Was ist, was soll, was darf Opernregie? Und was nicht?

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    • putto schrieb:

      Was interessiert es jemanden, der das Konzept "Regietheater" für verfehlt hält,
      Was ist denn das Konzept des RT?

      Gibt es da eine allgemeingültige Theorie? Gehört da Wieland Wagner auch schon dazu, der die Taube im Parsifal weggelassen hat, neben all den anderen, die damaligen Bayreuth-Besucher höchst verstörenden Dinge? Gehört das Visconti dazu, der die berühmte Callas-Traviata von 1955 in eine andere Zeit versetzte?

      Oder geht es um das vermeintliche 'Zerstören' des Kunstwerkes oder gleich der gesamten Gattung Oper?

      :wink: Wolfram
    • Sadko schrieb:

      Ich habe mich nie als Fan des "Regietheaters" bezeichnet, weil ich diesen Begriff nicht benütze. Ich interessiere mich für lebendiges und intelligentes Theater, eine Regie gibts ja bekanntlich in jeder Inszenierung.
      Ich merke immer wieder, dass ich hier Stellung zu Dingen nehme, die bereits andererseits beantwortet wurde. Der Fluch des späten Einloggens. Aber sei's drum.

      Für einen selber ist das genau die richtige Kategorie. Eine Inszenierung ist entweder gut oder schlecht, betrifft mich, bereichert mich oder auch nicht. Völlig egal, ob RT oder nicht.

      Wollen wir aber allgemeiner sprechen, also von 'modernen' Inszenierungen oder von 'traditionellen' kommen wir wohl um den Begriff 'RT' nicht herum. Das bleibt schwammig, aber vielleicht erfahren wir ja noch etwas über das Konzept des RT. ;)

      :wink: Wolfram
    • Sadko schrieb:

      2) Wieso geht das gegen die Musik? Worauf Pimen schreibt oder nicht schreibt, ist doch vollkommen egal für die Aussage des Werkes. Das Festhalten an "Aber Pimen muss eine Chronik mit der Hand schreiben, weil es so im Libretto steht" ist keine Diskussionsgrundlage, abgesehen davon dass es nicht gegen die Musik geht, wenn Pimen einen Laptop benützt.
      Es kann gegen die Musik gehen, was man wirklich im Einzelfall untersuchen muss. Was allerdings auch sein kann, ist, dass ein 'Vergehen' gegen die Musik zu interessanten neuen Einsichten führen kann. Von daher muss man es an jeden Einzelfall genau betrachten.

      Das ist die Theorie. Ich selber bin da auch nicht immer so gnädig. Ich wollte mal einen Hamlet in Stratford mir anschauen und sah ihn auf dem Plakat mit einem Revolver agieren. (Für mich irgendwie gegen das Stück inszeniert.) Daraufhin nahm ich Abstand davon, entschied mich für den Julius Cäsar - und flog genau so hinein. :D

      Aber das gilt alles nur für mich. Ob der Hamlet nun eine gute oder schlechte Inszenierung war, würde ich mir nie erlauben zu beurteilen.

      :wink: Wolfram
    • Wolfram schrieb:

      putto schrieb:

      Was interessiert es jemanden, der das Konzept "Regietheater" für verfehlt hält,
      Was ist denn das Konzept des RT?
      Es gibt kein "Konzept Regietheater". Selbst wenn man manche Inszenierungen als "Regietheater" bezeichnen kann: Das ist dennoch kein "Konzept". Es gibt auch kein Konzept des Barock, der Gotik oder der Renaissance. Wenn die Künstler arbeiten, verfolgen sie nicht - jedenfalls nicht bewusst - irgendwelche Konzepte, Strömungen oder Kunstrichtungen. Sie machen einfach das, was sie für richtig halten. Erst später kommen die Kunsthistoriker und ordnen die Stile entsprechend ein.

      Bach hatte z.B. null Ahnung von Barockmusik. Weder Haydn noch Mozart hatten jemals etwas von einer "Sonatenhauptsatzform" gehört. Viele Regietheater-Regisseure halten sich für die werktreuesten Regisseure der Musikgeschichte.



      Thomas
    • Amfortas09 schrieb:

      Futurismus mochte antibürgerliche Agitation haben, RT nicht, weil es Versuch von Lebensverlängerung der Kunstform:
      Komm, seien wir ehrlich, das Antibürgerliche, die Lust an der Provokation etc. spielt auch durchaus bei manchen Regisseuren mit. Aber letztlich entlarven sich solche Produktionen auch ziemlich schnell oder sollten es jedenfalls. Der hier angesprochene Chereau zählt mit Sicherheit nicht zu dieser Kategorie, was das Gesamtergebnis angeht. Welche (vielleicht außerkünstlerischen) Verlockungen ihn zudem zu dieser Produktion veranlasst haben, könne wir alle nicht beurteilen. Und wenn ihn das oben Genannten auch angetrieben hat, hat er sich jedenfalls davon nicht beherrschen lassen. ;)

      :wink: Wolfram
    • Der Begriff der Werktreue ist im Grunde nicht mit dem Konzept Darstellende Kunst vereinbar, sondern wäre nur gerechtfertigt, wenn wir über Kunstdarstellung sprächen. In den darstellenden Künsten ist das Darstellen selbst der zentrale künstlerische Ausdruck. Dabei wird oft auf Werkschöpfungen (notierte Musik, Dramentexte usw.) von anno dazumal zurückgegriffen, weil diese bis vor einigen Jahrzehnten das einzig Reproduzierbare, Festgehaltene waren.

      Und eine Fokussierung auf das Reproduzierbare hat den westlichen (darstellenden) Kunstgeschmack stark geprägt. Er ist, im wahrsten Sinne, konservativ. Im Grunde ist Regietheater (also Interpretierendes Zusammensetzen eines oder mehrerer Stoffe zu einer Darstellungseinheit "Performance") ein echter Ausdruck darstellender Kunst, während der Ruf nach Werktreue eigentlich ein Ruf nach Kunstwerksabbildung ist.

      Ich glaube auch, das ist die "Geschmacksfrage" dabei: ein geschmacklich konservatives Klassik-/Theaterpublikum wünscht sich eine Wiedergabe von Bekanntem und eine Interpretationsleistung eher auf der Ebene von Stimmfarbe und Kostüm. Hier geht es dann um das Werk "Urtext". Für Regietheaterfreundinnen und -freunde ist die Performance das Werk.

      In dieser "Geschmacksfrage" Position zu beziehen, fällt mir selbst nicht leicht. Ich möchte auf beides nicht verzichten, und das hat auch mit vorgeprägten Erwartungen und Veränderungsbereitschaft zu tun. Im Tanzbereich finde ich es selbstverständlich, dass nicht das ganze Werk vertanzt werden muss, bei Oper wünsche ich mir manchmal viel Eingriff (z.B. Die Perlenfischer, weil die Handlung nicht plausibel ist), manchmal keinen (Wagner - sofern es sich nicht um Kürzungen beim Rienzi handelt :P ). Beim Sprechtheater habe ich mich daran gewöhnt, dass in vielen Inszenierungen nur noch 30% des Urtextes/-stoffes vorkommen. Und diese unterschiedliche Veränderungsbereitschaft hat glaube ich auch mit kultureller Vorprägung zu tun: klassische Musik gilt in unserer Gesellschaft - anders als Literatur - nach wie vor als bürgerlicher Sakralbereich.
      ...auf Pfaden, die kein Sünder findet...
    • Wolfram schrieb:

      Komm, seien wir ehrlich .
      Ich bin ehrlich. :jaja1: :jaja1: :jaja1: :jaja1: Glaub mir. :)

      Wolfram schrieb:

      das Antibürgerliche, die Lust an der Provokation etc.
      Verzapfe - um Ehrllichkeit zu belegen - mal "bürgerliches" :D Back-Chat (Widerworte) gegen Identifikation von Provokation mit Antibürgerlich.

      Die beiden ersten orchestralen Knaller vor Hauptthema zu Beginn von Beethovens Eroica kommen höchst provokativ rüber. Eroica-Chose ist aber keineswegs antibürgerlich. Im Gegentum, weil damit bürgerliche Subjektivität – die sich vor allem in der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts ausprägte - quasi sich austobt bzw. sich setzt.
      Oder gleichfalls kommt die Figur der Leonore im Fidelio provokativ rüber, die sich dann als Frau outet und dem Fiesling Pizarro die Knarre vor seine miese Fresse hält.
      Leonore ist bürgerlich, weil sie bürgerliche Subjektivität, bürgerliche Autonomie (Allegro-con-brio „ Ich folg dem innern Triebe,“) verkörpert. So auch Leonores Handlungsmotivation, die ist nämlich (ohne h) echt sk = sittengesetzkompatibel. Also nicht bloß Legalität, sondern (allgemeine, unbedingte, autonome -> sorry, kommt jetzt etwas doppeltgemoppelt rüber) Moralität in Gestalt eines Prinzips von Gattenliebe und sie will den am Hungertuch nagenden Knasti doch in jedem Fall aus der Scheiße helfen… (inzwischen wird mal entsprungene Autonomie zunehmend verkackt und schrumpft zu Mini-Grenzwert runter.. )

      Wolfram schrieb:

      Aber letztlich entlarven sich solche Produktionen auch ziemlich schnell oder sollten es jedenfalls.
      Für die Mehrzahl der von mir reingezogen RT-Produktionen, die bürgerlich sind (andere kann ich mir nicht vorstellen), kann ich das nicht bestätigen.
      Okay, okay,okay, Eingeräumt. Du schränkst das ja durch "manchen " schon ein.

      Wolfram schrieb:

      . Der hier angesprochene Chereau zählt mit Sicherheit nicht zu dieser Kategorie, was das Gesamtergebnis angeht
      Chereau-Ring kommt mir auch geil rüber.

      Wolfram schrieb:

      Welche (vielleicht außerkünstlerischen) Verlockungen ihn zudem zu dieser Produktion veranlasst haben, könne wir alle nicht beurteilen. Und wenn ihn das oben Genannten auch angetrieben hat, hat er sich jedenfalls davon nicht beherrschen lassen.
      Find ich auch. Genese und Geltung sind mir echt verschiedene Schuhe. Das Ergebnis muss nicht mit dem platt gemacht bzw. damit identifiziert werden, was Chereau angetrieben haben mag.
      „Ein Komponist, der weiß, was er will, will doch nur was er weiß...“ Helmut Lachenmann
    • Wolfram schrieb:

      putto schrieb:

      Was interessiert es jemanden, der das Konzept "Regietheater" für verfehlt hält,
      Was ist denn das Konzept des RT?

      Gibt es da eine allgemeingültige Theorie? Gehört da Wieland Wagner auch schon dazu, der die Taube im Parsifal weggelassen hat, neben all den anderen, die damaligen Bayreuth-Besucher höchst verstörenden Dinge? Gehört das Visconti dazu, der die berühmte Callas-Traviata von 1955 in eine andere Zeit versetzte?

      Oder geht es um das vermeintliche 'Zerstören' des Kunstwerkes oder gleich der gesamten Gattung Oper?

      :wink: Wolfram
      Wikipedia fasst das doch ganz gut zusammen.
      Wichtig ist, in Regietheater versus Werktreue nicht zwei Territorien zu sehen mit Grenze dazwischen, sowas geht immer schief (wo ist die Grenze zwischen Renaissance und Barock oder zwischen Expressionismus und Neuer Sachlichkeit?)
      Das sind Pole, zwischen denen die Produktion ausgebreitet ist, mit stets anderem Verhältnis dazu.
      This play can only function if performed strictly as written and in accordance with its stage instructions, nothing added and nothing removed. (Samuel Beckett)
    • Symbol schrieb:

      Wer definiert denn dann, wo die Trennlinie liegt? Ist etwas "werktreu", wenn es den (ominösen) Geist des Werks wiedergibt?

      Symbol schrieb:

      Und wieviel Abweichung vom Text ist erlaubt, bevor die Werktreue verletzt ist?

      Symbol schrieb:

      Laut putto ist der falsch platzierte Baum nicht so wild, die zeitliche Verlegung aber sehr wohl (es sei denn, der Rest der Aufführung gefällt, dann wird das auf einmal minderwichtig

      Symbol schrieb:

      Was ist die rationale Überlegung dafür? Wieso kann man es zu einer allgemeinen Regel machen, dass die Libretto-getreue zeitliche Verortung für den theatralischen Teil eines Musiktheaterwerks intregral ist? Und: wie exakt muss diese zeitliche Verortung denn eingehalten werden?

      man kann vielleicht solche Positionen genauer diskutieren und ausarbeiten. Einfach so allgemein gelten sollende Regeln aufstellen geht sicher nicht.

      Wenn ich von mir selbst ausgehe:

      mich können "kleine" Abweichungen ggf. schon ganz erheblich stören. z.B. in der erwähnten Pimen-Szene: wenn Pimen nicht schreibt, sondern etwa mit dem Buch unterm Arm umherwandelt, ist das für mich schon eine erhebliche "Entstellung" der Szene, die mag ansonsten so traditionell gestaltet sein wie sie will - wegen des Verhältnisses zur Musik. Aber das ist natürlich nicht immer so empfindlich.

      Es kommt für mich auch sehr auf die Intention an. Wenn eine "Zeitversetzung" (= eine Versetzung gegen die in dem Werk fingierte Zeit, nicht unbedingt gegen eine historische Zeit) - wenn also eine "Zeitversetzung" wirklich so etwas wie eine "Aktualisierung", *)

      Ecclitico hat mal eine ganz herzige Szene aus Haydns "Orlando Paladino" verlinkt, da tritt eine Sängerin im total anachronistischen koreanischen Soldatenoutfit auf. Das ist dann durch den komödiantischen Kontext nochmal eine andere Situation, und höchst unterhaltend.

      "Moderne" Kleidung im Sinne einer Abstraktion hatte wir schon mal als Thema (Amfortas brachte Moses+Aron/Boder als Beispiel). Da gehe ich gern mit.

      Was mich sehr nervt ist, wenn Personen auf der Bühne herumwuseln, die nicht vorgesehen sind. Sei es, daß diese etwas symbolisieren, verkörpern sollen, was die Regie im Stück vorfinden will, sei es, daß sichtbar gemacht werden soll, was in der Phantasie von handelnden Personen vor sich geht (wenn man Verständnishilfen anbieten möchte, dann mit Übertiteln z.B.). Ich denke dann, die Musik wäre anders ausgefallen, wenn der Komponist es so komponiert hätte.

      edit
      *) hier ist was unbeabsichtigt weggefallen, womit ich meiner Abneigung gegen derlei ausdrücken wollte.
      ---
      Es wäre lächerlich anzunehmen, daß das, was alle, die die Sache kennen, daran sehen, von dem Künstler allein nicht gesehen worden wäre.
      (J. Chr. Lobe, Fliegende Blätter für Musik, 1855, Bd. 1, S. 24).


      Wenn du größer wirst, verkehre mehr mit Partituren als mit Virtuosen.
      (Schumann, Musikalische Haus- und Lebensregeln).
    • Neu

      Wolfram schrieb:

      Sadko schrieb:

      Aber man kann nicht über etwas reden, das man nicht gesehen hat. Ich kann nicht ein,
      Man sollte keine Urteile mit Anspruch auf Allgemeingültigkeit fällen. Wenn ich aber einen Trailer des betreffenden Opernhauses mir ansehe, der ja der Werbung gilt und ich dann merke, dass diese 'Werbung' bei mir aus verschiedenen Gründen nicht funktioniert, schenke ich mir schon den Aufwand und die Kosten.

      Gegenteiliges funktioniert natürlich auch.
      Ja, das ist ja auch vollkommen in Ordnung und legitim! Aber Du denkst ja nur "Okay, das schaut nicht so aus, als dass es mir gefallen würde. Das spar ich mir, das ist mir den finanziellen und zeitlichen Aufwand nicht wert", und Du leitest nicht aus dem Betrachten ein paar Bilder ab, dass die Inszenierung Mist ist. Das ist mE ein großer Unterschied :D
      Aber ich habe auch die Erfahrung gemacht, dass die im vorhinein gefassten Meinungen nicht immer stimmen. Ich wollte zB Anfang Februar nach Bratislava fahren, um einen meiner Lieblingssänger als Sparafucile zu hören, und die wenigen Bilder, die ich im vorhinein gesehen hatte, ließen mich vermuten, dass die Produktion ein 0-8-15-Schmarrn ist. Ich hatte eigentlich kaum Lust hinzufahren. Aber ich musste feststellen, dass mir Produktion super gefällt! Aber ich verstehe es natürlich auch, wenn man nach dem Betrachten ein paar Bilder oder eines kurzen Videos zum Schluss kommt, dass man sich das nicht unbedingt geben muss...

      diskursprodukt schrieb:

      Der Begriff der Werktreue ist im Grunde nicht mit dem Konzept Darstellende Kunst vereinbar, sondern wäre nur gerechtfertigt, wenn wir über Kunstdarstellung sprächen. In den darstellenden Künsten ist das Darstellen selbst der zentrale künstlerische Ausdruck. Dabei wird oft auf Werkschöpfungen (notierte Musik, Dramentexte usw.) von anno dazumal zurückgegriffen, weil diese bis vor einigen Jahrzehnten das einzig Reproduzierbare, Festgehaltene waren.

      Und eine Fokussierung auf das Reproduzierbare hat den westlichen (darstellenden) Kunstgeschmack stark geprägt. Er ist, im wahrsten Sinne, konservativ. Im Grunde ist Regietheater (also Interpretierendes Zusammensetzen eines oder mehrerer Stoffe zu einer Darstellungseinheit "Performance") ein echter Ausdruck darstellender Kunst, während der Ruf nach Werktreue eigentlich ein Ruf nach Kunstwerksabbildung ist.

      Ich glaube auch, das ist die "Geschmacksfrage" dabei: ein geschmacklich konservatives Klassik-/Theaterpublikum wünscht sich eine Wiedergabe von Bekanntem und eine Interpretationsleistung eher auf der Ebene von Stimmfarbe und Kostüm. Hier geht es dann um das Werk "Urtext". Für Regietheaterfreundinnen und -freunde ist die Performance das Werk.
      Ich finde, Du hast in diesen drei Absätzen genau das beschrieben, was ich denke; nur hätte ich es nicht so ausgefeilt formulieren können! Wie es aber im Sprechtheater ausschaut, kann ich nicht beurteilen, weil ich nur höchst selten (1mal im Jahr, wenn überhaupt) dorthin gehe. Aber dort stört es mich üblicherweise, wenn ich nicht das Libretto zu hören bekomme. Ein "Vorteil" der Oper ist ja, dass die Texte und die Szenenabfolge im wesentlichen vorgegeben sind.
    • Neu

      Die Gleichsetzung von Werktreue mit "geschmacklich konservativ" ist ja ein Witz. Ich wünsche mir auch bei Uraufführungen, dass man die Stücke nicht gegen den Strich bürstet und nicht bis zur Unkenntlichkeit verzerrt.

      Dadurch, dass wir alle uns auch für alte Musik (im Sinne von nicht aktuelle) interessieren, sind wir alle "geschmacklich konservativ". Da hilft dann auch ein möchtegern-Avantgardist als Bühnenmurxer nichts mehr.
      :P
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      Nun, dass Du die Begrifflichkeit nicht magst, OK, aber die beiden Tendenzen sind nunmal die beiden Pole, zwischen denen gewerkelt wird.
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      putto schrieb:

      Nun, dass Du die Begrifflichkeit nicht magst, OK, aber die beiden Tendenzen sind nunmal die beiden Pole, zwischen denen gewerkelt wird.
      Ja, ja, okay, okay okay. Zugegeben. Mir geht der Begriff "Werktreue" schon ziemlich auf den Sack.

      Finde aber nicht, dass beides lediglich Pole, sonderm (um es mal etwas neudeutschig auszudrücken) "vermittelt" :D .

      Inszenierungen, wie die vom Wozzeck durch Tcherniakov und Bieito oder Lulu durch Warlikowski fressen sich insofern höchst "werktreu" in Brägen, weil darin Schärfen von Bergsteigerei höchst angemessen zum Ausdruck kommen.
      Polarität kann dagegen beim Wozzeck- bzw- Lulu-Reinziehn durch sog. "konservative" Inszenierung rüberkommen, falls diese, verursacht durch deren angepeilte vermeintliche "Historizität", "Authentizität" dann im Verhältnis zur Mucke (und Text) einen höchst konzilliant bis behäbig, also damit "werkuntreu", rüberkommt, wie im Falle der Lulu durch John Dexter in NYC; wurde mittlererweile durch eine von William Kentridge abgelöst.. .
      „Ein Komponist, der weiß, was er will, will doch nur was er weiß...“ Helmut Lachenmann
    • Neu

      Das Problem ist freilich, dass "Werktreue" etwas Positives darzustellen scheint (Treue).
      Allerdings ist "Regietheater" vom Begriff her gar nicht so negativ wie bspw. "barock" (schief).

      Trotzdem ist mir schon klar, dass man mit den Begriffen nicht kann, wenn man die Auffassung vertritt, dass die Modernisierungen dazu dienen, eine ähnliche Unmittelbarkeit zu erzeugen, wie die historische Version damals hatte, oder dass man in der Lage wäre, nicht mehr unmittelbar Verständliches durch "Übersetzung" in die Gegenwart zu "retten".

      Allerdings - "konservativ" hieße "am Hergebrachten festhaltend", das trifft jetzt auch nicht besser, worum es geht, nämlich nicht vom Rezipienten und seinen womöglichen Mißverständnissen auszugehen, sondern vom Werk, dem Autoren und/oder der historischen Aufführungspraxis. Die HIP-Variante ist wahrscheinlich jünger als Regietheater und somit kaum "konservativ". Im gegenwärtigen Betrieb des Modernisierungszwangs ist quasi Regietheater "konservativ".
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    • Neu

      putto schrieb:

      Allerdings ist "Regietheater" vom Begriff her gar nicht so negativ wie bspw. "barock" (schief).
      Na, na, na. Es soll auch Freunde des Echten, Schönen, Wahren und Guten geben, die RT mit Verunstaltungstheater identifizieren :D . Das mutiert dann zum virtuellen RT vom Feinsten. :thumbup: :thumbup:

      putto schrieb:

      Trotzdem ist mir schon klar, dass man mit den Begriffen nicht kann, wenn man die Auffassung vertritt, dass die Modernisierungen dazu dienen, eine ähnliche Unmittelbarkeit zu erzeugen, wie die historische Version damals hatte,
      Mir ist die Chose nicht so klar. ?(
      Zunächst wär mal zu fragen, ob es überhaupt immer derartige Unmittelbarkeit beim Erst-Reinziehn gab. Und bildet dann sowas überhaupt angemessenste Zugangsweise zur Opernchose.

      Ich finde, Unmittelbarkeit beim Reinziehn sollte einerseits nicht abschmieren, damit Kunstcharakter der Chose nicht total in Rieselfelder versickert.
      Ich finde aber andererseits, dass gelungene RT-Chosen gleichzeitig einen so rüberkommen, als würde szenisch-bühnenmäßige Aufbereitung das Übergewicht von Unmittelbarkeit bzw. Geschlossenheit der Chose partiell zerrütten, ohne doch dabei Unmittelbarkeit gänzlich zu verkacken.
      Bei so einem fetzig-klapprigen Event betrachtet mein Brägen beim Reinziehn durch gewährtes Moment an Distanz sich dann als ernstgenommen und nicht bloß überrumpelt bzw. überredet.

      putto schrieb:

      oder dass man in der Lage wäre, nicht mehr unmittelbar Verständliches durch "Übersetzung" in die Gegenwart zu "retten".
      Ich hab nix gegen Übersetzung in Gegenwart. Mir zählt Ergebnis, weniger Intention, im Gegensatz zu Zabki, falls ich ihn darin korrekt checke. Aber sowas bildet sowieso nicht einziges RT-Stilmittel.

      Des Weiteren kommt mir Zabkis Begriff von „Abstraktion“ fruchtbar rüber. Sowas könnte die Opern-Chose von einem tendenziell höchst kontingenten/relativen Zusammenhang, weil ja lediglich auf eingegrenzte Epoche, historische Phase bezogen, abklemmen und würde durch rüber beamen in "Abstraktion" damit deren Geltungsbereich/anspruch quasi erweitern.

      putto schrieb:

      Allerdings - "konservativ" hieße "am Hergebrachten festhaltend", das trifft jetzt auch nicht besser, worum es geht, nämlich nicht vom Rezipienten und seinen womöglichen Mißverständnissen auszugehen, sondern vom Werk, dem Autoren und/oder der historischen Aufführungspraxis
      Die Bergsteigereien Bietos,Tcherniakovs und Warlikowskvs sind zuvörderst am Werk orientiert und weniger an Erfordernissen irgendeiner Reinzieh-Fraktion.
      Werkcharakter ist dann auch nicht als unveränderlich festzunageln, sondern wandelt sich im Prozess.

      putto schrieb:

      Die HIP-Variante ist wahrscheinlich jünger als Regietheater und somit kaum "konservativ". Im gegenwärtigen Betrieb des Modernisierungszwangs ist quasi Regietheater "konservativ".
      Die einzelnen RT-Produktionen weichen voneinander für derartige Etikettierung viel zu sehr voneinander ab.
      „Modernisierungszwang“ bzw. Entwicklungs- oder Veränderungszwang (egal obs nun funzt oder nicht bzw. damit auf die Schnauze fällt) bildet doch generell Tendenz in der Kunst bzw. in der Werke-Entwicklung eines einzelnen Notenquälers und beschränkt sich nicht auf den gegenwärtigen Betrieb.

      Hab mir kürzlich Beethovens Vierte (Studiokonserve ?) mit SWRlern unter Gielen eingepfiffen. Kam mir sehr geil rüber, vor allem das Adagio (2. Satz). Folglich: Beethoven kann mit HIP rüberkommen, muss aber nicht immer.
      „Ein Komponist, der weiß, was er will, will doch nur was er weiß...“ Helmut Lachenmann
    • Neu

      Sadko schrieb:

      und Du leitest nicht aus dem Betrachten ein paar Bilder ab, dass die Inszenierung Mist ist. Das ist mE ein großer Unterschied
      Stimmt! ;)

      Sadko schrieb:

      Aber ich habe auch die Erfahrung gemacht, dass die im vorhinein gefassten Meinungen nicht immer stimmen.
      Kenne ich auch, allerdings leider seltener. ^^ Eigentlich war es immer so, dass wir irgendwo hinfuhren, weil die Oper interessant war oder die Sängerbesetzung. Da hat man sich um Bilder/Videos der Inszenierung nicht gekümmert, sondern sich überraschen lassen.

      :wink: Wolfram