Zugang zu und Überblick über Schuberts Sonatenschaffen mittels Gesamtaufnahmen?

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    • Ich höre die Schubert Klaviersonaten sehr gerne, ich glaube auch unter den unvollendeten sind ein paar schöne Stückel. Ich hatte zunächst die Brillianteinspielung mit diversen Interpreten, da sind die unvollendeten dabei, dann Michael Endres, schließlich Damgaard.

      Ich schildere mal meine Eindrücke. Ich fand die Brilliantsachen gar nicht mal schlecht, habe sie gerne gehört und da sind eben auch die Fragmente dabei. Bei Endres dagegen war mein Eindruck gemischt, ich hatte durchaus den Eindruck, daß Endres subtil spielt, aber eben doch nicht wirklich souverän. Also die pure Power dieser Stücke kam beim Endres bei mir nicht rüber. Die Damgaardeinspielung ist ganz anders, da muß ich sagen, war ich beim ersten Hören sehr begeistert. Damgaard spielt die Sachen souverän, mit Power und Schwung, und da war ich wiegesagt am Anfang sehr begeistert, aber dann hat die Begeisterung wieder nachgelassen und das Gefühl: Vielleicht ist das doch nicht der Weisheit letzter Schluß. Aber mal reinhören lohnt sich bestimmt.

      Übrigens: Vielleicht teilt mir mal jemand mit, wie man hier Bilder der CDs von JPC oder Amazon rein kopiert?

      Gruß Malcolm
      Der Hedonismus ist die dümmste aller Weltanschauungen und die klügste aller Maximen.
    • Michael Endres




      Wie fast überall fehlen D567 (erste Fassung von D568), D655 und D769A. Bei Endres fehlen dazu D459, D571/570/604 und D612/613 .

      D566 wird dreisätzig angeboten - ohne das hinzugefügte Rondo D506, D625 viersätzig (mit dem Adagio D505) in der Ergänzung von Badura-Skoda, die Reliquie D840 zweisätzig.

      Schuberts Wiederholungszeichen werden mit der Ausnahme der Wiederholung von Durchführung und Reprise in D664 beachtet.

      Was die Interpretation betrifft, so wechseln sich Begeisterung und Enttäuschung ab. Endres' Einspielungen von D157, D557, D625, D664, D894 und nicht zuletzt D960 gehören zu den überzeugendsten der Diskographie. Texttreue wird mit persönlichem interpretatorischem Ansatz kombiniert, die Tempi sind mit Einsatz von "Sänger-Rubato" fließend aber nicht willkürlich, der Pianist konstruiert die Polyphonie wie ein Dirigent, der epische Duktus ist erkennbar, der unterschiedliche Stimmungen zu einem Ganzen zusammenfügt.

      Anderswo fehlen leider diese Eigenschaften. Drei Mängel schleichen sich immer wieder ein: willkürliche Tempogestaltung, fehlende Klangperspektive (der Diskant dominiert übermäßig und die klangliche Struktur geht verloren), mechanische Wiederholungen (es wird einfach 1:1 wie geklont wiederholt ohne Ansatz von Differenzierung).

      Die fehlende Klangperspektive stört besonders in den Finali von D784, D958 und D959, die beinahe auf ein "Plätschern an der Oberfläche" reduziert sind. Im Eröffnungssatz der Reliquie sollten die Tempowechsel von einer Dramatisierungsabsicht bezeugen; diese wird aber durch den undifferenzierten Klang zunichte gemacht, der vieles wie belanglos erscheinen läßt. Klien hatte eine sehr ähnliche Tempogestaltung, aber seine Darstellung hat eine echte dramatische Größe, die hier nicht fühlbar ist.

      Besonders in den mittleren Sonaten, zwischen D537 und D784, ist die Tendenz zum mechanischen Wiederholen störend. Kempff z.B. brachte diesen Sonaten mehr Gestaltungsvermögen, ganz zu schweigen von Benedetti-Michelangeli in D537, in welcher das Element der Wiederholung zentral ist (Wiederholung der Exposition und von Durchführung+Reprise im ersten Satz, Wiederholung einzelner Elemente im zweiten und dritten, dazu Wiederholungen oder Fast-Wiederholungen von melodisch-rhythmischen Zellen). Endres glättet viel und hier, wie in D566 oder D575, vermißt man einen Sinn für Phrasierung.

      Ab und zu hat man den Eindruck, daß er mit wenig Herz an der Sache war. Sein Spiel wird beiläufig, wie in D568 - dort sogar beinahe schlampig im dritten Satz. In dieser Sonate ist man weit entfernt von der Poesie, die Kempff, Schiff oder Klien jeder auf seine Art entfalten konnten.

      Fazit:
      Hervorragende Darbietungen auf der einen Seite, aber zu wenig für eine wie auch immer preiswert angebotene 6 CD-Box. Alle "Gesamtaufnahmen" haben Schwachpunkte, hier sind sie aber zu viel und zu schwach. Immerhin verbucht man auf der Habenseite zwei unter den größten Sonaten: D894 und D960. Für mich rechtfertigt es allerdings nicht den Kauf der ganzen Box: von diesen Sonaten fehlen die guten Aufnahmen nicht und für die weniger oft aufgenommenen überzeugt Endres zu selten.
      Alles, wie immer, IMHO.
    • Michel Dalberto



      Der französische Pianist Michel Dalberto hat zwischen 1987 und 1995 für DENON eine "Gesamtaufnahme" eingespielt, die 2005 von Brilliant Classics lizenziert (rote Box) und 2010 in die "Piano Library" (weiße Box) übernommen wurde.
      Dalberto, Jahrgang 1955, hat mit Vlado Perlemuter und dem als Kammermusiker besonders geschätzten Jean Hubeau studiert. 1975 gewann er den Salzburger Mozart Wettbewerb und den Clara Haskil Wettbewerb (dessen Juryvorsitzender er 1991 bis 2009 war), 1978 den Leeds Wettbewerb.

      Sein Répertoire ist bewußt eingeschränkt (wenig Chopin und Beethoven, wenige Klavierkonzerte aber viel Kammermusik, Mozart, Schubert, Schumann, Liszt, Debussy).

      In seiner Gesamtaufnahme fehlen D567 und die Fragmente D655 und D769A. Vorhanden sind aber alle wichtigen Klavierstücke (Impromptus, Moments musicaux, Wandererfantasie, ...), viele Klavierminiaturen und Variationen und eine reiche Auswahl an Tänzen. Dem Umfang nach ist sie mit der Schuchter Aufnahme vergleichbar, eine Quasi-Gesamtaufnahme des Klavierwerks.

      Von den unvollendeten Sonaten spielt Dalberto auch die fragmentarischen Sätze, aber davon nur das, was Schubert tatsächlich komponiert hat, in non finito. Bei den rekonstruierten Sonaten spielt er alle Sätze, die man zusammengefügt hat, und das in dem Zustand, in welchem sie zu uns gekommen sind. Von D459 spielt er die fünf Sätze. Er spielt auch alle von Schubert vorgesehenen Wiederholungen. Ausnahmen sind D279, wo er ein paar Takte vor dem Ende des hinzugefügten fragmentarischen Finales aufhört (um auf der Tonika zu bleiben) und D840 (die Reliquie), wo er im fragmentarischen Menuett die letzten nur für die rechte Hand skizzierten Takte wegläßt und im unvollendeten Finale die Exposition nicht wiederholt.

      Dalberto spielt Schubert sozusagen ohne Weichzeichner. In den frühen Sonaten, wo Kempff einen lyrischen Ton anschlägt, läuft er dabei die Gefahr, den Bogen zu überspannen, was er auch ab und zu tut, etwa in D575, wo Kempff so wunderbar "natürlich" klingt und er besonders im Finale eher überzeichnet vorkommt. Unter seinen Händen ist D568 nicht die frühe Sonate, die uns Kempff und Wührer überzeugend vorstellen, sondern tatsächlich eine spätere Bearbeitung, die in die Nähe der letzten Sonaten gebracht wird.
      In den großen Sonaten bringt er eine ungewöhnte Fülle an Nuancen, ohne dabei die Linien zu verwischen. "Wienerische Melodieseligkeit" ist hier kaum anzutreffen, dabei aber, wie zB in D958, Hochdramatik. Sein Anschlag ist sehr schön und den klavieristischen Herausforderungen, etwa im Finale von D958 oder im ersten Satz von D850, ist er durchaus gewachsen (abgesehen von Richter ist er einer der wenigen, die den Kopfsatz von D850 tatsächlich Allegro vivace spielen).

      Es ist ein bewußt subjektives Spiel, das diejenigen sicher verstören wird, die in Schubert nur den Liederfürsten sehen. Dalbertos Schubert ist ein kompromißloser Schubert, der seine Schatten schon weit ins XIXte Jahrhundert hineinwirft. In einem Interview mit Le Monde de la Musique sagt er (April 1996):
      Bruno Walter sagte über Mahlers siebte Symphonie, es sei eine Musik, die vom Anfang zu Ende "Nein", nein zu allem sagt. Ich glaube, daß zwischen diesem entschlossenen Nein und Mozarts Ja Schubert öfter auf der wienerischen statt auf der Salzburger Seite steht. Gewiß gibt es auch sonnige und dionysische Werke, wie die D-Dur Sonate. [...] Schubert und die anderen geben mir Vergnügen. Aber Musik ist nicht da, nur um Vergnügen zu geben. Keiner stellt die Tatsache in Frage, daß ein Buch mehr bietet als das Lesevergnügen. Denn es gibt sinntragende Worte, die zum Nachdenken, zum Verstehen oder vielleicht nur zum Erahnen einladen. Die Musik bietet dies alles an, ohne Worte. [...] Ich bin mit Roland Barthes einverstanden, wenn er sagt: "Die Musik hilft mir, etwas besser unglücklich zu sein". [...] Die Musikwissenschaft hat gewaltige Fortschritte gemacht. Sind aber deswegen alle Interpretationen, die [...] von diesen Erkenntnissen abweichen, hinfällig, was die ästhetische Bedeutung oder die dargebotenen Emotionen angeht? Das Timbre der Instrumente von gestern paßt schlecht zu dem, was ich heute ausdrücken will.
      Dies charakterisiert wohl seine Interpretation. Das lyrische Element ist zwar vorhanden (besonders in den Impromptus), aber es ist nur eine Komponente. Die Kontraste, das verstörende Element, die Gewalt sogar, werden keiner hypothetischen "betörenden Schönheit" geopfert. Die Dynamik wird voll ausgekostet, Temposchwankungen alla Brendel sind kaum zu erwarten. Auf seinem Steinway kann er auch einen richtigen Klangzauber entfalten, wie in der kleinen Mélodie hongroise D817, wo Cymbalum, Triangel und Glocken zu hören sind.

      Dies ist sicher nicht die einzige Weise, Schubert zu interpretieren. Adornos Träne tropft nicht immer von der Wange. Wut und Verzweiflung machen sich in D958 breit, dionysische Energie in D850. Dies ist eine Box, zu der ich öfter und gerne wiederkomme.
      Alles, wie immer, IMHO.


    • Die Box habe ich für 5,72€ (Porto einberechnet) erworben. Es bleibt noch ein guter Deal, denn davon werde ich wohl nur eine CD wiederhören: die mit D784 und D960.
      Es lohnt sich, diese D960 zu kennen.
      Sonst findet man viel lieblos Buchstabiertes, einige Stolperer, kaum nennbares Legato, eine Tempogestaltung, die daran denken läßt: jetzt kenne ich die Straße, ich kann ruhig Gas geben ...bis zur nächsten Kurve.
      Es sind nur die vollendeten Sonaten vorhanden, alle Expositionswiederholungen sind gestrichen und ein paar andere dazu. Das Andante von D575, das sich sonst zwischen 5'30'' und 6'00'' bewegt, wird in 4'16'' absolviert, um ein Beispiel zu nehmen.
      Schubert im Schnelldurchlauf, außer im Kopfsatz von D537, wo man sich nicht wie sonst auf der Überholspur, sondern am Steuer eines LKW befindet.
      Hätte ich Schuberts Klaviersonaten mit dieser Box kennen gelernt, so würde ich Euch heute nicht mit meinen Ausschweifungen langweilen, denn ich hätte schnell zu Schumann, Rachmaninov, Liszt oder einen anderen gewechselt.
      Im Booklet steht, Damgaard hätte bei Kempff studiert. Der Meister hat ihm wohl wenig Schubert vorgespielt, außer vermutlich D960, wo Damgaard einen richtigen Gestaltungswillen zeigt, wo er es vermag, die Zeit im ersten Satz aufzuheben, wo Liebe zum Detail und Sinn fürs ganze kombiniert werden, was für D784 auch zutrifft (bis auf ein fragwürdig beschleunigtes zweites Subjekt im ersten Satz).
      Ich habe mir alle CDs angehört, bis auf diejenige, die D568 und D958 kombiniert, wo ich beide Sonaten abgebrochen habe, weil ich's mir nicht länger antun konnte.
      Man muß nicht alle Schubert Sonaten mögen, man darf sich auch darauf beschränken, die Sonaten aufzunehmen, die man richtig mag. Damgaard hätte es tun sollen.

      Mein Fazit: wenn es wieder im Billigstsektor landen würde, könnte man es sich als Kuriosum und für die eine echt gelungene CD kaufen. Sonst warten viele andere Aufnahmen auf einen Käufer, die es mehr verdient haben.
      Alles, wie immer, IMHO.
    • Die Brilliant-Box

      Als Brilliant für seine Masterworks Serie in 40 CD-Würfeln die Schubert-Box vorbereitete, sammelte es wie üblich vorhandene Interpretationen, deren Lizenz es kaufte, und eigen fürs Label produzierte Neuaufnahmen.


      Die Solo-Klavierwerke in dieser Box gehören zu den Neuaufnahmen.

      Wie üblich bei Brilliant wurde auch diese große Box ausgeschlachtet und dieser Teil wird auch einzeln angeboten:



      Später hat sich Brilliant auch interne Konkurrenz verschaffen und bietet jetzt auch Alternativaufnahmen, etwa Muti für die Symphonien, Eschenbach/Frantz fürs Klavier zu vier Händen und Dalberto fürs Solo-Klavier.

      Zum Inhalt der grünen Box:
      es sind fast alle Sonaten vertreten.
      Fehlen nur D567 und D769A.
      Die anderen Problemkinder werden wie folgt dargeboten:
      D279 mit dem hypothetischen Finale D346
      D459 fünfsätzig
      D566 viersätzig mit dem Rondo D506
      D570/571 in einer Rekonstruktion von Alwin Bär (s. unten)
      D613 beide Sätze von Alwin Bär vervollständigt, ohne das Adagio D612
      D625 erster Satz von Alwin Bär vervollständigt, ohne das Adagio D505
      D655 von Alwin Bär vervollständigt
      D840 (die Reliquie) zweisätzig

      Dazu sind in der Box vorhanden:
      Die Impromptus D899 und D935, die Wandererfantasie und eine Auswahl Deutscher Tänze mit Martijn van den Hoek
      Die Moments musicaux mit Folke Nauta
      Die Klavierstücke D946 mit Pieter van Winkel
      Die Mélodie hongroise D817, zwei Scherzi D593 mit Alwin Bär
      Die Fantasie in e-moll D2E (ehemals D993), das Allegretto D915 und das Scherzo D593,1 mit Tamara Rumiantsev
      Das Allegro in a-moll D947 Lebensstürme mit Klára Würtz/Pieter van Winkel

      Interpreten der Sonaten sind:

      Alwin Bär: D570/571, D613, D625
      David Kuyken: D784, D894
      Frank van de Laar: D557, D566, D840, D850, D959
      Folke Nauta: D958
      Bart van Oort: D459, D845 (Hammerflügel)
      Tamara Rumiantsev: D157, D279, D568
      Klára Würtz: D537, D575, D664, D960

      Alle Aufnahmen wurden 2000 realisiert.

      Zu den Interpreten:

      Alwin Bär ist wohl der bekannteste unter den vertretenen Pianisten. Sein Spiel ist gefühlvoll und expressiv. Allerdings sind seine Vervollständigungen etwas problematisch.
      D571 ist sowieso ein Rätsel. Das unvollendete Allegro moderato D571 trägt die Überschrift "Sonate". Dazu hat man das Allegro und Scherzo D570 und das Klavierstück D604 hinzugefügt. Alwin Bär nimmt D604 nicht in seine Rekonstruktion (ist vertretbar), spielt aber D571 als Finale, obwohl es die Gesamtüberschrift trägt. Das Allegro D570, das er als Eröffnungssatz wählt, hat aber Finale-Charakter (auch in seiner Interpretation). Nun, im Manuskript von D570 ist Allegro vor Scherzo. Badura-Skoda sagt, Schubert hätte das Heft irrtümlicherweise mit der Rückseite begonnen, was ihm (B-S) auch vorgekommen sein soll. Wie dem auch sei, die Reihenfolge Allegro moderato D571, Scherzo D570, Allegro D570 ist schlüssiger und Alwin Bär schafft es nicht, vom Gegenteil zu überzeugen, auch wenn er dafür D571 nicht besonders moderato spielt.

      D655 wird als finished by Alwin Bär angegeben. Eigentlich besteht das Fragment aus einer Exposition und ein paar Übergangstakte. Massimiliano Damerini spielt es come scritto: Exposition + Übergangstakte + Wiederholung der Exposition. Tirimo, Weichert und Wallisch spielen es ohne die Wiederholung, je nachdem mit oder ohne die Übergangstakte. Alwin Bär spielt Exposition + Übergangstakte + variierte Exposition ( ein paar Modulationen und ein Schlußakkord).

      Für D625 gibt es Einspielungen mit dem unvollendeten ersten Satz in non finito (Richter ist der prominenteste Vertreter dieser Lösung) .Die diskrete Vervollständigung von Erwin Ratz in der Erstausgabe (Kempff spielt sie) ist wenig auffällig, zu wenig für Leute wie Badura-Skoda und Tirimo, die stärker eingegriffen haben. Tirimo ist ausschweifend, Badura-Skoda klingt nicht sehr authentisch (und er streicht einige authentischen Schubert-Takte). Bär ist gehaltvoller als Ratz und in meinen Ohren überzeugender als Badura-Skoda und Tirimo.


      Tamara Rumiantsev spielt den trockensten, gefühllosesten Schubert, den ich je gehört habe. Sogar das "Abschiedsallegretto" D915 wirkt ziemlich regungslos. Für diejenigen, die glauben, Schubert hätte nichts als repetitive Akkordfolgen komponiert. Nicht die beste Advokatin für die ersten Sonaten (in D157 haben Radu Lupu und auch Arcadi Volodos andere Welten entdeckt, in D279 ist sie eher muskelkräftig), auch nicht für die etwas rätselhafte D568, die in anderen Händen eine besondere Anziehungskraft entfalten kann, hier aber nicht.

      Bart van den Oort ist ziemlich wenig profiliert. Man mag über Andreas Staier oder Paul Badura-Skoda seine Meinung haben, in der Gestaltung und im Verhältnis zum historischen Instrument sind sie für mich viel aufschlußreicher.

      David Kuyken (Kuijken?) ist eine schöne Entdeckung in beiden ihm anvertrauten Sonaten.

      Frank de Laar hatte mir in D850 einen ziemlich guten Eindruck hinterlassen (s. Spezialthread).

      Folke Nautas Interpretation von D958 ist ziemlich neutral, was in sich nicht schlecht ist, die Moments musicaux sind aber eher belanglos.

      Klára Würtz hinterläßt keinen besonderen Eindruck.

      Unter dem Strich, was kann man sagen?

      Was fehlt dieser Box ist die Konzeption: Eine Gesamteinspielung wird angeboten, es gibt aber keine klare Linie, was den Umgang mit den fragmentarischen Werke betrifft.
      Es fehlt hier, was die Besonderheit einer Gesamtaufnahme ausmacht: die Sicht eines Interpreten auf ein Ensemble. Es könnte dadurch kompensiert werden, daß man eben die Vielfalt der möglichen Interpretationen in den Vordergrund stellt. Dafür ist aber das Niveau der Interpretation zu uneinheitlich und erreicht selten, wenn überhaupt, die höchsten Stufen.
      Die eine Hammerflügel-CD ist nicht gelungen genug, um sich als Besonderheit zu rechtfertigen.

      Die Auswahl der Klavierminiaturen ist auch etwas rätselhaft: Das Scherzo D593,1 ist zweimal vorhanden. Warum ist die Fantasie D2E da und nicht etwa das Menuett D600, der Marsch D606 oder die Hüttenbrenner-Variationen? Dafür hätte man auf die Lebensstürme verzichten können, die man im Kontext anderer vierhändiger Klavierwerke in vielen hochkarätigen Aufnahmen finden kann.

      Für noch weniger Geld bekommt man die Tirimo-Einspielung:


      Dort sind alle von Schubert unternommenen Sonaten versammelt. Die editorische Linie ist klar: Tirimo ist der Herausgeber der Wiener Urtext Ausgabe, die auf sehr positiven Anklang gestoßen ist. Die unvollendeten Werke spielt er alle in seinen eigenen Vervollständigungen. Man wird ihn wohl nicht zu den Geschichte machenden Schubert-Interpreten zählen, aber er ist durchweg über Brilliant-Niveau.

      Die Dalberto-Box hat nur eine Sonate weniger als diese (das Fragment D655), bietet aber mehr andere Klavierwerke und ist interpretatorisch weit überlegen. Was den Umgang mit den Fragmenten betrifft, ist die Linie eine andere als Tirimos (non finito hier), aber sie wird genauso konsequent verfolgt.

      Bleibt die Zwischenlösung: sich den Interpreten seiner Wahl aussuchen und als Komplement die 3 Wallisch-CD für die Problemkinder.
      Alles, wie immer, IMHO.
    • Ich bin nicht wenig erstauint, dass hier noch nicht von einer der grossartigsten (Fast) Gesamteinspielungen die Rede war, nämlich der von Alain Planés.

      [IMG:http://ecx.images-amazon.com/images/I/51Cyw6KP8RL._AA160_.jpg]

      Sie enthält alle vollendeten Sonaten, und die beiden Sätze aus D840. Zusätzlich sind noch die Impromptus D890 und D935 sowie die 3 Klavierstücke D946 enthalten. Ausserdem die Wanderer Fantasie und die Moments musicaux D780.
      Sein Spiel ist einerseits gelöst und natürlich, und andererseits kraftvoll und zupackend, da wo es nötig ist Um nur ein Beispiel zu nennen: Der letzte Satz in der späten Sonate c-Moll D858 ist für mich eine Art Totentanz, ähnlich dem Finale aus dem Streichquartett d-Moll D810. Planés trifft für mich genau das richtige Tempo, und im Mittelteil dieses Rondos, wo unvermittelt in H-Dur gewechselt wird, schattiert er den Klang wunderbar.
      Für mich ist das die ideale Einspielung von Schuberts Klaviermusik, weil sie die sehr unterschiedlichen Facetten von Schuberts Charakter exemplarisch zur Geltung bringt.

      Eusebius
      "Sie haben mich gerade beleidigt. Nehmen Sie das eventuell zurück?" "Nein" "Na gut, dann ist der Fall für mich erledigt" (Groucho Marx)
    • Florian Voß schrieb:

      Fast in Vergessenheit geraten ist die GA von Gilbert Schuchter aus den 70ern (oder frühen 80ern?). Lyrisch, tiefgründig und in großem Ton! Dazu in einer wirklich hervorragenden Aufnahmequalität (zumindest auf Vinyl, über die CD-Überspielungen kann ich nichts sagen). Schuchter spielt hier einen sehr wohlklingenden Bösendorfer. Ich halte die Einspielung für einen Geniestreich! Schuchter ist, seit ich diese Box Mitte der 90er entdeckt habe - mein Lieblings-Schubert-Interpret.



      Und es sind wirklich alle Sonaten und Sonatenfragmente enthalten. Zudem noch alle anderen Stücke. Also eine wirkliche GA auf 15 LPs beziehungsweise 12 CDs. Die LP-Box bekommt man ab und an (eher selten) recht günstig bei Ebay. Die CD-Box ist leider teuer, ist sie schon seit Jahren, habe sie noch nie irgendwo günstig gesehen. Aber es lohnt wirklich!
      Das kann ich durchweg unterschreiben! Schuchter hat mir mit Zechlin den Zugang zu Schuberts Sonaten geebnet! Jetzt suche ich Alternativen ...

    • Weil es vorhin gerade im Radio kam... ein CD-Tipp

      Finde den Thread über die Schubert Fantasie D 940 nicht mehr, hätte gedacht, über die Fantasie gab es schon mehrere Posts, doch - wo?
      Oder bringe ich da etwas durcheinander?
      Egal, jetzt halt hier in diesem Thread, auch wenn es sich nicht um eine Gesamtaufnahme handelt:

      Hier ein Hinweis auf eine neue CD, in der die Klaviersonate G-Dur "Fantasia" D 894, dazu die vierhändige Fantasie D 940 enthalten ist, und noch D 817 und D 947

      David Fray und Jacques Rouvier: Schubert Fantaisie
      Hier der CD-Tipp zum Nachlesen und -hören:
      "http://www.br.de/radio/br-klassik/sendungen/piazza/cd-tipp-fray-schubert-100.html"

      Auf der jpc-Website noch weitere Infos und ein Hörschnipsel-Video:



      (Kann es sein, dass der Wuschelkopp irgendwie beethovig aussieht?
      Nun, Musik trotzdem Schubert)


      :wink:

      amamusica :pfeif:
      Ein Blümchen an einem wilden Wegrain, die Schale einer kleinen Muschel am Strand, die Feder eines Vogels -
      all das verkündet dir, daß der Schöpfer ein Künstler ist. (Tertullian)

      ...und immer wieder schaffen es die Menschen auch, Künstler zu sein.
      Nicht zuletzt mit so mancher Musik. Die muß gar nicht immer "große Kunst" sein, um das Herz zu berühren...



    • Hans Petermandl

      Hallo

      kennt jedem die Sonaten-Aufnahme von Hans Petermandl, die in den 70er(?) Jahren auf LP bei Supraphon erschienen ist?
      Ich kenne Pertermandl von seinen CDs mit Klaviermusik von Hindemith, wo mir besonders die CD mi den drei Klaviersonaten außerordentlich gut gefällt- auch im Vergleich zu anderen Aufnahmen (z.B. Gould).
      Die Schubert-Sonaten scheinen meines Wissens nie auf CD erschienen sein.

      Gruß petit_concours

      PS: Ich besitze CD-Boxen zu den Klaviersonaten mit Dalberto, Brendel, Klien, Vermeulen, Lupu, u.a. und viele einzelene CDs...
      W o h n z i m m e r w e t t b e w e r b:
      Petit concours à la maison... (S. Richter, 1976)
    • Lieber Philbert,

      Vielen Dank für Deinen Hinweis. Ich habe Deine Anmerkungen zu Schubert-Aufnahmen schon oft mit viel Interesse gelesen.
      Die LP-Box mit Petermandl fiel mir kürzlich (als Erbstück) in die Hände und ich mochte Sie nicht einfach so weglegen (obwohl ich keinen Schallplattenspieler besitze....)

      Gruß pt_concours
      W o h n z i m m e r w e t t b e w e r b:
      Petit concours à la maison... (S. Richter, 1976)
    • Eine interessante Box mit Schuberts Klaviermusik ist vor kurzem in Frankreich erschienen:

      (bei den französischen Amazonen für etwas über 20€ zu beziehen).
      Enthalten sind
      die Sonaten
      D157, D279, D557, D568, D575 mit Friedrich Wührer (eine exzellente Wahl, Wührer ist für die frühen Schubert-Sonaten die Alternative zu Kempff mit vielleicht noch etwas mehr Differenzierung - Ende 50er)
      D537 mit Andreas Haefliger (2003)
      D566, D625, D958, D960 mit Sviatoslav Richter (für D566 der Moskauer Mitschnitt von 1978, als Richter diese Sonate in der viersätzigen Fassung spielte, für D958 und D960 die Studio-Einspielung von 1972 und als Bonus das Finale von D958 in der Budapester live-Version von 1958)
      D664, D894 mit Paul Badura-Skoda (Aufnahmen aus den früher 70er Jahren auf Klavier)
      D784 mit Emil Gilels (live in Moskau 1963) und Lili Kraus (1937)
      D840 mit Rudolf Serkin (Studio 1955)
      D845 mit Wilhelm Kempff (Mono-Einspielung aus 1953 atemberaubend schön)
      D850 mit Emil Gilels (Studio 1960)
      D958 mit Eduard Erdmann (1954)
      D959 mit Rudolf Serkin (1966) und Artur Schnabel (1937)
      D960 mit Artur Schnabel (1937)

      Wie man sieht, sind fast alle Sonaten da. Es fehlen D459, D567, D571, D613, D655, D769A. D655 und D769A sind kleine Fragmente, D613 besteht aus zwei unvollendeten Sätzen, D567 ist die erste Fassung von D568.
      Unter D459 wurden die Fünf Klavierstücke zusammengefaßt, die der Verleger Klemm 1843 herausgegeben hat. Eine Analyse der Quellen hat festgestellt, daß die ersten zwei Stücke eine unvollendete Sonate bilden. Die letzten 3 sind jetzt als D459A im Deutsch-Verzeichnis bezeichnet und werden hier von Friedrich Wührer gespielt (eigentlich hätte man die D459A, D459B und D459C benennen sollen, denn mit großer Wahrscheinlichkeit wurden sie nicht als eine Einheit komponiert).
      D784, D958, D959 und D960 sind je in zwei Interpretationen vorhanden.

      Dazu sind in der Box
      Die Impromptus D899, D935 und die Wandererfantasie mit Edwin Fischer (1958, 1958, 1934)
      Die Impromptus D899 mit Clifford Curzon (1941)
      Die Klavierstücke D946 mit Claudio Arrau (1956)
      Die Moments Musicaux D760 mit Rudolf Serkin (1952) und Artur Schnabel (1937) - Nr 3 und 4 mit Wilhelm Kempff (1937)
      Der Marsch in E-Dur D606, die Scherzi D593, die Diabelli-Variation D721, das Allegretto D915 und die Valses Nobles D969 mit Paul Badura-Skoda (1956)
      unterschiedliche Tanz-Suiten mit Leon Fleisher, Alfred Cortot, Marcelle Meyer, Lili Kraus, William Kapell
      und die acht Impromptus D899 und D935 in einer Zusammensätzung von 8 Interpretationen (eine pro Stück) in dieser Reihenfolge:

      D899 1 mit Rudolf Firkusny (1948), 2 mit Lili Kraus (1948), 3 mit Wilhelm Kempff (1962 live in Schwetzingen), 4 mit Vladimir Sofronitzky (1960)
      D935 1 mit Annie Fischer (1968), 2 mit William Kapell (1953), 3 mit Artur Schnabel (1950), 4 mit Rudolf Serkin (1958)

      dazu noch 6 Lieder mit Elisabeth Schwarzkopf und Edwin Fischer.

      Die Aufmachung ist minimal: die CD sind in üblichen Fenster-Umschlägen, das 31seitige Booklet enthält eine Track-Liste (ohne Timing) und eine Beschreibung der Aufnahmen auf französisch. Erklärt wird, warum die jeweilige Aufnahme übernommen wurde. Zur Auswahl haben Redakteure der Zeitschrift Diapason (dem französischen Pendant zu Fono Forum) und die Pianisten Paul Badura-Skoda, Alfred Brendel, Leif-Ove Andsnes, Michel Dalberto, Julien Libeer und Adam Laloum beigetragen.

      Die Namen sprechen für sich. Einige unvermutete Kleinode sind dabei (die Deutschen Tänze D790 mit Cortot z.B., der sie in die Perspektive als Vorgänger von Schumanns Tanzzyklen rückt), einiges ist zum ersten Mal auf CD vorhanden, viele Remasterings wurden extra für diese Ausgabe sorgfältig realisiert.

      Für wenig Geld eine sehr gute Zusammenstellung und für denjenigen, den historischer Klang nicht stört, ein guter Einstieg in Schuberts Klavierwerk. Für den Sammler sind auch ein paar Entdeckungen dabei.
      Alles, wie immer, IMHO.
    • Vielen Dank für die Übersicht zu der Diapason-Box! Ich habe mir die anhand des momentanten Angebots zugelegt und es nicht bereut. Zwar hatte ich schon einige der bekanntesten Einspielungen (Richter, Schnabel), aber einige der frühen, fragmentarischen Stücke und auch der Ländler/Walzerreihen noch gar nicht. Mir scheint es eine wirklich gute Mischung aus "Klassikern" und schwer zugänglichen Aufnahmen (vielleicht in Bezug auf die Zusammenstellung die überzeugendste aller Diapason-Boxen). Klangqualität der eher historischen Aufnahmen und auch insgesamt scheint mir ebenfalls gut zu sein (ich bin noch nicht ganz durch).
      Gilels hat anscheinend von den Sonaten überhaupt nur D 784 und 850 (ein-)gespielt? Schade, eine oder alle der drei späten Sonaten (oder auch D 845 oder 894) wäre sicher auch beeindruckend mit diesem Pianisten.
      ...a man who refuses to have his own philosophy will not even have the advantages of a brute beast, and be left to his own instincts. He will only have the used-up scraps of somebody else’s philosophy; which the beasts do not have to inherit; hence their happiness. Men have always one of two things: either a complete and conscious philosophy or the unconscious acceptance of the broken bits of some incomplete and shattered and often discredited philosophy. (G. K. Chesterton)
    • bekanntlich sind Schuberts Klaviersonaten in größerem Umfang erst im 20. Jh. öffentlich gespielt worden. Aber natürlich hat es auch schon früher eine Rezeption gegeben. Ein m.E. schönes Dokument einer solchen Rezeption findet sich in einem Brief an Nietzsche von 1875, der Briefverf. ist wahrscheinlich der Musikschriftsteller und Pianist Carl Fuchs (läßt sich auf google books nicht genau feststellen).

      Von Schubert kann man nur leider das Allerwenigste öffentlich spielen, so lange Einem noch nicht Alles geglaubt wird, die Sonaten sind alle zu lang, bis auf die kleine in A-dur, alle halbstündig. Aber was sind das für Sätze, der erste in A-moll

      [Notenbeispiel DV 845, 1. Satz, T. 1/2]

      das Adagio [!] der B-dur über das Thema im Munde des Todes "bin Freund, und komme nicht, zu strafen"! Nach dem Schlusse jenes A-moll-Satzes, in rasendem Ingrimm:

      [Notenbeispiel DV 845, 1. Satz, letzte 9 Takte, Oberstimme]
      Linke Hand unisono, in Oktaven gleichfalls

      ist es mir begegnet, daß ich wie außer mir vom Clavier aufgesprungen bin und aus der Gesellschaft am liebsten sofort weggelaufen wäre. Die Oktaven müssen natürlich klingen wie von Eisen und wie ein Ton, legatissimo col Pedale, als hörte man einen röchelnden oder knirschenden Laut, wie wenn ein Löwe im Käfig wüthend den Athem einzieht und im engen Raum im Kreise geht, mit dem Schweif die Flanken schlagend und glühenden Auges.
      Brief an Nietzsche Januar 1875, Nietzsche, Briefwechsel, Kritische Gesamtausgabe II 6/1, S. 8

      einen Zusammenhang zwischen dem Andante von D 960 und "Der Tod und das Mädchen" festzustellen erfordert schon einiges, finde ich.
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      Es wäre lächerlich anzunehmen, daß das, was alle, die die Sache kennen, daran sehen, von dem Künstler allein nicht gesehen worden wäre.
      (J. Chr. Lobe, Fliegende Blätter für Musik, 1855, Bd. 1, S. 24).


      Wenn du größer wirst, verkehre mehr mit Partituren als mit Virtuosen.
      (Schumann, Musikalische Haus- und Lebensregeln).
    • Philbert schrieb:

      Die erste zyklische Aufführung der Sonaten Schuberts (der 11 vollendeten + Reliquie ) fand 1868 in London durch Sir Charles Hallé statt.
      interessant zu wissen, hätte ich nicht unbedingt vermutet.
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      Es wäre lächerlich anzunehmen, daß das, was alle, die die Sache kennen, daran sehen, von dem Künstler allein nicht gesehen worden wäre.
      (J. Chr. Lobe, Fliegende Blätter für Musik, 1855, Bd. 1, S. 24).


      Wenn du größer wirst, verkehre mehr mit Partituren als mit Virtuosen.
      (Schumann, Musikalische Haus- und Lebensregeln).