Wagner: "Die Meistersinger von Nürnberg" - Salzburger Festspiele, 2.8.2013, TV-Übertragung

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    • Wagner: "Die Meistersinger von Nürnberg" - Salzburger Festspiele, 2.8.2013, TV-Übertragung

      Wer die "Meistersinger" aus Salzburg am 2.8.2013 nicht im Fernsehen verfolgt hat, kann sie momentan in der 3sat-Mediathek ansehen:

      "http://www.3sat.de/mediathek/index.php?display=1&mode=play&obj=37574"

      Ab hier gilt jetzt der "spoiler alert", d. h. wer die Aufführung noch sehen möchte (online oder gar live vor Ort in Salzburg) sollte wohl besser nicht weiterlesen. Alle Eindrücke, die ich nachfolgend schildere, basieren auf der von mir mitverfolgten Fernsehübertragung (mit den daraus resultierenden Einschränkungen). Sollten irgendwelche Teile meiner Darstellung nicht präzise sein, so bitte ich um Korrektur - ich habe mir die Aufführung für diesen Bericht nicht erneut angesehen.

      Da man als Fernsehzuschauer naturgemäß kein Programmheft mit Erläuterungen zur Aufführung kaufen kann, habe ich im Nachhinein noch das folgende, m. E. recht informative Interview mit Regisseur Stefan Herheim herausgesucht, das mir bei der Interpretation einiger Aspekte seiner Regie behilflich war:

      "http://www.salzburg.com/nachrichten/spezial/festspiele/salzburger-festspiele/oper/sn/artikel/meistersinger-wagners-witz-braucht-wissen-67467/"

      Nun soll’s aber der Kunst gelten (naheliegende Anspielung...)! Regisseur Stefan Herheim inszenierte einen zauberhaften und berauschenden, vielleicht etwas oberflächlichen Theaterabend. Herheims Grundansatz besteht darin, das Geschehen ins 19. Jahrhundert und die aufkeimende Bürgerlichkeit der Biedermeier-Ära zu verlegen. Hierauf weisen unter anderem die fantasievollen und mit viel Liebe zum Detail gearbeiteten Kostüme von Gesine Völlm hin. Ähnlich wie Wagner sein Ideal eines aufkeimenden Bürgertums, einer Gesellschaft, deren Zusammenhalt aus kulturellem Bewußtsein und nicht aus Gehorsam gegenüber einem Herrscher besteht, auf das ästhetisierte Bild Nürnbergs im 16. Jahrhundert projizierte, tut Herheim ähnliches unter Verwendung des für uns fasslicheren mittleren 19. Jahrhunderts. Zu Beginn, noch vor dem berühmten Vorspiel, sehen wir einen Mann mittleren Alters (offensichtlich Hans Sachs, wie sich später bestätigen wird) im Nachthemd in einer Stube, der am Schreibtisch eifrig Notizen macht, bis die Musik schließlich einsetzt. Auch während des Vorspiels ist diese Figur vom Typus "Armer Poet" weiter in Aktion und befaßt sich unter anderem mit Spielsachen - neben anderen Dingen einem kleinen Schaukelpferd und Bauklötzen, die zu einem Halbrund aufgeschichtet werden. Beides sind eindeutige Anspielungen auf Herheims Inszenierung des "Parsifal" bei den Bayreuther Festspielen (2008-2012). Diese Schusterstube des Hans Sachs gewinnt im Laufe des Abends immer mehr an Gestalt und Profil, und man merkt, daß es fast zugeht wie in der Behausung von Petrosilius Zwackelmann aus dem "Räuber Hotzenplotz". Es handelt sich weniger um eine Schusterstube als vielmehr um die Behausung eines Universalgelehrten, in der auch gemalt wird (ein Bild von Eva wird noch eine Rolle spielen), in der sich Bücher und diverse in Regalen einsortierte Gegenstände zum Beforschen finden und in der diverse Büsten aufgebaut sind: eine im Hintergrund mit Kranz, die ich leider auf unserem recht kleinen Fernseher nicht gut erkennen konnte, sowie drei im Vordergrund: Goethe (cum grano salis wegen unseres TV-Gerätes), Beethoven und eine dritte, zunächst verhüllte, die erst im dritten Aufzug enthüllt wird: Richard Wagner! (Nach dieser Enthüllung werden die drei Büsten übrigens bis zum Ende auf der Bühne verbleiben.)

      Gegen Ende des Vorspiels scheint unser Poet seine Geschichte gefunden zu haben, denn auf dem Höhepunkt der Musik reißt er triumphierend die Arme hoch. Die Bühne (mal wieder brilliant konzipiert und vorbereitet von Herheims Haus-und-Hof-Bühnenbildnerin Heike Scheele) hat sich unmerklich verändert, Sachs reißt einen halbtransparenten weißen Zwischenvorhang auf, und man sieht die Kirche der ersten Szene, allerdings auf Sachs' überdimensional groß gewordenem Schreibtisch. Hier wird ein weiteres Prinzip der Inszenierung offenbar: wir werden bis zum Ende dieser "Meistersinger" die Schusterstube des Hans Sachs nicht verlassen, vielmehr spielt ein großer Teil des Geschehens in irreal überdimensionierten Teilen derselben. Sachs - noch immer im Nachthemd - berührt zu Beginn der Kirchenszene zärtlich Eva, bevor er sich zunächst aus der Szene zurückzieht. Stolzing erscheint als Burschenschaftler mit schwarz-rot-goldener Schärpe bekleidet, und er hat einen etwas arg eifrigen Drang zum Zücken seines Degens, was ein "running gag" dieses ersten Aufzugs werden wird.

      Um nicht zu ausführlich zu werden, möchte ich mich aber hier auf die konzeptionell wichtigen Stationen und Aspekte dieser Inszenierung beschränken, noch zumal Herheim die Geschichte i. W. eng am Libretto erzählt. Am Ende des ersten Aufzugs macht Sachs - erneut im Nachthemd, nachdem er zwischendurch ganz regulär als Meistersinger Teil des Geschehens war - den Zwischenvorhang wieder zu. Es handelte sich also offensichtlich um einen Traum oder eine Imagination des Hans Sachs, die wir gesehen haben (dazu paßt auch der irreale Raum) und die im zweiten Aufzug weitergehen wird, diesmal zwischen einer überdimensionalen Kommode und einem ins Riesige aufgeblähten Schränkchen aus Sachsens Schusterstube. Erstere dient als Wohnhaus der Familie Pogner, letzteres als Sachsens Behausung. Beckmessers Schuh, den Sachs ausbessert, ist ebenfalls überdimensional groß. Gegen Ende des zweiten Aufzugs, bei der berühmten Prügelfuge, kommen diverse Märchengestalten auf die Bühne, unter anderem Schneewittchen und die Sieben Zwerge, der Froschkönig, Rotkäppchen und der böse Wolf, auch ein Struwwelpeter läuft herum. Diese traumhaften Erscheinungen treiben es gar wild (zum Teil im wörtlichen Sinn), bis der Spuk ein Ende hat und ein verängstigter Nachtwächter erscheint. Im dritten Aufzug gibt es eine kleine Wendung: zwar beginnt dieser erneut mit dem Nachthemd-Sachs, allerdings gibt es zunächst keinerlei Hinweis auf etwas Traumhaftes, die Schusterstube wirkt sehr real. Traurig blickt Sachs auf ein Bild seiner Familie (was den Sinn des Spielzeugs erklärt) und ein offensichtlich von ihm gemaltes Porträt von Eva. Als etwas später Beckmesser das Lied Stolzings klaut, öffnet er bei seiner Suche einen Schrank in der Stube, es kommen erneut Märchengestalten (Schneewittchen und ein Zwerg) heraus und der Märchenreigen flammt kurzzeitigt wieder auf. So ganz real kann das alles also doch nicht sein. Auch im Festwiesen-Finale bilden erneut überdimensionale Möbel aus Sachsens Stube die Kulisse, diesmal die Regale mit seinen diversen Sammelobjekten. Dieses Festwiesen-Finale ist erneut rauschhaft bunt, mit großen Kunstfiguren und den Mädchen aus Fürth als Puppen, mit denen auch getanzt wird. Gegen Ende wird es dann schon fast provozierend konventionell: Stolzing, inzwischen in ein von Sachs zur Verfügung gestelltes weißes Gewand gekleidet, was einer Otto-Schenk-Inszenierung des Stücks zur Ehre gereichen würde, liefert sein Preislied ab, alle jubeln, und gerade als man denkt, man sei in eine Inszenierung von vor einigen Jahrzehnten versetzt worden, kommt der große Clou. Bei seinem berühmtem Schlußgesang wird Sachs an der Stelle, an welcher es ins Deutsch-Nationale umschlägt, durch einen Spot auf der ansonsten dunklen Bühne beschienen. Fast schon mit Geifer belehrt er uns über den "welschen Dunst mit welschem Tand" und die "heil'ge deutsche Kunst", da geht - rechtzeitig für den großen Schlußchor - das Licht wieder an, und die Bühne hat sich erneut verwandelt. Der Chor liefert seinen Schlußgesang, Sachs setzt sich selbst den Kranz auf (man vergleiche Wagners Original-Regieanweisung!), fühlt sich dabei aber offensichtlich unwohl und taucht in der Masse ab. Als der Chor Sachs preist, öffnet er sich und zeigt auf ihn, doch anstelle des prächtig gekleideten Meistersinger-Sachs sehen wir erneut eine Gestalt im Nachthemd: Beckmesser! Die Musik endet triumphal mit einem verdattert dreinschauenden Beckmesser, die Inszenierung hingegen geht noch etwas weiter: vor dem Vorhang hüpfen die Kumpels Sachs und Beckmesser herum, beide im Nachthemd, die Versöhnung der Prinzipien ist somit eingetreten und die Apotheose erreicht.

      Herheims Konzept, Sachs und Beckmesser sozusagen als zwei Seiten einer Medaille zu betrachten und sie (so meine Deutung) gemeinsam das Stück imaginieren zu lassen, ist nicht nur eine interessante psychologische Deutung des Stoffs, es eignet sich vor allem für pfiffiges und temporeiches Theater. Es würde den Rahmen dieses Berichts hoffnungslos sprengen, auf jedes mit viel Liebe zur Materie inszenierte Detail und die geradezu erschütternd gute Personenführung zu verweisen - hier weiß jeder Darsteller, welche Bewegung er wann zu machen hat, und jeder Chorist ist bis ins Kleinste durchinszeniert. Zwei kleine Beispiele für Herheims Personenregie: im ersten Aufzug, bei Stolzings Lied, geht Beckmesser der Platz auf seiner Merkertafel ob der vielen Regelverstöße derartig hoffnungslos aus, daß er gegen Ende kopfüber über die Tafel gebeugt an deren unterem Ende schreiben muß. Im zweiten Aufzug, beim Vorspiel zu seinem Lied, macht Beckmesser beim Quälen seiner Mandoline Gesichter wie ein Rockstar bei seinem großen Gitarrensolo. Derartige Feinheiten könnte man jetzt hier noch und nöcher auflisten - insgesamt ist das eine ganz starke Leistung des Regisseurs! Bei aller Fantasie, Pfiffigkeit und sommerlicher Spritzigkeit dieser Inszenierung bleibt aber auch die Frage, ob das alles nicht ein wenig oberflächlich ist. Herheim verlegt zwar das Stück in eine andere ästhetisch stilisierte Zeit und macht die psychologische Deutung der Sachs-Figur zu einem zentralen Punkt, aber das war es dann auch mit der Interpretation des Stoffs. Andere Dinge, die man mit den "Meistersingern" assoziieren könnte - beispielsweise ihre problematische Rezeptionsgeschichte - bleiben unbeachtet. Trotzdem war das ein unglaublich gut gemachter, unterhaltsamer Theaterabend, der mir viel Spaß bereitet hat und der nachwirkt!

      Nun aber zum musikalischen Aspekt der Aufführung. Sängerisch fand ich diese ausgesprochen stark! Michael Volle als Sachs lieferte eine Weltklasse-Leistung ab, er überzeugte mit klarer Diktion, angenehmem Timbre, souveräner Kontrolle, Vielfalt im Ausdruck und perfekter Kondition für diese große Partie. Roberto Sacca als Stolzing verfügte über eine klangschöne Tenorstimme und perfekte deutsche Aussprache, wobei die Stimme jedoch in den Höhen leider etwas eng und hart wurde. Markus Werba als Beckmesser war die Wucht in Tüten, er hat klangschön, souverän und mit großer Textverständlichkeit gesungen und auch sensationell mit umwerfendem Buffo-Charme gespielt. Georg Zeppenfeld als Pogner hat seinen voll klingenden Baß sehr gut zur Geltung gebracht. Mir persönlich sagt etwas an diesem sicherlich exzellenten Sänger nicht ganz zu, m. E. ist es die etwas trübe Färbung der Vokale bei ihm. Anna Gabler als Eva konnte in Sachen Volumen und Reserven nicht ganz mithalten, dafür ist sie vom Typus her eine geradezu ideale Eva (noch zumal wenn diese so konventionell Eva-haft inszeniert wird wie bei Herheim). Peter Sonn als David war eine der positiven Überraschungen des Abends, er überzeugte mit klarem, klangschönem und sicherem Tenor und einem für diese Rolle fast schon etwas zu großzügigen Volumen bei glasklarer Diktion. Monika Bohinec als Magdalene fiel ein wenig ab, da ihre Stimme allzu klein gegenüber der restlichen Besetzung war. Die diversen Nebenrollen waren durchweg solide besetzt.

      Der unerwartete Schwachpunkt dieses Abends kam für mich aus dem Graben. Ausgerechnet die Wiener Philharmoniker unter Dirigent Daniele Gatti lieferten allerhöchstens brave Hausmannskost ab. Lag es am Ton der Übertragung, an der Akustik des Festspielhauses, tatsächlich am Orchester oder schlicht an dem Umstand, daß ich von Kirill Petrenkos Bayreuther Husarenritt noch gefesselt war, daß sich bei mir nicht der Eindruck eines beglückenden Wagner-Klangs einstellen wollte? Man weiß es nicht, auf jeden Fall wirkte die Musik arg anämisch. Gatti gelang kein wirkliches Brio, kein Schwung, es gab keine großen Bögen, alles war etwas brav und bieder. Wenn es dabei wenigstens immer transparent und präzise zugegangen wäre, so wäre dies ja etwas, aber sowohl in der Prügelfuge als auch beim großen Schlußchor ergab sich im Zusammenwirken mit der wohlklingend agierenden Konzertvereinigung Wiener Staatsopernchor nur ein einziger Brei. Schade!

      Zusammenfassend war das ein großartiger, spaßiger Theaterabend mit sehr guten Sängern und einigen betrüblichen, unerwarteten Schwächen auf der orchestralen Seite. Trotzdem ist dies eine Aufführung, die ich jedem Wagner-Freund wärmstens empfehlen möchte - ran an die Mediathek! Damit sei die Diskussion eröffnet, ich freue mich auf Eure Meinungen!

      LG :wink:
      "Was Ihr Theaterleute Eure Tradition nennt, das ist Eure Bequemlichkeit und Schlamperei." Gustav Mahler
    • Lieber Symbol,

      danke Dir auch ganz herzlich für die echt supergute Rezension. Da ich gerade mal wieder eine Grippe am Hals habe, schlief ich leider immer wieder ein, aber nun weiß ich, dass ich mir die fehlenden Aufzüge unbedingt noch ansehen muss.

      Deiner Sängerbeschreibung kann ich auf jeden Fall schon ziemlich voll und ganz zustimmen. Zeppenfeld würde ich halt auch eine noch bessere Note geben, da ich ihn und Volle schon mehrmals live in München erleben durfte und ich sie beide sehr mag, aber jeder empfindet anders.

      Außerdem bin jetzt doch ziemlich geschockt, denn endlich schreibe ich, für meine Verhältnisse, mal ziemlich viel und plötzlich war 3/4 des Textes verschwunden (Zeitlimit überschritten?). Muss nun leider eine Pause einlegen.

      Nochmals vielen Dank

      und herzliche Grüße

      Ingrid
    • "Liebling, ich habe die Meistersinger geschrumpft!"

      Lieber Symbol,

      herzlichen Dank auch von mir für Deinen ausführlichen und sehr lesenswerten Bericht! Vieles davon könnte genauso aus meinem Munde / meiner Feder stammen. Verknappt möchte ich folgendes sagen: Herheim hat mit den "Meistersingern" sehr unterhaltsam-kurzweiliges, oft phantasievolles, vor allem aber auch handwerklich perfektes Sommertheater geboten, das man sich gerne anschaut. Ein "pompöses Kammerspiel" im ganz eigentlichen Wortsinn, wenn diese widersprüchliche Formulierung erlaubt sei. Im Gegensatz zum überwältigenden Assoziations-Bildersturm des Bayreuther "Parsifal" von 2008 (oder auch der Brüsseler "Rusalka") fehlte mir allerdings eine gewisse "Reibungsfläche", die den Geist auch etwas kitzelt und neue Bedeutungsebenen freilegt. Wie Du sehr richtig hervorgehoben hast, glänzt Herheim mit einer unglaublich präzisen und spannenden Personenführung, die sich in einer wahrhaften "Kunst des Übergangs" immer aus der Szene entwickelt und dabei keine Sekunde Langeweile aufkommen lässt. Herheims Arbeiten sollten in dieser Hinsicht als Lehrvideos für Musiktheater-Regie benutzt werden! "Eigenartigerweise" gibt es bei Herheim jedoch immer auch sehr aufwändige Bühnenbilder. Ich will nicht von Blendwerk sprechen, denn dazu sind die Bilder zu durchdacht und Herheims Arbeit damit zu seriös, aber mich würde einmal sehr eine Herheim-Inszenierung mit einer stark reduzierten Bühne interessieren. Seine meisterhafte Kunst der Personenregie müsste es ihm eigentlich auch hier leicht ermöglichen, spannendes und intelligentes Theater zu machen. Interessant dürfte die Inszenierung auch wegen ihrer eventuellen "Brücken-" oder "Scharnier"-Funktion im Bezug auf die anhaltenden Diskussionen zum "Regietheater" sein. Ich fand Gioachinos Bemerkung in einem anderen Thread sehr interessant, dass er, wenn diese Inszenierung unter "Regie-Theater" falle, nun ein glühender Verehrer dessen sei. Auch das Publikum in Salzburg hat das Regie-Team ja überwiegend mit Zustimmung empfangen (ich glaube Gatti hat sogar mehr Buhs bekommen ...). Herheim hat meiner Meinung nach einen kleinen Trick angewandt, um einen ästhetischen Spagat zu schaffen: Butzenscheiben und Biedermeier-Kostüme alleine hätten ziemlich verstaubt gewirkt, aber wenn man das Ganze in einen phantastischen, surreal-überzeichneten Zusammenhang bringt, dann hat es wieder einen bestimmten Neu- oder Mehrwert. Eine Patentlösung für Inszenierungen, die "bei allen" gut ankommen ist das aber sicherlich nicht, denn zu oft angewandt ist dieses Prinzip schnell ausgelutscht und es braucht zudem auch eine fähige Regie-Hand, damit es überhaupt überzeugend funktioniert. Soviel erst mal dazu.

      Zur musikalischen Seite: Sängerisch war das insgesamt hervorragend, vor allem was die männliche Seite angeht. Michael Volle ein wirklich beeindruckender, fabelhafter Sachs, der diese Monsterpartie souverän durchstand und am Ende zu Recht überschwänglich gefeiert wurde. Die Bemerkung von Eva Halus (ORF-Radio), das um Volle agierende Ensemble sei zwar spielfreudig, "im Gesang in vielen Passagen aber nicht festspielwürdig", lässt einen etwas verwundert zurück. Denn neben Volle überzeugten auch Peter Sonn (David), Markus Werba (Beckbesser) und Georg Zeppenfeld (Pogner) - mit Abstrichen auch Roberto Saccà (Stolzing). Nicht ganz auf gleicher Höhe, zugegeben, die Damen: Anna Gablers sehr dunkler Sopran würde einen beim reinen Hören wohl eher an eine Magdalena denken lassen. Dies soll aber nicht der eigentliche Kritikpunkt sein, denn das ist eher Geschmackssache. Im Prinzip fand ich ihre Leistung durchaus solide (vom Typ her wie Symbol schon erwähnte, passt sie perfekt), in der Höhe verlor sie jedoch häufig stark an Textverständlichkeit und differenzierender Phrasierungskunst. Monika Bohinec als Magdalena war durchschnittlich.

      Gatti hat viel Kritik einstecken müssen, beim Applaus waren deutliche Buhs für ihn zu vernehmen. Auch in den Kritiken kommt er nicht gut weg. Ja, seine Lesart ist durchaus sehr eigenwillig und die teilweise extremen Temposchwankungen sind gewöhnungsbedürftig. Aber ehrlich gesagt fand ich das vor allem in Verbindung mit der Szene oftmals gar nicht so unpassend, es gab ein paar sehr schöne Stellen, die ich so noch nie exponiert gehört habe. Eine Glanzleistung war es vielleicht nicht, aber ich finde die z.T. sehr harsche Ablehnung doch etwas überzogen.

      DiO :beatnik:
    • ...für diesen tollen ausführlichen Bericht, der auch noch ziemlich genau meine Meinung trifft. Diese Meistersinger gehören für mich mit zu den besten Beiträgen der Festspiele 2013. Michael Volle war - genau wie letztes Jahr in Köln - für mich der perfekte Sachs, dicht gefolgt von Markus Werba als Beckmesser. Beide Figuren einen Teil der Persönlichkeit Wagners darstellen zu lassen, war ein genialer Einfall von Herheim, der insgesamt eine stimmige Inszenierung vorlegte ohne das Werk großartig zu entfremden. Genial war auch das Bühnenbild, das Teile aus Sachs/Wagners Stube für den ersten und zweiten Akt herausnahm und vergrößerte, so dass die Menschen wie kleine Männchen durch das Ambiente wuselten. Zum Glück habe ich die Oper aufgenommen, es gibt noch so viel zu enträtseln. Zum Beispiel, welche historische Figur sich hinter den Meistern verbirgt. Liszt habe ich schon entdeckt.
      Daniele Gatti wählte teilweise recht ungewöhnliche Tempi, die Prügelfuge war total verhetzt und geriet promt aus den Fugen...
      Bei den Sängern fand ich Anna Gabler nicht so berauschend, großartig dagegen Zeppenfeld als Pogner. Auch Oliver Zwar als Kothner hat mir sehr gut gefallen.
      http://wotans-opernwelt.blogspot.com/
    • Danke, Symbol, für Deine ausführliche Würdigung ! Die Rezeptionsgeschichte der Meistersinger ist anderenorts so häufig breit getreten worden, dass ich froh gewesen bin über Herheims eher konventionelle Sichtweise. Nie zuvor habe ich einen Sachs auf der Bühne erlebt, der seine seelische Zerrissenheit, den Konflikt zwischen Herz und Verstand, so erschütternd demonstrierte wie Volle in Salzburg, der offensichtlich Herheims Vorgaben eins zu eins umzusetzen vermochte.
      Dass der Regisseur seinen Sachs beim Schlussapplaus in die Arme nahm, spricht wohl deutlich für meine Annahme. Wie in einem anderen Thread angemerkt, sehe ich mich außerstande, Dirigat und Orchesterspiel angemessen zu beurteilen. Unter den Sängern gab es einen, dem ich eine längere Pause zum Regenerieren der Stimme empfehlen würde : Roberto Sacca. Mit den exponierten Tönen hatte er m. E. deutlich weniger Probleme als mit der Mittellage, die einen unschönen, meckernden Touch hat. Dieses Phänomen trifft man immer dann an ( die späte Callas, Lance Ryan ! ), wenn sich Sängerinnen und Sänger schonungslos übernehmen. Die Mittellage, unweit der Sprechstimme, ist die Keimzelle des klassischen Gesangs. Spricht sie nicht mehr optimal an, ist der Zusammenbruch des Stimmorgans abzusehen. Durch zunächst dezentes, dann immer intensiveres Forcieren in der exponierten Tessitura lässt sich dieser Niedergang eine Zeit lang kaschieren.
      Wohl der / dem, die/ der Stimmlippen aus Stahl hat, die so etwas nicht spontan bestrafen ! Michael Volle hingegen hat die wohl mörderischste Partie der Operngeschichte bravourös bewältigt - Kompliment !

      Ciao. Gioachino :spock:
      miniminiDIFIDI
    • In Ermangelung einer schriftlich-rhetorischen Kompetenz, nur wenige Worte von mir zur Inszenierung. Kurz: Mir hat sie gefallen. Ich finde es nicht schlimm, wenn beim Bühennbild auch das Auge bedient wird (à la Kitsch), ich selbst brauche das aber eigentlich nicht. Hier gefiel es mir sehr, da Herheim-resp. Heike Scheele-trotzdem immer wieder dieses kitschige Bild brach (3.Akt: das Hirn auf der Bühne). Am besten gefiel mir Herheims Personenführung. Noch nie ist mir aufgefallen, dass auch Sachs nach Anerkennung lechzt, dabei köstlich wie er mit der Situation dann nie klar kommt, wenn er diese einmal erhält (zBsp.: „Wach auf“). Der Vorwurf, den ich anderenorts oft gelesen habe, dass die Inszenierung eine typische konservative Inszenierung sei, wo man das Hirn an der Garderobe abgeben konnte, kann ich nicht unterschreiben.

      Auch toll wie Herheim mit dem Humor umgeht. Die Meistersinger sind nun einmal eine Komödie und die Meistersinger (im Stück) selbst sind alles andere als eine ernstzunehmende Gesellschaft. Während anderen Leuten anscheinend der Schaum vor dem Mund schäumt, weil die Meister sich so ulkig und kindlich benehmen (gerade im ersten Akt), solle doch mal genauer hinhören, was die da singen und wie sie sich so geben. Eine total peinliche, elitäre Versammlung.

      Gattis Dirigat fand ich einfach nur langweilig. Ich habe nichts gegen langsame Tempi (auch wenn ich immer eher die schnelleren Tempi bevorzuge), aber man muss diese dann mit Energie, Emotion… was auch immer füllen können. Das konnte Gatti nicht. Der Klangkörper Wiener Philharmoniker war trotzdem auf dem üblichen, hohen Niveau.

      Die Gesangsleistungen fand ich im Schnitt sehr gut. Volle war sehr überzeugend, die Konditionsprobleme, welche sich im dritten Akt deutlich zeigten, hatte wahrscheinlich jeder Sachs in einer Liveaufführung (da kann man die Vergangenheit noch so verklären: höre ich eine Live-Aufnahme von der „tollen Zeit“, höre ich bei jedem Sachs spätestens im dritten Akt einige Probleme, sei das noch so gut als Gesamtleistung). Zudem gefiel mir Volles Portrait der Partie. Gioachino hat völlig recht, diese Partie ist wohl die schwierigste Partie für Bariton/Bass bei Wagner. Nach Volle muss ich unbedingt den David von Peter Sonn nennen. Für mich tönen die meisten Spiel-, Charaktertenöre zu schmalspurig und mehr „falsch“ in dieser Partie, als ein lyrischer Tenor. Sonn ist eindeutig letzteres, scheint zudem ein guter und natürlicher Schauspieler zu sein. Für mich die Leistung des Abends.
      Ebenfalls toll fand ich den Beckmesser von Markus Werba. Ich ertrage es nicht, wenn sich ein Beckmesser durch die Partie spricht und schreit, ich möchte auch da einen Sänger, der singen kann. Und das kann Werba! Er hat das a‘ in der Schusterstube, er hat auch gerade die wenigen Tiefen der Partie. Auch er spielt gut und natürlich und zudem ist sein Beckmesser nicht nur Witzfigur: Beckmesser schäumt immer vor Wut und Werba lässt dieser Wut auch Luft, was der arme Sachs im dritten Akt bezeugen kann.
      Zeppenfeld als Pogner sehr gut, wär hätte etwas anderes erwartet? Der Singverein überzeugt als Ganzes.
      Roberto Sacca war für mich einfach durchschnittlich, mir sitzt sein Klang zu sehr in der Kehle, auch kaufe ich ihm den jungen Junker nicht ab. Von Anna Gabler war ich einfach nur enttäuscht, das war schrill, die Höhen wurden in der Schusterstube nur mit Druck erreicht, die Intonation verrutschte am Ende des Quintetts.

      Alle geschilderten Eindrücke sind natürlich IMO und ich habe das alles nur als TV-Übertragung gesehen.
    • Hier wurde meines Erachtens alles gesagt: Was der Fachmann auch immer sagen möge und anmerken möchte; für mich war das eine Werbung für die Oper und besonders für Wagner!!!
      Liebe Grüße

      Yorick


      Hoffnung ist etwas für Leute, die unzureichend informiert sind. (Heiner Müller)
    • Vorstellung am 12.8.

      Ich fand Inszenierung und Bühnenbild nicht ganz konsequent. Die Rahmenhandlung: geschenkt. Ganz nett, nicht übermäßig originell. Die Alice-in-Wonderland-Idee mit den zu begehbaren Architekturen vergrößerten Möbelstücken wirkt auf der Bühne frappierend und weckt, gerade im ersten Akt, eine Fülle von Assoziationen: der Sekretär, auf dem Volle/Sachs/Wagner das Stück konzipiert, wird zur Kirche - eine anschauliche Illustration der Kunstreligion. Aber im dritten Akt wird das nicht weitergeführt und die Festwiese habe ich bühnenbildnerisch eher als Verlegenheitslösung empfunden.

      Kein Problem, wenn Herheim diesmal die Rezeptionsgeschichte ausspart und sich ganz auf Bild- und Ideenwelt des Biedermeier/Vormärz konzentriert. Sehr viele Funken schlägt er daraus jedoch nicht: die Kostüme, klar, Stolzing als Burschenschaftler, "Des Knaben Wunderhorn" als Regelwerk, die Grimm'schen Märchenfiguren, der Fürth-Nürnberger "Adler" (die erste deutsche Eisenbahn) auf der Festwiese (Mädel aus Fürth), noch ein paar Details... Tja.

      Natürlich ist Herheim auch hier wieder ein begnadeter und sehr musikalischer Regisseur, das hat Symbol schon gesagt. Das ist fast alles brillant choreographiert. Am besten gelungen der erste Akt: allein schon Davids Darlegung der verschiedenen Töne und Weisen, die sonst oft langstielig gerät, wird zu einem Kabinettstück. Auch geizt Herheim hier nicht mit wirklich witzigen Überzeichnungen bis hin zur Karikatur - sowohl bei den Meistern als auch bei Stolzing. Im zweiten Akt geht's trotz des unkonventionellen Ambientes szenisch konventioneller zu, wobei im Dialog Sachs-Eva jede Geste und Körperbewegung stimmt. Angemessen irreal und virtuos die Prügelszene, mit vorschriftsgemäßen (projizierten) Wassergüssen und Spitzweg'schen Regenschirmen am Ende. Auch im dritten Akt ist schon beim Vorspiel genau berechnet, wo Sachs zu welchem Motiv bzw. Abschnitt steht und was er tut. Doch in der Schusterstube schaut dann doch allzuoft unverhüllt die Regiekonvention hervor. Nicht so schlimm, dass es peinlich würde: Beckmessers Pantomime, in der die Albtraumwelt der Prügelszene nochmal ausbricht, hat Format. Herheim weiß auch zu vermeiden, dass es so gemütvoll wird wie im Vorabendproramm: Sachs kompensiert seinen scheinbar edel-großmütigen Verzicht mit dem Zerstechen des Eva-Porträts. Aber über weite Strecken geht es erwartbar zu und das wird auf der Festwiese noch schlimmer. Der Spot zur Schlussansprache Sachsens: eine reine Verlegenheitslösung. Wie gesagt: ich habe nichts dagegen, dass eine Inszenierung auch mal die Rezeptionsgeschichte nicht in den Vordergrund stellt. Trotzdem: so harmlos sind die Meistersinger dann doch nicht.

      Ich hab mich szenisch nicht gelangweilt, dazu sind Herheim und ein Teil seiner Darsteller (insb. Volle und Werba) zu gut. Aber wenn man bedenkt, dass Herheim vor genau zehn Jahren in Salzburg mit einer anarchischen Entführung das Publikum zur Weißglut getrieben hat und das gleiche Publikum sich jetzt zufrieden auf die Schenkel klatscht...


      Michael Volle als Sachs war grandios: wie er die Monologe gestaltet und insbesondere im Fliedermonolog auch mit purer Stimmschönheit prunkt. Wie er stimmlich differenziert. Wie wortdeutlich er singt. Und wie toll er trotz kleinerer Ermüdungserscheinungen durchhält. Ich weiß nicht, ob ich das live schon einmal so gut gehört habe. Sehr gut Zeppenfeld (Pogner) und Sonn (David), trotz etwas farbarmer Stimme auch Werba (Beckmesser). Aber, aber: Saccà singt als Stolzing deutlich über sein Fach hinaus. In der Höhe kann er z.B. beim Preislied prunken, aber die Mittellage ist dünn und resonanzarm, sie geht im Großen Festspielhaus fast ganz unter. Im dritten Akt hat Saccà dann auch weitgehend jede darstellerische Bemühung aufgegeben. Ich kann ja verstehen, dass man für bestimmte schwierige Wagnerpartien nicht die idealen Sänger auftreibt, selbst in Salzburg. Aber warum musste es Anna Gabler als Eva sein, die wirklich alles in einem einzigen Tonfall durchsingt, ein eher unschönes Timbre hat und im Quintett nur Stückwerk liefert, wodurch das ganze Ensemble ins Wanken gerät? Kaum "festspielwürdig" auch die Magdalene von Monika Bohinec. Sonderlob für Tobias Kehrer als Nachtwächter - klasse, wie er stimmlich zwischen selbstbewusstem ersten und verstörtem zweiten Auftritt differenziert!

      Daniele Gatti und die Wiener Philharmoniker haben fast durchweg schlechte Kritiken für diese Produktion erhalten. Ich fand Gattis Konzept zumindest interessant: schon im Vorspiel, auch später immer wieder, holt er liebevoll Nebenstimmen hervor, so dass das Klangbild manchmal ziemlich intrikat, sehr polyphon, fast ein bisschen wie bei Max Reger klang - gar nicht wienerphilharmonikermäßig schön. Es haperte aber etwas an der Umsetzung, nicht alles gelang auf den Punkt, im dritten Akt schlichen sich ziemliche Ermüdungserscheinungen bei den Bläsern ein. Und Gattis Tempogestaltung war, wie vielfach bemerkt, gelegentlich ziemlich eigenwillig: es fehlte dann doch das Gefühl für den Konversationstonfall, z.B. am Ende der Szenen Sachs-Eva (zweiter Akt) und Sachs-David (dritter Akt) zog Gatti unmotiviert strettahaft das Tempo an und eilte den Sängern davon. Auch die Prügelfuge geriet zum rasend schnell absolvierten und nicht gut koordinierten Sprint.

      Einige Buhs für Gatti, ein paar mehr für Saccà und Gabler. Riesenjubel für Volle. Ansonsten fand das (wieder mal viele Vorurteile bestätigende) Salzburger Publikum anscheinend, es habe genug Zeit abgesessen und gönnte den Beteiligten nur ganze zwei Vorhänge...


      Viele Grüße

      Bernd
      Details are always welcome. (Vladimir Nabokov)
    • Zwielicht schrieb:

      Natürlich ist Herheim auch hier wieder ein begnadeter und sehr musikalischer Regisseur, das hat Symbol schon gesagt. Das ist fast alles brillant choreographiert.

      Lieber Bernd,

      zunächst vielen Dank für Deinen Bericht zum Live-Erlebnis dieser Produktion. Zu diesem Punkt möchte ich gerne anmerken, daß es manchmal die Tendenz zu geben scheint, die Personenführung auf der Bühne als bloßes Handwerk aufzufassen und sich lieber in konzeptionelle Fragen der Regie zu verbeißen (ohne Dir dies damit unterstellen zu wollen!). Ich sehe dies insofern etwas anders, da eine inspirierte, glaubwürdige und kurzweilige Personenführung eine sehr große künstlerische Leistung darstellt - und was Herheim diesbezüglich geboten hat, war (auch am Fernseher) einfach meisterhaft!

      Die Festwiese war übrigens m. E. insofern keine Verlegenheitslösung, da das (von mir nicht erwartete) Wiederauftauchen der riesenhaft vergrößerten Möbel andeutet, daß man sich - im Gegensatz zu meiner initialen Vermutung - nun doch wieder in einer Traumwelt befand, obwohl man im gesamten ersten Teil des dritten Aufzugs Sachsens recht reale Stube gesehen hat. Daß hierfür ausgerechnet die Regale herhalten mußten, mag in der Tat dem Umstand geschuldet gewesen sein, daß der Chor untergebracht werden mußte.

      Zwielicht schrieb:

      Der Spot zur Schlussansprache Sachsens: eine reine Verlegenheitslösung.

      Einspruch, Euer Ehren! :D Mir ging es eher so, daß ich mich bereits auf ein arg konventionelles Ende eingestellt hatte und bezüglich der Szene eigentlich nur noch gespannt war, was Herheim mit dem nationalistischen Getöse in der Schlußansprache macht. Entgegen meinen Erwartungen ging es nicht kreuzbrav zuende, was durch den Spot erstmals angedeutet wurde. Die simultane Verwandlung des Bühnenbildes im Dunkeln war eine echte Überraschung, erst recht dann der Schlußclou mit Beckmesser. Der Spot deutete also an, daß Herheim es dann doch nicht so arg gemütlich ausgehen lassen mochte.

      Trotzdem läßt sich der vorgebrachte Einwand, daß das alles ein wenig zu harmlos war, nicht vollständig von der Hand weisen. Herheims Regie war enorm reich an sehr klugen Assoziationen, die aber alle nicht allzu unangenehm, sondern etwas gefällig ausfielen. Wäre Herheims Regie nicht so pfiffig, ideenreich und spritzig gewesen, so könnte man wohl beinahe sagen, daß es sich um Regietheater für Leute, die Regietheater nicht mögen, gehandelt hat.

      LG :wink:
      "Was Ihr Theaterleute Eure Tradition nennt, das ist Eure Bequemlichkeit und Schlamperei." Gustav Mahler
    • Lieber Symbol,

      Symbol schrieb:

      Zu diesem Punkt möchte ich gerne anmerken, daß es manchmal die Tendenz zu geben scheint, die Personenführung auf der Bühne als bloßes Handwerk aufzufassen und sich lieber in konzeptionelle Fragen der Regie zu verbeißen (ohne Dir dies damit unterstellen zu wollen!). Ich sehe dies insofern etwas anders, da eine inspirierte, glaubwürdige und kurzweilige Personenführung eine sehr große künstlerische Leistung darstellt - und was Herheim diesbezüglich geboten hat, war (auch am Fernseher) einfach meisterhaft!


      klar, habe ich ja auch gewürdigt. Aber abgesehen davon, dass Herheims Brillanz schon mal größer war und sich hier gegenüber Castorfs Bayreuther Rheingold-Regie doch etwas nürnbergerisch-handwerklich ausnimmt: im dritten Akt fand ich die Personenregie häufig konventionell, schon in der Schusterstube, aber gerade auch auf der Festwiese.

      Herheim bedient sich gerne konventioneller Regietopoi für die jeweilige Oper und verfremdet sie, indem sie in "falsche" Kontexte setzt. Beim dritten Parsifal-Akt in Bayreuth war das besonders kennzeichnend: In der ersten Dreiviertelstunde hat Herheim da überwiegend Bilder der Uraufführung nachgestellt - was aber im rezeptionsgeschichtlich orientierten Konzept dieser Inszenierung funktioniert und die abgeblendete (Schein-)Kargheit der Musik spiegelt.

      Aber bei den Meistersingern: viel zu oft herziges Ringelreihn der Buben und Mädchen (Festwiese!), zu viel unmotivierte Rumsteherei bei Stolzing im dritten Akt, zu wenig Reibungsfläche zwischen Bühnenbild und szenischer Aktion...



      Symbol schrieb:

      Einspruch, Euer Ehren! :D Mir ging es eher so, daß ich mich bereits auf ein arg konventionelles Ende eingestellt hatte und bezüglich der Szene eigentlich nur noch gespannt war, was Herheim mit dem nationalistischen Getöse in der Schlußansprache macht. Entgegen meinen Erwartungen ging es nicht kreuzbrav zuende, was durch den Spot erstmals angedeutet wurde. Die simultane Verwandlung des Bühnenbildes im Dunkeln war eine echte Überraschung, erst recht dann der Schlußclou mit Beckmesser. Der Spot deutete also an, daß Herheim es dann doch nicht so arg gemütlich ausgehen lassen mochte.


      Den Spot fand ich eine für Herheims Niveau sehr bescheidene Lösung. Naja, und die Sachs-Beckmesser-Korrespondenz am Ende - hübsch, aber auch wieder sehr putzig, wenn sich beide noch beim Schlussbeifall wegzuschieben versuchen...


      Symbol schrieb:

      Trotzdem läßt sich der vorgebrachte Einwand, daß das alles ein wenig zu harmlos war, nicht vollständig von der Hand weisen. Herheims Regie war enorm reich an sehr klugen Assoziationen, die aber alle nicht allzu unangenehm, sondern etwas gefällig ausfielen. Wäre Herheims Regie nicht so pfiffig, ideenreich und spritzig gewesen, so könnte man wohl beinahe sagen, daß es sich um Regietheater für Leute, die Regietheater nicht mögen, gehandelt hat.


      Die Meistersinger sind ja auch ohne den rezeptionsgeschichtlichen Kontext kein harmloses Stück. Da geht's zur Sache, Existenzen stehen auf dem Spiel, es wird mit härtesten Bandagen gearbeitet. Wenn der Komödie zu sehr der Stachel gezogen wird - und das war m.E. hier der Fall - dann reagiere ich allergisch.


      Viele Grüße

      Bernd
      Details are always welcome. (Vladimir Nabokov)