WAGNER: Der fliegende Holländer - Bayreuth 26.7.2013, TV-Übertragung ARD

    Diese Seite verwendet Cookies. Durch die Nutzung unserer Seite erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies setzen. Weitere Informationen

    • WAGNER: Der fliegende Holländer - Bayreuth 26.7.2013, TV-Übertragung ARD

      Dirigent: Christian Thielemann
      Inszenierung: Jan Philipp Gloger
      Bühnenbild: Christof Hetzer
      Kostüme: Karin Jud
      Ausstattung: Monika Gora
      Chorleitung: Eberhard Friedrich
      Chor der Bayreuther Festspiele
      Orchester der Bayreuther Festspiele

      Samuel Youn (Der Holländer)
      Franz-Josef Selig (Daland)
      Ricarda Merbeth (Senta)
      Tomislav Muzek (Erik)
      Benjamin Bruns (Der Steuermann)
      Christa Mayer (Mary)

      Um es vorwegzunehmen: ich habe diese Live-Übertragung mit einer gehörigen Portion Skepsis eingeschaltet. Vom Vorjahr hatte ich nur mitbekommen, dass die Inszenierung von Jan Philipp Gloger den Holländer stark verfremde und 1-2 Szenenfotos in den Zeitschriften hatten es mir auch nicht gerade angetan. Dann aber geschah was ich nie erwartet hätte: die Inszenierung gefiel mir von Minute zu Minute besser und am Ende war ich völlig überzeugt und begeistert - von einem modernen Inszenierungskonzept, das das Grunddrama Wagners (so wie ich es verstehe) aktualisiert und trotzdem nicht verbiegt. Freilich war es vermutlich von Vorteil, die Oper bereits zu kennen, was aber beim Bayreuth-Publikum sicherlich vorausgesetzt werden kann.

      Grundidee: der Holländer und Senta als radikale Konsumverweigerer in einer durchkommerzialisierten Welt, die die Geldversessenheit und das äußerliche Styling unserer heutigen Gesellschaft ironisiert, karikiert und zum Schluss ihr auch einen schonungslosen Spiegel vorhält.
      Der Fluch des Holländers: in einer Welt, in der er aufgrund seines Reichtums alles kaufen könnte, sehnt er sich vergeblich nach echtem Mitgefühl. Nach einem Menschen, der sich für ihn, nicht für sein Geld - das ihn selbst längst anekelt - interessiert. In Anbetracht dessen, dass der Holländer ja auch in der Grundgeschichte sicherlich auf einer Handelsreise war, als er das berüchtigte Kap umsegeln wollte, finde ich das eine legitime Deutung.

      Der erste Aufzug spielt in einem überdimensionalen Raum aus elektrischen Schaltkreisen und Leuchtröhren, deren Flackern optisch Sturmstimmung verbreitet. Daland und der Steuermann - jeder Zoll moderne Geschäftsleute, der Steuermann ein eifriger Schüler Dalands, der seinen Lehrer oft genug bereits übertrifft - sitzen in Maßanzügen in einem Ruderboot, das bereits nur die karikierte Andeutung eines Handelsschiffes ist, die Mannschaft singt aus dem Off.
      Der Holländer tritt ebenfalls in modernem Anzug mit Rollkoffer (voller Geldscheine) und Coffee-to-go aus dem dunkelen Hintergrund wie aus einem Flughafenterminal auf. Auf der links kahlrasierten Kopfhaut und seiner rechten Hand sind schwarzglänzende Flecken zu sehen, deren Symbolgehalt ich vermutlich noch nicht voll durschaut habe, die aber auch so gruselig genug wirken. In seiner Arie treten wie in einer Rückblende verschiedene stumme Komparsen aus dem Dienstleistungssektor auf, die allesamt an seinem Geld, aber nicht an ihm als Person interessiert sind. Zum "Nur eine Hoffnung soll mir bleiben" deuten vielstellige hochzählende Digitaluhren die unerträglich fortlaufende Zeit für den Holländer an, die zum "Wenn alle Toten auferstehn..." auf 00000000 springen.
      Das folgende Zusammentreffen von Holländer, Daland und Steuermann gerät in der Überzeichnung der Affektiertheit und Geldgeilheit der beiden Letzteren zum komödiantischen Kabinettstückchen. Im Kontrast dazu der angewiderte Holländer, der das Süßholzgeraspel Dalands nur mühsam erträgt.

      Der zweite Aufzug spielt in der Lagerhalle von Dalands Fabrik, die sich als ein Verpackungssaal für Ventilatoren entpuppt. Mary und die als Packerinnen umfunktionierten Spinnerinnen stehen in ihrem affektierten Gebaren und Outfit Daland und seiner Mannschaft in nichts nach. Kontrapunkt hier: Senta, die mit unfrisierten Haaren und schwarzverschmiertem Kittel bereits äußerlich einen scharfen Kontrast bildet und an einer modernen Skulptur des Holländers aus Verpackungsmaterial und schwarzer Farbe arbeitet. Keine Spur von schwärmerischem Backfisch, diese Senta ist am ehesten mit einer modernen Künstlerin mit ausgeprägtem Selbstbewusstsein vergleichbar, die sehr genau weiß, was sie will und tut.
      Erik als einfacher Handwerker mit Dichtungspistole und diversem Werkzeug gehört optisch eher zu Sentas als zu Dalands Welt.
      Der entscheidende Unterschied zwischen den beiden: Senta will nicht zur Kommerzgesellschaft gehören, bei Erik sieht das zumindest teilweise offenbar anders aus: zu den Worten "mein Leiden, Senta, rührt es dich nicht mehr?" wendet er sein leeres Portemonnaie um!
      Optisch grandios umgesetzt Eriks Traum: auf der Bühnenrückwand erscheinen die überdimensionalen Schattenrisse zweier Männer, die man erst im Verlauf des Traumes Daland und dem Holländer zuordnen kann. Nie habe ich diese Szene mit derart sparsamen Mitteln ähnlich effektvoll umgesetzt gesehen.
      Mein Lieblingsteil ist der Rest des zweiten Aufzugs: der Kontrast zwischen den beiden Welten wird auf die Spitze getrieben, wenn Senta demonstrativ den von Daland verteilten Verlobungssekt wegschüttet und der Holländer die Verlobungsringe wegwirft.
      Selten habe ich einen so menschlich berührenden Holländer und eine so unverkitschte Senta erlebt. Erstmals habe ich emotional eine der Funktionen moderner Kunst begriffen: durch gewollte Verfremdung und Lächerlichkeit die ungewollte Lächerlichkeit von veraltetem Pathos zu vermeiden (Senta schnallt sich im Verlauf des Duetts Engelsflügel aus schwarzbemalter Pappe um und nimmt eine Holzlatte als Schwert zur Hand).
      Dass sich die Beziehung Senta-Holländer nicht in einer konventionellen Liebesbeziehung erschöpft, wird u.a. durch einen Kunstgriff beim "Hier meine Hand..." deutlich gemacht: da wird kein bloßes Eheversprechen, sondern eher eine Blutsbrüderschaft, eine Schicksalsgemeinschaft mit Haut und Haaren geschlossen.

      Die großen Chorszenen zu Beginn des dritten Aufzugs sind anfangs als Partygesellschaft mit dem Steuermann als Mittelpunkt inszeniert; die Männer in Anzügen, die Frauen in den Festkleidern, die ihnen von der Mannschaft Dalands in Modetüten mitgebracht wurden. Die Mannschaft des Holländers tritt dann in ähnlichen Anzügen auf, aber mit Zombie-ähnlichen Gesichtsmasken und schwarzen Hautflecken wie beim Holländer. Zum Kampf der beiden Chöre verbrennen der Holländer und Senta die Geldscheine im Koffer des Holländers als letzte radikale Absage an die Kommerzwelt Dalands.
      Im Verlauf von Eriks Auftritt wird noch deutlicher, was im zweiten Aufzug bereits angedeutet wurde: Senta und Erik sind durch eine gemeinsame Kindheitsgeschichte verbunden, die in Erik die Hoffnung auf eine Liebesbeziehung geweckt hat, von Seiten Sentas aber nie mehr als reine Kameradschaft zwischen zwei Außenseitern war. Erik präsentiert ihr zu seinem "willst jenes Tages du dich nicht mehr entsinnen..." eine Reihe von Kindheitsfotos, deren nostalgische Betrachtung durch Senta den Holländer zu seinem "Verloren! Ach, verloren..." treibt.
      Senta geht hier in den Tod, indem sie sich symbolisch mit ihrem "Holzschwert" ersticht, worauf sich eine große Blutlache sowohl auf ihrem Bauch als auch auf dem Bauch des Holländers bildet und sich beide im Sterben umarmen.
      Kurzes Dunkel und dann treibt das Schlussbild den Sarkasmus auf die bitterböse Spitze: in Dalands Fabrik werden nun nicht mehr Ventilatoren, sondern als Lampen verkitschte Darstellungen von Senta und dem Holländer in ihrer tödlichen Umarmung produziert: Selbst diese radikale Absage an die Kommerzwelt wird von ebendieser Welt (erfolgreich?) kommerziell vermarktet!

      Zu den Sängern und zum Dirigat kann ich nur sehr geringe Kompetenz beisteuern. Bruns fand ich stimmlich als Steuermann ganz toll, mit kleinen Abstrichen an Stimmvolumen und Schwärze des Timbres auch Youn als Holländer. Selig als Daland und Muzek als Erik haben gut gestaltet, an Merbeths oft ungewohnt schrille Stimme musste ich mich erst gewöhnen. Thielemanns Dirigat hat mir prinzipiell gefallen, ein bisschen mehr Transparenz wäre mir aber auch willkommen gewesen.

      Warum hat mir diese Inszenierung nun so unerwartet gut gefallen?
      - Sie hält eine (mich) überzeugende, hochaktuelle Grundidee konsequent und phantasievoll bebildert durch.
      - Sie spitzt die Grundcharaktere und die Story des Dramas zwar zu, deutet sie aber nicht grundsätzlich um: der Holländer ist echt, keine Phantasieausgeburt einer psychisch kranken Senta; auch die Erlösung am Schluss ist echt, wenn auch alles andere als verklärt.
      Dass bei diesem Konzept das Romantisch-Schauerliche des HOLLÄNDERS weitgehend auf der Strecke bleibt, nehme ich dafür gerne in Kauf.

      Ich würde mich freuen, wenn trotz der reichlich verspäteten Einstellung dieses Berichts noch eine Diskussion in Gang käme.
      In der ARD Mediathek ist der Film leider nicht mehr verfügbar, aber auf YT kann man ihn (leider mit leicht versetztem Ton
      in der zweiten Hälfte des 2. Aufzugs) unter "http://www.youtube.com/watch?v=1KUemRwoQLU", "http://www.youtube.com/watch?v=_ro_r9t_iR4" und "http://www.youtube.com/watch?v=i1gQhgBeWfY" finden.
      Besonders würde mich freuen, wenn jemand hier von der Premierenserie 2012 berichten kann, insbesondere über evtl. darstellerische Differenzen zwischen Frau Merbeth und Frau Pieczonka als Senta. Mein Eindruck von Bildern der Premierenserie war, dass die Inszenierung von der Überarbeitung profitiert hat.

      VG, stiffelio
    • Dieser Bericht hat erfreulicherweise eine Diskussion über das Werk selbst ausgelöst. Die Beiträge befinden sich ab sofort hier: Richard Wagner: Der fliegende Holländer - "vom Teufel verflucht", "menschliche Hybris"? Werkbesprechung.

      :gurni:
      Es grüßt Gurnemanz
      ---
      Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
      Helmut Lachenmann
    • Danke für den sehr guten Bericht! Ich habe die TV-Übertragung während meines Urlaubs in Dänemark auf einem kleinen Fernseher mit schlechtem Ton gesehen und wegen der von dir geschilderten, von mir sehr ähnlich empfundenen Vorzüge der Inszenierung dennoch bis zum Ende geschaut und gehört.

      Die Selbsttötungsszene am Ende fand ich sehr stark. Das Schlussbild nach der kurzen Unterbrechung hat mich weniger überzeugt. Das war in meiner Wahrnehmung ein bloßer Schlussgag, der dem eigentlichen Ende zugunsten eines kurzen Lachers die Tiefe genommen hat. Kann man machen, muss man aber nicht, meine ich. Als sehr stark in Erinnerung habe ich auch die Pech-Symbolik. Das schwarze Pech symbolisiert nicht nur die Person des Holländers wie seine Mannschaft als anders, sondern besudelt/verziert auch das von Senta in der Spinn-Szene geschaffene Bild, besser: die Skulptur.

      Als nicht hundertprozentig in das Konzept eingebunden empfand ich die Rolle Eriks, der über eine bloße Hausmeister-Staffage nicht hinaus kam.

      Umso besser gefallen hat mir die vergleichsweise Aufwertung des Steuermanns, der immer wieder ins materielle Gewinnstreben-Geschehen rund um Daland eingebunden wird und dessen Degeneriertheit parallel zu Daland auch dadurch verdeutlicht wird, dass er Angst im Dunkeln hat und seine Tätikeit nur mit Hilfe von Tabletten wahrzunehmen vermag.

      Musikalisch empfand ich die Sache rund, ohne "Hurra" zu rufen. Schade fand ich, dass Merbeth (Senta) Youn (Holländer) im Liebesduett derart zugesungen hat.

      Grüßle, Thomas
    • Hallo Thomas,

      danke für deine inspirierende Antwort!
      Ich kann nachvollziehen, was du mit dem Schlussbild meinst. Da ging wirklich etwas von der sehr starken dramatischen Stimmung verloren. Lacher hat das Schlussbild allerdings bei mir wahrlich nicht ausgelöst, ich habe da einen sehr starken Sarkasmus empfunden, bei dem mir jedes Lachen im Halse stecken geblieben wäre.
      Die Inszenierung hätte mir aber auch auch ohne das Schlussbild sehr gut gefallen.

      Die Symbolisierung des "Andersseins" durch die schwarze Farbe habe ich auch so empfunden. Dass diese Farbe tatsächlich Pech sein könnte, kam mir noch nicht in den Sinn, finde ich aber einen sehr interessanten Einfall. Eine der besten Überarbeitungen der Inszenierung, denn 2012 hatte Senta offenbar ein rotes Kleid und malte mit roter Farbe. Also eher Blut als Pech. Finde ich längst nicht so passend.

      Erik fand ich im Gegensatz zu dir sehr stimmig. Viele Inszenierungen können sich ja nicht so genau entscheiden, in welcher Beziehung Senta und Erik eigentlich zueinander stehen. Ich fand das hier sehr klar herausgearbeitet. Und Erik durchaus mit Profil, nämlich eines Außenseiters wider Willen. Das Außenseitertum hat ihn und Senta in der Jugend zusammengeschweißt, aber als Senta älter wurde, hat sie gemerkt, dass sie aus unterschiedlichen, teilweise gegensätzlichen Gründen Außenseiter sind. Deshalb passen sie als Paar nicht zusammen - was Erik nicht wahrhaben will. Ich kann mir das richtig gut vorstellen...

      Den Steuermann zusammen im Konzept mit Daland fand ich auch ganz klasse. Überhaupt dieses komödiantische Element in einer grundsätzlich sehr ernsten Auffassung dieser Oper. Das war so herrlich überzeichnet wie eine gute Karikatur.

      Dass Youn im Duett Probleme hatte, sich gegen Merbeth durchzusetzen, ist mir auch aufgefallen. Deren Stimme schnitt ja wirklich durch alles durch wie ein Messer durch Butter. Das hab ich ihr nur wegen ihrer sehr starken Darstellung verziehen.

      Ist der HOLLÄNDER eigentlich generell eine deiner bevorzugten Opern?

      VG, stiffelio
    • Ja, was du zu Erik schreibst, ist einleuchtend, habe ich aber dennoch nicht so wahrgenommen.

      Insgesamt gesehen fand ich manches der Ausstattung übrigens ein wenig überzeichnet bzw. plakativ: die kalkweiße Gesichtsfarbe der Einheimischen, deren Kleidung... Hier zeigt sich aber nur der Unterschied zwischen der Nahsicht über den Fernseher und der Fernsicht im Opernhaus. Zu kritisieren gibt es da nichts..

      Nein, der Holländer ist nicht eine meiner bevorzugten Opern. Er gehörte vor Jahren dazu, als ich begann, Opern zu hören. Heute finde ich den Holländer im Vergleich dann doch zu einfach gestrickt, um ihn in den Kreis meiner Lieblingsopern aufzunehmen. Er fesselt mich dann und wann aber immer noch und ich höre ihn immer wieder einmal.
    • Kalkweiße Gesichtsfarbe?? Vom wem und in welcher Szene?
      Hat mein Computer da einen Farbstich? Ich hab eben mal das Ende des ersten Aufzugs und den Anfang des zweiten nochmal gesehen und kann beim besten Willen da keine weiße Gesichtfarbe bei der Mannschaft Dalands oder den Spinnerinnen feststellen.

      Überzeichnet war sicher vieles, hat mich aber auch in der Nahsicht eher nicht gestört. Am ehestens noch Sentas (Merbeths) extreme Mimik an manchen Stellen.

      Ich könnte nach deinen Lieblingsopern in deinen alten Beiträgen suchen, sind aber ein bisschen viele...hast du einen Link für mich?

      VG, stiffelio
    • Ach, Stiffelio, wie unterschiedlich sind doch die Geschmäcker ! Ich hab`s auch im TV gesehen und jetzt fast schon vergessen, weil mich das Ganze nichts an ging : Steuermann und Herr Daland im Anzug und im Ruderboot, die Packstation bei amazon statt Spinnstube, Hausmeister Erik, Sentas Annäherung an den Holländer auf - immerhin stabilen - Kartons, die Todesengelflügel und das Holzsplitterschwert - anbiedernde Aktualisierung mit dem Holzhammer !
      Ich mag den Holländer halt schaurig romantisch, wozu die Musik, in der Tradition von Weber und Marschner, auch besser passt. Die Erinnerung ist schnell verblasst, wozu nicht zuletzt die Salzburger Meistersinger und der Falstaff dort erheblich beigetragen haben.

      Ciao. Gioachino :wink:
      miniminiDIFIDI
    • stiffelio schrieb:

      Kalkweiße Gesichtsfarbe?? Vom wem und in welcher Szene?


      Nach meiner Erinnerung, die mich hoffentlich nicht täuscht, waren die Gesichter der einheimischen Matrosen sowie des Steuermanns geweißt, d. h. blass und damit emotionslos geschminkt.

      Meine Lieblingsopern gehören hier nicht wirklich her, aber weil du fragst: Don Giovanni, immer noch Otello (Verdi), Boris Godunov, Pelleas, Blaubart, Wozzeck. Ich mag aber durchaus auch ein Ohr für Opern wie Troubadour oder Pagliacci oder eben den Holländer, mag bisweilen auch schönen Gesang als solchen (nicht so sehr liegen mir französischsprachige Opern, Pelleas ist eine Ausnahme.
    • gioachino schrieb:

      Ach, Stiffelio, wie unterschiedlich sind doch die Geschmäcker ! Ich hab`s auch im TV gesehen und jetzt fast schon vergessen, weil mich das Ganze nichts an ging : Steuermann und Herr Daland im Anzug und im Ruderboot, die Packstation bei amazon statt Spinnstube, Hausmeister Erik, Sentas Annäherung an den Holländer auf - immerhin stabilen - Kartons, die Todesengelflügel und das Holzsplitterschwert - anbiedernde Aktualisierung mit dem Holzhammer !


      Ach Gioachino, solche Statements machen mich immer ein wenig traurig, denn der eigentliche Holzhammer ist Deine Argumentation / Deine Analyse. "anbiederne Aktualisierung", ein Gemeinplatz, der immer gerne bei der Hand ist, wahlweise auch gern benutzt: "krampfhafte Modernisierung". Ich habe es Boris gegenüber schon mal ausgeführt: Solche Attribute wie "anbiedernd" und "krampfhaft" sind vorgebliche Begründungen oder Relativierungen, in Wahrheit bräuchte man dieses Attribut aber nicht, da jedwede Aktualisierung in den Augen bestimmter Leute "krampfhaft" oder "anbiedernd" ist. Du versuchst erst gar nicht die Arbeit des Regisseurs zu verstehen, sondern erschöpfst Dich in einer simplen, oberflächlichen Aufzählung von einzelnen Abweichungen vom Libretto, die das ganze der Lächerlichkeit Preis geben sollen: "Steuermann und Daland im Anzug und im Ruderboot", "die Packstation bei amazon statt Spinnstube", "Hausmeister Erik" etc. Dabei wird's aber auch belassen. Was dahinter stecken könnte, das interessiert nicht die Bohne.

      Ich mag den Holländer halt schaurig romantisch, wozu die Musik, in der Tradition von Weber und Marschner, auch besser passt.


      Ich finde, dass die Musik gerade dann oft (nicht immer!) ihr unglaubliches Potential entfaltet, wenn sie sich mit der Szene beißt. Aber bevor ich hier wieder mir nichts dir nichts die allseits beliebte Grundsatzdiskussion vom Zaun breche, flugs ein paar Worte zur Inszenierung. Vorweg aber noch ein Dank an stiffelios sehr lesenswerten und detaillierten Bericht! :juhu:

      Das stärkste Bild war für mich der Beginn: Das einsame kleine Ruder-Boot inmitten einer riesigen, von blitzenden Leuchtröhren an den Wänden punktuell erhellten "Gebäudeschlucht". Da rudert (bzw. lässt rudern) der kleine Geschäftsmann Daland im großen Meer der Finanzwirtschaft, das gar wild brauset. Irgendwie hatte das ganze aber auch etwas (Post-)Apokalyptisches: eine Vision von riesigen (Luft-)Schlössern, die jetzt nur noch mechanisch funkeln und ein einsames Boot, dass durch diese High-Tech-Ruinen treibt. Auf jeden Fall fand ich das ein erfrischendes und anregendes Bild. Im weiteren Verlauf war für mich hin und wieder etwas zu viel Statik im Spiel und die Figur des Erik blieb weitestgehend blass, andererseits gab es noch einige interessante Ideen: Dass die Spinnstube zur Packstation wird, ist eine recht treffliche Übersetzung: Waren früher die Weber(innen) das Sinnbild für stupide Akkordarbeit ("zufällig" hat Heinrich Heine, dessen Holländer-Geschichte die Vorlage für Wagner war, auch "Die schlesischen Weber" geschrieben ...), so sind das heutzutage die Versandhallen von Amazon & Co. aus denen tagtäglich ein Meer an braunen Paketen in die Welt strömt. Interessant ist hierbei, dass die ARD-Doku über die schlechten Arbeitsbedingungen bei Amazon, die vor einiger Zeit für Aufsehen sorgte, erst dieses Jahr lief, Gloger also bereits vorher das Thema aufgegriffen hat. Andererseits muss man auch sagen, dass bei Gloger weniger die Arbeitsbedingungen der Packerinnen, sondern die Abgrenzung Sentas im Mittelpunkt steht. Ein Plädoyer für humane Arbeitsbedingungen ist es also nicht gerade. Die Ventilatoren haben mich zunächst irritiert, ich sah erstmal keinen Bezug, weshalb es ausgerechnet Ventilatoren sein sollten. Später konnte ich mir dann doch ein gewissen Reim darauf machen, denn das Lüfterrad der Ventilatoren erinnert an die Form einer Schiffsschraube und der Wind, den sie produzieren, ist vielleicht kein Südwind, lässt aber vielleicht daran denken. Insgesamt eine gelungene, durchaus sehenswerte Inszenierung, die vielleicht nicht ganz das Niveau der Arbeiten von Kupfer, Konwitschny oder auch Kusej erreicht.

      Sängerisch und musikalisch fand ich das ganze solide, ohne Ausfall, aber auch ohne wirklich Überragendes.

      DiO :beatnik:
      "Wer Europa in seiner komplizierten Verschränkung von Gemeinsamkeit und Eigenart verstehen will, tut gut daran, die Oper zu studieren." - Ralph Bollmann, Walküre in Detmold
    • rolandschmenner schrieb:

      Na, immer noch besser als kitschaffine pseudogruselige Schauerromantik.

      Na ja, aber die Musik ist doch auch "kitschaffine pseudogruselige Schauerromantik". Und der Text erst! Und trotzdem funktioniert es für viele Hörer immer noch.

      rolandschmenner schrieb:

      Kritik: Das Dirigat von Thielemann; vielleicht sollte der dirigentische Jung-Siegfried ein paar Nachhilfestunden bei Petrenko nehmen

      Ich habe es ja schon geschrieben, ich habe von der Fernsehübertragung nur ein kleines Stück gesehen, dafür kenne ich den Mitschnitt der Premiere im letzten Jahr mit fast identischer Besetzung ganz gut.
      Thielemanns gleichzeitig differenziertes und trotzdem den Sängern angepasstes Dirigat war das Herzstück der sehr gelungenen musikalischen Seite des Abends. Er hat das packend gestaltet, die Musik hatte Schwung und Energie und klang in jedem Moment so, als ob es nur so und nicht anders richtig sein könnte.
      Ich liebe Wagners Musik mehr als irgendeine andre. Sie ist so laut, daß man sich die ganze Zeit unterhalten kann, ohne daß andre Menschen hören, was man sagt. - Oscar Wilde
    • Caro DiO mio,

      wie bereits weiter oben ausgeführt, habe ich das Ganze inzwischen schon fast vergessen, weil es mich total kalt gelassen hatte.Hätte der Regisseur mir zu einer neuen Sicht verholfen, sähe es anders aus. Und nichts liegt mir ferner, als neue / alte Kontroversen auszulösen. Dazu bin ich zu neugierig. Wenn allerdings die szenische Umsetzung meinen höchst subjektiven Erwartungen zuwiderläuft, erlaube ich mir, dies auch zu äußern. Man kann das schauerlich romantische Ambiente bei Weber ( Freischütz ) , Marschner ( Der Vampyr ) oder gar Lortzing ( Undine ) ganz gewiss auch kitschfrei servieren - und den Holländer erst recht, meint, frei von jeglicher Agression

      Gioachino :pfeif:
      miniminiDIFIDI
    • Lieber Gioachino,

      zunächst einmal danke für deine kritische Meldung, die zu einem vollständigen Bild auch dazu gehört und die ich als fair formuliert empfunden habe - es war kein allgemein gültiges Qualitätsurteil, sondern eine persönliche Meinung, genau wie meine.
      Was die Geschmäcker betrifft, gebe ich dir 100%ig recht. Ich habe/Wir haben ja erst kürzlich im TELL-Thread erlebt, wie himmelweit die auseinanderliegen können. Ich bin durchaus auch ein Fan konventioneller Inszenierungen, wenn sie nicht statisch sind, und kann gut verstehen, wenn man auf die Schauerromantik beim Holländer nicht verzichten möchte. Zum ersten Kennenlernen der Oper würde ich diese Bayreuther Inszenierung auch nicht empfehlen, diesbezüglich ist der Opernfilm von Kaslik mit McIntyre für mich unerreicht (obwohl man den sicher nicht als kitschfrei bezeichnen kann).
      Aber ich sehe nun wirklich alle Video-Aufzeichnungen des Holländers, die ich in die Finger kriegen kann. Und ich kann nicht behaupten, dass da viel dabei wäre, was mich mehr überzeugt als Glogers Inszenierung und vor allem: was Wagners Figuren ernster nimmt. Ich bin immer schon froh, wenn Senta nicht gleich in der Psychiatrie verortet wird.

      Hast du irgendein Beispiel für einen schauerromantischen, kitschfreien HOLLÄNDER, von dem man irgendwo Bildmaterial einsehen kann?

      VG, stiffelio
    • gioachino schrieb:

      Wenn allerdings die szenische Umsetzung meinen höchst subjektiven Erwartungen zuwiderläuft, erlaube ich mir, dies auch zu äußern.


      Das sei Dir natürlich unbenommen, lieber Gioachino! Mich hätte nur etwas genauer interessiert, warum für Dich die ganze Inszenierung nicht funktioniert hat. Nicht böse sein! :troest:

      DiO :beatnik:
      "Wer Europa in seiner komplizierten Verschränkung von Gemeinsamkeit und Eigenart verstehen will, tut gut daran, die Oper zu studieren." - Ralph Bollmann, Walküre in Detmold
    • Diabolus in Opera schrieb:

      Andererseits muss man auch sagen, dass bei Gloger weniger die Arbeitsbedingungen der Packerinnen, sondern die Ausgrenzung Sentas im Mittelpunkt steht.

      Hallo DiO,

      Was genau meinst du mit Ausgrenzung Sentas?
      Ich sehe es so, dass Senta sich selbst bewusst ausgrenzt, sie will mit dieser ganzen sie umgebenden Barbiewelt nichts zu tun haben. Bereits der erste Blick auf Senta in dieser Inszenierung hat mich fasziniert und spätestens bei ihrem provozierenden Grinsen auf Marys Vorwurf "Du aber, Senta, schweigst dazu?" war ich völlig hin und weg. Das war eine ganz starke Darstellung!

      An Alle:
      Hat jemand noch eine Idee zu dem Ring, mit dem Senta den Holländer ganz am Schluss krönt?

      VG, stiffelio
    • stiffelio schrieb:

      Diabolus in Opera schrieb:

      Andererseits muss man auch sagen, dass bei Gloger weniger die Arbeitsbedingungen der Packerinnen, sondern die Ausgrenzung Sentas im Mittelpunkt steht.

      Hallo DiO,

      Was genau meinst du mit Ausgrenzung Sentas?


      Tippfehler, ich wollte eigentlich "Abgrenzung" schreiben. Hab's ausgebessert. Du hast natürlich Recht.

      DiO :beatnik:
      "Wer Europa in seiner komplizierten Verschränkung von Gemeinsamkeit und Eigenart verstehen will, tut gut daran, die Oper zu studieren." - Ralph Bollmann, Walküre in Detmold
    • Lieber Stiffelio,

      mit Bildern kann ich leider nicht dienen, denn mein schauer - romantischer, dazu auch noch kitschfreier HOLLÄNDER segelte in den Sechzigern des letzten Jahrhunderts durch das Bühnenmeer der DOB, die kurz zuvor mit dem Don Giovanni eröffnet worden war. Die beiden kolossalen Segelschiffe haben sich mir bis heute, ein halbes JH später, eingeprägt. Von den Sängern habe ich nur noch Josef Greindl als Daland und Hans Beirer als Erik in Erinnerung. Irre ich mich nicht, hat der wunderbare Ferenc Fricsay dirigiert, der 1963 verstarb.

      Ciao. Gioachino :wink:
      miniminiDIFIDI
    • Der "Holländer" gehört nicht zu meinen Lieblingsopern Wagners; ich besitze ihn als GA maximal auf einem Dutzend CDs und als DVDs nenne ich nur die bekannten von Kupfer und Kaslik mein eigen; dennoch hat mir die Aufführung recht gut gefallen und ich würde sie mir gerne zulegen, so bald es der Markt hergibt.
      Liebe Grüße

      Yorick


      Hoffnung ist etwas für Leute, die unzureichend informiert sind. (Heiner Müller)
    • Ich habe es ja schon geschrieben, ich habe von der Fernsehübertragung nur ein kleines Stück gesehen, dafür kenne ich den Mitschnitt der Premiere im letzten Jahr mit fast identischer Besetzung ganz gut.Thielemanns gleichzeitig differenziertes und trotzdem den Sängern angepasstes Dirigat war das Herzstück der sehr gelungenen musikalischen Seite des Abends. Er hat das packend gestaltet, die Musik hatte Schwung und Energie und klang in jedem Moment so, als ob es nur so und nicht anders richtig sein könnte.
      Hallo Cherubino,
      ich habe eben nochmal den Thread vom letzten Jahr capriccio-kulturforum.de/beric…aender-live-aus-bayreuth/ durchgelesen.

      Da steht am Ende immer noch eine Frage von mir unbeantwortet (stammt das Sausen von einer Windmaschine?). Das Sausen hörte ich auch in der TV-Übertragung. Kann jemand hier dazu etwas sagen?

      VG, stiffelio