Reich, Steve: WTC 9/11 (2010)

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    • Reich, Steve: WTC 9/11 (2010)

      Steve Reich: WTC 9/11 für Streichquartett und Tonband



      Das Werk wurde vom Kronos Quartet mit Unterstützung mehrerer Gesellschaften in Auftrag gegeben. Es wurde inspiriert von den Ereignissen des World Trade Center (WTC) in New York am 11. September 2001 und von den Auftraggebern am 19. März 2011 uraufgeführt.

      Im Jahre 2009 fragte das Kronos Quartet bei Steve Reich um ein neues Werk für Streichquartett und Stimmen vom Tonband an. Im Januar 2010 kam der Komponist auf die Idee, Stimmen vom 11. September 2001 zu benutzen, insbesondere Tonaufzeichnungen

      - der NORAD, des North American Aerospace Defense Command
      - des FDNY, des New York Fire Department
      - Interviews mit Freunden und Bekannten, die zur Zeit von 9/11 in Manhattan lebten oder arbeiteten.

      Reichs Bezug zu 9/11 ist, wie er im Beiheft schreibt, nicht der übliche Bezug zu einem Medienereignis. Der Komponist und seine Familie waren direkt betroffen. Seit 25 Jahren lebte er vier Häuserblocks vom World Trade Center entfernt. Am 11. September war er zwar in Vermont, aber sein Sohn, seine Enkelin und seine Schwiegertochter waren im fraglichen Apartment in Manhattan. Sechs lange Stunden telefonierten sie an diesem Tag miteinander. Es waren schließlich die Nachbarn, die es schafften, Reichs Angehörige aus der Stadt in Richtung Norden zu bringen.

      WTC 9/11 ist der dritte Kompositionsauftrag des Kronos Quartet an Steve Reich. Es kann entweder von drei Streichquartetten live mit Tonband gespielt werden oder von einem Streichquartett, das live spielt, und die Partien der beiden anderen Quartette vorher aufgenommen hat. Das kompositorische Verfahren ähnelt stark demjenigen, das Reich auch in Different Trains verwendete, in dem er Sprache und Instrumente in einem dialogischen Prozess bringt. Insbesondere ahmen die Instrumente häufig Sprachmelodien nach. Neu ist, dass Reich gelegentlich Schlussvokale verlängert, so dass diese eine Zeit lang den Gesamtklang grundieren.

      Das Werk ist dreisätzig:

      I. 9/11
      II. 2010
      III. WTC

      Der Komponist merkt im Beiheft an, dass WTC nicht nur „World Trade Center“ bedeutet, sondern auch „world to come“.

      Der erste Satz beginnt mit einem repetierten f in der 1. Violine, das Reich gewählt hat, weil es sich anhört wie ein Telefonhörer, der nicht auf die Gabel gelegt wird, jedenfalls in den USA. Weitere Instrumente folgen, dann der erste Stimmeinsatz (NORAD): „They came from Boston – going to LA – and they’re headed South. – They’re going the wrong – they’re going the wrong way.” Weiter Musik … vorherige Textfragmente werden verhallt und gedehnt, dazu Hintergrundrauschen. – Neuer Text “no contact – no contact with the pilot – no contact with the pilot whatsoever“. Wiederum Wiederholung und Dehnung. – Die Musik bleibt während der ganzen Zeit auf dem repetitiven Rhythmus des Anfangs.

      Ein zweiter Abschnitt (1:58), Stimmen des FDNY: „Go ahead – plane just crashed – plane just crashed into the World Trade – every available – every available ambulance – the plane was aiming towards the building – Mayday! Mayday! Liberty and West, I’m trapped in the rubble – the second plane – the second plane - … Other tower just collapsed. “

      Der zweite Satz verarbeitet Stimmen von Nachbarn, die Stimme eines FDNY officer und die Stimme des Fahrers des Rettungswagens, der zuerst beim WTC ankam. Diese Stimmen wurden erst in 2010 aufgenommen. Nach und nach öffnet sich ein Abgrund von Hintergrundklängen, die aus verhallten Vokalen gebildet werden. Für mich ist das eine der eindringlichsten Stellen des Werkes. Nach einer knappen Minute beginnt wieder ein repetitiver Rhythmus. Dazu weiter die Zitate der Zeitzeugen, der Gestus ist eher berichtend. – Bei 6:06 bleibt die Musik stehen, es erscheinen nur noch kurze Melodiefragmente.

      Im dritten Satz kommt wieder ein Nachbar zu Wort, ferner eine Frau, die bei den Leichen vor deren Begräbnis Psalmen gesungen hat, dazu ein jüdischer Kantor. – Psalm 121,8 („Der Herr behüte deinen Ausgang und Eingang von nun an bis in Ewigkeit“) und ein Vers aus dem Buch Exodus (23, 28 – „Siehe, ich sende einen Engel vor dir her, der dich behüte auf dem Wege und dich bringe an den Ort, den ich bestimmt habe“) werden auf hebräisch integriert. – Die Musik besteht im Wesentlichen aus gehaltenen Klängen. Der jüdische Kantor wird stellenweise von den Instrumenten colla parte begleitet. – Gegen Ende wird der repetitive Rhythmus wieder kurz aufgenommen.

      Ein besonderer Trauergestus fehlt mMn dem Stück in weiten Teilen, es wirkt eher wie ein nüchterner Bericht. Ich vermisse Stellen, die betroffen machen. Bei “Different Trains” gab es doch manchmal Aha-Erlebnisse, ein Gefühl der Angst bei den Sirenen im zweiten Satz, Beklommenheit bei den Berichten über Deportation im dritten Satz. – Hier gibt es ähnliche Augenzeugenberichte, aber eine vergleichbare Wirkung stellt sich nicht ein. Das Stück bleibt seltsam distanziert, das im Text des letzten Satzes genannte Fenster zur Ewigkeit öffnet sich nicht. Inspiration lässt sich selbstverständlich nicht einfordern, dennoch: wollte oder konnte Reich hier keine Emotionen erzeugen?
      "Ich will keine leidenschaftslose Gehirnarbeit, sondern ein durchlebtes Kunstwerk mit einer Aussage." - Karl Amadeus Hartmann, aus seinem Artikel "Von meiner Arbeit" (1962)