Zugang zu und Überblick über Schuberts Sonatenschaffen mittels Gesamtaufnahmen?

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    • Zugang zu und Überblick über Schuberts Sonatenschaffen mittels Gesamtaufnahmen?

      Liebe Capricciosi,

      mit Interesse las ich die Threads über einzelne Klaviersonaten Schuberts.

      Angeregt von den Threads wollte ich mich, einer bei mir vorherrschenden Sammlertendenz folgend, mal in das gesamte Sonatenschaffen einhören und das aus Preis- und Praktikabilitätsgründen im Rahmen einer Gesamteinspielung.

      Bisher habe ich einige angefasst, bin aber nich nicht so recht glücklich geworden - irgendwie finde ich nicht den rechten Zugang zu Schuberts Klaviersonaten.

      Und deshalb werfe ich mein privatpersönliches Problem hier mal in die Runde mit der BItte um Beurteilung und Einordnung von Gesamteinspieltungen Schuberts Sonatenwerks.

      Mein Schubertschert Werdegang die Sonaten betreffend:

      Der erste Versuch ist eigentlich schon off-topic:

      Eigentlich ist das ja keine Gesamteinspielung, aber mei, war halt die erste Box, die ich zur Verfügung hatte.
      Mit Brendel habe ich in letzter Zeit so meine Probleme: irgendwie reißt er mich nicht vom Stuhl, trifft mich nicht wirklich im Inneren. Das gilt für den Schubert und gleichermaßen für seine Beethoven-Sonaten und -Konzerte, mit denen ich einfach nicht warm werde. Mein Problem, nähert mich aber auch nicht Schubert an. Abgesehen von einigen verhusteten und verklatschten Live-Mitschnitten, die es mir auch immer wieder verleiden. Das ist einfach nicht meins.

      Anschließend habe ich, einer meiner persönlichen Vorlieben folgend, es einmal mit historischen Instrumenten versucht:


      Den Bilson habe ich zur Hälfte geschafft, dann wurde er weitergegeben... er hat mich gelangweilt und schepperte für meinen Geschmack bisweilen noch obendrein allzusehr.
      Beim Badurda-Skoda bin ich ganz durchgekommen. Scheppert auch ordentlich, aber irgendwie spielt er intensiver für meine Ohren. Guter Schritt für mich, aber irgendwie habe ich das Gefühl, das es das auch nicht nicht war.

      Wenn schon nicht historische Instrumente, dann halt historische Aufnahme.
      Also probiere ich derzeit Kempff:


      Gefällt mir bisher, aber ich bin noch nicht durch.

      Jetzt meine Frage in die Runde: was habt Ihr für Favoriten, wovon würdet Ihr und warum die Finger, oder besser die Ohren lassen?
      Lucius Travinius Potellus
      Those who would give up essential Liberty, to purchase a little temporary Safety, deserve neither Liberty nor Safety. (B.Franklin)
    • Zwar leider keine Gesamtaufnahme, aber meines Erachtens bei Schubert unverzichtbar:



      Ich kenne z.B. von der G-Dur-Sonate keine andere Aufnahme, die so kunstvoll gestaltet ist, und dabei gleichzeitig so absolut natürlich, so gelöst wirkt. Während z.B. Brendels Einspielungen immer ein wenig wie klingende Meinungsäußerungen wirken, erlebt man bei Lupu die Musik unmmittelbar, quasi unvermittelt, im wahrsten Sinne des Wortes selbstverständlich. Anders als z.B. Richter, Afanassiev oder in anderer Weise auch Sokolov vermeidet er alle Extreme, ist aber - und das ist das eigentliche Wunder dieser Aufnahmen - ebenso weit von braven Nacherzählungen entfernt. Mir fällt für dieses Spiel kein passenderes Wort ein als "natürlich", aber es ist in Wahrheit das Ergebnis größter Gestaltungskunst. Immer wieder kommt mir beim Hören der Gedanke: Genau so muss es sein. Das vielleicht größte Problem aller Interpretation, nämlich die Synthese von geistiger Durchdringung und emotionaler Versenkung, gelingt Lupu wie selbstverständlich. Es gibt für mich keinen lebenden Pianisten, dem bei Schubert Vergleichbares gelingt.

      Christian
      Jeder Eindruck, den man macht, schafft Feinde. Um populär zu bleiben, muss man mittelmäßig sein.
      Oscar Wilde
    • Kempff / Badura-Skoda

      Bezüglich Schuberts Klaviersonaten bin ich ein erstaunlicher Spätzünder. Dabei habe ich mich vor knapp vierzig Jahren sogar an der A-Dur-Sonate, op. 120, versucht, deren in seinem verinnerlichten Changieren zwischen Dur und Moll so typischen und so genialen Mittelsatz ich als Achtzehnjähriger sicher nicht wirklich zu schätzen wusste.

      Ich besitze diverse Einzelaufnahmen (Sviatoslav Richter und Alfred Brendel vor allem), aber auch erst seit vielleicht zwei, drei Jahren (Kempff; siehe oben) bzw. seit wenigen Wochen (nagelneue Integrale von Badura-Skoda), zwei recht unterschiedliche Gesamteinspielungen. Ich kenne sie komplett vom zumindest einmaligen Hören.

      Paul Badura-Skoda spielt auf mehreren Originalinstrumenten aus dem vorletzten Jahrhundert. Meines Erachtens sind Melancholie und Lyrik nebst den deutlicheren oder verhalteneren Todesahnungen in dieser Musik auf dem Originalinstrument bei Weitem ergiebiger zu realisieren als die riesige Gestalten- und Ausdrucksvielfalt, als die Modernität der (späten) Beethoven-Sonaten.



      Wilhelm Kempff wiederum erscheint mir als ein idealer Interpret der Schubert-Sonaten auf dem modernen Flügel. Seine Spielkultur ist denkbar kantabel und schattierungsreich. Meines Erachtens benötigt die Musik kein dynamisch fundiertes Ausloten und ohnehin keinen virtuosen Zugriff. Das dürfte nicht die Stärke dieser Pianisten alter deutscher Schule sein.

      Christian Köhns Empfehlung (Radu Lupu) reizt mich jetzt, da ich die Musik besser kenne, als sinnvolle Ergänzung. Lupu wird ja nicht selten als Schubert-Interpret schlechthin gewürdigt.

      :wink: Wolfgang

      PS: Gerade sehe ich, dass Travinius sein Glück auch schon mit Badura-Skoda versucht hat. Wie gesagt: Ich bin selber ein Spätzünder - aber jetzt hat es gezündet. Hast Du Dich schon intensiver mit dem Streichquintett des Meisters auseinandergesetzt? Das hat mir auch geholfen hin zu den Sonaten.
      He who can, does. He who cannot, teaches. He who cannot teach, teaches teaching.
    • Das Problem mit den "Gesamteinspielungen" ist, daß sie nicht die gleiche Anzahl von Werken haben. Zuerst muß der Gegenstand definiert werden.

      Schuberts Sonaten sind

      D157 E-Dur 1815 - unvollendet - Finale fehlt
      D279 C-Dur 1815 - unvollendet - Finale fehlt - Ein unvollendetes Allegro D346 ist als mögliches Finale vorgeschlagen worden
      D459 E-Dur 1816 - zuerst als "Fünf Klavierstücke" herausgegeben - unklare Sache, ein Manuskript existiert mit Satz I und unvollendetem Satz II - jetzt betrachtet man diese Sätze als unvollendete Sonate, die letzten 3 als Drei Klavierstücke. Irgendwie passen die 5 gut zusammen.
      D537 a-moll 1817 - vollendet in 3 Sätzen
      D557 As-Dur 1817 - sieht aus als vollendet in 3 Sätzen, das Problem: der dritte Satz ist in Es-Dur
      D566 e-moll 1817 - komplizierte Ausgabegeschichte. Je nachdem findet man sie als 1-, 2- oder 3sätzig, sogar als 4sätzig mit dem Rondo E-Dur D506 als Finale
      D567 Des-Dur 1817 - vollendet in 3 Sätzen, das letzte Blatt ging verloren, erstes Stadium von
      D568 Es-Dur (1825 -1826?) Reworking mit zusätzlichem Menuett
      D571 fis-moll 1817 unvollendeter erster Satz - wurde zusammen mit (unv.)Allegro und (voll.)Scherzo D570 und Klavierstück A-Dur D604 hypothetisch rekonstruiert
      D575 H-Dur 1817 - vollendet in 4 Sätzen
      D613 C-Dur 1818 2 unvollendete Ecksätze. Ein Adagio E-Dur D612 wird oft als Mittelsatz hinzugefügt
      D625 f-moll 1818 Manuskript verschollen, 3sätzige Abschrift (erster Satz unvollendet - im Finale sind einige Takte nur unvollständig niedergeschrieben). Ein verschollener Katalog gab D505 Adagio Des-Dur als langsamen Satz.
      D655 cis-moll Exposition (mit Wiederholungszeichen :) 73 Takte
      D664 A-Dur (1819?) - vollendet in 3 Sätzen
      D765A (ehemals D994) - erstes Subjekt alleine - 38 Takte
      D784 a-moll- 1823 - vollendet in drei Sätzen
      D840 C-Dur 1825 "Reliquie" - unvollendet - s. Franz Schubert: Klaviersonate C-Dur D840 "Reliquie"
      D845 a-moll 1825 vollendet in 4 Sätzen - s. Franz Schubert: Klaviersonate a-moll, D 845
      D850 D-Dur 1825 vollendet in 4 Sätzen - s. Schuberts Klaviersonate D-Dur D850 - wie man Stoßvögeln das Singen beibringt
      D894 G-Dur 1826 vollendet in 4 Sätzen
      D958 c-moll 1828 vollendet in 4 Sätzen
      D959 A-Dur 1828 vollendet in 4 Sätzen - s. Schubert: Die Klaviersonate D 959 - zwischen Melancholie und Irrsinn?
      D960 B-Dur 1828 vollendet in 4 Sätzen - s. Schubert: Klaviersonate B-Dur, D. 960


      Die einzige Gesamtaufnahme, die alle bringt, ist:



      Badura-Skoda auf alten Instrumenten und Dalberto
      bringen alle, außer D567, D655, D765A

      Tirimo und Badura-Skoda spielen je die eigene Vervollständigung der unvollendeten Sonaten, Dalberto spielt sie in non finito.


      Zacharias gibt nur die zweifelsfrei vollendeten Sonaten

      Andere "Gesamtaufnahmen" sind irgendwie dazwischen und verzichten in der Regel auf D613 und eventuell ein paar andere.

      Dies nur, was die Statistik betrifft.

      Was die Interpretation betrifft, würde ich Christians Worte über Radu Lupu unverändert übernehmen.

      Um mich über die anderen zu äußern, fehlt mir Christians tiefe Einsicht in die Sache. Deshalb nur ganz kurz :
      Von Brendel bin ich irgendwie abgekommen. Tirimo finde ich etwas zurückhaltend bis unbeteiligt.
      Dalberto gefällt mir insgesamt sehr, obwohl er bei den frühen Sonaten etwas over the top sein kann.

      Kempff hingegen ist bei den frühen Sonaten gänzlich überzeugend. Was die späteren betrifft, so hat er für D894 und D958 vielleicht nicht ganz den Schlüssel gefunden

      Badura-Skoda ... weites Thema ... sehr von sich überzeugt, ob er seine Überzeugung vermitteln kann?

      Andere nennenswerte "Gesamtaufnahmen" sind Wührer, Klien, Schiff, Haebler.

      Pludermacher und Endres finde ich zu uneben. Wunderbare einzelne Sonaten, dagegen sehr enttäuschende andere.

      Dies nur erste kurz gefaßte Stichwörter. Bitte auf meine Signatur achten !!!!

      Ich hoffe, in einzelnen Sonaten-Threads meine Meinung détaillierter auszudrücken.

      Bald in diesem Theater meine Eindrücke über Hans Petermandl und John Damgaard
      Alles, wie immer, IMHO.
    • Die Fülle an frühen und fragmentarischen Sonaten (die auf vielen "Gesamtaufnahmen" auch fehlen) ist m.E. eher etwas für Experten. Daher wäre eine GA für micht nicht unbedingt die erste Wahl. Ich habe die bis heute vermutlich nicht alle (und besitze nur eine Pseudo-GA, Zacharias/EMI).

      Die Lupu-Box habe ich zwar auch noch nicht angemessen ausführlich gehört, aber die scheint mir eine sehr gute Option, die wichtigsten Werke kennenzulernen (Von den "wichtigen" Sonaten fehlt nur die D 850, die ich zufälligerweise nicht besonders mag, also nicht so stark vermisse, evtl. gibt es eine separate Einspielung unter Lupu.)

      Die Werke verlangen teils etwas Einhörzeit (nicht ganz zufällig spielten sie bis in die Mitte des 20. Jhds. nur eine marginale Rolle im Konzertleben). Ich würde jedenfalls nicht nur die ominösen späten Sonaten, sondern auch mal ein früheres Werk wie die großartige lyrische D 664 oder die vergleichsweise knappe a-moll D 784 anhören, vielleicht "funkt's" da eher.
      Oder auch die diversen Klavierstücke wie die Sammlungen von Impromptus, Moments Musicaux und die drei späten Stücke. Während diese kürzeren Werke (und die Wandererfantasie) bis in den 1950er den Sonaten den Rang abgelaufen haben, scheinen mir sie inzwischen, angesichts des Brimboriums um die späten Sonaten (beinahe so schlimm wie bei Beethoven), eher ein wenig in den Schatten geraten zu sein, m.E. sehr zu unrecht.
      ...a man who refuses to have his own philosophy will not even have the advantages of a brute beast, and be left to his own instincts. He will only have the used-up scraps of somebody else’s philosophy; which the beasts do not have to inherit; hence their happiness. Men have always one of two things: either a complete and conscious philosophy or the unconscious acceptance of the broken bits of some incomplete and shattered and often discredited philosophy. (G. K. Chesterton)
    • Kater Murr schrieb:

      Die Fülle an frühen und fragmentarischen Sonaten (die auf vielen "Gesamtaufnahmen" auch fehlen) ist m.E. eher etwas für Experten. Daher wäre eine GA für micht nicht unbedingt die erste Wahl. Ich habe die bis heute vermutlich nicht alle (und besitze nur eine Pseudo-GA, Zacharias/EMI).

      Für alle Vollständigkeitsfanatiker (ich habe gehört, sowas gibt es. Unvorstellbar ! ;) ), die eine minimale bis fast vollständige "Gesamtaufnahme" haben, gibt es Abhilfe aus Naxos.
      In diesen 3 CDs

      hat nämlich Gottlieb Wallisch alle Problemkinder eingespielt.
      Für jedes Werk spielt er die möglichst umfangreiche Fassung. Die unvollendeten Sätzen spielt er in non finito.

      Dies sind allesamt gute Einspielungen, die einen Blick in Schuberts Kompositionswerkstatt verschaffen. Auch für neugierige Nicht-Experten interessant.
      Alles, wie immer, IMHO.
    • Wenn man mal der letzten Empfehlung bezüglich der "Problemkinder" folgt, las ich des Häufigeren über Mitsuko Uchida, speziell hier im Forum aber eher unterschiedlich bewertet.
      Wer hat denn von Euch welche Erfahrungen mit deren Teil-Gesamtaufnahme gemacht?
      Lucius Travinius Potellus
      Those who would give up essential Liberty, to purchase a little temporary Safety, deserve neither Liberty nor Safety. (B.Franklin)
    • Andras Schiff mit Schubert - meine Live-Erlebnisse

      Lieber Travinius,

      ich gehöre definitiv nicht zu den Menschen, die den Anspruch haben, alles von Beethoven für Streichquartett oder alle Schubertschen Klaviersonaten gleich gut zu kennen und zu besitzen.

      Bei Schuberts Sonaten hatte ich das Glück, der zyklischen Aufführung durch Andras Schiff fast vollständig beizuwohnen, mit der er Anfang der 1990'er Jahre in Köln, Wien, London und einigen weiteren Städten gastierte. Im Zusammenhang mit diesen insgesamt 6 Konzerten (5 davon habe ich miterlebt) ist dann auch diese Aufnahme (immerhin 9 CDs) entstanden:



      Wenn Du Dir den Link anschaust, geht er durch eine ganze Anzahl von unvollständigen Stücken durch, das hat er auch in den Konzerten gemacht, ich kann mich an einige Stücke erinnern, wo er beim Auftritt in Köln das abrupte Abbrechen des Notentextes durch ein abruptes Aufstehen vom Klavier verbildlicht hat. Das lässt sich natürlich in der CD-Aufnahme nicht machen. Für die Mehrzahl der Stücke waren die Konzerte Erstbegegnungen, so dass ich hier eher auf das Individuelle des Stücks geachtet habe und nicht so sehr die Interpretation erkennen konnte. Bei den Stücken, die ich vorher kannte und sehr schätze (z.B. DV784, 959, 960), war ich von der Gestaltung sehr angetan: Eine reiche Schattierung zwischen verschiedenen Farben, feinste dynamische Abstufungen, wenig Pedal. Christian lobte Radu Lupu für seine Natürlichkeit, ich habe das bei Andras Schiff auch genauso erlebt.

      Ich kannte vorher v.a. die Brendel'schen Aufnahmen aus den 1980'er Jahren (Philips), die ich, wie schon einige andere hier geschrieben haben, kaum mehr höre, weil mich die Musik immer weniger erreicht. Von der Schiff'schen Serie habe ich damals aber nur eine CD gekauft, die DV 557,575 und 894 enthält. Diese CD höre ich immer noch sehr gerne, u.a. weil die früheren Sonaten eine unerhörte Lebendigkeit haben und ich die Interpretation von DV 894 einfach als ungemein reich erlebe. Ansonsten höre ich furchtbar gern (alles keine Gesamtaufnahmen, ich weiß) Afanassiev, Richter, Leonskaja und liebäugele schon lange mit der von Christian geposteten Radu Lupu-Box.

      Mitsuko Uchidas Schubert habe ich auch einmal live gehört, den finde ich an den zupackenden Stellen etwas zu zurückhaltend.

      LG Benno
    • Caro Giovanni,

      danke für die ausführliche Schilderung.
      Ist die Schiff-Box dann auch live eingespielt? Ich HASSE Huster und Applaus auf CDs... :)
      Lucius Travinius Potellus
      Those who would give up essential Liberty, to purchase a little temporary Safety, deserve neither Liberty nor Safety. (B.Franklin)
    • Hier meine Meinung über Schiffs Gesamtaufnahme.
      Ich schätze sie genauso hoch ein als Giovanni di Tolon, aber unsere Eindrücke sind im Detail teilweise grundverschieden.
      So läßt sich eine differenzierte Meinung bilden!

      Die Sonaten, die in dieser Gesamtaufnahme aufgenommen werden, sind die gleichen wie bei Kempff, das heißt, D567, D612/613, D655 und D769A sind nicht da. D566 wird zweisätzig dargeboten, D625 dreisätzig, die Reliquie D840 zweisätzig und von D459 sind alle fünf Klavierstücke vorhanden.
      Dazu kommt das Allegro moderato in fis moll D571, das von Schubert "Sonate" betitelt wurde und das sich in einigen Ausgaben zusammen mit dem Scherzo und Allegro D570 und dem Klavierstück in A-Dur D604 als rekonstruierte viersätzige Sonate befindet.
      Schiff spielt den Text Schuberts wie überliefert, das heißt ohne Ergänzungen fremder Hand (etwa in D625 oder D571) und mit allen vorgeschriebenen Wiederholungen.

      Seine Interpretation zeichnet sich in erster Linie durch den schönen Klavierklang aus. Hier wird einem besonders klar, was Schumann meinte, als er schrieb:
      Namentlich hat [Schubert] als Componist für das Clavier vor Andern, im Einzelnen selbst vor Beethoven, etwas voraus [...] - darin nämlich, das er claviergemäßer zu instrumentieren weiß, das heißt, das Alles k l i ng t, so recht vom Grunde, aus der Tiefe des Claviers heraus, während wir z.B. bei Beethoven zur Farbe des Tones erst vom Horn, der Hoboe u.s.w. borgen müssen.

      Unter Schiffs Händen klingt das Klavier tatsächlich aus der Tiefe heraus. Diese Interpretation sucht nicht das Spektakuläre. András Schiff hat die Quellen akribisch studiert und zielt nicht aufs Effekt. Er dramatisiert nicht Schuberts Sonaten, er unterstreicht eher ihren epischen Charakter und, dank einer fein abgestimmten Agogik, vermag er zu erzählen. Dies ganz besonders deshalb, weil mit ihm eine Wiederholung nie nur eine Wiederholung ist - wie z.B. bei Endres. Unauffällig aber doch bemerkbar geschieht etwas auf den Erinnerungswegen der Komposition. Hier sind nicht nur formelle Wiederholungen gemeint, wie die ominöse Wiederholung der Exposition, sondern auch die Motiv-Wiederholungen, die in Schuberts Ästhetik eine besondere Rolle spielen. Es soll auch nicht heißen, das Schiff partout eine Differenzierung einbauen muß, sondern, daß er diese Wiederholungen als Gestaltungselemente interpretiert. So daß Sätze, die man als schlicht erfaßbar kannte, wie der langsame Satz von D279 oder das Finale von D557, auf einmal aufhorchen lassen.

      Das soll nicht bedeuten, daß es eine ruhig fließende, eine weichgespülte Interpretation ist. Ganz besonders D958, die weder Kempff noch Brendel noch Arrau richtig gelungen ist, kommt zur epischen Größe, und die CD, die sie mit D568 verbindet, ist ein Höhepunkt dieser Sammlung. D568 wird hier besonders poetisch dargestellt. Hörbar hat sich Schiff jeder einzelnen Sonate gewidmet und nicht auf Teufel komm raus eine "Gesamtaufnahme" produziert.

      Schattenseiten sind auch da, wie der erste Satz von D894, wo die fff Ausbrüche doch zu verhalten sind. Manche werden denken, daß der Anfang von D784 das Geheimnis und D625 die Spannung eingebüßt hat. Das sind aber Kritiken auf hohem Niveau, die die Anschaffung von alternativen Aufnahmen rechtfertigen (etwa Lupu für D894 oder Richter für D625 und D784). Schuberts Klavierwelt läßt sich nicht mit einer einzigen Aufnahme erschließen.
      Wer bislang nur die traditionellen "Gesamtaufnahmen" der Sonaten kannte, wird mit D571 eine richtige Entdeckung machen. Schubert ist hier das Bindeglied zwischen Beethovens Mondscheinsonate und Chopins Nocturnes und Schiff trifft es in seiner Interpretation ganz genau auf den Punkt.

      Zu seiner Interpretation von D959 siehe :Schubert: Die Klaviersonate D 959 - zwischen Melancholie und Irrsinn?
      Alles, wie immer, IMHO.
    • Travinius schrieb:

      Ist die Schiff-Box dann auch live eingespielt? Ich HASSE Huster und Applaus auf CDs... :)
      Nix Huster, nix Applaus. Studioaufnahmen aus Wien. Aufgenommen im Musikverein in den 90er Jahren. Piano Bösendorfer.


      Interessanterweise wurde Mitsuko Uchida auch im Musikverein aufgenommen, zwischen 1996 und 2001. Und auch von Decca.
      Alles, wie immer, IMHO.
    • Danke. Wobei ich mich wirklich wundere, dass noch keine(r) etwas zu Uchida geschrieben hat.

      Für mich persönlich ziehe ich aus dem bisher Gesagten, dass ich mich mal Schiff nähern werde.

      Interessant... habe mir gerade mal bei amazon.de die Rezensionen angeschaut. Zwei Bewertungen, je einmal ***** und *... wie unterschiedlich man das doch wahrnehmen kann.
      Werde mir, denke ich, gelegentlich eine eigene Meinung bilden.
      Lucius Travinius Potellus
      Those who would give up essential Liberty, to purchase a little temporary Safety, deserve neither Liberty nor Safety. (B.Franklin)
    • Zu Uchida wollte ich etwas schreiben, konnte es aber nicht, ohne meine Eindrücke zu begründen, da die Box auf ihrem Regal ruhig schlummert.
      Zu ihrer Aufnahme von D850, hier: Schuberts Klaviersonate D-Dur D850 - wie man Stoßvögeln das Singen beibringt

      Die CD mit D568 und den Moments musicaux hat mir gefallen. Schöne lyrische Darstellung.

      Habe gerade D958 und D959 gehört. Ich fand D958 etwas lau und bei D959 vermißte ich die Farben (zugegeben, ich hatte vorher in D959 Hans Petermandl gehört, der sich durch sein großes Farbenreichtum auszeichnet).
      Alles in allem fand ich das wieder, was mir bei D850 aufgefallen war: ein nicht besonders konturiertes Spiel, wo ab und zu die Pianistin ihre Handschrift einprägen will. Dies geschieht aber ziemlich willkürlich, ohne daß man einen gesamten Gestaltungswillen erkennen würde. Auf einmal wird das Tempo beschleunigt, oder ein Motiv staccato gespielt, oder dies oder das, ohne daß ersichtlich würde, warum gerade dies hier und jetzt. Und nach diesem - kleinen - Eklat findet man auf die gewohnte Bahn wieder.

      Dies sind nur wiederaufgefrischte Eindrücke von einem Teil der CD-Box.
      Was nun? Will man sich den Schubert-Sonaten auf neutralem Terrain nähern? Da könnte man die Box in Betracht ziehen und dazu für jede einzelne Sonate eine Alternativaufnahme mit größerer Prägung suchen.
      Sucht man nach einer Gesamtaufnahme, wo die Sonaten weniger pauschal dargestellt werden, sollte man woanders suchen und sich für einzelne Uchida CDs als Komplement eventuell entscheiden (D568- Moments wäre ein solcher Kandidat).

      Ich muß sagen, ich komme selten zu Uchida zurück, was erklärt, warum ich ein vorgefertigtes Urteil nicht sofort liefern kann. Aber dies ist auch, weil andere Interpreten mir öfter und stärker in den Sinn kommen, wenn ich eine Sonate hören will.
      Alles, wie immer, IMHO.
    • Ein m. E. sehr schöner und erbaulicher Weg, sich mit Schuberts Sonaten auseinanderzusetzen, ist übrigens, sie selbst zu spielen. Für mich als mittelprächtigen Hobbyklimperer sind naturgemäß einige Sätze oder auch gleich ganze Sonaten zu schwer oder bräuchten einen Zeitaufwand des Übens, den ich momentan nicht aufbringen kann. Vieles aber erschließt sich auf ganz wunderbare Art und Weise, und man lernt die Stücke sozusagen "von innen heraus" kennen. Ein Beispiel hierfür ist der "Con moto"-Satz der D-Dur-Sonate D. 850. Den Wechsel von geradezu kontemplativer Schönheit in diese "fetzig" und ausgesprochen modern rhythmisierten Abschnitte (die schon fast etwas poppig klingen) erlebt man als Spieler viel stärker als als Hörer, selbst dann, wenn nicht alles gelingt.

      LG :wink:
      "Was Ihr Theaterleute Eure Tradition nennt, das ist Eure Bequemlichkeit und Schlamperei." Gustav Mahler
    • Da würde es sicher helfen, wenn mir ein Tasteninstrument zur Verfügung stünde... :rolleyes:
      Momentan bleibt mir leider nur das Konsumieren, obwohl Du inhaltlich sicher recht hast, und Deine Aussage für die meisten Musikstücke gelten dürfte.
      Lucius Travinius Potellus
      Those who would give up essential Liberty, to purchase a little temporary Safety, deserve neither Liberty nor Safety. (B.Franklin)
    • Fast in Vergessenheit geraten ist die GA von Gilbert Schuchter aus den 70ern (oder frühen 80ern?). Lyrisch, tiefgründig und in großem Ton! Dazu in einer wirklich hervorragenden Aufnahmequalität (zumindest auf Vinyl, über die CD-Überspielungen kann ich nichts sagen). Schuchter spielt hier einen sehr wohlklingenden Bösendorfer. Ich halte die Einspielung für einen Geniestreich! Schuchter ist, seit ich diese Box Mitte der 90er entdeckt habe - mein Lieblings-Schubert-Interpret.



      Und es sind wirklich alle Sonaten und Sonatenfragmente enthalten. Zudem noch alle anderen Stücke. Also eine wirkliche GA auf 15 LPs beziehungsweise 12 CDs. Die LP-Box bekommt man ab und an (eher selten) recht günstig bei Ebay. Die CD-Box ist leider teuer, ist sie schon seit Jahren, habe sie noch nie irgendwo günstig gesehen. Aber es lohnt wirklich!




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      Ich habe Schrauben in den Himmel gesteckt
      und die Rabenmuttern festgedreht
    • Die LP-Box gibt es im Übrigen in zwei Ausgaben. Das weinrote Orginal von Tudor beinhaltet sehr schweres, gut gepresstes Vinyl und ist selten zu finden. Die Wiederauflage bei RCA ist von nicht ganz so guter Pressqualität, wird aber häufiger und deutlich günstiger angeboten. Zur Zeit z.B. bei Ebay für 39.99 Euro:

      "http://www.ebay.de/itm/F-Schubert-Das-Gesamte-Werk-Fur-Soloklavier-GILBERT-SCHUCHTER-15-LP-BOX-/380521259178?pt=B%C3%BCcher_Unterhaltung_Music_CDs&hash=item5898d5a0aa"

      Und auf Allmusic kann man in die CDs reinhören (die dortigen Aufnahmen sind allerdings verblüffend verrauscht; auf meiner weinroten LP-Box hört man nichts dergleichen):

      "http://www.allmusic.com/album/schubert-complete-piano-works-vol-1-mw0001585600"
      "http://www.allmusic.com/album/schubert-complete-piano-works-vol-2-mw0001363591"
      "http://www.allmusic.com/album/schubert-complete-piano-works-vol-4-mw0001821439"




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      Ich habe Schrauben in den Himmel gesteckt
      und die Rabenmuttern festgedreht
    • Florian Voß schrieb:

      Die [Schuchter] CD-Box ist leider teuer, ist sie schon seit Jahren, habe sie noch nie irgendwo günstig gesehen. Aber es lohnt wirklich!
      Die habe ich kürzlich für 45 € erworben :) Habe nicht lange gezögert.
      Man sollte ab und zu die verchiedenen Anbieter (auch international) checken. Die Klangqualität der CD finde ich überzeugend. Mir ist kein störendes Rauschen aufgefallen.
      Ich hatte die LP-Kassetten (in der weißen Version) und das war damals ein Großereignis (Habe sie noch, würde sie gerne verschenken, aber ich muß sie noch aus der Bretagne holen).

      Ein paar eigene editorische Eigenschaften sind schon zu bemerken.
      Z.B. gibt Schuchter vor, D567 zu spielen. Eigentlich aber spielt er eine Rücktransponierung von D568, die die Änderungen behält, die Schubert im Rahmen des Reworking vorgenommen hat - hauptsächlich ein Ausarbeiten der Durchführung der Ecksätze- , ohne das Menuett, das er anderswo verlegt hat (in der LP Aufnahme war das Scherzo D593/2 eingefügt, auf der CD wird es gesondert angeboten).

      D655 und D769A sind nicht drin.
      Von der Reliquie D840 spielt er die vollendeten ersten zwei Sätze und das Menuett, ohne Finale.
      D571 gibt er in einer eigenen Rekonstruktion.

      Dies sind allerdings Einzelheiten. Die Interpretation gefällt mir sehr gut; noch besser jetzt, da ich mehr Vergleichspunkte habe als damals.
      Er streicht systematisch alle Wiederholungen, was für mich z.B. einer sehr schönen Darbietung der Reliquie etwas schadet.

      Für mich war's ein Wiedersehen nach langer Trennung. Ich habe noch nicht alle CDs gehört, deshalb werde ich wohl erst später mehr en détail berichten können.
      Alles, wie immer, IMHO.