Festival "Jazz à Vienne" 2013

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    • Festival "Jazz à Vienne" 2013

      Habe mich 10 Tage in Südfrankreich 'rumgetrieben und im antiken Theater von Vienne einige (erwartete und unerwartete) Highlights erlebt:

      - das phantastische Quintett des kubanischen Pianisten Roberto Fonseca;
      - Jacky Terrasson und sein Quartett, mit großartigen Gästen, vor allem Michel Portal und Cécile McLorin Salvant
      - Guillaume Perret & the Electric EPIC
      - Cécile McLorin Salvant Quartett
      - Anne Paceo mit Quintett
      - Charles Lloyd, Zakir Hussein und Eric Harland
      - Ahmad Jamal Quartett und Yusef Lateef

      Daneben auch ein paar Sachen, die nicht so toll waren, und einiges dazwischen - mehr davon (hoffentlich) in den nächsten Tagen.
      Bernd

      Fluctuat nec mergitur
    • Zum dritten Mal (nach 2009 und 2011) habe ich jetzt für eine gute Woche dieses wunderbare Jazz-Festival besucht, dessen Hauptkonzerte im knapp 2000 Jahre alten römischen Theater stattfinden - ein gemeinfreies, schönes Bild gibt es hier:

      http://www.google.de/imgres?imgurl=http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/d/de/Theatre_Vienne_%28concert%29.JPG&imgrefurl=http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Theatre_Vienne_%28concert%29.JPG&h=2000&w=3008&sz=2989&tbnid=QV7lJhMN0iJkVM:&tbnh=90&tbnw=135&zoom=1&usg=__6vGb3nb1p5GO8iiQu1ndglexP1w=&docid=evkhu98haLft1M&sa=X&ei=wgzhUcnQKoLTswa9jICQCQ&ved=0CC4Q9QEwAA&dur=562

      Die Atmosphäre (und die Akustik!) in diesem wunderbaren Theater ist einfach einzigartig, und nicht selten ist auch ihr starker Eindruck auf die auftretenden Künstler zu spüren - nicht wenige kommen ja auch immer wieder (das Festival gibt es seit 1981).

      Neben den Hauptkonzerten unzählige kostenlose Konzerte und andere Veranstaltungen sowie eine "Academie du Jazz" mit Workshops, Vorträgen und Master Classes, viel Nachwuchs, französische Szene natürlich, aber auch international bekannte Jazzgrößen, die aus irgendeinem Grund nicht im großen Theater auftreten (vor zwei Jahren konnte ich auf Empfehlung von Matthias Rudresh Mahanthappa mit Apex hören). Man kann, wenn man will und es durchhält, von 12:00 Uhr mittags bis 3:00 Uhr nachts Musik hören, ggf. auch komplett kostenlos, denn während der Hauptkonzerte organisieren viele Restaurants oder Bars in der Stadt privat Freiluftkonzerte - und auch da spielen manchmal richtig gute Leute!

      Wir hatten uns wieder das 7-Tage-Abo (für Frühbucher mit 150 € unschlagbar günstig) besorgt und sind für 10 Tage nach Vienne gefahren. Leider habe ich die kostenlosen Mitternachtskonzerte diemal kaum genutzt (man kommt in die Jahre und braucht mehr Schlaf :D ). Und zum dritten Mal habe ich Sonny Rollins verpaßt, zweimal, weil ich vorher abreisen mußte, diesmal, weil er kurzfristig krankheitsbedingt abgesagt hatte. Zum Ausgleich gab es eine unvergeßliche Begegnung mit Yusef Lateef, davon später.

      Vor Ort wurde in diesem Jahr der starke Anteil an Popmusik-nahen Acts kritisiert; allerdings gab es solche Auftritte schon von Anfang an, und sie sind auch wichtig für das Festival, denn eine mehrfaches volles Haus (~7500 Zuhörer) finanzieren die weniger gefragten und vor allem auch die freien Konzerte natürlich mit. Und manche der Pop-Stars kriegen auch offenbar mit, wo sie gerade auftreten und passen sich an: so versuchten sich an einem Jazz-nahen Programm z.B. Shaka Khan 2009 (ging furchtbar schief) und Cindy Lauper 2011 (muß toll gewesen sein), und Ben Harper machte in diesem Jahr einen (fast) reinen Blues-Abend. Für uns steht jedenfalls bereits jetzt schon fest, daß wir 2015 wieder hinfahren werden - jährlich wäre uns das aber zuviel.

      Wen's interessiert: http://www.jazzavienne.com (französischsprachige Seite, die englischsprachige Variante ist inzwischen offenbar auch halbwegs brauchbar). Termin: Beginn immer etwa ab dem letzten Juni-Wochenende, Ende spätestens am Tag vor dem 14. Juli; Programmveröffentlichung Ende März.

      Und nun zu den Konzerten ...
      Bernd

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    • Mittwoch, 3. Juli: Cuba

      Den Auftakt machte an diesem Abend der kubanische Pianist Roberto Fonseca mit seinem Quintett. Fonseca war nach dem Tod von Rubén González zeitweise Pianist des Buena Vista Social Club, mir war er bis dato völlig unbekannt. Die Band spielt modernen, sehr dichten Jazz mit hohem Improvisationsanteil, mMn durchweg auf der Basis des Son Cubano, auch wenn das nur gelegentlich deutlich zu hören ist, daneben starke afrikanische Einflüsse, repräsentiert besonders vom malischen Kora-Spieler Cherif Soumano (die anderen Musiker stammen alle aus La Habana), der dieses harfenartige Musikbogen-Instrument (http://de.wikipedia.org/wiki/Kora_%28Musikinstrument%29) elektrisch verstärkt spielt (und manchmal den Rock-Gitarristen 'raushängen läßt). Es gibt neben den üblichen jazztypischen Soli (begleitet und unbegleitet) auch Abschnitte mit etwas, was ich als geleitete Kollektivimprovisation bezeichen möchte, bei der der Bandleader allerdings deutlich den Ton angibt. Dazwischen immer wieder Anklänge an den Son, einerseits auf der rhythmischen Basis, hauptsächlich von Seiten des Bassisten Yandi Martinez kommend, andererseits auch als direktes Zitat (in einem Ibrahim Ferrer gewidmeten Stück) oder mal ganz spaßig zwischendurch. Das alles gespielt von Musikern der Extraklasse, die sich auf ihren Instrumenten wirklich vor niemand zu verstecken brauchen - zu nennen sind noch Ramsés Rodriguez am Schlagzeug und Joel Hierrezuelo an den Percussions.

      Für einen Großteil des Publikums, der für den Buena Vista Social Club gekommen war (das Theater war ziemlich gut gefüllt) sicherlich schwere Kost, aber die Intensität der Musiker riss offenbar mehr als nur die eingefleischten Jazzfans mit, etwa, als Fonseca mitten in einem längeren Solo für wenige Takte Besame mucho zitierte, das Publikum das eine halbe Minute später singend aufgriff, und die Band dann für eine Zeitlang das Publikum begleitete, bevor sie wieder in die Improvisation zurückkehrte. Ein absolut begeisterndes Konzert!

      Das Konzert beinhaltet wohl überwiegend Material von dieser 2012 erschienen CD, die ich aber noch nicht gehört habe:



      ***

      Der zweite Set des Abends gehörte dann dem Orquestra Buena Vista Social Club, zu dem von der alten Garde (aus dem Wim-Wenders-Film von 1998) noch die Sängerin Omara Portuondo, der Gitarrist und Sänger Eliades Ochoa, der Laúd-Spieler Barbarito Torres und der Trompeter Manuel "Guajiro" Mirabal gehören. Nun, das fing ein bißchen peinlich an, mit einem als Ibrahim Ferrer verkleideten jüngeren Sänger (Carlos Calunga) und jeder Menge albernem Show-Brimborium. Zum Glück änderte sich das, spätestens mit dem Auftritt Omara Portuondos, die sicht- und hörbar jetzt sehr alt ist, aber eben eine Bühnenpräsenz und Persönlichkeit hat, die immer noch mitreißt. Zum Glück versuchte Carlos Calunga nicht auch sängerisch, Ferrer zu kopieren, und so geriet das unvermeidliche Duett Dos gardenas para ti zu einem, wenn auch sehr nostalgisch-sentimentalen Höhepunkt des Konzerts. Auch Barbarito Torres spielte hervorragend, und vollends Eliades Ochoa ist noch immer auf der Höhe! Dazu eine ganz hervorragende Rhythmusgruppe (Kontrabaß und drei Perkussionisten, nicht ganz so überzeugend der Pianist). Und bei den großen Hits am Ende des Konzerts (Chan Chan, El Cuarto de Tula und Candela) kochte der Laden dann wieder wie zuvor bei Roberto Fonsecas Zugaben, und wir waren nach dem anfänglichen Schreck dann doch recht zufrieden, die kubanischen Altstars gesehen und gehört zu haben.
      Bernd

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    • Nachtrag zu Roberto Fonseca

      Die o.g. CD habe ich inzwischen gehört und bin etwas irritiert: das ist zwar z.T. Material wie beim Live-Auftritt, jedoch wurde dort wesentlich freier damit umgegangen. Das Album würde ich immerhin als "interessant" einstufen, vom Hocker haut es mich aber nicht unbedingt.
      Bernd

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    • Donnerstag, 4. Juli: French Touch

      Eins der Konzerte bei Jazz à Vienne wird traditionell gesponsort von SPEDIDAM, der französischen GEMA; daher an diesem Abend auschließlich französische Künstler.

      Den Auftakt machte in einem "set découverte" die Big Band de l'O.E.U.F., die sich aus Musikern der Region Rhône-Alpes zusammensetzt. Ich fand das (selbst komponierte?) Material ein bißchen übertrieben kompliziert, immerhin so sehr, daß die Band in den ersten zwei Stücken selbst Schwierigkeiten mit der Bewältigung zu haben schien ;+) . Vielleicht wollte man in die zur Verfügung stehende halbe Stunde auch zuviel hineinpacken. Immerhin eine Reihe sehr gelungener Soli und in der letzten Nummer auch ein Abschnitt, der nach (gelungener) Kollektivimprovisation klang.

      ***

      Danach schritt Jacky Terrasson die Wege vom Mainstream zum neuen Jazz unserer Tage ab. Hochspannendes Klavierspiel auf allen Ebenen, vor allem auch als exzellenter Begleiter im Dialog mit den Gastsolisten, besonders Michel Portal an Sopransaxophon und Baßklarinette und der Sängerin Cécile McLorant Salvant, in diesem Jahr des Festivals "artist in residence". Hinzu kommen der Trompeter Stéphane Belmondo (den ich schon auffälliger habe spielen hören) und die hochsensible Rhythmusgruppe mit Burniss Travis (Bass), Justin Faulkner (Schlagzeug) und Minino Garay (Percussion). Höhepunkte des Sets: eine knapp 10minütige Bassklarinetten-Zerlegung von Michel Portal (sowas hab' ich von dem noch nicht gehört!) und eine hocherotische und gleichzeitig höchst witzige Version von Erik Saties Je te veux durch die wunderbare Cécile McLorant Salvant, dessen Wendungen der Pianist in einem Crossover zwischen französischem Chanson und modernem Jazz immer wieder aufgriff. Für mich eine tolle Neuentdeckung (ich kannte Terrasson bisher nur dem Namen nach).

      Das dazu gehörende Album kann ich nur wärmstens empfehlen:



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      Den Abschlußset des Abends bildete ein kunstübergreifendes Projekt mit dem Titel "L’Œil de l'Éléphant". Dabei handelt es sich zunächst um eine Reihe von Schwarz-Weiß-Fotoserien des vor allem durch seine Dokumentationen von Jazzmusikern bekannt gewordenen französischen Fotografen Guy Le Querrec, die vom Musikerquartett Louis Sclavis (Saxophon, Klarinette), Michel Portal (Saxophon, Akkordeon), Henri Texier (Bass) und Christophe Marguet (Schlagzeug) begleitet wurden. Dabei handelte es sich um mE recht weitgehend auskomponierte Stücke, mit den jazztypischen improvisierten Soli auf die Länge der jeweiligen Fotopräsentation gebracht, die jeweils unter einem bilderübergreifenen Titel (z.B. "Küsse", "Schatten") standen.

      Mir war das alles in allem zu viel: zu viel vor allem an der Menge der gezeigten Bilder, gerade weil es so ausdrucksstarke Fotografien waren; ich kam kaum mit dem Betrachten nach. Die Musik (recht typisch für Sclavis/Portal, mit starkem französisch-traditionellem Einschlag) trat demgegenüber stark in den Hintergrund, für mich eindeutig zu stark! Vor allem den Soli von Louis Sclavis (Portal spielte überwiegend Akkordeon in begleitender Funktion) hätte ich gerne aufmerksamer zugehört. Trotzdem ein interessantes Experiment, zumal unter den Umständen und in der Atmosphäre des Théâtre antique.
      Bernd

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    • Freitag, 5. Juli

      So ein Abend im antiken Theater von Vienne hat für uns eine ganz eigene Vorab-Dramaturgie: als Abonnent hat man Einlaß zwei Stunden vor Konzertbeginn (das gemeine Abendkassen-Fußvolk erst eine Viertelstunde später), aber man will ja gerne seine Lieblingsplätze haben, in unserem Fall ausreichend weit oben, um beim Pique-Nique das (fast) allabendliche Schauspiel des Sonnenuntergangs über den Hügeln über der Rhône miterleben zu können, und an einer der speziellen Stellen, wo man später die Füße des Hintermannes voraussichtlich nicht im Rücken haben wird :D .

      An diesem Abend wird man bereits kurz nach Einlaß von den freundlichen, ehrenamtlichen Ordnern gebeten, doch etwas mehr zusammenzurücken, nein bitte, noch etwas mehr!, denn es wird sehr voll werden heute abend! Von Ben Harper hatte ich zuvor noch nie gehört, ich krieg' aber von aktuellen Pop-Größen auch nur selten was mit - Harper jedenfalls ist offenbar außerordentlich populär, zumindest in Frankreich; so extrem voll habe ich das Théâtre antique bisher nicht erlebt!

      ***

      Den Auftakt des Abends machen als "Set découverte" Guillaume Perret & the Electric EPIC, ein Quartett aus dem Bandleader am Tenorsaxophon, Jim Grandcamp (E-Gitarre), Philippe Buissonnet (E-Bass) und Yoann Serra (Schlagzeug). Die vier spielen sehr rock-orientierte Musik, mich erinnern sie zum einen an King Crimson (Earthbound-Besetzung) und andere improvisationslastige Rockbands der 70er Jahre, zum anderen an die Deutschrocker von Kraan, nicht zuletzt aufgrund des elektrisch verstärkten Saxophons und der starken Nutzung arabischer Skalen. Daneben höre ich ein bißchen Post-Punk und gelegentlich etwas Napalm Death (oder so), das sind aber alles nur Annäherungen: die Band hat einen sehr eigenen und für meine Begriffe sehr unkonventionellen Stil. Auch der starke Anteil an kollektiver Improvisation gefällt mir ausgesprochen gut. Einen kleinen Einblick gibt die EP Shoe-Box (Bild will nicht); die Voll-CD habe ich noch nicht hören können:



      Starke Band!

      ***

      Kennt jemand den 2013 mit dem Oscar für den besten Dokumentarfilm ausgezeichneten Film "Searching for Sugar Man"? Ich zitiere Wikipedia:

      Wikipedia schrieb:

      Der Film zeigt die Suche der beiden Südafrikaner Stephen „Sugar“ Segerman und Craig Bartholomew Strydom nach dem amerikanischen Musiker Sixto Rodriguez. Dieser hatte 1970 und 1971 zwei Platten veröffentlicht, die in den Vereinigten Staaten völlig erfolglos waren, in den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts in Südafrika aber außerordentlich populär wurden.

      Aufgrund der damaligen Apartheid-Politik war das Land international isoliert, so dass es nicht möglich war, Informationen über den Künstler zu bekommen. Infolgedessen kam es mit der Zeit zu Legendenbildungen, so zum Beispiel, dass dieser sich auf offener Bühne erschossen habe. Rodriguez selbst erfuhr nichts von seinem Ruhm und seinem Erfolg, da die Plattenfirma, die ihren Vertrag 1971 mit ihm gekündigt hatte, ihm dies verschwieg.
      Dieser Rodriguez tourt nun also wieder und war mit seiner Begleitband an diesem Abend, kurz vor seinem 71. Geburtstag, in Vienne zu hören. Sehr überzeugend ist das nicht; da ist einer buchstäblich "zu spät gekommen". Erst im letzten Song kommt was davon 'rüber, daß da wohl mal was gewesen ist, ein Sänger, der ein Publikum einzunehmen weiß. Es war zu hören, daß dieser Set der erste auf der Tournee war, den Rodriguez bis zum Ende durchgestanden hat. Ein etwas skurriler Auftritt!

      ***

      Ben Harper hat kürzlich gemeinsam mit Charlie Musselwhite eine Blues-Platte aufgenommen; das ist die Musik, die die Beiden hier beim Jazz-Festival präsentieren und mit der sie auch durchaus zu überzeugen wissen. Harper kommt zwar für meinen Geschmack etwas zu sehr mit der Attitüde eines Pop-Stars 'rüber, aber er spielt recht ordentlich die (von ihm überwiegend benutzte) Lap-Steel-Gitarre und ist als Blues-Sänger auch ganz brauchbar. Charlie Musselwhite stellt ihn in dieser Hinsicht, trotz leicht brüchiger Stimme, locker in den Schatten, als Solist ist er auf der Mundharmonika ohnehin der Mann des Abends. Ordentliche Begleitband, wer allerdings dem Bassisten erlaubt hat, in zwei Stücken Klavier zu spielen, würde ich mal gerne wissen; Harper spielt Ersatz-Bass auf der Lap Steel und kommt gehörig ins Schleudern.

      Das genannte Album dürfte für Blues-Fans oder Freunden blueslastiger Rockmusik durchaus interessant sein, mir gefällt es recht gut:



      Das reguläre Programm beendet die Band mit Led Zeppelins When the Levee Breaks; danach wünscht man sich, daß Musselwhite doch damals bei LedZep mitgespielt hätte - und daß Harper nicht versucht hätte, in Robert-Plant'sche Höhen abzuheben :faint: : Das begeisterte Publikum erklatscht sich einen Zugabenblock mit drei Stücken, mehr gab's nicht (es reichte dann auch ...).
      Bernd

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    • Samstag, 6. Juli: Blues

      Die traditionelle Bluesnacht beginnt mit Gitarrenlegende Johnny Winter. Um es kurz zu machen: von der Legende ist in der Wirklichkeit nichts übrig geblieben. Und für den traurigen Auftritt sorgen weniger Alter, Krankheit und Behinderung (er spielt im Sitzen und wird am Ende hinaus gerollt) als, daß Winter das offenbar nicht recht wahrhaben will. Er versucht immer noch, den Schnellfinger-Johnny zu geben; dabei hält die Bühnenkamera gnadenlos auf Finger, die nur noch bedingt gehorchen wollen (der linke Mittelfinger scheint nur noch eingeschränkt beweglich zu sein) und das Mikrofon überträgt eine völlig kaputte Stimme. Ich gebe zu, daß ich auch früher kein sonderlicher Fan seines Hau-Drauf-Stiles war, aber ein spürbar gealterter Rocker könnte immerhin versuchen, sich auf die verbliebenen Mittel zu beschränken, etwa zu konstatieren, daß vieles nicht mehr geht, aber ein paar gute licks immer noch drin sind; dafür hätte er allerdings auch eine etwas sensiblere Begleitband gebraucht.

      Freundlicher Beifall immerhin, aber das Publikum war merklich froh, daß anschließend Shemekia Copeland für bessere Stimmung sorgte. Die Tochter des 1997 verstorbenen Bluesgitarristen Johnny Copeland begann mit einer großartigen Nummer in klassischer Bluestradition (Dirty Water), ging danach allerdings mehr zu R&B-betonter Popmusik über. Nicht so mein Fall, aber immerhin alles klasse und mit Begeisterung gespielt, die sich auch auf das Publikum übertrug. Copeland kann mit einer recht mächtigen Stimme aufwarten, die sie allerdings gerne bis in Regionen hinein strapaziert, wo sie an ihre Grenzen kommt - ein übliches Stilmittel des Genre, das sie aber zu oft benutzt und überstrapaziert.

      Den Schluß-Set bestritt mit seiner Band Robert Cray, ehemaliger Weggefährte von Musikern wie Johnny Copeland oder Albert Collins (mit dem er stilistisch manches gemeinsam hat), der allerdings ein stark Soul-betontes Programm ablieferte. Cray spielt wunderbar zurückhaltend Gitarre und außerordentlich perfekt, ebenso seine Band - aber so kann man das sicher ebenso gut von CD hören: live vor Ort ließ einen das einfach ziemlich kalt.

      Insgesamt ein etwas unbefriedigender Abend für mich!
      Bernd

      Fluctuat nec mergitur
    • Montag, 8. Juli

      Den traditionellen Gospelabend am Sonntag sowie die Funk-Nacht am Montag haben wir ausgelassen wie (leider) auch fast alle Mitternachtskonzerte. Die Ausnahme machte in der Nacht zum Dienstag im schnuckeligen Stadttheater von Vienne das Quintett der Schlagzeugerin Anne Paceo, die ich an gleicher Stelle vor vier Jahren mit ihrem Trio "Triphase" kennengelernt hatte (s. hier) und von dessen intensivem Zusammenspiel ich damals restlos begeistert war. Auch im Quintett sind die Spielfreude und die dichte Interaktion der Musiker ständig zu spüren, ebenso, wie die Bandleaderin das Ganze leitet und zusammenhält - und was für einen Spaß sie daran hat!

      Die Band spielte Material aus ihrer CD Yôkaï, ausschließlich Kompositionen von Anne Paceo selbst. Die Musik ist relativ stark auskomponiert, läßt aber Freiräume für klassische Soli einerseits und eine Art von kollektiver Improvisation innerhalb der Komposition (ich weiß das nicht besser auszudrücken) andererseits. Viele Stücke des Albums sind, wie Anne erzählt (soweit mein mieses französisch mich sie verstehen ließ), von den Eindrücken einer Tournee durch Birma inspiriert, unter anderem das von ihr gesungene Stück Smile (gelang ihr live erheblich besser als auf der Platte). Anne Paceos Begleiter sind: der auch bei Triphase mitspielende Pianist Leonardo Montana, im Quintett etwas zurückhaltender, aber den Sound dort wie hier wesentlich mitbestimmend und auch Motor des Kollektivspiels; der noch sehr junge und ganz ausgezeichnete Antonin-Tri Hoang an Altsaxophon :juhu: und Baßklarinette; der Bassist Stephane Kerecki und der E-Gitarrist Pierre Perchaud, als einziger vom Kollektiv ein wenig abseits stehend. Paceo selbst spielt Schlagzeug mit einigem Understatement, tritt selten solistisch hervor (nie als unbegleitete Solistin!); ich halte sie für eine ganz außerordentlich gute Schlagzeugerin!

      Die beiden Triphase-Cds empfand ich als (relativ!) enttäuschend, da sie die Intensität des live erlebten Zusammenspiels der Musiker nur bedingt wiedergeben; das neue Album ist diesbezüglich besser gelungen und mMn sehr empfehlenswert:

      Bernd

      Fluctuat nec mergitur
    • Nochmal: Roberto Fonseca

      Das komplette Konzert des kubanischen Pianisten vom 3. Juli ist auf ARTE LiveWeb zu sehen und zu hören: http://liveweb.arte.tv/de/video/Jazz_a_Vienne_Roberto_Fonseca/

      Und ich hab' doch glatt den Gitarristen (ausgerechnet!) der Band unterschlagen: Jorge Chicoy.
      Bernd

      Fluctuat nec mergitur
    • Dienstag, 9. Juli

      Ein weit gespanntes Programm erwartete das Publikum in Vienne an diesem Abend. Die erste halbe Stunde bestritt Cécile Mc Lorin Salvant mit ihrem Quartett. Dabei folgt sie zunächst einem sehr üblichen Schema für Vokalsolisten im Jazz, nur daß hier eher unbekannte Songs zum Einsatz kommen als die allseits bekannten Standards. Sie Sängerin selbst verzichtet dabei auf Improvisation im üblichen Sinn (also Scat) und geht das Material improvisatorisch auf andere Weise an: sie dehnt den Text über Melodie und chords hinaus bzw. zieht in zusammen. Neu ist das eigentlich nicht, z.B. hat Billie Holiday das schon sehr früh gemacht, allerdings nicht in dem Ausmaß, in dem McLorin Salvant das versucht: da kann das soweit gehen, daß die Band dabei mit Tempowechseln darauf einsteigt. Die Stimme der als Kind französisch-haitianischer Eltern in Miami aufgewachsenen Sängerin ist von ziemlicher Resonanz und Durchschlagskraft; sie kann sie aber auch sehr weit zurücknehmen und verfügt über recht unterschiedliche Klangfarben. Die Stimme geht über geschätzt 3 bis 3½ Oktaven; am obersten Ende wird sie etwas eng, ganz unten ein bißchen guttural - aber das kann man im Jazz natürlich stilistisch nutzen, wenn man darum weiß. Den Eindruck allerdings macht sie allemal: sie weiß mit ihrer Stimme zu spielen!

      Ihr Pianist, Aaron Dielh, unterstützt den etwas aufgerauhten, nicht ganz geradlinigen Interpretationsstil der Sängerin hervorragend; auch er gerne rhythmisch und harmonisch in Grenzbereiche des konventionellen Materials vorstoßend. Ausgezeichnete Rhythmusgruppe mit Paul Silkvie am Bass und Rodney Green am Schlagzeug. Die Band verabschiedete sich mit einer herrlich schrägen Version von What a Little Moonlight Can Do, gleichzeitig Hommage an die offenbar besonders bewunderte Billie Holiday.

      Dieser Titel ist leider der einzige auf der eben erschienenen CD von Cécile Mc Lorin Salvant, in dem das genannte Konzept auch im Studio realisiert wurde; der Rest der Platte ist nett, aber zu konventionell geraten.



      ***

      Im zweiten Teil waren Charles Lloyd (Tenorsax, Flöte, Tarogato), Zakir Hussain (Tablas, Gesang) und Eric Harland (Schlagzeug) zu hören, die in dieser Besetzung vor einigen Jahren ein Projekt namens Sangam bestritten haben (dazu gibt es auch eine Plattenveröffentlichung). Schon die ungewöhnliche Besetzung legt nahe, daß man hier vom Mainstream-Jazz recht weit entfernt ist. Die Stücke sind natürlich stark von den Schlaginstrumenten dominiert, daneben gibt es auch Nummern, in denen der Bläser im Vordergrund steht und die Schlagzeuger nur sehr dezent begleiten, auch nicht unbedingt in durchgehendem Rhythmus. Auch benutzt Hussain die Tablas für melodisch-perkussive Riffs, gleichsam gelegentlich als zweites Melodieinstrument fungierend. Lloyd und Harland spielen auch gelegentlich das (präparierte) Klavier. Zakir Hussains Tablaspiel ist phänomenal - ich glaube, er hatte drei Paar Tablas unterschiedlicher Größen sowie einiges an Percussioninstrumenten im Einsatz, die er nicht nur mit unglaublicher Geschwindigkeit, sondern vor allem mit einer immensen Klangvielfalt bearbeitete. Beeindruckend auch, wie er sich mir Eric Harland duettierend "die Bälle zuwarf". Harland ist ein Drummer der tendenziell eher zurückhaltenden Art, aber auch zu virtuosen Ausbrüchen fähig. Charles Lloyd kann auf allen Instrumenten überzeugen, sein Flötenspiel hat denn aber doch etwas Durchsetzungsschwierigkeiten in dieser Besetzung. Leider hat er das Tarogato (ein aus der ungarischen Volksmusik stammendes Klarinetteninstrument, das in die Oktav überbläst und daher eher mit dem Sopransaxophon verwandt ist) nur in einem Stück gespielt; der etwas nasale, durchdringende Klang dieses Instrumentes gefiel mir im Zusammenspiel mit den Percussions außerordentlich gut. Euphorischer Beifall natürlich für Hussains Tabla-Soloausflug, aber auch für die Band insgesamt, die dann auch eine umfangreiche Zugabe spielte.

      ***

      Star des Abends war Dee Dee Brigewater, die derzeit zusammen mit dem Ramsey Lewis Quintett auf Tour ist. Ihr Programm begann mit "On Broadway", dem 1963er Hit der Drifters, und die Sängerin stellte dann auch den Set unter das Motto "Funk". Schon nach der zweiten Nummer verließ sie die Bühne und überließ sie für eine halbe Stunde Ramsey Lewis und seiner Band. Der (mir bis dato unbekannte) Pianist verließ das ausgegebene Motto gleich wieder und versuchte sich an einer Art Modern Jazz der 60er Jahre - ehrlich gesagt, hat mich das in keiner Weise überzeugt! Spätestens als der (am E-Bass durchaus überzeugende) Bassist dann an den Kontrabaß wechselte und sowohl gezupft als vor allem gestrichen erhebliche Intonationsprobleme offenbarte, war meine Geduld auch mit Ramseys Monk-nachäffendem Geklimper zu Ende, und ich war froh, als Dee Dee Brigewater auf die Bühne zurückkehrte, diesmal ihren Standardpianisten Edsel Gomez mitbringend, dem es weit besser gelang, die Band zum Swingen (oder eher: zum Grooven) zu bringen. Dee Dee Brigewaters Attitüde der Jazz-Diva einerseits und der ewigen Jugendlichkeit andererseits (sie absolvierte ein nettes Fitness-Programm) nervte allerdings etwas. Ganz am Ende, Ramsey Lewis war wieder ans Klavier gewechselt, dann auch von ihrer Seite eine Hommage an Billie Holiday: in einer - zwar ziemlich konventionellen - Version von Billies "God Bless the Child" zeigte die Sängerin, wozu sie in der Lage ist; und endlich war auch wunderschönes Jazz-Piano von Ramsey Lewis zu hören.
      Bernd

      Fluctuat nec mergitur
    • Mittwoch 10. Juli

      Für den Bericht zu diesem Abend muß ich kurz etwas ausholen: vor zwei Jahren sah und hörte ich an derselben Stelle ein aufwühlendes Konzert der japanischen Pianistin Hiromi Uehara mit ihren Begleitern Anthony Jackson am Bass und Steve Smith an den Drums. Wir waren hin und weg, das Publikum tobte und wollte die quirlige Pianistin gar nicht von der Bühne lassen. Was konnte nach diesem phänomenalen Set im ersten Teil des Abends noch kommen? Wer konnte die irrsinnigen Läufe, die enorme Präzision, den Spielwitz und Abwechslungsreichtum, das wunderbar intensive Zusammenspiel in der Band noch übertreffen?

      Es kam Ahmad Jamal.

      Was Hiromi unglaublich gut konnte, war irre viele Töne perfekt zu spielen. Was Ahmad Jamal unglaublich gut kann, ist unnötige Töne wegzulassen. Mehr noch: er kann aus weggelassenen Tönen Musik entstehen lassen, nicht gespieltes für ein Stück essentiell machen, Spannung und Erwartungen aufbauen, das Spiel seinen Begleitern überlassen, es wieder übernehmen, um erneut Erwartetes oder Erhofftes wegzulassen, oder später, oder anders zu spielen; und den Zuhörer, der sich an seinen Stil gewöhnt hat, doch immer wieder neu zu überraschen. Dabei ist das alles keine Hexerei: der Bandleader, übrigens mit dem Rücken zu seinen Mitmusikern spielend, gibt Einsätze, zeigt Soli an, die Stücke sind durchaus oft von konventioneller Struktur, es sind Standards dabei (sogar ganz "billige" wie Blue Moon, es brauchte allerdings etwas, bis man es erkannte :D ), es gibt "komponierte" bzw. abgesprochene Riffs und Breaks. Und doch gibt es immer wieder eine Wendung, die einem neu vorkommt, obwohl sie doch im letzten Stück so oder so ähnlich auch schon vorgekommen war ... Irgendwie ist es wohl doch Hexerei.

      Ahmad Jamal kam als Ersatz für den kurzfristig erkrankten Sonny Rollins, seine Begleiter waren Reginald Veal am Bass, Herlin Riley am Schlagzeug und Manolo Badrena an den Percussions. Der mittlerweile Dreiundachtzigjährige war in diesem Jahr ein bißchen weniger sparsam als vor zwei Jahren und ließ auch schon mal etwas mehr durchscheinen, daß er ein exzellenter Techniker auf dem Klavier ist, wenn er auch längere virtuose Soli eher seinen Mitspielern, vor allem Riley und Veal, überläßt. Dabei strahlt er eine enorme Ruhe und Gelassenheit, gleichzeitig aber auch eine mitunter fast ausgelassene Spielfreude, auch beim Weglassen von Tönen, aus. Gerne steht er auch vom Klavier auf und lauscht seiner Band beim Zusammenspiel und sieht ihr zu, dabei keineswegs den Anschein erweckend, er spiele mal gerade nicht mit; so verhalten sich auch seine Mitmusiker nicht, die ständig auf ihren Bandleader wie auch aufeinander achten: das improvisatorische Zusammenspiel der Band ist eine Klasse für sich und es ist schon ein Hochgenuß, ihnen live dabei zusehen zu können.

      Jamals aktuelle CD mit gleicher Besetzung und Programm:


      Ein offizielles Video mit einem Ausschnitt vom Konzert in Vienne vor zwei Jahren findet sich unter
      http://www.dailymotion.com/video/xmd0cl_ahmad-jamal-jazz-a-vienne-2011-official_music#.Ue7Z1-GXVTA

      Nach gut 45 Minuten machte die Band Platz für ihren Gast, und die Bühne betrat Yusef Lateef. 60 Jahre dauert die professionelle Karriere des jetzt 92jährigen Multi-Instrumentalisten schon an, und ein bißchen scheint er auch schon über den Dingen zu stehen. Ganz langsam geht er zu seinem Platz vorne in der Bühnenmitte, aus dem bereitliegenden Instrumentarium greift er sich die kleinste Flöte, kaum zu hören ist sie zunächst - das Publikum ist noch unruhig ob des frühen Abgangs von Ahmad Jamal und war womöglich in Angst, das könne es schon gewesen sein. Aber sehr schnell überträgt sich die Ruhe des alten Mannes ins Rund des Theaters, und man hört Yusef Lateefs kleinen musikalischen Erzählungen zu. Er wechselt zu einer Kinder-Plasikflöte (?), später zum Saxophon. Unterdessen tauchen auch die anderen Musiker langsam wieder auf und steigen mit ebensolcher Ruhe auf die Klänge Lateefs ein. Auch jetzt wieder ist die Bereitschaft zum Zuhören unter den Musikern geradezu fühlbar, nur diesmal geht es ganz und gar um die musikalische Unterstützung Lateefs - Jamal und seine Musiker hängen ihm buchstäblich an den Lippen. Manches klappt nicht mehr so gut bei dem Zweiundneunzigjährigen, insbesondere mit dem Doppelrohrblatt hat er Probleme; das ficht ihn aber nicht sonderlich an: da wird die Oboe nach kurzer Zeit ganz ruhig eben wieder beiseitegelegt, die Versuche, mit einem Doppelrohrblatt die Öffnung einer Naturflöte zu bespielen, wieder eingestellt. Als er dann zur Querflöte greift, geschieht ein kleines Wunder: einen solch zauberhaften Flötenton habe ich zuvor noch nicht vernommen, im Publikum ist es ganz still geworden. Was für eine Musikerpersönlichkeit!

      Eine gute halbe Stunde, vielleicht 40 Minuten dauert Lateefs leiser Auftritt mit Ahmad Jamal und seiner Band. Danach verrauscht der Applaus leider rasch, da just in diesem Moment das sich schon zuvor abzeichnende Gewitter losbricht und alles hektisch nach Regenzeug grabbelt oder in die Katakomben des Théâtre antique enteilt. Trotz dieses etwas unschönen Abschlusses war dieses Konzert für uns der eindeutige Höhepunkt des diesjährigen Festival-Besuchs!

      ***

      Danach hatten Chucho Valdez and the Afro Cuban Messengers es doch recht schwer. Zunächst wollte die afro-kubanische Rhythmusmaschine nicht so recht zünden. Das lag nicht zuletzt am selbstverliebten Spiel des Bandleaders, der mich immer wieder an die sprichwörtlich gewordenen südamerikanischen Fußballstars erinnerte, die mit dem Ball zweimal übers ganze Feld dribbeln, aber das Tor nicht finden können ;+) - ein stärkerer Kontrast zu Ahamd Jamal ist kaum denkbar. Erst als Valdez für ein Stück die leading position an den Batá-Spieler und Sänger Dreiser Durruthy übergab, nahm die Sache Form an: hier wurden, dem Namen der Band entsprechend, die afrikanischen Wurzeln der kubanischen Musik aufgesucht. Vollends kam Stimmung auf, als Gastsängerin Concha Buika für 3 Stücke mit einstieg. Ihr Gesang ist stark vom Flamenco beeinflußt (aus Äquatorialguinea stammend, wuchs sie unter spanischen Roma auf), was mit der afrokubanischen Musik Valdez' eine interessante Mischung eingeht. Der Titel aus dem Great American Songbook (ich komm' nicht mehr drauf, was es war) gelang ihr weniger gut. Für den Rest des Konzertes hielt Chucho Valdez seine pianistische Geschwätzigkeit halbwegs im Zaum, zeigte im Gegenteil, daß er ein ausgezeichneter Pianist ist, und es gab auch noch schöne Soli der übrigen Band, erneut vom hervorragenden Dreiser Durruthy sowie von Reinaldo Melián (Trompete), Gastón Joya (Bass), Rodney Barreto (Schlagzeug) und Yaroldy Abreu (Congas).
      Bernd

      Fluctuat nec mergitur
    • Donnerstag, 11. Juli

      Den undankbaren Job, den Opener für den Blockbuster des Festivals zu machen, hatte an diesem Abend der französische Sänger und Gitarrist Olivier Gotti. Gotti singt, spielt Lap Steel Guitar und stampft Stompin' Bass dazu, Blues und bluesnahe Popmusik. Er mag angesichts des voll besetzten Runds ein wenig nervös gewesen sein: ab und zu hält er mit dem Fuß nicht das Tempo, auch die Stimme rutscht ihm gelegentlich ein bißchen weg. Ansonsten gefällt das nicht nur mir sehr gut, und mit der Slidegitarre kann er wirklich umgehen! Aber muß es wirklich eine bluesartige Version von "Billie Jean" geben? Schon nach einer guten halben Stunde muß Gotti das Feld wieder räumen, darf trotz des Unmuts des Publikums keine Zugabe geben. Offenbar will Carlos Santana früh ins Bett ...

      Santana zehrt vom Ruhm vergangener Tage. Gut die Hälfte des Programms bestritt die Band mit Material ihrer ersten drei Alben von 1970 bis 1972, der Rest aus den späten 70ern und neuer. Keine Spur davon, daß es da mal drei stark am Jazz orientierte Alben gab. Stattdessen läßt Santana Filmchen von sich selbst beim Woodstock-Festival einspielen, erzählt was davon, daß er "african music" mache (zu "Jingo" laufen pittoreske Filme von afrikanischen Tänzern in der Savanne) und nudelt den wohl unvermeidlichen "Samba pa ti" herunter. Dazu nerven zwei singende Publikumsanheizer. Gelegentlich kommt die Sache mal ein bißchen in Schwung, bei "Jingo", "Soul Sacrifice") und als die beiden Bläser mal ein bißchen Soli spielen dürfen - aber das meiste ist doch: ziemlich billig! OK, ich sollte nicht unfair sein: ich war offensichtlich im falschen Konzert (und hätte es wohl wissen sollen).

      ***

      Ein nicht ganz adäquater Abschluß für einen insgesamt aber erneut sehr positiven Festivalbesuch. Wir hätten einen Tag länger bleiben sollen, denn da haben wir wohl was verpasst! Ich zitiere (mit seiner Erlaubnis) unseren in der Nähe lebenden Freund zum Freitags-Konzert unter dem Titel "New Generation":

      Soll ich jetzt von der gestrigen Jazz-Nacht berichten?
      Es war eine dieser magischen Nächte von Vienne und es ist wirklich schade, dass Ihr sie verpasst habt. Als ich ins Theater kam, wollte ich kaum meinen Augen glauben, denn es war rappelvoll. So etwa 'Ben-Harper-rappelvoll', allerdings mit einem begeisterten Jazz-Publikum aus allen Altersgruppen. Und es blieb voll, bis weit nach 1 Uhr, erst nach dem 4ten Zugabenblock von Avishai Cohen setzten Abwanderungsbewegungen ein und nach dem 5ten Zugabenblock, in dem nur noch spontan improvisiert und gejammt wurde, war dann auch Schluss - gegen 1:20 Uhr.

      Ein toller Erfolg für den neuen Festival Direktor. Unter Boutellier hätte ein solcher Abend mit weniger bekannten aber dafür absolut genialen Musikern und teilweise schwieriger Musik nicht ins Programm der Hauptbühne gefunden.

      Es ist schwierig von Höhepunkten zu sprechen, denn der ganze Abend war ein einziger Höhepunkt.

      Die Koreanerin Youn Sun Nah, begleitet von Ulf Wakenius an der akustischen Gitarre, sowie zwei jungen französischen Musikern (Bass und Akkordeon) war überragend gut. Eine fantastische und vielseitige Stimme, die so ziemlich alle Register von laut bis leise, hoch und tief, klar und rauchig draufhatte. Die Frau hat sich so ziemlich alles getraut, was man auf einer Bühne wagen kann und war in Ihren leisen schüchternen Ansagen in perfektem Französisch extrem charmant. Sie hat perfekt mit dem Publikum gespielt und demzufolge gab es fast nach jedem zweiten Stück langanhaltende Standing Ovations.

      Angefangen hat es mit einer herzzerreißend schönen, kaum hörbar und nur von Jan Wakenius sehr leise begleiteten Version von Nine-Inch-Nails "Hurt" und am Ende gab es eine gut zerlegte Version von "Gost Riders in the Sky". Dazwischen alle möglichen Eigenkompositionen, u. a. von Jan Wakenius, der mit genialen Akustikgitarren-Soli begeisterte - dazu steuerte Nah an einer Stelle in Ahmad-Jamal-Manier einzelne gesungene und perfekt platzierte Noten bei. Eine Strophe von Tom Waits' "Jockey full of Bourbon" sang sie mit zugehaltener Nase... Jedes Stück war irgendwie ein akustisches Abenteuer.

      Avishai Cohen war ebenso überragend, das Beste und Vielseitigste, was ich zuletzt in punkto Bass gehört habe. Begleitet wurde er von zwei extrem jungen, aber hoch talentierten israelischen Musikern an Piano und Schlagzeug. Dazu dann noch ein sehr guter Saxophonist. An einigen Stellen klangen sie wie das Keith-Jarrett-Trio mit den zusätzlichen Optionen durch den Saxophonisten und ohne das strenge Gehabe von Keith Jarrett. Aber sie variierten auch ständig - ab und zu wurde geswingt oder auch mal in Freejazz-Einlagen abgedriftet. Ein wirklich spannendes Konzert, das eben dazu führte, dass das Publikum lange blieb und nicht aufhörte, nach Zugaben zu verlangen. Und man konnte richtig sehen wie Avishai Cohen und seine Musiker diese einmalige Atmosphäre und Stimmung aufsogen und sich davon mittragen liessen. In einem Zugabenblock spielte Avishai solo und sang, u.a. das für mich beste kubanische Stück dieses Festivals.

      José James zu Beginn des Abends war nicht ganz so herausragend in Punkto Musikqualität, war aber recht ordentlicher Pop mit einigen Rap Einlagen und hat gut für Stimmung gesorgt.

      Youn Sun Nahs Konzert gibt es auch auf Arte LiveWeb:

      http://liveweb.arte.tv/de/video/Jazz_a_Vienne_Youn_Sun_Nah/

      Im Herbst kommt sie nach Deutschland, ich hoffe, ich schaffe es zu ihrem Kölner Konzert am 3. November im Stadtgarten!

      ***

      Unser Fazit erneut: Jedes Jahr tun wir uns da nicht an, zu weit, zu anstrengend, zu viel - aber für 2015 planen wir fest den nächsten Besuch bei Jazz à Vienne.
      Bernd

      Fluctuat nec mergitur
    • Du nimmst mir das Wort aus dem Munde. Auch ich, der ich diese spannenden und detailreichen Konzertschilderungen in der letzten Zeit regelmäßig mitverfolgt habe, möchte Dir, lieber Quasimodo, meinen allergrößten Respekt und Dank für Deine viele Arbeit an diesem Thread aussprechen. Supergut!
      Manche Menschen wollen glänzen, obwohl sie keinen Schimmer haben.
      (Heinz Erhardt)