Vladimir Horowitz - ein erratisches Genie

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    • Vladimir Horowitz - ein erratisches Genie

      Es gibt wohl kaum einen Pianisten um den sich so viele Legenden und Anekdoten ranken wie um Vladimir Horowitz. Horowitz Leben umspannt fasst das ganze 20. Jahrhundert mit all seinen Höhen und Tiefen: 1903 geboren in Kiev, im Zarenreich, gestrorben 1989 in New York. In mehr als einer Hinsicht ist Horowitz´ Biographie ein Mikrokosmos in dem sich, wie in einem Brennspiegel, viele Entwicklungen dieser Epoche bündeln.

      Zuerst eine kurze bographische Skizze:

      Geburtsort Horowitz ist Kiev, wo er als Sohn eines Elektroingenieurs aufwächst, sein Biograph Plaskin nennt als Geburtsort das 150 Kilometer von Kiev entfernte Berdychiv. Seinen ersten Klavierunterricht erhätl der junge Horowitz von seiner Mutter, die selbst eine begabte Pianistin war. Seit seinem 10. Lebensjahr studiert Horowitz am Konservatorium in Kiew, das er 1920 abschließt. Im Rahmen seiner Abschlussprüfung spielt der angehende Pianist unter anderem Rachmaninovs drittes Klavierkonzert. Das Russland dieser Zeit ist von den Wirren der Revolution erschüttert, was für Horowitz´ Familie einschneidende materielle Einschnitte mit sich birngt. Horowitz konzertiert zu dieser Zeit nicht zuletzt auch, um den Lebensunterhalt seiner Familie zu sichern. In den Jahren 1921 - 1925 konzertierte Horowitz ausschließlich in der UDSSR. Unter dem Vorwand bei Arthur Schnabel zu studieren gelingt Horowitz die Ausreise in den Westen, wo er am 18. Dezember in Berlin sein erstes Konzert außerhalb der Sowjetunion gibt. Unter anderem mit Tschaikowskys b-moll-Konzert, was eines der Kernstücke seines immensen Repertoires bleiben wird. Die Reise nach Berlin markiert eine entscheidende Wendung in Horowitz Biographie: erst 1986 wird er in dem legendären Moskauer Konzert wieder russischen Boden betreten. Weitere Auftritte in allen großen europäischen Musikmetropolen folgen. Am 12. Januar debütiert der gefeierte Pianist in der Carnegie Hall unter Sir Thomas Beecham wieder mit Tschaikowskis b-moll-Konzert. Die folgenden Jahre sind gekennzeichnet von rauschenden Erfolgen, das Publikum liegt Horowitz zu Füßen. 1933 spielt Horowitz zum ersten Mal unter der Leitung Arturo Tosaninis, Beethovens fünftes Klavierkonzert. Im selben Jahr heiratet Horowitz die Tochter des Dirigenten, die einizge Tochter des Paares wird 1934 geboren. In Deutschland konzertiert der Pianist vor der Machtergreifung im Jahr 1932 ein letztes Mal. Erst viele Jahrzehnte später wird Horowitz wieder in Deutschland auftreten. In diesen Jahren lebt Horowitz vorwiegend in Paris. Aufgrund der sich zuspitzenden politischen Lage verließ der Künstler Europa und siedelte 1939 in die USA über. Amerikanischer Staatsbürger wird er 1944. New York wird von nun sein Lebensmittelpunkt sein. Die folgenden Jahrzehnte sind immer wieder von Phasen gekennzeichnet in denen sich Horowitz vollständig von der Bühne zurückzieht, so auch von 1953 - 1965. In diesem Jahr feiert Horowitz dann ein legendäres Comeback in der Carnegie-Hall. Dieses vom Fernsehen mitgeschnittene Konzert gehört gleichzeitig zu den berühmtesten Konzerten des Pianisten, das Programm umfasste folgende Stücke:

      Bach/Busoni: Toccata, Adagio & Fugue in C major, BWV 564

      Schumann: Fantasie in C major, Op.17

      Scriabin: Sonata No.9, Op.68 (The Black Mass)
      Scriabin: Poème in F-sharp major, Op.32 No.1
      Chopin: Mazurka in C-sharp minor, Op.30 No.4
      Chopin: Etude in F major, Op.10 No.8
      Chopin: Ballade No.1 in G minor, Op.23

      Encores:
      Debussy: Serenade for the Doll
      Scriabin: Etude in C-sharp minor, Op.2 No.1
      Moszkowski: Etude in A-flat major, Op.72 No.11
      Schumann: Träumerei, Op.15 No.7


      1969 nahm Horowitz sich eine erneute Auszeit, die dieses Mal bis 1974 dauerte. Die Ursachen für diese häufigen Unterbrechungen seiner Karriere sind komplex. So litt Horowitz unter einer Depression. 1982 begann Horowitz wieder außerhalb der USA zu konzertieren und spielte 1986 zum ersten Mal wieder in Deutschland, am 11. Mai in Hamburg:

      Scarlatti: Sonata in B minor, K.87
      Scarlatti: Sonata in E major, K.380
      Scarlatti: Sonata in E major, K.135
      Schumann: Kreisleriana, Op.16
      Scriabin: Etude in C-sharp minor, Op.2 No.1
      Scriabin: Etude in D-sharp minor, Op.8 No.12

      Rachmaninoff: Prelude in G major, Op.32 No.5
      Rachmaninoff: Prelude in G-sharp minor, Op.32 No.12
      Liszt: Sonetto 104 del Petrarca
      Liszt: Soirée de Vienne No.6 (after Schubert)
      Chopin: Mazurka in C-sharp minor, Op.30 No.4
      Chopin: Mazurka in F minor, Op.7 No.3
      Chopin: Polonaise in A-flat major, Op.53

      Encores:
      Schumann: Träumerei, Op.15 No.7
      Liszt: Valse Oubliée No.1

      Legendär auch Horowitz triumphale Rückkehr nach Moskau wenige Wochen zuvor. Horowitz starb am fünften November 1989 an einem Herzinfarkt in New York und wurde am Tag nach dem Mauerfall in Mailand beigetzt.


      Was kennzeichnet Horowitz den Pianisten? Ich fange mal an, die Kenner und Fachleute unter Euch ergänzen bitte ;+)

      Legendär ist seine stupende Technik und vor allem in späteren Jahren sein Sinn für Klangfarben.

      Die Zahl der Aufnahmen des Künstlers ist fasst unüberschaubar. Schwerpunkt seines Repertories bildete sich das klassisch-romantische Repertoire, mit Schwerpunkten bei Tschaikowski, Rachmaninov und Scirabin. Auch Schumann gehört dazu. Neben den Klavierkonzerten setze Horowitz auch immer wieder Sonaten Beethovens auf das Programm, aber ein Repertoireschwerpunkt wurde Beethoven nie. Dazu kommen Liszt und Chopin. Seit 1969 spielte Horowitz auch immer wieder Scarlattis Sonaten. Das oben zitierte Hamburger Programm ist typisch für Horowitz Programme der späten Jahren.


      :wink: :wink:

      Christian
      Rem tene- verba sequentur - Beherrsche die Sache, die Worte werden folgen

      Cato der Ältere
    • Zur Einstimmung

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      Achtung! Nicht von der schlechten Rezension stören lasssen, die meckert über die zu kleine Schrift.
      Aber nur so bleiben es unter 500 Seiten. Die erweiterte Version (Neuauflage 2009) ist nicht notwendig, denn die abgebildete Version wurde von Werner Pfister (Fono forum) übersetzt.
      Gruß aus Kiel
      Manchmal tue ich so, als wäre ich normal. Doch dann wird mir langweilig und ich bin wieder ich selbst.
    • Vielen Dank lieber Caesar73 für diesen Horowitz Thread. Besonders faszinierend finde ich die Anschlagskultur dieses Pianisten, die eben wie Caesar es hervorhebt unglaubliche Klangschattierungen ermöglicht. Als in Wien sozialisierter Musikfreund war hier der Dreh- und Angelpunkt das legendäre Konzert am 31.5.1987 im Musikverein, wo die Karten ca. 3000 Schilling kosteten und der Musikverein trotzdem gesteckt voll war, auch am Podium saßen Menschen, darunter nicht nur die ganze Musikhochschule, Lehrpersonal wie Klavierschülerinnen und -schüler. Das Konzert wurde live in Ö1 und zeitversetzt im ORF Fernsehen übertragen - ein unvergeßlicher Tag für die Wiener Musikfreunde.

      Immer wieder höre ich gerne in die Box seiner späten DGG Aufnahmen rein, neulich erst als der Scarlatti Sonaten Thread eröffnet wurde und schon etwas länger her als es um Mozarts Konzert KV 488 ging.



      Füe 20.9. ist eine Box mit seinen Carnegie Hall Aufnahmen angekündigt.

      Herzliche Grüße
      AlexanderK
    • Ich verstecke mich hinter den Worten Glenn Goulds :D. Ich kann sehr gut nachvollziehen, was er über Horowitz gesagt hat :
      Es gab nur eine kurze Phase in meinem Leben - eine sehr kurze Phase - in der ich von Horowitz beeinflusst war. [...] eine kurze Phase, als ich etwa fünfzehn war, die rasend schnell vorüber ging... das war damals ein seltsames, launenhaftes, ganz und gar merkwürdiges Jahr in meinem Leben, in dem ich Horowitz wie verrückt nachahmte; danach habe ich das nie mehr gemacht, so viel ich weiß. Ich glaube, ich fühlte mich durch einen Eindruck von Raum angezogen, der sehr oft sein Spiel durchdrang, die Art, in der manchmal ganz unerwartet eine Alt- oder eine Tenorstimme auftauchte, mit der man nicht gerechnet hatte... Es verlieh seinem Spiel ganz plötzlich den Eindruck von Dreidimensionalität."
    • AlexanderK schrieb:


      Füe 20.9. ist eine Box mit seinen Carnegie Hall Aufnahmen angekündigt.

      Wenn man amazon und jpc glauben darf, sind hier etliche bisher nicht veröffentlichte Aufnahmen dabei, was einer Sensation gleichkäme, zumal es von einigen Stücken noch gar keine Aufnahme gab. Ärgerlich finde ich nur, dass man als Horowitz-Verehrer natürlich alles andere - zuweilen mehrfach - hat, und das ist bei dieser Box mehr als die Hälfte der 41 CD's. Trotzdem, das ist eine kapitale Veröffentlichung, da führt kein Weg dran vorbei!

      Viele Grüße,
      Christian
    • Christian B. schrieb:

      Ärgerlich finde ich nur, dass man als Horowitz-Verehrer natürlich alles andere - zuweilen mehrfach - hat, und das ist bei dieser Box mehr als die Hälfte der 41 CD's.
      Wenn es wirklich 41 (!) CDs sind, dann findet auch derjenige, der eigentlich alle bisher veröffentlichten Carnegie Hall-Mitschnitte von Horowitz beisammen hat (ich glaube, meine Sammlung dürfte insoweit ziemlich komplett sein), etwa 18 CDs mit neuem Material vor. Toll! :jub:
    • Caesar73 schrieb:

      El Duderino schrieb:


      Ich kann sehr gut nachvollziehen, was er über Horowitz gesagt hat :


      Ein schönes Zitat, fällt Dir eine Aufnahme ein, wo Du ähnliches bei Horowitz erlebt hast?


      zB hier:
      vollkommen zu Recht bei Rock/Pop einsortiert, die Aufnahme gehört von allen gehört! :D

      Gerade im zweiten Satz der Sonate haut Horowitz manchmal dermaßen prächtige Bässe raus, dass ich kaum glauben kann, dass das am selben Flügel gespielt ist. Gerne auch an Stellen, die eigentlich im p erklingen. Aber durch diese überraschenden Betonungen wird der ganze Rest der Musik in ein spannendes, neues Verhältnis gesetzt, deswegen verstehe ich die "dreidimensionale" Wirkung auf Gould so gut.
    • Caesar73 schrieb:

      Ein schönes Zitat, fällt Dir eine Aufnahme ein, wo Du ähnliches bei Horowitz erlebt hast?


      Ich weiß nicht, ob Gould das gemeint hat, aber spontan fällt mir bezüglich der Räumlichkeit, in der eine Mittelstimme auftaucht, eine Skrjabin-Aufnahme für CBS ein. Vielleicht die 9. oder 10. Sonate: Leise, sozusagen im Hintergrund Begleitfiguren und dann sehr präsent eine Melodiestimme. Müsste ich mal wieder in die CD reinhören.
      Nur weil etwas viel Arbeit war und Schweiß gekostet hat, ist es nicht besser oder wichtiger als etwas, das Spaß gemacht hat. (Helge Schneider)
    • music lover schrieb:

      Christian B. schrieb:

      Ärgerlich finde ich nur, dass man als Horowitz-Verehrer natürlich alles andere - zuweilen mehrfach - hat, und das ist bei dieser Box mehr als die Hälfte der 41 CD's.
      Wenn es wirklich 41 (!) CDs sind, dann findet auch derjenige, der eigentlich alle bisher veröffentlichten Carnegie Hall-Mitschnitte von Horowitz beisammen hat (ich glaube, meine Sammlung dürfte insoweit ziemlich komplett sein), etwa 18 CDs mit neuem Material vor. Toll! :jub:

      Laut Amazon sind folgende Aufnahmen sind in der Edition enthalten:

      CD 1
      25. April 1943
      Tchaikovsky: Klavierkonzert Nr.1 - NBC Symphony Orchestra, Arturo Toscanini
      CD 2/3
      17. Januar 1949 –enthält 11 unveröffentlichte Aufnahmen
      Werke von Bach, Schumann, Chopin, Prokofieff, Debussy, Rachmaninoff, Skrjabin
      CD 4/5
      21. Februar 1949 – bisher unveröffentlicht
      Werke von Mendelssohn, Beethoven, Skrjabin, Kabalevsky, Chopin, Liszt
      CD 6/7
      20. März, 1950 – enthält 13 unveröffentlichte Aufnahmen
      Werke von Clementi, Mendelssohn, Schumann, Barber, Chopin
      CD 8/9
      5. März 1951
      Werke von Schumann, Mozart, Prokofieff, Chopin, Liszt
      CD 10/11
      23. April 1951 - enthält 4 unveröffentlichte Aufnahmen
      Werke von Chopin, Haydn, Brahms, Mussorgsky
      CD 12
      12. Januar 1953 – bisher unveröffentlicht
      Tschaikowsky: Klavierkonzert Nr. 1 – New York Philharmonic, George Szell
      CD 13/14
      25. Februar 1953 – enthält 3 unveröffentlichte Aufnahmen
      Werke von: Brahms, Schubert, Chopin, Skrjabin, Debussy, Liszt
      CD 15/16
      9. Mai 1965
      Werke von Bach-Busoni, Schumann, Skrjabin, Chopin
      CD 17/18
      17. April 1966 – enthält 6 unveröffentlichte Aufnahmen
      Werke von Scarlatti, Beethoven, Mozart, Skrjabin, Chopin
      CD 19/20
      27. November 1966 – enthält 8 unveröffentlichte Aufnahmen
      Werke von Haydn, Schumann, Chopin, Debussy, Liszt
      CD 21/22
      10. Dezember 1966 – enthält 8 unveröffentlichte Aufnahmen
      Werke von Haydn, Schuman, Chopin, Debussy, Liszt
      CD 23/24
      26. November 1967 – enthält 14 unveröffentlichte Aufnahmen
      Werke von Beethoven, Chopin, Scarlatti, Schumann, Rachmaninoff
      CD 25
      2. Januar 1968 (live, invited audience) - bisher unveröffentlicht
      Werke von Chopin, Scarlatti, Schumann, Skrjabin
      CD 26
      1. Februar 1968
      Werke von Chopin, Scarlatti, Schumann, Skrjabin
      CD 27/28
      24. November 1968 – bisher unveröffentlicht
      Werke von Haydn, Schumann, Rachmaninoff
      CD 29/30
      15. Dezember 1968 – enthält 5 bisher unveröffentlichte Werke
      Werke von Haydn, Schumann, Rachmaninoff
      CD 31/32
      16. November 1975
      Werke von Schumann, Rachmaninoff, Liszt, Chopin
      CD 33/34
      23. November 1975 – bisher unveröffentlicht
      Werke von Schumann, Rachmaninoff, Liszt, Chopin
      CD 35/36
      18. Mai 1976
      Werke von Beethoven, Tschaikowsky, Rachmaninoff, Schumann, Bach, Händel
      CD 37
      8. Januar 1978
      Rachmaninoff: Klavierkonzert Nr. 3 – New York Philharmonic, Eugene Ormandy
      CD 38-41
      Horowitz’ “Private Collection” der Carnegie Hall Live-Aufnahmen 1945-1950
      DVD
      2. Januar und/oder 1. Februar 1968
      “Horowitz on Television” – bisher unveröffentlicht

      Bin vor allemauf die Aufnahmen Mitte der 60er gespannt, da war Horowitz auf dem Höhepunkt seiner Kunst!

      Viele Grüße,
      Christian
    • Ich hoffe, dass die Aufnahmetechnik einigermaßen ist. Ansonsten würde ich mir lieber die Liveaufnahmen von Sokolov kaufen, auch dieser hat eine stupende
      Spielweise. Außerdem gibt es ja noch Volodos, Hamelin und andere. Ist Horowitz zu den oben genannten Pianisten so viel besser? Oder ist es eher sein Mythos? gruß Telefrau.
    • Telefrau schrieb:

      Ich hoffe, dass die Aufnahmetechnik einigermaßen ist. Ansonsten würde ich mir lieber die Liveaufnahmen von Sokolov kaufen, auch dieser hat eine stupende
      Spielweise. Außerdem gibt es ja noch Volodos, Hamelin und andere. Ist Horowitz zu den oben genannten Pianisten so viel besser? Oder ist es eher sein Mythos?
      Horowitz auf stupende Technik zu reduzieren, reicht bei weitem nicht aus: Es ist vor allem sein unglaublich flexibler Klang, der ihn einzigartig macht. Ich hatte das Glück, ihn noch im Konzert zu erleben, und ich habe niemals zuvor und niemals danach eine solche Leichtigkeit und kantable Tragfähgikeit zugleich gehört. Hinzu kommt seine höchst individuelle Phrasierung (er spielt z.B. öfter mal ganz bewusst gegen die natürliche melodische Entwicklung an, indem er einen Höhepunkt zurücknimmt statt zu steigern), Stiimmführung (sogenannte Nebenstimmen bekommen bei ihm plötzlich ein ganz selbständiges, manchmal auch etwas verspieltes Eigenleben) und vor allem in jüngeren Jahren eine wahnwitzige Gespanntheit, die dann bei seinen letzten Konzerten einer heiteren Gelassenheit gewichen ist. Insgesamt ist er als künstlerische Persönlichkeit so einzigartig, dass es einfach keinen Sinn hat, ihn durch andere ersetzen zu wollen. Er ist nicht "besser" als Volodos usw., er ist einfach anders. Er ist Horowitz.

      Christian
      "Herr Professor, vor zwei Wochen schien die Welt noch in Ordnung."
      "Mir nicht."
      (Theodor W. Adorno)
    • ChKöhn schrieb:

      Telefrau schrieb:

      Ich hoffe, dass die Aufnahmetechnik einigermaßen ist. Ansonsten würde ich mir lieber die Liveaufnahmen von Sokolov kaufen, auch dieser hat eine stupende
      Spielweise. Außerdem gibt es ja noch Volodos, Hamelin und andere. Ist Horowitz zu den oben genannten Pianisten so viel besser? Oder ist es eher sein Mythos?
      Horowitz auf stupende Technik zu reduzieren, reicht bei weitem nicht aus: Es ist vor allem sein unglaublich flexibler Klang, der ihn einzigartig macht. Ich hatte das Glück, ihn noch im Konzert zu erleben, und ich habe niemals zuvor und niemals danach eine solche Leichtigkeit und kantable Tragfähgikeit zugleich gehört. Hinzu kommt seine höchst individuelle Phrasierung (er spielt z.B. öfter mal ganz bewusst gegen die natürliche melodische Entwicklung an, indem er einen Höhepunkt zurücknimmt statt zu steigern), Stiimmführung (sogenannte Nebenstimmen bekommen bei ihm plötzlich ein ganz selbständiges, manchmal auch etwas verspieltes Eigenleben) und vor allem in jüngeren Jahren eine wahnwitzige Gespanntheit, die dann bei seinen letzten Konzerten einer heiteren Gelassenheit gewichen ist. Insgesamt ist er als künstlerische Persönlichkeit so einzigartig, dass es einfach keinen Sinn hat, ihn durch andere ersetzen zu wollen. Er ist nicht "besser" als Volodos usw., er ist einfach anders. Er ist Horowitz.

      Christian


      Der Klang der Aufnahmen vor 1960 ist naturgemäß eher bescheiden, und auch die Aufnahmen ab 1960 sind in den meisten Fällen nicht mit der heutigen Aufnahmetechnik zu vergleichen. Ein Vergleich mit Sokolov und Hamelin macht ja nur dort Sinn, wo sie das gleiche Repertoire gespielt haben. Sokolov hat gerade mal 10 CDs aufgenommen, Hamelin wagt sich erst seit einigen Jahren ans Kernrepertoire und glänzte davor mit Entlegenem. Das kann man nicht vergleichen, und wenn doch, wie bei Chopins 2. Sonate, die alle drei Pianisten aufgenommen haben, Horowitz gleich mehrfach, zeigen sich gewaltige Unterschiede: Hamelins Chopin-Aufnahme ist erstaunlich langweilig, es ist eben viel schwieriger, so ein Werk zu meistern. Ganz anders Sokolov, von dem es eine fulminante Aufnahme der Sonate gibt, die nach Meinung eines geschätzten Experten mit ihrem russischen espressivo-Stil allerdings stilistisch daneben greift. Bei Horowitz ziehe ich die elektrisierende, frühe Aufnahme aus den 50ern vor, klangtechnisch ist die freilich nicht optimal. Zweifelsohne gehört er zu den großen Interpreten dieses schwierigen Werks und gerade im Vergleich mit Aufnahmen aktueller Label-Stars fällt auf, dass er bei dieser Sonate mehr riskiert, auch emotional, die Aufnahmen einer Grimaud, eines Trpceski, eines Lazic usw. sind im direkten Vergleich zu seinen beiden Aufnahmen erschreckend langweilig, ja überflüssig - sie fallen weit ab. Bspw. ist Horowitz einer der wenigen, der bei der Wiederholung der galoppierenden Achtel auf der ersten Notenseite die vorgeschriebenen Akzente realisieren kann - alle Neuaufnahmen der letzten Jahre sind diesbezüglich ein Totalausfall. An Horowitz führt meines Erachtens kein Weg vorbei, wenn man sich für Klaviermusik interessiert - aber deswegen muss man diese Box natürlich noch lange nicht erwerben, das ist vermutlich eher etwas für die Süchtigen ;)
      Viele Grüße,
      Christian
    • Ich finde die Diskographie sehr unübersichtlich. Selbst ohne die vielen Live-Aufnahmen, die erst nachträglich herausgekommen sind oder "Horowitz at Home" oder "last recordings" (wovon es ebenfalls mehrere gibt), ist es schwer den Überblick zu behalten, da viele Werke mehrfach aufgenommen und noch häufiger in unterschiedlichen Kollektionen und Zusammenstellungen und auf unterschiedlichen Labels veröffentlicht wurden. Gibt es so etwas wie einen Kern besonders empfehlenswerter CDs (also für nicht ausgewiesen Pianophile)?

      Ich besitze bisher die oben gezeigte Naxos-CD mit der Liszt-Sonate u.a. aus den 1930ern, die Scarlatti-CD, je eine Scriabin, Beethoven, Schumann-CD und die "Original Jacket"-Box.



      Tout le malheur des hommes vient d'une seule chose, qui est de ne pas savoir demeurer en repos dans une chambre.
      (B. Pascal)
    • Kater Murr schrieb:

      Ich finde die Diskographie sehr unübersichtlich. Selbst ohne die vielen Live-Aufnahmen, die erst nachträglich herausgekommen sind oder "Horowitz at Home" oder "last recordings" (wovon es ebenfalls mehrere gibt), ist es schwer den Überblick zu behalten, da viele Werke mehrfach aufgenommen und noch häufiger in unterschiedlichen Kollektionen und Zusammenstellungen und auf unterschiedlichen Labels veröffentlicht wurden. Gibt es so etwas wie einen Kern besonders empfehlenswerter CDs (also für nicht ausgewiesen Pianophile)?

      Es gibt neben der weitgehend vollständigen Jacket-Collection mit 70 CD's, die aber nur zu Mondpreisen erhältlich ist, noch eine zweite Auswahl mit 10 CD's, die vorwiegend aus den 60er Jahren stammt und einige seiner besten Aufnahmen überhaupt enthält, darunter auch das wunderbare Album THE SOUND OF HOROWITZ.
      Hin und wieder ist diese Box etwas günstiger zu bekommen:



      Ansonsten empfehle ich unbedingt seine den Wahnsinn nicht nur streifende Schumann-CD bei RCA:



      Sowie seine sämtlichen Chopin-Aufnahmen für CBS und Vol. 1 für RCA:

      und

      Viele Grüße,
      Christian
    • Das Spektrum ist bei ihm ja so unendlich weit, von den wunderbaren Schumanneinspielungen bis hin zu den unwiderstehlichen "Stars and stripes forever", wo man denken könnte, er hätte zwei zusätzliche Hände...
      Einzelne giebt es sogar, auf deren Gesicht eine so naive Gemeinheit und Niedrigkeit der Sinnesart, dazu so thierische Beschränktheit des Verstandes ausgeprägt ist, daß man sich wundert, wie sie nur mit einem solchen Gesichte noch ausgehn mögen und nicht lieber eine Maske tragen (Arthur Schopenhauer)
    • ChKöhn schrieb:

      Horowitz auf stupende Technik zu reduzieren, reicht bei weitem nicht aus: Es ist vor allem sein unglaublich flexibler Klang, der ihn einzigartig macht.


      Könntest Du sagen, wodurch sich das Spiel Horowitz´von dem - sagen wir mal - Rubinsteins unterscheidet?

      :wink: :wink:

      Christian
      Rem tene- verba sequentur - Beherrsche die Sache, die Worte werden folgen

      Cato der Ältere
    • Caesar73 schrieb:

      Könntest Du sagen, wodurch sich das Spiel Horowitz´von dem - sagen wir mal - Rubinsteins unterscheidet?
      Das ist insofern für mich schwieirg als ich Rubinstein leider nicht mehr live gehört habe. Aber grundsätzlich würde ich sagen, dass die beiden in vielerlei Hinsicht diametral entgegengesetzt sind: Wo für Rubinstein "Klavierspielen eine Form des Atmens, des Sich-wohl-Fühlens zu sein" scheint (Joachim Kaiser, Grosse Pianisten in unserer Zeit, Rütten + Loening Verlag GmbH München 1965, Seite 40; man muss ja hier mit Zitaten neuerdings äußerst vorsichtig sein...), äußert sich bei Horowitz fast immer eine nervöse Gespanntheit, die sich in manchen Momenten geradezu irrwitzig steigern kann. Wo Rubinstein durch die überlegene dramaturgische Gestaltung auch größter Spannungsbögen ein Gefühl von Sicherheit vermittelt, da scheint Horowitz an vielen Stellen buchstäblich um Leben und Tod zu kämpfen. Dem stehen dann Oasen einzigartiger Ruhe und kantabler Schönheit entgegen (wunderbar z.B. im langsamen Satz aus der Bach-Busoni-Toccata bei seinem Comeback-Konzert 1965). Aber im Zusammenhang wirken sie weniger entspannt als vielmehr mit aller Kraft zur Ruhe gezwungen. Horowitz' Spiel erinnert mich in dieser Hinsicht und überhaupt in seiner Zerrissenheit an die Musik Robert Schumanns, und wohl nicht zufällig sind ihm dort einige seiner großartigsten Aufnahmen gelungen (z.B. Kreisleriana). Um im Bild zu bleiben: Rubinstein wäre im Vergleich für mich eher der Mozart des Klavierspiels ;+) . Erst im hohen Alter fand Horowitz zu dieser ganz besonderen Gelöstheit, zu einer heiteren, geradezu kindlichen Spielfreude, immer noch risikobereit, dabei aber auch mit einer gewissen ironischen Distanz, einem charmanten Augenzwinkern. Als ich ihn bei seinem allerletzten öffentlichen Konzert in Hamburg hörte, strahlte er - zusammen mit seinem Publikum - vor Glück. Im Bewusstsein der Abgründe, durch die er im Laufe seines Lebens gegangen ist, konnte man darüber nur froh sein.

      Christian
      "Herr Professor, vor zwei Wochen schien die Welt noch in Ordnung."
      "Mir nicht."
      (Theodor W. Adorno)
    • ChKöhn schrieb:

      Horowitz' Spiel erinnert mich in dieser Hinsicht und überhaupt in seiner Zerrissenheit an die Musik Robert Schumanns, und wohl nicht zufällig sind ihm dort einige seiner großartigsten Aufnahmen gelungen (z.B. Kreisleriana)

      Gibt's eine klanglich brauchbare Einspielung von Schumanns 1. Sonate? Die würde ich mir sofort holen.