Franz Schubert: Klaviersonate C-Dur D840 "Reliquie"

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    • Franz Schubert: Klaviersonate C-Dur D840 "Reliquie"

      Schuberts Klaviersonate C-Dur D840 ist unter dem Namen Reliquie bekannt. Dieser Name wurde ihr von ihrem ersten Verleger, Whistling in Leipzig, 1861 vergeben. Aus Marketinggründen behauptete er nämlich, daß sie die letzte Sonate des Komponisten sei und betitelte seine Ausgabe: „Reliquie. Letzte Sonate (unvollendet) für das Pianoforte von Franz Schubert“, wobei er die Annahme nahelegte, der Tod hätte Schubert die Feder aus der Hand gerissen. Obwohl jetzt bekannt ist, daß die Sonate drei Jahre vor Schuberts Tod komponiert wurde und daß sie von sechs glücklicherweise vollendeten Sonaten befolgt wurde - Schubert selbst hat das Manuskript mit "Aprill 1825" datiert - ist der Name geblieben. Nicht ohne Grund allerdings, denn es handelt sich wohl um das berühmteste unter den unvollendeten Werken Schuberts, die h-moll Symphonie selbstverständlich ausgenommen.

      Die Änhlichkeiten im Umfang und in gewisser Hinsicht im Grundton zwischen beiden Werken sollten allerdings nicht die Tatsache vergessen lassen, daß es sich um zwei grundverschiedene Problemfälle handelt. Schubert selber war sich sehr wohl des Status und des Wertes seines symphonischen Fragmentes bewußt, als er die zwei vollendeten Sätze Hüttenbrenner in Graz schenkte und die Skizzen von drei Sätzen in seiner Schublade bewahrte, um sie nie wieder daraus zu holen. Erst nach drei weiteren Jahren, in welchen er sich hauptsächlich mit Kammermusik befaßte, setzte er sich an, eine weitere Symphonie, die Große C-Dur, zu unternehmen, eine Symphonie, in welcher keine Spur des unvollendeten Werkes zu finden ist.

      Das Manuskript der Reliquie , das man teilweise bei "schubert-online.at" sehen kann, erzählt eine andere Geschichte. Es beginnt wie eine wohl kalligraphierte Reinschrift, bald aber wird es zum Kompositionsmanuskript mit Änderungen, Streichungen, Überdenken usw … Schubert schreibt die zwei ersten Sätze ganz, fängt ein Minuetto an und hört nach 80 Takten auf. Eine gewisse Zeit später kehrt er zum Manuskript mit einer neuen Feder zurück, schreibt etc etc …nach den bereits notierten 80 Takten des Menuetts, fügt ein vollständiges Trio hinzu und unternimmt den vierten Satz, den er Rondo überschreibt. Im Laufe des Kompositionsprozesses allerdings wird dieses Rondo zu einem Satz in Sonatensatzform. Nach der Exposition, die mit ihrem Wiederholungszeichen versehen ist, schreibt Schubert 30 Takte der Durchführung und hört wieder auf, diesmal endgültig.

      Im Unterschied zur Symphonie allerdings bedeutet das Liegenlassen der Sonate keine – nicht einmal vorläufige- Entfernung vom Genre. Sehr bald, im selben Jahr 1825, komponiert er zwei neue Klaviersonaten, die a-moll Sonate D845 und die D-Dur Sonate D850, und im Sommer beginnt er mit der Komposition der großen C-Dur Symphonie, die er wohl im Jahr danach vervollständigt. Im nächsten Jahr komponiert er die G-Dur Sonate D894. Er befindet sich eindeutig nicht in der gleichen Blockade-Situation wie nach dem Abbruch der Unvollendeten. Er will auch nicht das Sonatenfragment „begraben“, wie er es mit dem symphonischen Fragment getan hatte. Nachklänge der unvollendeten Sonate sind in den anderen Sonaten des Jahres zu hören und bis in der B-Dur Sonate D960, die er drei Jahre später komponierte.

      Schumann, dem Schuberts Bruder Ferdinand das Manuskript geschenkt hatte, war auf Anhieb von dessen Wert überzeugt. Er ließ den zweiten Satz drucken und iniziierte die Herausgabe des ganzen Werks, die allerdings – bezeichnenderweise – erst in den 1860er Jahren stattfand, die das Interesse an die Unvollendete entstehen sahen. Die romantische Mythologie des Unvollendeten bei Schubert hatte schon ihren Lauf genommen, was erklärt, warum Whistling das Fragment Reliquie taufte und es in seinem unvollendeten Zustand druckte. Unbeachtet dieser Mythisierung der Sonate gebührt ihm unser Dank für seine sorgfältige Ausgabe, denn das Manuskript wurde danach in alle Winde verteilt, wobei einige Blätter verlorengingen.


      Armin Knab, Ernst Křenek, Walter Rehberg und andere haben die Reliquie “fertigkomponiert”. Im Unterschied zu Mozarts Requiem in der Fassung von Süßmayr oder Puccinis Turandot in Alfanos Fassung hat sich allerdings keine „endgültige“ Fassung der Reliquie etabliert und verschiedene Pianisten (Noel Lee, Martino Tirimo, Paul Badura-Skoda, Georges Pludermacher …) haben je die eigene Version in Konzert oder auf Tonträger gespielt. Hätte ein Zeitgenosse Schuberts, Hüttenbrenner oder Lachner zum Beispiel, das Manuskript übernommen und weitergeschrieben, so würde vielleicht solch eine “Standardversion” existieren, aber wir müssen in Betracht ziehen, daß im Unterschied zu Mozart oder Puccini Schubert nicht durch den Tod an die Fertigstellung der Sonate gehindert wurde (pace Whistling). Schubert wollte oder konnte die Reliquie nicht vollenden. Es kann auch behauptet werden, daß die Sonaten, die nachher kamen, in eine Art und Weise Antworten auf die von ihr offen gestellten Fragen waren. Süßmayr und Alfano realisierten oder beabsichtigten die Realisierung von Ideen Mozarts bzw. Puccinis, von Einfällen, die der Komponist hätte haben können, als sein Leben endete. Wenn Schubert solche Ideen beim Komponieren der C-Dur Sonate gehabt hat, so konnte er sie in den folgenden Sonaten realisieren und tatsächlich findet man dort – und auch in der C-Dur Symphonie – die Weiterentwicklung von Einfällen, die in der Reliquie zuerst auftauchen. Schuberts Art, die Probleme dieser Sonate zu lösen, war unter anderem die G-Dur Sonate D894 und die B-Dur Sonate D960 zu komponieren.

      Andererseits entscheiden sich viele Interpreten dafür, nur die ersten zwei Sätze zu spielen. So ertönt keine Note, die nicht von Schubert wäre. Und doch ist dies nicht nur eine formelle, sondern auch eine interpretatorische Entscheidung. Die Reliquie auf ihre ersten beiden Sätze zu reduzieren, macht aus ihr eine pianistische Schwester der Unvollendeten. Dies gibt ihr zwar eine gewisse Schubertsche Legitimität, unterdrückt aber die Tatsache, daß die Unvollendete Symphonie nachträglich zu einem eigenartigen Werk geworden ist, als Schubert ihre zwei ersten Sätze austrennte, um sie nach Graz zu schicken. Wer nach dem zweiten Satz der Reliquie aufhört, vervollständigt sie auf seine Art und Weise, und zwar nicht nur, weil er sich dazu gezwungen fühlt, dem zweiten Satz einen abschließenden Charakter zu geben, den er nicht hat, sondern auch, weil er die nächsten Etappen verneint.

      Sviatoslav Richter könnte der erste gewesen sein, der sich entschloß, die dritte Lösung in Konzert anzuwenden, und dort aufzuhören, wo Schubert aufhörte. Richter spielte die unvollendeten Sonaten seines Repertoires (diese und die f-moll D.625) in non finito und seine rerste Aufnahme der Reliquie war es, die vielen Liebhabern der Musik Schuberts die zwei unvollendeten Sätze zum ersten Mal vorstellte. So wird die Sonate in dem Zustand wiedergegeben, in welcher Schubert sie unterbrach, als ein Werk, das er auf der Schwelle seiner letzten und reichen Schaffungsphase verließ.

      Die ersten zwei Sätze nämlich, ein Moderato in C-Dur von 318 Takten und ein Andante in c-moll von 211 Takten, eröffnen einen neuen Kapitel. Schubert hatte bereits eine Sonate mit einem Moderato eröffnet (die e-moll Sonate D566 von 1817), aber der Umfang jenes Satzes war nur von 97 Takten. Das Moderato, das die Reliquie eröffnet, ist tatsächlich der erste dieser monumentalen Schubertschen Anfangssätzen, die Schumann zur verhängnisvollen und regelmäßig falsch zitierten Bemerkung über die “himmlische Länge” – und nicht die „himmlischeN LängeN –verleitet haben. Die Sonatenhauptsatzform bekommt eine neue, äußerst eigentümliche Deutung. Die Hegelsche Dialektik der klassischen Sonatenform weicht der Introspektion.

      Die acht Takte des ersten Themas deuten eigentlich auf eine Einleitung, was durch die fallende Sext unterstrichen wird, welche die Sonate eröffnet und die wie signalartig wieder ertönen wird. Eine variierte Wiederholung, woraus ein rhythmisches Ostinato entspringt, leitet zu dem, was als erstes Thema empfunden wird, wo sich das melodische Profil und das rhythmische Ostinato kombinieren. Aber wir sind schon in c-moll! Die Fortspinnung dieses Themas bringt uns zum zweiten Thema, in h-moll, wo eine steigende Sext auf die fallende Sext des ersten Themas antwortet. Hier auch denkt man eher an eine Einleitung zum zweiten Thema, dessen zweite Hälfte ein Herabsteigen der Sext mit dem Motiv des rhythmischen Ostinatos vereint, welches descrescendo ausklingt. Erst die Wiederholung dieser Exposition bringt die Erläuterung: die „Einleitungen“ sind die eigentlichen Themen und das, was als Thema empfunden wurde, die jeweilige Fortspinnung.

      Aus diesem Grund ist die Wiederholung nicht nur ein formelles Element, sondern ein eigentliches Teil der Komposition, wie es Peter Gülke beschrieben hat: das erste Mal hören wir in der Erwartung dessen, was kommen wird, das zweite Mal mit der Erinnerung daran, was wir bereits gehört haben.

      Die Durchführung öffnet die harmonischen, dynamischen und klanglichen Perspektiven in eine quasi orchestrale Weise. Das erste Thema löst sich buchstäblich in das rhythmische Ostinato auf und ein echtes Erinnerungsprozeß ist erforderlich, um deren Elemente nach und nach zurückzubringen, was zur Reprise führt, die aber eher als die Fortführung dieser Erinnerungsreise empfunden wird. Das erste Thema erscheint nur einmal, ohne die Wiederholung, die das rhythmische Ostinato eingeleitet hatte, so daß wir die formellen Haltungspunkte verloren haben, bis das zweite Thema wieder erscheint, gefolgt von seiner Fortspinnung, die zu einem versöhnenden C-Dur leitet, das aber in extremis von einem B in Frage gestellt wird, welches eine gewaltige Coda entfesselt, wo der harmonische Weg der „Einleitung“ zurückbeschritten wird, um zu einem C-Dur pianissimo zu leiten, mit welchem der Satz wie mit drei Punkten endet.

      Das folgende Andante in c-moll, ein Sonatensatz ohne Durchführung, geht weiter den gleichen Weg. Die dynamischen Kontraste sind zwar weniger stark, aber das harmonische Spektrum ist genauso breit (das Gegenspiel d-moll – As-Dur, das so viele spätere Werke prägen wird, hat bereits hier eine zentrale Stelle) und der Satz endet in einem Schwebezustand zwischen Dur und Moll.
      In beiden Sätzen sind die Melodien keine geschlossenen, sondern vielmehr offene Melodien, gar Melodienfragmente (das Ende einer Melodie, die als Stille angefangen hatte oder der Anfang einer Melodie, die sich ins Ungewisse auflöst) oder Erinnerungen an Melodien, Melodien deren rhythmischen oder harmonischen Fundamente im ständigen, teils subtilen teils brutalen Wechsel sind, und die immer wieder mit rhythmischen Ostinati konfrontiert sind. Mit einer Technik, die er in seinen Liedern schon erprobt hat, gibt Schubert rhythmischen Zellen eine strukturierende Bedeutung. Alles in allem eine Traumarchitektur, weit vom Positivismus der klassischen Ära entfernt, die Schubert aber mit der Sicherheit eines Seiltänzers mit dem formellen Aspekt der Sonate zu kombinieren vermag.

      Das Minuetto in As-Dur st die logische Fortführung des Andante, mit einer fallenden Melodie, die schnell vom rhythmischen Ostinato eingeholt wird. In seinem a-moll Streichquartett D804 hatte Schubert das Menuett bereits wiedererfunden, indem er sich vom Gleichgewicht des Hoftanzes äußerst weit entfernt hatte, ohne in die Richtung eines überschäumenden Scherzos zu gehen. Das formelle Schema hatte er dort schon mit unvorhergesehenen Asymmetrien gebrochen. Hier, anstatt den ersten Teil aus einem 16-Takt-Abschnitt und seiner Wiederholung zu gestalten, gliedert er ihn in zwei Sektionen von 16 Takten und führt nach A-Dur. Das B-Teil beschleunigt sich accelerando bis zu einer Art harmonisches no man's land und hört dort auf, wo Schubert es nach As-Dur zurückführen sollte (das etc etc ...). Das Trio ist ein melancholischer Walzer in gis-moll, der in seiner Art die Traumatmosphäre der ersten beiden Sätzen wieder aufnimmt.

      Vielleicht ist aber die Reliquie nicht nur eine unvollendete Sonate, sondern eher eine „unvollendbare“. Mikhail Rudy beschreibt sie als "Lehrpfad". Sie ist tatsächlich eine Reise durch Strukturen, die wie im Nebel erscheinen, wo die thematischen und harmonischen Perspektiven verwischt sind, wo der Hörer sich buchstäblich verliert. Diese Erfahrung wird im Finale fortgeführt, dessen Konturen genauso unscharf sind. Es ist ein Rondo betitelter Sonatensatz, wo jedes Element ein Rondo en miniature ist, der sich auch in auf dem damaligen Flügel unerreichbaren Tiefen verliert, die mit auffällig hellen Linien kontrastieren. Der Wanderer hat sich diesmal endgültig verloren. Eine Rückkehr in die reale Welt vorzutäuschen, würde eine der wohl experimentellsten Schöpfungen Schuberts nur verraten.

      Man sollte auch nicht vergessen, daß die Handschrift der beiden ersten Teile nicht so vollständig ist, wie sie aussieht. Es ist nämlich keine endgültige Reinschrift, geschweige denn eine Druckvorlage. Leider ist die Handschrift der der Reliquie am nächsten stehenden Sonate in a-moll D845 verloren, aber wenn wir einen Vergleich mit anderen Manuskripten oder mit der Erstausgabe von D845 ziehen, bemerken wir schnell, daß zwar alle Noten da sind, aber wesentliche Informationen fehlen. Die melodische Gestaltung der Zeit, gekennzeichnet in Schuberts großen Sonaten durch ein diminuendo oder ritardando, gefolgt von einem a tempo, ist hier nicht ausgeschrieben. Die dynamischen Anweisungen sind auch weniger zahlreich als in den vergleichbaren Werken.

      Kein Wunder also, daß es eine Vielfalt unterschiedlicher Interpretations- und auch Rezeptionsansätze gibt. In dieser Hinsicht ist die Reliquie genauso faszinierend wie die Unvollendete.
      Alles, wie immer, IMHO.
    • Dies ist die gekürzte Fassung eines Textes, den ich zu einem ganz anderen Anlaß schrieb. Der Thread über die D845 verleitete mich zu denken, daß auch die Reliquie eines Threads wert ist.
      Es gibt nämlich viel Diskussionsstoff ...
      Alles, wie immer, IMHO.
    • Die erste Aufnahme: Ray Lev (1947)

      Erstaunlicherweise kommt die erste Aufnahme der Reliquie aus den USA. Sie wurde 1947 mit der Pianistin Ray Lev, die ein Faible für ausgefallenes Repertoire hatte. Dies ist eine besondere Aufnahme in mancher Hinsicht.
      Erstens bietet Ray Lev die Sonate in der Vervollständigung Ernst Křeneks. Křenek hatte sie Anfang der 20er Jahre auf Anregung von Eduard Erdmann realisiert.
      Ins Menuett fügt er eine Variation des komponierten B-Teils hinzu, die zurück nach As-Dur moduliert. Fürs Finale komponiert er eine kurze Durchführung nach den Elementen, die in Schuberts Manuskript vorhanden sind, eine gekürzte Reprise und eine Coda, die Elemente des ersten Satzes integriert. Die Proportionen entsprechen in etwa den Proportionen des ersten Satzes. Einige Modulationen sind etwas abrupt aber man fühlt, daß sich Křenek selber nicht in den Vordergrund spielen wollte und sehr einfühlsam arbeitete, gemäß den Prinzipien, die er im Beiblatt der Aufnahme Ray Levs dargestellt hatte:
      Completing the unfinished work of a great master is a very delicate task. In my opinion it can honestly be undertaken only if the original fragment contains all of the main ideas of the unfinished work. In such a case a respectful craftsman may attempt, after an absorbing study of the master's style, to elaborate on those ideas in a way which to the best of his knowledge might have been the way of the master himself. The work in question will probably have analogies among other, completed works of the master, and careful investigation of his methods in similar situations will indicate possible solutions of the problems posed by the unfinished work. Even then the artist who goes about the ticklish task will feel slightly uneasy, knowing from his own experience as a composer that the creative mind does not always follow its own precedents. He is more conscious of the fact that unpredictability is one of the most jealously guarded prerogatives of genius

      Zweitens ist Ray Levs Interpretation sehr eigenartig. Damals gab es noch keine Schubert-Interpretationstradition, wenigstens was die Sonaten angeht, und sie fühlt sich keinem Schubert-Bild verpflichtet.
      Diese Aufnahme ist nicht offiziell auf CD übertragen worden. Bearac hat sie digitalisiert:
      "http://www.bearacreissues.com/index.php?page=shop.product_details&flypage=flypage.tpl&product_id=422&category_id=1&keyword=ray+lev&option=com_virtuemart&Itemid=12"
      aber bevor man sich zum Kauf entscheidet, sollte man den Y-Test machen, "http://youtu.be/F9QuO0v4zhk", denn die Geister werden sich scheiden.
      Die Tonqualität ist die eines 78 rpm. Wahrscheinlich wegen der Aufnahmetechnik kann sich die Pianistin keine filigranen p und pp leisten, was schade ist, denn sonst respektiert sie das breite dynamische Spektrum des Werkes.
      Die ganze Sonate spielt sie in 24 Minuten und 39 Sekunden! Dabei streicht sie die Wiederholung der Exposition im ersten und vierten Satz, spielt aber alle anderen Wiederholungen.

      Den ersten Satz beginnt sie ziemlich flott und wird nach dem ersten Subjekt noch flotter. Der heutige Hörer wird etwas geschockt, auch wenn er keine Zeitdehnung alla Afanassiev erwartet wird. Nach der ersten Überraschung gestaltet sich aber ein Satz, wo die rhythmischen Ostinati eine buchstäblich obzessive Wirkung haben. Ray Lev bringt diese Sonate in die Nachbarschaft der a-moll Sonate D784, fast könnte man sagen, sie erzeugt eine Terror-Stimmung in Erlkönig-Modus. Hier wird nicht der Melodiker Schubert gefeiert, sondern der harmonisch-rhythmische Schöpfer (Alp)traumatmosphären.
      Der zweite Satz ist auch ziemlich flott, ein Andante quasi allegretto und kein Adagio. Er bekommt auch einen obzessiven Charakter. Hier bedauert man am meisten die Abwesenheit der piano-Nuancen. Dazu könnte man sich auch mehr Legato im zweiten Subjekt vorstellen. Eine kleine punktierte Zelle wird hervorgehoben. Die Akzentuierung wird sehr scharf ausgeführt; die umstrittenen Akzent-Zeichen werden radikal umgesetzt und wenn man mit einem Auge auf der Partitur zuhört, fallen plötzlich Punktierungen auf, auf die man vorher nicht aufmerksam gemacht wurde.
      Das Menuetto ist hier ein dämonischer Tanz. Das von Schubert komponierte bedrückende Element knüpft auf den ersten Satz an. Das Trio wird hier nicht un poco più lento gespielt (keine Anweisung in diesem Sinne), was schade ist, wenn man es in anderen Interpretationen kannt, die daraus den "Verweile doch, du bist so schön"-Augenblick schlechthin machen.
      Das Finale wird auch allegro risoluto gespielt. Keine Spur von Leichtigkeit, im Gegenteil findet man Anklänge an die ersten drei Sätzen, deren Rhythmen hier gnadenlos kombiniert werden.
      Die Exposition endet bei ca 21' 10'', der nachkomponierte Teil ist ab 21' 35'' zu hören.

      Man muß diese Interpretation nicht mögen. Beinahe siebzig Jahre Aufnahmegeschichte der Reliquie haben uns ein anderes Schubert-Bild nahegebracht. Es ist aber eine schlüssige, kompromißlose Interpretation, die alle vier Sätze miteinbezieht, ohne ein vermeintliches Qualitätsgefälle unterstreichen zu wollen.
      Alles, wie immer, IMHO.
    • Die zweite Aufnahme: Friedrich Wührer

      Wenig später als Ray Lev nahm Friedrich Wührer im Rahmen der ersten Gesamtaufnahme von Schuberts Klaviersonaten auch die Reliquie auf, wiederum in der Vervollständigung Ernst Křeneks. Diese zwei Einspielungen sind bis heute die einzigen geblieben, die diese Fassung berücksichtigen. Wührers Gesamtaufnahme ist auch nicht auf dem offiziellen CD-Markt vertreten. Man kann sie bei Bearac beziehen (3 Doppel-CDs)
      Obwohl er denselben Text spielt (und zusätzlich zur Wiederholung der Exposition im ersten und letzten Satz auch eine Wiederholung im zweiten Satz und eine im Trio streicht), braucht Wührer ca 10 Minuten mehr als Ray Lev. Er hat auch Kenntnis von allen anderen Sonaten Schuberts und seine Reliquie fügt sich ins Gesamtbild. Er wirkt viel entspannter und dabei fehlt vielleicht etwas Spannung. Er hat sehr schöne p und pp Nuancen aber seine Akzente, seine fz und fp sind weniger markiert. Die rhythmischen Ostinati sind weniger obsessiv, weniger dominant die punktierte Zelle im zweiten Satz, viel sanfter das Legato. Der Melodiker Schubert wird deutlicher gezeigt, aber etwas von der Atmosphäre ist weg und Wührer muß sich mit anderen messen, die auch in einem gemäßigten Tempo mehr Kraft, mehr Geheimnis, mehr Persönlichkeit zeigen werden. Sein Menuetto ist weniger aggressiv als Levs, seltsamerweise aber hat sein Trio nicht die gelöste Schönheit, die andere zeigen werden.
      Sein Finale ist auch entspannt, dabei ist die rhythmische Obsession, die es mit den anderen Sätzen verbindet, verschwunden. Es hat etwas Beiläufiges und weil die rhythmische Prägung verloren ist, hat man tatsächlich das Gefühl, es fehle an Substanz.

      Alles in allem eine Aufnahme, die nicht verstört wie die vorige, aber vielleicht etwas zu brav wirkt. Ist Wührers Aufnahme der D850 für mich zweifellos in der obersten Liga, so würde ich seine Reliquie nicht ganz so hoch einschätzen. Aber es bleibt eine wertvolle Aufnahme von Křeneks Fassung. Schade nur, daß es keine von Eduard Erdmann gibt!
      Alles, wie immer, IMHO.
    • Die erste zweisätzige Aufnahme: Rudolf Serkin (1955)

      Im Unterschied zu den vorigen ist diese Aufnahme offiziell auf CD wiederveröffentlicht worden:

      Serkin spielt nur die zwei von Schubert vollendeten Sätzen, aber er spielt alle Wiederholungen.
      Seine Auffassung der Sonate ist lyrisch-episch. Das Moderato nimmt er wörtlich, und zwar nicht nur als Tempo- sondern auch als Charakterangabe. Moderato im Unterschied zu Agitato. Keine dramatsichen Beschleunigungen, die Agogik bleibt moderat. Was überhaupt nicht bedeutet, daß hier nichts passiert. Die Dramatik ist sozusagen eine innere. Schuberts Akzente werden nicht wie mit Ray Lev als radikale Schläge umgesetzt, sondern sie dienen der Phrasierung. Serkins Klavier singt und akzentuiert wie ein Sänger. Dazu weiß der Pianist zu registrieren und verschiedene Stimmen zu Geltung zu bringen. Und sein schön differenzierter Anschlag ermöglicht ihn, etwa eine legato gesungene Melodie vor einer staccato Begleitung zu präsentieren. Die Wiederholung der Exposition im ersten Satz ist intensiver, die Obsession der Ostinati baut sich langsam auf. Hier ist die von Schumanns gepriesene "himmlische Länge". Die Worte, die Schumann für die kurz später entstandene Symphonie fand, beschreiben auch die Reliquie in dieser Interpretation:

      Und diese himmlische Länge der Symphonie, wie ein dicker Roman in vier Bänden etwa von Jean Paul, der auch niemals endigen kann, und aus den besten Gründen zwar, um auch den Leser hinterher nachschaffen zu lassen. Wie erlabt dies, dies Gefühl von Reichthum überall, während man bei anderen immer das Ende fürchten muß und so oft betrübt wird, getäuscht zu werden. [...] Ein außerordentliches Talent muß es immer genannt werden, daß er [...] zu solcher eigenthümlichen Behandlung der Instrumente, wie der Masse des Orchesters gelangte, die oft wie Menschenstimmen und Chor durcheinandersprechen. Diese Ahnlichkeit mit dem Stimmorgan habe ich, außer in vielen Beethoven'schen, nirgends so täuschend und überraschend angetroffen; [...] er gibt uns ein Werk in anmuthvollster Form, und trotz dem in neuverschlungener Weise, nirgends zu weit vom Mittelpunct wegführend, immer wieder zu ihm zurückkehrend.


      Am Ende der Coda z.B. scheint Serkin, wieder eine neue Erzählung anzufangen, die aber in die Stille verklingt, als hätte Schubert hier sein etc ... etc.... geschrieben.

      Den zweiten Satz spielt er introvertierter mit einer im ff-Bereich reduzierten Dynamik. Keine starken Ausbrüche, eine innere Spannung, eine etwas geheimnisvolle Stimmung.
      Diese erste Aufnahme der Sonate in zwei Sätzen verrät ihr Alter nicht
      Alles, wie immer, IMHO.
    • Die erste Aufnahme in "non finito" Richter (Paris 1961)

      Dies ist Richters erste Aufnahme der Reliquie (die zweite entstand 18 Jahre später). Sie wurde in Paris für das russophile Label Chant du Monde in Studio aufgenommen. Ein CD-Transfer wurde von Monitor veröffentlicht und ist jetzt für Mondpreise erhältlich.
      Obwohl man nicht allzusehr von sich selbst in der Öffentlichkeit reden sollte, sei mir erlaubt zu erwähnen, daß dies meine zweite Reliquie war. Meine erste war eine zweisätzige mit Barenboim, die mich total unbeeindruckt ließ. Weil ich gelesen hatte, es gäbe zwei weitere Sätze, bin ich einfach auf die Suche gegangen und habe die LP erstanden ohne zu wissen, daß es damals die einzige Aufnahme dieser Fassung war. So kaufte ich meine erste Richter-Aufnahme überhaupt.
      Der Eindruck war überwältigend und eine gefürchtete späte Wiederbegegnung mit dem CD-Transfer hat mir erlaubt - 25 Jahre seit meiner Trennung von der LP und über ein Dutzend Reliquien später - festzustellen, daß der Eindruck vom Gedächtnis nicht verklärt worden war.
      Richter ist hier nicht so extrem langsam wie in seiner späteren Aufnahme. Der erste Satz dauert "nur" 19 Minuten (22' 30 in der zweiten Aufnahme), aber gefühlt dauert er nicht länger als Serkins 15 Minuten. Was für Serkin gilt, gilt noch verstärkt für Richter. Eine epische Lesart, mit höchster Anschlagskultur und einem faszinierenden Klang. Alle Details werden präzis ausgearbeitet, aber sie sind eingebettet in den mächtigen Fluß. Die Coda der ersten Satzes endet konklusiver als mit Serkin. Wie Serkin beschleunigt Richter das Tempo keineswegs für die Staccato-Läufe im zweiten Satz, aber er wagt ein größeres dynamisches Spektrum.
      Für das Menuetto wählt er eine einfache aber überzeugende Lösung, Die letzten 5 1/2 Takte, die Schubert nur für die rechte Hand skizziert hat, benutzt er als prima volta Überleitung zu einer Wiederholung des B-Teils. Dieses Menuett ist düster, drückend. Das Grundtempo ist ziemlich langsam, was ihm ermöglicht, das Trio nicht più lento und gleichzeitig "Verweile doch, du bist so schön" zu spielen. Sogar die ffz Akkorde brechen den Zauber nicht.
      Das Finale wird ziemlich flüssig angegangen. Es hat die gelöste Stimmung, die das Finale von D960 unter einigen Händen hat. Dadurch, daß er rhythmische Werte betont, verliert Richter nicht den Bezug zu den anderen Sätzen. Die Wiederholung der langen Exposition (238 Takte) wird selbstverständlich gespielt und Richter bricht ab, wo Schubert aufgehört hat.
      Sollte ich nur eine einzige offizielle Reliquie behalten dürfen, würde ich mich ohne Zögern für diese entscheiden.
      Alles, wie immer, IMHO.
    • Ray Lev reloaded? Walter Klien (1971-1973)

      Walter Kliens "Gesamtaufnahme" wurde Anfang der 70er Jahre eingespielt. Seit dem Schubert-Gedenkjahr ist sie auf CD zugänglich

      Seine D850 hatte mich etwas kalt gelassen, bei der Reliquie ist es ganz anders.
      Klien nimmt das Moderato nicht besonders schnell (15'14) und das Andante nicht besonders langsam (7'56). Allerdings hat er eine ganz besondere Agogik. Seine Temposchwankungen - etwas, was mir bei Schubert in der Regel nicht so gut gefällt - sind hier sinnvoll; er zeigt er eine Interpretation aus einem Guß. Er betont das Orchestrale, das Dramatische. Wie bei Ray Lev gibt es hier keine himmlische Länge, sondern Dramatik pur. Er scheut nicht, die hohen Noten etwas schrill klingen zu lassen (das waren sie auf Schuberts Klavieren allemal) aber entfaltet eine Klangfülle, die nur ein modernes Instrument geben kann. Im ersten Satz denkt man ab und zu an einen Klavierauszug von Beethovens Fünfter! Moderato ist es definitiv nicht im Charakter, hochromantisch schon.
      Keine Ruhe im Andante. Klien spielt ein eindruckvolleres Legato als Ray Lev, aber er ist genauso dramatisch. Er hat definitiv die bessere Aufnahmetechnik, ein breiteres Farbenregister, die Motive sind bei ihm nicht so obsessiv, aber er zeigt die gleiche dramatische Geste.
      Keine Schubertseligkeit, keine Melancholie, eher Sturm und Drang. In einem Sinne ist man hier auch nicht weit von der Unvollendeten.
      Alles, wie immer, IMHO.
    • Philbert schrieb:

      Dies ist Richters erste Aufnahme der Reliquie (die zweite entstand 18 Jahre später). Sie wurde in Paris für das russophile Label Chant du Monde in Studio aufgenommen. (...) Der Eindruck war überwältigend und eine gefürchtete späte Wiederbegegnung mit dem CD-Transfer hat mir erlaubt - 25 Jahre seit meiner Trennung von der LP und über ein Dutzend Reliquien später - festzustellen, daß der Eindruck vom Gedächtnis nicht verklärt worden war.
      Das verstehe ich nur zu gut. Meine erste Begegnung mit der "Reliquie" fand im Konzertsaal statt: Swjatoslaw Richter eröffnete mit diesem Werk sein Hamburg-Debüt am 18. Dezember 1979 in der Musikhalle. Ich kannte die Sonate damals noch nicht. Auch Richter hatte ich zuvor noch nie live erlebt. Die erste Begegnung mit der "Reliquie" traf also mit der ersten Begegnung mit dem Pianisten Richter im Konzertsaal zusammen. "Überwältigend" ist ein Wort, das dieses Schlüsselerlebnis treffend bezeichnet.

      Die Hamburger Interpretation der "Reliquie" vom 18. Dezember 1979 blieb zwar unveröffentlicht, aber Richter hat den Mitschnitt vom Leverkusener Konzert am Vorabend (also am 17. Dezember 1979) zur Veröffentlichung freigegeben. Er ist zum einen in einer Philips-Box mit der "Winterreise" in einem Live-Mitschnitt aus der Semper-Oper vom 17. Februar 1985 mit Peter Schreier und Richter gekoppelt und zum anderen in der Edition "Richter - The Authorised Recordings" erhältlich. Philbert schreibt bestimmt noch etwas zu dieser 1979er Aufnahme.
      Information ist nicht Wissen, Wissen ist nicht Weisheit, Weisheit ist nicht Wahrheit, Wahrheit ist nicht Schönheit, Schönheit ist nicht Liebe, Liebe ist nicht Musik. Musik ist das Beste.
      (Frank Zappa)
    • Die Reliquie als Fragment - Richter und Badura-Skoda

      Der Amerikaner Michael L. Benson hat für die Universität Austin eine Doktorarbeit unter dem Titel A Comparative Study on the Published Completions of the Unfinished Movements in Franz Schubert’s Sonata in C Major, D. 840 (“Reliquie”) 2008 erstellt und im Internet veröffentlicht. Wie oft in Arbeiten aus Amerikas kleineren Universitäten ist der Wissenstand gleich "amerikanischer Wissenstand" und ignoriert wichtige nicht-englischsprachige Veröffentlichungen. Immerhin gibt es eine ausführliche Beschreibung verschiedener Vervollständigungen und ganz besonders Interviews mit Menschen, die sich mit der Sonate befaßt haben: Paul Badura-Skoda, Martino Tirimo, Noel Lee, Malcolm Bilson.

      Badura-Skoda sagt:
      I would like to quote a German musicologist, who I can’t remember, who said, “while in theatric arts a torso, or unfinished work, or in sculpture has a beauty all its own, in music, it is a catastrophe.”
      Also, at a performance I attended by Richter of an unfinished work, he stopped playing in the middle of a sentence and went off stage, it was as if he had a memory lapse or something.

      Man kann sich fragen, inwiefern er Recht hat.
      Daß ein musikalisches Torso eine Katastrophe sei, ist weit von offenkundig. Es fehlt nicht an berühmte Torsi, angefangen bei Schubert selber mit der Unvollendeten. Man kann einwenden, daß das Fragmentarische nicht auffällig ist, wenn man die ersten zwei Sätze aufführt. Denkt man aber an Bachs Kunst der Fuge, so ist man in einem Fall, wo das Fragmentarische sogar Mythos-Status bekam und Teil der Rezeptionsgeschichte wurde. Keiner, der die Kunst der Fuge mit der unvollendeten Schlußfuge in Konzert erlebt, würde wie Badura-Skoda über Richter reagieren.

      Die Ästhetik des Fragments hatte sogar eine Blüte zu Schuberts Zeiten. Wieder findet man als Vermittler die Brüder Schlegel, die alle Sorten von Fragmenten herausgegeben haben: neben tatsächlich - durch den Tod des Autors oder aus einem anderen Grund- unvollendet gebliebenen Werken auch als Fragment deklarierte Originalwerke. Neben allen seinen unvollendeten Werken hat Schubert auch 1816 ein Fragment vertont, das Fragment aus dem Aischylus D450. Er hat es nicht zum Druck gegeben aber seltsamerweise wurde es in seinem Privatkonzert von 26.03.1828 öffentlich uraufgeführt, das einzige Werk des Programms, das nicht in den letzten 18 Monaten komponiert worden war. Man könnte eventuell auch das Evangelium Johannis D. 607 als absichtliches Fragment betrachten. Die Fragmentästhetik war Schubert durchaus nicht fremd. Es würde wohl zu weit gehen zu behaupten, daß seine unvollendeten Sonaten, inbesondere die Reliquie, mit Absicht als Fragment belassen wurden (man weiß von keiner Absicht seinerseits, ein fragmentarisches Werk zur Veröffentlichung zu geben, hingegen gibt es Fälle wie die Sonate D575, die er nachträglich fertigkomponiert hat, nachdem der erste Entwurf unvollendet blieb).
      Aber eine fragmentarische Aufführung - zumal sie für ein Klavierwerk nicht die Probleme bereitet, die ein unvollendetes Orchesterstück bringen kann - ist nicht im Widerspruch zu Schuberts Ästhetik. Die Drei Klavierstücke D946 sind auch eine Art Fragment und lassen sich auch in diesem Sinne (z.B. von Richter in der Box "Richter in Hungary") interpretieren. Ist es ein Zufall, wenn Mikhail Rudy von der Reliquie als "Bildungsreise" (voyage initiatique) spricht, wenn gerade Bildungsromane zu den erfolgreichsten Fragmenten zählen (Heinrich von Ofterdingen und Franz Sternbalds Wanderungen etwa)?

      Nun, Badura-Skoda hat für die Henle Ausgabe die meisten unvollendeten Sonaten vervollständigt, Reliquie inklusive. Im Booklet der LP_Ausgabe seiner ersten Einspielung von Schuberts Sonaten schreibt er:
      About 40 years ago the composer Ernst Křenek made an attempt, In his version the development and the recapitulation are melted into each other in a rather un-Schubertian way, with some strange harmonies.

      Was sagt darüber Křenek selber ?
      his completion elaborated the idea of the third theme and "followed it up with a swiftly modulating development of the first theme and a normal recapitulation" of slightly shorter length than the exposition.

      Brian Newbould über seine eigene Vervollständigung:
      The present version completes the development section, omits the first theme from the beginning of the recapitulation (as Schubert does if it has been extensively used in the development),

      Schubert wäre also "un-Schubertian"? Tatsächlich, und man braucht nicht weiter zu suchen als im ersten Satz der Reliquie, um zu sehen, daß auch er dazu fähig war, Durchführung und Reprise zu verschmelzen "in a rather un-Schubertian way".
      Hört man Badura-Skodas Version, so stellt man fest, daß Richters Lösung seine Vorzüge hat. Badura-Skoda streicht die Wiederholung der Exposition (das tut er auch im ersten Satz), wiederholt sie aber ganz - mit Transpositionen - nach einer banalen Durchführung und schließt mit einer genauso banalen Coda, für welche er sagt
      I took up this idea (Křeneks Zitat des ersten Satzes) without letting the movement die away delicately, as Křenek does, but bringing it to a triumphant close, which seems to me more in accordance with the general spirit of the work.

      Irgendwie scheint er immer Argumente liefern zu wollen für das Gegenteil von dem, was er behauptet!

      Im Vergleich ist Křenek subtiler (auch in seinen Kommentaren s. #2). Seine "strange harmonies" lassen uns die Schnittstelle erahnen, wo Schuberts Handschrift aufhört, und er versucht nicht, das von Schubert komponierte in den Schatten zu stellen. Er ist wie ein moderner Restaurateur, der die Gestalt des fertigen Standbilds erahnen läßt, während Richter die Schönheit der erhaltenen Fragmente hervorhebt.

      In seiner Interpretation aus den 70er Jahren (aus welcher ich die Kommentare übernommen habe, die nicht in Bensons Interview sind) ist Badura-Skoda auch nicht sonderlich überzeugend. Nicht nur streicht er wie gesagt die Wiederholung im ersten Satz (das hatte noch Wührer getan, aber es war 20 Jahre vorher; inzwischen hatten Serkin, Richter, Klien ihre Beibehaltung eindrucksvoll wenn auch ganz unterschiedlich untermauert), seine Tempi sind auch äußerst schwankend, ohne wie bei Klien einem Gestaltungswillen unterordnet zu sein. Beim zweiten Subjekt in der Reprise gerät er beinahe zum Stocken. Der Eindruck, den man bekommt, wenn man ihn liest, wird von seinem Spiel bestätigt: kleinlich und prätentiös zugleich.

      Was das Menuett betrifft, ist seine Lösung die kürzeste der Vervollständigungen (er fügt nur 15 Takte ein), aber wie alle Vervollständiger fügt er zum komponierten B1-Teil einen B2-Teil hinzu (abgesehen von den 15 Takten eine Transposition) und läßt beide Teile wiederholen. Richters Lösung, das B1 Teil bis auf die letzten 5 Takte zu wiederholen, die als Überleitung dienen, ist zwar harmonisch nicht orthodox aber doch überzeugender.
      Alles, wie immer, IMHO.
    • music lover schrieb:

      Die Hamburger Interpretation der "Reliquie" vom 18. Dezember 1979 blieb zwar unveröffentlicht, aber Richter hat den Mitschnitt vom Leverkusener Konzert am Vorabend (also am 17. Dezember 1979) zur Veröffentlichung freigegeben. Er ist zum einen in einer Philips-Box mit der "Winterreise" in einem Live-Mitschnitt aus der Semper-Oper vom 17. Februar 1985 mit Peter Schreier und Richter gekoppelt und zum anderen in der Edition "Richter - The Authorised Recordings" erhältlich. Philbert schreibt bestimmt noch etwas zu dieser 1979er Aufnahme.
      Nach wie vor unbedingt zu empfehlen und hin und wieder spottbillig, die zweitbeste "Winterreise" gibt es dazu:

    • 2014 ist eine neue Einspielung der Krenek-Fassung erschienen. Kennt die schon jemand? Der Pianist scheint sich eher auf Krenek als auf Schubert spezialisiert zu haben.



      Auch Wührer findet man inzwischen auf youtube "https://www.youtube.com/watch?v=r3gThBMncHU" und auch als Bezahl-Download bei Amazon. (Leider fehlt sie in der Diapason-Box, die einige Wührer-Aufnahmen enthält, aber sich für D 840 auf zwei Sätze (Serkin) beschränkt.)
      Ray Lev ist sehr schnell, aber ich finde das gar nicht so abwegig wie man hätte erwarten können (es ist vermutlich weniger abwegig als die extreme Dehnung des Kopfsatzes in Richters später Aufnahme, beide sind ja in unterschiedlichen Richtungen ähnlich weit von "üblichen/typischen" Tempi). Der zweite Satz wirkt beinahe wie ein allegretto scherzando, wirkt aber ebenfalls plausibel.

      Ich wäre an weiteren Kommentaren zu Aufnahmen, besonders vervollständigter Fassungen, interessiert. Tirimo? Badura-Skoda? Newbould hat ebenfalls eine erstellt, die bei Toccata von Todd Crow eingespielt wurde:



      Die Naxos-Aufnahme bringt dagegen anscheinend die Sätze 3 und 4 in fragmentarischer Form

      ...a man who refuses to have his own philosophy will not even have the advantages of a brute beast, and be left to his own instincts. He will only have the used-up scraps of somebody else’s philosophy; which the beasts do not have to inherit; hence their happiness. Men have always one of two things: either a complete and conscious philosophy or the unconscious acceptance of the broken bits of some incomplete and shattered and often discredited philosophy. (G. K. Chesterton)
    • Der australische Pianist Ian Munro hat sich ebenfalls die unvollendeten Sonaten von Schubert vorgenommen und eigene Komplettierungen erarbeitet, so auch die Sonate D840.
      Ich habe die Scheibe ewig nicht mehr gehört und müsste das bei Zeiten mal wieder tun um etwas darüber sagen zu können.



      Beziehen kann man die CD wahrscheinlich nur direkt in Australien beim Label "tall poppies".

      Peter
      "Sie haben mich gerade beleidigt. Nehmen Sie das eventuell zurück?" "Nein" "Na gut, dann ist der Fall für mich erledigt" (Groucho Marx)
    • Über Badura-Skoda habe ich mich schon geäußert. Ich habe seiner erste Einspielung (RCA 70er Jahre), auch seine Einspielung auf Hammerklavier. Seine Gramola-Einspielung habe ich nicht zur Kenntnis genommen. Die Einspielung von Kreneks Vervollständigung durch Khristenko habe ich, mehr darüber vielleicht später.
      Newboulds Fassung mit Todd Crow habe ich auch. Hier hat sich Newbould etwas ausgetobt. Mehr darüber ...
      Das gleiche über Tirimo, deren Vervollständigungen etwas ausschweifend sind.
      Ian Munro habe ich nicht.
      Im allgemeinen möchte ich sagen, daß ich kein überaus großes Interesse daran habe, das zu hören, was Schubert nicht komponiert hat. Newboulds Begründung für seine Erstellung der "Aufführungsversionen" der Symphonie-Skizzen ist, daß Orchester keine Skizzen spielen können. Klavierspieler, pace Badura-Skoda, können aber wohl unvollendete Sonaten spielen.
      Keinem würde einfallen, Leonardos Hieronymus-Bild zu vervollständigen und wir nehmen es wahr, wie es zu uns gekommen ist. Was D840 betrifft, so haben sie außer Richter auch Gottlieb Wallisch und Michel Dalberto in non finito aufgenommen.
      Wallisch, dessen Einspielung der Problemkinder unter den Sonaten durchaus empfehlenswert ist, kommt mit der Reliquie etwas an seine Grenzen. Beide, Wallisch und Dalberto, verzichten auf die Wiederholung der Exposition im Finalsatz.
      Eine weitere Einspielung der Reliquie in non finito wurde vom italienischen Pianisten Massimiliano Damerini realisiert. Sie war Teil einer geplanten Gesamtaufnahme für das Label Arts, die aber ohne Begründung abgebrochen wurde. So ist diese D840 nicht erschienen. Ein anderes Label hat aber jetzt die Rechte von Arts erworben und wird das Projekt zu Ende bringen. Was für die Reliquie ein Glücksfall ist, denn Damerinis Einspielung ist sehr gelungen. Im Unterschied zu Richter spielt er den Finalsatz - auch mit Wiederholung - nicht allegro vivace sondern allegro moderato, was auch sehr schlüssig ist.

      Was die Vervollständigungen betrifft, so hat Kreneks eine besondere Stellung. Sie ist zwar nicht die chronologisch erste, aber der Rang Kreneks als Komponisten, die Umstände ihrer Entstehung (Anregung durch Erdmann) und die Tatsache, daß die zwei ersten Aufnahmen der Reliquie überhaupt Aufnahmen von dieser Fassung sind, geben ihr eine besondere Bedeutung.

      Ich muß gestehen, daß weder Todd Crows noch Tirimos Interpretation der ersten zwei Sätze mich derart begeistert haben, daß ich der Vervollständigung der übrigen zwei eine besondere Aufmerksamkeit geschenkt habe. Was von Schubert stammt ist das Wesentliche, der Rest ist Beiwerk, dessen Bedeutung drastisch sinkt, wenn Schuberts Musik nicht überzeugend dargestellt wird.

      Was nicht der Fall von Georges Pludermacher ist.

      Es ist eine live Einspielung (ohne Abstriche in der Tonqualität) und es muß ein ganz besonderes Erlebnis im Konzertsaal gewesen sein. Den ersten Satz spielt Pludermacher nicht besonders langsam (16'48'') aber er zeichnet sich durch eine sorgfältige Artikulation und eine besondere Transparenz aus (das Cliché der französischen Clarté), die ihm ermöglicht, gewisse Details ins Licht zu bringen, ohne den Sinn für die großartige Architektur des Satzes zu verlieren. Die Wiederholung der Exposition spielt er sehr diffenziert und steigert dadurch die Dramatik. Moderato bedeutet für ihn nicht "langsam" abder "kontrolliert". Die Dramatik wird nicht durch wilde Ausbrüche ausgedrückt, sondern durch die Sorgfalt, mit welcher die Ausdruckselemente kombiniert sind: präzise Gradierung der Dynamik, Farbenspektrum, Klangperspektive ..., was nicht weniger packend ist.
      Die Spannung ist hoch und sie bleibt im Andante erhalten. Es ist hier kein introvertiertes Klagelied, sondern eine dramatische Ballade, für die er mehr Gebrauch von rubato macht als im ersten Satz (der eben moderato war). Auch hier ist Schuberts orchestrale Umsetzung des Klaviers zu hören.
      Das Menuett fügt sich gut dazu. Das (vorgeschriebene) accelerando ist hier extrem. Die Vervollständigung ist ziemlich diskret: eine Modulation nach Schuberts Übergangstakten dann eine transponierte Wiederholung von B1 und ein paar Schlußtakte. Das Trio wird durch die Schönheit des Anschlags charakterisiert.

      Fürs Finale spielt Pludermacher seine eigene Fassung. Man kann hier kaum von Vervollständigung sprechen, denn es wird nicht der Anspruch erhoben, herauszufinden, was Schubert hätte schreiben können (Pludermacher hat es auch nicht veröffentlicht). Es kommt nicht besonders leichtfüßig sondern stark akzentuiert. Beide Subjekte werden stark differenziert, so daß die dramatische Gesamtkonzeption fortgesetzt wird. Dazu trägt auch die Wiederholung der Exposition bei. Die Durchführung hat einen fast improvisierten Charakter, kombiniert und variiert diverse Elemente der Exposition. Badura-Skoda würde sie als un-Schubertian bezeichnen, da man dafür kein Modell in Schuberts vollendete Sonaten finden kann, aber der Geist der Variation und des Rondos, die den fertiggestellten Teil beherrschen, findet sich auch hier. Un-Schubertian auch die Reprise, die viel unabhängiger von der Exposition ist, als je bei Schubert der Fall ist und von einer sehr knappen Coda abgeschlossen wird.
      Philologically uncorrect, sicher, aber es funktioniert. Die Stimmung dieses sonderbaren Satzes, der als "Rondo" überschrieben und in Sonatensatz umfunktioniert ist, wobei die Einzelteile sehr rondo-ähnlich sind, bleibt erhalten und die Interpretation der ganzen Sonate ist aus einem Guß. Es ist eben eine live-Aufführung und keine Einspielung einer vervollständigten Ausgabe. Und Schuberts Musik wird hier auch in einer ganz spannenden Interpretation dargestellt.:

      Eine gute Nachricht ist die Wiederveröffentlichung von Richters Pariser Aufnahme in dieser Box

      wo "live in Moskau" ein schlichter Betrug ist, denn vieles kommt von Studio und vieles nicht aus Moskau. Diese Reliquie wird aber sowohl "Studio in Paris" wie "live in Moskau" angeboten. Da das live aus der gleichen Zeit kommt wie die hier präsentierte Studio-Ausgabe, gibt es keine wesentlichen Unterschiede in der Interpretation (im Unterschied zur zweiten offiziellen Veröffentlichung mit Richter, die 18 Jahre später entstand).

      Interessant auch diese Einspielung:

      Christoph Delz hat, ähnlich Berio in Rendering, aus Schuberts Elementen in den unvollendeten Teilen seine eigene Musik gemacht. Und Tamriko Kordzaia ist sowohl für Schubert als auch für Delz eine gute Interpretin.
      Alles, wie immer, IMHO.
    • Martino Tirimo (1996 -97)

      Martino Tirimo hat die Wiener Urtext Edition der Klaviersonaten Schuberts realisiert, die allgemein auf positiven Anklang gestoßen ist.
      Dabei hat er auch die fragmentarischen Sonaten vervollständigt. Alle Sonaten hat er für EMI aufgenommen (D655 sowie D769A, wovon Schubert nur wenige Takte notiert hat, als Fragment).
      Diese CD-Ausgabe ist bislang die einzige richtige "Gesamtaufnahme" (alles, was Schubert als "Sonate" betitelt hat, ist drin).
      Sie wurde 2013 wieder als günstige Box angeboten:

      Tirimos Stil kann man als zurückhaltend bezeichnen und in gewissen Werken ist es nicht ohne Charme.
      Bei der Reliquie fällt er eher als unbeteiligt auf. Im Booklet schreibt er:
      Conceived on a large symphonic scale, the opening Moderato ist one of Schubert's most splendid sonata movements
      aber er bleibt den letzten Beweis schuldig. Keine richtige symphonische Größe hier. Es ist zwar alles da, nichts kann man als verkehrt, unangemessen oder falsch empfinden, aber es hinterläßt keinen besonderen Eindruck. Die Wiederholung der Exposition spielt er nicht.
      Im folgenden Andante wirkt auch einiges als beiläufig.
      Tirimos Vervollständigung des Menuetts ist, wie Badura-Skodas, ziemlich unaufdringlich. Ein paar modulierende Takte, eine transponierte Wiederholung, ein Schlußtakt. In der Interpretation bleibt aber auch dieses Menuett sehr neutral. Das Trio fängt sehr schön auf, aber die ffz Ausbrüche sind eher schüchtern.
      Fürs Finale hat Tirimo deinen ähnlichen Ansatz wie Badura-Skoda gewählt. Er komponiert eine ziemlich unauffällige Durchführung, seine Reprise ist stark an die Exposition angelehnt (etwas freier als Badura-Skodas), dann kommt aber eine majestuöse Coda, die, eigentlich ziemlich überzeugend, mit den ersten sechs Noten des Moderato abschließt. Dadurch, daß die ersten Sätze nicht sehr markant interpretiert waren, fällt das Finale nicht als leichtgewichtig auf. Nur die Coda würde besser passen, wenn der erste Satz richtig symphonisch dargeboten worden wäre.

      Fazit: Schubert kommt bei ihm nicht zu farblos durch. Die Vervollständigung ist "stilecht", wenn man es so sagen darf, aber als Interpretation der Sonate ist Tirimos Darbietung in meinen Ohren nicht besonders überzeugend.
      Alles, wie immer, IMHO.
    • Todd Crow (2007)

      Todd Crow hat die Vervollständigung Brian Newboulds, die ihm gewidmet ist, eingespielt.

      Ich muß meine frühere Meinung über seine Interpretation der ersten zwei Sätze revidieren. Vielleicht, weil ich ihn diesmal nach Tirimo gehört habe, finde ich Todd Crow viel ansprechender. Er hat ein breiteres Farbenspektrum und mehr Sinn für Klangperspektive. Sein Moderato (mit Wiederholung der Exposition) hat Gestalt. Hier findet man die symphonische Behandlung des Klaviers.
      Sein Andante (10'07'' gegen 8'57'' bei Tirimo) erzählt auch viel mehr. Hier findet man den Dialog unterschiedlicher Stimmen. Keine Dramatik wie bei Pludermacher, eher einen epischen Gestus.
      Als Aufnahme beider vollendeten Sätze kann Todd Crows Einspielung durchaus Bestand haben.
      Das Menuett zeigt denselben Gestaltungswillen und ist in Schuberts Handschrift durchaus überzeugend. Newboulds Vervollständigung ist aber nicht so neutral wie Kreneks/Badura-Skodas/Tirimos. Da schweift er tatsächlich aus und komponiert Eigenes. Nicht völlig abwegig aber ohne zwingende Notwendigkeit, denn die Minimal-Lösung eines Richter 1961 ist durchaus überzeugend. Dazu verläßt er noch die ursprüngliche Tessitura deutlich nach oben. Schuberts Trio wird auch von Todd Crow völlig überzeugend im Sinne von entrückter Schönheit - brutal angegriffen gespielt.
      Den Anfang des Finales spielt Crow in einem nicht besonders schnellen aber resoluten Tempo, das gut zum Rest der Sonate paßt. Er wiederholt die Exposition nicht, geht direkt über in Newboulds Vervollständigung, die den Vorteil hat, daß sie nahtlos an Schuberts Fragment anschließt. Die Durchführung ist schön, mit der Einführung eines zusätzlichen Themas und der Betonung rhythmischer Ostinati. Newboulds läßt sie mit der Reprise verschmelzen aber der Übergang von der Durchführung zum zweiten Subjekt klingt etwas angestrengt. Die Coda klingt auch ziemlich ausschweifend und endet mit einem rhythmischen Motiv.

      Danach kommt eine sehr schöne Darbietung der Hüttenbrenner-Variationen.
      Fazit: als Interpret ist Todd Crow durchaus überzeugend - und ich erwäge die Möglichkeit, mir andere Schubert-Einspielungen von ihm zuzulegen.
      Hätte er Kreneks oder Tirimos Version eingespielt - oder die Sonate in non finito eingespielt - wäre er sicher in den Top gekommen. So kommt er in den Top für die Einspielungen der vollendeten Sätze aber Newbould, besonders im Menuett, kommt ihm in den Weg. Dieses verliert durch Newboulds Eingriffe an Stringenz. Das Finale hinterläßt einen gemischten Eindruck aber alles in allem gefällt mir Pludermachers Version besser. Bei Newbould finde ich die Kombination Schubertisch sein wollen // eigene Farbe bekennen nicht so gelungen. Pludermacher ist nicht so gewollt Schubertisch aber sein Finale ist aus einem Guß.
      Alles, wie immer, IMHO.
    • Philbert schrieb:

      Diese CD-Ausgabe ist bislang die einzige richtige "Gesamtaufnahme" (alles, was Schubert als "Sonate" betitelt hat, ist drin).
      Paul Badura-Skoda hat allerdings bereits 1971 eine Ausgabe der Sonaten mit seinen eigenen Vervollständigungen herausgegeben, die auch in die Ausgabe bei Henle eingegangen sind. Sie unterscheidet sich zu der o.g. Kompilation nur dadurch, dass er die Sonate Des-Dur D567 nicht mit eingespielt hat, und statt dessen die 2. und vollständigere Version dieser Sonate in Es-Dur D568 verwendet hat. Zusätzlich hat zwar Tirimo noch die beiden Fragmente D655 und D769a eingespielt, die man jedoch kaum als Sonate bezeichnen könnte.
      Auf der Box gibt es zudem einen Zahlendreher, es muß nämlich Sonate E-Dur D459 anstatt D549 heißen.

      Peter
      "Sie haben mich gerade beleidigt. Nehmen Sie das eventuell zurück?" "Nein" "Na gut, dann ist der Fall für mich erledigt" (Groucho Marx)
    • Ja, Badura-Skoda hat für RCA die Sonaten in seiner Edition aufgenommen (s. oben). Er hat sie auch später auf unterschiedlichen Hammerflügeln aufgenommen.
      Seine Vervollständigungen sind anders als Tirimos.
      Tirimo hat beide Versionen der Sonate D568, die erste in Des-Dur (die früher die Nummer D567 trug) und die zweite in Es-Dur.
      Es gibt wenige Aufnahmen von D567 (Gottfried Wallisch hat sie auch aufgenommen, Gilbert Schuchter hat einen Mischmasch beider Versionen), was Schade ist, denn sie ist an sich auch interessant.
      Von Tirimo habe ich die alte CD-Ausgabe mit den einzelnen Jewel Cases in einer Box. Dort gibt es keinen Zahlendreher :-).
      Über die Gesamt-, Nichtgesamt-, Fastgesamt- usw... Aufnahmen von Schuberts Klaviersonaten gibt es bereits einen eigenen Thread:
      capriccio-kulturforum.de/index…-mittels-gesamtaufnahmen/
      Alles, wie immer, IMHO.