Vladimir Horowitz - ein erratisches Genie

    Diese Seite verwendet Cookies. Durch die Nutzung unserer Seite erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies setzen. Weitere Informationen

    • Danke für Deine Einschätzung, Christian. Meines Wissens - bitte verbessert mich, wenn ich da falsch liege - , ist das Repertoire bei Rubinstein insgesamt umfangreicher. gruß Telefrau (schade, dass ich nicht Klavier spielen kann - aber ich höre es gerne.)
    • Telefrau schrieb:

      Meines Wissens - bitte verbessert mich, wenn ich da falsch liege - , ist das Repertoire bei Rubinstein insgesamt umfangreicher.
      Hier sind sicher Sammler, die Dir das genauer sagen können. Wahrscheinlich hast Du Recht, aber auf alle Fälle waren beide eher Universalisten als Spezialisten.

      Christian
      Jeder Eindruck, den man macht, schafft Feinde. Um populär zu bleiben, muss man mittelmäßig sein.
      Oscar Wilde
    • Artikel in der SZ

      "http://www.sueddeutsche.de/kultur/jahrhundertgenie-vladimir-horowitz-im-heiligen-saal-1.1865676"

      Der Artikel erwähnt einige private Details, die ich so nicht wusste.

      maticus
      Social media is the toilet of the internet. --- Lady Gaga
    • maticus schrieb:

      "http://www.sueddeutsche.de/kultur/jahrhundertgenie-vladimir-horowitz-im-heiligen-saal-1.1865676"

      Der Artikel erwähnt einige private Details, die ich so nicht wusste.

      maticus
      Leider konnte Helmut Mauro mal wieder nicht seiner Neigung widerstehen, den einen hochzujubeln, indem er andere niedermacht. Ich hätte nicht gedacht, dass ich noch einmal zum Verteidiger von Andreas Staier würde, aber ihn als "musikalisch nahezu unbeholfen" zu charakterisieren, ist einfach eine Frechheit (die neulich aber noch übertroffen wurde, als Mauro in einer Rezension über Murray Perahias Klavierabend in München diesem und gleich mehreren anderen aktuellen Pianisten, darunter Pollini, das Karriereende empfahl). Dass Mauro Daniil Trifonov für den aktuell einzig legitimen Vertreter der "großen Pianisten-Tradition" hält, sei ihm als exotische Privatmeinung unbenommen, aber im SZ-Feuilleton wäre eine differenziertere Betrachtung der pianistischen Gegenwart doch wohl zu erwarten. Vollkommen absurd wird seine Eloge auf Trifonov, wenn er behauptet, verglichen mit diesem hätten alle anderen heutigen Pianisten ein kleines Repertoire. Auch seine Bemerkung zum "Jeu perlé" ist von bemerkenswerter historischer Ahnungslosigkeit. Mauro sollte allmählich mal über sein Karriereende nachdenken...

      Christian
      Jeder Eindruck, den man macht, schafft Feinde. Um populär zu bleiben, muss man mittelmäßig sein.
      Oscar Wilde
    • ChKöhn schrieb:

      maticus schrieb:

      "http://www.sueddeutsche.de/kultur/jahrhundertgenie-vladimir-horowitz-im-heiligen-saal-1.1865676"

      Der Artikel erwähnt einige private Details, die ich so nicht wusste.

      maticus
      Leider konnte Helmut Mauro mal wieder nicht seiner Neigung widerstehen, den einen hochzujubeln, indem er andere niedermacht. Ich hätte nicht gedacht, dass ich noch einmal zum Verteidiger von Andreas Staier würde, aber ihn als "musikalisch nahezu unbeholfen" zu charakterisieren, ist einfach eine Frechheit (die neulich aber noch übertroffen wurde, als Mauro in einer Rezension über Murray Perahias Klavierabend in München diesem und gleich mehreren anderen aktuellen Pianisten, darunter Pollini, das Karriereende empfahl). Dass Mauro Daniil Trifonov für den aktuell einzig legitimen Vertreter der "großen Pianisten-Tradition" hält, sei ihm als exotische Privatmeinung unbenommen, aber im SZ-Feuilleton wäre eine differenziertere Betrachtung der pianistischen Gegenwart doch wohl zu erwarten. Vollkommen absurd wird seine Eloge auf Trifonov, wenn er behauptet, verglichen mit diesem hätten alle anderen heutigen Pianisten ein kleines Repertoire. Auch seine Bemerkung zum "Jeu perlé" ist von bemerkenswerter historischer Ahnungslosigkeit. Mauro sollte allmählich mal über sein Karriereende nachdenken...

      Christian

      Danke für diesen Beitrag. Noch gestern habe ich mich über Kritiker aufgeregt, die andauernd das jeu perlé eines Pianisten (oder das Fehlen desselben) hervorheben. We are so sophisticated... Auch verstehe ich nicht, wie man die siebte Sonate von Prokofjew ohne einen "leichten ironischen Anstrich" spielen kann (jedenfalls den ersten Satz). Ich verstehe ja, dass Horowitz eine Legende ist und fantastisch gespielt hat, aber unfehlbar war er nicht. Eigentlich dachte ich immer, dass Horowitz ein vergleichsweise kleines Repertoire hatte. :stern:
      "Nicht immer sind an einem Misserfolg die Künstler schuld.
      Manchmal ist es auch das Publikum, das indisponiert ist."
      Leonie Rysanek (1926-1998)
    • Vitelozzo schrieb:

      Ich verstehe ja, dass Horowitz eine Legende ist und fantastisch gespielt hat, aber unfehlbar war er nicht. Eigentlich dachte ich immer, dass Horowitz ein vergleichsweise kleines Repertoire hatte.

      Nein, ein kleines Repertoire hatte er eigentlich nicht. Man vergißt auch gerne, daß er sich durchaus auch für eher seltener Gespieltes interessiert und eingesetzt hat. Als Beispiel seien hier Muzio Clementi und - er war als Interpret zu dieser Zeit von der Öffentlichkeit sehr auf seine Virtuosität reduziert - sein mutiges "Umschwenken" zu Scarlatti genannt.

      Unfehlbar war Horowitz nie - ganz im Gegenteil. Sensibilität und Nervosität waren sicher sowohl Voraussetzung als auch schwere Bürden seines Könnens. Was das Besondere an Horowitz war, füllt bei genauer Analyse sicher Seiten, und vieles ist bereits genannt worden. Neben der ungewöhnlich ausgesprägten Flexibilität seines Spiels und der gewaltigen Virtuosität kommt aber auch etwas zum Tragen, was der extrem kritische Pianistenkollege Claudio Arrau im Gespräch über Horowitz' Spiel sagte (Claudio Arrau: Leben mit der Musik) - eine unglaubliche Elektrizität.
      (Anm. meinerseits: damit sind nicht nur die gewaltigen Entladungen gemeint, sondern auch die Fähigkeit, nahezu unerträgliche Spannung aufzubauen und Höhepunkte zu entwickeln)
      LG
      tastenrabe
    • Hier fantastische Filmaufnahmen von VH und Gefolge in den Jahren 1928/29 bei einer privaten Veranstaltung in Cincinatti- leider ohne jeden Ton, aber wie toll ist es, den jungen Horowitz zu sehen! Der Typ, mit dem er zu Beginn des zweiten Teils plaudert, soll Fritz Reiner sein.

      "https://www.youtube.com/watch?v=ibs-ZwpHmsM"


      Cheers,

      Lavine :wink:
      "You gotta grab'em by Debussy" (DJ Trump)
    • ChKöhn schrieb:

      Das ist insofern für mich schwieirg als ich Rubinstein leider nicht mehr live gehört habe. Aber grundsätzlich würde ich sagen, dass die beiden in vielerlei Hinsicht diametral entgegengesetzt sind: Wo für Rubinstein "Klavierspielen eine Form des Atmens, des Sich-wohl-Fühlens zu sein" scheint (Joachim Kaiser, Grosse Pianisten in unserer Zeit, Rütten + Loening Verlag GmbH München 1965, Seite 40; man muss ja hier mit Zitaten neuerdings äußerst vorsichtig sein...), äußert sich bei Horowitz fast immer eine nervöse Gespanntheit, die sich in manchen Momenten geradezu irrwitzig steigern kann. Wo Rubinstein durch die überlegene dramaturgische Gestaltung auch größter Spannungsbögen ein Gefühl von Sicherheit vermittelt, da scheint Horowitz an vielen Stellen buchstäblich um Leben und Tod zu kämpfen. Dem stehen dann Oasen einzigartiger Ruhe und kantabler Schönheit entgegen (wunderbar z.B. im langsamen Satz aus der Bach-Busoni-Toccata bei seinem Comeback-Konzert 1965). Aber im Zusammenhang wirken sie weniger entspannt als vielmehr mit aller Kraft zur Ruhe gezwungen. Horowitz' Spiel erinnert mich in dieser Hinsicht und überhaupt in seiner Zerrissenheit an die Musik Robert Schumanns, und wohl nicht zufällig sind ihm dort einige seiner großartigsten Aufnahmen gelungen (z.B. Kreisleriana). Um im Bild zu bleiben: Rubinstein wäre im Vergleich für mich eher der Mozart des Klavierspiels ;+) . Erst im hohen Alter fand Horowitz zu dieser ganz besonderen Gelöstheit, zu einer heiteren, geradezu kindlichen Spielfreude, immer noch risikobereit, dabei aber auch mit einer gewissen ironischen Distanz, einem charmanten Augenzwinkern. Als ich ihn bei seinem allerletzten öffentlichen Konzert in Hamburg hörte, strahlte er - zusammen mit seinem Publikum - vor Glück. Im Bewusstsein der Abgründe, durch die er im Laufe seines Lebens gegangen ist, konnte man darüber nur froh sein.
      Das genau würde ich unterschreiben, vielleicht noch hinzufügen, dass seinem Spiel eine Art der Hysterie eigen war (z.B. 2. Studio-Aufnahme der Liszt-Sonate), die ich so kaum von anderen Pianisten und schon gar nicht von Rubinstein kenne.

      Ich war damals in seinem ersten Konzert, dass er wieder auf deutschem Boden gab. 1986 in Hamburg und auch das zweite Hamburger Konzert, ein Jahr später und, wie wir nun wissen, sein letztes habe ich auch erlebt. Meine Güte, 1986 war ich noch ein junger Spund (jedenfalls musikalisch) und hatte eigentlich nur nächtelang für Karten angestanden, weil ich das Ereignis eben nicht verpassen wollte. Nicht ahnend, was es in mir auslösen würde.

      Es war eine unglaublich erregte Stimmung damals in der Musikhalle. Zudem kam ich fast zu spät, musste dann nochmal (wir saßen ganz oben in der Galerie) nach unten hetzen, um ein Programm zu ergattern, hechelte wieder nach oben und hatte mich kaum gesetzt, als das Licht ausging. Und dann erschien dieser alte, wackelige Mann auf der Bühne, Standing Ovations, und begann, nach all dieser Aufregung, mit einer ganz stillen, scheinbar schlichten Scarlatti-Sonate. Und vom ersten Ton war ich ihm verfallen. Das habe ich nie wieder erlebt. Weder bei Richter, noch bei Serkin, noch bei Pogorelich, noch bei Lupu, noch bei Barenboim oder irgendeinem anderen Pianisten, den ich erlebt habe.

      Und danach kam sein Schubert und sein Liszt/Schubert, sein Schumann, sein Chopin, sein Rachmaninov. Und jede Note packte mich erneut. Dieser Gesang auf dem Klavier, diese unglaubliche Intensität, dieses Ausloten, dieses Entdecken von völlig neuen Nuancen.

      Ich muss gestehen, dass ich sein 2. Konzert in Hamburg, im Vergleich, nicht mehr so gut fand. Hier merkte man schon, dass er eben auch ein alter Mann war, dass ihm an manchen Stellen die Kraft fehlte. 1986 war er mit Sicherheit in einer besonderen Stimmung. Vorher die Konzerte in seiner alten Heimat, dann das Wiederauftreten in der Stadt, in der er seinen Durchbruch hatte.

      Jedenfalls sammele ich seitdem alles, was ich von ihm in die Finger kriegen kann. Was nicht heißt, dass ich alles als des Pianisten letztes Wort ansehe. Aber er wird für mich immer etwas ganz Spezielles sein.

      :wink: Falstaff