattered and often discredited philosophy. (G. K. Chesterton)
    • So wie Kater Murr seh ich das auch!

      D.h. mich stört nicht mal so sehr, dass es diese ganze Cover-/Diseusen- usw. Dominanz gibt, sondern vor allem, dass es das, was ich mir wünschen würde, nicht oder nur so wenig gibt: Aufnahmen (und Aufführungen) vor allem der Berliner Stücke, in denen die Orginalpartituren Weills ernst genommen werden und bei denen die Sänger/innen nach ihrer Fähigkeit gewählt werden, diesen ganz spezifischen Weill-Ton zu treffen (wie dies in den Aufnahmen um 1930 vielleicht am ehesten der Fall ist), und nicht nach ihrem Star-Status oder ähnlichem. Besonders in Bezug auf die Mahagonny-Oper fehlt(e) mir das (eigentlich habe ich aufgehört, darauf zu warten und kenne deswegen neuere Aufnahmen auch nicht, falls es die gibt). Das London-Sinfonietta-Album würde hier schon die richtige Richtung weisen – abgesehen halt von den sängerischen Schwächen und den willkürlichen Nummern-Umstellungen bei Happy End und (soweit ich weiß) auch beim Berliner Requiem.
    • Peter Jott schrieb:

      was ich mir wünschen würde, nicht oder nur so wenig gibt: Aufnahmen (und Aufführungen) vor allem der Berliner Stücke, in denen die Orginalpartituren Weills ernst genommen werden und bei denen die Sänger/innen nach ihrer Fähigkeit gewählt werden, diesen ganz spezifischen Weill-Ton zu treffen (wie dies in den Aufnahmen um 1930 vielleicht am ehesten der Fall ist),
      Nun kamen die Sänger der frühen Aufnahmen von 1930 ja durchaus aus dem Schauspiel-, Revue- und Kabarettbereich. Das das originaler klingt, dass dieser Ton heute nicht mehr getroffen wird, liegt vielleicht auch daran, dass da eine Tradition im deutschsprachigen Raum nach 1933 gekappt wurde, jedenfalls sich verändert hat. Kurt Gerron, wenn er denn nicht ermordet worden wäre, Trenk-Trebitsch oder auch Margo Lion klangen oder würden heute anders klingen, an den späten Aufnahmen der Lenya sieht man es ja.
      Der Gesang damals war eine direkte Folge der Begegnung mit dem Komponisten, der sich dann in den USA ja auch verändert hat. Notwendig wäre also, verstehe ich das richtig, eine Art HIP-Neuentdeckung und -Bewertung von Kurt Weill. Ich wäre sofort dabei ^^ , aber ich befürchte, dass dafür das Interesse an ihm leider (noch) viel zu gering ist.
      Und natürlich hat der Kater recht. Weill ist, im Bewusstsein der meisten Menschen, viel zu sehr der 'kleine Bruder' von Brecht. Ihn aus dem Schatten zu holen, ist mit Sicherheit wahnsinnig schwer.
      Habt ihr einen Überblick darüber, wie häufig die 'Brechtfreien' Vokalwerke im deutschsprachigen Raum in den letzten Jahren aufgeführt wurden?

      :wink: Wolfram
    • Wolfram schrieb:

      Notwendig wäre also, verstehe ich das richtig, eine Art HIP-Neuentdeckung und -Bewertung von Kurt Weill. Ich wäre sofort dabei
      Das trifft's ziemlich genau! Ich wär auch dabei – wären wir schon zwei! :cincinbier:

      Wolfram schrieb:

      Habt ihr einen Überblick darüber, wie häufig die 'Brechtfreien' Vokalwerke im deutschsprachigen Raum in den letzten Jahren aufgeführt wurden?
      Das habe ich leider nicht. Vielleicht raff ich mich die nächsten Tage mal zum Rumgooglen auf. Vor einigen Jahren war ich im Berliner Konzerthaus bei einer konzertanten Aufführung vom Silbersee. Orchestral hatte sie mir sehr gefallen, aber wieder das sängerische Dilemma, das in dieser Kritik, die ich gerade ergooglet habe, gut beschrieben ist; magazin.klassik.com/konzerte/r….cfm?task=review&PID=5940