Dirigentinnen ?

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    • Dirigentinnen ?

      Tach zusammen,

      Der klassische Dirigent war eines der mächtigsten Sinnbilder für männlich-diktatorische Macht, inzwischen arbeiten Dirigentinnen außerorderdentlich erfolgreich.


      So Hannes Fricke in seinem Buch "Mythos Gitarre - Geschichte, Interpreten, Sternstunden" in einem Kapitel, in dem es um Frauen an der E-Gitarre geht (ich hatte auf das Buch schon mal hingewiesen, nämlich hier: capriccio-kulturforum.de/musik…es-fricke-mythos-gitarre/).

      Stimmt das eigentlich ? Wenn ich mir die Liste der Dirigenten in dem Unterforum betrachte, steht da keine einzige Frau. Mir fällt ehrlich gesagt spontan auch keine Dirigentin ein.

      Welche Dirigentinnen kennt ihr, und welche Bedeutung haben sie für euch ? Habt ihr auch den Eindruck, dass Frauen am Pult "Exotinnen" sind und woran könnte die - wohl unbestreitbare - Unterrepresäntanz liegen ?

      VG Bernd
    • Spontan fallen mit Eve Queler ein (mit einer tollen Aufnahme der Jenufa) und Anu Tali. In Wiesbaden gab es mal eine 1. Kapellmeisterin, an deren Namen ich mich gerade nicht erinnere. Catherine Rückwardt war GMD in Mainz. - Also auch im lokalen Umfeld gab und gibt es Dirigentinnen.

      Ach ja, natürlich Simone Young.

      Gruß
      MB

      :wink:
      "Nur Hexenverbrennung und Lynchmord gibt es bei uns nicht mehr so oft. Das haben wir erfolgreich in soziale Netzwerke ausgelagert." (Axel Weidemann im Artikel "Dorfkinder über #Dorfkinder" in der Online-Version der FAZ)
    • B.Albert schrieb:

      Welche Dirigentinnen kennt ihr, und welche Bedeutung haben sie für euch ? Habt ihr auch den Eindruck, dass Frauen am Pult "Exotinnen" sind

      Ja, den Eindruck habe ich auch. Es gibt enorm wenige und wenn dann tatsächlich mal eine Frau dirigiert, ist das natürlich gleich ein Thema - eben weil es so eine Ausnahme ist.

      B.Albert schrieb:

      Stimmt das eigentlich ? Wenn ich mir die Liste der Dirigenten in dem Unterforum betrachte, steht da keine einzige Frau. Mir fällt ehrlich gesagt spontan auch keine Dirigentin ein.

      Ein paar gibt es inzwischen schon, die sich einen Namen gemacht haben. Simone Young leitet die Hamburger Oper und ist auch mit CD-Aufnahmen hervorgetreten. Sie dürfte wohl die momentan bekannteste Dirigentin sein und hat sich immer wieder zum Thema "Frauen am Dirigentenpult" geäußert. Julia Jones hat sich in Frankfurt einen Namen gemacht. Dann fallen mir noch die schon etwas älteren US-Amerikanerinnen Eve Queler und Sarah Caldwell ein, die beide vor allem als Operndirigentinnen Erfolg hatten. Caldwell hat einige Gesamtaufnahmen für die EMI geleitet, Queler ist vor allem als engagierte Anwältin vergessener Opern (etwa des Verismo und der klassischen Moderne) hervorgetreten.
      Ach ja, dann gibt es ja auch noch Marin Alsop. Sie leitet als erste Frau ein großes US-amerikanisches Orchester und hat für Naxos schon einige Werke des Standarsrepertoires aufgenommen (so arbeitet sie etwa mit ihrem Baltimore Symphony Orchestra an einem Dvorak-Symphonien-Zyklus).
      Ich liebe Wagners Musik mehr als irgendeine andre. Sie ist so laut, daß man sich die ganze Zeit unterhalten kann, ohne daß andre Menschen hören, was man sagt. - Oscar Wilde
    • Liebes Mauerblümchen,
      da haben sich unsere Antworten überschnitten, mit Simone Young und Eve Queler haben wir dann auch noch zwei Mal die gleichen Namen genannt.

      Mauerblümchen schrieb:

      Also auch im lokalen Umfeld gab und gibt es Dirigentinnen.

      Da fällt mir ein: Das Bielefelder Theater hat auch eine 1. Kapellmeisterin: Elisa Gogou.
      Ich liebe Wagners Musik mehr als irgendeine andre. Sie ist so laut, daß man sich die ganze Zeit unterhalten kann, ohne daß andre Menschen hören, was man sagt. - Oscar Wilde
    • Darf ich hier die mit- und hinreißende Emmanuelle Haïm einbringen, die ich schon in Lille live erleben konnte? Für mich ist ihre Mitwirkung in der Regel Argument genug, CDs zu erwerben. Sie brilliert im barocken Repertoire und bei ihren Händel-Interpretationen brennt der Parcours.

      Liebe Grüße Peter
      .
      Auch fand er aufgeregte Menschen zwar immer sehr lehrreich, aber er hatte dann die Neigung, ein bloßer Zuschauer zu sein, und es kam ihm seltsam vor, selbst mitzuspielen.
      (Hermann Bahr)
    • Vielleicht auf Grund meiner (naja, relativen) räumlichen Nähe zu Hamburg fiel mir als erstes Simone Young ein, die ja schon genannt wurde, ebenso wie Emmanuelle Haïm, die ich auch gern mal live erleben würde (kenne sie bisher nur von CD-Aufnahmen).

      Eine Dirigentin, von der ich leider noch nicht so viel kenne, nach deren Aufnahmen ich seit einiger Zeit jedoch verstärkt Ausschau halte, da ich das, was ich bisher von ihr kenne, gern höre, ist Michi Gaigg.
      :wink:
      Federica
    • "Dirigieren ist kein Frauenberuf", wie Gert Albrecht noch 1990 meinte.

      Ein interessantes Interview mit der estnischen Dirigentin Anu Tali - übrigens danke für das Thema - darf man hier nachlesen.

      http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-50110061.html
    • Yukon schrieb:

      "Dirigieren ist kein Frauenberuf", wie Gert Albrecht noch 1990 meinte.


      so lange nach den Boulangers? :shake:

      Naja, jeder blamiert sich so gut er kann ...

      Liebe Grüße Peter
      .
      Auch fand er aufgeregte Menschen zwar immer sehr lehrreich, aber er hatte dann die Neigung, ein bloßer Zuschauer zu sein, und es kam ihm seltsam vor, selbst mitzuspielen.
      (Hermann Bahr)
    • Beim Thema "Frauen am Pult" fallen mir zuallererst Susanna Mälkki, bis vor kurzem Leiterin des Ensemble Intercontemporain, sowie die bereits genannte Barock-Spezialistin Emmanuelle Haim ein. Beide haben sich mal an einem denkwürdigen Abend die Berliner Philharmoniker "geteilt": erst dirigierte Frau Mälkki Webern, danach Frau Haim Händel. Grandiose Dirigent(inn)enarbeit leisteten beide. Frau Mälkki habe ich dann noch einmal mit ihrem eigenen Ensemble beim Musikfest Berlin mit Messiaen gehört, bevor Simon Rattle anschließend in der gleichen Halle die Berliner Philharmoniker mit ebenfalls Messiaen und dann den "Gruppen" von Stockhausen leitete.

      Die bereits erwähnte Simone Young fällt mir nur dann ein, wenn ich nach der unsäglichsten Person des hamburgischen Kulturlebens gefragt werde. Der beklagenswerte Niedergang der Oper Hamburg ist einzig und allein ihr "Verdienst". Nur gut, dass Madame bald verschwindet und Kent Nagano Platz macht. Eine Träne nachweinen wird ihr in dieser Stadt und in dieser Region niemand. Alles Weitere zu diesem Thema habe ich bereits hier
      Simone Young und die Hamburger Staatsoper
      aus meiner Sicht gesagt.
      Die Franzosen können Essen, Mode, Mann und Frau auseinanderhalten. Die Deutschen können Bohrmaschinen, Autos und klassische Musik.
      (Marie Bäumer in: Der Feinschmecker, 10/2019)
    • music lover schrieb:

      Die bereits erwähnte Simone Young fällt mir nur dann ein, wenn ich nach der unsäglichsten Person des hamburgischen Kulturlebens gefragt werde. Der beklagenswerte Niedergang der Oper Hamburg ist einzig und allein ihr "Verdienst". Nur gut, dass Madame bald verschwindet und Kent Nagano Platz macht. Eine Träne nachweinen wird ihr in dieser Stadt und in dieser Region niemand.


      Das wundert mich ein wenig, allerdings aus der Sicht ihrer sinfonischer Aktivitäten. Ihr Bruckner wird doch wohl landauf und landab gelobt, wobei auch das Hamburger Abendblatt insoweit nicht außen vor bleibt.
    • Mir ist davon nichts bekannt. Aber ich schalte seit ein paar Jahren bei dem Namen Simone Young konsequent auf "ignore"-Modus. Sollte sie irgendwann mal eine anständige Bruckner-Aufführung hingekriegt und dafür Lob geerntet haben, ändert das nichts an dem, was sie aus unserer Oper gemacht hat.
      Die Franzosen können Essen, Mode, Mann und Frau auseinanderhalten. Die Deutschen können Bohrmaschinen, Autos und klassische Musik.
      (Marie Bäumer in: Der Feinschmecker, 10/2019)
    • Die Wiener Volksoper zeigt keine Scheu vor Dirigentinnen. Schon vor einigen Jahren habe ich an diesem Haus Karen Kamensek gehört, die jetzt in Hannover als GMD tätig ist. Die Wienerin Elisabeth Attl hat es in der VOP zur 1.Kapellmeisterin gebracht und dirigiert in ganz Europa. Und auch die Britin Julia Jones gastiert durchaus erfolgreich nicht nur im Haus am Währinger Gürtel sondern europaweit. Und von jeder dieser Damen habe ich gute bis sehr gute Abende gehört.

      Obwohl hauptsächlich in den USA und in Skandinavien und nicht so sehr mit berühmten Orchestern tätig (Ausnahmen etwa in München oder Berlin bestätigen die Regel) gilt die aus Estland gebürtige Anu Tali als großes Talent.



      Und noch eine Frage an music lover: Richten sich die Vorbehalte gegen die Dirigentin Simone Young oder gegen die Operndirektorin Simone Young; letzteres würde ich ohne große Vorbehalte teilen
    • brunello schrieb:

      Und noch eine Frage an music lover: Richten sich die Vorbehalte gegen die Dirigentin Simone Young oder gegen die Operndirektorin Simone Young; letzteres würde ich ohne große Vorbehalte teilen
      Siehe mein oben verlinktes Posting im "Simone Young und die Hamburger Staatsoper"-Thread: es spielt beides ineinander. Denn wenn eine Intendantin gleichzeitig Chefdirigentin ist (vielleicht ein Geburtsfehler ihrer Intendanz) und dann konsequent nur ihre persönlichen Vorlieben pflegt (Wagner, Wagner, Wagner, Wagner, Wagner, Strauss, Britten, Verdi, garniert durch die eine oder andere Auftragskomposition vorzugsweise an Leute, die sie aus Australien kennt) und alles andere, was hier an Opernkultur jahrzehntelang von hochbedeutenden Menschen aufgebaut wurde, den Bach runtergehen lässt, dann kann man den Vorwurf in ihrem Fall eben nicht nur der Intendantin machen, sondern auch der Chefdirigentin, die sich eben für nichts anderes interessiert.

      Auf Yukons Hinweis zu Frau Young als Konzertdirigentin noch ein Nachsatz: würde sie zum Beispiel mal die von mir über die Maßen hochgeschätzte Yuja Wang als Solistin zu einem ihrer Sinfoniekonzerte einladen, würde ich ja durchaus mal hingehen. Macht sie aber nicht. Yuja Wang war 2011 beim Sinfonieorchester des NDR unter der Leitung von Alan Gilbert und kommt nächste Saison zu den Hamburger Symphonikern (dirigieren wird übrigens Guy Braunstein, der Konzertmeister der Berliner Philharmoniker. Na, ist das was??). Wen lädt Frau Young als Chefin des dritten großen Orchesters in Hamburg statt dessen als Solist in der kommenden Saison ein? David Garrett. Das ist jetzt kein Scherz. Es ist die bittere Wahrheit. David Garrett.

      Aber nun genug von diesem leidigen Thema. Wir sind sie ja bald endlich los. Kent Nagano kann einem leid tun, dass er diesen Trümmerhaufen wieder aufbauen muss, den sie ihm hinterlässt.
      Die Franzosen können Essen, Mode, Mann und Frau auseinanderhalten. Die Deutschen können Bohrmaschinen, Autos und klassische Musik.
      (Marie Bäumer in: Der Feinschmecker, 10/2019)
    • Nun etwas zu einer anderen Dirigentin: ich habe vor zwei Jahren in der Londoner Barbican Hall das London Symphony Orchestra live gesehen mit einem Prokofiew-Abend, an welchem zunächst Leila Josefowicz das Violinkonzert Nr. 1 spielte. Und nach der Pause folgte die komplette Filmmusik zu "Iwan der Schreckliche" op. 116. Beide Programmpunkte waren der Hammer. Dirigentin jenes Abends war die chinesische Dirigentin Xian Zhang, die schon etwas älter war. Dem Programmheft entnahm ich, dass sie längere Zeit als Assistentin beim New York Philharmonic Orchestra tätig war. Diese Frau war sowas von super. Ich hatte nie zuvor etwas von ihr gehört. Bei "Iwan der Schreckliche" hatte sie wirklich Schwerstarbeit zu verrichten. Und ich merkte ihrer Körpersprache an, dass sie nach dem Schlusston dieses sperrigen Werks überhaupt nicht wusste, was sie jetzt erwarten würde. Ein Buh-Gewitter? Höflichkeitsapplaus? Nein, es gab eine Ovation! Das gesamte Publikum erhob sich und war aus dem Häuschen. Diese Frau musste mehrmals noch wieder raus, als Chorsänger und Orchestermusiker längst das Podium verlassen hatten. Sie badete geradezu in der Menge. Schade, dass man so wenig von ihr hört. Oder vielleicht höre ich auch einfach nur wenig und Euch ist sie vollkommen geläufig?
      Die Franzosen können Essen, Mode, Mann und Frau auseinanderhalten. Die Deutschen können Bohrmaschinen, Autos und klassische Musik.
      (Marie Bäumer in: Der Feinschmecker, 10/2019)
    • David Garrett.
      Ok, ich mag nicht, was er hauptsächlich heute so macht, aber er ist trotz allem ein sehr, sehr guter Geiger und es gibt einige wirklich tolle Aufnahmen mit Ihm.
      Damit will ich keine Diskussion lostreten, so wichtig ist er mir nicht, aber es gibt zum Beispiel eine ziemlich gute Einspielung des Tschaikowsky-Konzertes mit Ihm, welche auch von Geigenkollegen sehr respektiert wird.
      :angel:
    • Michael Schlechtriem schrieb:

      David Garrett.
      Ok, ich mag nicht, was er hauptsächlich heute so macht, aber er ist trotz allem ein sehr, sehr guter Geiger und es gibt einige wirklich tolle Aufnahmen mit Ihm.
      Damit will ich keine Diskussion lostreten, so wichtig ist er mir nicht, aber es gibt zum Beispiel eine ziemlich gute Einspielung des Tschaikowsky-Konzertes mit Ihm, welche auch von Geigenkollegen sehr respektiert wird.
      Ich will hier ebenfalls nicht über David Garrett diskutieren, lieber Micha, denn das wäre in einem Dirigentinnen-Thread wirklich OT. Nur soviel (denn das ist vielleicht nicht OT): warum lädt Simone Young ausgerechnet ihn ein? Doch wohl, damit hinterher gesagt wird: seht mal, Simone Young bekommt ja doch mal die Laeiszhalle voll. Was ja sonst wohl eher nicht der Fall ist.
      Die Franzosen können Essen, Mode, Mann und Frau auseinanderhalten. Die Deutschen können Bohrmaschinen, Autos und klassische Musik.
      (Marie Bäumer in: Der Feinschmecker, 10/2019)