Was ist, was soll, was darf Opernregie? Und was nicht?

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    • danke!
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      Es wäre lächerlich anzunehmen, daß das, was alle, die die Sache kennen, daran sehen, von dem Künstler allein nicht gesehen worden wäre.
      (J. Chr. Lobe, Fliegende Blätter für Musik, 1855, Bd. 1, S. 24).


      Wenn du größer wirst, verkehre mehr mit Partituren als mit Virtuosen.
      (Schumann, Musikalische Haus- und Lebensregeln).
    • Wolfram schrieb:

      Auch im entsetzten Blick von Hans Sachs/Wagner

      Wolfram schrieb:

      Wenn die Kunst schon so aktiv ist, warum gesteht man ihr nicht zu, dass sie mit den Zeiten wächst und sich verändert und sie damit mit bestimmten Inhalten auf den heutigen Zuhörer zugeht und ihn weiterhin anspricht
      mag sein, daß sich fie Kunst mit den Zeiten wächst und sich verändert (d.h. die Kunst tut das ganz gewiß, du meinst sicherlich auch die historischen Kunstwerke selbst) - also, mag auch sein, daß sich die Kunstwerke verändern - jedenfalls hat sich die Musik beim entsetzten Blick von Sachs nicht soweit verändert, daß sie jetzt ein Äquivalent zu diesem Blick darstellten würde - ich höre davon jedenfalls nichts. Daher gehört der enrsetzte Blick m.E. zum Aufgepfropften in dieser Inszenierung.
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      Es wäre lächerlich anzunehmen, daß das, was alle, die die Sache kennen, daran sehen, von dem Künstler allein nicht gesehen worden wäre.
      (J. Chr. Lobe, Fliegende Blätter für Musik, 1855, Bd. 1, S. 24).


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      (Schumann, Musikalische Haus- und Lebensregeln).
    • zabki schrieb:

      jedenfalls hat sich die Musik beim entsetzten Blick von Sachs nicht soweit verändert, daß sie jetzt ein Äquivalent zu diesem Blick darstellten würde - ich höre davon jedenfalls nichts. Daher gehört der enrsetzte Blick m.E. zum Aufgepfropften in dieser Inszenierung.
      Wenn die Musik in diesem Moment keinen Hinweis auf den entsetzten Blick gibt, so ist es doch ein größeres Verdienst der Inszenierung, dass sie beiden Figuren, Beckmesser und Sachs/Wagner eine, sagen wir mal, menschliche Qualität zuerkennt, also dass sie bei Beckmesser Mitleid erregt (und ich könnte dir erzählen, wie das live gewirkt hat) und dass sie Wagner ganz anders darstellt als allgemein üblich.

      Gerade wenn die Musik das offen lässt und gerade wenn man eine eher leere, freie Inszenierung an der Stelle bevorzugen würde, fragt es sich, was der 'normale' Besucher bei Beckmesser denken würde. Hier versucht die Inszenierung diesem Menschen zu helfen!

      :wink: Wolfram
    • Wolfram schrieb:

      Gerade Kosky (gehört übrigens auch in den Meistersinger-Thread) hat auch seiner nicht leeren Bühne die Folgen dieser menschenverachtenden Haltung Beckmesser gegenüber sehr eindrücklich und erschütternd herausgearbeitet. Auch im entsetzten Blick von Hans Sachs/Wagner. Es geht also auch im RT.

      es geht eben nicht, ohne daß auf der Bühne etwas anderes gezeigt würde, als was Wagner komponiert hat. Die Stimmigkeit des Kunstwerkes wird also zerstört. das darf man natürlich machen, hat dann aber keine ästhetische Verbindlichkeit mehr und wird im zu einerm willkürlichen Statement der Regie.warum sollte das interessieren?

      Wolfram schrieb:

      zabki schrieb:

      jedenfalls hat sich die Musik beim entsetzten Blick von Sachs nicht soweit verändert, daß sie jetzt ein Äquivalent zu diesem Blick darstellten würde - ich höre davon jedenfalls nichts. Daher gehört der enrsetzte Blick m.E. zum Aufgepfropften in dieser Inszenierung.
      Wenn die Musik in diesem Moment keinen Hinweis auf den entsetzten Blick gibt, so ist es doch ein größeres Verdienst der Inszenierung, dass sie beiden Figuren, Beckmesser und Sachs/Wagner eine, sagen wir mal, menschliche Qualität zuerkennt, also dass sie bei Beckmesser Mitleid erregt [...] und dass sie Wagner ganz anders darstellt als allgemein üblich.

      es ist eben keine Darstellung von Wagner (bzw. der Meistersinger), sondern eine willkürliche Implantation
      Gerade wenn die Musik das offen lässt

      die Musik läßt das nicht offen, sondern widerspricht dem.
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      (J. Chr. Lobe, Fliegende Blätter für Musik, 1855, Bd. 1, S. 24).


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      (Schumann, Musikalische Haus- und Lebensregeln).
    • zabki schrieb:

      es geht eben nicht, ohne daß auf der Bühne etwas anderes gezeigt würde, als was Wagner komponiert hat. Die Stimmigkeit des Kunstwerkes wird also zerstört.
      Ich habe schon jede Menge an Opernaufführungen erlebt, bei denen Dinge gezeigt wurden, die in der Komposition nicht auftauchen, ohne daß ich den Eindruck gehabt hätte, daß die "Stimmigkeit des Kunstwerks" zerstört worden wäre.

      :wink:
      Es grüßt Gurnemanz
      ---
      Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
      Helmut Lachenmann
    • Gurnemanz schrieb:

      Ich habe schon jede Menge an Opernaufführungen erlebt, bei denen Dinge gezeigt wurden, die in der Komposition nicht auftauchen, ohne daß ich den Eindruck gehabt hätte, daß die "Stimmigkeit des Kunstwerks" zerstört worden wäre.
      glaube ich.

      ich versuche seit einiger Zeit, das Kriterium "Verhältnis Musik/Szene" hochzupuschen, da es meinem Eindruck nach bisher eine viel zu geringe Rolle in der RT-Diskussion spielt. Vielleicht muß man erstmal eine größere Empfindlichkeit betr. dieses Aspekts entwickeln.

      einen Vorteil dieser Betrachtungsweise in der Diskussion für die Vertreter von RT-Skepsis sehe ich darin, daß solche Unstimmigkeiten nicht durch Verweis auf eine "Gesamtkonzeption" (der ja immer mal wieder von RT-philen gemacht wird) heilbar ist.
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      (J. Chr. Lobe, Fliegende Blätter für Musik, 1855, Bd. 1, S. 24).


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      (Schumann, Musikalische Haus- und Lebensregeln).
    • zabki schrieb:

      ich versuche seit einiger Zeit, das Kriterium "Verhältnis Musik/Szene" hochzupuschen, da es meinem Eindruck nach bisher eine viel zu geringe Rolle in der RT-Diskussion spielt.
      Wenn man mit "Stimmigkeit" fordert, daß Musik und Szene 1:1 ineinander aufgehen sollen und ein Auseinanderdriften von Musik und Szene als "Unstimmigkeit" gewertet wird, wird es für mich halt arg "unstimmig". :D Gerade das Auseinanderfallen kann neue "stimmige" Zusammenhänge schaffen; dogmatische Setzungen funktionieren da m. E. nicht bzw. sind verfehlt.

      Die "Gesamtkonzeption" spielt da für mich schon eine große Rolle, auch wenn ich die oft eher intuitiv als überzeugend oder nicht überzeugend aufnehme - wie Musik überhaupt.

      Davon abgesehen, gönne ich putto gern seine "Rekonstruktion der jeweiligen historischen Aufführungspraxis" als "Ideal". Warum nicht, kann man machen und muß nicht schlecht sein.

      :wink:
      Es grüßt Gurnemanz
      ---
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      Helmut Lachenmann
    • Gurnemanz schrieb:

      Wenn man mit "Stimmigkeit" fordert, daß Musik und Szene 1:1 ineinander aufgehen sollen und ein Auseinanderdriften von Musik und Szene als "Unstimmigkeit" gewertet wird, wird es für mich halt arg "unstimmig".
      Soll das heißen, dass sämtliche Mickey-Mouse und Bugs Bunny-Filme unstimmig sind?

      Nu hörts aber auf.
      Ich habe eiserne Prinzipien. Wenn sie Ihnen nicht gefallen, habe ich auch noch andere.
    • zabki schrieb:

      z.B. in der Szene in Boris Godunow, wo Pimen an seiner Chronik schreibt, da ist die Musik aufs genaueste auf die Szene (enge, dunkle Mönchszelle, Pimen schreibt mit der Feder, das alles vor Jahrhunderten) abgestimmt. Bildet die Regie nun dazu einen "Kontrast" (z.B. Pimen sitzt auf den Stufen eines Platzes in der Stadt und schreibt auf einem Laptop), so ist die Feinabstimmung von Szene und Musik hinüber, die Musik kann höchstens noch eine Art Stimmungslieferant sein, und auch das nicht sehr überzeugend. Mein etwas pauschaler Verdacht gegenüber RT-orientierten Darstellungen ist es, daß RT notwendigerweise solche Feinabstimmungen destruiert.
      Ein RT-Philer würde vielleicht dazu sagen, dass Kontrast (in Form von z.B. Laptop) die Bratschen-Intro, die an Pimens Schreiberei andockt, diese enge tonmalerische Umklammerung lockert. Weiteres Potential von Bedeutungen könnten damit frei freigesetzt werden. Vielleicht Eintauchen in Erinnerungen/Erinnerungsvorgang von Pimen.
      Chose käme dann als Feinabstimmung 2.0. rüber.
      Oder Bratschenfigur klemmt sich sogar derart von stofflichen Bezügen ab (nicht totalst, weil keine Instrumentalmucke), dass sie quasi autonomiesierter rüberkäme.
      Was nicht heißt, dass da unbedingt Kontrast gesetzt werden muss bzw. überhaupt Boris-Chose rt-ig rüberzukommen hat.

      zabki schrieb:

      "fies" ist die doch nur für Fremdling Alberich, die Rheinmaiden fühlen sich pudelwohl.
      "Überall ragen schroffe Felsenriffe aus der Tiefe auf und grenzen den Raum der Bühne ab; der ganze Boden ist in ein wildes Zackengewirr zerspalten, so dass er nirgends vollkommen eben ist und nach allen Seiten hin in dichtester Finsternis tiefere Schlüfte annehmen lässt.“
      Mich erinnert Rheingoldchose an Szenenanweisung zu Beginn des 4. Aktes von Faust II:
      "Hochgebirg, starre, zackige Felsengipfel". Hochgebirg kommt ohne e beim Reinziehn schroffer rüber.
      Also deshalb kommt Rheingold-Setting echt fies rüber.

      "Alberich klettert mit koboldartiger Behendigkeit, doch wiederholt aufgehalten, der Spitze des Riffes zu
      Garstig glatter glitschiger Glimmer!
      Wie gleit' ich aus"

      Mein Brägen vermutet, wenn Chose nicht glitschig bzw. unter Wasser wäre, hätte Alberich damit null Probleme

      zabki schrieb:

      man kriegt "Natur 1" vorgeführt, allerdings ist ein Bewußtsein von Gefährdung da, sogar mit Gefährder-Profil. Das könnte man ja schon als einen gewissen Bruch verbuchen.

      wenn Stauwehr Metapher für bereits herrschende 2. Natur ist, dann destruiert das Stauwehr zwar nicht die Chronologie des Ring - wir erfahren ja später von Wotans Aktivitäten betr. Weltesche, die vor Alberichs Goldraub liegen. Aber es destruiert die - sagen wir "Zeitstruktur" des Ring, in der wir genau dies erst nach Vorführung von Natur 1 erfahren - der Komponist holt ja da nicht einfach nach, was er dummerweise vergessen hätte am Anfang zu erzählen.
      "WOGLINDE
      Weia! Waga! Woge, du Welle,
      walle zur Wiege! Wagalaweia!
      Wallala, weiala weia!

      WELLGUNDE
      Stimme von oben
      Woglinde, wachst du allein?

      WOGLINDE
      Mit Wellgunde wär' ich zu zwei."

      Mein Brägen vermutet da nicht mehr ausschließlich Natur 1.0, sondern Rheintöchter zappeln bereits im Gespinst von Natur 2.0. also in gesellschaftlichen, rechtlichen Verhältnissen. Denn Woglinde macht ja auf Security. Der Dienst ist ihr irgendwie öde, sonst würde sie
      1. nicht „Weia! Waga! Woge, du Welle“ vor sich hin trällern
      2. indirekkt die Gesellschaft Wellgundes fordern
      Allerdings – da würde ich dir zustimmen - wäre Natur 1.0 aus dieser Chose nicht abklemmbar/entziehbar

      zabki schrieb:

      ich versuche ja durchaus zu verstehen, wie geschätzte und erwiesenermaßen fachkundige und kenntnisreiche RT-phile sowas sehen. Die Diskrepanz von Musik und Bühne stört offenbar nicht. Führen sie sowas wie eine "traditionell" orientierte Aufführung irgendwie im Hinterkopf mit und legen darüber quasi als eine Art Reflexion das, was die Regie tatsächlich liefert? Ob das theatergerecht wäre?
      Ein RT-Philer würde vielleicht dazu sagen:
      1. Opern/Kunstwerke allg. sind in sich selbst dynamisch mit Diskrepanzen, Brüchen, selbst wenn sie versuchen ihre Chose zur Einheit zu bringen und/oder versuchen vorzugeben/intendieren als in sich geschlossen rüberzukommen. Aus Sicht von Moderne wird deutlicher, dass auch sog. traditionelle Opern von Brüchen nicht unbeleckt sind.
      2. RT versucht sich vom sog. traditionellen Inszenierungsstil abzugrenzen. Dabei könnten sie aber Tradition auf Schirm haben und blieben indirekt auch in ihr weiterhin kleben Das wäre „quasi ..eine Art“ der „Reflexion“ von RT (m.E. nicht die einzige).
      Analogie dazu: vielleicht freie bis 12-tongebundene Atonalität von NWS und deren Distanz/Bezug zur Tradition.
      3. Was nicht bedeutet, dass RT sein muss.
      4. Bedeutung „theatergerecht“ könnte u.U. noch mehr herausgearbeitet werden.
      5. Ja, ja, okay, okay, okay. Ich oute mich als rt-phil. Bildet bei mir doch keinen Geburts- sondern allenfalls Charakterfehler, weil Infektion durch zu viel Rumtreiberei innerhalb rt-phober Postings und Threads. Umstrittene Konversionstherapie aber dafür indiskutabel.
      Vielleicht bin ich aber auch eher rt-bi-phil oder besser "polyvalent"-rt-ig, um damit mal vom Noch-BVB-Coach Lucien Favre einen Begriff präfixisch in Beschlag zu nehmen. Denn ich kann auch mit sog. traditioneller Regie was anfangen. Wenn irgend so ein vertrotteltes Stadttheater das bringt oder Hänsel & Gretel in Hannover, dann ziehn wir uns das gleichfalls gerne rein.

      Alberich schrieb:

      Man könnte einen durch ein Wehr gebändigten Rhein hören, der in ES-Dur (nicht F!) brav Dreiklänge aufeinander türmt. Da ist nichts Wildes - das ist alles geregelt. Ein Beton-Bad in Es-Dur.
      Für mich ist jedenfalls das Bild aus dem Chereau-Ring absolut schlüssig.
      Deshalb hat mich die 2. Szene im Bosic/Kosky-Rheingold mit dem Pool dolle geflasht. Denn Swimming-Pool in 2. kommt fetziger rüber als wenn sowas in erster Szene bereits rt-like verortet. Götter sind im Geflecht von Natur 2.0 sehr viel doller eingebunden, sodass armseliger Pool an Stelle vom Rhein (Gestalt/Imago von Natur 1.0., aber gezähmt). Rhein rückt in dieser Szene in Ferne ins tiefe Tal.
      Mit „ blumigem Grunde“ verbindet mein Brägen so eine Art Kleingarten bis Parkanlage mit Gartenzwerg- oder Trimm-dich-Idyll.
      „Ein Komponist, der weiß, was er will, will doch nur was er weiß...“ Helmut Lachenmann
    • zabki schrieb:

      die Musik läßt das nicht offen, sondern widerspricht dem.
      Die Musik beschreibt in der Szene v.a.die Prügelei. Was genau die einzelnen Personen dabei machen, findet sich für mein Empfinden dort nicht wieder. Würde das jetzt bedeuten, dass sie stumm daneben stehen? Wäre aber auch schon wieder eine Interpretation jenseits der Musik. Oder machen alle mit inklusive Sachs?

      zabki schrieb:

      ich versuche seit einiger Zeit, das Kriterium "Verhältnis Musik/Szene" hochzupuschen, da es meinem Eindruck nach bisher eine viel zu geringe Rolle in der RT-Diskussion spielt.

      Gurnemanz schrieb:

      Gerade das Auseinanderfallen kann neue "stimmige" Zusammenhänge schaffen; dogmatische Setzungen funktionieren da m. E. nicht bzw. sind verfehlt.
      Beide Punkte finde ich wichtig. Die Erfahrung habe ich auch gemacht, dass Musik und Szene völlig auseinandergehen und ich eher das Gefühl hatte, der Regisseur wollte lieber sein Konzept durchsetzen und die Musik störte nur dabei.

      Andererseits kann eine gegenteilige Aktion ja auch ein Kommentar zur Musik, zum Werk sein und damit neue Einsichten vermitteln. Höchstwahrscheinlich häufig nicht den Intentionen des Komponisten entsprechend. Aber auch da wieder die Frage nach der Freiheit des Kunstwerks, dass sich einmal vom Schöpfer in die Welt entlassen, nun selbstständig in ihr bewegt und allem ausgesetzt.

      :wink: Wolfram
    • Wolfram schrieb:

      zabki schrieb:

      die Musik läßt das nicht offen, sondern widerspricht dem.
      Die Musik beschreibt in der Szene v.a.die Prügelei.

      sorry, ich meinte den Schluß, mit den ensetztem Blick von Sachs und dem Judenkopf, während bei Wagner der Nachtwächter auftritt. Da müßte man die Musik m.E. völlig neu komponieren, wenn das "passen" soll.

      bei der Prügelszenen krieg ich allerdings auch Bachschmerzen. Bei Wagner ist das grob gesprochen ein "alle gegen alle", erst in der Schlußszene auf der Festwiese wird daraus ein "alle gegen einen", das ich bedenklich genug finde (die Verweise auf Filmkomödien etc., die gemacht wurden, relativieren die Meistersinger insofern nicht, als die Meistersinger eine ernste Sache sind, in der die "Guten" so schrecklich "gut", "ächt und wahr" beschaffen sind, daß das "alle gegen einen" ein entsprechendes Gewicht bekommt).

      Aber warum muß man die Meistersinger schlimmer machen als sie nunmal sind? Weil man sie in einen sehr sehr schlimmen historischen Kontext stellen kann? Diese Auseinandersetzung soll man m.E. im Medium der Sprache führen, nicht in die Darstellung des Werkes hineinnehmen, oder, wie schon früher gesagt, wenn einem das nicht reicht, eben auf eine Aufführung der Meistersinger verzichten.
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      Es wäre lächerlich anzunehmen, daß das, was alle, die die Sache kennen, daran sehen, von dem Künstler allein nicht gesehen worden wäre.
      (J. Chr. Lobe, Fliegende Blätter für Musik, 1855, Bd. 1, S. 24).


      Wenn du größer wirst, verkehre mehr mit Partituren als mit Virtuosen.
      (Schumann, Musikalische Haus- und Lebensregeln).
    • Wolfram schrieb:

      putto schrieb:

      Mein Ideal wäre die Rekonstruktion der jeweiligen historischen Aufführungspraxis.
      Warum eigentlich? Welchen Erkenntnisgewinn außer einem 'Ach so war das damals.' würde das eigentlich bringen? Und wie weit ginge denn die Rekonstruktion oder müsste sie gehen? Wagner war damals revolutionär, aber nur weil er ein Publikum im Saal sitzen hatte, dass das als solches erkannte. Heute wirkt das doch eher museal, weil wir im Falle des Wagnerschen Bayreuths nicht mehr in einer Zeit des Historismus leben und das damals entsprechend dargestellte Bühnengeschehen nicht mehr als modern erkennen würden.

      :wink: Wolfram

      Felix Meritis schrieb:

      Eine ultrarestauratorische Aufführungspraxis hat halt etwas von einer Farce, die ziemlich nerdig rüberkommt. Da weder die Interpreten noch die Rezipienten wirklich aus der Zeit der Uraufführung kommen, halte ich es deshalb für künstlerisch überflüssig
      nerdige Farce? Museal? Historistisch? Woher wisst Ihr das? Schon mal erlebt?

      Riccardo Broschi, Merope. Innsbruck, Tage alter Musik 2019.

      Barockoper inszeniert als Barockoper. Barocke Kostüme, so wie man sich vor 300 Jahren antik-sagenzeitliche Mode vorgestellt hat, illusionistisches barockes Bühnenbild mit Schiebekulissen und trompe d'oeil-Malerei, statische barocke Beleuchtung mit Kronleuchtern im Bühnenportal und verdeckter "Lichtleiste" an der Rampe, keine "Personenregie", statt dessen Choreographie, getanzte Intermezzi zur Musik anderer Komponisten in den Zwischenakten, die Musik selbstverständlich hi. Die Reaktion des Publikums war überwältigend: Langanhaltender stehender Applaus für alle Beteiligten, auch für das Regieteam. An allfällige Buh-Rufe für die Regie kann ich mich nicht erinnern.

      Doch: das funktioniert. Nicht, daß ich das als Standard haben möchte. Aber das war eine ästhetische Erfahrung ganz eigener Qualität, die ich nicht missen möchte. Mehr noch: Wir sind so daran gewöhnt es "zeitgenössisch" inszeniert zu sehen, daß so etwas einen gewaltigen Verfremdungseffekt erzeugt, der wesentlich mehr Distanz schafft, als alles, was man sich RT-mäßig ausdenken könnte. Unter dem Strich war das total modern. Ob heutiges Publikum die gleichen Empfindungen hat, wie historisches, ist dabei völlig irrelevant.

      Fazit: man soll in der Kunst nichts a priori ausschließen - es gibt in der Kunst die Kategorie "überflüssig" genauso wenig, wie die Kategorien "notwendig" oder "modern". (Letzteres ein Synonym für "zeitgeistig"?) Was es gibt, sind Inszenierungen, die einen ansprechen, und solche, die das nicht tun. Das ist aber eine Frage der subjektiven Wahrnehmung, und daher unabhängig von der Art der Inszenierung, egal ob "RT" oder "konventionell": Die Katz mag Mäus. I mag's ned. Das sagt nichts über die Daseinsberechtigung von Mäusen aus. Originalität und Epigonentum gibt es überall. Und es wurde glaube ich, schon öfters angemerkt, daß es kein Recht darauf gibt, Oper so inszeniert zu bekommen, wie einem das behagt...
      ;)


      Symbol schrieb:

      Kerzenlicht und Plumpsklo nicht zu vergessen!
      Nicht doch! Pot de chambre in einem chambre séparée (oder auch nur mit Vorhang abgetrenntem Abteil), den ein Hausknecht gegen Obulus entleert und für den nächsten Besucher wieder reinigt. Für die Damen alternativ auch passend geformte, meist selbst mitgebrachte Tassen, deren Inhalt eine Zofe entsorgt. Letzteres Geschirr auch für die Kirche, wenn die Predigt wieder mal zu lang dauert...

      In Analogie nehme ich an, wenn eine moderne (was immer das sein soll) Inszenierung in zeitgerecht dystopischer Umgebung spielt, wäre es von Vorteil, wenn die entsprechenden Örtlichkeiten angemessen bahnhofstoilettenmäßig verwahrlost würden (oder gleicht im Gang an die Wand pinkeln), sowie nackte Leuchtstoffröhren in Foyer und Zuschauerraum, um in geeignete Stimmung für die Inszenierung zu kommen... oder doch nicht...?
      :ironie1:
      viele Grüße

      Bustopher


      Wenn ein Kopf und ein Buch zusammenstoßen und es klingt hohl, ist denn das allemal im Buche?
      Georg Christoph Lichtenberg, Sudelbücher, Heft D (399)
    • Interessant - war das einmalig oder gibt es das jedes Jahr so? Schließlich ist Innsbruck für mich durchaus erreichbar.
      This play can only function if performed strictly as written and in accordance with its stage instructions, nothing added and nothing removed. (Samuel Beckett)
    • Am besten gehst Du in Ceský Krumlov. Dort befindet sich ein Original-Baroktheater inklusive Kostüme, Dekors und Maschinerie - alles authentisch, auch die Sitzbänke. Nur die Kerzenbeleuchtung wurde durch LED-Kerzen ersetzt.
      Dort findet alljährlich innerhalb eines Festivals die Aufführung einer Barockoper statt.
      Heuer war's Händels Terpsichore

      festivalkrumlov.cz/en/program-…unique-baroque-theatre-2/
      (die tschechische Fassung der Website ist ausführlicher).
      Alles, wie immer, IMHO.
    • Das ist sogar noch näher als Innsbruck.
      :thumbup:
      Ich bin ja für so etwas schon nach Drottningholm geflogen.
      Muss ich mir notieren ...
      This play can only function if performed strictly as written and in accordance with its stage instructions, nothing added and nothing removed. (Samuel Beckett)
    • in dieser Form wars, glaube ich, neu. Nächstes Jahr gibt's wieder 3 Opern im Rahmen des Festivals. Programm kommt in 2 Wochen.
      viele Grüße

      Bustopher


      Wenn ein Kopf und ein Buch zusammenstoßen und es klingt hohl, ist denn das allemal im Buche?
      Georg Christoph Lichtenberg, Sudelbücher, Heft D (399)